Hinweise zu Geschenkideen im Fundbüro

 

Mehr zu diesem Thema finden Sie im kostenlosen Ratgeber Geschenke unter http://www.geschenkenetz.com

  und  http://www.geschenkenetz.com/files/ebooks/geschenkideen.pdf

 

Geschenke sind wieder in Mode, dazu einige Gedanken:

 Während es jahrelang in vielen Familien hieß, wir schenken uns dieses Jahr nichts, ist der liebevolle Austausch von zumindest kleinen Geschenken wieder im Aufwind. Wer zu einer Einladung oder als Entschuldigung eine kleine Gabe überreicht, macht sich beliebt und hinterlässt einen guten Eindruck. Doch es geht nicht um den Wert des Geschenks, sondern viel mehr darum, sich über den Beschenkten Gedanken zu machen.

 

Das passende Geschenk für jeden Anlass

 

Ein Geschenk sollte zu dem Beschenkten passen. Nur so zeigt man, dass man sich Gedanken gemacht hat. Damit bekommt das Geschenk im Grunde überhaupt erst seinen Wert und nicht durch den Preis, den es gekostet hat. Für eine Versöhnung unter Liebenden muss natürlich die Gabe eine gänzlich andere sein als für eine unerwartete Einladung beim Vorgesetzten. Beide Anlässe sind gleichermaßen schwierig für den Schenkenden. Zahlreiche Portale und Foren haben sich inzwischen im Internet mit dieser Frage beschäftigt und versuchen mit ausgefallenen Ideen die Freude am Schenken auf beiden Seiten zu erhalten.

 

Witzige Geschenke mit Bedacht auswählen

 

Geschenkideen, die gleichzeitig die gesamte Gästeschar belustigen, sind häufig eine Gratwanderung. Man muss hier abwägen, ob der Anlass und der Beschenkte dieses lustige Geschenk wirklich zulassen. Beim Chef ist es grundsätzlich recht gefährlich ein Spaßgeschenk zu überreichen. Während man bei der Geschenkauswahl für einen jungen Kollegen zum Beispiel ruhig etwas Mutiger sein darf. So benötigt man für witzige Geschenkideen etwas Fingerspitzengefühl und muss immer gut überlegen, wie man selbst es finden würde, beispielsweise das eigene Gesicht auf einer Rolle Toilettenpapier gedruckt als Geschenk zu bekommen.

 

Fundbüro - spiegelonline

Veröffentlichte Fragestellungen, Beiträge und Bilder

1. Wohnen im Osten und Westen wer möchte Erfahrungen erzählen?

2. Gleichberechtigung in der DDR

3. Wie war das damals? Erzählen sie von ihren Schulerlebnissen

4. Bilder aus verschwundene Berufe

Zu 1.

 

Fragestellung:

Nach meinem Weltbild als heute 80-Jähriger gehören Ehe, Familie und Wohnung zusammen. Meine Frau und ich feierten 2002 Goldene Hochzeit. Rückblickend stellen wir fest, dass unter anderem der Garant für unseren dauerhaften Ehestand unser Glück bei der Wohnungssuche war. Viele andere junge Ehen seien in der DDR allerdings gescheitert, weil wegen der großen Wohnungsnot häufig zu lange auf die "eigenen vier Wände" gewartet werden musste.

Heute interssiere ich mich für Geschichten über die Wohnungssuche und suche nach Erlebnissen und Erfahrungen, wie sich nach dem Krieg die Wohnverhältnisse und Wohnungseinrichtungen in Ost- und West-Deutschland gestalteten und entwickelten.

Wer kann zu diesem Thema eine Geschichte erzählen und/oder passende Bilder beisteuern?

Mein erster Beitrag:
Ich studierte ab 1950 in Leipzig und zu dieser Zeit waren wir Studenten gezwungen, uns eine Bleibe in Untermiete zu suchen. So günstige Internatsunterkünfte, wie sie unsere Kinder während ihres Studiums in der DDR in den siebziger Jahren in Anspruch nehmen konnten, gab es damals noch nicht.
Gemeinsam mit einem Kommilitonen fand und bewohnte ich in einer Vierzimmerwohnung einen größeren und einen kleineren Raum. Als ich 1952 heiratete, hatten wir das Glück - eine damalige Ausnahme - schon im ersten Ehejahr ein eigenes einfaches Domizil zu bekommen.
Der Studienkollege suchte sich eine neue Unterkunft und meine nach Leipzig übergesiedelte Frau konnte bei mir einziehen. Sie war nach dem Abitur Junglehrerin geworden und hatte ihre Versetzung von einer Schule in Thüringen nach Leipzig erreicht. Voraussetzung hierfür war jedoch ein Wohnungsnachweis, den ich damit erfreulicher Weise bieten konnte.
Mit dem Hauptmieter benutzten wir gemeinsam eine Küche. Die Toilette, mit Wasserspülung, befand sich auf halber Treppe. In der gemeinsam genutzten Küche gab es fließendes kaltes Wasser. Auf einem kleinen Gaskocher und einem Kohleherd konnten wir kochen. Die Zimmer waren mit sogenannten Berliner Kachelöfen ausgestattet, die mit Briketts geheizt wurden. Das Ganze kostete monatlich nur 25 Mark Miete.
Wir waren recht zufrieden, wenn auch die gesamten Bedingungen dann mit einem Kleinkind beschwerlich waren. Wir hatten nur sehr wenig eigenes Mobiliar, weil wir noch teilweise Einrichtungsgegenstände des Hauptmieters in den Zimmern belassen mussten. Unsere erste eigene, jedoch auch sehr bescheidene Dreizimmerwohnung in Leipzig erhielten wir dann 1956.
 

2. Beitrag am 6. Juni 2011, 21:06

1960 wurde ich beruflich nach Erfurt versetzt. Wir hatten vier Kinder, galten deshalb als kinderreich, außerdem zählte mein Beruf zur Intelligenz. Das waren die Voraussetzungen für unser Glück, wir erhielten eine 5 - Zimmerwohnung mit großem Bad, geräumiger Küche, zwei Kellerräumen, Dachbodennutzung und Garten (ca. 150 qm) am Haus in bester Wohnlage. Sie kostete monatlich nur 120 Mark Miete und war 32 Jahre lang ohne Mieterhöhung unser Heim. In dem 3 – Familienhaus war von 1945 bis 1957 die russische Kommandantur von Erfurt untergebracht gewesen. Am 8.Dezember 1960 zogen wir um. Noch bei Tageslicht installierten wir die Lampen und dann der Schreck: Nirgends brannte Licht! Der angerufene Elektriker lachte nur und meinte: Er komme vielleicht in 2 bis 3 Tagen vorbei, er kenne aber das Haus; deshalb Garantie für die Reparatur: Fehlanzeige. Die Besatzer hatten die gesamte Elektroinstallation durcheinander gebracht. Notgedrungen wagte ich mich selbst an die Instandsetzung. Alle Leitungen waren unter Putz verlegt, deshalb mussten die Verteilerdosen geöffnet werden. Traurig blickten wir auf die frisch tapezierten Wände, die nun reichlich Schadstellen bekamen. Nach einigen Stunden harter Arbeit bei Kerzenlicht brannte dann zumindest in jedem Raum elektrisches Licht und auch die Steckdosen funktionierten. Der Elektriker kam nicht, ich musste mir deshalb in den folgenden Tagen und Jahren selbst helfen. Erst Mitte der achtziger Jahre, nach 25 Jahren, sollte dann mit Zustimmung der KWV die gesamte Elektroanlage erneuert werden. In der DDR waren die Handwerker mächtig, nur sie bestimmten den Zeitplan; und so begannen diese Installationsarbeiten vier Wochen vor Weihnachten. Der Elektromeister zeichnete zunächst nur die Stellen an, wo die Rinnen für das Verlegen der Leitungen gestemmt werden mussten. Er versprach dann wieder zu kommen, wenn wir damit fertig wären. Eifrig stemmten wir tagelang in allen Zimmern an Decken und Wände, immer in dichte Staubwolke gehüllt. Die Wanddurchbrüche bewältigten wir mit einer sehr guten „Black und Decker Bohrmaschine“, die hatten wir in den 70iger Jahren durch einen Tauschhandel ergattert. Eine Cousine aus Hamburg brachte sie uns während eines Besuches mit. Wir bezahlten mit Kristallgläsern und verbuchten damit einen passablen Umtauschsatz. Acht Tage vor Weihnachten war der Elektriker fertig, aber wir mussten nun in Eigenleistung noch verputzen und tapezieren. Am Heiligabend war dann alles fertig und Freude unterm Tannenbaum. Wenn ich den Maurermeister, der uns damals in Nachbarschaftshilfe unterstützte, ab und zu treffe, erwähnt er jedes Mal unseren Mut, dass wir so kurz vor Weihnachten eine solch umfangreiche Reparatur in der Wohnung bewältigten.

Wohnhaus Erfurt – 1945-1957 sowjetische Kommandantur

 

In diesem Haus in Erfurt residierte von 1945 bis 1957 die sowjetische Kommandantur. Nach Räumung und notdürftiger Renovierung wurde es für den Bezug von deutschen Bürgern freigegeben. 1960 zogen wir dort in die erste Etage ein. Wir bekamen eine geräumige Wohnung in bester Wohnlage; mussten allerdings beim Einzug feststellen, dass die Besatzer viele Veränderungen, besonders an der Elektroanlage, vorgenommen hatten. Bei unserem Einzug mussten wir deshalb in Eigeninitiative erst für funktionierende Elektrik sorgen – Handwerker kamen nicht und erst nach 25 Jahren erfolgte die komplette notwendige Instandsetzung. 1992 als unsere Kinder erwachsen und ausgezogen waren zogen auch wir in eine kleinere Wohnung um.

 

3. Beitrag 28.06.11

Ab 1945 kamen Umsiedler, wie sie in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) und in der DDR genannt wurden, auch zu uns nach Thüringen. In Mitteldeutschland gab es damals in den Dörfern und Kleinstädten noch keine ausgesprochene Wohnungsnot, wenige Wohngebäude waren durch Bomben zerstört worden. Auch schon in den letzten Kriegsjahren hatten in meinem Heimatort Frauen und Kinder aus Großstädten, besonders aus dem Rheinland, Zuflucht gefunden. Diese Menschen wurden in den Familien ohne besondere Probleme aufgenommen, man wusste, sie kehren nach Kriegsende wieder in ihre Heimat zurück; anders die in den letzten Kriegsmonaten und nach Kriegsende mit wenig Hab und Gut ankommenden Umsiedler. Für sie musste nun eine neue Heimat und Wohnraum geschaffen werden. Diese leidgeprüften Menschen wurden in die einzelnen Häuser, in denen amtlicherseits eine „Wohnungsunterbelegung“ festgestellt worden war, aufgeteilt. Bei dieser Wohnungseinweisung empfand ich, dass die Menschen wie eine Sache behandelt wurden. Ich spürte schon als 15jähriger, dass wir gar nicht dankbar genug dafür sein konnten, nicht aus unserer Heimat vertrieben worden zu sein. Von meinen christlich eingestellten und handelten Großeltern wurde deshalb in unserem kleinem Bauernhof ein größeres Zimmer für den Einzug einer 40jährigen Mutter mit ihrer 14 Jahre alten Tochter wohnlich eingerichtet. Sie waren Anfang 1945 vor der anrückenden Sowjetarmee aus Schlesien geflüchtet. Außerdem übergaben wir ihnen die wichtigsten und notwendigsten Haushalts- und Gebrauchsgegenstände. Im Übrigen hatten sie bei uns Familienanschluss und waren auch an unseren Vorteilen als Selbstversorger von Lebensmitteln aus eigener landwirtschaftlichen Produktion, beteiligt. Mutter und Tochter brachten aber Verständnis auf, dass Ende 1946 die aus dem Sudetenland ausgewiesene Schwester meiner Mutter mit ihrem Mann in unserem kleinen Bauernhaus Aufnahme fanden, sie zogen dann in eine andere zugewiesene kleine eigene Wohnung um. Völlig anderes Verhalten erlebte ich von einem Bauern in unserer Kleinstadt, der allein mit seiner Frau ein Wohnhaus mit mindestens 5 Zimmern bewohnte und sich vehement weigerte, Umsiedler aufzunehmen. Er gab vor, im Haus würden keine Möglichkeiten bestehen, den Fremden eine von seinem Wohnbereich abgetrennte Wohnung einzurichten. Unvergessen blieb mir dabei eine Szene, bei der wir, einige Jugendliche des Ortes, vielleicht auch aus Sensationslust, Zaungäste waren. Vor der Toreinfahrt standen 2 Polizisten mit einer Frau und 3 Kindern, ungefähr im Alter von 4 – 10 Jahren, die vom Hofbesitzer nicht hereingelassen wurden. Die Schimpftiraden des Bauern kann ich nicht mehr wörtlich wiedergeben, ich weiß nur, dass Sätze fielen wie: Gesindel, dass selbst am Unglück Schuld sei, wenn sie nach dem Osten gegangen seien. Um hineinzukommen hätten die Polisten das Tor aufbrechen müssen, aber sie zogen ab und diese Unglücklichen mussten zunächst weitere Tage in der im Ort eingerichteten Massenunterkunft ausharren. Mit weiterer Polizeigewalt gelang es dann schließlich doch, diese Mutter mit ihren Kindern in 2 kleinen Zimmern dieses Bauernhauses unterzubringen. Ich hörte, die bescheidene Frau erreichte nach einigen Wochen ein erträgliches Miteinander in diesem unwirtlichen Haus. Die in jener Zeit beginnende große Wohnungsnot bestand bis zum Ende der DDR. In den Beschlüssen der SED war prognostiziert worden, dass bis Mitte der neunziger Jahre das Wohnungsproblem in der DDR gelöst sei. Nun sagen wir manchmal ironisch: „Der Arbeiter und Bauernstaat schaffte es nicht, die Wohnungsmisere zu beseitigen, aber der sogenannte Klassenfeind hat geholfen, diese Aufgabe termingerecht zu realisieren.“

4. Beitrag

Wohnen in Altbauten in der DDR

Wir DDR Bürger sagten immer: Eine Zuweisung für eine Neubauwohnung zu erhalten ist wie ein Haupttreffer im Lotto. Wir spielen seit 60 Jahren auf einem Spielschein 2 Einsätze mit den gleichen Zahlen und hatten bisher lediglich einige wenige Treffer in den niedrigsten Gewinnklassen. Wir waren vielleicht deshalb auch glücklos beim Erhalt einer Neubauwohnung, aber als Familie mit 4 Kindern erhielten wir eine Altbauwohnung. Wie viele andere versuchten auch wir, Wohnumfeld, Gebäude und Wohnräume in Ordnung zu halten. Doch der Umgang mit Altbausubstanz und das Wohnen insgesamt hatten in der DDR viele Tücken, die ich verknüpft mit unseren Erlebnissen beschreiben will. Es ist heute schier unvorstellbar welche Vorteile uns durch einen damals allgemein üblichen Mietvertrag eingeräumt wurden. Wir hatten 125 qm Wohnfläche, viel Nebengelass, massive Garage und Garten am Haus wofür wir monatlich 143.- Mark Miete bezahlten. Für Wassergeld, alle Renovierungs- und Malerarbeiten, Reparaturen auch an Warmwasserboilern, Gasherd, Kohleöfen usw. kam der Vermieter auf. Diese Bestimmungen wurden sehr großzügig ausgelegt. Wir konnten die Arbeiten z.B. auch in Eigenleistung durchführen, wofür 5.- M pro Stunde und das Material bezahlt wurden. Die gesamten unverkennbaren Vorteile für den Mieter brachten aber die Vermieter in eine Zwangslage, weil mit den Mieteinnahmen die entstehenden Kosten nicht abzudecken waren. In dem Dreifamilienhaus in welches wir 1960 eingezogen waren, duldeten 1964 Reparaturen keinen Aufschub mehr: Wegen des undichten Daches stellten wir auf dem Hausboden Eimer und Schüsseln auf, um das Regenwasser aufzufangen. In unserem Schlafzimmer lief bei starkem Regen das Wasser an den Innenwänden herunter, das im Winter gefror. Wasserrohrbrüche waren an der Tagesordnung. In den Kellerräumen blühte an den Wänden der Salpeter. Hin und wieder fielen unvermittelt Schiefer vom Dach und gefährdeten Hausbewohner. Nun waren Glück und Beziehungen notwendig um mit den richtigen Begründungen die Aufnahme der Baumaßnahmen in den Jahresplan des Stadtbezirkes zu erreichen.

Die Informationen über diese Tatbestände ergingen also zunächst in immer dringenderer Form in halbjährlichen Abständen an den Vermieter. Drei Jahre lang gab es von dieser Seite nur Vertröstungen und Ausreden. Nun begannen wir ab 1968 mit einer Flut von Eingaben z. B. an: Arbeiter- und Bauerninspektion, Stadtbaudirektor, Bezirksbaudirektor und Vorsitzenden des Rates des Bezirkes.

In allen Antworten, die wir nach gesetzlichen Bestimmungen innerhalb von 4 Wochen erhielten, erfuhren wir nur: „Vertröstungen, Versprechungen, Ausflüchte (kein Geld, kein Material, keine Handwerker, kein Gerüst u. a.).

Unsere Reparaturen wurde dann 1967 in den Plan aufgenommen, aber wie viele Vorhaben im Laufe des Jahres gestrichen, weil sich oft der Slogan bewahrheitete: „Mehr gewollt als gekonnt“.

Der Höhepunkt des gesamten Geschehens wurde Mitte 1970 erreicht: Die KWV hatte mitgeteilt, dass lediglich ein Gerüst fehlt, um die Reparaturen zu erledigen. In Eigeninitiative besorgten wir ein Gerüst, ein Dachdecker stand zur Verfügung, aber es geschah wiederum nichts.

1971 wurden plötzlich unsere Forderungen realisiert und die Reparaturen durchgeführt. Die wirklichen Gründe, warum nun alles sehr schnell erfolgte, sind uns bis heute unbekannt geblieben. Wir vermuten, dass es unsere Eingabe an die Arbeiter und Bauerninspektion (ABI) war, die in der DDR einen großen Einfluss hatte. Es könnte aber auch die Ankündigung von Hausbewohnern gewesen sein, dass sie nicht zur „Volkswahl“ gehen, wenn die Reparaturen nicht erledigt würden.

 

5. Beitrag

Die Ansprüche, die an den Wohnkomfort gestellt werden, entwickelten sich seit meiner Kindheit bis in die Neuzeit ganz enorm. Ab der 1930er bis Anfang der 1950er Jahre schätzten sich ärmere Familien selbst mit mehreren Kindern schon glücklich, wenn sie einen trockenen, mit Kohleherd beheizbaren Raum und ein Zimmer zum Schlafen hatten. Fließendes Wasser war gehobener Standard und ein Bad Luxus. Heute sind Wohnungen ohne Bad kaum noch vermietbar. Mit meinen Erlebnissen will ich ein Bild dieser Entwicklung zeichnen.

In unserem Bauernhaus in Ostthüringen gab es in den 1930er Jahren kein Badezimmer jedoch fließendes Wasser und ein Waschhaus in dem wir in einer Zinkbadewanne einmal wöchentlich badeten. Das Wasser wurde in einem Kessel mit Kohlefeuerung erwärmt, der auch zum Kochen der Wäsche diente. Beim Hausschlachten wurden darin Fleisch und Würste gekocht. Als Fünfjähriger sah ich erstmals in Gera, der nächst größeren Stadt, eine öffentliche Badeanstalt. Mein Erstaunen, dass man sich hier in der Öffentlichkeit vor anderen Leuten nackt zeigte (allerdings Frauen und Männer getrennt) war sehr groß.

Als etwa Sechsjähriger lernte ich bei meinem Onkel, einem Revierförster, in dessen Forsthaus erstmals ein richtiges Badezimmer – darin auch eine Toilette mit Wasserspülung – kennen; diese wurde aber nur selten benutzt, weil durch das Plumpsklo im Hof Stickstoffdünger für Feld und Garten zu gewinnen war. Von diesem Bad war ich begeistert und hätte am liebsten jeden Tag gebadet. In dieser Zeit waren in unserem Bauernhaus zwei Räume in der ersten Etage mit insgesamt 22 qm Wohnfläche an eine Familie mit 3 Erwachsenen und 3 Kindern vermietet. Sie bezahlten nur 3.- RM Miete pro Monat. Das Wasser für Haushalt und Körperpflege mussten sie vom Brunnen im Garten holen, das ihnen mein Großvater in großzügiger Weise kostenlos in unbegrenzter Menge zur Verfügung stellte. Neidisch schaute ich immer auf die Kinder der Mieterfamilie, die sich wegen der Beschwerlichkeiten nicht so oft waschen mussten wie ich.

In unserer Ehe hatten wir in den ersten Jahren auch kein Bad, ein solches war erstmals 1958 in unserer Wohnung in Kölleda; darüber freuten wir uns sehr, weil es doch bisher recht beschwerlich war, unsere 4 Kinder in transportablen Zinkwannen in der Küche oder sogar im Wohnzimmer zu baden. Die recht bescheidene Einrichtung, der Kohlebadeofen und der kleine Raum, konnten unser Glücksgefühl nicht mindern.

Erst in unserer Wohnung in Erfurt ab 1960 bekamen wir ein für damalige Verhältnisse modernes Bad. Zehn Quadratmeter Raumgröße, Fenster zum Lüften, sehr große Wanne, Gasbadeofen, Gasraumheizung, geflieste Wände bedeuteten für uns hohen Komfort. Die Warmwasserbereitung bereitete nun insgesamt keine Mühe mehr, auch in der Küche befand sich ein Gasdurchlauferhitzer.

6. Beitrag

E. von Hagen schrieb Ende des 19. Jahrhunderts ein für das damalige Bürgertum bestimmtes Buch mit dem Titel: „Das ABC des guten Tons“ Verlag Levy und Müller, Stuttgart. Das 1. Kapitel „Die Wohnung“ beginnt mit der Sentenz: „Es schickt sich vor allem, dass deine Wohnung zu deinen Verhältnissen passt, deinem Geldbeutel entspricht.“ Diese Feststellung kann man bis heute in der BRD für den Mittelstand dick unterstreichen. In der DDR kamen allerdings die Menschen aller Schichten durch die sehr niedrigen Mieten ganz selten in Versuchung hinsichtlich Wohnung über ihre Verhältnisse zu leben. In diesem Lande war es wichtig, im Rahmen der staatlichen Lenkung überhaupt eine Wohnungszuweisung zu erhalten – nach Mietpreisen oder sonstigen Komfort fragte da vordergründig niemand. Im Übrigen erinnerte mich die weitere Empfehlung des Autors: „Lass deine Wohnung gegen Ungeziefer versichern und halte sie stets sauber“, an ein außergewöhnliches Erlebnis mit Schadnagern; gegen diese konnte man damals die Wohnung auch versichern. In den 1970er Jahren wohnten wir in Erfurt in einem Dreifamilienhaus, in dem in dieser Zeit ein Handwerker einzog, der umfangreiche Baumaßnahmen in den Räumen der obersten Etage vornahm. Wir meinten, unser Heim immer sauber gehalten und gut gepflegt zu haben; verwundert waren wir deshalb, als in Küche und Bad plötzlich Mäuse auftauchten. Beim Umbau hatte man mehrere Nester dieser Kleinnager gefunden. Es geschah, dass in unserer Speisekammer über die Regale, in der Küche auf dem Schrank und im Bad auf dem Fußboden Mäuse entlang huschten und ausrissen, wenn wir die Räume betraten. Selbst als Tierarzt hatte ich Mühe wirksame Mittel gegen diese Belästigung zu finden. Der Einsatz von Giften verbot sich wegen der Gefahr der Kontamination von Lebensmitteln. Mit den üblichen Mäusefallen hatten wir keinen Erfolg. Wir stellten zwischen die Regale in der Speisekammer Wassereimer. Beim Springen von Gestell zu Gestell landeten viele Nager in diesen Gefäßen, aus denen sie wegen der glatten Wände nicht mehr heraus kamen. Nun galt es die Tiere zu beseitigen, sie im Garten in die Freiheit zu lassen, hätte ihre Wiederkehr zur Folge haben können. Nachbars Katze lehnte die gefangenen Mäuse ab und büxte aus. Mir blieb nichts anderes übrig als sie mit überdosierter Äthernarkose einzuschläfern.

2. Gleichberechtigung in der DDR

Fragestellung im Fundbüro:

Wie erlebten Sie die Gleichberechtigung von Mann und Frau ab 1961 in der DDR?

Es war im Dezember 1961, also im Jahr des Mauerbaues vor 50 Jahren, als das ZK der SED den Beschluss: „Die Frau, der Frieden und der Sozialismus“, veröffentlichte. Damit wollte man möglicherweise den Frauen in der DDR die Vorzüge des Sozialismus schmackhaft machen oder vielleicht auch die nunmehr zementierte Teilung Deutschlands mit einem „Zuckerbrot“ versüßen. Die Gleichberechtigung der Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft und Politik bis hinein in die Familie wurde nunmehr staatlich gelenkt und angeordnet. Wahrscheinlich gibt es viele Geschichten wie Frauen und Männer die Ausführung dieser festgelegten Gleichstellung ab diesen Zeitpunkt erlebten?

1. Beitrag

Meine Auffassung zur Gleichberechtigung der Frauen bis Anfang der 1960er Jahre kann man wahrscheinlich nur verstehen, wenn man erfährt wie ich in den 1930/40er Jahren in der Landwirtschaft aufwuchs. In der damals vielfach üblichen Arbeitsteilung in der Familie erzog mich vordergründig meine Großmutter. Opa und Vater mussten als „Erziehungsvorbilder“ herhalten, obwohl mir selbst als Kind auffiel, dass Mutter und Oma manchmal Mühe hatten, deren Verhalten und Manieren immer als untadelig auszuweisen. Wenn z. B. mein Großvater in schmutzigen Schuhen in die Küche kam, in der der Fußboden gerade frisch gewischt war oder sich in seiner Arbeitskleidung an den Essenstisch setzte, habe ich noch die Worte im Ohr: „Erwachsene Männer dürfen das, aber Kinder nicht.“ Ich merkte, dass so manches, was sich das „starke Geschlecht“ herausnahm, auch meine Großmutter störte. Sie hielt viel vom guten Benehmen, von Etikette, aber auch für sie war trotzdem eine öffentliche Kritik des Hausherrn tabu. Gesamter Haushalt, Kochen, Kindererziehung, Kleintier- und Gemüsegartenpflege waren grundsätzlich Frauenarbeit, um die sich die Männer nie kümmerten. Trotzdem mussten die Frauen auch im Stall und auf dem Feld oft schwere Arbeit mit verrichten. Ich war Tierarzt geworden und sah als junger Mann in vielen bäuerlichen Haushalten ähnliche Verhältnisse. 1962 war ich Tierarzt beim Rat des Bezirkes Erfurt und musste den Bezirkstierarzt vertreten. Da kam vom ZK der SED eine Genossin, die an die Basis geschickt worden war, um festzustellen wie der Beschluss vom Dezember 1961 „Die Frau, der Frieden und der Sozialismus“ durchgesetzt wird. Sie wollte im Bezirk Tierärztinnen besuchen. In meiner Naivität erklärte ich ihr zunächst meine Auffassung zur Gleichberechtigung und dass eigentlich Frauen an den Kochherd gehörten und für Tierärztinnen der Beruf in der Großtierpraxis viel zu schwer sei. Ich hatte den Beschluss noch nicht gelesen und nicht erfahren, dass es keine Tätigkeit mehr geben solle, die Frauen nicht ausüben könnten. Die Genossin erwiderte nichts zu meiner Rede, besuchte mit meiner Unterstützung einige Tierärztinnen und fuhr wieder nach Berlin. Nach 8 Tagen wurde ich in die SED Parteileitung vorgeladen und mir wurden ob meiner ehrlich geäußerten Auffassung derartig Vorwürfe gemacht, die darin gipfelten, nicht geeignet für eine Funktion in der Verwaltung zu sein. Schließlich durfte ich mit dem Versprechen, mich zu bessern, in meiner Funktion weit arbeiten

2.Beitrag

Frauenquote

Am 26.Nov. 1958 promovierte ich an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Aus Anlass der 50. Wiederkehr erhielten wir, die Promovenden dieses Jahrgangs, in einer Festveranstaltung eine Erneuerung der Würde eines Doctor Medicinae Veterinariae. In der gleichen Veranstaltung wurden die Urkunden an 15 Frauen und einen Mann, die als Absolventen dieser Fakultät 2008 promoviert hatten, überreicht. Dagegen waren es aber 16 Männer und eine Frau, denen nach 50 Jahren der Titel erneut bestätigt wurde. Wenn mit diesen Zahlen auch keine statistisch bewiesene Aussage zu treffen ist, zeigt sich ein deutlicher Trend. In der DDR wurde in fast allen Studienrichtungen eine Frauenquote von 50 % gefordert, so auch für Immatrikulationen im Studienfach Veterinärmedizin; damit konnte aber die gewünschte Parität der Männer und Frauen, die in diesem Beruf tätig wurden, auch nicht erreicht werden. Allerdings offenbart sich heute durch die weggefallene Lenkung ein deutlicher Mangel an Tierärzten in Großtierpraxen, denn die in der Überzahl ausgebildeten Frauen übernehmen nur selten dieses Tätigkeitsfeld. Die übertriebene Planung in der DDR erfuhr ich persönlich, als unsere Tochter 1978 ein veterinärmedizinisches Studium beginnen wollte. Sie brachte mit dem erfolgreichen Abschluss einer Berufsausbildung mit Abitur als Zootechniker (Notendurchschnitt 1,2) alle Voraussetzungen mit, wurde aber nicht immatrikuliert, weil sie im Gegensatz zu einer Mitbewerberin mit gleichen Leistungsvoraussetzungen kein Mitglied der SED war und sie es strikt ablehnte aus Karrieregründen in eine Partei einzutreten. Da in der Fachrichtung Veterinärmedizin 1978 grundsätzlich nur noch ein einziger Frauenstudienplatz zur Verfügung stand, hatte sie keinerlei Chance. Sie studierte schließlich Tierproduktion und hat heute eine andere Berufsrichtung gewählt, in der sie auch Zufriedenheit fand. Meine Erfahrung: Übertriebene Planung ist ebenso falsch, wie alles unbeeinflusst laufen zu lassen. Widersinnig bleibt es aber aus Gründen der Gleichberechtigung 50 % Anteil Frauen in einem Berufszweig festzuschreiben oder zu fordern.

3. Beitrag

Männer kämpfen um Gleichberechtigung

Gegenwärtig mehren sich die Stimmen, die behaupten, nunmehr müssten die Männer vielfach um ihre Gleichberechtigung bangen und darum kämpfen. Hauptsächlich drei Fakten würden dies u. a. ursächlich begünstigen: In den Schulen unterrichten heute in den ersten Klassen in der Mehrzahl Lehrerinnen, die den Jungen schon in dieser frühen Kindheitsentwicklung das Bild der stärkeren, oft den Männern überlegenen, Frauen aufzeigen. Zweitens wachsen die Jungen in der Neuzeit in vielen Familien ohne Väter auf. Die Anzahl der alleinerziehenden Mütter nimmt zu und diese Frauen würden ihren Kindern häufig ein negatives Bild über die Männer vermitteln. Die Frauenbewegungen haben sich in der Gesellschaft überdimensional mehr Wort und Bedeutung verschafft.

Wir feiern im kommenden Jahr Diamantene Hochzeit. Unsere Erfahrungen in Fragen der Emanzipation der Frauen sammelten wir vor allem in der DDR-Zeit. Die staatlich angeordnete Gleichberechtigung in diesem Staat hatte keinen Einfluss auf unser intaktes Familienleben. Wir praktizierten gegenseitiges Verständnis, eine Arbeitsteilung und gegenseitige Unterstützung entsprechend der geschlechterspezifischen Gegebenheiten und Möglichkeiten. Den zahlreichen werktätigen Frauen in der DDR zollten wir Anerkennung für ihre doppelten Leistungen in Betrieb und Familie. Meine Frau war aber bis zum Schulabschluss unserer 4 Kinder nicht berufstätig. Allerdings war uns dadurch auch die Inanspruchnahme von Kindergartenplätzen verwehrt. Retrospektiv stelle ich außerdem fest, dass es bis in die 1930er Jahre hinein wenig Lehrerinnen gab und auch mich unterrichteten bis zu den ersten Kriegsjahren nur Lehrer. Den Lehrerinnen, die dann in mein Schulleben traten, bezeuge ich aber bis heute hohen Respekt. Rückblickend vermute ich, dass wir Jungen damals spürten, dass uns die Lehrerinnen gerechter behandelten, weil andererseits unsere Lehrer meistens einige Mädchen bevorzugten. Das sahen wir auch in den 1960er Jahren, in denen wir unsere 4 Kinder in ihrem Schulleben beobachtend begleiteten, bestätigt. Als Leiter eines Arbeitskollektivs von meist mehr als 20 Frauen und nur wenigen Männern sah ich z. B. der jährlich auf mich zukommende Pflichtteilnahme an der betrieblichen Feier zum Internationalen Frauentag am 8. März mit Bangen entgegen. Ich betrachtete die dort oftmals praktizierte Schau, dass die Männer mit Frauenschürze und dergleichen die Frauen bedienten oder ähnliches zuvorkommendes Verhalten zeigten, unangebracht. Ich sah damit auch teilweise notwendige Disziplinregeln verletzt. Meine Frau und ich versuchten solche Veranstaltungen auch im Rahmen des DFD zu meiden, weil sie an der Wirklichkeit vorbeigingen. Ob die praktizierte Gleichberechtigung der Frauen in der DDR auf die Gesamtentwicklung in Deutschland Einfluss hatte, vermag ich nicht zu beurteilen.

 

3. Wie war das damals? Erzählen sie von ihren Schulerlebnissen

Fragestellung:

Wer erinnert sich an den Schulbesuch, an Schulstreiche, an beliebte und unbeliebte Lehrer? Warum gibt es heute in Deutschland trotz einer Schulbesuchspflicht noch ca. 4 Millionen erwachsene funktionale Analphabeten? Aber wer weiß noch mit welchen wirksamen Methoden er lesen und schreiben lernte?

1. Beitrag

Ab Ende der 1930er Jahre besuchte ich die ersten Klassen der Volksschule in einer Thüringer Kleinstadt. Wir hatten sehr strenge Lehrer, deren wichtigstes Erziehungsinstrument der Rohrstock war, den wir Jungen mehr zu spüren bekamen als die Mädchen. Damals empfand ich in der Schule erstmals vielseitige Ungleichbehandlungen. Die so genannten Kopfnoten Betragen, Ordnung, Fleiß rangierten zu jener Zeit in der Wertigkeit vor den Leistungsnoten. Kinder aus armen meist kinderreichen Familien erhielten aber von vorn herein auf allen Gebieten, häufig schlechtere, subjektiv geprägte Beurteilungen, als die Jungen und Mädchen von reichen Bauern, Geschäftsleuten, Fabrikbesitzern, Stadtoberen und Funktionsträgern der NSDAP. Die benachteiligten Kinder waren außerdem sehr oft die Prügelknaben, wenn die Lehrer ihrem Ärger Luft machen wollten. Meinen Schulkamerad Erich traf dieses Schicksal. Er wusste sich aber auf seine Art zu wehren und fand dabei auch unterstützende Klassenkameraden. Er bekam fast an jedem Schultag aus oft nichtigen Gründen eine Tracht Prügel mit dem Rohrstock. Eine in den Augen eines häufig aufbrausenden Lehrers zugeteilte Aufgabe sollte er jedoch als Auszeichnung betrachten. Mucksmäuschenstill war es in der Klasse, wenn dieser Pädagoge hinter seinem Pult saß, Zeitung las und wir irgendetwas Unbedeutendes abschreiben mussten. Unvermittelt sagte er manchmal: „Es stinkt, wer war das?“ Nun musste Erich ran, an den Hintern der Jungen riechen - die Mädchen wurden ausgelassen -, um festzustellen wer seine Winde nicht hat halten können. Wir waren meistens paff, denn wir rochen absolut nichts. Der „Riecher“ trat in Funktion und wir, einige seiner Freunde hatten, weil die Prozedur in regelmäßigen Abständen stattfand, vorher ausgemacht, wen er als Schuldigen herausfinden sollte; diesem erwarteten dann 3 bis 4 Stockschläge auf das Gesäß. Ohne Nachforschung übernahm der Lehrer Erichs Urteil und lobte ihn in diesem Falle sogar wegen seiner guten Nase. Doch eines Tages geschah das Unerwartete. Beim ersten Schlag des Lehrers spritzte Blut und er hielt erschrocken inne, bis er merkte, er war reingelegt worden. Wir hatten den von Erich zu bestimmenden Schuldigen in unser Komplott einbezogen; ihm wurde eine mit Blut gefüllte Schweinsblase unter dem Hosenboden angebracht. Der Lehrer zog sich aus der Affäre, indem er willkürlich eine Gruppe Jungen auswählte, die er für schuldig hielt und mit dem Rohrstock bestrafte. Ich kann mich jedoch nicht mehr erinnern, ob nach diesem Vorfall, die „Riechaktion“ aufhörte.  

2. Beitrag

Als ich Ostern 1938 eingeschult wurde, sagte mir mein Großvater einige Tage vorher mit seinem typischen schelmischen Lächeln: „Wenn du die Zuckertüte genommen hast und den ersten Tag zur Schule gegangen bist, dann musst du regelmäßig jeden Tag außer sonntags und in den Ferien zum Unterricht gehen. Überlege dir das genau, ob du dir das antun und auf die schöne Freizeit verzichten willst; das ist doch die Zuckertüte gar nicht wert.“ Diese Bemerkung nahm ich ihm direkt übel, denn ich wollte unbedingt lesen und schreiben lernen, um z. B. auch mit meiner 3 Jahre älteren Cousine, die mit ihrem Wissen immer stark angab, mithalten zu können. Mir war außerdem völlig unfassbar, dass man nicht zur Schule gehen wollte. So z. B. ein 2 Jahre älteres Mädchen, das in unserer Nachbarschaft wohnte, ihre Familie war kinderreich und arm. Fast jeden Morgen hörte ich sie schreien und erinnere mich noch an die im Dialekt gesprochenen Worte: „Scheiße, ich gienet in de Schule“. Ob sie Analphabetin wurde, weiß ich nicht, denn sie blieb während der Schulzeit auch mehrmals sitzen und ich entsinne mich: Wenn wir auf der Straße Kinderspiele machten, drückte sie sich immer, um nur nichts schreiben oder lesen zu müssen. Meine Schulkameraden aus den ersten Klassen - mit einigen treffe ich mich noch heute - bestätigen, dass uns in den ersten 2 Schuljahren Lesen und Schreiben mit Methoden beigebracht wurde, die damals manche nervten, wie heute Kinder sagen würden. Mir gefiel der „Lesekasten“, andere fürchteten ihn. In ihm befanden sich auf Karten alle Buchstaben des Alphabets, die vom Lehrer nach und nach einzeln am Pult gezeigt wurden. Wir mussten dann diese Zeile für Zeile auf unsere Schiefertafel schreiben; „Schönschreiben“, auch als Fach zensiert, stand dabei außerdem im Vordergrund. Der Lehrer ging durch die Bankreihen, es gab eine „Kopfnuss“, wenn die Schriftzeichen zu krakelig waren. Wir mussten in den ersten Schuljahren zusätzlich die Umstellung von der Sütterlinschrift (Deutsche Schrift) in die „Deutsche Normalschrift“ mitmachen – unsere Eltern konnten uns bei Schriftübungen deshalb kaum noch helfen. Sie beherrschten nur die Sütterlinschrift, – viele, auch mein Vater weigerte sich außerdem, die neuen Schriftzeichen zu lernen und anzuwenden. Bis zum Überdruss übten wir in den ersten 2 Schuljahren das Buchstabenschreiben und keiner meiner Schulkameraden wurde Analphabet. Nach meinen Erfahrungen kann ich die von Iris Füssenich im Buch „Klippen in den Unterrichtsmaterialen“ getroffene Feststellung bestätigen, dass es darauf ankommt, in den ersten beiden Schuljahren richtig schreiben und lesen zu lernen.

4. Beitrag

Im „Hamburger Abendblatt“ vom 24.08.2011 hat Hanna-Lotte Mikuteit in einem sehr interessanten Beitrag „Welche Schrift ist die bessere?“ über die in der Hansestadt wogende Debatte berichtet, welche Schreibschrift in den Schulen verbindlich eingeführt werden sollte. In der Zeit des Nationalsozialismus hatten wir Schüler und unsere Eltern keinerlei Möglichkeiten zu solchen Diskussionen. Viele meiner Generation wären aber traurig, wenn sich in Deutschland durchsetzt, dass in den Schulen keine Schreibschrift, sondern nur noch Druckschrift gelehrt würde. Freilich, auf die vielen Mühen im „Schönschreiben“, die uns damals ein Gräuel waren, kann durchaus verzichtet werden, wenn nicht zu viel Toleranz dabei in völlig undeutliches Schreiben ausartet. Nach meinen Erfahrungen fördern und festigen aber Übungen, auch in einer Schreibschrift, die Kenntnisse im Schreiben und Lesen. Leider erleichtern heutzutage Rechner und Schreibprogramme das Lösen von Aufgaben derart, dass Hand und Kopf nur noch wenig angestrengt werden müssen und die Schulkinder auf diesem Gebiet Bemühungen verlernen. Mein erster Buchstabe, den ich schon als Vorschulkind sehr intensiv lernte, war das „i“ in der Sütterlin-Schreibschrift mit dem Spruch: „Rauf runter rauf und ein Pünktchen drauf.“ Das kannten 1938 fast alle meine Mitschüler vom ersten Schultag an. Wir lernten dann bis 1940 die Sütterlinschreibschrift (Deutsche Schreibschrift) und dazu die entsprechenden Druckbuchstaben. Ab 1941 verboten dann die Nazis diese Schreibschrift und die „Deutsche Normalschrift“, die sich stark an die lateinische Schreibschrift anlehnt, wurde verbindlich gesetzlich eingeführt. Ich habe meine Lesefibel der ersten Klassen bis heute aufbewahrt und schaue mir gern hin und wieder diese Buchstaben an, die mich an die ersten Schultage erinnern. Ich bin froh, dass ich heute oft Schützenhilfe leisten kann, wenn es gilt alte Schriften, die in der Deutschen Schreibschrift verfasst sind, zu entziffern, In den Lernhilfen hat sich in den letzten über 60 Jahren, seit ich die Schule verließ, sehr viel getan und Wissenschaftler tüfteln ständig an Neuem. Eines blieb bis heute für Kinder ansprechend und förderlich fürs Einprägen: Sinnvolle, aussagekräftige Bilder, die z. B. in der Lesefibel den einzelnen Buchstaben, Worten und Sätzen zugeordnet werden. Auch in meiner ersten Lesefibel, die von nazistischen, propagandistischen Sprüchen nicht frei war, beeindruckte mich das Bild eines Mädchens, das ein buntes Osterei in der Hand hielt; dem zugeordnet waren die Buchstaben „e und i“, die ich mir damit leicht und gründlich einprägte.

4 Seiten aus der 1. Klasse-Lesefibel – 1938

 

In meiner Lesefibel für die 1. Klasse (1938), die von nazistischen, propagandistischen Sprüchen nicht frei war, beeindruckten mich die Bilder die den einzelnen Buchstaben zugeordnet waren. Die nicht ganz leicht zu schreibenden Schriftzeichen der „Sütterlin-Schreibschrift“ konnte ich mir damals auch durch die Bebilderung gut einprägen. Das „o“ um Schmerz, das „u“ um Ablehnung auszudrücken und das „e und i“ mit einem Osterei zu verbinden waren dabei eine gute Unterstützung. Nach den Schreibbuchstaben fiel das Lernen der Druckbuchstaben leichter, zumal dann auch der Wunsch aufkam, Bücher zu lesen.

5.Beitrag

Noch heute erinnere ich mich wie in den 1930/40er Jahren meine Eltern meine Erziehung mit der in der Schule koordinierten. Es hieß: „Lehrer sind Respektspersonen, ihr Wort, ihre Anweisungen gelten unangefochten.“ Das war übertrieben, schlimmer finde ich es jedoch, dass derzeit nicht selten, selbst vor den Kindern, die Autorität der Lehrer untergraben wird. Elternbeschwerden in der Schule mehren sich. Nie konnte ich meine Mutter bewegen, gegen die mir ungerecht erscheinenden Entscheidungen der Lehrer Widerspruch einzulegen. Einige Beispiele: Mit großer Mühe hatte ich als Erstklässler zu Hause schöne akkurate Buchstaben auf die Schiefertafel geschrieben. Ergebnis: Note 2; Mädchen schrieben nach meiner Meinung schlechter, erhielten jedoch eine eins. Warum werden Mädchen immer bevorzugt? fragte ich. Antwort meiner Mutter: „Der Lehrer wird es wissen, sie machen alles exakter!“ Während des Krieges mussten wir Heilkräuter (Frauenmantel, Himbeer- Brombeerblätter und ähnliches) sammeln. Ich war immer fleißig, lieferte große Mengen ab, bekam aber hierfür, im Gegensatz zu den Mädchen, kaum ein Lob. Besonders ungerecht empfand ich häufig die Tadel und Strafen der Lehrer wegen ungenügender Ordnung im Ranzen oder bei der Pflege der Bücher und Hefte. Diese Einschätzung wurde durch meine Eltern widerspruchslos akzeptiert; sie bezogen sogar mein diesbezügliches häusliches Verhalten ein. Sie fanden im Gegensatz zu mir, meine Note 2 in Ordnung und Fleiß gerecht. Die schlimmste Bemerkung auf dem Zeugnis war aber damals: „Nicht Versetzt“. Dieser Alptraum blieb mir erspart. Die betroffenen Schüler schämten sich, wenn sie in einer Klasse mit Jüngeren ein Schuljahr wiederholen mussten. Ich kannte in meinem Heimatort „Sitzenbleiber“, die nach der sechsten Klasse die Schule verließen. Sie erhielten keine Möglichkeit, die Volksschule weiter bis zum Abschluss der achten Klasse zu besuchen, hatten meist keine Aussicht auf eine Lehrausbildung und wurden mit 14 Jahren Mägde, Knechte oder Hilfsarbeiter. Glück hatte allerdings ein sitzengebliebener Schulkamerad, dass ab 1945 in Ostdeutschland neue Verhältnisse in der Förderung eintraten. Er konnte später als 20jähriger sogar Volkspolizist werden.

Während unserer Volksschulzeit sammelte der Lehrer am ersten Tag jedes neuen Schuljahres die Zeugnishefte ein, er kontrollierte, ob sie unterschrieben waren. Als Fußnote war vermerkt: „Das Zeugnisheft ist vom Vater oder dessen Stellvertreter zu unterschreiben“; damit war die Mutter amtlich Stellvertreter des Vaters – später wurde der Begriff „Erziehungsberechtigter“ eingeführt.

In Betragen „1“

Auszug aus meinem Zeugnisheft (1.-4.Klasse); 1938 eingeschult, erhielt ich 1939 die ersten Zensuren, mit denen ich in unserer Kleinstadtschule von den 8 Jungen der „Klassenbeste“ war. Nur bei den 12 Mädchen waren zwei bis drei etwas besser. Als Junge war in unserer Schule in Fleiß und Betragen kaum die Note 1 erreichbar – ich war als Bub mit der eins in Betragen fast eine Ausnahme. Der Lehrer konnte wahrscheinlich mein diszipliniertes Verhalten nicht übersehen, ich übte, um Pimpf im Deutschen Jungvolk werden zu können.

5. Antwort auf einem Beitrag von Herrn Klüsener:

Sehr geehrter Herr Klüsener, Ihr interessanter vorzüglich formulierter Beitrag zeigt viele Parallelen zu meinen Erlebnissen, vielen Dank. Ich denke, dass uns damals in der Schule Disziplin regelrecht eingebläut wurde, die nazistischen Rituale machten wir jedoch auch meistens freiwillig mit. Zu uns in die Dörfer und Kleinstädte nach Thüringen kamen 1943/44 Mütter mit ihren Kindern, besonders aus Berlin und den Städten im Rheinland, die vor der Bombengefahr Schutz suchten. Es entstanden dabei schöne Schulfreundschaften, die teilweise auch nach dem Krieg, sogar bis heute, als Bekanntschaften weiterbestehen. Die Schulbildung soll, so heißt es in einigen Publikationen, früher auf dem Lande schlechter als in den Städten gewesen sein. Ich meine, dass sich dies schon in den 1930er Jahren, ohne dabei die ideologischen Inhalte einzubeziehen, nach und nach veränderte. Selbst sammelte ich hierzu die Erfahrung: Unsere Kleinstadt mit ca. 2000 Einwohnern behielt trotz Stadtrechte, die 1928 verliehen wurden, Dorfcharakter; im weitesten Sinne besuchte ich damit eine Schule auf dem Lande. Als in den letzten Kriegsjahren, wie genannt, Kinder aus großen Städten zu uns kamen, spürten wir, dass deren schulisches Wissen nicht besser war als unseres. Diese Schüler glaubten aber, uns auf allen Gebieten überlegen zu sein. Es ging deshalb darum unsere heimische Vormachtstellung zu verteidigen. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich, dass ich mich fürchtete, meine Vorrangstellung in der Klasse zu verlieren. In einer Unterrichtspause prügelte ich mich deshalb auf dem Schulhof einmal mit einem solchem „Dazugekommenen“ derart, dass letztlich ein Lehrer dazwischen ging. Wir hätten uns sonst wahrscheinlich gegenseitig Verletzungen zugefügt. Danach waren aber die Fronten wieder geklärt und es entwickelte sich sogar eine Freundschaft.

6. Beitrag

Im Grunde freute ich mich, dass im Oktober 1945 in meinem Heimatort Hohenleuben die Schule wieder begann. Seit Juni hatten die Sowjets die Amis als Besatzungsmacht abgelöst und es hieß: „Die befehlen eine Schulreform.“ Wir hörten erneut allenthalben das Wort Befehl, dass uns aus der jüngsten Vergangenheit zwar nicht fremd war, aber nun für uns als SMAD Befehl (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) ein neues Gewicht bekam. Jetzt galt es, nur noch zu gehorchen und nicht mehr selbst befehlen zu können. Ich hatte wegen des Kriegsgeschehens den Besuch der höheren Schule – das war unsere Bezeichnung für Oberrealschule und Gymnasium - nicht aufnehmen können und besuchte die 8. Klasse der Volksschule in Hohenleuben. Wir waren gespannt auf den Schulbeginn, uns bewegten viele Fragen: 1. Unser Schulgebäude war am letzten Kriegstag völlig zerstört worden, wo sollte nun der Unterricht stattfinden? Man fand den Ausweg: Gaststätten, Gemeindesaal einer Sekte und das Heinrichstift – eine Einrichtung für schwer erziehbare Kinder-. 2. Welche bisherigen Lehrer würden uns erneut gegenüberstehen? Es waren ganz wenige und uns begrüßte der Schuldirektor, den man wahrscheinlich, obwohl er Parteigenosse war, als Fachmann noch brauchte. Nun durfte er aber den Rohrstock nicht mehr benutzen. Für den eingeführten Russischunterricht hatte man aber eine in unseren Augen alte Frau gefunden. Sie war bestimmt schon über 65 Jahre alt, offensichtlich gar keine Pädagogin und sprach besser russisch als deutsch. Noch heute wundere ich mich, dass trotz der Nachkriegsschwierigkeiten sehr schnell Schulbücher für diesen Sprachunterricht gedruckt wurden; wir konnten damit wenigstens die für uns völlig neuen Schriftzeichen in einer Fibel ansehen. Von Anfang an gab es aber von den meisten von uns eine Ablehnung gegen diese Sprache, zu lange war uns das Russische als feindlich eingetrichtert worden, zu schwierig schien uns diese fremde Sprache. Allerdings erwartete uns pubertierende Jungen auch eine sehr angenehme Überraschung. Eine hübsche Neulehrerin, die nur wenige Jahre älter war als wir, wurde unsere Klassenlehrerin. Wir Jungen verehrten sie und ich entsinne mich, dass sie keine Disziplinschwierigkeiten in der Klasse hatte. Vielleicht spürten wir auch insgeheim, dass nun die Bevorzugung einiger Mädchen durch einige Lehrer aufgehört hatte. Retrospektiv meine ich auch, dass wir uns in unseren schulischen Leistungen gerechter beurteilt fühlten.

Russischfibel - 1945 in der SBZ

 

Um den russischen Sprachunterricht in den Schulen der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) zügig ab 1945 einzuführen, wurde als erstes Schulbuch diese Sprachfibel gedruckt. Es erstaunte, dass man dies schnell bewältigte, obwohl es auf allen wirtschaftlichen Gebieten Engpässe gab. Papier und Buchqualität ließen zu wünschen übrig, entsprechend sahen die Hefte nach kurzer Zeit so abgegriffen aus.

 

7. Beitrag

Wir Schulkinder in Thüringen hatten nach dem 2. Weltkrieg unbeschreibliches Glück: „Wir mussten unsere Heimat nicht verlassen.“ Für die Kinder - Umsiedler (nach DDR Definition) und Vertriebene (nach BRD Begriffsbildung) -, die aus den Ostgebieten und der Tschechoslowakei ins „verkleinerte Deutschland“ kamen, war es schwieriger; sie mussten während der Flucht teilweise den Schulbesuch sehr lange unterbrechen. Die durchgängige Schulausbildung verlief aber auch für uns in der Heimat gebliebenen Kindern nicht ganz reibungslos. Die nächste Aufbauschule, so hieß damals die Oberrealschule, die ich besuchen sollte, befand sich in der 15 km entfernten Kreisstadt. Wegen des häufigen Fliegeralarms und den fast unüberwindbaren Schwierigkeiten regelmäßig die Schule zu erreichen ging ich bis zum Ende der 8. Klasse in meinem Heimatort in die Volksschule. Wir alle hatten aber nach dem Krieg die schwierige Frage zu klären: „Wie soll es mit der Schul- oder Berufsausbildung weitergehen? Beziehungen waren notwendig, um eine Ausbildungsstelle zubekommen. Mein Vater beschaffte mir eine Lehrstelle als Dreher. Diese Arbeit mit totem Material gefiel mir absolut nicht. Ich wollte ein studierter Bauer werden. Vier Wochen nach Lehrbeginn im Oktober 1946 erfuhr ich, dass nach der in der SBZ in Kraft getretenen Schulreform auch nach Abschluss einer Volksschule ein Schulbesuch mit Abiturabschluss möglich sei. Ohne die Eltern zu fragen begab ich mich zur Oberschule, legte meine Zeugnisse vor und wurde sofort aufgenommen. Ich musste allerdings innerhalb eines halben Jahres den Stoff von 2 Schuljahren in Englisch nachholen. Das schaffte ich durch Nachhilfeunterricht, den mir eine vorzügliche Lehrerin aus meinem Heimatort erteilte. Die Schwierigkeiten täglich den 15 Km entfernten Ort der Schule zu erreichen waren aber geblieben. Eine direkte Bahnverbindung bestand nicht, deshalb fuhr ich mit dem Fahrrad. Wir hatten Bescheinigungen in deutscher und russischer Sprache, damit uns die Fahrräder nicht weggenommen werden sollten. Trotz dieses Belegs wurde mir das Fahrrad 2 x von sowjetischen Soldaten entwendet, wir konnten nichts dagegen tun – sie drohten mit ihrer bewaffneten Überlegenheit. Außerdem war unsere Kreisstadt mit einer Buslinie zu erreichen. Häufig durften wir Schüler aber im Arbeiterbus, der als einziger fuhr, wegen dessen Überfüllung nicht mitfahren. So bewältigte ich besonders im Winter gar manchen Tag per Fuß die 15 Km Strecke hin und zurück. Ich gab nicht auf – ich schaffte es, 1950 das Abitur mit gutem Ergebnis zu bestehen.

8. Beitrag

Die Erschwernisse der Nachkriegszeit, die Schulreform und insgesamt der politische Umbruch machten meine Oberschulzeit in der SBZ von 1946 bis 1950 sehr interessant. Einige meiner Mitschüler waren 1944/45, vor ihrem Abitur, noch als Flakhelfer, Soldaten oder zum Arbeitsdienst eingezogen worden.. Sie waren älter als wir, die Jungen des normalen Schuljahrgangs und sollten mit uns bis zum Abitur nochmals die Schulbank drücken. Ihr notwendiger Respekt vor den Lehrern, vor allem einigen Neulehrern, die zum Teil nicht viel älter waren als sie, ließ oft sehr zu wünschen übrig. Sie initiierten auch manche Streiche, bei denen wir Jüngeren gern mitmachten. Im Nachhinein glaube ich, sie wollten ihre, durch den Krieg verlorengegangene Jugend, schnell und intensiv nachholen. Einer dieser älteren Schüler, der mit dem Fahrrad zur Schule kam, erschien fast täglich eine Stunde zu spät zum Unterricht. Er benutzte nicht den normalen Eingang, sondern stieg durchs Fenster in das im Hochparterre gelegene Klassenzimmer. Wir sorgten dafür, dass die Fensterriegel immer geöffnet blieben. Schnell gewöhnten sich die Schüler, die ebenfalls das Fahrrad für den Schulweg nutzten, sich an, auch über Leiter und Fenster in den Unterrichtsraum zu kommen. Eines Tages, wir tauschten gerade noch vor dem Unterricht die Ergebnisse der Hausaufgaben aus, schlossen Hausmeister und Direktor die Klassenzimmertür auf und traten ein. In unserem Eifer hatten wir gar nicht gemerkt, dass der offizielle Schuleingang noch verschlossen war. Sie nannten uns Einbrecher und kündigten eine Untersuchung vorm Lehrerkollegium an. Der Klassensprecher, der in dieser Sitzung anwesend sein durfte, berichtete uns anschließend vom Ergebnis. Einige verknöcherte Lehrer, denen wir oft das Leben schwer gemacht hatten, plädierten sogar dafür, uns von der Schule zu verweisen. Nur unser junger Mathe – Pauker und der ältere Physiklehrer wandten sich ganz entschieden gegen eine Bestrafung. Sie setzten sich durch, weil angeblich ein Schulausschluss nur einstimmig gefasst werden konnte. Damit gab es geklärte Fronten und die mit uns sympathisierenden Lehrer bekamen mit uns keine Disziplinschwierigkeiten mehr, während wir den übrigen teilweise das Leben noch schwerer machten. Trotz der Disziplinlosigkeiten waren wir aber alle bemüht einen guten Schulabschluss zu schaffen.

9. Beitrag

Ich war kein Musterschüler, hatte aber Glück, ich wurde während meiner Volksschulzeit von 1938 bis 1946 nur ein einziges Mal mit Stockhieben bestraft. Das Vergehen, das zu dieser Züchtigung führte, hatte starken Einfluss auf meine Erziehung zur Ehrlichkeit und Disziplin. Im Winter mussten in unserer Schule die Öfen von uns Schülern geheizt und versorgt werden. Ein Klassenkamerad und ich waren verantwortlich für die Ofenheizung im Lehrerzimmer. Das war eine besondere Auszeichnung. Dort lagerten auf dem Tisch oder im unverschlossenen Schrank Klassenbücher, Zeugnisduplikate und sogar das Siegel des Schuldirektors. Die Verführung war sehr groß, und wir haben ab und zu einen Blick in die für uns geheimen Unterlagen gewagt. Besonders guten Freunden konnten wir dann Auskünfte über negative oder positive Eintragungen geben und auch einiges über uns selbst erfahren. Besonders verlockend war aber, dass wir mit dem Siegel des Schuldirektors Bezugsbescheinigungen für Schreibhefte abstempeln konnten. Schreibhefte waren bewirtschaftet und nur mit Bescheinigungen einzukaufen. Wir erstellten eine größere Anzahl solcher Belege und konnten damit nicht nur für uns genügend Hefte einkaufen, sondern hatten auch ein ausgezeichnetes Tauschobjekt. Das Geschäft florierte so lange, bis der einzige Schreibwarenhändler unserer Stadt die Versorgung nicht mehr absichern konnte. Er informierte die Schule. Der Schwindel flog auf. Unsere Mütter wurden zur Schule bestellt und uns offeriert, dass wir Sabotage oder im geringsten Falle Urkundenfälschung begangen hätten. Schwere Stunden für uns Schüler und unsere Eltern folgten. Es wurde uns angedroht, dass wir in ein Erziehungsheim kämen.Ich denke, dass unser sonst diszipliniertes Verhalten die Schulleitung bewogen hat, die Angelegenheit nicht weiter zu melden. Die Bestrafung wurde also vom Klassenlehrer vorgenommen. Wir 2 Hauptschuldigen und 4 weitere Mitschüler, die mit den Bescheinigungen einen Tauschhandel betrieben hatten, erhielten nach strengen und mahnenden Worten 8 Stockhiebe. Obwohl es sehr weh tat, war es Ehrensache nicht zu weinen. Mit Schadenfreude quittierten die anderen Mitschüler, die wir immer ausgeschlossen hatten, dass wir mit all unseren Betrügereien reingefallen waren. Erstaunt war ich, dass wir auch weiterhin die Öfen im Lehrerzimmer versorgen durften. Alle wichtigen Utensilien befanden sich aber nunmehr im verschlossenen Schrank. Wahrscheinlich waren die eigenen Fehler der Schulleitung auch ein Grund, die Angelegenheit nicht an die große Glocke zu hängen.

Diese alte Hohenleubener Schule besuchte ich ab 1938 und ab 1940 war Herr Lehrer Meinhardt unser Klassenlehrer – in den Räumen befanden sich solche Öfen. Nach der völligen Zerstörung des Schulgebäudes 1945 wurde in den folgenden Jahren das Gebäude fast im ursprünglichen Baustil wieder aufgebaut, es wird jedoch heute nicht mehr als Schule genutzt.

10. Beitrag

Ich kam 1938 in die Schule und es hieß, jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Ehrgeizig war ich vom ersten Schultag an, etwas schwer fiel es mir aber, mich an die geregelte Zeit zu gewöhnen – jeden Tag pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, immer ruhig und diszipliniert zu sein bedeutete eine gewisse Einschränkung meiner bisherigen Freiheit. Nur gut, dass wir in den ersten Monaten täglich nur 3 Stunden Unterricht hatten. Da blieb doch noch genügend Zeit fürs Stromern und Spielen. Es ging mir indessen im Lernen nicht schnell genug voran. Mich langweilte, dass wir immer und immer wieder Zuckertüten malten, alle neuen Buchstaben und Zahlen, die wir kennen lernten, in vielen, vielen Zeilen nachschreiben mussten. Die Übungen zu Hause auf der Schiefertafel unterlagen einer strengen Zensur durch die Mutter und es gab manche Auseinandersetzung, wenn sie das Geschriebene nicht schön genug fand und auf der Schiefertafel wieder wegwischte. Das Allerschlimmste war aber, dass einige Mädchen besser malen und schöner schreiben konnten als ich als Junge. Zu schaffen machte mir, dass der Schulranzen stets ordentlich gepackt, die Schulfibel mit sauberem Einschlagpapier eingebunden sein sollte und jeden Tag zu Unterrichtsbeginn der Lehrer besonders die Sauberkeit der Hände kontrollierte. Die Prozedur begann schon, wenn ich mich auf den Schulweg machte und die Mutter eine Vorkontrolle vornahm. In einer Kleinstadt, wo der Lehrer fast jede Familie kennt, wäre es eine Schande gewesen, schmutzig in die Schule zu kommen. Ich fragte meine Mama, so sprach ich sie auch an: „Wer sieht eigentlich deine Ohren und Fingernägel nach, ob sie sauber sind, wenn du mal zum Einkaufen oder ins Rathaus gehst, machen das vielleicht Oma oder Opa? Du bist doch deren Kind!“ Ich hörte Erklärungen, die bis heute aktuell blieben und mit dem Fazit endeten: Erwachsene müssen nicht kontrolliert werden, aber Kinder müssen Selbständigkeit und Disziplin erst lernen. Umdenken wäre nach meiner Erfahrung hier angebracht, denn vorbildliches Verhalten der Eltern, indem sie sich z. B. auch selbst kontrollieren lassen, dürfte die bessere Erziehungsmethode sein. Im Übrigen weiß ich aber heute, dass die vielen Übungen in den ersten Schuljahren mir ein gutes Wissensfundament gaben.

11. Beitrag

Wie ein roter Faden zogen sich in den 1930/40er Jahren Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit durch unseren Schulalltag; es hieß zu gehorchen. Frühmorgens zu spät zum Unterricht zu kommen oder gar zu schwänzen, war eine Straftat. Bei Krankheit mussten wir eine von den Eltern unterschriebene Entschuldigung vorlegen; sonst sind mir keine Gründe bekannt geworden, die das Fernbleiben von der Schule gerechtfertigt hätten. Wenn wir den Lehrer baten, während der Unterrichtsstunde die Toilette aufsuchen zu dürfen, wurde dies meistens misstrauisch quittiert. Mir klingen noch die Worte im Ohr: „Kannst du es nicht bis zur Pause aushalten?“ Wir trauten uns dann nicht mehr zu fragen. Ich erinnere mich sogar, dass einige Male Schüler deshalb in die Hose pinkelten. Die Toilettenverhältnisse in den Dorfschulen, aber auch in den Städten, waren teilweise in einem katastrophalen Bauzustand und so sehr verschmutzt, dass ich mich stark ekelte. Ich weiß, dass ich mehrmals nach der Schule schnell nach hause rannte, um nicht das Schulklo aufsuchen zu müssen. Wenn der Lehrer den Klassenraum betrat, sprangen wir alle auf und standen in ordentlicher Haltung neben unseren sehr unbequemen Schulbänken. Nach erfolgter Meldung durch den Schüler vom Dienst ertönte das Kommando: „Setzen!“ Wir getrauten uns kaum während des Unterrichts zu schwatzen; zur Beantwortung der Fragen mussten wir grundsätzlich aufstehen. Hausaufgaben mussten immer pünktlich zum vorgeschriebenen Termin erledigt werden. Sehr häufig galt es, zu hause lange Gedichte auswendig zu lernen, sie wurden abgefragt und auch die Erledigung aller übrigen Arbeiten streng überprüft. In den ersten Klassen erfolgten ganz spontan durch den Lehrer „Ranzenkontrollen“. Er überprüfte den Inhalt und ob z.B. Schwamm und Lappen für die Schiefertafel sauber und die Schulbücher und –hefte, für die es damals noch keine Schutzhüllen gab, ordentlich eingebunden waren. Es gehörte Geschick dazu, mit dem sogenannten Bücherpapier die Einbände akkurat zu falten. Im Nachhinein stelle ich fest: Es war eine harte Schule, die ich für die heutige Generation niemals wieder herbeiwünsche; mich prägte sie aber fürs Leben.

12. Beitrag

Während meiner Schulzeit in den 1930/40er Jahren sprachen wir Kinder auf dem Lande durchweg den ortsüblichen Dialekt. In der Schule war es für uns direkt qualvoll, uns an das hochdeutsche Sprechen gewöhnen zu müssen; die Tadel der Lehrer sahen wir teilweise als Schikane an. Nachdem wir in der 2./3. Klasse lesen und vollständige Sätze sagen und schreiben konnten, begann die Qual mit Diktaten. Mir machte dabei unser Thüringer Dialekt viel zu schaffen. Noch heute fällt es mir schwer b und p und d und t zu unterscheiden. Nur mit Anstrengung und Konzentration gelingt es mir in der Aussprache den Unterschied richtig darzustellen, zur akkuraten Erklärung bezeichne ich sie als harte oder weichen Buchstaben. In meinem Berufsleben hielt ich auch wissenschaftliche Vorträge vor internationalen Zuhörern. In Vorbereitung dieser Aufgabe habe ich immer intensiv geübt, um möglichst dialektfrei zu sprechen. Bei Simultanübersetzung hätte es sonst wahrscheinlich Schwierigkeiten geben.

Selbst von unseren Kindern muss ich mir manchmal freundlichen Spott gefallen lassen, wenn „harte oder weiche p bzw. t“ zu Verwechslungen führen. Außerdem blieb mir eine Geschichte, die ich in den ersten Schuljahren erlebte, unvergessen. Ich hatte in einem Diktat 7 Fehler und damit eine schlechte Note bekommen. Eine Katastrophe, denn ich schämte mich sehr, weil ich zudem immer ehrgeizig war. Zu Hause legte ich das Heft auf den Stubentisch, damit meine Mutter unterschreiben sollte und ich schloss mich in unserem Geräteschuppen ein. Meine Mama war zunächst böse. Als sie aber kam, um mich aus meinem Versteck zu holen, merkte ich, dass der erste Zorn verraucht war. Sie hatte festgestellt, dass ich die vielen Fehler deshalb gemacht hatte, weil ich so schrieb wie wir auch daheim sprachen. Z.B. Kirche als „Kärche“, Hose als „Huse“, nein als „nee“, so als „su“ usw. Beim Diktieren hatte ich zwar die hochdeutschen Worte verstanden, aber bis zum Niederschreiben fehlte mir die Zeit zum gründlichem Nachdenken. Ich schrieb deshalb fast alles so, wie ich es in unserem Dialekt kannte. Von da an wurde beschlossen, dass wir uns Mühe geben wollten, zu Hause einigermaßen hochdeutsch zu sprechen. Das klappte nicht durchgehend und außerdem war der Einfluss durch Gespräche mit anderen Kindern auf der Straße zu stark. Dort wurde man verlacht, wenn man keinen Dialekt sprach.

13. Beitrag

Ab 1942 – ich war 11 Jahre alt - war ein sehr erheblicher Lehrermangel spürbar. Zum Ausgleich der Ausfallstunden mussten wir uns selbst beschäftigen und wir erhielten umfangreichere Hausaufgaben. Es war kurios, aber wir freuten uns über den Fliegeralarm. Wenn wir uns vom Aufenthalt im öffentlichen Luftschutzkeller drücken konnten, nutzten wir die gewonnene freie Zeit zum „stromern“ in Wald und Flur. Dort bestand nur eine geringe Bombengefahr. Wir warteten im Unterricht ständig auf den Voralarm, weil wir bereits dann schnell nach Hause durften. Wir Kinder empfanden insgesamt den kriegsbedingten Unterrichtsausfall, der unsere schulische Ausbildung bestimmt negativ beeinflusste, als recht angenehm. Zurückblickend stelle ich aber fest, dass die in unserer Volksschule erworbenen Kenntnisse und Übungen, z. B. im Fach Rechnen, dem Gedächtnistraining dienten. Ich anerkenne die damaligen Methoden mit der wir Zahlen, das kleine und große Einmaleins und die Grundrechenarten lernten. Wenn ich heute die Hilflosigkeit mancher jüngeren Verkäuferin beim Ausfall der automatischen Kassen und Rechner beobachte, dann freue ich mich, wenn ich helfen kann, weil wir das „Kopfrechnen“ noch gründlich beherrschen.

Im Fach Rechnen machte uns eine einfache aber zugleich erfolgreiche Übung viel Spaß: Alle Schüler mussten aufstehen und durften sich setzen, wenn sie die vom Lehrer gestellte Rechenaufgabe als Erster richtig gelöst hatten. Unser Ergeiz wurde damit zugleich angestachelt.

Während des Krieges betreuten die Lehrer zur gleichen Zeit mehrere Klassen. Wir führten dann diese Rechenübung in eigener Beaufsichtigung durch. Dabei waren nicht immer die intelligenten, sondern oft die körperlich stärksten Schüler, die Ersten, die sich durchsetzten. Der Lehrer kam dann vom Nachbarzimmer und schritt ein, wenn es zu laut wurde. Die Züchtigung mit dem Rohrstock sorgte dabei oft für die ausgleichende Gerechtigkeit.

16. Beitrag

Nachdem im Herbst 1945 in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) der Schulunterricht wieder begann wurde in allen Schulen russische Sprache als Pflichtfach eingeführt. Ich besuchte zu jener Zeit die 8. Klasse einer Volksschule und ich erinnere mich, dass ich und die Mehrzahl meiner Schulkameraden lieber englisch lernen wollten, weil es hieß, das sei eine Weltsprache. Wir fügten uns jedoch dem Unvermeidlichen. Viele Wegweiser, Straßen- und Gebäudebezeichnungen wurden damals von der Besatzungsmacht durch Schilder in russischer Sprache ergänzt bzw. ersetzt. Es war uns deshalb für manche Orientierung hilfreich, wenn wir zumindest die für uns völlig neuen kyrillischen Buchstaben in der Schule lernten. Ich besuchte dann im Anschluss an die Grundschule – das war die neue Bezeichnung für die Volksschule - die Oberschule und hatte somit bis zum Abitur 5 Jahre russischen Sprachunterricht, der sich an der Universität fortsetzte. Dort gelang es mir und den meisten meiner Kommilitonen uns in einen Anfängerkurs für russische Sprache einzuschreiben. Unsere Sprachkenntnisse ließen auch zu wünschen übrig, weil wir wahrscheinlich bisher gezwungen worden waren, diese Sprache zu lernen. Inzwischen waren im Jahre 1950 viele Russischlehrer ausgebildet worden und wir hatten Unterricht bei einer jungen hübschen Frau, die nur ein bis zwei Jahre älter war als wir. Sie gab sich alle Mühe uns die kyrillischen Buchstaben beizubringen, weil wir nicht zugegeben hatten, diese schon gelernt zu haben. Ein Kommilitone hatte sich in die junge Lehrerin verliebt. Er stellte sich deshalb z. B. beim Schreiben der Buchstaben derart ungeschickt an, dass sie sich schließlich dazu bewogen fühlte, ihn beim Schreiben die Hand zu führen. Wahrscheinlich beruhte die Zuneigung auf Gegenseitigkeit, denn die junge Frau beschäftigte sich während der Unterrichtsstunden vorwiegend mit unserem Mitstudenten. Wir hatten deshalb Zeit für andere Beschäftigungen und verschwendeten ein weiteres Jahr zum intensiven Lernen der russischen Sprache.       

17. Beitrag

Für mich ist es kaum nachzuvollziehen, dass es in der 2. Hälfte des 20.Jahrhunderts bis heute in Deutschland noch Analphabeten gibt, obwohl eine generelle Schulpflicht besteht. Aber auch in der DDR, wo es staatlicherseits viele Bemühungen gab allen Menschen eine erfolgreiche Schulbildung zu garantieren, waren in den 1970er Jahren noch Personen anzutreffen, die nicht Lesen und Schreiben konnten. Warum sie die Grundsschule abschlossen ohne diese Grundfertigkeiten einigermaßen zu beherrschen, ist mir unverständlich, weil seitens der Funktionäre im Bildungswesen der DDR dieser Mangel nicht zugegeben oder öffentlich wurde. Jedenfalls verstanden es diese benachteiligten Menschen ihre Unkenntnisse weitgehend zu verbergen, sie übernahmen in der Gesellschaft sogar Funktionen, in denen sie tonangebend tätig sein mussten. Ein diesbezügliches Erlebnis hatte ich Anfang der 1970er Jahre. Ich besuchte eine mehrtägige Fortbildungsveranstaltung für leitende Mitarbeiter in der Landwirtschaft. Neben mir saß ein etwa 40jähriger Mann, der Melker in einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) war. Es stellte sich heraus, er war außerdem der Parteisekretär der Grundorganisation der SED in dieser Genossenschaft. Er schrieb während der Vorträge nie etwas auf und auch Schulungsmaterial legte er zur Seite ohne es zu lesen. Ich fragte ihn warum, und weil er offensichtlich Vertrauen zu mir gefasst hatte, offenbarte er mir mit der Bitte, es für mich zu behalten seine Schulerlebnisse: „Er habe die Grundschule mit der 6. Klasse abgeschlossen und während seiner Schulzeit so viel geschwänzt und sich selten am Unterricht beteiligt, dass wahrscheinlich seine Lehrer froh waren als er mit 14 Jahren die Schule verließ. Heute bedaure er seinen damaligen Fehler, hatte aber nie den Mut, die Wahrheit zu sagen.“ Ich lernte ihn in den wenigen Tagen als sehr hilfsbereiten, zuvorkommenden und freundlichen Menschen kennen. Ich weiß nicht, ob ich damals richtig handelte, indem ich ihn unterstützte und half, auch während der Fortbildung seine Unkenntnisse in Lesen und Schreiben zu vertuschen. Nach dem Lehrgang verlor ich ihn aus den Augen und mir blieb unbekannt, wie lange er Parteisekretär war. Über unfähige Parteifunktionäre wurden in der DDR hinter vorgehaltener Hand viele Witze erzählt. Ich wollte es aber kaum glauben, dass tatsächlich auch ein Analphabet eine gehobene Funktion übernehmen konnte. Vermutlich war er überaus willig und hatte sich auch nicht getraut, seine Schwächen zuzugeben.

18. Beitrag Schulausflüge

Alle erwachsenen Deutschen haben in ihrem Leben gern oder auch ungern eine Volks- oder Grundschule besucht. Für fast alle waren die Schulausflüge, Wanderungen oder Klassenfahrten schöne Erlebnisse. Seit den 1930er Jahren stiegen die Ansprüche an diese Exkursionen derart, dass nunmehr Auslandreisen zur Normalität gehören. Auch die Wanderstrecken wurden im Laufe der Jahre immer kürzer, es werden lieber Fahrrad, Bus oder Eisenbahn genutzt. An eine Klassenwanderung im Jahre 1942 kann ich mich noch gut erinnern, weil dabei vielleicht auch Besonderes passierte. Es war wenige Tage vor Beginn der „großen Ferien“; ich war in der 4. Klasse und unser Lehrer kündigte an, dass wir in den nächsten Tagen noch eine Wanderung nach Syrau machen und dort die Drachenhöhle besichtigen würden. Die Entfernung betrug knapp 25 Km und ich höre noch seine Worte: „30 Km ist die Tagesstrecke, die unsere Soldaten im Krieg oft mit Gepäck marschieren müssen. Weil wir zurück mit der Eisenbahn fahren, haben wir es besser.“ 8,00 Uhr morgens marschierten wir 20 Kinder los. Unser Lehrer hatte einen Wanderweg in dem Tal, in dem auch die Bahnstrecke Weida - Mehltheuer verläuft, ausgewählt. Uns interessierte weniger die schöne Umgebung und Natur, wir neckten uns gegenseitig und rannten viel hin und her, damit verlängerten wir unsere Laufstrecke beträchtlich. Geschafft von Sonnenhitze und Laufen erreichten wir am späten Mittag das Ziel und waren froh, die kühle Höhle zu besichtigen. Wir hatten alle viel Durst und bei den meisten waren die mitgenommenen Getränke alle, es fehlte aber das Geld etwas Trinkbares zu kaufen. Ein Schulkamerad, der in der Klasse für ausgefallene Streiche bekannt war, trank von dem klaren Wasser in der Höhle. Er meinte, es würde etwas salzig und bitter schmecken. Wir anderen ließen uns nicht zum Gleichtun animieren. Gegen Abend auf der Rückfahrt im Zug, kam es wie es kommen musste. Der „Wassertrinker“ verschwand im Klo des Waggons und wenn wir klopften rief er: „Mein Bauch, mein Bauch, ich muss sterben, ich komm hier nimmer raus!“ Wir getrauten uns nicht, dem Lehrer den Vorfall zu melden. Als der Zug am Bahnhof Hohenleuben hielt, steckte er noch immer im Zugklo. Mit noch einem Schüler blieb ich im Zug vorm Klosett. Der Zug fuhr wieder an und ich sehe noch heute den gestikulierenden Lehrer auf dem Bahnsteig stehen. Auf dem übernächsten Bahnhof schafften wir es auszusteigen, wir mussten 3 Km bis nach Hause laufen. An der Strecke gab es viel Wald, unser Mitschüler hatte Gelegenheit seinen Darm noch gänzlich zu entleeren.

19. Beitrag Lehrer sollen sich an eigene Schulzeit erinnern

 

Ich habe gedacht, dass auf meine Frage: „Wie war das damals? Erzählen Sie von ihrem Schulbesuch!“ mehr Hinweise kommen, weil nach meiner Erfahrung hierüber sehr viele Menschen sehr gern berichten. Darum setze ich meine Erzählungen fort. In meiner Verwandtschaft und in meinem Bekanntenkreis gibt es viele Lehrerinnen und Lehrer. Folglich wird bei Zusammentreffen häufig auch über das Thema Schulbesuch aus deren Sicht gesprochen. Manchmal entsteht aber dabei der Eindruck, dass einige dieser nun selbst Pädagogen nie selbst Schüler waren. Ohne zu „schulmeistern“ denke ich aber, wer das vergisst, der kann kein guter Erzieher sein. So erinnere ich mich an eine Gesprächsrunde in der es darum ging: „Was sollten Pädagogen bei Disziplinlosigkeiten der Schüler tun?“ Mit unnachgiebiger Strenge durchgreifen, oder Einsichten für ordentliches Verhalten einfordern und dabei vielleicht ungewöhnliche Maßnahmen anwenden. Die Meinungen prallten aufeinander und die studierten Lehrer suchten wirksame Methoden wissenschaftlich zu begründen. Als ich daran erinnerte, jeder sollte an die eigene Schulzeit denken, wussten alle über eigene Unartigkeiten in der Schule zu berichten und wurden hinsichtlich Strafen nachdenklich. Im Weiteren erzählte ich eine Episode aus meiner Oberschulzeit in den 1940er Jahren und lieferte Stoff für viele Kontroversen.

Am verständnisvollsten war unser Physiklehrer, den wir „Papa“ nannten. Er hätte durchaus in den Film „Die Feuerzangenbowle“ gepasst. Angeblich konnte er sich als Mittsechziger keine Namen und Gesichter von Schülern mehr merken. Zu Beginn der Unterrichtsstunde zählte er die Anwesenden, verglich mit der Sollstärke und wir sagten ihm die Namen der Fehlenden. Ohne zu prüfen trug er diese ins Klassenbuch ein. Ab Klasse 11 hatten wir aber bei ihm keine Fehlstunden mehr. Wenn wir etwas vorhatten, z.B. schnell „eine rauchen“ oder eine Besorgung, zwangen wir Schüler niedrigerer Klassen, unsere Plätze im Physikunterricht einzunehmen. Bei Leistungskontrollen versuchte der sehr gutmütige Lehrer durch einfache Fragen von den meist ahnungslosen Ersatzleuten doch noch eine Antwort zu bekommen. Für ihn war nur der in seinem Buch vermerkte Name ausschlaggebend. Er tat nur erstaunt, dass bei einer der nächsten Kontrollen der ehemals unwissende Schüler mit diesem Namen plötzlich alles wusste. Ich glaube, der Lehrer durchschaute die Tricks und die Betrügereien, durch seine gespielte Ahnungslosigkeit wollte er sich Ärger ersparen. Trotzdem waren wir während seines Unterrichts diszipliniert und zollten ihm ansonst Respekt. Oft schämten wir uns sogar, weil wir uns gegenüber diesen gutmütigen Menschen so unartig verhielten.

20. Beitrag

Die Schulentlassung nach der 8. Klasse der Volksschule und die Konfirmation im Alter mit 14 Jahren waren in meiner Ostthüringer Heimat bis Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Wendepunkt im Leben. Es begann eine Lehre oder der weitere Oberschulbesuch. Dann wurde in der DDR die Schulpflicht bis Abschluss der 10. Klasse eingeführt und Viele verließen 2 Jahre später die Schule; die Konfirmation (weiter mit 14 Jahren) sollte in vielen Fällen durch die Jugendweihe ersetzt werden.

An meine Konfirmation am Palmsonntag 1946 erinnere ich mich noch gern. Mein Vater ging mit in die Kirche und hatte zur Feier des Tages seinen Zylinder aufgesetzt. Wir marschierten in Begleitung unserer Eltern vom Kirchplatz aus durchs Portal der Kirche und nahmen in den ersten Bankreihen Platz. Es war alles recht feierlich und andachtsvoll, weil es wohl auch die erste Einsegnung nach dem Krieg war.

Aufregender war die Prüfung eine Woche vorm Palmsonntag. Die fand auch in der Kirche vor der gesamten versammelten Kirchengemeinde statt. Unser Pfarrer hatte wahrscheinlich mehr Angst vor einer Blamage als wir. Jedenfalls hatte er uns schon die Prüfungsaufgaben mitgeteilt und wir mussten nur aufpassen, dass wir auch die uns zugedachte Frage erhielten. Es war aber auch möglich, den Nachbarn leise und heimlich vorzusagen. Obwohl es damals eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche gab gehörte für uns, die wir kirchlich gebundene Eltern hatten, der Konfirmandenunterricht zur Schulausbildung. Was ich dort damals z. T. widerwillig lernte, blieb mir im weiteren Leben u. a. Grundlage für meine Allgemeinbildung.

In der Neuzeit sind Konfirmationen oder auch Jugendweihen in fast allen Familien recht große Feste. Bei uns und meinen Schulkameraden gab es in jener Zeit ggf. mit den Paten und einigen Verwandten ein gemeinsames Kaffeetrinken und die Feier war zu Ende. Auch kann ich mich nicht erinnern, dass es reiche Geschenke gab. Ich bekam eine Sprungdeckeltaschenuhr, die zum Aufziehen war und von meinem Großvater stammte. Gesagt wurde damals von den Erwachsenen, dass für uns nun ein neuer Lebensabschnitt beginnt und wir erwachsen wären. Diese Feststellung galt aber schon nicht mehr, als wir Konfirmanden am Abend des denkwürdigen Tages in eine Gaststätte gehen und später als sonst nach Hause kommen wollten. In diesem Falle blieben wir Kinder.

Öffentliche Jugendweihefeier in der DDR

In der DDR wurden ab Ende der 1960er Jahre nur noch wenige Kinder konfirmiert, um in der Regel deren künftige Berufskarriere und Bildungschance nicht zu beeinträchtigen. Mit aufwendigen Veranstaltungen versuchte man einen Ersatz für die kirchlichen Feiern zu bieten. Ob die Losungen die Kinder überzeugten ist fraglich. Mit Schaffung der Polytechnischen Oberschule war ohnehin der allgemeine Schulabschluss 2 Jahre später als Konfirmation bzw. Jungendweihe.

21. Beitrag

Der Ortschronist meines Heimatortes Hohenleuben - F.W. Trebge - hat in der regionalen Zeitung „Leubatalanzeiger“ sehr interessante Aspekte zu „Klassentreffen“ veröffentlicht und mir erlaubt, diese in einem Beitrag zum Thema Schulerinnerungen bei „Spiegelonline“ zu verwenden. Er bringt u. a. folgende Gedanken, die ich mit meinen Erlebnissen ergänze, zum Ausdruck:

Es besteht ein wachsendes allgemeines Bedürfnis sich nach mehreren Jahren nach der Schulentlassung wieder einmal zu treffen und Erinnerungen und Gedanken auszutauschen. Gegenwärtig führen in unserem Heimatort alle Entlassungsjahrgänge seit 1946 regelmäßige Klassentreffen durch.

Zunächst war der Anlass der 20., 25 oder 50. Jahrestag der Schulentlassung. Dann haben sich aus einigen ersten Jubiläumstreffen auch häufigere Treffen entwickelt. Probleme bereitete in der DDR-Zeit die Teilnahme von Klassenkameraden aus der BRD, die von offizieller Stelle nicht gern gesehen war, obwohl kein direktes Verbot bestand. Waren aber solche Freunde eingeladen und anwesend, konnten ihrerseits einige DDR-Bürger nicht teilnehmen, weil bestimmten Berufen (Volkspolizei, Volksarmee, sogen. Geheimnisträgern) Kontakte zu BRD-Bürgern mit persönlichen Konsequenzen untersagt, bei anderen Staatsangestellten zumindest unerwünscht waren. Ich traf mich mit meiner Klasse erstmals 40 Jahre nach unserer Schulentlassung in den 1980er Jahren wieder. Wir hatten auch eine Schulkameradin aus dem Westen, die gern kam, eingeladen, folglich mussten einige Schulkameraden unserem Treffen fernbleiben.

Zu den Motiven dieser Treffen wird an erster Stelle das Anliegen angegeben, Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und Ereignisse austauschen zu wollen. Verwiesen wird auch auf das mit zunehmendem Alter wachsende Bedürfnis, frühere Lebensorte und -stationen „noch einmal“ oder „wieder“ aufzusuchen. Gern will man im Übrigen den erreichten Stand der gegenseitigen Lebensverhältnisse kennenlernen, austauschen und vergleichen („Seht was aus uns geworden ist!“). Zur Schulentlassungsfeier und den Klassentreffen gehört ein Gruppenfoto. Wir konnten 1946 unsere jugendliche Schönheit nicht im Bild festhalten, denn die Fotoapparate waren damals von den Amerikanern konfisziert worden. Auf dem Bild nach 42 Jahren waren wir dann gereifte Leute geworden. Die Erinnerung an einzelne Namen fiel oft schwer, aber die Gesichter gaben es schließlich her – „ach, das ist die und die oder der und der“. Im Mittelpunkt steht aber die häufige Frage: „Weißt du noch?“

 

22. Beitrag

Jetzt in der Vorweihnachtszeit drängt es mich einige Gedanken zu äußern, wie ich diese Zeit in den letzen Kriegsjahren in der Schule erlebte. Unbeschreiblich ist unser Glück, dass wir 66 Jahre lang in unserem Land von einem Krieg verschont blieben. Trotzdem sollten wir nicht vergessen: „Deutsche Soldaten sind in Afghanistan im Kriegseinsatz; wobei allerdings Parallelen zu damals stark übertrieben wären.“ Ich erinnere mich, dass wir in der Adventszeit 1943/44 in der Schule kleine Pakete für die Soldaten an der Front packten und abschickten. Sie enthielten Plätzchen, Stollen und Süßigkeiten, von den Mädchen selbstgestrickte Handschuhe, selbstgebastelten Weihnachtsbaumschmuck und ähnliches. Die Gaben mussten mit viel Bedacht zusammengestellt werden, denn es gab für die Päckchen Gewichtsbeschränkungen. Am Heiligabend sendeten dann fast alle Radiosender recht rührselig aufgemachte Wunschkonzerte, in denen auch darüber berichtet wurde, wie diese Päckchen bei den Soldaten ankamen. Wir warteten am Radio gespannt darauf, dass vielleicht zufällig auch wir als Absender mit genannt werden würden. . Mit dem heutigen Abstand weiß ich, dass diese Rundfunksendungen nur propagandistischen Zwecken dienten, was ich damals meinen Eltern nicht glauben wollte. Gedanken machte ich mir damals auch über die unterschiedliche Interpretation des Weihnachtsfestes aus christlicher und nationalsozialistischer Sicht. Ich lernte in der Schule: „Die religiösen Inhalte des Weihnachtsfestes basieren auf einer falschen Geschichtsinterpretation. Nur das germanische `Mittwinterfest Jul`, das am 25. Dezember gefeiert wird, beinhaltet die echten für uns nachahmenswerten Bräuche.“ Obwohl ich ein überzeugter Pimpf und Jungzugführer des Deutschen Jungvolks war, konnte aber auch ich mich der stärkeren Wirkung des christlichen Weihnachtsfestes nicht entziehen. Dazu beigetragen hat meine Großmutter, die eine sehr gläubige Frau war und viele schöne Geschichten von der christlichen Weihnacht zu erzählen wusste. Außerdem nannten wir damals in der Schule den Christbaum nur Tannen- oder Weihnachtsbaum. Als Christbäume bezeichneten wir die leuchtenden Zeichen am nächtlichen Himmel, die die feindlichen Bomber zur Markierung ihrer Ziele setzten.

4. Bilder für verschwundene Berufe

Kohlearbeiter beim Entladen aus dem Güterwaggon

Zwei Kohlearbeiter stehen vor der Güterlore, mit der die Briketts oder Braunkohle antransportiert wurden. Sie schaufelten direkt im Waggon die Kohlen zum Abfüllen der Jutesäcke (Inhalt 50kg) in den Behälter der in der Lore stehenden „Schüttwaage“.

Die Arbeiter luden die Kohlesäcke auf einen Pferdewagen (vom Wagen ist auf dem Bild - Kasten und Rad, hinten rechts – zu sehen), fuhren zu den einzelnen Kunden und trugen dort die Säcke in die Keller, Hausböden oder Wohnungen.

Markttreiben und Marktfrauen in den 1930er Jahren – Domplatz Erfurt

Den Begriff Marktfrau gibt es bis heute – aber die Bezeichnung Marktmann ist in der deutschen Sprache nicht üblich. Ich habe in der Neuzeit die Verkäuferinnen an den Marktständen auf dem Domplatz in Erfurt gefragt, ob sie sich auch als Marktfrauen bezeichnen lassen würden? Fast alle antworteten: Wir sind Gemüse-. Obst-, und Blumenverkäuferinnen. Deshalb wäre auch Marktfrau im weitesten Sinne zu den verschwundenen Berufen zu zählen. Auf den Bildern (aufgenommen in den 1930er Jahren) sind zu sehen: Markttreiben, Marktfrauen an ihren Ständen ohne Überdachung, Fuhrwerke mit denen die Erzeugnisse zum Markt gebracht wurden, die einfache Ausstattung der Stände und Kundinnen mit damals typischen Tragkörben – heute gibt es hierfür Rucksäcke.  

Klingelmann in der Thüringer Kleinstadt Zeulenroda

 

Das Titelbild der „Zellröder Geschicht´n“ Verlag A. Oberreuter in Zeulenroda, Ausgabe von 1930 (Auszug aus Heimatblättern des Reußischen Anzeigers von 1924), zeigt die Zeichnung eines „Klingelmanns“. Ein Angestellter der Stadtverwaltung, der mit einer Klingel in der Hand durch dich Straßen ging, um wichtige Bekanntmachungen öffentlich zu verlesen. Er schwenkte die Glocke und deren Ton rief die Bewohner zur Aufmerksamkeit. Oft wurden Veteranen hierfür angestellt, die dann gern ihre Uniform zeigten.

„Bahnsteigperre“ mit Häuschen für den „Fahrkartenkontrolleur und –knipser“

Die Fahrgäste der Deutschen Reichsbahn konnten in den 1930/40er Jahren z. B. die Bahnsteige nur über festgelegte Durchgänge - so genannte Sperren – erreichen und verlassen. Hier wurden die Fahrkarten kontrolliert, geknipst oder beim Verlassen des Bahngeländes abgegeben. An Haltepunkten oblag diese Aufgabe dem dortigen einzigen Angestellten, den Bahnhofsvorsteher. Auf größeren Bahnhöfen befand sich, wie auf der Mitte des Bildes zu erkennen ist, am Bahnsteigzu- und -abgang ein kleines Häuschen (ähnlich einem Schilderhäuschen), in dem sich der Fahrkartenkontrolleur postierte. Die Reisenden mussten grundsätzlich diese Kontrollstelle passieren.

Repassieren

Die Stadt Zeulenroda in Thüringen war in den 1920/30er Jahren weltweit durch seine Möbelindustrie und Gummistrumpfwirkerei bekannt. In den Fabriken, in denen die Qualitätsgummistrümpfe hergestellt wurden, musste die Ausschussware gering gehalten werden. Viele junge Frauen mit guten Augen repassierten per Hand fehlerhafte Strümpfe. Auf dem Bild sind die Arbeitsplätze der „Repassiererinnen“ in einem Fabriksaal der Fa, Julius Römpler zu sehen.

Milchmann mit Pferdegespann

In den dreißiger und vierziger Jahren fuhr in unserer Kleinstadt in Ostthüringen der Milchmann, mit einem Pferd, das vor dem Tafelwagen gespannt war, die Milch aus. Aus den großen Kannen, die auf dem Wagen zu sehen sind, wurde die Trinkmilch geschöpft und in die von den Kunden mitgebrachten Krüge gefüllt. Alles geschah unter freiem Himmel bei Sonnenschein, Wind und Regen. Nach den heutigen hygienischen Bestimmungen undenkbar.



Pferdekutscher mit Gespann

Den Beruf Pferdekutscher gibt es heute noch im Zusammenhang mit Kutschfahrten bei besonderen Anlässen wie beispielsweise Hochzeiten oder Stadtbesichtigungsfahrten. Während meiner Kindheit in den dreißiger und vierziger Jahren war diese Berufsgruppe in der Landwirtschaft, beim Transport von Gütern wie zum Beispiel Kohlen, Stückgut und besonders Bierfässern, geachtet und gefragt. Sie machten Front gegen die vermehrt an Ansehen gewinnenden Kutscher der motorisierten Droschken. In Bauernwirtschaften zeigten sie sich – wie auf dem Bild von 1942, aufgenommen im thüringischen Kreis Greiz, zu sehen ist – stolz mit ihrem Pferdegespann. Sie ließen sich nicht gern Pferdeknechte nennen, weil sie auch ihre Distanz zum Ochsen- und Stallknecht hervorkehrten.



Waschküche

Meinen Beitrag über den Beruf der Waschfrau vom 29. Juli 2010 zum Thema "Verschwundene Berufe" will ich durch ein Bild ergänzen. Aufgenommen im Jahr 2000 im Freilichtmuseum Hohenfelden bei Erfurt, zeigt es eine Waschkücheneinrichtung aus den vierziger Jahren mit typischem Waschkessel, einer Zinkwanne mit an der Seite angebrachter Wringmaschine, einem Rumpelbrett und mit Hahn und Schlauch für fließendes Wasser. Der Kessel diente damals nicht nur dem Kochen der Wäsche, sondern wurde während des sogenannten Schlachtfestes auch zum Kochen von Fleisch und Würsten sowie für die Herstellung von Zuckerrübensirup genutzt.



Viehzuchtbrigadier und Tierpfleger in einem Schweinestall einer LPG

Im Beitrag „verschwundene Berufe“ über Zootechniker und Viehzuchtbrigadier in den LPG der DDR wird die Aufgabenstellung dieser Berufe kurz charakterisiert. Auf dem Bild wird gezeigt, wie in einem Schweinestall die Ferkel durch die Tierpfleger dem Verantwortlichen für die Tierproduktion vorgestellt werden. Er prüft die in das Ohr der Ferkel tätowierte Nummer; diese Kennzeichnung wird durchgeführt, um für die Einzeltiere Gewichtszunahmen und Entwicklung zu dokumentieren. Danach erfolgt eine Auswahl für die Zucht oder Mast.


Das alte Wasserwerk – Wohn- und Hauptwirkungsstätte des Wassermanns -   in Hohenleuben- Reichenfels im Schlosswiesengraben gelegen und der Wasserturm, beide Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, wurden 1973 stillgelegt und 1988 unter Denkmalschutz gestellt.  

 

Ein still gelegter Steinbruch befand sich – wie auf dem Bild zu sehen – unterhalb der Burgruine Reichenfels. Die Steinabbrucharbeiten mussten hier beendet werden, da sonst Gefahr für das denkmalgeschützte Burggelände bestand. Auf dem Bild glaubt man eine landschaftliche Idylle zu erkennen, die bestimmt nicht vorhanden war, als der Steinbruch noch im Betrieb war. Der auf dem Bild erkennbare weiße Betonklotz war das Werksgebäude in dem der Rohstein zu Pflastersteinen und Schotter verarbeitet wurde.

Dentistenpraxis
Dentistenpraxis
Eingestricktes Steingutgefäß - Rastelbinder
Eingestricktes Steingutgefäß - Rastelbinder
Schmiede
Schmiede