Erst Bodenreform, dann Bildung der LPG - wer erinnert sich an die damaligen Ereignisse?

Bei einem Besuch im „Deutsches Landwirtschaftsmuseum Schloss Blankenhain“ sah ich diese Plakate, die ich fotografierte. Ich erinnere mich, diese Propagandaaushänge 1946 als Fünfzehnjähriger gesehen zu haben. Die 1945 in der SBZ gegründete LDPD hatte in meinem Heimatort 1946 viele Mitglieder und unterstützte die Bodenreform. In der Schule wurde uns die Verbindung zwischen

Bauernkrieg 1525 und der aktuellen Notwendigkeit der Bodenreform erläutert.

Die Zeitzeugen, die sich an die Bodenreform in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) und die beginnende Bildung von LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) in der DDR erinnern können, werden zunehmend weniger. Es sind die in den 1920er/1930er Jahren Geborenen. Ich befragte nach der Wende bis heute mir bekannte Akteure nach ihren Erlebnissen zu diesen Ereignissen. In den meisten Fällen erhielt ich die Antwort: „Das ist für mich ein abgeschlossenes Kapitel, darüber will ich nicht mehr sprechen.“ Ich will deshalb die Möglichkeiten im Fundbüro nutzen Zeitzeugen aufzufordern Erinnerungen niederzuschreiben und ggf. Bilder zu zeigen.

1. Beitrag

In den Nachkriegsjahren erfuhren wohl alle Menschen in Deutschland Einschnitte in ihr bisheriges vertrautes Leben. Besonders spürbar war dies, als sich in der SBZ ab 1945 die Eigentumsverhältnisse grundlegend änderten. Auf dem Lande, wo ich damals als Jugendlicher lebte, war es die Bodenreform, nach der entsprechend der Beschlüsse der Siegermächte Großgrundbesitzer und Kriegsverbrecher enteignet werden sollten. Diese Beschlüsse wurden aber bekanntlich mit zaghaften schnell aufgegebenen Anfängen in der französischen Zone nur in der SBZ umgesetzt. Ich erinnere mich, dass man gleich 1945 begann, die Landwirtschaftsbetriebe nach der Größe ihrer Wirtschaftsfläche neu einzustufen, wir erfuhren die Begriffe: „Landarmer Bauer“ – weniger als 5 ha; „Kleinbauer“ – um die 5 ha; „Mittelbauer“ – bis ca. 10 ha; „Großbauer“ – über 10 ha und „Großgrundbesitzer“ - über 100 ha. Neben verurteilten Kriegsverbrechern wurden Letztere nach den Beschlüssen der Bodenreform enteignet und das Land bekamen die Ersteren sowie „Neubauern“. Wir brauchten eine Weile diese Einteilung zu begreifen, merkten aber, sie diente auch politisch dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse auf dem Lande zu Gunsten der Klein- und Neubauern neu zu ordnen. So wurden Mittel- und Großbauern mit sehr hohem Abgabesoll für landwirtschaftliche Erzeugnisse belegt – sie konnten es manchmal nicht aufbringen und wurden dann sehr hart bestraft. In meinem Heimatort wurden   der Grundbesitz der Fürsten Reuß (über 100ha) und das einzige größere Gut enteignet. Der Besitzer hatte neben seiner Landwirtschaft ein Fuhrunternehmen. Er wurde als „Naziunterstützer“ verurteilt, er hatte beim Autobahnbau in den 1930er Jahren zahlreiche Aufträge erhalten. In dem Gebäude des Gutes wurden die ersten Neubauernstellen eingerichtet, wobei es bei der Aufteilung der Tiere, landwirtschaftlichen Geräte und Ställe sehr viel Streit gab.

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Briefmarken zur Bodenreform 1945

Beim Auffrischen meiner Erinnerungen an die Bodenreform fand ich in meinen Unterlagen diese Briefmarken, die im Dezember 1945 in der Provinz Sachsen herausgegeben wurden. Dieses Motiv – pflügender Bauer und im Hintergrund aufgehende Sonne - war damals auf fast allen Propaganda – Plakaten und Agitationsmaterial zu diesem Ereignis zu sehen. Zyniker deuteten das Bild in untergehende Sonne um und sagten damals: „Man sieht, mit der Bodenreform geht die Landwirtschaft unter.“ Diese Äußerung in der Öffentlichkeit hätte aber sogar eine Bestrafung nach sich ziehen können. Mir ist jedoch im Gedächtnis, dass es damals von der Bevölkerung vielfach Zustimmung zu dieser Reform gab. Mit Betroffenen, die enteignet wurden, hatte ich keine persönlichen Verbindungen. Im Übrigen kosteten damals ein normaler Brief 12 und eine Postkarte 6 Reichspfennige Porto.

 

3. Beitrag

In den Ostgebieten des ehemaligen Großdeutschen Reiches mussten 1945 viele Menschen ihre bisherige Heimat verlassen; sie hießen in den Westzonen und der BRD Flüchtlinge oder Vertriebene. In der SBZ und DDR durften sie nach sowjetischem Befehl nur Umsiedler genannt werden. Ich erinnere mich, dass wir in Thüringen damals aber auch von Flüchtlingen sprachen. Gerade diesen Menschen konnte man durch die Bodenreform mit der Schaffung von Neubauernhöfen vielfach eine neue Existenzgrundlage geben. In meinem Heimatort entstanden im Rahmen der Bodenreform 6 Neubauernstellen, die je 5 ha Ackerfläche, 1.5 ha Wiese und 2 ha Wald erhielten. Dafür wurden 3 neue Höfe gebaut. Es waren Typenbauten, in denen in einem Gebäude Wohnung, Stall und Scheune untergebracht sind. Inzwischen wurden diese ursprünglichen Neubauergehöfte vielfach umgebaut und werden auch nicht mehr landwirtschaftlich genutzt, weil vor allem mit der Entstehung von LPG diese kleinen Stalleinheiten nicht mehr, oder nur noch für individuelle Tierhaltung benötigt wurden. Wir waren zwar keine Flüchtlinge, aber der Kleinbauernhof meiner Großeltern hätte sich durchaus für die Einrichtung einer Neubauernstelle geeignet. Mein Vater sagte aber: „Ich nehme kein Land, das bisher anderen gehörte. Ich würde mich schämen, wenn ich mir diesen Besitz aneigne“; deshalb wurden wir keine Neubauern. Damit war ich damals gar nicht einverstanden, denn ich wollte als Kind immer Bauer werden. Noch in der Zeit der deutschen Siege in Russland träumte ich davon, Verwalter eines großen deutschen Ritterguts in der Ukraine zu werden. Diese Träume musste ich 1945 vergessen und mich neu orientieren.

Neubauernhöfe

Neubauernhöfe – Typenbauten

Als Neubauernhöfe wurden Typenbauten entwickelt, in denen in einem Gebäude Wohnung, Stall und Scheune untergebracht sind. Drei dieser typischen Gehöfte wurden in meinem Heimatort in Thüringen errichtet, um den Bauern, die keine geeigneten Gebäude hatten, einen schnellen Neuanfang zu garantieren. Inzwischen wurden diese ursprünglichen Neubauergehöfte vielfach umgebaut und werden auch teilweise nicht mehr landwirtschaftlich genutzt, weil vor allem mit der Entstehung von LPG diese kleinen Stalleinheiten nicht mehr, oder nur noch für individuelle Tierhaltung, benötigt wurden.

4. Beitrag

Plakat - gegenseitige Bauernhilfe

Bereits im Herbst 1945 wurden in der SBZ Ausschüsse der gegenseitigen Bauernhilfe gebildet, die dann in die Massenorganisation „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“ (VdgB) übergingen. Die Ausschüsse waren gleichzeitig Kommissionen für die Bodenreform. Ich erinnere mich noch an die Plakate, mit denen in den 1940er Jahren für die gegenseitige Bauernhilfe geworben wurde und an die Fahne dieser Bauernorganisation, die in der oberen rechten Ecke des Bildes zu sehen ist. Das Plakat ohne die VdgB Fahne fotografierte ich im „Deutsches Landwirtschaftsmuseum Schloss Blankenhain“. Anfang der 1950er Jahre wurden die „Bäuerlichen Handelsgenossenschaften“ (BHG) integriert. Ich entsinne mich, dass wir auf dem Lande gern in den Geschäften dieser Organisation einkauften. Hier bekam man auch Saatgut, Düngemittel, landwirtschaftliche Geräte und Bedarfsgegenstände, die teilweise Mangelware waren und über Berechtigungsscheine abgegeben wurden. Klein- und Neubauern, die durch die Bodenreform Land bekommen hatten, wurden bevorzugt beliefert.

5. Beitrag

MAS (Maschinen Ausleihstation) Traktoren und „Ableger“

Durch die Bodenreform bekamen 1946 die Neubauern zwar Ackerland, Wiesen und Wald, aber es fehlte allenthalben an Traktoren, landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten. Verstärkt war dies in Gegenden, in denen Großgrundbesitzer enteignet wurden, die in der Regel keine eigenen Güter bewirtschafteten. In meinem Heimatort betraf dies die Feld-, Wald und Wiesenflächen der Fürsten Reuß. Um dieser Situation des Zugmaschinen- und Gerätemangels zu begegnen, richtete man MAS (Maschinen Ausleihstationen) auch z. B. in unserem Nachbarort Langenwetzendorf ein. Von hier aus wurden dann mehrere Dörfer versorgt. Die MAS fungierten gleichzeitig als „Agitationsstützpunkte“ der neu gegründeten SED, um die Ziele dieser Partei unter der Bauernschaft zu propagieren. Ich entsinne mich, dass die Bauern damals sehr über die hohen Preise der MAS – Leistungen klagten; sie waren aber darauf angewiesen, um z. B. u. a. mit den abgebildeten Traktoren und dem „Ableger“ für Garben die Feld und Erntearbeiten durchführen zu können - im „Deutschen Landwirtschaftsmuseum Schloss Blankenhain“ zu sehen.

6. Beitrag

Plakat der Nationalen Front – Frühjahrsbestellung

Im Mai 1949 wurde in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone)

die NF (Nationale Front) gegründet, sie wirbt von Anfang an auf Plakaten für die MAS (Maschinen Ausleihstation) und gute Arbeit auf dem Lande.

Nach der Bodenreform traten auf dem Lande bei Bestell- und Erntearbeiten mancherorts Schwierigkeiten auf. Ich erinnere mich, dass damals auch alle selbstverständlichen, notwendigen landwirtschaftlichen Arbeiten mit Losungen für Frieden und nationale Einheit verbunden wurden.

7. Beitrag

Landwirtschaftliche Geräte aus der „Neubauernzeit“

Auf Befehl der SMAD (Sowjetische Militäradministration) wurden 1948 rigoros die landwirtschaftlichen Geräte aus dem Besitz der enteigneten Güter den Neubauern zugeteilt, doch sie reichten nicht aus und waren auch vielfach veraltet. Eine gegenseitige Hilfe – das erlebte auch ich - funktionierte nicht überall. Es waren damals teilweise noch recht einfache Maschinen und Geräte im Einsatz. Ich sah eine Auswahl davon im Deutschen Landwirtschaftsmuseum Schloss Blankenhain und musste daran denken, wie schwierig und zeitaufwendig es war, damit zu arbeiten. Auf den Bildern  sind dargestellt: Selbstbinder, Traktor mit Mähbalken, Pflüge und Sämaschine. Einige Städter meinten damals, in der Landwirtschaft ihre Ernährungsgrundlage aufbessern zu können und gingen deshalb aufs Land. Sie hatten oft wenig Ahnung von landwirtschaftlichen Tätigkeiten und ich erinnere mich, dass ich selbst als Halbwüchsiger ihnen manches lehrte. Diese Situation zeigte sich auch später nach der LPG-Gründung in der Aktion: „Industriearbeiter aufs Land“.

Traktor mit Mäbalken
Traktor mit Mäbalken
Pflüge
Pflüge
Sämaschine
Sämaschine

8. Beitrag

Die Landwirtschaftspolitik in der SBZ und der jungen DDR offenbarte manche Ungereimtheiten. Die an anderer Stelle beschriebene Bevorzugung der Neu- und Kleinbauern und die Festsetzung des Ablieferungssolls für landwirtschaftliche Erzeugnisse für alle Bauern ließen z. B. einige sehr bürokratische Maßnahmen erkennen.    Die Menge der als so genanntes Soll abzuliefernden landwirtschaftlichen Produkte wurde grundsätzlich nach der bewirtschafteten Acker- und Wiesenfläche berechnet. Ohne Rücksicht auf die vorhandene Tierhaltung mussten alle Erzeugnisse im entsprechenden Anteil auf der Grundlage dieser Berechnung abgegeben werden. Meine Schwiegereltern hatten in einer Kleinstadt in Ostthüringen ein Kohlengeschäft und bewirtschafteten ungefähr 6 ha Äcker und Wiesen. Der Landwirtschaftsbetrieb war schon in den 1920er Jahren gegründet worden, um die für das Geschäft erforderlichen Pferde zu ernähren. Das nicht für den Eigenbedarf benötigte Getreide und die Hackfrüchte wurden verkauft. Stallungen waren deshalb nur für die Pferde und 2 Schweine, die jährlich hausgeschlachtet wurden, vorhanden. Trotzdem musste der Betrieb Fleisch, Milch und Eier in der behördlich berechneten Menge abliefern. Meine Schwiegereltern suchten sich deshalb ab 1946 Jahr für Jahr andere Bauern als Tauschpartner, für die sie Getreide- und Kartoffelsoll übernahmen und die dann hierfür anteilmäßig die geforderten tierischen Produkte ablieferten. Anträge, in diesem Rahmen behördlicherseits entsprechende Reglungen zu treffen, blieben erfolglos mit dem Bescheid: Die Ernährung der Bevölkerung kann nur gesichert werden, wenn jeder Bauer die Erzeugnisse im geforderten Anteil aufbringt. Das Beispiel meiner Schwiegereltern war kein Einzelfall, ich kannte einige Bauern, die durch Ernteausfall bestimmter Erzeugnisse, Tiererkrankungen oder ähnliches ihr Soll nicht nach geforderten Anteilen erfüllen konnten; ihnen drohten sogar Bestrafungen, wenn es ihnen nicht gelang durch Tausch Ausgleich zu schaffen.  

9. Beitrag

Nach dem Krieg war die Lebensmittelversorgung in Deutschland katastrophal geworden. Die besetzten Gebiete, die man bisher ausbeuten konnte, gab es nicht mehr und die Produktion der eigenen Landwirtschaft reichte zur Selbstversorgung nicht aus. In der SBZ war der Anteil der landwirtschaftlichen Nutzflächen größer als in den Westzonen, deshalb war anfangs im Osten die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln besser. Das änderte sich in den Folgejahren und außerdem war in der SBZ die landwirtschaftliche Produktion rückläufig. Einige Historiker machen die Bodenreform und Enteignung der Großgrundbesitzer dafür verantwortlich. Generell und nach statistischen Unterlagen mag das stimmen, aber nach meiner Erfahrung als Zeitzeuge entstanden die Versorgungsengpässe auch durch die Schwarzmärkte und die Ungereimtheiten in der Verteilung und im Handel. Besonders in den Städten hungerten die Menschen und sie gingen aufs Land „hamstern“ oder tauschten alles was sie aus ihrem Besitz für entbehrlich hielten bei den Bauern gegen Lebensmittel ein. Ich kannte Landwirte deren Wohnzimmer vollgestopft mit Hausrat, Tafelsilber, Teppichen, Kunstgegenständen und vielen anderen Dingen waren. Sie nutzten die Not dieser Menschen und bereicherten sich. Dazu gab es Betrügereien bei den Pflichtablieferungen der landwirtschaftlichen Produkte, weil diese in den Schwarzhandel wanderten. Dabei machten auch die behördlich geförderten Neubauern mit. Ertappte wurden in der SBZ verhältnismäßig hart bestraft, aber das Mitleid der Bevölkerung hierüber hielt sich in Grenzen. Es gab aber auch viele solide Bauern, die ohne Gegenlieferungen halfen so gut sie konnten. Bei meiner Großmutter ging niemand wieder vom Hof, der nicht wenigstens eine Scheibe Brot oder einige Kartoffeln erhielt. Besonders Pfiffige nutzten aber auch manchmal diese Gutmütigkeit aus.

10. Beitrag

In diesem Jahr – 2012 - könnte „60 Jahre LPG“ gefeiert werden, aber diese Genossenschaften existieren nunmehr seit über 20 Jahren nicht mehr. Daher sind das keine Gründe zu feiern, aber man sollte sich unbedingt erinnern. Im Jahre 1952 studierte ich in Leipzig Veterinärmedizin. Viele meiner Kommilitonen kamen vom Lande und von einigen waren die Eltern Neubauern. Ich entsinne mich, dass im Wintersemester jenes Jahres eine Mitstudentin im Seminar für Gesellschaftswissenschaften davon sprach, dass sich in ihrem Dorf eine „Landwirtschaftliche Genossensaft“ gründen würde. Wir hatten in der Zeitung einiges von der im Juli 1952 stattgefundenen Parteikonferenz der SED gelesen, wo derartige Vorhaben beschlossen worden waren. Es freute uns mit Jemanden zu diskutieren, der das Geschehen direkt erlebte. Ich weiß noch genau, dass sich die Mehrzahl sehr kritisch dazu äußerte. Man wollte einfach nicht verstehen, dass man erst vor 5 Jahren das Land großer Bauernwirtschaften in kleine Parzellen aufgeteilt und deren große Stalleinheiten abgerissen hatte. Mit kleinen Betrieben, so hatte bisher die SED propagiert, könnte die Versorgung der Bevölkerung am besten gesichert werden – unter uns machte sich große Skepsis breit. Wir, die meisten Studenten, äußerten damals auch offen, dass dies eine erneute Enteignung sein könnte. In jener Zeit sollte die Sowjetunion auf allen Gebieten das unwiderlegbare Vorbild sein. Überzeugen, dass dieser Zusammenschluss im Sinne der Bauern geschehe, wollte man uns deshalb 1952 mit der Aussage im „Leninschen Genossenschaftsplan“: „Der genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauern muss sich unter strengster Einhaltung des Prinzips der Freiwilligkeit vollziehen.“ Welche Erlebnisse ich dazu in der DDR hatte, werde ich in weiteren Hinweisen darstellen.

11. Beitrag

Neubauernhof - Typenbau

Dieser Typenbau eines Neubauernhofes zeigt, dass Stallteil und Scheune relativ klein sind. Sie reichten aus für die Tiere, die nach „Viehhaltungsplan“ gehalten werden mussten. Neben dem Ablieferungssoll für landwirtschaftliche Produkte war damals vorgeschrieben, wie viele Rinder und Schweine pro Hektar Nutzfläche mindestens gehalten werden mussten, ohne Rücksicht darauf, ob die Futtergrundlage ausreichte oder nicht. Ich kannte Neubauern, die wenig Ahnung von der Landwirtschaft hatten; für diese war die Sollerfüllung der Erzeugnisse, die Vorrang hatte, besonders problematisch. Wegen oft geringer Milchleistung ihrer Kühe oder der Mastleistung der Schweine mussten sie eine größere als nach Plan vorgeschriebene Anzahl Tiere halten, für die dann das Futter nicht ausreichte. Andererseits waren die Viehhaltungspläne, die es bis zum Ende der DDR gab, jedoch ein Widersinn. Es wäre oft richtiger gewesen, die nach Plan vorgegebene Tierzahl zu verringern und der vorhandenen Futtergrundlage anzupassen. Damit hätte man die Leistungen der Tiere voll nutzen und steigern sowie letztlich bessere Ergebnisse erzielen können.

12. Beitrag

Als ich kürzlich, jetzt 2012, einige zur Wendezeit Geborene auf dem Lande aber auch in der Stadt aufgewachsene junge Leute fragte: „Was wisst ihr über die LPG Gründung, den so genannten sozialistischen Frühling auf dem Lande, die LPG Typen I bis III und die Offenställe?“ Da bekam ich nur unkonkrete Antworten. Es war mir eine Bestätigung für die bereits vielfach veröffentlichte Realität, dass sich viele Jugendliche kaum für die Geschichte der Zeit ab Mitte des vorigen Jahrhunderts interessieren und wahrscheinlich auch im Schulunterricht wenig darüber erfahren. Ich hörte auch mehrfach: „Muss man denn das überhaupt wissen?“ Sei es wie es sei, ich will das „Fundbüro“ nutzen, einige Erlebnisse zu diesen Fragen darzustellen. In meinem Heimatort wurde die neue Landwirtschaftspolitik der jungen DDR 1952 durch einen „Örtlichen Landwirtschaftsbetrieb“ (ÖLB) eingeleitet, weil ein Bauer mit seiner ganzen Familie in die BRD flüchtete und seinen Hof (über 10 ha) unbewirtschaftet zurück ließ. Über die Fluchtgründe gab es einige Gerüchte, aber sie sollen nicht politisch motiviert gewesen sein und blieben nach meinem Wissen ungeklärt. Dieser Landwirtschaftsbetrieb war dann die Grundlage für die am 16.10.1952 gegründete LPG „Neues Leben“ Typ I, die dritte im damals neu entstandenen Kreis Zeulenroda. Bei diesem LPG Typ I bewirtschafteten die Bauern nur die Felder gemeinsam. Im Typ II waren es die Felder und die gesamte Technik, während im Typ III, der höchsten Form, Vieh, Felder, Wiesen, Technik - also alles zum Landwirtschaftsbetrieb gehörende - zusammengeführt wurde. Schon nach 4 Wochen beschlossen die 5 zu den LPG Gründern in meinem Heimatort gehörenden Betriebe zum Typ III über zu gehen. Sie wollten damit auch die damals den neu gegründeten LPG gewährten Vorteile voll nutzen. Als 3 weitere gestandene „Mittelbauern“ eintraten und ein erfahrener Landwirt den Vorsitz der Genossenschaft übernahm, erzielte man gute Produktionsergebnisse. Außer in dem 1954 neugebauten etwas größeren Schweinestall, waren die übrigen Nutztiere noch in den Stallungen der einzelnen Gehöfte untergebracht. Ende der 1950er Jahre wurden, abweichend von der bisherigen Freiwilligkeit, alle Bauern staatlicherseits unter Druck gesetzt, um in die LPG einzutreten. In diesem Rahmen bildete sich in meinem Heimatort Anfang 1960 eine weitere LPG Typ I, in die dann alle bisherigen „Verweigerer“ eintraten und der Ort wurde am 01.04.1960 „vollgenossenschaftlich“; das bedeutete, der „sozialistische Frühling“ war eingez

13. Beitrag

1960 zog angeblich der bis heute viel diskutierte so genannte sozialistische Frühling über das Land. Die Dörfer wurden „vollgenossenschaftlch“. Das Ereignis wurde auch „Zwangskollektivierung“ genannte, eine Wortprägung, die ich jedoch ablehne. Ich erlebte, dass in Gemeinden, in denen eine vorbildliche LPG arbeitete, die Bauern, die bisher noch abseits standen, bis 1960 freiwillig dieser Genossenschaft beitraten. Andererseits, das erfuhr ich auch, wurde durch Partei, staatliche Organe und deren Agitatoren, mancher Druck ausgeübt. Ein Erlebnis aus dieser bewegten Zeit hat mich sehr erschüttert: Ich besuchte in meinem Praxisgebiet einen Einzelbauern, der einen ca. 10 ha großen Betrieb bewirtschaftete. Der über 80jährige Mann saß in seiner Stube – alt, gebrechlich und scheinbar geistesabwesend. Neben ihm stand eine junge Frau, ca. 40 Jahre alt, die mir empört erzählte: „Jetzt will man uns auch in die LPG zwingen und damit ist alles verloren! Da habe ich extra den Alten geheiratet, damit ich mal Land besitze und unabhängig bin und jetzt nimmt man mir alles weg.“ Der Bauer ließ die Schimpftirade unbeteiligt über sich ergehen; er hörte solcherart hartherzige Äußerungen sicher nicht das erste Mal.

Man will es aber fast nicht glauben, dass es nach der Verkündung im April 1960, alle Dörfer in der DDR seien vollgenossenschaftlich, noch 19000 Einzelbauern gab; auch ich kannte einen Bauern, der sich bis zum Ende der DDR mit juristischen Mitteln erfolgreich gegen einen LPG-Beitritt gewehrt hatte.

Allerdings: für wirtschaftsschwache Gehöfte bedeutete der Eintritt in die LPG einen Vorteil. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen wären sie Pleite gegangen. Zudem bestätigten nach einigen Jahren eine Reihe Bauern, die sich damals vehement gegen die LPG-Mitgliedschaft gesträubt hatten, dass der Eintritt sowohl persönliche als auch wirtschaftliche Vorteile gebracht hat. Nicht selten wurde auch in den Anfangsjahren der LPG, die durch den Zusammenschluss neu gewonnene Freiheit missbraucht: Während der Ernte- und Hauptarbeitszeit in der Landwirtschaft machten die „frischen“ LPG-Bauern Urlaub, so dass Mitarbeiter aus der Verwaltung oder aus Industriebetrieben aufs Land gehen mussten, um die Ernte einzubringen, Kartoffeln zu lesen o. ä. An etlichen solchen Studenteneinsätzen, die immer ein Gaudi waren, habe ich in den 50er Jahren teilgenommen.

Werbung für Sudenteneinsätze in den LPG 1950er Jahren

Mit diesem Plakat, das ich 2011 im Deutschen Landwirtschaftsmuseum in Blankenhain sah, wurde ich an die Anfangsjahre der LPG erinnert. Es wurde damit dafür geworben, dass Mitarbeiter aus der Verwaltung, aus Industriebetrieben oder Schüler und Studenten aufs Land gehen, um mitzuhelfen, die Ernte einzubringen, Kartoffeln zu lesen o. ä. Die neuen LPG Mitglieder missbrauchten damals manchmal die durch die neuen Betriebsstrukturen gewonnene Freizeit und machten in der Hauptsaison sogar Urlaub; es wurde dann Hilfe von Außen benötigt.

 

14. Beitraaag

In allen Landwirtschaftsbetrieben der SBZ und später der DDR musste die nach Plan vorgegebene Anzahl Nutztiere gehalten werden. Besonders wichtig war in diesem Zusammenhang das Soll für Kühe und Sauen. Viele Fachleute und auch ich plädierten dafür, weniger Tiere zu halten und diese ausreichend zu füttern, um bessere Leistungen zu erzielen. Das stieß bei den Parteifunktionären auf taube Ohren. Um z.B. auch alle Milch der Molkerei zuzuführen, durften die Kälber nicht natürlich aufgezogen und mit der Milch der Mutterkühe getränkt werden. Es wurden eine Reihe Milchaustauschstoffe entwickelt und hergestellt, die aber nie ein voller Ersatz waren. Auch in der BRD wurden, allerdings aus finanziellen Erwägungen, Milchaustauschstoffe in der Kälberaufzucht eingesetzt. Außerdem durften in SBZ und DDR nur nach streng definierten Gründen   Kühe geschlachtet werden. Die Tierärzte mussten hierfür so genannte Ausmerzbescheinigungen ausstellen. Nur Unfruchtbarkeit und bestimmte unheilbare Erkrankungen wurden als „Ausmerzgründe“ anerkannt. Für manche Neubauern führte dieser Zwang, die vorgeschriebene Anzahl Nutztiere zu halten, häufig zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Futtererträge auf Wiesen und Feldern waren zu gering und ich kannte Bauern deren Kühe damals wegen Futtermangels nur wenig mehr Milch als Ziegen gaben. Kälber durften absolut nicht geschlachtet werden. Hierzu erlebte ich Zynismus pur. In einer Einwohnerversammlung fragte ein Bürger: „Wie kann der Fleischer noch Kalbsleberwurst herstellen und anbieten, wenn keine Kälber mehr geschlachtet werden dürfen?“ Der Referent, ein Parteifunktionär, antwortete: „Glauben sie denn, dass in jeder Bockwurst Bockfleisch verarbeitet wird?“

15. Beitrag

Überall in der DDR wurde ab Mitte der 1950er Jahre auf dem Lande die LPG- Bildung vorangetrieben. Vielfach waren es Neubauern, die sich in den Dörfern als erste zum LPG- Beitritt entschlossen; deren Felder zu großen Flächen wieder zu vereinigen, machte weniger Schwierigkeiten. Sie hatten während der Bodenreform meistens die Äcker der ehemaligen größeren enteigneten Güter erhalten, die nun wieder zusammengelegt werden konnten. Wenn sich andere Einzelbauern mit verstreut in der Flur liegenden Feldern zum Beitritt entschlossen, dann war es schwierig in der LPG großflächige Felder zu schaffen. Der propagierte Vorteil, der gemeinschaftlichen Bewirtschaftung und vor allem Bearbeitung mit größeren Landwirtschaftsmaschinen musste vorerst noch hinten an gestellt werden. Erst 1960, nachdem alle Dörfer „vollgenossenschaftlich“ geworden waren, konnte man diesen bezweckten Vorzug voll nutzen. Dann fielen alle Grenzen zwischen den Feldern der einzelnen ehemaligen Besitzer und die besonders in Mitteldeutschland bekannte so genannte Handtuchwirtschaft wurde Vergangenheit. Ich kannte etliche Bauern, die dann während der Feldarbeiten oft ein wenig wehmütig sagten: „Ich glaube hier, wo wir jetzt arbeiten, befand sich unser Acker!“ Es war nicht mehr beweisbar: Alle Grenzsteine waren verschwunden. Die LPG-Bauern erhielten aber für ihr eingebrachtes Land „Bodenanteile. Die Höhe dieser Vergütung war in den einzelnen Genossenschaften unterschiedlich und richtete sich nach deren Wirtschaftlichkeit. Auf die Bodenanteile gab es auch Futter für die „individuelle Tierhaltung“, mit der viele Genossenschaftsbauern ein recht gutes Zusatzeinkommen erzielten.

 

16. Beitrag

Ich entsinne mich, dass in den 1950er Jahren einige gestandene Bauern sinngemäß sagten: „Die LPG Typ I, bei der wir das Vieh noch selbst betreuen müssen, bringt uns als Bauern kaum Erleichterungen. Wir müssen weiterhin jeden Tag rund um die Uhr für unsere Tierhaltung da sein. Wenn schon Genossenschaft sein muss und man unser Bauernleben umkrempeln will, dann gibt’s wahrscheinlich nur den Weg zum Typ III, auch alle Tiere in gemeinsamen Ställen unterzubringen und zu betreuen. Freilich ist es dann um unseren Bauernstand geschehen, das ist schmerzlich, wir werden Landarbeiter.“ Auf diese Weise entstanden in einigen Dörfern sogar Widersprüche, indem die Bauern auch in der Viehwirtschaft zusammen arbeiten wollten, aber keine größeren Ställe hierfür vorhanden waren. Rinderoffenställe sollten hierbei schnelle Abhilfe schaffen. Für sie geworben wurde mit den Vorteilen: Kurze Bauzeiten, geringer Materialverbrauch und geringe Baukosten. Das nahmen manche Bauleute zu wörtlich und es entstanden primitive Ställe, die diese Stallform teilweise unverdient in Misskredit brachten. Meine vielseitigen Erfahrungen als Tierarzt mit Offenställen zeigten mir schon damals, dass sie sich bei ausreichender Futtergrundlage, genügend Stroheinstreu und sinnvoller Nutzung durchaus bewährten. Diese Voraussetzungen fehlten aber gerade den jungen LPG, in die häufig zuerst wirtschaftsschwache Betrieb eintraten.

Werbeplakat für Rinderoffenställe

In den 1950er Jahren sollte die LPG- Gründung auch damit forciert werden sehr schnell Ställe für die gemeinsame Tierhaltung zu schaffen. Für Offenställe wurde deshalb in höchsten Tönen geworben, obwohl für die auch auf dem Plakat aufgezählten Vorteile oft die erforderlichen Voraussetzungen fehlten.

Bauerntöchter bei der Ernte

Landwirtschaftsbetriebe über 100ha LNF (Landwirtschaftliche Nutzfläche) wurden bekanntlich im Rahmen der Bodenreform enteignet. Besonders schwer hatten es Betriebe in der Kategorie 10 bis 99 ha LNF, die als „Großbauern“ galten. Ihre Sollabgaben und Steuern waren besonders hoch. Gegen sie wurde in der SBZ polemisiert; auch bei der Einstellung von Arbeitskräften wurden ihnen oft Schwierigkeiten gemacht. Die Berufsbezeichnungen Knecht und Magd sollten abgeschafft werden, sie hießen nun landwirtschaftliche Fachkräfte. In diesen größeren Landwirtschaftsbetrieben mussten deshalb alle Familienangehörigen besonders bei Erntearbeiten aktiv mitarbeiten. Auf dem Bild ist zu sehen, dass während der Getreideernte eine der zwei 16 und 18 jährigen Töchter eines solchen Großbauern den Traktor fährt und die andere den Selbstbinder bedient.

17. Beitrag

Die Frage, ob mit der Gründung der DDR auch für die in diesem neuen Staat lebenden Schweine ein neues Zeitalter anfing, könnte zweideutig ausgelegt werden. Sicher ist, dass 1952 die Ausrufung des Aufbaues des Sozialismus auch die Schweinehaltung veränderte. Die Schweine konnten, wenn ihnen das Neue nicht gefiel, die Republik nicht verlassen. Sie mussten die LPG-Bildung mitmachen.

Welch eigenartige Vergleiche Menschen manchmal ziehen, zeigte sich, wenn man von einigen DDR-Bürgern hörte: „Wir haben in der DDR ein Schweineleben.“ Bedeutete dieses ein gutes, schlechtes, dreckiges oder gar kurzes? Alles ist möglich aber nicht ohne Erklärungen zu begreifen. Gleiche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen, wenn man die Zucht und Haltung der Schweine in diesem Lande kennen lernte und sie sachlich, fachlich, exakt beurteilt. Vier Jahrzehnte wurde die DDR alt und in dieser Zeit wurden hier so viele Schweine geboren, gezüchtet, gehalten, gemästet, geschlachtet, lebend und als Fleisch exportiert, dass man sagen kann: „Es war ein Schweineland“. Mit dieser Tierart verdiente der Staat ein „Schweinegeld“, ob es aber ökonomisch immer sinnvoll eingesetzt wurde, bleibt dahingestellt. Auf alle Fälle gab es Schwierigkeiten, als die Anfang der 1950er Jahre gegründeten LPG die Schweine in gemeinsamen Stallungen unterbringen wollten. Man besann sich auf eine in langer Vergangenheit praktizierte Stallart, die Schweinehütten, die in beliebiger Anzahl in großen Gärten aufgestellt werden konnten. Diese Haltung im Freien erforderte aber eine ausreichende Fütterung, weil besonders im Winter die Tiere viel zusätzliches Futter für die eigene Wärmeproduktion benötigen. Mitte der 1950er Jahre fehlte das in einigen wirtschaftsschwachen Genossenschaften. Ich erlebte in dieser Zeit, dass in einer LPG in der Nähe von Leipzig Mastschweine, die im Winter in Hütten gehalten wurden, abmagerten und verhungerten – einige starben und viele mussten notgeschlachtet werden.  

Anfang der 1950er Jahre wollte man in den neu gegründeten LPG die Schweine schnell in gemeinsamen Stallungen unterbringen. Man besann sich auf eine in langer Vergangenheit praktizierte Stallart, die „Schweinehütten“, die in beliebiger Anzahl in großen Gärten aufgestellt werden konnten und eine Freilandhaltung gestatteten. Ob das Bild aus „Schlipf´s Handbuch der Landwirtschaft“ aus dem Jahre 1917 von den Schweinehütten den Landwirtschaftsexperten der jungen DDR als Vorlage diente, kann nicht nachvollzogen werden. Mit den häufig aus Brettern gebauten primitiven Schweineunterkünften schaffte man für Schweine etwas Ähnliches wie die Offenställe für Rinder.