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Oma legt Ersatzteile ab

 

Ob die Geschichte wahr ist weiß ich nicht, ich hörte sie von meiner Tante, die gern von vornehmen Leuten erzählte. In herrschaftlichen Häusern feierte man Familienfeste häufig im großen Rahmen. Die vielen Gäste wurden meistens auch zur Übernachtung im eigenen Haus beherbergt und alle mussten etwas zusammenrücken. So ergab sich, dass der 8jährige Enkel - nennen wir ihn Karl-Friedrich -  im Zimmer bei der  fast 70jährigen Oma einquartiert wurde. Er musste, wie das in früheren Zeiten für Kinder üblich war, selbst zu einer Feier, früher ins Bett als die Erwachsenen. Ich erinnere mich noch, dass ich mich bis zum Alter von etwa 12 Jahren, fast ohne Ausnahme,  gegen 20,00 Uhr „verziehen“ musste, wie es umgangssprachlich hieß, das bedeute also schlafen gehen.

Zur Feier war es spät geworden und als die Oma ins Schlafzimmer kam fragte sie: „Karl-Friedrich schläfst du?“ Er stellte sich fest schlafend und die ältere Frau begab sich zu ihrem Toilettentisch. Dort nahm sie als  erstes die Perücke vom Kopf. Der Junge konnte sich kaum beherrschen, um nicht laut seine Verwunderung herauszustoßen. Die ältere Frau hatte nur noch ganz spärliche Haare und am größten Teil des Kopfes eine Glatze. Dabei kannte er sie nur mit fülligem Kopfhaar. Jetzt kamen die Halskette, Armreifen und großen Siegelringe runter, das kannte er und im Freundeskreis nannten sie das Kriegsschmuck, der je nach Anlass wechselte. Auch die Apparate im Ohr waren nichts besonderes, denn wenn Oma die zufällig nicht trug, konnte man durchaus auch leise mal etwas Freches sagen.

Die falschen Zähne, die nun raus kamen, waren aber wieder etwas Einmaliges. K.-F., wie er von den Spielgefährten immer gerufen wurde, ärgerte sich richtig über die Falschheit der Oma, die stets sagte: „Siehst du, was ich für schöne Zähne habe? Ich putze sie auch regelmäßig.“ Dabei hatte sie es so einfach, sie konnte das Zahnersatzteil zum Putzen herausnehmen, während er immer mit der unangenehmen Bürste im Mund rumhantieren musste.

Jetzt kam die Sensation, Oma entfernte ihren Büstenhalter und er konnte im Spiegel, vor dem sie saß, die kleinen schlaffen Brüste sehen. Im Kleid sah man immer zwei so groß geformte Kugeln am Oberkörper. Jetzt konnte K.-F. nicht mehr an sich halten und er rief: „Oma, hast du in der Mitte deines Bauches auch eine solch komische Stelle, die fast wie ein Knopf aussieht. Wenn du daran drehst könnte dir vielleicht sogar der Po abfallen?“  Welche Konsequenzen aus der Unartigkeit erwuchsen, dass sich das Kind schlafend gestellt hatte, erzählte meine Tante nicht, aber das Erschrecken der alten Dame muss grenzenlos gewesen sein.   

Wallach betörte eine Stute

 

In einer Stammtischrunde wird viel Bier getrunken, über menschliche und tierische Gefühle diskutiert und kann es sein, wieder als Tier auf die Welt zu kommen?

 

 

„Ich träume oft, dass ich früher schon mal als Tier auf der Welt gewesen war, vielleicht stimmt das sogar“, behauptete Paul in der Männerrunde am Stammtisch. „Meine Verbindung zu Pferden ist so groß, dass ich mich oft in die Gedankenwelt meines Braunen hineinversetzen kann, er versteht auch was ich ihm sage und befehle“, fährt er fort. „Habe ich doch kürzlich dieses Pferd mit unserer kleinen Kutsche ganz allein zum Bahnhof geschickt, damit es dort unsere Oma vom Zug abholt. Das funktionierte, der Braune stand pünktlich vor dem Bahnhofseingang, Oma kam raus, stieg in die Droschke und brauchte gar nicht die Zügel in die Hand zu nehmen. Nach einer viertel Stunde waren sie bei uns auf dem Hof.“ Alle grinsten und einer aus der Runde meinte:  „Du hast deinen gescheiten Gaul wohl ein Navigationsgerät auf den Rücken gebunden und er hat gespürt wohin er laufen sollte. Du kannst aber auch froh sein, dass dein Brauner keinen Strafzettel ins Maul bekam, denn vorm Bahnhof ist Halteverbot.“ Ein anderer ergänzte: „Wenn er aber die Oma nicht erkannt hätte und ein Fremder eingestiegen wäre, dann hätte dein Pferd auch gestohlen werden können.“ Viele weitere Hänseleien und derbe Späße musste sich Paul anhören und er wurde immer fuchtiger, dass die anderen nicht einsehen wollten, dass es übernatürliche Dinge gibt, die wir einfach noch nicht verstehen. Er betonte immer wieder, ausgewählte Pferde könnten fast wie Menschen denken und handeln. Alle hatten schon reichlich Bier getrunken und man einigte sich, ein Experiment mit Pauls Braunen durchzuführen.

Man holte das Tier vor die Dorfgaststätte und sein Besitzer sollte ihm sagen, dass es allein zum Gestüt am anderen Ende des Dorfes laufen sollte, um sich dort als Zuchtpferd anzumelden. Das würde einen „Heiden Spaß“ geben, wenn ein „Kastrierter“ ins Gestüt kommt. Paul protestierte: „Erstens ist der Braune, wie richtig gesagt, ein Wallach, er kann nicht mehr für die Zucht verwendet werden, zweitens findet er zwar Wege, aber reden kann er nicht und drittens: Veralbern lass ich mein kluges Tier nicht, es hat auch als kastriertes Pferd noch Gefühle. Lasst euch was Besseres einfallen.“ Gut, man einigte sich, der Wallach sollte sich im Gestüt auf die Weide zu den Stuten begeben, die merkten gewiss, dass er nicht mehr richtig männlich sei. Schaden könnte er ja dort ohnehin nicht mehr anrichten. Paul musste sich trotzdem weitere stichelnde Reden anhören: „Vielleicht kommt dein „denkendes Pferd“ auch gar nicht mehr zurück, wenn es, wie du Schlaumeier behauptest, noch männliche Gefühle hat.“

Das Experiment begann. Paul instruierte seinen Braunen und der trabte los. Beim weiteren Biertrinken wollte man abwarten, was passierte. Sie hatten ungefähr eine Stunde  Platz genommen und weiter eifrig dem Alkohol zugesprochen, da klopfte ein Huf an der Eingangstür – es war der Braune, der vor dem Haus stand und wieherte. Neben ihm eine gut aussehende junge Stute, die sich anschmiegte – bei den Menschen würde man sagen, sie zeigte Liebesgefühle.

Den Männern blieb vor Staunen der Mund offen stehen, bis der Wortführer in der Runde, er war früher der LPG-Vorsitzende gewesen, sagte: „Das gibt´s in keinem Russenfilm – wie wir es in der DDR immer ausgedrückt haben -, der Braune ist entweder ein `Wunderpferd´ oder wurde in einem Zirkus dressiert.“ Jetzt hatten sich die anderen in der Runde auch wieder gefasst und jeder wollte  mit klugen aber auch dämlichen Bemerkungen einen Beitrag zu diesem Geschehen beisteuern.

„Schade, dass heute der Tierarzt nicht mit beim Stammtisch ist, der könnte uns einiges über Hormone erklären, die auch bei kastrierten Tieren oft noch wirken“, bemerkte ein Vater von sieben Kindern. Damit hatte er gleich Stoff für weitere Sticheleien geliefert. Ja, die Hormone hieß es, die sollte man in Deutschland anstelle der „Pille“ verteilen, dann gäbe es auch wieder mehr Kinder. Aber wie ein Wallach eine Stute zum Mitgehen bewegen konnte, dafür wusste letztlich niemand eine Erklärung. Ebenso blieben viele weitere Fragen ungelöst. Wieso hatte das Pferd verstanden was es tun sollte? Der Weg zu den Stuten wäre ja noch erklärbar gewesen – „das Weibliche“ zieht Männer und männliche Tiere bekanntlich seither stark an, aber sich gleich eine Auserwählte zu angeln und zum Mitgehen zu bewegen, das traut man einem Pferd  nicht zu. „Vielleicht war Pauls Brauner im früheren Leben doch ein Mensch gewesen und es kommen diese Eigenschaften wieder hervor“,  bemerkte lallend einer aus der Runde. Dem widersprach der Pfarrer, der sich bisher beim Trinken zurück gehalten hatte, sehr heftig.  

Schließlich machten sich alle auf den Weg und brachten gemeinsam das weibliche Pferd auf die Weide zum Gestüt zurück. Ein Pferdepfleger des Betriebes nahm die Delegation in Empfang und war erleichtert, dass man die wertvolle Stute nicht gestohlen hatte. Er als Fachmann konnte sich das Ganze auch nicht erklären. Ihm sei aber schon aufgefallen, dass besonders „hoch gezüchtete“ Pferde oft untypische Verhaltensweisen zeigen.

Zum Schluss sagte Paul: „Ich muss in meinen früheren Leben doch ein Pferd gewesen sein, sonst würde mein Brauner meine Sprache nicht verstehen. Auch Moser hat es ja sogar in einem bekannten berühmten Lied besungen, dass er in seinem früheren Leben eine Reblaus gewesen sein will. Das beweist, an diesem Glauben ist nicht alles falsch.“ Ein Witzbold setzte noch einen Trumpf drauf und erklärte: „Wenn ich wieder auf die Welt komme, will ich eine Wanze sein, dann kann ich mich vielleicht zu einem lebenden `Abhörinstrument´ entwickeln.“  

 

Die Brautprüfung

Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden besonders auf dem Lande die Bräute auf ihre Eignung als untadelige Hausfrau geprüft; heute gibt es auch den Hausmann.

Schon als Kind in den 1930er Jahren vernahm ich den Spruch: „Eine Frau kann in der Schürze aus dem Haus mehr tragen, als der Mann je einfahren kann im Erntewagen.“ Ich wuchs auf dem Lande auf und später als Jüngling hörte ich dazu allerorten, wie wichtig es sei, die für das Leben auszuwählende Frau gründlich zu prüfen. Bei den Bauern stand damals und früher nicht nur die Mitgift, die die „Zukünftige“ mitzubringen hatte im Vordergrund, sondern vor allem auch ihre Geschicklichkeit in der Wirtschaft und ihre Sparsamkeit. Wir „Pubertierenden“ machten uns darüber lustig und die Redensart (frei nach Schiller) machte die Runde: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Besseres findet.“

Als ich Ende der 1940er Jahre ein junges Mädchen in unsere Familie „einführte“, so hieß es, wenn man sich nicht mehr nur heimlich zu treffen brauchte, merkte ich nicht, dass auch dieses einer Prüfung unterzogen wurde. Weit verbreitet war auch in jener Zeit die Bemerkung der Klatschweiber: „Die geht schon ein und aus, das wird bestimmt was Festes.“ Jedenfalls musste meine Auserwählte, mit der ich heute 61 Jahre verheiratet bin, in dieser Hinsicht einiges über sich ergehen lassen. Meine Mutter übergab ihr ein Paar Herrenstrümpfe mit der Bemerkung: „Die Löcher müssten gestopft werden, die Socken sind zu schade zum Wegwerfen.“ Die junge Frau machte sich an die Arbeit und von meiner Tante erfuhr sie später, dass meine Mutter gesagt hatte: „Strümpfe stopfen kann sie und auch das, was sie im Haushalt macht, sieht nicht ungeschickt aus.“

Vier Prüfungen hatten in dieser früheren Zeit die Bräute zu bestehen:

- Kochen können,

   das war sehr wichtig für eine stabile Ehe. Im „ABC des guten Tons“ schrieb

   E. von Hagen   1898: „Willst du Deinen Mann ans Haus fesseln, so führe eine

   schmackhafte  Küche.“

-  Brot backen können,

   Brot war die Grundnahrung in den Bauernfamilien.

- Wäsche waschen können,

   saubere und gepflegte Wäsche auf der Leine und im Schrank war das Aushängeschild

   einer ordentlichen Familie.

-  Wischen können,

    sauber geschrubbter auch glänzender Fußboden im Haus gehörte dazu.

In adligen, bürgerlichen oder bäuerlichen Familien aber auch in Arbeiterhaushalten wurden die Bräute in praktischen Hausarbeiten geprüft aber auch dahingehend gemustert, ob sie später gute Ehefrauen werden würden. Die Erkundigungen über die Familien aus denen sie kamen, spielten dabei eine große Rolle. 

Hinsichtlich der Stellung der Frau in der Familie und ihrer Gleichberechtigung hat sich in den letzten 60 Jahren seit meiner Kindheit ein großer Wandel vollzogen. Folgende von meiner Großmutter gern erzählte Geschichte stimmt deshalb heute nicht mehr im vollen Umfange: In einer Familie mit mehreren Kindern beschwerte sich der Mann darüber, dass er immer zur Arbeit gehen und schwer schaffen muss. Die Frau dagegen hätte zu Haus ein leichtes Leben. Sie war deshalb mit einem Tausch einverstanden. Als sie abends nach ihrer Fabrikarbeit nach Hause kam war sie aber stark bestürzt: Die kleinen Kinder schrien, weil sie nicht trockengelegt und hungrig waren; die Kuh gab schmerzende Laute von sich, weil sie nicht gemolken und gefüttert worden war; im Garten war kein Unkraut gejätet; das  Essen kochte noch nicht, der Fußboden in der Wohnung war nicht gesäubert usw. usf.. Schon am übernächsten Tag war der Mann mit einem Rücktausch einverstanden. Heute gibt es jedoch in vielen Familien eine sinnvolle Arbeitsteilung und die Frau ist nicht mehr nur allein für die Arbeiten im Haushalt verantwortlich. Von einer Prüfung des Bräutigams auf die Eignung als „Hausmann“ habe ich jedoch noch nichts gehört.

 

Nicht essbare Darmfüllung

 

Bei einer Hausschlachtung hat man die Därme des Schweins mit Darminhalt als Würste portioniert und im Waschkessel gekocht – Ergebnis: Ungenießbar.

 

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Geschichte unter Humor eingeordnet werden kann. Auf alle Fälle haben wir darüber gelacht; die Situation könnte auch makaber genannt werden und das wird durchaus hin und wieder mit humorvoll verwechselt. Außerdem wird die Geschichte der Bezeichnung Kurzgeschichte gerecht – sie ist sehr kurz.

Nicht nur in Bauernhäusern sondern in fast allen ländlichen Haushalten – auch ohne Landwirtschaft - wurden früher Schweine hausgeschlachtet. Die Mastschweine erhielten als Futter vorrangig die Abfälle aus der Küche, aber manchmal kaufte man auch schmackhaftes Futter für die Tiere zu. Heute werden Schweine teilweise auch als Heimtiere gehalten und wie Hunde an der Leine spazieren geführt; das gab es in früheren Zeiten nicht und wir hätten auch tüchtig darüber gelacht. In einigen Familien waren aber damals die für die Hausschlachtung gehaltenen Schweine auch mehr Haus- als Nutztier und fanden manche Zuwendung durch Eltern und Kinder. Vor allem erhielten sie auch heimlich Leckerbissen – vor allem Essen, das den Kindern nicht schmeckte, gaben diese  heimlich den Schweinen.

Wenn dann die Zeit heran kam, dass es ans Schlachten gehen musste, war häufig die ganze Familie traurig – man verhielt sich früher aber sehr realistisch gegenüber  schlachtbaren Tieren, weil ihr Fleisch besonders bei armen Leuten eine wertvolle Bereicherung des Speiseplanes war.

Nun wurde von einer armen Familie erzählt, dass diese ihr  Hausschwein sehr verwöhnen würde. Obwohl sie selbst oft nicht genügend zu essen hatten, kauften sie im  Krämerladen Delikatessen für das Schwein. Der Hausherr war selbst angelernter „Hausschlächter“ und das Schlachtfest fand unter seiner Regie und Mithilfe der Hausfrau und den Kindern im eigenen Hof und Waschhaus statt. Ein Nachbar kam hinzu als das Wasser im Waschkessel kochte und man dabei war, die Würste hinein zu tun. Er sah, der Mann hatte die Därme des geschlachteten Tieres gar nicht wie üblich geleert, gesäubert  und für Wursthüllen hergerichtet. Mit „Wurstbindfaden“ hatte er die Därme des Dünn- und Dickdarmes so abgebunden, dass portionierte Würste entstanden, die er so in den Kessel warf. Entsetzt fragte der Nachbar: „Wollt ihr vielleicht die Därme mit dem Darminhalt, das ist doch Kot, essen?“ Ruhig antwortet der Hausschlächter: „Wir haben unserem Schwein doch nur die besten Sachen gefüttert, darunter waren sogar Rosinen. Auch gute Milch erhielt unser Tier zum Saufen. Diese Delikatessen sind doch nichts Schlechtes und wenn alles gekocht wird, dann kann auch sonst nichts passieren.“

Der Nachbar wartete bis die ersten „Kotwürste“ aus dem Kessel genommen und angeschnitten wurden. Er lachte schadenfroh,  weil auch der „ungebildete Mann“ feststellte, dass diese „Schlachtprodukte“ tatsächlich ungenießbar waren. 

Die Moral von der Geschichte: „Nicht immer kommt das heraus was man hineintut.“

Moskau war eine Reise wert

 


Heute reisen die Menschen der neuen Bundesländer gern nach New York. In der DDR Zeit musste uns Moskau für den Besuch einer Weltmetropole Ersatz sein.

 

Heute reisen die Menschen der neuen Bundesländer gern nach New York und in westeuropäische Hauptstädte. In der DDR-Zeit war ihnen das verwehrt, deshalb wurde Moskau gern besucht, um ebenfalls eine Weltmetropole kennen zu lernen. 

In den 1970er bis Anfang der 1980er Jahre besuchten wir mehrmals Moskau, weil die angebotenen 8tägigen Gruppenreisen kostengünstig waren und ein interessantes Besichtigungsprogramm boten. An einige typische Erlebnisse erinnern wir uns noch sehr gern.

Vor dem Leninmausoleum am Roten Platz, dessen Besichtigung bei vielen Reisen zum Programm gehörte,  gab es immer sehr lange Besucherschlangen. Ausländische Reisegruppen – hier ohne Unterschied zwischen SW und NSW (Sozialistisches Wirtschaftsgebiet  und Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) wurden immer vorgelassen und wir brauchten tatsächlich nur ungefähr eine Viertelstunde zu warten, um den einbalsamierten Lenin zu sehen. Wir hörten, dass sowjetische Bürger bis zu 6 Stunden anstanden.

Sehr beeindruckend war die Besichtigung der Allunionsausstellung, wo u. a. das sowjetische Weltraumprogramm  museal dargestellt war und große Raketen gezeigt wurden.

Verständlicher Weise wollten wir auch gern etwas über das Warenangebot erfahren. Wir fanden im gesamten Innenstadtbereich Moskaus ein einziges Möbelgeschäft und erfuhren damals, dass Wohnungseinrichtungen in der SU ein Engpass seien. Gewöhnungsbedürftig war für uns das Einkaufen im großen Warenhaus Gum, das sich in einem  architektonisch höchst interessanten Gebäude befindet. Überall, an den Ständen, an den Kassen herrschte großes Gedränge. Die ausgewählten Waren konnte man erst nach „Dreimal anstellen“ in Empfang nehmen. Fazit: Ware aussuchen, an die Kasse zum Bezahlen gehen, sich zurück zum Verkaufsstand begeben – Ware in Empfang nehmen. Dabei fiel uns auf, dass z. B. viele Waren, u. a. Strümpfe, auf dem Ladentisch fest angebunden waren.

Bei Besichtigungen im Kreml kamen wir aus dem Staunen nicht heraus, weil sich hier Reichtum und das große Machtzentrum Russlands, gleich welcher Gesellschaftsordnung, zeigte. Bei allen Besuchen in Moskau musste ich daran denken, wie diese Stadt der Eroberung durch deutsche Armeen widerstand und trotz hoher Bedrohung durch Luftangriffe im 2. Weltkrieg große Feiern und Paraden auf dem Roten Platz stattfanden.

In diesem Zusammenhang hatte ich in den 1980er Jahren ein interessantes Gespräch mit einem Kriegsveteran; an seine Erzählung kann ich mich nicht mehr wörtlich, aber sinngemäß sehr gut erinnern: „Im Oktober 1941 begann die Offensive der Deutschen Armee auf Moskau und die Hauptstadt wurde Frontstadt mit unheimlich vielen Luftangriffen. In jener Zeit hatte die Slowakei eine gewisse Souveränität erhalten, wurde aber von Deutschland beherrscht; dagegen entstand ein auch teilweise bewaffneter Widerstand durch slowakischen Partisanen, die von der Sowjetunion Unterstützung erhielten. Ich war erfolgreicher Kommandeur einer solchen Partisaneneinheit und erhielt im November 1941 eine Einladung zu den Feierlichkeiten der Oktoberrevolution nach Moskau, wohin ich mit einem sowjetischen Flugzeug gebracht wurde. In dieser Stadt, wo ich in einem Hotel untergebracht war, sah und erlebte ich, wie sich Bevölkerung und Militär in sehr vorbildlicher Weise auf die Verteidigung vorbereiteten. Gemeinsam mit anderen ausländischen Partisanen wartete ich im Hotelzimmer darauf, abgeholt zu werden, um auf der Tribüne auf dem Roten Platz Platz nehmen zu können. Die Abholung verzögerte sich, ich erfuhr später, dies war wegen eines deutschen Luftangriffs, aber wir alle bekamen Angst, weil anderer Gerüchte die Runde machten. In der damaligen stalinistischen Zeit mussten selbst ehrliche Kommunisten immer befürchten plötzlich in Ungnade gefallen zu sein, ohne zu wissen warum. Als wir dann zur Veranstaltung auf dem Roten Platz und nicht in ein Straflager transportiert wurden, waren wir alle sehr erleichtert. Trotz dieser oft ungewissen, oft gefährlichen persönlichen Situationen, galt aber für uns damals Stalin als der souveräne Machthaber und erfolgreiche Heerführer. Zurückgebracht kämpfte ich weiter mit meiner Partisaneneinheit und war beflügelt vom Erlebnis in Moskau.“

Wir waren nach der Wende nicht mehr in Moskau. Unsere Tochter, die in den letzten Jahren mehrmals dienstlich dort zu tun hatte, erzählte uns, dass heute in dieser Stadt die Verkaufsläden ein völlig anderes Bild als früher, als wir dort zu Besuch waren, zeigen. Es gibt sehr viele Luxusgeschäfte, die sich vielfach nicht mehr von westlichen unterscheiden, in denen vorrangig reiche Russen einkaufen.

 

 

 

 

 

Müller - ein unehrlicher Beruf

 

Als ich vernahm, dass im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit Müller zu den „unehrlichen Berufen“ zählten war ich ganz bestürzt, denn meine Vorfahren waren Windmüller.

 

Meine Urgroßeltern waren bis Ende des 19. Jahrhunderts Windmüller. Ich habe sie nicht kennengelernt, aber in Erzählungen einiges über sie erfahren. Als in den 1890er Jahren ihre Mühle abbrannte gaben sie ihr Gewerbe auf und gingen, fast 70jährig, in den   Ruhestand. Sie hatten 11 Kinder, wovon mein Großvater der Zweitälteste war. Als ich vernahm, dass im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit Müller in Deutschland zu den „unehrlichen Berufen“ zählten, war ich ganz bestürzt, denn meine Vorfahren waren mir als bieder und rechtschaffen geschildert worden. Reich sollen sie auch nicht gewesen sein, das Erbe, durch 11 geteilt, war gering. Ich erfuhr, dass mein Großvater nur eine mittelgroße Wiese und 2 Äcker geerbt hatte.

Mein Opa erklärte mir aber dazu, dass mit unehrlichen Berufen nicht die Unehrlichkeit der Menschen gemeint sei, die diese Berufe ausübten;  das Gewerbe bzw. die Handwerke, in denen sie tätig waren, galten als ehrlos und verrufen, sie trugen den Makel der gesellschaftlichen Verachtung. Unehrlich bedeutete damals nicht betrügerisch sondern eher ehrlos. Die Mühlen befanden sich meistens außerhalb geschlossener Ortschaften – so auch die Windmühle meiner Urgroßeltern -  damit waren sie auch vom gesellschaftlichen Leben etwas ausgegrenzt. Sie gehörten keinen Zünften an und waren eine soziale Unterschicht. In Märchen hatte ich vom Leben reicher aber auch armer Müller gelesen. Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren hörte ich von meinen Großeltern, dass die Besitzer der Wassermühlen in einem meinem Heimatort benachbarten Tal, immer sehr reich gewesen wären. Es wurde erzählt, dass in einer der Mühlen die Braut, auch aus einer Mühle stammend, eine reiche Mitgift mitbrachte; es wären so viele Taler gewesen, dass man damit den 100 m langen Weg zur Mühleneinfahrt hätte pflastern können. Aber hinter vor gehaltener Hand hieß es auch immer: „Die wurden so reich, weil sie beim „Lohnmalen“ mit der Mehlrückgabe betrogen haben.“

Meinen Uhrahnen, den Windmüllern, wollte ich nicht gern Betrug zutrauen; meine Großmutter hatte mir dies als etwas ganz Schreckliches geschildert. Sie erzählte sogar von Ländern, in denen Betrügern die Hände abgehackt würden. Davon träumte ich manchmal und sah einen Müller, der keine rechte Hand mehr hatte.

Diese Erklärungen und Erzählungen beruhigten mich zumindest in der Hinsicht etwas, dass meine Vorfahren nicht unbedingt zu den Unehrlichen gehört haben mussten. Ich erlebte aber, dass die Müller, beginnend im 2. Weltkrieg, aber besonders unmittelbar danach, teilweise wieder einen schlechten Ruf hatten. Sie machten sich die Not zum Nutzen.  

Bauern und auch Kleinsiedler, die selbst Getreide anbauten, waren so genannte Selbstversorger. Sie erhielten anstelle der Lebensmittelmarken Berechtigungsscheine um in der Mühle Getreide für ihre Eigenversorgung mahlen zu lassen. Die Müller durften nur die Mengen Getreide annehmen und in Mehl umtauschen, für die Berechtigungsscheine vorgelegt wurden. Ich erlebte, dass wir vier Zentner Roggen zur Mühle brachten, obwohl unser Schein nur für 3 Zentner ausgestellt war. Also auch wir wollten ein wenig betrügen und eine gewisse Menge schwarz umtauschen. Das machte sich der Müller zu nutze  und wir erhielten nur Mehl für etwa 3 ½ Zentner.  Ein sehr gutes Geschäft für den Mann am längeren Hebel. Wir bauten deshalb zu Hause eine kleine Handmühle um unsere eigene Mehlversorgung etwas aufzubessern, denn die „Bestechungsmenge“, die der   Müller einbehielt, war doch recht unverfroren.

Als ich erfuhr, dass früher neben dem Müller auch der Schäfer zu den unehrlichen Berufen zählte, war ich ebenfalls entsetzt. Hierüber werde ich in einer weiteren Geschichte berichten.

 

 

 

 

 

 

 

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Beruf Bauer im Wandel

 

 

Das Berufsbild und der Stand des Bauern erfuhren bis heute in der Gesellschaft  in Deutschland einen Wandel. Der typische Beruf Bauer verschwand.

 

Das Berufsbild und der Stand des Bauern erfuhren bis heute in der Gesellschaft  in Deutschland einen Wandel. In den 1930er Jahren war bei uns Kindern der Abzählreim beliebt: „Kaiser, König Edelmann – Bürger, Bauer, Bettelmann.“ Das zeigte, der Bauer rangierte noch bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts nach dem Bürger, aber vor dem Bettelmann. Ausnahmen bildeten die Großgrundbesitzer und Adligen, das waren aber keine Bauern im eigentlichen Sinne, in der Regel waren bei ihnen ausgebildete Bauern angestellt, die jedoch Landwirt hießen. Im Nationalsozialismus, ab dieser Zeit beginnen meine persönlichen Erinnerungen, gab es Erbhofbauern, deren Bauernhöfe  auch bei Vererbungen nicht geteilt werden durften. Nur diesen war es erlaubt, sich Bauer zu nennen, alle anderen Besitzer von Gehöften oder die in einem landwirtschaftlichen Beruf Ausgebildeten waren Landwirte, oder mit Studium nannten sie sich  dann Agrarwissenschaftler.

Nach dem 2. Weltkrieg war ursprünglich von den Siegermächten für Deutschland eine Bodenreform geplant, die aber nur in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) mit allen Konsequenzen verwirklicht wurde. Neben Klein- Mittel- und Großbauern entstand dort der neue Begriff Neubauer, diese erhielten als bisher landarme oder landlose Bauern und Umsiedler aus den Ostgebieten Äcker und Wälder aus den Besitzungen der enteigneten Großgrundbesitzer und Kriegsverbrecher. In jener Zeit wollten alle, auch diejenigen, die von Landwirtschaft keine Ahnung hatten, aufs Land und Bauer werden, um nicht Hunger leiden zu müssen.

Ab den 1950er Jahren begann in der DDR die Bildung von LPG (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften), damit war die Schicht der Genossenschaftsbauern, ein neuer Berufzweig, ins Leben gerufen worden. Daneben entwickelten sich neue Berufe wie Zootechniker und Agrartechniker, die ab der Wende wieder verschwanden.

Die Bauern von heute suchen in ihrem Daseinskampf auch im Rahmen der Globalisierung neue  Existenzfelder wie Biogaserzeugung oder Rückkehr zur ursprünglichen Landwirtschaft mit der Erzeugung von Bioprodukten. Die alte Weisheit, die ich in den 1930er Jahren noch von meinem Großvater hörte: „Hat der Bauer Geld, hat´s die ganze Welt“,  und „Eigne Scholle ist goldeswert und ernährt den fleißigen Mann“, gilt zwar noch heute, verliert aber wegen zu starken staatlichen Einflussnahmen und Niedrigpreisen für landwirtschaftliche Produkte an Bedeutung.

 

Kinder erkennen Vater nicht

 

Bei dem Titel könnte man Probleme der Vaterschaftsanerkennung vermuten. Die Episoden, über die  berichtet wird sind aber harmloser, sie handeln vom Autofahren.

 

 

Bei dem Titel könnte man vermuten, dass Probleme der Vaterschaftsanerkennung beschrieben werden sollen. Die Episoden, über die ich berichten will sind aber harmloser, sie handeln vom Autofahren.

Ab den 1960er Jahren wohnte unsere Familie an einer Straße mit wenig Fahrzeugverkehr, der in der DDR - Zeit ohnehin keine solch großen Probleme darstellte, wie wir es dann nach 1990 mit dem BRD – Autoverkehr erlebten. Im Übrigen muss ich noch heute darüber lachen, dass die „SED – Ideologen“ der Bevölkerung damals folgendes Märchen erzählten, das sogar in der Presse zu lesen war: „Das Straßennetz in der DDR wird erst nach und nach weiter ausgebaut, deshalb müssen Autozulassungen dem jeweiligen Stand dieser Maßnahmen angepasst werden. Aus diesem Grunde ist auch die Versorgung der Bevölkerung mit PKW von diesen Umständen abhängig. Die  langen Wartezeiten für die Belieferung mit Fahrzeugen werden sich also vorerst nur  langsam verringern.“

So war vielleicht unsere Familie eine Ausnahme, ich fuhr berufsbedingt ab Ende der 1950er Jahre einen PKW und unsere 4 Kinder hatten, als sie erwachsen waren, ebenfalls Autos. Eine Tochter und ein Sohn hatten dabei mit ihren Fahrzeugen eine kuriose Begegnung mit ihrem Vater.

Anfang der 1980er Jahre gab es in den Herbstmonaten häufig starke Regenfälle. Auf der Straße vor unserem Haus erlebten wir einige Male, dass das Regenwasser wegen verstopfter Gullys nicht abfloss. Eines Tages  regnete es wolkenbruchartig, das Wasser stand mindestens 15 cm hoch. Ich zog einen Regenmantel mit Kapuze über und versuchte die Abflüsse vom Schlamm zu befreien. Plötzlich sauste ein Trabant vorbei und ich wurde von oben bis unten mit Wasser bespritzt. Ich schimpfte auf diesen unvernünftigen Autofahrer, konnte aber die Autonummer nicht erkennen. Um mich nicht zu erkälten, zog ich mich um und hantierte weiter. Wieder fuhr in gleich hoher Geschwindigkeit ein gleichfarbiger Trabant vorbei, das Nassspritzen wiederholte sich. Nun fand ich nicht nur deftige Schimpfworte, sondern schwor  mir diesen Übeltäter zu ermitteln, denn ich vermutete, dass es der gleiche war. Wenige Tage darauf stellen sich heraus, dass die Fahrerin unsere in der Nähe wohnende Tochter war. Sie hatte mich beim zweiten Vorbeifahren erkannt, aber trotzdem den Mut, ihre Schuld einzugestehen. Sie ist in der Regel keine Raserin und bekannte, dass sie wirklich beide Male zu spät erfasst hatte, dass auf der Straße jemand arbeitete. Die Wassermassen wollte sie schnell durchqueren, damit das Auto nicht etwa darin stehen blieb.  Sie entschuldigte sich in ihrer eigenen charmanten Art und das Schimpfen des Vaters fiel milder als beabsichtigt aus.

Mit Sohn und Auto erlebte ich eine weitere ungewöhnliche Geschichte. Der Geburtstag unserer jüngsten Tochter Anfang Dezember 1984 sollte an einem Samstag ab Nachmittag gefeiert werden. Dazu war erstmals ihr Freund mit Mutter bei uns eingeladen. Trotzdem musste ich an diesem eigentlich arbeitsfreien Tag noch dienstlich nach Gotha. Ich fuhr mit meinem privaten Trabant, denn ich wollte  unabhängig sein, um pünktlich das gemeinsame Kaffeetrinken zu erreichen. Auf der langen geraden Chaussee, ca. 15 km vor Erfurt, heulte plötzlich der Motor mit Vollgas auf und ich musste am Straßenrand anhalten.  Ich fand schnell die Ursache: Eine Feder am Gas - Bowdenzug war gerissen, ein häufig beim Trabant auftretender Fehler. Ich schimpfte, dass niemand anhielt, denn durch ein Schneetreiben war die Reparatur im Freien sehr erschwert. Ein Abschleppen wäre mir deshalb recht gelegen gekommen. Aus Zeitnot wartete ich nicht bis zum Abkühlen des Motors und verbrannte mir bei der Reparatur noch zusätzlich die Hand. Mit gewohnter Improvisation behob ich den Schaden und erreichte mit ca. einer Stunde Verspätung die Kaffeetafel. In fröhlicher Runde erfuhr ich das Kuriose: Unser Sohn hatte mit seinem PKW von Gotha kommend den reparierenden Trabantfahrer gesehen und zu seiner Frau gesagt: „Der bedauernswerte Trabifahrer muss bei diesem schlechten Wetter reparieren, aber ich habe ohnehin wenig Geschick und kann bestimmt nicht helfen“. Nun stellte sich heraus, es war der Vater, dessen Kopf unter der Kühlerhaube steckte. Jedenfalls wurde über diesen Vorfall später noch oft gewitzelt, aber das Sprichwort bleibt aktuell:  „Wer den Schaden hat, der braucht für den Spott nicht zu sorgen“.

Hausmittel, Krankheitswissen

 

Zum medizinischen Fortschritt gehört, dass Patienten heute über schwere Erkrankungen aufgeklärt werden. Hausmittelanwendung ersetzt nicht den Arztbesuch.

 

In Studentenkreisen erzählten wir Anfang der 1950er Jahre den makabren Witz: Ein Patient verlässt die Arztpraxis und geht langsam eine Treppe hinunter. Bei jeder Stufe überlegt er: „Was hat der Arzt gesagt, welche Krankheit habe ich? – Ich meine es war so etwas wie der Name eines kleinen Tieres.“  Schließlich half ihm diese „Eselsbrücke“, ihm fiel ein: „Der Doktor hatte Krebs gesagt.“ Wir brachten damit zum Ausdruck, dass damals die Bevölkerung nur wenig über diese schwere Krankheit aufgeklärt war. Im Übrigen wusste man aber in jener Zeit in Fachkreisen, dass diese Diagnose – bösartiger Tumor - erfahrungsgemäß fast einem „Todesurteil“ gleichkam. Wenn seinerzeit diese meist unheilbare Krebserkrankung und auch andere gefährliche  Krankheiten vermutet oder festgestellt wurden, hüllten sich die Ärzte in der Regel in Schweigen und selbst die Angehörigen erfuhren nur in wenigen Fällen die Wahrheit. Wahrscheinlich führte diese Geheimniskrämerei u. a. auch dazu, dass es in der Bevölkerung viele Spekulationen über den tatsächlichen Umfang, die Ursachen und  mögliche Heilungen der Krebserkrankungen aber auch anderer bedrohlicher Krankheiten gab. Selbsternannte - darunter völlig fachunkundige – Wunderheiler versprachen oft für fast alle Krankheiten wirksame Therapien, sie entdeckten und betrieben damit  seit ewigen Zeiten ein lukratives Geschäft, das sie bis in die Gegenwart fortsetzen. Auf ihre heute ausgeklügelten Werbungen fallen noch allzu viele herein. Selbst in unserer relativ aufgeklärten Gesellschaft werden jedoch diese unheilbringenden Machenschaften nicht konsequent unterbunden oder verboten. Mit ihren Heilungsversprechungen, wenn die Schulmedizin angeblich am Ende sei, begeben sich diese Scharlatane häufig sogar auf das Feld der Kriminalität.

 

Es gehört nach meiner grundsätzlichen Meinung aber zum Fortschritt der Medizin, dass heute Patient und Angehörige fachlich, sachlich unter Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht und des Datenschutzes über Erkrankungen aufgeklärt werden. Alles, worüber man schließlich lernt offen zu sprechen, sich auszutauschen, verstärkt die eigene Kraft, auch mit  Krankheiten oder schweren Schicksalsschlägen besser fertig zu werden. Grundsätzlich gilt aber: „Frage bei Gefährdungen, Schwierigkeiten oder im Zweifelsfalle stets deinen Arzt. Erkenne eigene Grenzen frühzeitig und fehlerfrei – damit der Arzt ein rechtzeitiger Retter sei!“

Retrospektiv staune ich über die Kenntnisse, die meine Großmutter als einfache Frau über Gewürzpflanzen, Tees, Garten- und Wildfrüchte in ihrer Anwendung als medizinische Hausmittel hatte. Wenn sie von Nachbarn in dieser Hinsicht um Rat gefragt wurde – das geschah oft – erinnere ich mich noch an ihre Rede: „Wenn du Fieber hast und schon länger krank bist, dann gebe ich dir nur den einzigen Ratschlag, zu einem Arzt zu gehen! Von mir erhältst du keine Heilpflanze.“  

Bei Spaziergängen und in unserem Garten zeigte mir meine Oma viele Gewächse und Früchte. Sie erzählte dazu auch Geschichten aus der Vergangenheit, weil ihre Kenntnisse vielfach auch aus mündlichen Überlieferungen von Generation zu Generation stammten. Zur gefährlichen Seuche, der Pest, die  im Mittelalter viele Menschen dahinraffte, betonte sie immer wieder die damalige Ohnmacht der Menschen gegenüber dieser Krankheit. Auch mit Kräutern wurde  versucht, Linderungen zu schaffen.  Im Ohr habe ich dazu noch ihren Spruch: „Nimm Tormentill und Rettichscheiben, dann wird schon einer übrig bleiben.“ In der Neuzeit ist die Wurzel von Tormentill, auch als Rotwurzel bekannt, in Präparaten gegen Durchfall und Darmerkrankungen enthalten.

Bedauerlicher Weise  war ich als Kind nicht aufmerksam genug, denn ich habe vieles  vergessen. Einige Erinnerungen kommen mir jedoch wieder, wenn ich ab und zu die heute zahlreichen Veröffentlichungen über die Anwendung von Heilkräutern und Hausmitteln verfolge. Ihrem Einsatz stimme ich dann meistens vorbehaltlos zu, weil ich unterstreiche: „Das weiß ich noch von meiner Großmutter.“

Hierzu ein Beispiel: Die Wurzel des Meerrettich und  das Kraut der Kapuzinerkresse empfahl meine Großmutter bei Entzündungen der Bronchien und der Blase. Heute werden von einigen Pharmaunternehmen diese Pflanzenteile in pflanzlichen Arzneimitteln zur Infektabwehr verwandt.

Bei Halsentzündungen musste ich als Kind immer mit „Kochsalzwasser“ gurgeln. Verordnung meiner Oma: „Einen gestrichenen Teelöffel voll in ein Wasserglas geben und mit heißem Wasser übergießen, abkühlen lassen und im Abstand von 1 – 2 Stunden je einmal mit dieser Lösung gurgeln.“ Dieses Rezept wende ich noch heute bei beginnenden Erkältungen mit Erfolg an und ich muss noch an die Geschichte denken, die ich dazu von meiner Oma erfuhr: Segelschiffe waren in früheren Zeiten wochenlang auf den Weltmeeren unterwegs und die darauf mitfahrenden Menschen mussten sich in allen Dingen selbst helfen. Ein Kapitän eines solchen Schiffes hatte, trotz Protest der Familie, die viele Gefahren sahen, seine etwa 10 jährige Enkelin mit auf eine Reise genommen. Das Mädchen erkrankte an einer Halsentzündung, die sie fast ersticken ließ. Es war kein Arzt an Bord  und der Großvater zwang das Kind alle Stunde eine große Portion Kochsalz in den Mund zu nehmen, aber wieder aus zu spucken. Nach 2 Tagen war das Mädchen wieder gesund und überstand wohlbehalten die wochenlange Seereise.

Es gibt nur eine Gesundheit

 

Meine Großmutter erzählte mir vor mehr als 70 Jahren auf meine Fragen immer belehrende Geschichten. So erfuhr ich auch, warum es nur eine Gesundheit gibt.

 

Während meiner Kindheit vor mehr als 70 Jahren war es in fast allen Elternhäusern üblich, dass die Kinder körperlich gezüchtigt wurden. Meine Eltern und Großeltern waren schon damals gegen diese Prügelstrafen und ich erhielt nur ein einziges Mal von meinem Vater den Hintern versohlt; deshalb kann ich mich auch nach dieser langen Zeit noch sehr gut daran erinnern. Ich hatte mich im Schuppen verbotenerweise auf sein Motorrad gesetzt um vor einem Schulfreund zu demonstrieren, wie geschickt ich schon mit einem solchen Fahrzeug umgehen kann. Bei dieser Spielerei fiel es um und ein wertvoller Schalter, der nur schwer zu beschaffen war, ging entzwei. Als mein Vater das Malheur entdeckte, konnte er sich nicht beherrschen und ich bekam „Hiebe“, wie wir damals in der Mundart zur körperlichen Bestrafung sagten. Sein Motorrad ging ihn über alles, er war Motorradsportler und bastelte in der Freizeit ständig an seinem Fahrzeug. Die Schläge, die ich bekam, waren nicht sehr schmerzhaft, trotzdem schrie ich sehr. Meine Großmutter nahm mich in Schutz und sagte: „Wehrlose Kinder schlägt man nicht und sie könnten auch davon krank werden. Alle Sachen sind zu ersetzen, aber es gibt nur eine Gesundheit“.

Als ich mich von der Bestrafung erholt hatte fragte ich meine Oma: „Warum sagst du immer, es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit?“

Es war ihre Art, mich nicht nur aufklären zu wollen, sie erzählte mir meistens zu meinen vielen Fragen eine belehrende Geschichte. Sie war eine gläubige Frau und was ich damals von ihr hörte, ordne ich heute als Märchen ein, es war für mich in jener Zeit sehr lehrreich.

 

Eine Mutter saß am Krankenbett ihres Jungen und betete zu Gott, dass er ihn wieder gesund machen möge, dann würde sie den Bengel auch nicht mehr schlagen und weniger schimpfen. Der Herr im Himmel hatte Mitleid mit ihr und nach wenigen Tagen war das Kind gesund. Im Haus lief alles wieder wie gewohnt und die Frau schimpfte und „wetterte“ wie eh und je; besonders, wenn es darum ging, wenn der Junge abends ohne murren ins Bett gehen, immer den Teller abessen oder sich gründlich waschen sollte. Außerdem wurde die Mutter böse, wenn der Bub nicht pünktlich in die Schule gehen wollte und vor allem, wenn es kalt wurde, er ablehnte warme Kleidung anzuziehen. Einmal kam er aber sogar im beginnenden Winter pitsche nass nach hause. Er hatte den Kopf in den Bach unter Wasser halten wollen und war dabei hineingefallen. Da vergaß sie sich wieder, sie bangte um seine Gesundheit, sie versetzte ihm eine tüchtige Ohrfeige. Der Bub weinte und sagte: „Du hast, als ich krank war, dem lieben Gott versprochen mich nicht mehr zu hauen, jetzt ist es mit meiner Gesundheit völlig dahin, denn davon gibt es nur eine einzige. Wenn ich krank und nicht mehr gesund werde, dann muss ich sterben.“ Da wurde die Mutter sehr nachdenklich und betete wieder mit den Worten: „Herrgott, lass nicht zu, dass diese kindliche Rede wahr wird. Schenke meinem Kind zu jeder Krankheit auch wieder eine Gesundheit. Ich werde künftig bestimmt meinen Zorn auch zügeln.“ Der sehr aufgeweckte Junge hatte die Worte seiner laut betenden Mutter gehört und fragte seinen Lehrer, was es wirklich auf sich habe mit dem Sprichwort, es gäbe tausend Krankheiten und nur eine Gesundheit? Der Lehrer sagte: „Man kann an jeder der vielen Krankheiten, die alle einen Namen haben, sterben oder wieder gesund werden. Das Wort Gesundheit ist deshalb einmalig für alle geheilten oder gar nicht erst aufgetretenen Krankheiten zutreffend.“

Der aufgeweckte Junge lief nach Hause und rief: „Mutter, das ist ganz einfach mit der Gesundheit, die ist einmalig und gilt für alle geheilten und nicht auftretenden Krankheiten. Du darfst mich deshalb trotzdem nicht schlagen, denn auch davon könnte ich krank werden und dann musst du erst den lieben Gott wieder um meine Gesundheit bitten. Ob der sich aber immer überreden lässt, wenn du mich verhauen hast, ist fraglich.“

 

 

 

 

 

Fehlgeschlagenes Experiment

 

Als Kind interessierte ich mich für Tiere und wollte als 12jähriger prüfen, welchen Einfluss die Sprache der Patienten auf die Arzt- oder Tierarztarbeit hat.

 

Ich bin heute 82 Jahre alt, wuchs auf dem Lande in einem Bauernhof auf und mir machte schon als Vorschulkind der Umgang mit Tieren viel Freude. Wenn ich unartig war, das kommt bekanntlich bei jedem Kind vor, und betraft werden sollte sagte ich meistens: „Sperrt mich doch in den Stall zu den Ziegen, mit denen kann ich mich unterhalten und die geben mir auch immer recht, wenn sie auch nichts sagen.“ Ja, ich hatte es gern, wenn alles nach meinem Willen geschah. Außerdem nervte ich häufig die Erwachsenen mit der Frage: „Warum?“ Widerspenstig wurde ich dann, wenn mich die Antwort nicht befriedigte, weil ich auch immer wieder hörte: „Dafür bist du noch zu klein, das verstehst du noch nicht.“ Wie bei vielen Kindern ging es mir nicht schnell genug größer, älter und gescheiter zu werden. Ich wollte nicht ins Abseits gestellt werden, wenn sich Eltern und Großeltern über bestimmte Themen unterhielten. Im Übrigen geht mir jetzt im Alter das „älter werden“ im Gegensatz zu der Zeit während meiner Kindheit viel zu schnell. Ich werde auch wieder kleiner, seit meinem 50. Lebensjahr bin ich um 8 cm geschrumpft! Erfahrener bin ich geworden, ob klüger, dass weiß ich nicht, weil auch inzwischen der Wissensschatz auf der Welt ganz enorm anwuchs.

Besonders interessiert schaute ich immer zu, wenn der Tierarzt gerufen werden musste, um z. B. den Tieren zu helfen, wenn eine Geburt nicht glatt verlief. Mir wurde doch tatsächlich bis zu meinem 10. Lebensjahr noch immer eingeredet, dass der Klapperstorch die Babys bringen würde! Dabei hatte ich mich – seit ich lesen konnte - in den im Kleiderschrank der Eltern versteckten „Doktorbüchern“ auch über die Geburt bei Menschen kundig gemacht. Ich wusste also, dass dies ähnliche Vorgänge wie bei Tieren sind.

Ganz besonders beeindruckt war ich aber, wenn der Tierarzt feststellte was den Tieren fehlte, ohne dass sie ihm sagen konnten, wo sie Schmerzen hatten. Mein Großvater, den ich häufig mit meiner „Warumfragerei“ quälte, hat mir einmal gesagt:

„Die Wahrheit erfährt man am Besten durch Experimente“. Also entschloss ich mich durch einen Versuch – ich war 12 Jahre alt - der Frage auf den Grund zu gehen, kann man auch bei schweigenden Menschen ebenso wie bei Tieren feststellen, ob sie krank sind oder nicht?

Eines Morgens – während der Schulferien – blieb ich im Bett liegen, sagte kein Wort mehr und reagierte auf nichts. Meine Mutter gab sich alle Mühe zu erfahren, wo ich Schmerzen hätte, warum ich nicht mehr spreche und völlig apathisch bin. Sie legte mir die Hand auf die Stirn und stellte fest, dass ich kein Fieber hatte. Nachdem auch meine Großeltern und mein Vater nicht vermochten mich aus dem Bett zu holen, meinen Gehörsinn und meine Sprache wieder zu erwecken, beschloss man den Arzt zu holen. Der war ein Bekannter meiner Eltern und hatte mich seit meiner Geburt bei Erkrankungen schon des Öfteren behandelt.

Der Doktor erschien, setzte sich auf den Bettrand und begann mich mit seinen Händen und Instrumenten zu bearbeiten. Ich gab mir alle Mühe seine Anweisungen zu ignorieren und bei allen Berührungen keine Regungen zu zeigen. Scheinbar war mir das aber nicht ganz gelungen, denn nach gründlicher Unersuchung meinte der Mediziner: „Dem Jungen fehlt nichts weiter, er will nur nichts mehr hören und weigert sich zu reden. Ich muss ihn in eine Nervenklinik einweisen, dort muss er die Zeichensprache erlernen mit der sich Taubstumme verständigen können. Vielleicht genügt es aber auch, ihn in den Stall zu den Schafen zu sperren, deren Blöken könnte seine Taubheit heilen und er findet die Sprache wieder, weil er die Tiere anschreit, damit sie nicht so laut sind.“

Da fuhr es aus mir heraus: „Nur nicht in die Nervenklinik, dann lieber zu den Schafen!“ Bei diesen Worten hatte ich mir sehr auf die Zunge gebissen, weil ich die bisher immer zwischen den Zähnen gehalten hatte, damit ich auch auf nichts, rein gar nichts reagiere was der Doktor mit mir macht. Ich sagte: „Aber, wie konnten sie merken, dass ich keine wirklichen Schmerzen hatte und ich nicht krank bin, ich habe Ihnen doch gar nichts gesagt, ich habe nicht gezuckt und mein Gesicht nicht verzogen, wenn Sie mich an manchen empfindlichen Stellen beklopft oder auch hin und her gedreht haben?“

Der erfahrene Mann nahm mir mein Experiment, wozu ich mich bekannte, nicht übel, belehrte mich aber, dass mein Tun üble Folgen haben könnte, wenn z. B. in dem gleichen Moment, in dem ich ihn unnötig von seinen Arztpflichten abhielt, ein Schwerstkranker sofort hätte Hilfe gebraucht. Sehr verständnisvoll erklärte aber der Arzt: „Du hast mich nicht täuschen können, wenn du auch denkst, ein Arzt hat es weniger schwer als ein Tierarzt, weil dessen Patienten nicht reden können. Alle medizinisch Geschulten wissen viele Reaktionen von Menschen und Tieren zu deuten. Wir Mediziner kennen aber auch viele Untersuchungsmethoden, bei denen auch der Mensch gar nicht sprechen muss. Vielleicht kannst du aber mal Tierarzt werden, dann lernst du Tiere zu verstehen, auch wenn die nicht reden.

Ich wurde Tierarzt.

 

Alkoholiker sind krank

 

Ein Alkoholiker verschluckte beim gierigen Trinken den Kronenverschluss einer Bierflasche, was ihn 4 Wochen lang hinderte, feste Nahrung aufzunehmen.

 

Sehr lange habe ich gebraucht um anzuerkennen und zu verstehen, dass Alkoholiker kranke Menschen sind. Ich war immer der Meinung: Mit Willensstärke kann man dieser Sucht entfliehen. Erst nachdem ich einige dieser Kranken kennen lernte, stellte auch ich fest, dass sie professionelle Hilfe brauchen. Außerdem machte ich mich anfangs gemeinsam mit Bekannten oft über Kuriositäten lustig, die man mit Alkoholkranken erlebt. Deshalb veröffentliche ich auch diese Kurzgeschichte unter der Rubrik Humor, weil ich sie in der Zeit – vor ca. 30 Jahren – als ich sie erfuhr, sehr lustig fand.

Von einem Mitarbeiter in der Leitung eines Kombinates in der DDR war bekannt, dass er keine Gelegenheit ausließ viel Alkohol zu trinken. Bei fast allen Feiern gab es Probleme wegen seiner Volltrunkenheit. Nicht selten war er auch während der Arbeitszeit betrunken, was er vielfach zu kaschieren verstand. Es gab ihm gegenüber viel Nachsicht, weil in damaliger Zeit auch niemand arbeitslos werden durfte. Er wurde deshalb, wie man so sagte, „irgendwie mit durchgeschleppt“.

Der Arbeitskollege, der mit dem Alkoholkranken das Arbeitszimmer teilte, merkte, dass sein Gegenüber immer mehr abmagerte, weil er fast nur noch trank und festes Essen verweigerte. Nach 4 Wochen fürchtete der Zimmerkollege einen völligen Zusammenbruch des Mannes und setzte sich durch, dass er einen Arzt aufsucht, was dieser bisher immer strikt abgelehnt hatte. Er begleitete den Kranken, um sicher zu gehen, dass der Kollege sich auch wirklich in Behandlung begab. Nach einer gründlichen Untersuchung mit Röntgenaufnahme war die Ursache der Beschwerden gefunden. Selbst der Arzt konnte sich ein Lächeln nicht ganz verkneifen, als er Beiden die Röntgenaufnahme zeigte. In der Speisröhre hatte sich ein Kronenverschluss einer Bierflasche festgeklemmt und ließ nur noch Flüssigkeit und keine feste Nahrung mehr hindurch. Der Alkoholkranke hatte gierig die Flasche angesetzt und den gelockerten Verschluss mit verschluckt. Ein Kuriosum, wie man einen Monat mit einem solchem Fremdkörper leben konnte. Dem Arzt gelang es ohne aufwendige Operation den Fremdkörper zu entfernen. Die Geschichte blieb im Betrieb nicht geheim, weil sie der Arbeitskollege nicht für sich behalten konnte. Es gab hierüber viel Heiterkeit und heimliche Witzeleien. Nach der Wende wurde das Volkseigene Kombinat abgewickelt und die Arbeitsstelle des Alkoholkranken gab es nicht mehr – ich weiß nichts über seinen weiteren Lebensweg.

Die durch Medien öffentlich gemachte Alkoholkrankheit des Schauspielers Juhnke und dessen hervorragendes Spiel im Film „der Alkoholiker“ überzeugten mich letztlich, dass Alkoholiker sehr kranke Menschen sind, die Hilfe benötigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alte Waschfrau heute Wäscherin

 

Das frühere beschwerliche Wäschewaschen wird beschrieben und auf die Erleichterungen durch neuzeitliche Maschinen hingewiesen.

 

 

In der aktuellen Berufsliste für Deutschland sind für „Waschfrau und Plätterin“ die Berufsbezeichnungen Wäscherin und Wäschebüglerin zu finden. Schon als Schulkind in den 1930/40er Jahren war ich vom Gedicht „Die alte Waschfrau“ von Adelbert von Chamisso stark beeindruckt. Waschfrau war für uns damals eine gängige Berufsbezeichnung. Freilich, die vom Dichter beschriebenen Verhältnisse im 19. Jahrhundert gab es Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Ich hörte aber in jener Zeit von den Hausfrauen der Familien, die sich keine Dienstboten leisten konnten und auch oft mehrere Kinder hatten, die Bemerkung: „Ich bin für unsere große Familie ja nur die Waschfrau.“ Begüterte Familien leisteten sich Waschfrauen, die in den jeweiligen Haushalten für einen geringen Lohn wuschen und bügelten, oder die Wäsche abholten, in ihren eigenen Waschküchen säuberten und bügelfertig wieder ablieferten.

Diese Frauen und die Hausfrauen in den Familien leisteten beim Wäschewaschen oft Schwerstarbeit. Anstelle der heute bekannten Wannen aus Plaste oder der damals etwas leichteren Zinkwannen gab es zu jener Zeit noch große schwere Wannen aus Holz. Fließendes Wasser gab es nur in wenigen ländlichen Haushalten und auch wir holten bis Ende der 1930er Jahre das Wasser aus einem Brunnen. Ein Rumpelbrett, auch Waschbrett genannt, war sehr wichtig, um alle Schmutzstellen aus der Wäsche zu rumpeln. Die Frauen haben sich dabei manche Finger wund gerieben. Bei „Wikepedia“ wird das Waschbrett, das heute nur noch wenige kennen, wie folgt treffend beschrieben: „Es ist normalerweise etwa 30 bis 40 Zentimeter groß. Die Oberfläche ist so gestaltet, dass sich ein regelmäßiges Muster von Erhebungen und Vertiefungen bildet, auf denen das feuchte, zu waschende Kleidungsstück gerieben wird, um die Verschmutzungen zu lösen.“

Eine Wringmaschine, die am Wannenrand festgemacht wurde und zumindest das schwere Auswringen per Hand erleichterte, lernte ich erst in den vierziger Jahren kennen. Beim Heben der Wäsche aus dem Kessel und den Wannen sowie beim Transport der schweren Behältnisse haben sich manche Frauen, so hörte ich schon als Kind, gesundheitliche Schäden zugezogen.

Zum Trocknen der Wäsche wurden im Sommer im Garten oder Hof Leinen gespannt. Die Leinen wurden sehr hoch angebracht, damit beim Durchhängen die großen Wäschestücke nicht auf den Boden schleiften. Meine Oma war nur etwa 1,60 m groß und brauchte deshalb zum Wäscheaufhängen die Fußbank. Der Transport der Wäsche erfolgte in Körben aus Weidengeflecht. Meine Oma und Mutter legten das „Bettzeug“ im Sommer im Garten auf den Rasen zum Bleichen aus. Nach dem Trocknen aller Wäsche musste diese gelegt und gebügelt werden. Beim Zusammenlegen der Bettbezüge und Laken musste ich als etwa Zehnjähriger beim „Rippeln“, wie wir es nannten, helfen. An den Ecken angefasst wurden die Stücke vor dem Zusammenlegen quer und diagonal straff gezogen. Früher wurden die Bügeleisen in der Ofenröhre oder auf der Ofenplatte erhitzt und waren meistens sehr schwer. Nicht vergleichbar mit den heutigen Elektrobügeleisen, die mit vielen Raffinessen ausgestattet sind. Eine Arbeitserleichterung brachten in den 1930er Jahren die selbst in kleineren Städten eingerichteten „Wäschemangeln“. Die Hausfrauen legten Wäschestücke akkurat gefaltet auf ein Tuch aus festem Drillichstoff, das auf eine Holzrolle gewickelt wurde. Eingelegt in die Maschine rollten sich unter den schweren Walzen die Tücher auf und zu. Der Ablauf geschah hinter einem Gitter, das sich beim Einschalten automatisch schloss. Die gemangelte Wäsche wurde sorgfältig zusammengelegt.

Durch die zahlreichen Arbeitsgänge dauerte die „große Wäsche“ bei uns meistens mehr als 3 Tage, bis alles wieder im Schrank verstaut war.

Nach dem Krieg traten Haushaltswaschmaschinen den Siegeszug an. Die Werbung überschlug sich ab der 1960er Jahre außerdem in der Empfehlung von wirksameren Waschmitteln. Allen bekannt ist bestimmt die „Werbefrau Clementine“, die täglich über das Fernsehen in die Wohnungen schaute.

In diesem Zusammenhang kann man behaupten, dass die für die Hausfrauen gewonnenen Erleichterungen beim „Wäschewaschen“ deren mögliche Aufnahme von Berufstätigkeit gefördert wurde. Gleichermaßen fand die Gleichberechtigung der Frauen durch diese Arbeitserleichterungen Unterstützung.

Der gesamte Vorgang vom Waschen der schmutzigen Wäsche bis zur getrockneten und gebügelten, schrankfertigen Wäsche ist heute durchgehend mit ausgeklügelten Maschinen durchführbar. Deshalb wechseln auch Kind, Frau und Mann wesentlich öfter die Wäsche als früher; wobei ich mich erinnere, dass über Familien gesprochen wurde deren Mitglieder nur einmal im Monat die Wäsche gewechselt haben sollen. Bei manchen Schulkameraden hat man das auch gerochen und ich kann heute die Lehrer verstehen, die bei diesen Kindern mit Strenge mehr Sauberkeit anmahnten.

Im Übrigen wurden früher kaputte Wäscheteile vielfach per Hand repariert, während heute diese Wäschestücke entsorgt werden, weil die Neuanschaffung auch oft sehr billig ist.  

 

 

 

 

1965 mit PKW nach Bulgarien

 

Bei einer individuellen Urlaubsreise 1965 mit den PKW nach Bulgarien lernten wir Land und Leute und unterschiedliche Maßnahmen der Fliegenbekämpfung kennen.

 

 

Wir fuhren 1965 mit dem PKW nach Bulgarien an das „Schwarze Meer“ und hatten einen sehr schönen Campingurlaub in Obzor. Damals waren für DDR Bürger diese individuellen Autoreisen noch selten. Wir lernten aber durch unsere Touren durch die Balkanländer die dortigen Lebensverhältnisse, also Land und Leute, besser kennen, als mit Gruppenreisen.

In jenen Jahren waren die Kontaktinsektizide zur Fliegenbekämpfung stark in Mode gekommen. Scheinbar existierte in Rumänien eine staatliche Anordnung in allen öffentlichen Einrichtungen, Einkehrstätten und Hotels diese Mittel generell einzusetzen. Überall stank es sehr unangenehm danach aber es gab in diesem Land   fast keine Fliegen. Erstaunt waren wir deshalb, als wir über die Grenze nach Bulgarien kamen, dass uns dort fast überall eine starke Insektenbelästigung erwartete.

Ein wenig getrübt wurden meine Urlaubsfreuden durch einen Sonnenbrand, den ich mir durch eine unvernünftige Handlung zuzog. In der Mittagszeit legte ich mich zur Siesta mit Kopf und Körper in den Zelteingang. Nur die Beine befanden sich außerhalb des Zeltes, während meines beginnenden Ausruhens waren sie noch im Schatten. Ich schlief ein, hatte nicht berücksichtigt, dass die Sonne wandert und verbrannte mir deshalb die ungeschützten Oberschenkel. Mir wurde geraten die furchtbar schmerzenden Stellen mit Joghurt einzureiben. Tatsächlich brachte das auch Linderung. Wir kauften eine große Flasche dieses „Hilfsmedikaments“, die wir auch auf einen kleinen Autoausflug mitnahmen. Meine Frau hielt das Gefäß am Vordersitz mit ihren Füßen fest, damit es immer zum Einreiben, auch während der Fahrt, zur Hand war. Bei einem etwas stärkeren Bremsvorgang entglitt ihr die Flasche und der Inhalt ergoss sich über den Fußboden. Die Flüssigkeit drang bis in die Filzmatten, die wie ein Schwamm wirkten und sich so richtig voll sogen. Das Ganze fing in der Wärme an, sehr schnell übel zu riechen und zog eine Unmenge Fliegen an. Wir staunten wie viele Insekten es in Bulgarien gab, die alle in unserem Auto mitfahren wollten!

Unseren PKW konnten wir erst zu Hause wieder von den Joghurtrückständen befreien und gründlich säubern. Die Filzmatten und alle nicht abwaschbaren Teile mussten wir wegwerfen.

Eine „Wucht“ waren in Bulgarien die Bahnübergänge an den Autostraßen. Die Schranken wurden oft schon bis zu einer halben Stunde vor Durchfahrt des Zuges geschlossen. Die bulgarischen Fahrzeugführer kannten diese Situation. Sie stiegen aus, suchten ein schattiges Plätzchen und legten sich zum Ausruhen nieder. Sie mussten bei der Weiterfahrt sogar manchmal erst geweckt werden. Wir hektischen Deutschen verzweifelten fast und hätten oft gern auch die langsam fahrenden Eselkarren überholt. Wegen des Gegenverkehrs auf Grund der großen Staus an den Bahnübergängen war uns aber auch dieses verwehrt.

Dentist ist heute Zahnarzt

 

Niemand geht gern zum Zahnarzt, obwohl die Behandlungen heute nicht vergleichbar mit denen von früher sind. Ich hatte dabei außergewöhnliche Erlebnisse.

 

 

Die Methoden zur Heilung und Erhaltung der Zähne und des Gebisses der Menschen, wie sich dabei ein Berufszweig bis zum heutigen universitätsgebildeten Zahnarzt entwickelte, sind sehr interessant. In der medizinischen Geschichtsschreibung wurde hierüber bereits Vieles veröffentlicht, begründet und belegt. Ich will aber auf die überlieferten grausigen Bilder aufmerksam machen, wie im Mittelalter auf öffentlichen Plätzen Menschen von Barbieren – die schnitten damals nicht nur die Haare sondern waren wichtige Heilkundige - Zähne gezogen wurden. Die Schmerzen müssen furchtbar gewesen sein, das zeigen die verzerrten Gesichter der Patienten auf Bildern.

Wenn sich in den Verfahren zur schmerzgeminderten Zahnbehandlung Entscheidendes verbesserte, so behält jedoch das Gedicht von Eugen Roth „Der Zahnarzt“ volle Berechtigung für unser Verhältnis zu dieser Berufsgruppe. Es heißt so schön:

 

Nicht immer sind bequeme Stühle

Ein Ruheplatz für die Gefühle.

Wir säßen lieber in den Nesseln,

als auf den wohlbekannten Sesseln,

Von denen, sauber und vernickelt,

Der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.

 

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren gab es in meinem Heimatort (2000 Einwohner) in Ostthüringen keinen Zahnarzt, aber 2 Dentisten, eine ab 1952 in Deutschland wegfallende Berufbezeichnung. Als etwa Fünfjähriger musste ich zur Zahnbehandlung. Ich hatte sehr viel Angst, weil auch die Erwachsenen mir durch ihre Erzählungen nicht gerade Mut machten. Man hatte es geschafft, mich auf den Behandlungssessel zu platzieren, aber dort verschloss ich ganz fest meinen Mund und war nicht zu bewegen, ihn zu öffnen. Da sagte meine Mutter: „Wenn du deine Zähne nicht zeigst, hat das schreckliche Auswirkungen!“ Dieses Wort kannte ich nicht, glaubte, es sei noch gefährlicher als der zu erwartende Schmerz und ließ den Dentisten in meinen Mund schauen. Mehrmals musste ich in der Folgezeit zur Zahnbehandlung. Als Schüler versuchte ich – wie alle Kinder, die Lesen lernen – möglichst alle Texte, auf die man aufmerksam wurde, zu entziffern. Das gelang mir im Wartezimmer des Dentisten mit dem Spruch: „Quält dich in deiner Brust das harte Wort: Du musst, so macht dich eins nur still, das stolze Wort: Ich will.“ Das gab mir Mut, obwohl ich die tatsächliche Bedeutung dieser Aussage erst später als Heranwachsender völlig begriff.

 

Dazu hatte ich als Erwachsener 1959 ein wohl einmaliges Erlebnis, das sich fast wie ein Witz anhört, aber keiner ist. Ich war als Tierarzt in einer Thüringer Kleinstadt auf Praxistour, bekam starke Zahnschmerzen und fuhr gegen 16:00 Uhr sofort - noch in Arbeitskleidung - zu einem bekannten Zahnarzt, der mich gleich behandelte. Er meinte, ein Backenzahn wäre so schlecht, dass er gezogen werden müsste. Die entstehende Lücke wollte er mit einer Brücke schließen. Er schlug mir vor, da er selbst alle Laborarbeiten ausführen kann, die Angelegenheit sofort in etwa 3 bis 4 Stunden zu erledigen; dazu müsste ich einen Kasten Bier und eine große Flasche Schnaps holen, die wir gemeinsam konsumieren könnten, dann wären auch meine Schmerzen zu minimieren.

Ich ließ mich (ich war knapp 30 Jahre alt) auf den Deal ein. Nach den ersten 3 – 4 Bieren und Schnäpsen zog er den Zahn (ohne Spritze), tapfer ertrug ich die Schmerzen. Er arbeitete weiter und wir tranken gemeinsam. Tatsächlich war in der veranschlagten Zeit der beschaffte Alkohol alle und ich hatte eine Brücke im Mund. Ich ließ mein Auto beim Zahnarzt stehen und wankte nach Hause - es war eine Wegstrecke von ungefähr 500 Metern. Meine Frau hatte sich gesorgt, war nun bestürzt über meinen trunkenen Zustand und die Zahnreparatur. Erst am nächsten Tag konnte ich ihr alles ausführlich schildern. Die Brücke hielt 16 Jahre, als dann Schmerzen einsetzten, begab ich mich zur Behandlung in die Zahnklinik in der Bezirksstadt. Der Zahnarzt, der mich untersuchte, fragte (diese Worte habe ich noch heute im Ohr): „Welcher Schuster hat diese Brücke gemacht?“ Er staunte aber, dass sie so lange gehalten hatte.

 

 

Was Blindenführhunde leisten

 

Es wird beschrieben, wie Blindenführhunde ausgebildet werden und wie ein solches Tier eine blinde Frau beim Einkauf beschützte.

 

Es ist mir ein besonderes Bedürfnis Leistungen der Blindenführhunde darzustellen, die häufig ungenügend benannt und gewürdigt werden. In zahlreichen Fällen helfen sie blinden oder stark sehbehinderten Menschen sich in vertrauter oder fremder Umgebung orientieren zu können. Bewundernswert ist der Mut und selbstlose Einsatz dieser Hunde, die Schwerbehinderte schon mehrmals vor Übergriffen rücksichtsloser Personen und Gefahren schützten. Die Bevölkerung sollte in gleicher Weise Courage zeigen und diese Tiere zum Vorbild nehmen. In einer Geschichte bei Geschichtennetz „Blindenführhund rettet Frau“ habe ich schon von einer großen Leistung des Hundes „Alf“ berichtet und will gern noch weitere mir bekannt gewordene Begebenheiten darstellen.

Alle müssen wissen: Blindenführhunde sind im Dienst an dem offiziellen Verkehrszeichen, einem weißen Führgeschirr, erkennbar. Ihnen muss die gebührende Rücksichtnahme entgegengebracht werden. Nur ausgesuchte Hunde besitzen Erbeigenschaften, die für eine Ausbildung zum Blindenführhund ausreichen. Gezielte diesbezügliche Züchtungen sind aber nicht bekannt.

Bestürzt war die gesamte Familie als sich herausstellte, die reinrassige Riesenschnauzerhündin war trächtig und man wusste nicht von welchem Rüden. Die halbwüchsigen Kinder hatten beim Spaziergang im Park nicht acht gegeben und sie war einige Stunden verschwunden gewesen. Die Freude über den wieder nach Hause gekommenen teuren Hund wurde nun im Nachhinein durch dieses Vorkommnis getrübt. Alle lehnten jedoch den Vorschlag einer Trächtigkeitsunterbrechung ab, weil ohnehin keine gezielte Hundezucht betrieben werden sollte. Genau 64 Tage nach dem damaligen folgenschweren Verschwinden erblickten 6 Welpen das Licht der Welt; es gab keinen Zweifel, ein Deutscher Schäferhund war der Vater. Die Sechs waren gesund, agil, entwickelten sich prächtig und an Abnehmern bestand kein Mangel. Selbst der Chef der nahe gelegenen Blindenhundeschule suchte sich zwei 8 Wochen alte Welpen für einen entsprechenden Eignungstest aus, nach dessen Bestehen eine Ausbildung zum Blindenführhund erfolgen kann. Damit begann für Alice und Alf, so wurden die beiden getauft, 1985 ein schwerer aber interessanter Lebensweg. Hündin und Rüde bestanden den Test und wurden für die Hundeschule vorgesehen, wo man gern mit Mischlingen arbeitete. Zunächst hieß es aber, sie mussten sich trennen, jeder kam für sich allein in eine so genannte Patenfamilie. Das dauerte ungefähr ein Jahr.

Danach trafen sie sich in der Hundeschule wieder. Der Ausbilder äußerte: „Die erkannten sich und wussten, dass sie aus dem gleichen `Nest´ stammten“. Er arbeitete jetzt gern mit Alice und Alf, die bei ihren Paten gut auf ihre Lehre vorbereitet, also sozialisiert, worden waren. Bei der Konfrontation der Tiere mit Situationen und Ereignissen richtete man das Augenmerk auf Nervenfestigkeit, Aggressionsverhalten, Ängstlichkeit, Jagdtrieb und Wohlverhalten im Umgang mit Menschen. Alf war sehr schnell so weit, dass neben ihm ein Schuss abgefeuert werden konnte ohne dass er zuckte oder davonlief. Auf Geräusche aus der Alltagsumgebung reagierten beide im gebotenen Maß. Erstaunlich, wie sich die Tiere an die wechselvolle Umwelt anpassen konnten. Nach einem Jahr Ausbildung waren beide soweit, dass sie ihren Dienst bei blinden Menschen beginnen konnten. Hier kommt es darauf an, dass der Behinderte den richtigen Führhund bekommt zu dem das erforderliche Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. Er erhält hierbei Hilfe und Unterstützung von erfahrenen Hundeausbildern. Der Lebensweg von Alf soll nun weiter verfolgt werden, weil dieser Außergewöhnliches erlebte und vollbrachte. Er kam zu einer hübschen 30jährigen allein stehenden Frau, die vor 5 Jahren einen Unfall hatte, der zur Erblindung führte.

Als sie das erste Mal in die Hundeschule kam war es dieses Tier, das sich spontan sofort an ihre Seite begab und Sympathie bekundete. Bei Menschen würde man sagen: „Liebe auf dem ersten Blick“. So absonderlich wie das klingt, es soll nicht beleidigen, aber hier konnte dieser Blick nicht erfolgen; es muss also noch andere Verbindungsströme geben, die übereinstimmende Gefühle zwischen Lebewesen erzeugen. Fortan verschaffte Alf der Frau die Möglichkeit, sich weitgehend selbständig und gefahrenfrei außerhalb ihrer Wohnung zu bewegen. Musste sie sich in der Vergangenheit die Einkäufe von anderen erledigen lassen, so freute sie sich, dass sie jetzt die Dinge des täglichen Bedarfs gemeinsam mit dem Tier einkaufen konnte.

In einer größeren gut besuchten Kaufhalle geschah hierbei ein erster Zwischenfall. Ihre Einkaufstasche, in der sich auch die Geldbörse befand, hing am Einkaufswagen, den sie im Gang stehen ließ. Sie ging mit Alf zum ca. 1m entfernten Regal. Dort nahm sie sich sogar die bekannten Sachen selbst heraus, wenn diese immer an der gleichen Stelle geblieben waren. Der aufmerksame Hund hatte es sofort bemerkt, wahrscheinlich noch bevor die Hand des jungen Mannes direkt an der Tasche war, hier soll etwas weggenommen werden! Für ihn eine sehr brenzlige Situation, vom Geschirr und Griff seiner Herrin konnte er sich nicht befreien, den Dieb durfte er aber auch nicht entwischen lassen. So schnell kann kein Mensch reagieren, er verschaffte sich hierfür gerade genug Bewegungsfreiheit, er erwischte mit dem Gebiss den Schopf der Jacke des Kerls und ließ nicht mehr los. Umstehende sahen die Szene, leisteten aber keine Hilfe. Einige schätzten das Geschehen falsch ein, sie meinten, das Tier wolle zubeißen. Der Langfinger war so verdattert, dass er die ergriffene Tasche in der Hand behielt; er versuchte, damit um sich schlagend, den Hund abzuwehren und jammerte. Kurzum: Ein einziger beherzter älterer Mann erkannte das Geschehen richtig und brachte genügend Mut auf, den Dieb festzuhalten, woraufhin auch Alf auf Befehl seiner Gebieterin diesen wieder los ließ. Erst dann erhielt er plötzlich viel Lob von den Umstehenden.

 

 

 

Ungewöhnliche Erlebnisse

 

Die Anstandsregeln waren in den vorigen Jahrhunderten anders als heute, selbst beim Wohnen änderten sich die Gepflogenheiten des „guten Tons“.

 

Zu den Grundbedürfnissen der Menschen gehören essen, wohnen und kleiden. Wie man sich dabei benimmt, wird in mehreren Büchern beschrieben. Das bekannteste ist der „Knigge“. Auch in der Neuzeit beschäftigen sich Autoren und Institute mit dem „Benehmen“, dessen Regeln sich seit den vorigen Jahrhunderten auf vielen Gebieten wandelten. Es ist deshalb interessant in diesbezüglichen alten Büchern zu blättern und die Sitten und Gebräuche von damals mit heute zu vergleichen. Wenn es z. B. Ende des 19. Jahrhunderts hieß, dass eine Dame nie einen Fremden in ihr Schlafzimmer einlassen darf, dann wird wohl heute von dieser Anstandsregel nicht mehr viel gehalten.

E. von Hagen schrieb Ende des 19. Jahrhunderts ein für das damalige Bürgertum bestimmtes Buch mit dem Titel: „Das ABC des guten Tons“ Verlag Levy und Müller, Stuttgart. Das 1. Kapitel „Die Wohnung“ beginnt mit der Sentenz: „Es schickt sich vor allem, dass deine Wohnung zu deinen Verhältnissen passt, deinem Geldbeutel entspricht.“ Diese Feststellung kann man bis heute in der BRD für den Mittelstand dick unterstreichen. In der DDR kamen allerdings die Menschen aller Schichten durch die sehr niedrigen Mieten ganz selten in Versuchung hinsichtlich Wohnung über ihre Verhältnisse zu leben. In diesem Lande war es wichtig, im Rahmen der staatlichen Lenkung überhaupt eine Wohnungszuweisung zu erhalten – nach Mietpreisen oder sonstigen Komfort fragte da vordergründig niemand.

Im Übrigen erinnerte mich die weitere Empfehlung des Autors: „Lass deine Wohnung gegen Ungeziefer versichern und halte sie stets sauber“, an ein außergewöhnliches Erlebnis mit Schadnagern, das wir in den 1970er Jahren hatten. Weil es in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts Ungezieferschäden in Wohnungen kaum noch gab, hielten wir eine solche Versicherung nicht mehr für notwendig; hätten sie aber gebrauchen können.

In dieser Zeit wohnten wir in Erfurt in einem Dreifamilienhaus in der mittleren Etage. In dieses Haus zog ein Handwerker ein, der umfangreiche Baumaßnahmen in den Räumen der obersten Etage vornahm. Wir meinten, unser Heim immer sauber gehalten und gut gepflegt zu haben; verwundert waren wir deshalb, als in Küche und Bad plötzlich Mäuse auftauchten. Beim Umbau hatte man mehrere Nester dieser Kleinnager gefunden. Es geschah, dass in unserer Speisekammer über die Regale, in der Küche auf dem Schrank und im Bad auf dem Fußboden Mäuse entlang huschten und ausrissen, wenn wir die Räume betraten. Selbst als Tierarzt hatte ich Mühe wirksame Mittel gegen diese Belästigung zu finden. Der Einsatz von Giften verbot sich wegen der Gefahr der Kontamination von Lebensmitteln. Mit den üblichen Mäusefallen hatten wir keinen Erfolg. Wir stellten zwischen die Regale in der Speisekammer Wassereimer auf. Beim Springen von Gestell zu Gestell landeten viele Nager in diesen Gefäßen, aus denen sie wegen der glatten Wände nicht mehr heraus kamen. Nun galt es die Tiere zu beseitigen, sie im Garten in die Freiheit zu lassen, hätte ihre Wiederkehr zur Folge haben können. Nachbars Katze lehnte die gefangenen Mäuse ab und büxte aus. Mir blieb nichts anderes übrig als sie mit überdosierter Äthernarkose einzuschläfern. Ob wohl Tierschützer, zu denen ich mich zugehörig fühle, diese, meine damalige Tat, verurteilen würden?

Was sind Reitschuldreher

 

Zum Kinderkarussell sagten wir früher Reitschule und dazu gehörte der Beruf des „Reitschuldrehers“, den es heute nicht mehr gibt.

 

Zum Kinderkarussell sagten wir während meiner Kindheit in den 1930er Jahren in meiner Heimat in Ostthüringen „Reitschule“. Besonders zum jährlichen Schützenfest, das bei uns "Vogelschießen" hieß, war immer ein Schausteller mit einem solchen kleinen Karussell vertreten. Heute findet man sie nur noch am Rande von Volksfesten oder ähnlichen Veranstaltungen, weil es viele modernere aber auch oft gefährliche Attraktionen gibt. Kettenkarusselle, Berg- und Talbahnen, Raketenschaukeln, Autoskooter, Achterbahnen und ähnliches sind selbst schon bei Vorschulkindern beliebter. Wir warteten damals sprungbereit am Rande der Reitschule auf den Beginn einer neuen "Rundfahrt", die 5 Pfennige kostete, um uns auf ein Holzpferd zu schwingen, auf denen wir richtig wie ein Reiter sitzen konnten. Ich erinnere mich, dass ich mir als etwa Sechsjähriger Gedanken machte, wodurch die Drehbewegung zustande kommt, bis ich dahinter kam, dass im Inneren, abgeschirmt durch eine Pappwand, ein Mann für diese Bewegung im Kreis verantwortlich war. Ich guckte durch die Wand und erkannte unseren Nachbarn, der uns als „Gelegenheitsarbeiter“ bekannt war. Er lief im Kreis und versetzte mit einem Hebelarm den Mechanismus in die Kreisbewegung. Wir nannten ihn deshalb "Reitschulendreher" oder hochdeutsch: Karusselldreher. Heute werden die Karussells in der Regel mit Elektromotoren angetrieben und die alte Tätigkeit ist verschwunden. Allerdings gibt es noch Karusselldreher, die jedoch einen Metallberuf ausüben und an einer Karusselldrehbank arbeiten.

Übrigens wird heute der Begriff „Gelegenheitsarbeiter“ auch nicht mehr verwendet.

Prügelstrafe in der Schule

 

Erlebnisse zur Prügelstrafe in der Schule werden dargestellt. Es ist und bleibt eine unwürdige Methode, ohne die Disziplin zu verbessern.

 

Bis 1945 gehörte in deutschen Schulen die Prügelstrafe zur gängigen Praxis. Die Disziplin wurde nach meiner Erfahrung dadurch nicht verbessert. In der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR war dann körperliche Bestrafung in der Schule streng verboten. Wir hörten aber, dass z. B. die einfachen Soldaten in der sowjetischen Armee mit Stockhieben bestraft wurden – ich erfuhr aber nicht, ob das auch legal war. Diese Widersprüche waren uns DDR-Bürgern jedoch unverständlich. Schockiert war ich allerdings, dass in der BRD 1973 und im Freistaat Bayern erst 1980 in den Schulen Körperstrafen grundsätzlich abgeschafft wurden. Wie passte das mit der im Grundgesetz festgeschriebenen Menschenwürde zusammen?

Ich war kein Musterschüler, hatte aber Glück, ich wurde während meiner Volksschulzeit ab 1938 nur ein einziges Mal mit Stockhieben bestraft. Das Vergehen, das zu dieser Züchtigung führte, hatte aber starken Einfluss auf meine Erziehung zur Ehrlichkeit und Disziplin. Nicht weil ich vom Lehrer verprügelt wurde, sondern weil ich begriff, dass ich strafbar gehandelt hatte.

In den Kriegswintern mussten in unserer Schule die Öfen von uns Schülern geheizt und versorgt werden. Ein Klassenkamerad und ich waren verantwortlich für die Ofenheizung im Lehrerzimmer. Das war eine besondere Auszeichnung. Dort lagerten auf dem Tisch oder im unverschlossenen Schrank Klassenbücher, Zeugnisduplikate und sogar das Siegel des Schuldirektors. Die Verführung war sehr groß, und wir haben ab und zu einen Blick in die für uns geheimen Unterlagen gewagt. Besonders guten Freunden konnten wir dann Auskünfte über negative oder positive Eintragungen geben und auch einiges über uns selbst erfahren.

Besonders verlockend war aber, dass wir mit dem Siegel des Schuldirektors Bezugsbescheinigungen für Schreibhefte abstempeln konnten. Schreibhefte waren bewirtschaftet und nur mit Bescheinigungen einzukaufen. Wir erstellten eine größere Anzahl solcher Belege und konnten damit nicht nur für uns genügend Hefte einkaufen, sondern hatten auch ein ausgezeichnetes Tauschobjekt. Das Geschäft florierte so lange, bis der einzige Schreibwarenhändler unserer Stadt die Versorgung nicht mehr absichern konnte. Er informierte die Schule. Der Schwindel flog auf. Unsere Mütter wurden zur Schule bestellt und uns offeriert, dass wir Sabotage oder im geringsten Falle Urkundenfälschung begangen hätten. Schwere Stunden für uns Schüler und unsere Eltern folgten. Es wurde uns angedroht, dass wir in ein Erziehungsheim kämen.

Ich denke, dass unser sonst diszipliniertes Verhalten die Schulleitung bewogen hatte, die Angelegenheit nicht weiter zu melden. Die Bestrafung wurde also vom Klassenlehrer vorgenommen. Wir 2 Hauptschuldigen und 4 weitere Mitschüler, die mit den Bescheinigungen einen Tauschhandel betrieben hatten, erhielten nach strengen und mahnenden Worten 8 Stockhiebe. Obwohl es sehr weh tat, war es Ehrensache nicht zu weinen. Mit Schadenfreude quittierten die anderen Mitschüler, die wir immer ausgeschlossen hatten, dass wir mit all unseren Betrügereien reingefallen waren. Erstaunt war ich, dass wir auch weiterhin die Öfen im Lehrerzimmer versorgen durften. Alle wichtigen Utensilien befanden sich aber nunmehr im verschlossenen Schrank. Wahrscheinlich waren die eigenen Fehler der Schulleitung auch ein Grund, die Angelegenheit nicht an die große Glocke zu hängen.

 

 

 

Menschen, Tiere, Hochwasser

 

Menschen zeigen oft einen unschönen Wesenszug, bei Katastrophen können sie ihre „Schaulust“ nicht zügeln. Ein Hochwasserereignis mit Tieren wird erzählt.

 

In der Geschichte über „Tiere und Hochwasser“ habe ich beschrieben, dass vielfach den Tieren im Hochwassergeschehen bei der Rettung weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird als materiellen Gütern. In ähnlicher Weise zeigt sich ein Wesenszug zahlreicher Menschen, dass sie bei Katastrophen ihre „Schaulust“ nicht im Zaum halten können.

In Deutschland gab es 1997 an der Oder und gleich 2 Jahre später 1999 in Süddeutschland zwei als Jahrhunderthochwasser beschriebene Geschehen. Einen damals veröffentlichten Beitrag in der Tageszeitung „Thüringer Allgemeine“ vom 25.Mai 1999 „Land unter in den Bergen“ habe ich aufbewahrt. Er zeigt recht plastisch die dramatische Situation über das Ausmaß des Hochwassers und schildert eine nicht zu verhindernde Neugier der Menschen selbst bei schwerwiegenden und gefährlichen Ereignissen.

Wörtlicher Auszug aus dem Artikel (den mir die Tageszeitung gestattete zu veröffentlichen):

„Die Einsatzkräfte in den bayerischen Hochwassergebieten haben nicht nur mit den Überschwemmungen, sondern auch mit Schaulustigen zu kämpfen. In Neu-Ulm fuhren Einsatzfahrzeuge grundsätzlich mit Blaulicht durch die Stadt, um sich in der Menge von Rollerskatern, Radfahrern und Spaziergängern entlang der Donau eine freie Gasse zu verschaffen. Der Polizeichef schimpfte: „Ein Wahnsinn, dieser Katastrophentourismus! Von überall her sind sie gekommen. In Ingolstadt fürchteten die Helfer nicht nur wegen des Wassers, sondern auch wegen der vielen Schaulustigen auf den Dämmen um deren Haltbarkeit. Ein Feuerwehrmann klagte: „Unsere Leute tragen Schwimmwesten, und die Leute gehen mit Kinderwagen hoch.“ An der Ammer kamen die Lastwagen des Technischen Hilfswerks zeitweise nur mit Mühe durch, weil geparkte Autos die Zufahrt zu den Dämmen versperrten. „Die Leute denken nicht so weit - es ist schönes Wetter, und da wollen sie mal schauen“, sagte Polizeisprecher Herbert Kraus in Weilheim. Polizeistreifen seien unterwegs, um die Schaulustigen von den Dämmen zu verweisen.“

Nur 3 Jahre später, 2002, ereilte wieder ein Hochwasser die Anwohner an der Elbe und auch die Erzgebirgsregion war stark betroffen. Ein Bekannter aus einem kleinen Ort in der Nähe von Glashütte im Erzgebirge erzählte mir seine Erlebnisse. Hier stehen wieder Tiere im Mittelpunkt. Sein kleiner Bauernhof, als Wohngebäude umfunktioniert, befindet sich an einem Bach unterhalb eines Hanges. Seit Tagen hatte es geregnet und der kleine Wasserlauf war schon zu einem reißenden Fluss geworden. Er erzählte: „Froh waren wir, wieder eine Nacht ohne größere Schäden überstanden zu haben, als frühmorgens beim Frühstück das Schreckliche passierte. Meine Frau, ich und unsere vier schulpflichtigen Kinder hatten wegen des Unwetters arbeits- bzw. schulfrei. Gemeinsam saßen wir deshalb am Esstisch, als plötzlich der Foxterrier Laura ganz aufgeregt auf dessen Mitte sprang. Das hatte er noch nie getan und wir sahen zur gleichen Zeit den Grund seiner Angst. Durch die 2 offenen Fenster der Küche an der Haushinterfront strömten Wassermassen herein. Geistesgegenwärtig öffnete ich die Stuben- und vordere Haustür, das Wasser floss durch die Stube, staute sich aber in kurzer Zeit bis zu ca. einen halben Meter. Die Katze flüchtete auf den Küchenofen und schaute auf die vorbeischwimmenden toten Feldmäuse, die sie in diesem Augenblick wahrscheinlich sogar bedauerte. Wir entflohen in die obere Etage. Laura und die Katze ließen sich freiwillig auf den Arm mit nach oben nehmen. Ich schaute besonders traurig drein, denn ich hatte erst vor wenigen Tagen die Arbeiten beim Verlegen eines neuen Parkettfußbodens in der Stube beendet. Nun musste nach dem Wasserabfluss alles wieder herausgerissen werden und die Trockenlegung des gesamten Hausunterbaues nebst Mauern dauerte viele Monate. Als Physikdozent an der Uni Dresden, wollte ich vor meinen Studenten vorbildlich wirken und hatte im Haus eine Heizung mit der Nutzung von Erdwärme nach neuesten Gesichtspunkten eingebaut. Auch diese war stark beschädigt worden. Da habe ich eine gute Tat zum Schutz der Umwelt vollbracht und werde durch eine Umweltkatastrophe bestraft!“ Insgesamt war von dem Ereignis die gesamte Familie schockiert; aber auch den Hund hat es in besonderer Weise getroffen. Er war fortan richtig verstört, wenn er irgendwo Wasser rauschen hörte und war es nur aus einem Wasserhahn, versuchte er sich in Sicherheit zu bringen.“

 

Tiere und Hochwasser

 

Es werden Beispiele beschrieben, wie Menschen im Hochwassergeschehen mit ihren

Haustieren vorsorglich oder leichtfertig umgehen; Tiere sind oft eine „Sache“.

 

Was unsere Haustiere, Wildtiere und Tiere im Zoo uns Wert sind und welches Verhältnis wir

zu ihnen besitzen, erfährt man besonders deutlich in Katastrophen. Die Berichterstattungen zu den Hochwassergeschehen in Deutschland seit 1992 habe ich immer sehr aufmerksam verfolgt und festgestellt: Berichte über „gefährdete Tiere“ oder „Tierrettungen“ sind verhältnismäßig wenig anzutreffen und rangieren meist noch hinter Aktionen über die „Rettung und Bergung von Sachwerten“. Folglich scheint es mit der Beteuerung: „Tiere sind keine Sache, sondern unsere Mitgeschöpfe“ manchmal nicht weit her zu sein.

Lediglich wenn sich aus einer Tierrettung eine sensationelle Reportage herausholen lässt, finden auch unsere Mitgeschöpfe eine größere Beachtung. Beim Hochwasser von Elbe, Donau und Moldau 2002 kam mir ein solcher Bericht zur Kenntnis: Als in Tschechien die Moldau ebenfalls Pegelhöchststände erreichte, war die historische Stadt Prag gefährdet. Unter den Opfern der Flut waren Tiere aus dem Zoo. Ein 35-jähriger Elefant musste bei einem Rettungsversuch erschossen werden. Auch ein Nilpferd und viele Vögel überlebten nicht. Ein

siebenjähriger Gorilla mit dem Namen „Ponk“ ertrank in seinem Käfig. Als ich dies las musste ich daran denken, dass es für Tiere bestimmt ebenso grausam ist wie für Menschen, wenn sie eingesperrt ertrinken müssten. Ein Seelöwe entkam in die Moldau. Er legte über 300

km in den Flüssen zurück und hätte mit dieser Leistung ein Held werden können. Bei Dessau wurde er eingefangen. Er starb aber, als er nach Prag zurück transportiert wurde.

Jetzt, 2013 zum Hochwassergeschehen an der Elbe und Donau, vernahm ich in einem Fernsehbericht, dass evakuierte Bewohner nach leichtem Rückgang des Wassers nochmals in ihre Häuser zurück durften um noch Sachen herauszuholen. Erschüttert war ich darüber, dass es auch hieß, sie wollten ihre Haustiere noch retten. Wie egoistisch sind doch die Menschen, die bei Evakuierungen ihre Tiere zurück lassen. Erfreulicher Weise gibt es auch andere Beispiele, die aber bisher noch nicht veröffentlicht wurden.

So erzählte mir ein 15jähriges Mädchen ihre Geschichte beim Oderhochwasser 1997. Die Flut überraschte sie und ihre Mutter in ihrem abgelegenen kleinen Gehöft. Ringsherum stieg das Wasser sehr schnell an und drang in alle Gebäude ein. Der Vater war am Deich und füllte gemeinsam mit vielen Helfern Sandsäcke, die aber nicht ausgereicht hatten das Leck im Damm zu schließen. Im Stall befanden sich zwei Läuferschweine, zwei Schafe und eine Ziege, die mit ihren Füßen schon im Wasser standen. Es berichtete weiter: „Wir dachten nicht an unsere eigene Sicherheit, sondern brachten als erstes die Tiere ins Haus. Das war noch einfach, weil sie uns kannten und sich wie Hunde an der Leine führen ließen. Vielleicht merkten sie auch eine drohende Gefahr und folgten uns bereitwillig. Nun stieg das Wasser in der Stube unaufhörlich an und wir mussten in die erste Etage flüchten. Die Ziege und die Schafe schafften die schmale Treppe mühelos nach oben. Die Schweine aber wollten partout nicht hinauf. Kurz entschlossen holte meine Mutter ein Betttuch aus dem Schrank. Wir beförderten die beiden je 40 kg schweren Tiere einzeln, wie in einer Hängematte liegend, nach oben. Durch ihr Strampeln und sich Wehren zerrissen sie zwar das Laken, das machte jedoch nichts, unsere Aktion klappte. Hund und Katze hatten sich freiwillig mit zu uns begeben. Im Schlafzimmer im 1. Stock warteten wir nun trockenen Fußes auf unsere Rettung. Nach einer gewissen Zeit, das Wasser reichte inzwischen bis an die Unterkante der l. Etage, kam mein Vater mit einem größeren Boot, das er am Schlafstubenfenster festmachte. Wir brauchten nur einen Meter tief nach unten in den Kahn einsteigen und die mitgekommenen zwei Feuerwehrleute konnten auch alle unsere Tiere schadlos Verfrachten!

Probleme gab es, als wir mit unseren Tieren in der Notunterkunft in einer Turnhalle ankamen.

Hier gab es nur Platz für Menschen. Aber es fand sich ein freundlicher Bauer, der mit seinem

Anhänger am Trecker unsere Schweine, Schafe und Ziege zu einem höher gelegenen Dorf brachte. Dort konnten wir in einem Gehöft in einer Scheunentenne vorübergehend unsere Tiere unterbringen. Nur unsere Katze wollte bei uns bleiben und mit in die Notunterkunft für Menschen.

 

 

Hund erlebte Freud und Leid

 

Ein Hundeschicksal auf einem Bauernhof, wo besonders ein 10jähriges Mädchen Tierliebe zeigt aber man sonst Tierquälerei duldet, wird beschrieben.

 

 

Einem Hund, das war auch zugleich der Rufname, widerfuhr im vorigen Jahrhundert auf einem Bauernhof viel Leid, bis ihm später auch Freude beschieden war. Das Unglück begann schon kurz nach seiner Geburt; er war 1 Woche alt, da starb seine Mutter. Sein Überleben verdankte der Welpe der 10jährigen Tochter eines Bauern, in dessen Scheune er zur Welt gekommen war. Das Mädchen war wahrscheinlich die einzige dieser Familie, die Tierliebe zeigte. Vater, Mutter und ihre 2 älteren Brüder beurteilten und schätzten die Haustiere, die auf dem Bauernhof lebten, nur nach ihrem Nutzen, den sie für die Menschen hatten. Deshalb rangierten Hunde noch nach den Katzen, die für das Mäusefangen notwendig waren, bei der Brauchbarkeit an letzter Stelle. Ihre Aufgaben als Bewacher von Hab und Gut fanden keine Anerkennung, weil der Bauer oft sagte: „Wir haben keine Reichtümer, deshalb braucht nichts bewacht werden und Hunde sind bei uns nur unnütze Fresser, deren Flöhe uns sogar noch belästigen können.“

Die „Mischlingsmutter“ von „Hund“ war auf eine grausame Art ums Leben gekommen. Während des Getreidetreschens in der Scheune hatte sich die Hündin zu nahe an die Strohpresse gewagt. Das Tier wurde von einem Greifarm erfasst und so stark gequetscht, dass es an den Folgen der Verletzungen starb. Der Bauer wusste jedoch nichts vom Hundenachwuchs, der in einem fast unzugänglichen Versteck in der Scheuer insgesamt verhungert wäre, wenn nicht das Mädchen eingegriffen hätte. Die Tierretterin fand die Stelle, wo die Hündin ihre „Säuglinge“ vor fremden Zugriff versteckt hatte. Von ehemals 3 lebte nur noch einer.

Wahrscheinlich hatte die Hündin die Gefahr für ihren Nachwuchs gespürt. Sie hatte sich mit einem reinrassigen Rüden eingelassen, der vornehmen Leuten aus der Stadt gehörte. Wenn ein reinrassiges Zuchttier Nachwuchs mit nicht ebenbürtigen Rassetieren hat, gibt das große Schwierigkeiten für die weitere Verwendung im Zuchtgeschehen. Der Bauer versprach deshalb, wenn die Hündin Nachwuchs aus diesem „verbotenem Verkehr“ gebären sollte, diesen zu töten. Auch das Mädchen hatte diese Probleme mitbekommen und griff deshalb zu einer Notlüge. Sie behauptete, der Welpe, den sie mit der Flasche aufziehen wollte, würde nicht von der verunfallten Hündin stammen, sondern sei ein überzähliges Tier von einer Hündin aus der Nachbarschaft. Ihren Schulfreund weihte sie in die Verschwörung ein.

Die beiden Kinder waren gar nicht damit einverstanden, dass die Erwachsenen teilweise so roh und unbarmherzig mit Haustieren, insbesondere Hunden und Katzen, umgingen und diese häufig sogar kurz nach der Geburt grausam töteten. In der Schule brachte ihr Lehrer ihnen dagegen bei, dass man alle Lebewesen vor Misshandlungen schützen muss und der Mensch eine hohe Verantwortung gegenüber den ihnen anvertrauten Tieren trägt.

Mit der Aufzucht des mutterlosen Welpen konnten sie deshalb praktische Tierschutzarbeit leisten. In der Scheune richteten sie für den Kleinen im Stroh auf einer Decke eine bequeme Liegestatt ein. Regelmäßig, in der Anfangszeit mindestens alle 4 Stunden, erhielt der Welpe mit der Nuckelflasche zu trinken. Mit dem Füttern wechselten sich das Mädchen und der Junge nach einen Plan ab und sie standen in der Anfangszeit sogar nachts zu den entsprechenden Zeiten heimlich auf, um den Hundesäugling zu versorgen.

Der Mischling entwickelte sich dank der guten Pflege prächtig und nach einem reichlichen halben Jahr war er, ein mittelgroßes Tier, schon sehr kräftig. Die Kinder gingen sehr häufig mit ihm hinaus in die Flur und beim Herumtollen zeigte er große Ausdauer. Er rannte gern mit den Beiden um die Wette und war erwartungsgemäß der Schnellere. Er erhielt keine spezielle Erziehung, gehorchte aber bedingungslos. Die beiden Kinder und der Hund waren ein Dreigespann, bei dem es Freude machte zu zuschauen, wie sich Haustiere mit großem Eifer bemühen, Menschen, die sie mögen, glücklich zu machen.

Nun gingen die Schulferien und der Sommer zu Ende und beide Kinder mussten in die Stadt ins Gymnasium ins Internat, sie kamen nur hin und wieder an Wochenenden und in den Ferien nach Hause. Der Bauer hatte seine Tochter, trotz deren „Tierschutzspinnereien“, wie er immer sagte, ins Herz geschlossen. Er wollte sie nicht traurig sehen und ließ „Hund“ leben. Er vermutete nämlich doch einen Nachkommen des reinrassigen Hundes aus der Stadt vor sich zu haben. Und der „Hundefeind“ ließ sogar eine Hütte bauen, vor der das Tier an einer 1 m langen Kette aber nur noch wenig Bewegungsfreiheit hatte. Wahrscheinlich träumte der Hund sogar manchmal von der schönen Zeit, als die Kinder noch mit ihm in Wald und Flur unterwegs waren. Anfangs heulte er dann hin und wieder unvermittelt recht laut auf, was er aber später unterließ, weil es dann Schläge setzte.

„Hund“ freute sich unbändig, als in den Herbstferien das Mädchen, seine Retterin, für eine Woche heim kam. Das entschädigte ihn für die in den letzten Monaten erlittene Pein. Während dieser Leidenszeit kam er doch tatsächlich auch manchmal von der Kette los, aber was ihm dabei widerfuhr, konnte er seiner Beschützerin nicht mitteilen. Dem 16jährigen Bauernsohn und seinen gleichaltrigen Freunden waren Grausamkeiten gegenüber Hunden etwas ganz Selbstverständliches. Es fehlten entsprechende Vorbilder, die ihnen den Sinn und die Bedeutung des Spruchs hätten vermitteln können: „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.“

Eines Tages, es war ein sehr warmer Herbsttag, nahmen sie „Hund“ mit zum Badeteich. Das Tier glaubte zunächst jetzt wieder frei und unbeschwert herumtollen zu können, bis es merkte, das waren keine freundlichen Menschen, die wollten Spaß am Quälen haben. Wenn er früher mit dem Mädchen und dessen Freund am Wasser war, machte es auch ihm viel Spaß im Teich zu schwimmen. Jetzt wurde er von den Jugendlichen brutal ins Wasser geworfen; damit noch nicht genug, sie schwammen ihm hinterher und tauchten seinen Kopf unter Wasser. Er zappelte und schluckte Wasser. Sie wollten ausprobieren, ob er länger als sie selbst unter Wasser bleiben könnte. Es grenzte fast an ein Wunder, dass er überlebte. Damit nicht genug, sie setzten ihn auf ein Brett, banden ihn darauf fest, wirbelten ihn damit an einem Seil über den Teich hin und her und unvermittelt ließen sie ihn ins Wasser fallen. Wenn er sich nicht ihren Willen unterordnen wollte, gab es noch zusätzlich Schläge mit einem harten großen Stock. Erwachsene sahen bei diesem tierquälerischen Tun zu, niemand schritt aber ein. Auch der Bauer lachte nur, als sie ihm erzählten, „Hund“ könnte zwei Minuten länger tauchen als Menschen und würde danach so viel Wasser spucken, das damit ein Sautrog zu füllen wäre.

„Hund“ war noch ein junges Tier und verständlicher Weise verspielt, er hatte Lust Katzen und das Geflügel zu jagen oder zu ärgern. Auch dies nutzten die halbwüchsigen Jungen für ein böses Spiel aus. Sie ließen ihn von der Kette und öffneten die Tür zum Auslauf für die Gänse. Er stürmte hinein, hatte aber nicht damit gerechnet, dass ein ganz böser Ganter seine Schar beschütze, dem er nicht gewachsen war. Er musste sich deshalb heftige Schnabelhiebe gefallen lassen.

Noch ärger trieben sie es, indem sie den älteren grauen Kater, von dem sie wussten, er ist sehr hundefeindlich, auf seinen Rücken setzten. Dem angebundenen „Hund“ legten sie dazu den Maulkorb an. Man braucht sich nicht auszumalen, dass die Katze das arme Hundetier mit ihren Krallen grauenhaft zurichtete. Am Wochenende kam das Mädchen nach Hause und fand ihren verletzten Liebling vor. Ihr erzählten sie, Hund wäre ausgebüxt und bei seiner Flucht ins Dornengebüsch gefallen, sie musste es glauben, denn niemand hielt zu ihr und sagte ihr die Wahrheit.

So vergingen 2 schlimme Jahre für das Tier; dann war die Konfirmation für das Kind aus deren Anlass es sich etwas wünschen durfte. Die Eltern waren sehr erstaunt, dass die 14jährige keinen materiellen Wunsch hatte. Sie erklärte, sie wollte „Hund“ immer in ihrer Nähe bei sich haben; dazu entwickelte sie auch einen Plan. Ihre Tante hatte am Rande der Stadt, in der das Mädchen das Gymnasium mit Internat besuchte, ein kleines Anwesen mit einem großen Garten. Mit dieser Verwandten hatte es gesprochen und ausgemacht, dass diese „Hund“ übernimmt; damit gäbe es für sie oft Besuchsmöglichkeiten bei ihrem Liebling. Der Wunsch wurde erfüllt und das Tier kam von einem qualvollen zu einem ungeahnten glücklichen Hundeleben.

Manchmal hört man die Meinung, den Hunden auf dem Dorf würde es besser gehen als denen in der Stadt; sie hätten mehr Auslauf und Freiheit. Mit der Geschichte von „Hund“ und vielen Erlebnissen an die ich mich erinnere, kann ich aber diese Auffassung widerlegen.

Putzi, die gescheite Katze

 

Berichtet wird von einer Hauskatze in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, die auf einem Bauernhof in damaliger Zeit als Ausnahme Familienanschluss fand.

 

Sie hieß Putzi, wurde Anfang der 1940er Jahre geboren und hatte sich in einer Bauernfamilie einen Platz in der Wohnung erobert. In dieser Zeit eine Seltenheit für eine Katze, denn in den Bauernhöfen mussten sich diese Tiere in Scheune und Stallungen aufhalten, hatten Mäuse zu fangen und Ratten vom Aufenthalt in den Gebäuden abzuhalten. In der Regel stand vor der Haus- oder Stalltür ein Napf mit Milch und ich höre noch meinen Großvater sagen: „Katzen darf man nichts zufüttern, dann sind sie satt und fangen keine Mäuse. Nur Milch müssen sie bekommen, das ist für alles ein Gegengift und diese Schädlinge, die sie meist ganz fressen, könnten durchaus giftig sein.“ Diese Gepflogenheiten beobachtete ich damals in allen Bauernhöfen, somit war Putzi eine Ausnahme. Mit ihrer stark ausgeprägten „Katzenart“ – nie unterwürfig aber trotzdem anschmiegsam zu sein – erreichte sie diese Sonderstellung und erhielt sogar einen Rufnamen, auf den sie auch hörte. Diese Tierart wurde damals meistens nur Miez oder Kater gerufen.

Mein Großvater sagte allgemein zur Tierhaltung: „Gott sei Dank haben wir es nicht mehr nötig, dass wir, wie es bis zum Mittelalter üblich war, Tiere in unseren Zimmern beherbergen müssen. Auch Hunde und Katzen müssen draußen bleiben und dort ihre Aufgaben erfüllen.“ Und er fügte spöttisch hinzu: „Die Tiere wollen unseren menschlichen Geruch gar nicht immer um sich haben. Aus ihrer Erinnerung vom „Wildtierdasein“ her ist vielleicht sogar haften geblieben, dass wir Menschen sie einst jagten oder ihnen die Beute streitig machten; drum konnten sie uns nicht riechen.“

Als ich als etwa 9jähriger mit einer ca. 4 Wochen alten Katze auf dem Arm vor meinem Großvater stand und ihn bat, das Tier ausnahmsweise mit in die Stube nehmen zu dürfen, knurrte er nur und nickte Zustimmung, denn er war gutmütig und konnte mir nur selten etwas abschlagen. Dann meinte er aber: „Nachts muss das Tier aber raus und tagsüber darf es nur mit dir zusammen drinnen sein. Ich will in unserer Wohnung kein Tierheim einrichten.“

Letztlich eroberte aber Putzi auch die Zuneigung meines Großvaters und aller Familienmitglieder, denn sie war nach meinem kindlichen Empfinden gescheit. Sie wusste das Verhalten und die jeweilige Stimmung der einzelnen Menschen einzuschätzen und sich danach zu verhalten. Dabei gab sie aber nie ihre „stolze Katzenart“ auf, sie ließ sich nur von Personen auf den Arm oder den Schoß nehmen und streicheln, die sie mochte. Meine Cousine, die 10 Jahre älter war als ich, kam eines Tages aus der Stadt uns besuchen. Sie spielte sich als feine Dame auf und wollte Putzi wie einen Schoßhund behandeln. Ergebnis: Sie fing sich von der Katze zerkratzte Hände und sogar einen Kratzer im Gesicht ein. Auch ich mochte damals meine mit „neumodischen Stadtgepflogenheiten“ angebende Cousine nicht, weil sie mich u. a. bei der Begrüßung immer drücken und mir einen Kuss auf die Wange geben wollte. Ich sagte deshalb recht beleidigend: „Putzi mag dich nicht, weil du so nach Parfüm stinkst.“ Dafür erhielt ich zwar eine Maßregelung von meiner Mutter aber das Vorkommnis wurde im Familienkreis überliefert und wird noch heute manchmal bei Zusammenkünften erzählt.

Jahre später, als ich meine Freundin als zukünftige Schwiegertochter erstmals in der Familie vorstellte, war es die Katze, die signalisierte, dass ich die richtige Wahl getroffen hatte. Sie ließ sich von dieser Frau streicheln und in den Arm nehmen. Mit dieser instinktiv bekundeten Sympathie verband sich eine damals noch nicht geahnte und heute deutlich gewordene Prophezeiung: Unsere Ehe wurde glücklich und wir feierten kürzlich „Diamantene Hochzeit“. So verschaffte sich Putzi mit diesen Vorkommnissen eine bleibende Erinnerung in unserer Familie.

Manchmal träumte ich sogar, dass ich mich mit Putzi unterhielt. Tatsächlich deutete ich ihre „Miau – Laute“ insgesamt so, weil sie damit ausdrückte was ihr gefiel oder was sie ablehnte. Und noch mehr, sie konnte damit und mit Gesten zeigen, wenn sie ihr Fressen oder in einen Raum hinein oder von dort heraus wollte. Auf einem bestimmten Stuhl mit Kissen hatte sie ihren Stammplatz und fauchte bissig, wenn ihr diesen jemand streitig machen wollte.

Obwohl in unserem Gehöft noch mehrere Katzen frei herumliefen, ließ Putzi es nicht zu, dass eine ihrer Artgenossen jemals auch in die Stube kam. Geschickt wehrte sie alle schon an der Haustür ab. Selbst fremde Hunde hatten vor ihr Respekt und getrauten sich nicht in unser Anwesen.

Jährlich zweimal brachte die Katze 3 bis 6 Junge zur Welt. Für die Geburtsstätte wählte sie fast immer ein Gästebett, das als Notbehelf in einer Bodenkammer stand. So passierte es einmal, dass sich mehrere Verwandte zum Besuch angemeldet hatten und meine Großmutter dieses Bett mit herrichten wollte. Sie fand dort Putzi mit ihren 1 Tag alten Nachwuchs. Tatsächlich wurden deshalb andere Schlafmöglichkeiten geschaffen und die Katze in ihrem „Wochenbett“ belassen. Nur wundere ich mich noch heute, dass wir es schafften alle Tiere des reichlichen Katzennachwuchses von Putzi zu vermitteln bzw. frei laufen zu lassen. Selbst die eigenen Nachkommen duldete Putzi auch nicht im Haus. Leider gab es in jener Zeit noch keine Kenntnis oder Aufklärung über die Kastration der Katzen und die Neugeborenen wurden häufig mit grausamen Methoden getötet.

Als Putzi etwa 18 Jahre alt war verschwand sie von einem Tag auf den anderen. Meine Großeltern waren verstorben und meine Eltern suchten das Tier vergeblich. Zur gleichen Zeit erkrankte mein Vater und musste ins Krankenhaus. Als er sich hierfür fertig machte sagte er: „Wenn Putzi nicht wieder kommt, dann werde auch ich im Krankenhaus sterben. Beides geschah, nur der tote Körper der Katze wurde nirgends gefunden.

 

 

 

 

 

 

Flugente, Traum, Wirklichkeit

 

Beim Fotografieren von Tieren in einer Geflügelausstellung entwich mir eine wertvolle Flugente. Das Ereignis verfolgt mich seit über 60 Jahren im Traum.

 

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren besaßen meine Großeltern ein „Traumbuch“.

Darin waren viele Personen, Gestalten, Tiere und Ereignisse aufgeführt und beschrieben, welche Bedeutung es hat, wenn man von diesen träumt. Als ich in den ersten Schuljahren lesen gelernt hatte, verlangte ich fast jeden Morgen dieses Buch mit der kindlichen Bemerkung: „Ich will nachschauen was ich geträumt habe.“ Seit Kindesbeinen beschäftigten mich deshalb die Traumdeutung und die Fragen zur Entstehung von Träumen. Dabei gibt es einige Ereignisse aus meinem nunmehr 82jährigen Leben, von denen ich in unregelmäßigen Abständen und im unterschiedlichen Zusammenhang immer wieder träume. Darunter ist ein Erlebnis, das ich Anfang der 1950er Jahre mit einer Flugente hatte. Auch im Wachzustand habe ich dieses Ereignis noch sehr gut im Gedächtnis und kann es nach meinem Empfinden recht genau beschreiben.

Wir Studenten suchten damals – das ist heute nicht anders – immer Möglichkeiten, zu unserem Stipendium und den elterlichen Zuwendungen etwas Geld hinzu zu verdienen. Gemeinsam mit einem Kommilitonen besuchte ich Geflügelausstellungen und wir erbaten uns dort die Genehmigung, Fotos von prämierten Tieren zu machen. Es gelang uns dann auch hin und wieder diese Bilder an Zeitschriftenverlage zu verkaufen. Wenn es Titelbilder wurden, war das Honorar auch oft recht gut.

Das Fotografieren wurde uns in den Ausstellungshallen aber meistens nur nachts, wenn kein Publikumsverkehr war, gestattet. In Erfurt präsentierten in der großen Thüringenhalle viele nach dem Krieg neu gegründete Geflügelzuchtvereine in einer international besuchten Ausstellung Land- und Wassergeflügel. Am Tage waren die Preisrichter tätig gewesen, hatten die „Siegertiere“ ermittelt und die Käfige gekennzeichnet, in denen sich diese befanden. Großzügigerweise wurde uns ein kleiner Raum zur Verfügung gestellt, in dem wir diese ausgewählten Tiere fotografieren konnten. Wir mussten aber diese Hühner, Hähne, Gänse oder Enten und Tauben aus dem Käfig nehmen, in den Fotoraum und wieder zurück bringen.

Erfolgreich hatten wir Aufnahmen von mehreren Tieren gemacht, es war fast der Morgen angebrochen und wir waren schon erschöpft. Da passierte das Missgeschick: Die Flugente, das „Siegertier“ der Ausstellung, entwich uns beim Herausnehmen aus dem Käfig. Die Ente flatterte nicht hoch, sondern lief in ungeahnter Geschwindigkeit unter den Käfigen entlang – wohin: Unbekannt. Unvorstellbar unsere Panik; wir hätten das Tier niemals ersetzen können, also mussten wir es einfangen: Aber wie? Der Abstand Fußboden - untere Käfigkante - betrug nur ca. 50 cm, darunter entlang kriechen war beschwerlich und fast aussichtslos. Die Halle, in der viele Käfigreihen standen, war mehr als etwa 100 m lang und 50 m breit. Um die Ausstellungstiere nicht zu beunruhigen, gab es in der Halle nur ganz dämmriges Licht. Außerdem durften wir auch keinen Krach machen, weil das wahrscheinlich zu einem ungeheueren Krähen der Hähne, Geschnatter und Stimmengewirr der vielen Tiere geführt hätte.

Wir liefen die Gänge entlang und sahen unsere Ausreißerin ängstlich in einer Hallenecke sitzen. Wir waren hoch erfreut, aber wenn wir näher kamen versuchte sie auszureißen. Auf dem Tisch, auf dem wir die Tiere zum Fotografieren stellten, befand sich ein großes weißes Tuch und uns kam der Gedanke, dieses zum Einfangen zu benutzen. Vorsichtig bewegten wir uns mit aufgespanntem Tuch auf die Ente zu und es gelang uns tatsächlich, sie darunter einzufangen. Ein Stein fiel uns vom Herzen, denn auch der offizielle Wachmann hatte nichts von unserem Unglück mitbekommen. Dem Ausstellungsleiter gegenüber verschwiegen wir unser Malheur und versprachen mit unseren Bildern Reklame für die Ausstellung zu machen. Unser Bild der Flugente wurde dann tatsächlich in einer Geflügelzeitschrift veröffentlicht aber ohne Kommentar zu unserem aufregenden Erlebnis.

Wenn ich heute von dieser Flugentenepisode träume, erscheinen mir lustige aber auch bedrückende Bilder. Ich sehe mich und meinen Studienkollegen unter den Käfigen entlang robben und die Ente schnattert in weiter Ferne, als ob sie uns auslacht. Wenn ich dann das unter dem Tuch gefangene Tier fassen will, entkommt es mir und fliegt davon. Davon wache ich meist auf, weil mir die Angst wieder gegenwärtig wird, dass wir das Tier nicht ersetzen können.

Bekannte rieten mir sogar wegen diesem und anderen bedrückenden Träumen im Umgang mit Tieren einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Ich meine aber, das brauche ich nicht, denn im Wachzustand kann ich mich sehr real an diese Geschichten erinnern. Mich beschäftigt nur die Frage, wie solche oft absurden Träume entstehen und verfolge in der Literatur die Ergebnisse auf dem Gebiet der „Traumforschung“. Vielleicht erlebe ich es noch, dass meine Fragen wenigstens zum Teil beantwortet werden können.

 

Ein Reh musste sterben

 

Es wird eine Geschichte erzählt nach der ein Reh wegen Tollwutverdacht getötet werden musste. Fachleute akzeptierten – Tierschützer missbilligten.

 

Eine auch heute besonders von Tierschützern heftig diskutierte Frage: „Ist es gerechtfertigt, Tiere zu töten, um menschliches Leben zu retten oder zu schützen?“ Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren hatte ich sinngemäß diese Frage meinem Großvater, der viel in der Bibel las, gestellt. Für ihn war die Beantwortung damals einfach, er zitierte eine Bibelstelle:

„Gott schuf die Menschen, segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“

Ich wurde Tierarzt und in diesem Beruf dann oft mit Problemen der Tierversuche, des Einschläferns von Tieren und des Tötens von Tieren wegen diagnostischer Abklärungen konfrontiert. Von Kindesbeinen an bewegten mich aber auch Tierschutzgedanken und ich kam bei notwendigen Entscheidungen auf diesen Gebieten häufig in Konflikte zur Frage: „Kann man menschliches Leben mit tierischem gleichsetzen?“ Das Bibelzitat half mir dabei nicht, ich musste in jedem Einzelfall nach dem Grundsatz entscheiden: „Vordergründig gilt es, menschliches Leben zu retten und zu schützen aber dabei tierisches Leben nicht ungerechtfertigt oder leichtsinnig zu opfern.“ Auch eine Feststellung, die leichter gesagt als getan. Mir blieb in diesem Zusammenhang eine Geschichte im Gedächtnis, die ich 1991 erlebte.

Ich hatte als Amtstierarzt Wochenendbereitschaftsdienst. Am Freitag nach Dienstschluss erhielt ich die Nachricht, dass in einem größeren Wohngebiet ein Reh frei herumläuft. Man hatte auch beobachtet, dass es vorher in einem Kindergarten mit Kindern in Berührung gekommen war. Dort war das Tier noch ganz friedlich gewesen und hatte sich von Kindern sogar streicheln lassen. Ein außergewöhnliches Verhalten für ein Wildtier, zumal es nun anschließend sehr verstört auf der Straße herum sprang. Es war aber durchaus möglich, dass es von unvernünftigen Menschen vertrieben wurde und nun flüchtete. Als ich vor Ort kam war es inzwischen in den Keller eines Mehrfamilienhauses gerannt und dort in einem leeren Raum eingefangen worden. Meine ersten Recherchen, woher es stammen könnte, waren ergebnislos. Das friedliche Verhalten gegenüber Kindern ließ darauf schließen, dass es möglicherweise in Menschenobhut aufgewachsen war, könnte aber auch Ausdruck für eine Tollwuterkrankung sein. Es gibt dabei Tiere, die Aggressivität zeigen, dagegen aber auch eine andere Form der Krankheit, bei der selbst Wildtiere Menschennähe suchen und sogar anschmiegsam werden. Beides konnte an diesem lebenden Tier nicht bestätigt oder auch ausgeschlossen werden. Im Übrigen war das Stadtgebiet zum „Tollwutsperrgebiet“ erklärt worden, weil vor kurzer Zeit bei einem Hund die Krankheit nachgewiesen worden war. Um nun bei diesem verstörten Reh, dessen Herkunft nicht zu ermitteln war, Tollwut auszuschließen, musste dessen Gehirn untersucht werden. Eine andere Methode, z. B. eine Untersuchung am lebenden Tier durchzuführen, gab es nicht.

Ich stand vor einer schweren Entscheidung: „Konnte ich verantworten, dass Menschen und Kinder dem Verdacht einer Tollwut -Ansteckungsgefahr für längere Zeit ausgesetzt blieben, wenn das Tier nicht sofort getötet und untersucht würde?“ Die Heimtücke dieser Infektionskrankheit sind die sehr unterschiedlichen aber oft auch sehr langen Inkubationszeiten, das ist die Zeit von der Ansteckung bis zum Krankheitsausbruch; in einigen Ausnahmefällen dauerte dies bis einige Jahre.

Mein Gewissen sagte mir, ich kann in diesem Falle das Reh nicht in Quarantäne bringen, um abzuwarten, ob es an Tollwut erkrankt oder nicht. Es ist aber auch bekannt, dass vor allem tiefere Bisswunden, die es in dem vorliegendem Geschehen zwar nicht gab, am ehesten zu einer Ansteckung führen. Trotzdem würden aber alle Personen, die mit dem Tier in Berührung gekommen waren, in einer ständigen Ungewissheit leben.

Ich ließ das Reh durch den zuständigen Revierförster ordnungsgemäß erschießen und brachte den Kopf zur Untersuchung ins zuständige Veterinäruntersuchungs- und Tiergesundheitsamt. Das Ergebnis des sofortigen Schnelltestes war negativ und ich konnte Entwarnung geben.

Meine Entscheidung fand die Zustimmung aller Fachleute. Einige Tierschützer missbilligten jedoch meine Entscheidungen zur Tötung des Tieres. Ich sollte in den nächsten Tagen in einer Versammlung zum Vorsitzenden des örtlichen Tierschutzvereins gewählt werden und eine Frau, Mitglied des Vereins, kündigte an, alle aufzufordern, mich als „Tierfeind“ anzuprangern und nicht zu wählen. Ich weiß nicht warum sie nicht zur Wahlversammlung erschien. Ich sprach dort aber das Vorkommnis an und begründete meine Handlungsweise, die das Verständnis der Anwesenden fand; ich wurde gewählt und bin heute Ehrenvorsitzender des Tierschutzvereins.

 

Schäfer beherbergt einen Wolf

 

Aus einem Zoo entflieht ein Wolf, der sich einige Tage bei einem Schäfer und seiner Herde aufhält. Wölfe stellen in der Natur keine Gefahr für Menschen dar.

 

An schönen Sommertagen genießt der Schäfer gegen Abend vor Sonnenuntergang mit seinen Hunden gern ein besinnliches Stündchen. Die Tagesarbeit ist im Wesentlichen getan und in der Schafherde herrscht Ruhe. Die Tiere wollen vor der Nachtruhe noch genüsslich fressen, sie scheinen zu spüren, bald werden sie in den Pferch gesperrt und sind dann die ganze Nacht mit einem Zaun umgeben. Wer also jetzt die Zeit nicht nutzt, behält einen hungrigen Magen.

Auf der kleinen Treppe des Schäferwagens, in dem der Mann nachts schläft, um ständig in der Nähe seiner Herde zu sein, sitzt der Schäfer und raucht eine Tabakspfeife. Das vertreibt an diesem Sommerabend die vielen Mücken, die von dem Wassertümpel her kommen, der sich in der Nähe der Weidefläche befindet. Neben ihm auf dem Boden liegen seine beiden Hütehunde, denen eine gewisse Spannung anzumerken ist, denn sie warten auf den Befehl die Schafe in den Pferch zu treiben. Eine Arbeit , die sie gern und freudig verrichten.

Plötzlich knurren die beiden Hunde aggressiv, als ob sie eine Gefahr witterten. Auch bei den Schafen beginnt eine gewisse Unruhe, die Tiere hören auf zu grasen und streben zusammen in Richtung Pferch, obwohl die Hunde noch gar nicht begonnen haben sie dorthin zu treiben.

Der Schäfer sieht, auch ohne Fernrohr, in weiter Ferne einen Schäferhund am Waldrand entlang schleichen. Er ärgert sich, dass ein Tierhalter wieder einmal nicht auf seinen Hund achtgab und ihn der Gefahr aussetzt, als vermutlich wilderndes Tier abgeschossen zu werden. Auf diesem Gebiet sind die Weidmänner oft unerbittlich oder auch unvernünftig. Da hat doch vor einiger Zeit ein solch „Unbesonnener“ sogar einen seiner Hunde erschossen. Nach der Tat meinte er, es wäre aus Versehen geschehen und er hätte zu spät gesehen, dass er einen abgerichteten Hütehund vor der Flinte hatte. Was nützte da die Geldentschädigung, der Schäfer trauerte um seinen Liebling, der ihm ans Herz gewachsen war. Außerdem hatte er viel in die Ausbildung des Tieres investiert, für ihn war es nur schwer ersetzbar.

Die Nacht verlief ohne Zwischenfälle. Am Morgen, nachdem die Schafherde wieder ihren Auslauf hatte und die Hunde mit Futter versorgt waren, schaut der Schäfer auf seinen typischen Stock gestützt in die Ferne. Er verspürt eine Wetteränderung – in der Wettervorhersage ist er besser als manche Meteorologen – er weiß viele Erscheinungen, die andere Menschen gar nicht erkennen, zu deuten. Die Schafe sind an diesem Morgen besonders unruhig, also vermutet er ein nahendes Unwetter, das meist einen Wetterumschwung einleitet. Als er in der Ferne wieder diesen vermeintlichen Schäferhund erblickt, wird er aber unsicher, ob Wetterumschlag oder dieser Hund für das eigenartige Verhalten seiner Tiere verantwortlich ist, denn es ist eigenartig gegenüber fremden Hunden verhielten sich die Schafe ansonst nicht so ängstlich. Auch seine beiden Hütehunde wurden in der Regel gegenüber anderen Hunden erst dann kämpferisch, wenn diese näher kamen. Der gesichtete Hund, der wieder im Wald verschwand, muss eine besondere Art gewesen sein, denn die Tiere beruhigten sich nur langsam.

Auf alle Fälle trifft er in aller Ruhe Vorbereitungen, um gegen ein zu erwartendes Gewitter gewappnet zu sein. Dem fremden Hund schenkt er keine weitere Beachtung, seine beiden erfahrenen Hütehunde sind bestimmt in der Lage diesen „Fremdling“ abzuwehren.

Am Nachmittag trifft seine Vorhersage ein, am westlichen Himmel zeigen sich schwarze Wolken und Blitz und Donner sind zeitlich gar nicht mehr weit auseinander; also dauert es nicht mehr lange bis das Unwetter losbricht.

Die Schafe sind im Pferch, die Hunde liegen unter dem Wagen, er hat seinen wasserdichten Umhang übergestülpt und setzt sich an den Eingang seines Wagens. Da sieht er, dass sich gar nicht weit entfernt der fremde Schäferhund heranschleicht. Hat das Tier vielleicht auch Angst bekommen und sucht Menschennähe? Seine beiden Hunde knurren nur leise, also wittern sie keine große Gefahr. Er wird deshalb das Tier keinesfalls fortjagen.

Noch hat es nicht angefangen zu regnen, da schlägt in der Nähe ein Blitz in einen Baum; diese Einschläge, noch vor beginnendem Regen, haben schon manchen Unfall verursacht. Die meisten Menschen glauben, das Gewitter beginnt gemeinsam mit Regen und suchen erst dann Schutz, wenn die ersten Tropfen fallen. Der Schäfer muss dabei an seinen im vorigen Jahr durch einen Blitz ums Leben gekommenen Berufskollegen denken; dieser stand bei einem nahenden Gewitter auf einer kleinen Anhöhe – weit und breit kein Baum – er hielt seinen Stock mit dem Metallhaken aufrecht und bot damit eine Anziehung für den Blitz, der vor dem beginnenden Regen einschlug und ihn tötete.

Als der Schäfer jetzt in das Gesicht des heranschleichenden Tieres guckt, weiß er sofort, er hat einen ausgewachsenen Wolf vor sich. An dessen Gebaren erkennt der Mann aber, von diesem Tier geht keine Gefahr aus. Der Schäfer verhält sich deshalb genau wie seine Hunde, ruhig und gelassen ohne herausfordernde Abwehr. Er lässt den Wolf an einer äußeren Ecke unter dem Wagen Schutz vor dem Unwetter finden. Still, unaufgeregt verharren die vier Lebewesen eine geraume Zeit, bis der starke Regen nachlässt und auch das Gewittergrollen nur noch aus weiter Ferne zu vernehmen ist. Da verlässt der Wolf seine Schutzunterkunft und trottet wieder in Richtung Wald.

Am nächsten Tag scheint das Raubtier wieder seine ihm angedichtete Bösartigkeit gegenüber Menschen zu vergessen, es wagt sich an die Futternäpfe der Hunde. Die bemerken das gar nicht, denn sie sind durch ihre „Hütearbeit“ in Anspruch genommen. Obwohl bekanntlich Schafe zu den Beutetieren des Wolfes gehören, zeigt dieser absolut kein Interesse an den Tieren dieser Herde. Das scheinen die Schafe irgendwie zu spüren, denn in den folgenden Tagen, wenn das Raubtier wieder zum Schäferwagen kommt, bleibt nach und nach die anfängliche Unruhe in der Herde aus.

Von März bis November ist der Schäfer täglich Tag und Nacht mit seinen Hunden bei seinen Schafen. Für die wenigen Tage, an denen er sich hin und wieder freinimmt, hat er immer Schwierigkeiten eine Vertretung zu finden. Deshalb kommt es sogar vor, dass dann die Herde in den Stall muss. Der Mann ist aus Passion Schäfer und bedauert, dass es heute so wenige Jugendliche gibt, die diesen Beruf ergreifen wollen. Er freut sich, dass seine 10jährige Enkelin, ihn zumindest zurzeit beteuert, den Schäferberuf erlernen zu wollen. Hoffentlich bleibt sie bei der Stange! Sie besucht den Schäfer ab und zu bei der Herde und ist ängstlich erstaunt, als sie von ihrem Opa auf den in der Nähe herumschleichenden Wolf aufmerksam gemacht wird. Noch sind die Geschichten in ihrem Gedächtnis wach, die sie als kleineres Kind erzählt oder vorgelesen bekam. Darin wird dieses Tier – z. B. in „Der Wolf und die 7 Geißlein“ oder „Rotkäppchen und der Wolf“ – immer als Bösewicht dargestellt. Sie hat deshalb Angst, den Nachhauseweg allein anzutreten und es kostet viel Überredung des Großvaters ihr klar zu machen, dass von diesem Tier, dass in dieser Weise die Menschennähe sucht, absolut keine Gefahr ausgeht.

Am nächsten Tag kommt die Enkelin wieder zum Schäfer auf die Weide und winkt schon von weitem mit einer Zeitung. Sie zeigt ihrem Großvater einen Artikel, in dem von einem Wolf, der aus dem Zoo in der nahen größeren Stadt ausriss, berichtet wird. Seit einigen Wochen hat man ergebnislos nach ihm gesucht. Diese Mitteilung stürzt den Schäfer in Gewissensnot; er hat sich sehr an den Wolf gewöhnt und wollte all zu gern prüfen, ob sich dieses Wildtier nach und nach zähmen ließe. Nun muss er ihn wieder in den Zoo abgeben, wo es mit der Freiheit für dieses Tier vorbei ist. Schon als die erfahrenen Zooangestellten mit ihrer Lebendfalle eintreffen und den Wolf geschickt einfangen, blutet dem Schäfer, dem Tierfreund, das Herz. Ein Blick in das traurige Wolfsgesicht zeigt ihm, auch Wildtiere haben Gefühle.

Gegenwärtig werden auch in Deutschland in einigen Gegenden wieder eingewanderte Wölfe beobachtet und erfreulicher Weise geduldet. In vielen Untersuchungen wird gezeigt, dass heute Menschen vor diesen Raubtieren keine Angst haben müssen. Wie auch in der vorangegangenen wahren Geschichte gezeigt wird, geht von Raubtieren keine Gefahr für Menschen aus, wenn man sich vernünftig und sachgerecht ihnen gegenüber verhält. Es mag vielleicht absonderlich klingen, wenn ich auch sage: „Der Mensch ist für Wölfe kein Beutetier“.

Betrügender Pferdehändler

 

Pferdehändler galten schon immer als gewiefte Geschäftsleute. Mit Manipulationen an den Tieren betrogen sie die Käufer – ich erlebte eine solche Geschichte.

 

Ältere Menschen sagen oft: „Früher war es schöner und besser, da ging man ehrlicher miteinander um.“ Stimmt das wirklich oder gab es nicht schon immer Betrügereien? Wer darf sich im Übrigen „älter“ nennen und welche Zeit meinen wir, wenn wir von „früher“ sprechen? Als heute über Achtzigjähriger fühle ich mich als älter und als früher bezeichne ich meine Kindheit und Jugend in den 1930er Jahren.

Viehhändler waren damals durchweg reiche Leute, darunter galten die Pferdehändler als sehr reich und als gewiefte Geschäftsleute. Sie manipulierten recht oft das Alter der Pferde, denn jüngere erzielten höhere Preise. An den Zähnen lassen sich die Lebensjahre der Tiere recht genau ablesen, mit Veränderungen dieser Merkmale konnte deshalb betrügerisch getäuscht werden. Auch die Verabreichung von Medikamenten als Aufputschmittel während der Vorstellung der Tiere zur Verkaufsverhandlung wurde praktiziert. Mir blieb hierzu eine Geschichte im Gedächtnis.

Ein Bauer brauchte dringend ein Pferd, sein Einziges war an einer Seuche gestorben und die Frühjahrsarbeiten auf den Wiesen und Feldern duldeten keinen Aufschub. Ein Pferdehändler verkaufte ihm eine äußerlich   gut aussehende Stute, die nicht älter als 10 Jahre sein sollte. Er lobte das Pferd, das Grete hieß, über alle Maßen. Die Nachbarn – ich sehe mich noch heute dabeistehen - begutachteten die Neuanschaffung und einer sagte: „Das Pferd guckt so freundlich wie eure Oma Grete, das bringt dir bestimmt viel Glück.“ Als abergläubischer Mensch bat der neue Besitzer den Bekannten, diese Aussage zurück zu nehmen. Für den Kauf eines Tieres Glück zu wünschen, das wurde noch in jener Zeit als Prophezeiung eines Unheils gedeutet. Der Bauer erhoffte sich aber das Ende seiner Pechsträhne. Die Umstehenden forderten ihn nun auf, das Tier vor einen schwer beladenen Wagen zu spannen, um zu sehen was es leisten kann. Es zeigte sich eine große Enttäuschung, das Pferd blieb auf der nur leicht ansteigenden Straße immer wieder stehen und schaffte es nicht bis zur Anhöhe. Es atmete sehr schwer und ein Mann, der als Pferdekenner bekannt war, meinte: „Das Tier ist `dämpfig´, man hat dich betrogen, lass mich mal die Zähne angucken, es ist bestimmt älter als 10 Jahre.“ Gesagt getan und der Fachmann stellte fest: „An dem Gebiss wurde manipuliert und die Zähne abgeschliffen. Das Pferd könnte um die 20 Jahre alt sein, genau lässt sich das jetzt nicht mehr nachweisen; warum hast du mich beim Kauf nicht mit hinzu gezogen?“ Der Bauer, der jeden Groschen umdrehen musste, kam der Verzweiflung nahe. Er sagte: „Ich hätte dich nicht bezahlen können.“

Der Versuch beim Pferdehändler zu reklamieren war ohne Erfolg, dieser hatte sich durch einen geschickt abgefassten Vertrag entsprechend abgesichert. Der enttäuschte Bauer nutzte das Pferd ein Jahr lang für leichte Feldarbeiten und musste es dann für wenig Geld an einen Rossschlächter verkaufen.

An diese Geschichte musste ich auch denken, als ich kürzlich erfuhr, dass sich noch heute Pferdehändler manches Schlaue einfallen lassen. So hat ein Verkäufer eines nicht ganz einwandfreien Tieres den Vertragsunterlagen ein Fachbuch über Krankheiten der Pferde mit dem klein gedruckten Hinweis beigefügt, alle in diesem Buch aufgeführten Krankheiten könnten eventuell auf das Verkaufspferd zutreffen. Ob dieser Pferdeverkäufer im Streitfall einen Richter findet, der anerkennt, dass er mit diesem Kniff frei von der Haftung für festgestellte auftretende Gesundheitsmängel bleibt, wäre abzuwarten; es könnte aber ein interessanter Fall für die Juristen werden.

Unvergessener Schulausflug

 

Für Schüler waren jeher Schulausflüge, oder Klassenfahrten schöne Erlebnisse; mir blieb dabei ein besonderes Ereignis aus dem Jahre 1942 in Erinnerung.

 

Alle erwachsenen Deutschen haben in ihrem Leben gern oder auch ungern eine Volks- oder Grundschule besucht. Für fast alle waren aber die Schulausflüge, Wanderungen oder Klassenfahrten schöne Erlebnisse. Seit den 1950er Jahren stiegen die Ansprüche an diese Exkursionen derart, dass nunmehr Auslandreisen zur Normalität gehören. Auch die Wanderstrecken wurden im Laufe der Jahre immer kürzer, es werden lieber Fahrrad, Bus oder Eisenbahn genutzt.

An eine Klassenwanderung im Jahre 1942 kann ich mich noch gut erinnern, weil dabei vielleicht auch Besonderes passierte. Es war wenige Tage vor Beginn der „großen Ferien“; ich war in der 4. Klasse und unser Lehrer kündigte an, dass wir in den nächsten Tagen noch eine Wanderung nach Syrau machen und dort die Drachenhöhle besichtigen würden. Die Entfernung von unserem Heimatort betrug knapp 25 Km und ich höre noch seine Worte: „30 Km ist die Tagesstrecke, die unsere Soldaten im Krieg oft mit schweren Tornister marschieren müssen. Weil wir fast kein Gepäck tragen müssen und zurück mit der Eisenbahn fahren, haben wir es besser.“

8,00 Uhr morgens marschierten wir 20 Kinder los. Unser Lehrer hatte einen Wanderweg in dem Tal, in dem auch die Bahnstrecke Weida - Mehltheuer verläuft, ausgewählt. Uns Kinder interessierte weniger die schöne Umgebung und die Natur, wir neckten uns gegenseitig und rannten viel hin und her, damit verlängerten wir unsere Laufstrecke beträchtlich.

Geschafft von Sonnenhitze und Laufen erreichten wir am späten Mittag das Ziel und waren froh, die kühle Höhle zu besichtigen. Nur wenige lauschten aufmerksam den Erklärungen. Wir alle hatten viel Durst und die meisten hatten ihre mitgenommenen Getränke „verkonsumiert“; es fehlte aber das Geld etwas Trinkbares zu kaufen. Ein Schulkamerad, der in der Klasse für ausgefallene Streiche bekannt war, trank von dem klaren Wasser in der Höhle. Er meinte, es würde sehr gut jedoch etwas salzig und bitter schmecken. Wir anderen ließen uns nicht zum Gleichtun animieren. Das war unser Glück.

Gegen Abend auf der Rückfahrt im Zug, kam es wie es kommen musste. Der „Wassertrinker“ verschwand im Klo des Waggons und wenn wir klopften rief er: „Mein Bauch, mein Bauch, ich muss sterben, ich komm hier nimmer raus!“ Wir getrauten uns nicht, dem Lehrer den Vorfall zu melden. Als der Zug am Bahnhof meines Heimatortes hielt, steckte er noch immer im Zugklo. Mit noch einem Schüler blieb ich im Zug vorm Klosett. Der Zug fuhr wieder an und ich sehe noch heute den mit „Drohzeichen“ gestikulierenden Lehrer auf dem Bahnsteig stehen. Auf dem übernächsten Bahnhof schafften wir es auszusteigen; wir mussten 4 Km bis nach Hause laufen. An der Strecke gab es viel Wald, unser Mitschüler hatte deshalb Gelegenheit seinen Darm noch gänzlich zu entleeren.

Am nächsten Tag zum Schulunterricht erhielt der noch immer vom Durchfall geplagte Mitschüler als Erstes eine Tracht Prügel mit dem Rohrstock. Wir beiden anderen, die ihn im Zug nicht allein gelassen hatten, konnten von Glück reden, wir kamen mit einer Verwarnung davon. Damals wurden selbst kleinere Vergehen der Schüler mit Prügelstrafe geahndet. Wir ahnten meistens, wenn uns eine solche Bestrafung ereilen konnte und wappneten uns mit entsprechenden Vorkehrungen. Beliebt war dabei die Abpolsterung des Gesäßes mit dickem Stoff oder einem Kissen. Im Falle der genannten Bestrafung merkte der Lehrer die Manipulation und der Schüler musste erst zum Klo und die Polsterung entfernen.

 

Angesehener Filmvorführer

 

Als Kind in den 1930/40er Jahren bestaunte ich die Tätigkeit des Filmvorführers. Damalige Verhältnisse und Erlebnisse bei Filmvorführungen werden dargestellt.

 

Eine vorgeschriebene Ausbildung für Filmvorführer gibt es bis heute nicht, es war immer ein Anlernberuf, obwohl in der Gegenwart sehr hohe Anforderungen bei der Bedienung der immer komplizierter gewordenen, technisch hoch entwickelten Vorführgeräte bestehen. Die Vorgänger der Kinos waren Schaubude und Panoptikum bis 1893 auf der Weltausstellung in Chicago das erste „Kinetoskop“, ein Schaukasten in dem jeweils eine Person einen Film betrachten konnte, zu bestaunen war. Mit der bekannten weiteren Entwicklung, beginnend mit Stummfilmen bis zu den heutigen Vorführungen mit 3D Filmen und weiteren technischen Raffinessen, vollzog sich auch für die Filmvorführer ein Wandel ihrer Tätigkeit.

Noch heute, nach über 75 Jahren, erinnere ich mich sehr deutlich an die Filmvorführungen in meiner Heimatstadt in Ostthüringen. Höchstens einmal pro Woche fanden damals im Tanzsaal der Gaststätte „Reußischer Hof“ nachmittags Filmvorstellungen für Kinder statt. Schon als Vorschulkind hatte ich dabei einige Probleme: Ich durfte nicht allein dorthin gehen. Karla, die Tochter einer mit meinen Eltern befreundeten Familie, war drei Jahre älter als ich, sie musste mich in das provisorische Kino mitnehmen und sollte auch dort auf mich aufpassen. Karla nahm das angeordnete „An die Hand nehmen“ meistens wörtlich und als etwa fünfjähriger Junge schämte ich mich, von einem Mädchen an der Hand geführt zu werden. Hatte ich mich dann vor der Gaststätte erfolgreich von ihrer Hand gerissen, kamen aber auch schon die nächsten Schwierigkeiten auf mich zu. Ich interessierte mich gewaltig für die ganze Technik der Filmvorführung, das ging ihr aber gänzlich ab. Auf mein Drängen hin waren wir meistens eine Stunde vor Beginn der Vorstellung vor Ort, denn ich wollte beim Aufstellen der Vorführgeräte zuschauen. Ich weiß noch, dass ich immer staunte, dass auf den Filmrollen, die der Vorführer geschickt an die Apparate steckte, die vielen wunderbaren Bilder waren, die wir dann zu sehen bekamen. Ich glaube sogar, dass der Filmvorführer damals in meinen kindlichen Augen ein Mann war, der mit seinen Maschinen Sagenhaftes bewerkstelligte. All zu gern hätte ich ihm beim Filmeeinlegen geholfen, aber es war schon eine große Auszeichnung für mich, dass ich ihm bei der Arbeit zusehen durfte; das war möglich, weil er meinen Vater kannte.

10 Minuten vor Beginn der Vorstellung wurden die Saaltüren geöffnet und wir stürmten hinein. Nun gab es wiederum ein Hindernis, ich sollte neben Karla, meiner Aufsichtsperson, sitzen. Sie wollte auf die hinteren Stuhlreihen aber ich nach vorn, möglichst in die erste Reihe. Meine Begründung: „Ich will die Bilder gleich vorn als Erster sehen.“ Diesen Widersinn hatte mir mein Großvater, dem immer der Schalk im Nacken saß, beigebracht; erst in späteren Jahren begriff ich die Bedeutung des Abstandes des Betrachters vom Bild. Deshalb waren auch schon damals in richtigen Kinos die hinteren Plätze immer die teuersten.

In der Regel sahen wir Kinder bis zum Kriegsbeginn Märchenfilme. Dann kamen viele Propagandafilme z. B. über die Hitlerjugend und das Kriegsgeschehen hinzu. Wir Pimpfe des Jungvolks mussten, ich glaube es war 1943, den Film `Jud Süß´ anschauen. Wir Dreizehnjährigen haben damals den Inhalt nicht im vollen Umfang verstanden, aber den unheimlichen allseits geschürten Judenhass gespürt. Es wird ein jüdischer Finanzbeamter gezeigt, der angeblich betrügerische Geldgeschäfte betreibt und ein arisches Mädchen vergewaltigt. Er wird verunglimpft, beleidigt, in einem unlauteren Prozess zum Tode verurteilt und gehengt. Mir prägten sich die Bilder dieses Kinostreifens so stark ein, dass viele davon mir bis heute im Gedächtnis blieben. Es war für mich im heutigen Sinne ein ganz gefährlicher aber auch widerlicher Horrorfilm.

 

Seltsame Totenwache, Geister

 

Als Kind hatte ich Angst vorm Sterben und vor Geistern. Mein Großvater versuchte, mir durch seltsame Geschichten diese Angst zu nehmen.

 

 

 

Noch bis zu meiner Kindheit in den 1930er Jahren war es auch in kleineren Städten Thüringens üblich, dass bei verstorbenen angesehenen Bürgern vor der Beerdigung eine durchgehende Totenwache gehalten wurde. Neben den 1 bis 2 Tage aufgebahrten Sarg postierten sich hierfür abwechselnd auch während der Nachtzeit die Würdenträger der Stadt.

Der sehr verehrte Bürgermeister einer Kleinstadt war gestorben und wurde in einem Raum in der Kirche aufgebahrt. Um Mitternacht war der Feuerwehrhauptmann mit der Totenwache an der Reihe. Er wusste sich allein und glaubte, dass ihn um diese Zeit wohl auch niemand stören würde. Auf einem Stuhl machte er es sich bequem und verspeiste genüsslich sein mitgebrachtes Abendbrot. Da ertönte eine gehauchte Stimme, die aus dem Sarg zu kommen schien: „Wenn man Totenwache hält, isst man nicht!“ Na gut, er packt sein Brot wieder ein. Aber den Durst, den musste er stillen, und er führte die mitgebrachte Bierflasche zum Mund. Da ertönt die Stimme mahnender: „Wenn man Totenwache hält, trinkt man nicht!“ Der Feuerwehrobere war ein mutigen Mann und er antwortet im barschen Ton: „Und wenn man tot ist, dann hält man den Mund!“ Es stellt sich heraus, dass sich ein Bekannter im Raum versteckt und mit verstellter Stimme gesprochen hatte.

Mein Großvater erzählte mir als Kind diese Geschichte, weil er mir meine Angst vor dem Sterben, vor Toten und Geistern nehmen wollte. Er bekräftigte dies mit weiteren Erzählungen.

Er berichtete, dass auch er einmal sehr viel Angst ausgestanden hätte. Als junger Bursche war er auf Wanderschaft. Er hatte sich gegen Abend verspätetet und nahm deshalb einen kürzeren Weg, der an einem abgelegenen Friedhof vorbeiführte. Es war inzwischen dunkel geworden, das Mondlicht drang hin und wieder durch den mit Wolken bedeckten Himmel; es wehte außerdem ein leichter Wind. In der Nähe des Gottesackers sah er plötzlich einen weißen Fleck auf der Erde, der immer vor ihm herwanderte. Er dachte die Umrisse eines Gespenstes zu erkennen. Es half alles nichts, er musste der Erscheinung hinterher gehen, denn er wollte noch die Herberge im nächsten Ort vor deren Schließung erreichen. Kurz entschlossen nahm er allen Mut zusammen und rannte auf die Spukgestalt zu. Da stellte sich heraus, dass ein Stück weißes Papier, vom Mond beschienen und vom Wind aufgewirbelt, vor ihm hertanzte.

Gruselig waren für mich auch die Geschichten, die ich von ihm über Scheintote hörte. Er erzählt von Menschen, dabei nannte mein Opa sogar einen Mann, den ich kannte, die beerdigt werden sollten, obwohl sie noch gar nicht gestorben waren. Die ärztliche Leichenschau wäre damals sehr oberflächlich erfolgt. Wenn die Angehörigen glaubten ein Kranker atmet nicht mehr, dann musste er tot sein. Sehr drastisch berichtete er von Beerdigungsfeiern, während denen plötzlich Klopfzeichen aus dem Sarg zu vernehmen waren. Der Sargdeckel wurde geöffnet und der Gestorbene war wieder aufgewacht. Mein Großvater behauptete, der Scheintot würde höchstens 1 – 2 Tage dauern und während dieser Zeit dürfte wohl auch keine Beerdigung stattfinden.

Ich war damals etwa 6 Jahre alt und mir war beim Zuhören immer ganz gruselig, weil ich immer auch ein wenig daran glaubte, dass dabei vielleicht höhere Mächte im Spiel sein könnten. Meine Angst konnte mir mein Opa durch diese Erzählungen also nicht ganz vertreiben.

 

Leo – du alter Hund

 

Manche Tiere zeigen in ihrem Verhalten menschliche Eigenschaften. Es wird von zwei Hunden berichtet, die eine „Hundeschläue“ zeigten.

 

Bezeichnet man einen Menschen als „Du alter Hund“ bescheinigt man ihm eine gewisse Schläue. Leo, ein Männername und der lateinische Name für Löwen, wurde ein Hund gerufen, der sich nicht mehr männlich durchsetzte und sich auch nicht wie ein Löwe verhielt, weil er schon alt geworden war. Er hatte das greisenhafte Hundealter von 16 Jahren erreicht und blieb aber wahrscheinlich für immer ein schlauer Hund.

Leo hatte in seinen jungen Jahren seine Hauptaufgabe, nachts einen Bauernhof zu bewachen, sehr ernst genommen und sein Besitzer war immer zufrieden mit ihm gewesen. Es war durchaus üblich, dass die Wachhunde am Tage frei herumlaufen durften, aber in der Nacht niemand in das Anwesen ließen.

Nun wurde jedoch ein junger Hund angeschafft, weil man meinte „der alte Knabe“ wäre zu träge geworden, könnte Einbrecher eventuell nicht mehr vertreiben, würde zu viel schlafen und hätte seine ehemalige „Hundeschläue“ verloren. Diesen Rivalen mochte Leo gar nicht leiden, und er war auch nicht bereit ihn die Kniffe eines erfahrenen Wachhundes zu übermitteln. Im Gegenteil, er verhielt sich wie ein älterer Mensch, an dessen Arbeitsplatz plötzlich ein Junger auftaucht, den er anleiten soll, wobei er ahnt, der würde ihn bald ersetzen.

Für beide Hunde gab es reichlich Futter und der Jüngere, der übrigens Canis – lateinischer Name für Wölfe – genannt wurde, ließ auch dem Älteren genügend ab, er war nicht „futterneidisch“. Im Grunde verhielt er sich auch nicht wie ein Raubtier, so wie seine Vorfahren, er war echt domestiziert. Trotzdem fletschte er seine Zähne wie ein Wolf, wenn sie gemeinsam eine läufige Hündin in der Nachbarschaft witterten und er dort zufällig mit Leo zusammentraf. Hier wurde dann ein menschenähnliches Verhalten sichtbar, die Hündinnen bevorzugten meistens den Jüngeren und der Ältere zog sich enttäuscht zurück. Aber Leo erinnerte sich gern an seine „Sturm- und Drangzeit“ während der er wahrscheinlich im Dorf für reichlichen Hundenachwuchs gesorgt hatte – diese vielen Nachkommen kennen aber heute ihren richtigen Vater Leo nicht mehr, oder wollen ihn auch gar nicht mehr kennen. Gegenüber Tieren zeigt sich hier bei Kindern ein ungleiches Verhalten, die wollen in der Regel wissen, wer ihr leiblicher Vater ist.

Also: Canis war kein Raubtier mehr und Leo verband mit seinen Namen auch nicht die bekannte Grausamkeit der männlichen Löwen, die oft den Nachwuchs töten, um schnell wieder eigene Nachkommen zu zeugen. Er wollte mit den vielen Hunden, die mit seinen Genen im Dorf herumliefen, wahrscheinlich nichts mehr zu tun haben. Übrigens auch eine manchmal anzutreffende Vätereigenschaft bei Menschen wahrscheinlich wegen der Alimente, den in die Welt gesetzten Nachwuchs verleugnen zu wollen,.

„Spare in der Zeit, so hast du in der Not“, diese weise Regel beherzigen manche Menschen, aber sie ist auch vielen Tieren eigen. Für Mensch und Tier kann es aber auch schief gehen, wenn das Aufgehobene durch Versagen Einzelner oder höhere Gewalt plötzlich verschwindet. Für Menschen geht es dabei meistens um Geld, das in der jetzigen Krise nirgends mehr sicher ist. Bei Tieren geht es ums Fressen; Leo zeigte in diesem Zusammenhang bei der gegenwärtigen unsicheren Vorratshaltung auf allen Gebieten die Klugheit des Älteren.

Beide Hunde fanden beim Herumstreichen am Dorfrand eine Stelle, wo wahrscheinlich durch einen Lebensmitteldiscounter überlagertes verpacktes Fleisch illegal entsorgt worden war. Verständlicher Weise konnten sie nicht lesen um festzustellen, dass auf den Verpackungen ein sehr lange zurück liegendes Mindesthaltbarkeitsdatum stand. Es gelang ihnen die Umhüllungen aufzureißen und sie fanden sehr schmackhaftes für sie unverdorbenes Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch. Leo machte sich an die schmackhaftesten Stücke, die er verspeiste, ohne sich zu überfressen. Canis schlug aber derart zu, er konnte sich kaum noch rühren und der Bauer dachte, der Hund wäre krank. Am nächsten Tag erübrigte sich aber das Aufsuchen eines Tierarztes, denn der Verdauungsapparat des Tieres hatte gute Arbeit geleistet.

In den nächsten Tagen besuchten die beiden Tiere mehrmals ihr heimliches Futterlager. Besonders beim Jüngeren kam trotz großer Mengen an Futtervorräten Gier und Neid und vielleicht auch die Sorge auf, noch andere könnten die Stelle entdecken. Ob Leo seinem Mitwisser geraten hatte sich an einer Baustelle, wo die Erde schon aufgelockert war, mit dem Fleisch ein Vorratsdepot einzurichten, kann nicht nachvollzogen werden. Auf alle Fälle schaffte Canis mit dem Maul tragend eine erhebliche Anzahl Fleischpackungen an die neue Stelle, wo er alles verbuddelte. Leo dagegen lebte dem Augenblick und ließ sich täglich die ihm gut bekommenden Mengen schmecken.

Es blieb nicht aus, dass nach einigen Wochen der Umweltfrevel entdeckt und die Fleischpackungen ordnungsgemäß entsorgt wurden. Das Schlemmerleben hatte ein Ende. Canis aber wähnte sich klug, dass er sich ein Vorratslager angelegt hatte. Seine Enttäuschung muss groß gewesen sein, denn als er nach einigen Tagen an die Stelle kam, wo sein Fleisch vergraben war, stand dort inzwischen das Fundament für ein Haus. Der fest gewordene Beton ließ nicht mehr zu, die wertvollen Fleischpackungen wieder auszubuddeln.

 

    

    

    

  

 

 

Angst eines Dackels

 

Tiere verhalten sich in ihrer Angst ähnlich wie wir Menschen. Wir wollen aber oft unsere Angst vertuschen, Tiere sind da ehrlicher.

 

Die Ursache der Feindschaft zwischen Hund und Katze beruht bekanntlich vorwiegend auf Futterneid. Wölfe und Katzen jagten ursprünglich die gleichen Beutetiere. Aber wie steht es mit der Angst zwischen den Beiden? Die Tiere verhalten sich dabei ähnlich wie wir Menschen – wir geben es oft auch nicht gern zu, wenn wir Angst verspüren. Mutiges Gebaren kommt bei den Mitgeschöpfen meist besser an, selbst wenn man innerlich vor Angst schlottert. Um hinter diese Geheimnisse zu kommen, müssen wir das Verhalten der Tiere beobachten. Ich kenne einige beeindruckende Geschichten, in denen uns Hund und Katze zeigen wie sie einerseits mutig aufeinander zugehen, andererseits sich voreinander fürchten und sich aus dem Weg gehen, oder nach einem Kräftemessen in Gebärden und Tat sogar zu einer Freundschaft finden. Tiere verhalten sich hierbei ehrlicher als wir Menschen. Weil sie nicht reden können erfahren wir nicht, ob sie in diesen Situationen auch miteinander kommunizieren. Sie verraten uns aber durch ihre spezifischen Stimmen und Gebärden einiges über ihre jeweiligen Emotionen.

Höllische Angst hatte unser Langhaardackel Fasko vor Nachbars schwarzer Katze, dem Foxterrier der Familie Dr. P., die in der Wohnung unter uns wohnten und dem Weihnachtsmann. Die Katzenangst rührte daher, dass dieses große kräftige Tier ihm als jungen Hund eine Lektion erteilt hatte. Als er sie anbellte und noch mutig auf sie zusprang, wollte sie erst weglaufen. Sie überlegte es sich aber anders, drehte sich um und setzte sich auf Faskos Rücken. Die Katze bearbeitete ihn mit ihren Krallen im Gesicht, so dass er richtig aufheulte. Gott sei Dank war ich in der Nähe, denn nur mein Einschreiten konnte Schlimmeres verhindern. Wenn er später diese Katze sah kniff er den Schwanz ein und riss aus. So geschah es, dass meine Mutter mit dem Hund in den Garten gehen wollte und ihn nicht an die Leine nahm, weil er in der Regel nicht fortlief. Als sie aus der Haustür kamen sah er die große schwarze Katze und er rannte in ungeahnter Schnelligkeit davon. Meine sehr bestürzte Mutter ging sofort auf Hundesuche. Nach ungefähr einer Viertelstunde kam er von selbst zurück, guckte aber noch immer ängstlich um sich. Bekannte erzählten, dass sie unseren Fasko gesehen hatten, wie er die Gehwege entlang um das Straßengeviert gerannt war. Selbst die hatten an seinem Verhalten gemerkt, wie ihm Angst und Schrecken im Nacken saßen.

Vor anderen selbst größeren Hunden zeigte Fasko keine Furcht. Im Gegenteil, ich musste ihn manchmal sogar in seiner ungestümen Angriffslust zurückhalten. Nur dem Foxterrier „Asso“ von Dr. P. ging er aus dem Weg. Wir erklärten uns diese Reaktion so, dass er während eines aggressiven Zusammentreffens mit diesem Tier vom selbständigen Handeln abgehalten wurde. Meine Mutter hatte unseren kleineren Hund auf den Arm genommen, um ihn zu schützen. Frau P. hatte ihr wütendes Tier ebenfalls kurz an der Leine gepackt und in die Stube hinter die verschlossene Tür gedrängt. Ich nehme an, dass sich die Beiden fortan aus dem Weg gingen, sie waren daran gehindert worden, ihren Rangkampf auszutragen. Übrigens war „Asso“ außerhalb der Wohnung sehr bösartig. In den Räumen, in seiner gewohnten Umgebung, war er dagegen sehr friedlich und folgsam; ein für die Hunderasse Terrier typisches Verhalten.

Jedes Jahr, besonders in der Vorweihnachtszeit, hatten wir viel Spaß wegen Faskos Angst vorm Nikolaus. Unsere Kinder prahlten mit ihrem Wissen, dass es keinen echten Weihnachtsmann geben würde. Nur die Jüngste war in dieser Hinsicht nicht ganz sicher und wurde von den größeren auch gern gehänselt. Wir gestalteten jedes Jahr eine schöne Adventszeit und am Nikolaustag sowie an den anderen Sonntagen besuchte uns ein kostümierter Weihnachtsmann. Wenn die Kinder merkten, dass ein Weihnachtsmann im Anmarsch war, flüchteten meist alle in die Küche. Fasko, der mittendrin war, merkte auch, es geschieht etwas Außergewöhnliches. Wenn der Kostümierte die Tür öffnete, waren die Kinder sehr aufgeregt. Obwohl die Älteren merkten wer im Kostüm steckte, hatten doch alle ein wenig Respekt vorm Weihnachtsmann. Nur der Hund hatte offensichtlich Angst. Er bellte, knurrte und biss sogar in die mitgebrachte Rute. Die tiefe zornige Stimme des Kostümierten schlug ihn schließlich in die Flucht. Er kroch in die hinterste Stelle unter der Eckbank, knurrte dort und kam während der Anwesenheit des Weihnachtsmannes nicht mehr hervor. Dieser Platz war übrigens sein Reich und Schutzraum. Niemand konnte ihn ohne Gewalt und Gefahr dort herausbringen. Die Küche konnte nur gründlich gewischt und gekehrt werden, wenn er nicht im Raum war. Er ließ niemand in seine Ecke und biss sich am Besen oder Wischlappen fest, wenn diese ihm zu nahe kamen.

Katze Natuscha fliegt ins All

 

Eine Katze wird in einem Versuchstierheim in Russland auf einen Raumflug vorbereitet. Es gelingt ihr, illegal in einer Rakete mit zu fliegen.

 

 

Nach dem 2. Weltkrieg wetteiferten die Weltmächte USA und UdSSR um Erfolge beim Flug ins All. Jede Großmacht wollte als Erste einen Menschen in einer Raumkapsel auf einer Umlaufbahn um die Erde fliegen lassen. Bevor es soweit war, wurden aber die hierfür erforderlichen Bedingungen mit Tieren getestet.

Die Hauskatze Natuscha war 3 Jahre alt, also im besten Katzenalter und in ausgezeichneter Verfassung. Sie lebte damals in einem Versuchstierheim in der UdSSR an einem streng geheim gehaltenen Ort. Dort befanden sich Insekten, Mäuse, Ratten, alle bekannten Haus- und Heimtierarten sogar einige Affenarten, die auf den Flug ins All vorbereitet werden sollten. Alle schienen sich wohl zu fühlen, es gab gutes Fressen und auch an der Unterkunft war nichts auszusetzen, bis auf den Umstand, dass alle Lebewesen eingesperrt waren; manchmal mussten sie aber auch schwierige Versuche über sich ergehen lassen. Die Katze hatte einen relativ großen Auslauf oder Freigang, der jedoch mit einem Gitter allseitig verschlossen war. Natuscha konnte in den gegenüberliegenden engeren Käfigen die Affen beobachten, die, so schien es ihr, oft recht betrübt dreinschauten, obwohl die doch sonst als aufgeweckt, possierlich und lustig galten. Sie fragte sich, ob denen die Anstrengungen für die Flugvorbereitungen schwer fielen, ihr selbst machte das gar nichts aus. Sie empfand es als recht lustig, wenn sie in den eigenartigen Kapseln wie im Karussell herum geschleudert wurde. Es hieß, es sollte geprüft werden, wie man mit der im All zu erwartenden Schwerelosigkeit fertig wird.

Natuscha jedenfalls war nicht davon abzubringen alles zu versuchen, zumindest einmal in einer Rakete mit durch die Luft zu sausen. Hin und wieder hatte sie Gelegenheit sich mit anderen Tieren, besonders den Affen, auszutauschen, wenn sie gemeinsam vorm Simulator für Raketenflüge warteten, um in dem Gerät eine Übungsstunde zu absolvieren. Sie stellte sich vor, dass es sehr angenehm sein müsste mit hoher Geschwindigkeit ein Ziel und eine Beute zu erreichen. Sie hatte in der Vergangenheit, als sie noch in Freiheit war, immer die Vögel beneidet und gehasst, die vor ihr einfach davon flogen, bevor sie sie erwischte. Diese vielleicht später einmal mit einer Rakete zu jagen, in der sie selbst sogar Platz fand, dafür wollte sie schon recht gern üben und einen Testflug bestehen. Es würde ihr aber als erstes auch genügen, wenn sie in dem Geschoss, das unbedingt ein Fenster haben müsste, die langsamer fliegende Vogelschar beobachten und verspotten könnte! Schon das wäre eine Genugtuung für sie.

Natuscha verzweifelte fast, weil die Versuchsleiter immer und immer wieder an ihrer Unterkunft vorbeigingen, wenn sie die Tiere, die ins All durften, auswählten. Besonders schmerzhaft und kränkend war es, wenn dabei die Hunde bevorzugt wurden. Sie fragte sich, ob es wohl daran lag, dass diese Tierart sich unterwürfiger verhielt, wie sie als Katze. Ihre Wesensart zu verleugnen ging ihr aber gegen den Strich, vor Menschen, die sie nicht mochte, „katzbuckelte sie nicht“. Wahrscheinlich wollten das gerade die, die hier das Sagen hatten.

Sie musste sich einen Trick einfallen lassen, vielleicht heimlich und unbemerkt mit an Bord der nächsten Versuchsrakete zu kommen. Ihren Betreuer mochte sie eigentlich ganz gern, deshalb fiel es ihr schwer, gerade diesen Menschen zu hintergehen. Sie hatte sich überlegt als erstes eine Unpässlichkeit vorzutäuschen, um ins Krankenrevier verlegt zu werden. Dort wollte sie sich nach kurzer Zeit tot stellen, um in den Raum verbracht zu werden, wo die nicht lebend vom letzten Raumflug zurückgekehrten Tiere lagerten. „Hoffentlich gerate ich an einen Tierarzt, der seine Arbeit nicht allzu genau nimmt, sonst platzt mein Vorhaben“, dachte Natuscha. Mit kranken Tieren befasste man sich in diesem Versuchstierheim in der Regel nicht. Wenn deshalb alles schief ginge bekäme sie von einem genau kontrollierenden Arzt zusätzlich eine richtige Spritze gegen die sie sich nicht mehr wehren kann; damit würde sie dann unerbittlich ins Jenseits befördert und alles wäre aus! Gelangt sie aber lebend zwischen die anderen toten Tiere dürfte es ein Leichtes sein, sich von dort fort unbemerkt bis in den Raketenstartraum zu schleichen. Nach Katzen, die aus den Anwesenheitslisten gestrichenen wurden, wird nicht mehr gefahndet.

Natuscha hatte alle diese Probleme gemeistert und war unbemerkt und wohlbehalten bis ins Innere einer für den baldigen Start vorbereiteten Rakete gelangt. Die einfallreiche Katze hatte in ihrem gesamten Vorhaben richtiger Weise auf nachlässige schlampige Arbeitsweise von einigen Beschäftigten gehofft und Recht behalten. Sie suchte sich eine kleine Nische in dem Raketenraum, in die sie gerade so hineinpasste. War es ein Wunder oder lag es an der Hektik bei der Startvorbereitung, sie wurde nicht entdeckt! Eine zusätzliche böse Überraschung blieb ihr aber nicht erspart. Kurz vorm Abflug wurde der geplante offizielle Passagier auf den einzigen Sitz im Raum festgeschnallt, es war ein Hund! Der hatte bestimmt gerochen, dass sich die Katze in der Nähe befand, er gebärdete sich wie ein Wilder, aber die Verantwortlichen glaubten wahrscheinlich er hätte Angst, sie forschten nicht nach der wahren Ursache.

Ab Raketenstart bis zur Rückkehr auf die Erde war sie durch Schmerzen und teilweise Bewusstlosigkeit so abgelenkt, dass sie keinen Gedanken auf irgendwelche andere Empfindungen richtete. Hätte sie vorher gewusst, was sie in diesem Geschoss zu ertragen hatte, wäre für sie ein solch riskanter Mitflug nicht in Frage gekommen. Der Hund, festgeschnallt, mit Messfühlern und Kabeln bestückt, musste weniger leiden als sie, die sie in dem kleinen Raum umhergeschleudert wurde. Katzen sind jedoch sehr zäh und sie erfuhr was „Raketenfliegen“ bedeutete.

Was geschah aber nun, als man nach geglückter Rückkehr und Landung Natuscha als blinden Passagier vorfand? Sie wurde nicht getötet, einige Verantwortliche wurden getadelt und gerügt, aber bei den vielen Personen, die ihre Aufsichtspflicht verletzt hatten, war es sehr schwer die wirklich Schuldigen zu ermitteln. Alle wurden letztlich dadurch gerettet, dass die Wissenschaftler hoch erfreut waren, einen zusätzlichen spontanen Tierversuch auswerten zu können. Natuscha musste viele medizinische Untersuchungen durchstehen. Ihr Abenteuer wurde aber vor der Presse verschwiegen und so wurde ihre Pioniertat nur in internen geheim gehaltenen Berichten dokumentiert.

Schlachten ist kein Fest

 

Früher wurden auf dem Lande in fast jedem Anwesen Schweine gehalten und „hausgeschlachtet“. Für Stadtkinder ein Fest – für Dorfkinder Stress.

 

 

Ein zwölfjähriger Junge erzählt seine Erlebnisse während einer Hausschlachtung in den 1930er Jahren in Thüringen. In jener Zeit wurden nicht nur in Bauernhöfen sondern in den Dörfern in fast jedem Haus Schweine gehalten, um jährlich 1 – 2 Mal ein Tier für die Eigenversorgung mit Fleisch und Wurst zu schlachten. Heute ist dies derart zurück gegangen, dass z. B. in meinem Heimatort, einer Kleinstadt mit 2000 Einwohnern,

-1935 - 471 Schweine in 80 Beständen und

-2012 noch 7 Schweine in 4 Beständen gehalten wurden.

Der Junge berichtete:

Ich konnte es nicht verstehen und nachvollziehen, dass meine Freunde, deren Eltern zu Hause keine Schweine halten, so von einem Schlachtfest schwärmten. Mir gefielen schon die ganze Vorbereitung und auch alles andere nicht. Selbst wenn die Tötung glimpflich abläuft, verspürte ich sonderbarer Weise ein Schuldgefühl gegenüber den Schweinen, die wir großgezogen haben. Mir wurde immer schon ganz übel, wenn ich hörte: „Morgen Abend holst du gemeinsam mit deiner Schwester das Schlachtzeug vom Fleischer.“ Ich gehorchte und wir transportierten mit dem Handwagen einen großen Brühtrog, eine Leiter und allerhand Fleischerhandwerkzeuge, z.B. eine Axt, viele verschiedene Messer, den Schlagbolzen und Fleischhaken zu uns nach Hause. Am nächsten Morgen, dem Schlachttag, musste ich sehr früh im Waschhaus den Kessel anheizen. Gegen 8,00 Uhr erschien der Fleischer, kontrollierte, ob alles richtig vorbereitet war, trank Kaffee und aß eine große Portion Kuchen; dabei schauten wir Kinder neidisch zu, es war ein extra gebackener, mit viel Pflaumenbelag und nur einer ganz dünnen Teigschicht. Lange konnte ich dem genüsslich speisenden Mann nicht zusehen, denn ab jetzt wurde ich ständig in Trab gehalten. Mein Vater konnte ganz schön anstellen, während er sich doch gar oft mit dem Fleischer unterhielt.

Das kochende Wasser aus dem Waschkessel musste ich mit Wassereimern in den Brühtrog, der im Hof aufgestellt war, schleppen. Der einzige Kommentar meiner Mutter war: „Seid nur recht vorsichtig mit dem heißen Wasser!“

Vom Akt des Schweinetötens wurden wir Kinder eigentlich ferngehalten, das forderte sogar ein Gesetz; ich musste aber beim Blutrühren dabei sein. Das Blut muss mit einem Quirl tüchtig geschlagen werden, damit es nicht gerinnt, es eignet sich sonst nicht für die Blutwurstherstellung. Komischer Weise machten mir jetzt alle Handlungen des Fleischers am toten Tier und mit dem Fleisch nicht mehr so viel aus, ich sah dies jetzt als Lebensmittel an. Unangenehm blieben mir der Fettgeruch und die verschmierten Fußböden im ganzen Haus in Erinnerung. Vom Saubermachen nach Abschluss des Festes wurde ich dann befreit, das war Frauensache, meine 2 Jahre jüngere Schwester musste aber hierbei schon tüchtig mithelfen.

Im Brühtrog wurde durch Kratzen mit speziellen `Glocken` der Schweinekörper von den Borsten befreit, dann wurde er anschließend an einer Leiter aufgehängt und der Fleischer besorgte das so genannte Ausnehmen und Teilen des Tierkörpers. Jetzt erschien der Fleischbeschauer, der alles genau untersuchte und die Trichinenproben herausschneidet. Unser Schwein war kerngesund. Anschließend musste ich beim Wellfleischzerkleinern, Wurstkochen im Kessel und ständigen weiteren Handreichungen helfen. Mir oblag aber als wichtigste Aufgabe, immer für ein gefülltes Schnapsglas für den Fleischer zu sorgen; er trank weißen Schnaps und meinte: „Ich muss die Wurstmasse abschmecken, ob alles richtig gewürzt ist; wegen der vielen Proben ist es erforderlich, dass ich mit Alkohol meine Geschmacksnerven im Mund neutralisiere.“ Am Abend nach der Arbeit musste er sein Fahrrad nach Hause schieben, Balance konnte er nicht mehr halten.

Es wurde schon Nacht, als ich meine letzte Aufgabe am Schlachttag erledigte: Ich trug Krüge mit Wurstbrühe aus. Die Empfänger erhielten zusätzlich je nach gesellschaftlicher Stellung oder Freundschafts- und Verwandtschaftsgrad größere oder kleinere Portionen Wellfleisch und frische Kochwürste. Pfarrer, Arzt und Apotheker bekamen besonders große Anteile. Bei diesem Stress sollte ich mich auch noch über das Schlachtfest freuen, ich war eher traurig.

Wer kennt noch den Klingelmann

 

Amtlich Mitteilungen wurden früher neben den Aushängen an öffentlichen Gebäuden und Litfaßsäulen auch durch den Klingelmann bekannt gemacht.  

 

Der „Klingelmann“ hatte in den 1930/40er Jahren in meinem Heimatort, einer Kleinstadt in Ostthüringen, eine wichtige Funktion. Es war wahrscheinlich keine amtliche Berufbezeichnung, denn in der Liste der Berufe in Deutschland findet man den Namen nicht. Wir nannten ihn so, weil er für seine Tätigkeit eine große Klingel, auch als Glocke oder Schelle bekannt, brauchte.

Der Klingelmann war Angestellter der Stadtverwaltung und erledigte in unserer Kleinstadt außerdem Botengänge und kleinere Reparaturarbeiten an Ortsstraßen und Plätzen. Ich erinnere mich, dass er fast täglich – außer sonntags - einige Male durch die Straßen ging, an bestimmten Stellen stehen blieb und mit seiner Klingel die Bewohner darauf aufmerksam machte, dass etwas Wichtiges mitzuteilen war. Es ging um die amtlichen Bekanntmachungen, die er dann laut vorlas. Das Signalgerät bestand aus einem metallenen Resonanzkörper – einer Glocke – ungefähr in der Größe eines Litergefäßes. Innen befand sich ein Hammer oder Klöppel zur Erzeugung der Töne. Wir Kinder bewunderten dieses Instrument, das wie Gold glänzte. Der Klingelmann schwenkte es kräftig und es war so laut, dass wir uns in der Nähe die Ohren zu hielten. Gern liefen wir Kinder aber dem Mann hinterher und ich sehe noch heute vor meinem geistigen Auge, wie damals sofort aus Fenstern und Haustüren lauschende, gespannte Gesichter herausschauten, wenn die Glocke mit dem bekannten besonderen Klang ertönte.

Eine Geschichte über eine kuriose Bekanntmachung, die mir meine Großeltern erzählten, blieb mir in Erinnerung: Noch in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts gab es in vielen Orten Thüringens kleinere Bierbrauereien – dort waren Braumeister, den Beruf gibt es heute noch, allerdings meistens in Großbetrieben – die Besitzer und Bierbrauer. Wichtig war die Qualität des Wassers, das dem Bier die besondere ortsbedingte Note und den spezifischen Geschmack verlieh. Das Wasser wurde deshalb auch teilweise aus den örtlichen Teichen entnommen und nicht nur für Reinigungszwecke sondern auch für die Herstellung des Gerstensaftes verwendet. Da hat dann hin und wieder der Klingelmann die Mitteilung verlesen: „Hiermit wird bekannt gemacht, dass niemand mehr ins Wasser macht, denn morgen wird gebraut!“

 

Film weckt Erinnerungen

 

Der Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ rief bei mir Erinnerungen an eigene Erlebnisse wach, die mir die Filmhandlung als realistisch erscheinen lassen.

 

Zu Kriegsbeginn 1939 war ich 8 Jahre und zum Kriegsende 1945 dann 14 Jahre alt. Es war meine Kindheit, in der ich bewusst vieles erlebte, das im engen Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen stand und durch den Nationalsozialismus geprägt war. Der Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ rief deshalb bei mir Erinnerungen an eigene Erlebnisse wach, die mir die Filmhandlung als realistisch erscheinen lassen.

Ich erlebte und erfuhr was Tieffliegerangriffe sind, ich sah Menschen in Viehwaggons, die ins KZ Buchenwald gebracht wurden und hatte Glück, nicht noch am letzten Kriegstag von Granaten getroffen zu werden.

Nach dem Krieg, dann ab den 1950er Jahren, als etwa 25jähriger, wollte ich aber gern von Augenzeugen – von Soldaten – Näheres über die Kriegsschauplätze und ihre Erlebnisse erfahren. Aber unsere „Väter“ weigerten sich in der Regel zu erzählen.

Meinem Vater war es gelungen wegen eines chronischen Ohrenleidens nicht als Soldat eingezogen zu werden; er wurde verpflichtet, in einem kriegswichtigen Rüstungsbetrieb zu arbeiten. Mein Onkel, der im Krieg bei der Deutschen Reichsbahn als Rottenführer tätig war und wegen eines Sabotageaktes von Kriegsgefangenen, die in seinen Bereich arbeiteten, an die Front geschickt wurde, war auch nicht bereit, über seine Kriegserlebnisse zu erzählen. Kurzum, ich fand nur einen einzigen Verwandten der bereit war, seine Erlebnisse mitzuteilen.

Er wurde 1943 im Alter von 40 Jahren noch eingezogen. Er erhielt in Rudolstadt eine Grundausbildung und wurde für den Einsatz als Kraftfahrer vorbereitet. Schon nach 10 Wochen kam er nach Albanien und musste dort in einer Fahrzeugeinheit Wehrmachtsgüter aller Art transportieren. Fast ein Jahr lang lief alles relativ gut, denn sie bewegten sich in der Regel in Partisanen freien Gebieten. Eines Nachts – 1944 - fuhr er das erste Fahrzeug einer Kolonne mit 4 LKW zu einem Munitionsdepot, wo sie Munition laden sollten. Bei der Anfahrt merkte er, dass das Depot schon von Partisanen erobert worden war, sie wurden beschossen. Er wendete, die übrigen Fahrzeuge fuhren wie üblich hinterher und es ging zurück ins eigene Lager. Dort angekommen wurde er sofort verhaftet und wegen Feigheit vor dem Feind angeklagt. Er hätte anhalten und gemeinsam mit den anderen Fahrern und Beifahrern den Kampf mit den Partisanen aufnehmen müssen. Vorm Erschießen rettete ihn, dass er kurz vor dem Einsatz die Nachricht vom Tod seines Vaters erhalten hatte, das wurde als mildernder Umstand gewertet; trotzdem wurde er in eine Strafkompanie versetzt. Nun musste er als einziges Fahrzeug allein mit einem Beifahrer – ein ebenfalls Verurteilter - durch sehr gefährliche Partisanengebiete fahren. Eines Tages wurden sie in ganz verlassener Gegend von 2 blutjungen Partisanenkämpfern angegriffen. Als erfahrene Soldaten gelang es ihnen die Beiden zu überwältigen. Laut Befehl hätten sie die jungen Männer sofort an Ort und Stelle erschießen müssen. Mein Verwandter und sein Beifahrer verstanden sich so gut, dass sie es wagten, die Partisanen frei zu lassen, weil sie sich auch sicher waren, allein in der Gegend zu sein. Künftig verstärkten sich die Angriffe der Partisanen in der Gegend ihres Einsatzgebietes und die Verluste durch überfallene LKW waren enorm. Nur die Beiden, die die Gefangenen frei gelassen hatten, wurden verschont. Das fiel schon auf, aber sie konnten nachweisen, dass sie immer sehr geschickt agierten. Ihre Touren waren nicht zu überprüfen, weil sich keine normalen Einheiten auf die von Partisanen kontrollierten Straßen wagten. Nach einem halben Jahr, der Krieg ging seinem Ende zu, wurde mein Verwandter rehabilitiert. Es gelang ihm sich von der Truppe abzusetzen und auf Schleichwegen nach hause zu kommen, wo er auch zunächst untertauchen und sich vor einer Gefangenschaft retten konnte.

 

In meinen Augen ist der Film sehr wahrheitsgetreu, bis auf die vielen Zufälle bei den Zusammentreffen der Hauptakteure.

Sauschneider beißt Hoden ab

 

Der Beruf „Sauschneider“ könnte in Europa in absehbarer Zeit gänzlich verschwinden; die Tiere dürfen dann nur noch unter Narkose kastriert werden.

 

Der nur noch seltene Beruf „Sauschneider“ könnte in Europa in absehbarer Zeit gänzlich verschwinden. Durch Aktivitäten der Tierschützer wurden in der EU Gesetzesinitiativen angemahnt, nach denen alle chirurgischen Eingriffe bei warmblütigen Tieren künftig nur noch unter Betäubung erlaubt werden sollen. Zur Anwendung von Narkosemitteln sind aber nur Ärzte und Tierärzte berechtigt. Sauschneider, die auch heute noch junge Ferkel ohne Anästhesie kastrieren, dürften dies dann nicht mehr durchführen. Im 17. bis teilweise Anfang des 20. Jahrhunderts kastrierten Sauschneider nicht nur Ferkel bzw. Schweine sondern alle landwirtschaftlichen Nutztiere. Insbesondere wurden Bullen, Hengste, Eber, Schaf- und Ziegenböcke durch Abbinden, bzw. Abtrennen der Samenleiter oder Entnahme der Hoden, jedoch auch weibliche Tiere durch Entnahme der Eierstöcke sterilisiert oder beschnitten, wie man diese operativen Eingriffe auch nannte.

Durch einen Reisebericht meiner Nichte erfuhr ich, dass man in Australien bei Schafböcken die Kastrationen grundsätzlich ohne Narkose und mit hierzulande teilweise nicht mehr üblichen Methoden durchführt. Während ihrer Tour durch diesen Kontinent arbeitete sie zur Aufbesserung ihrer Reisekasse in einigen großen Schaffarmen und erlebte: Man geht dort beim chirurgischen Eingriff zur Entfernung der Hoden nicht zimperlich mit den Tieren um. Weit verbreitet sind aber unblutige weltweit bekannte Methoden, wie die Kastration per Gummiring oder mit einer Spezialzange; damit werden die Blutgefäße, die die Keimdrüsen versorgen, abgequetscht und das Gewebe stirbt ab. Als sehr gewöhnungsbedürftig empfand sie aber eine Praktik, bei der dieses Abquetschen durch Abbeißen erfolgt; eine jedoch nur noch seltene Handhabung. Dabei erinnere ich mich, dass es in den 1930er Jahren in meinem Heimatort einen Sauschneider gab, der vor allem auch Schaflämmer kastrierte. Bei ihm sah ich die Methode, dass er mit einem scharfen Messer den Hodensack aufschnitt, die Keimdrüsen herauszog, abbiss und wieder ausspuckte. Wir Kinder durften dabei nicht zusehen, aber gerade Verbotenes reizt und wir beobachteten diese Handlungen aus sicheren Verstecken. Ich erinnere mich noch, dass es einem Schulkameraden dabei übel wurde und er musste sich übergeben, wodurch wir entdeckt wurden.

In der Kriegs- und Nachkriegszeit empörte mich, was ich bei manchen Bauern, Kleinsiedlern und Laubenpiepern in Kaninchenhaltungen sah. In einigen Fällen wurden Kaninchen unkontrolliert in Gruppen von 10 bis sogar 50 und mehr Tieren ohne Trennung nach Geschlechtern in sehr primitiven Unterkünften gehalten. So vermehrten sich die Kaninchen vielfach auch durch Inzucht; Krankheiten und kümmernde Tiere blieben nicht aus. Als damals Jugendlicher meinte ich etwas dagegen tun zu müssen. Ich fragte einen Tierarzt, wie man junge männliche Kaninchen, die auch Rammler genannt wurden, kastrieren kann. Er zeigte mir diesen Eingriff und ich kastrierte fortan bei vielen Kaninchenhaltern meines Heimatortes die nicht für die Aufzucht vorgesehenen männlichen Kaninchen. Man war mir dankbar, dass ich dies für einen geringen Obolus tat, denn eine diesbezügliche tierärztliche Leistung wäre den Tierbesitzern zu teuer gewesen. Betäubungsmittel durften auch damals nur Tierärzte anwenden und ich führte deshalb diesen Eingriff auch ohne Narkose durch. Ich sah darin keine schlimme Handlung, denn der Tierarzt war in meinen Augen ein erfahrener Mann, der damals auch nichts dagegen hatte kleine junge Kaninchen ohne Narkose zu kastrieren. Er sagte mir auch, dass die Tiere nur wenig Schmerzen hätten. Später, als ich mich intensiver mit Tierschutzfragen beschäftigte, bekam ich eine andere Sicht zu diesen Problemen. Ich unterstütze deshalb heute die Initiativen, dass auch bei Tieren alle chirurgischen Eingriffe ohne Betäubung verboten werden.

Reiselust und Reisefrust

 

Bei der Übernahme einer Reiseleitung in der DDR-Zeit konnte die Reiselust auch in Frust umschlagen – erfahren 1981 während einer Wolgaschiffsreise.

 

 

Zu meinem 50. Geburtstag – 1981 - wollte ich einer großen Feier entgehen und wir buchten eine Wolgaschiffsreise. Um sicher zu gehen, dass auch in der Reisegruppe mein Jubiläum nicht bekannt wird, übernahm meine Frau eine Reiseleitung, das war ihr als Angestellte des Reisbüros leicht möglich. Von einem fremden Reiseleiter wäre mein Geburtsdatum bestimmt bekannt gegeben worden und ich hätte den zu hause entgangenen Trubel zumindest in Miniaturausgabe während der Reise gehabt.

300 Touristen gehörten zur Hauptreisegruppe auf dem Schiff. Meine Frau hatte davon eine Gruppe mit 30 Personen als Reiseleiterin zu betreuen. Unter anderem waren es 3 Erfahrungen, dass sie künftig keine Reiseleitertätigkeit wieder übernahm.

Erstens war belastend, dass sie jeden Abend an einer Besprechung beim Hauptreiseleiter teilnehmen musste, die oft mehr als eine Stunde dauerte. Hierbei wurden Hinweise für das notwendige Verhalten der Touristen, besonders hinsichtlich der Pflege der Deutsch – Sowjetischen Freundschaft (DSF) und andere politische Order gegeben. Bei der Lösung von Problemen in ihrer Gruppe war sie dann aber allein auf sich selbst gestellt.

Bei einem Landausflug in Wolgograd stürzte auf einem Schotterweg ein zehnjähriges Mädchen unserer Reisegruppe und verletzte sich relativ stark. Der Schiffsarzt versorgte die Wunden. Die Mutter hatte keinen Impfausweis mit und wusste auch nicht, ob ihr Kind schon prophylaktisch gegen Wundstarrkrampf geimpft worden war. Trotz unseres Widerspruches und Drängens meinte der Mediziner aber, dass keine Tetanusimpfung nötig sei. Nach 3 Tagen, beim Anlegen in Rostow, sahen wir ihn als Ersten vom Schiff eilen. Er kam nach kurzer Zeit zurück und holte jetzt eiligst die Tetanusimpfung nach. Wahrscheinlich hatte er keinen Impfstoff an Bord gehabt und nun plötzlich Angst bekommen.

Vor dem Heimflug übernachteten wir in Moskau im modernen Hotel „Rossia“. Hier wurde meine Frau mit dem 3. frustrierenden Problem konfrontiert. Gegen 21 Uhr meldete eine Frau unserer Reisegruppe, dass ihre Handtasche mit sämtlichen Ausweispapieren spurlos verschwunden sei. Wir hatten ein Sammelvisum, die Gruppe musste also vollzählig sein und die Behörden ließen bestimmt niemanden ohne gültigen Ausweis ausreisen. Der am kommenden Tag früh sehr zeitig geplante Rückflug nach Berlin war deshalb gefährdet. In der DDR- Botschaft erhielten wir die Auskunft, dass erst am kommenden Morgen gegen 10 Uhr ein Ersatzausweis ausgestellt werden könne. Eine erneute umfassende Suchaktion, wozu die Mitreisenden mit sinnigen und unsinnigen Ratschlägen beisteuerten, wurde gestartet. Nach ca. 3 Stunden kam die erlösende Erfolgsmeldung: Die Frau hatte die Tasche nach dem Betreten des Zimmers auf dem Fensterbrett abgestellt. Als es dunkel wurde zog sie den Vorhang zu und dahinter versteckte sich ihr so wichtiges Utensil. Erst unsere intensiven Gespräche über die logische Aneinanderreihung all ihrer bisherigen Handlungen führte sie letztlich zu diesem Versteck.

Was waren Pflichtjahrmädchen

 

1938 entstand die Tätigkeit „Pflichtjahrmädchen“, die ab 1945 wieder verschwand. Es waren junge Frauen, die in der Land- und Hauswirtschaft tätig sein mussten.

 

Die Nationalsozialisten führten 1938 das „Pflichtjahr“ ein. Alle Frauen unter 25 Jahren wurden zu einem Jahr Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft verpflichtet, außer denjenigen, die bereits in diesen Bereichen tätig waren. Die Mädchen durften erst nach Ableistung dieser Pflicht eine Lehre, Fach- oder Hochschulausbildung oder andere Ausbildung antreten. Mit diesem Dienst sollten sie auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden, aber auch während des Krieges die Familien unterstützen, in denen die Männer zum Kriegseinsatz eingezogen waren.

Ich erinnere mich, dass die Arbeit dieser jungen Frauen bei den Bauern und in Geschäfts- oder Handwerkerhaushalten sehr geschätzt wurde. Für uns Kinder waren sie junge Leute mit denen man auch manches Geheimnis teilen konnte, wofür man bei Eltern oder Großeltern kein Verständnis fand. Sie hatten in der Regel Familienanschluss und nahmen teil an den Gesprächen im Familienkreis. Sie kamen aus den unterschiedlichsten Schichten und Familienverhältnissen und waren nicht selten sehr überzeugte Nationalsozialistinnen. Das führte dann manchmal auch zu Konflikten, wenn sie die politischen Auffassungen ihrer Arbeitgeberfamilie nicht teilten, ja sogar verurteilten. So wurde mir ein Beispiel bekannt, dass ein Pflichtjahrmädchen die Hausfrau anzeigte, weil diese heimlich „Feindsender“ gehört hatte. Die Frau wurde verhaftet und zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Fast 50 Jahre später, nachdem es die Tätigkeit der Pflichtjahrmädchen nicht mehr gibt, hat eine Diebin bei einem Überfall an diese Bezeichnung erinnert und sie als Vorwand genutzt. Meine Anfang der 1990er Jahre achtundachtzigjährige durchaus geistig mobile Schwiegermutter hat für ihre Geburtstagsfeier 2000.- DM auf der Sparkasse abgeholt. Sie brachte das Geld nach Hause, legte den Briefumschlag mit der erwähnten Summe zunächst auf den Küchenschrank und zog Mantel und Schuhe aus. In diesem Moment klopfte es an die Tür, eine Frau in mittleren Jahren kam herein. Sie überfiel meine Schwiegermutter mit einem Redeschwall, den ich sinngemäß wie folgt wiedergeben kann: „Muttchen, kennst du mich noch? Ich war doch während des Krieges bei euch in der Landwirtschaft und im Geschäft als Pflichtjahrmädchen. Du warst immer so gut zu mir.“ Zögernd erwiderte meine Schwiegermutter, dass sie sich zwar nicht erinnere, aber Menschen würden sich ja im Laufe der Jahre verändern. Plötzlich zog die Eingedrungene die Decke vom Tisch, warf sie der Ahnungslosen über den Kopf und machte sie damit wehrlos. Als die Hilflose sich endlich befreit hatte und rufen konnte war die Diebin mit dem Geld bereits spurlos verschwunden. Die herbeigerufene Polizei konnte den Fall nie aufklären.

Die heutige Generation kennt die Tätigkeitsbezeichnung Pflichtjahrmädchen fast nicht mehr. Ich habe Kinder und Enkel gefragt, sie wussten nichts damit anzufangen. Trotzdem hat den Begriff eine Frau benutzt, die, wenn sie als solche gearbeitet hätte, beim geschilderten Überfall Anfang der 1990er Jahre mindestens 70 Jahre alt gewesen sein müsste. Zu dieser logischen Schlussfolgerung war aber meine Schwiegermutter bei der spontanen Überrumpelung gar nicht in der Lage gewesen; so schnell konnte sie nicht registrieren: Es war nicht möglich, dass diese Anfang der 1940er Jahre etwa 18jährige Frau ihr gegenüber nun als etwa Vierzigjährige auftreten konnte.

Dackel, Rehbock, Wildschwein

 

Haus- und Wildtiere können friedlich zusammenleben, wenn sie gemeinsam aufwachsen. Eine Geschichte über ein außergewöhnliches „Tiertrio“ wird beschrieben.

 

 

Eine ungewöhnliche Tierfreundschaft erlebte ich als Kind in den 1930er Jahren in der Försterei meines Onkels. Ein etwa 6 Jahre alter Langhaardackel, ein bildschönes für einen Dackel sehr anhängliches Tier, hatte gerade 3 Welpen zur Welt gebracht. Die Hündin war sehr besorgt um ihren Nachwuchs und hatte in den ersten Wochen nach der Geburt wenig Sinn für andere Geschehnisse im Försterhaushalt. In dieser Zeit brachte mein Onkel ein neugeborenes männliches Rehkitz aus dem Revier mit nach hause. Ein Wilderer hatte die Ricke, das Muttertier, erschossen; noch bevor der Förster an den Setzplatz kam hatte wahrscheinlich ein Fuchs schon ein Kitz geschnappt und war entwischt. Das zweite Kleine lag nun hilflos und verlassen da und wäre verhungert. Obwohl bekannt ist, dass Ricken in den ersten 3 Wochen auch fremde Kitze annehmen, wenn ihre Jungen etwa gleichaltrig sind, wollte mein Onkel dieses Risiko nicht eingehen. Er kannte sein Revier sehr gut und wusste, dass sich kein hierfür geeignetes Muttertier in der nähren Umgebung des Setzplatzes aufhielt. Der Versuch dem kleinen Tier die Flasche zu geben gelang, aber als es auf eigenen Beinen stehen konnte begab es sich oft zum Liegeplatz, wo die Dackelhündin ihre Jungen säugte. Ein Wunder, die Hündin, die sehr viel Milch hatte, ließ nach einiger Zeit das Kitz mit saugen. Ab dieser Zeit übernahm die Dackelmama Mutterpflichten gegenüber dem jungen Reh, die anhielten bis der Rehbock älter wurde, er begann dann seine Ziehmutter mit dem Kopf und dem langsam sprießenden Gehörn zu stoßen. Er war ihr keineswegs dankbar dafür, was sie bisher alles für ihn getan hatte.

Der Wilderer im Revier meines Onkels richtete viel Unheil an, trotz aller Bemühungen konnte er aber nicht gefasst werden. Auf sein Konto ging wohl in jener Zeit auch der Abschuss einer Bache, die gerade Frischlinge führte. Der Förster fand deshalb auch ein kleines Wildschwein, das im Wald alleingelassen nicht überlebt hätte. Zu hause in der Försterei wurde es aufgepäppelt – es war männlich und wurde Max genannt.

So lebten also in dieser Zeit ein sechsjähriger Dackel, ein halbjähriger Rehbock namens Seppl und ein gleichaltriger Keiler in der Försterei. Die Tiere vertrugen sich sehr gut, es gab keinen Futterneid, denn alle hatten genügend zu fressen. Die Försterei als alleinstehendes Anwesen befand sich etwa 2 km vom nächsten Dorf entfernt am Waldesrand. Meine Tante fuhr deshalb mit dem Fahrrad zum Einkaufen ins Dorf. Ein Kuriosum: Wenn der Dackel mitging folgten auch Rehbock und Wildschwein. Sie fuhr dann mit dem Fahrrad nur so schnell, dass die kurzen kleinen Dackelbeine auch das Tempo mithalten konnten. Die Dorfbewohner hatten sich an den Anblick gewöhnt, dass das „Tiertrio“ vorm Einkaufsladen darauf wartete, dass meine Tante wieder herauskam und den Heimweg antrat. Fremde waren allerdings immer ganz erstaunt über dieses ungewöhnliche Tierverhalten.    

Tankwart früher und heute

 

Den Tankwart, der früher die Fahrzeuge betankte und Helfer bei Pannen sein musste, gibt es heute nicht mehr, sondern nur noch Selbstbedienungstankstellen.

 

 

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren bestanden in den Kleinstädten die Tankstellen aus einer oder zwei unüberdachten Zapfsäulen, die am Straßenrand standen. Der Betreiber wohnte in der Nähe und wurde durch ein Klingelzeichen herbeigerufen, wenn ein Fahrzeug zum Tanken vorfuhr; die Bedienung des Zapfhahnes war eine nur ihm vorbehaltene Handlung. Bei Motorrädern und auch einigen Automodells war die Einfüllöffnung des Tanks meistens so angebracht, dass bei Regenwetter Wasser mit hinein kommen konnte. Mein Vater benutzte nie in seinem Leben einen Regenschirm. Als passionierter Motorradsportler war er aber sehr darum besorgt, dass immer nur sauberer wasserfreier Treibstoff in den Tank gelangte. Er kaufte sich deshalb extra einen Schirm, den er beim Öffnen des Tankverschlusses darüber hielt. Außerdem war in der Tanköffnung ein feinmaschiges Sieb, um Fremdkörper fern zu halten.  

Heute gibt es kaum noch Tankstellen wo der Tankwart die Fahrzeugtanks selbst füllt. Er kassiert und überwacht nur noch die Vorgänge beim Tanken. In den 1960er Jahren hielt diese Methode des „Selbsttankens“ in der DDR Einzug. An solchen modernen „Selbstbedienungstankstellen“ überwachte der Tankwart – den Beruf übten trotz der viel gepriesenen Gleichberechtigung der Frauen in der DDR noch vorwiegend Männer aus – nur das Geschehen und kassierte. Anfangs kam er auch noch ans Fahrzeug, um das Geld in Empfang zu nehmen. Heute müssen die Kunden in der Regel an der Kasse im Tankstellengebäude bezahlen. Außerdem sind in der Gegenwart die Tankstellen Verkaufsstellen für fast alle Waren des täglichen Bedarfs. Damit wird der Tankwart zusätzlich zu einem „Einzelhandelsverkäufer“. Obwohl in diesen Läden die Waren teurer sind als in den Supermärkten wird dort viel eingekauft. Beliebt ist besonders von Jugendlichen der Einkauf von Alkohol in den Nachtstunden.

In den 1950er Jahren arbeitete ich im „Studentenjob“ hin und wieder an einer Tankstelle als „Hilfstankwart“. Dabei erlebte ich, dass Fahrzeuge vorfuhren bei denen die Fahrer nicht wussten, wo sich die Tankeinfüllöffnung befindet; als Laie kam auch ich dabei in Not und musste manch brenzlige Situation durch viele Erklärungen meistern. Auch Ölwechsel und Pannenhilfe wurden manchmal gefordert und ich stellte fest, dass der Beruf des Tankwarts gar nicht so einfach war.

Ein ungewöhnliches Erlebnis hatte ich in den 1960er Jahren an einer neuen modernen Autobahntankstelle bei einer Fahrt mit meinem Moskwitsch von Erfurt nach Berlin in Niemgk. Beim Tanken hielt ich unvorsichtiger Weise den Zapfhahn, der im Einfüllstutzen steckte, nicht fest. Er sprang plötzlich heraus und ich wurde über und über mit Benzin übergossen. Mein erster Gedanke: „Es ist kein Zweitaktgemisch, durch das darin enthaltene Öl wäre mein Anzug dahin.“ Der Tankwart erschien – sein Kommentar: „Das verschüttete Benzin müssen Sie allerdings bezahlen, aber jetzt dürfen Sie auf der Weiterfahrt nicht rauchen!“

Ich war auf dem Weg zu einer wichtigen Sitzung, hatte keine Ersatzkleidung mit und war in starker Zeitnot. Ich fuhr mit geöffneten Fenstern weiter, der Windzug half ein wenig, meinen Anzug einigermaßen zu trocknen. In der Besprechung, die ich gerade noch rechtzeitig erreichte, fand ich Verständnis für mein Missgeschick. Ich setzte mich in den Hintergrund des Tagungsraumes - weit ab von den Teilnehmern – so dass die Geruchsbelästigung zu minimieren war.

Katze in Wortverbindungen

 

Katzen sind nicht nur eine Tierfamilie, der Name wird in vielen Wortverbindungen gebraucht und bezeichnet Sinniges und Unsinniges.

 

 

Katzen sind nicht nur eine Tierfamilie, der Name wird gebraucht um Angst zu schüren, Aberglauben zu wecken, Situationen zu schildern, zu beschimpfen und Gegenden oder Orte zu benennen. Sinniges aber auch Unsinniges wird oft gedankenlos gesagt, um dieser Tierart ein gutes oder auch schlechtes Image anzuhängen.

Die Bezeichnung „Katzentisch“ verbindet sich in meinen Gedanken mit einer lustigen Kindheitserinnerung. Ich besuchte Ende der 1930er als 8jähriger meinem Onkel in einer größeren Stadt. Er sagte: „Heute gehen wir ins Lokal Mittagessen und erleben einen Katzentisch.“ Ich war erfreut, denn auf Gemälden hatte ich gesehen, dass es in Fürstenhäusern und bei sehr reichen Leuten kleine Tische gab, an denen Hunde und Katzen saßen und gefüttert wurden. In der Gasstätte suchte ich diesen Katzentisch. Mein Onkel steuerte auf einen Tisch zu, der abseits am Ausgang zur Küche und Toilette stand. Mir wurde dadurch anschaulich beigebracht, er befindet sich etwas abseits von den übrigen Tischen, wo Kinder oder Bedienstete Platz nehmen, die nicht mit der Herrschaft an der gleichen Tafel essen dürfen.

Mein Onkel demonstrierte mir auch, was man als Katzenkopf bezeichnet. Er ballte die rechte Hand zur Faust, ließ die mittleren Gelenke des Mittel- und Ringfingers etwas vorstehen und deutete einen runden Kopf an. Mit den vorstehenden Fingergelenken, den Fingerknöcheln, versetzte er mir am Hinterkopf einen leichten Schlag und sagte: „Wenn du nicht artig warst, kannst du das derber zu spüren bekommen und wirst in dieser Weise mit einem Katzenkopf bestraft.“ Als ich dann älter war erfuhr ich mehr darüber, wofür das Wort Katzenkopf u. a. noch steht:

  • ·        Spezielles Kopfsteinpflaster (ein gewölbter Pflasterstein) als Straßenbelag,
  • ·       
  • ·        Westwallanlage in der Eifel,
  • ·        Naturschutzgebiet in Bayern,
  • ·       

„So ein Katzengejammer“, sagte mein Großvater während meiner Kindheit häufig zu mir, wenn ich in seinen Augen ohne Grund jammerte.

Die Besonderheit der Katzenzunge war mir als Kind nicht bewusst, ich spürte nur ein Kratzen, wenn mich unsere Katzen an der Hand leckten. Als Student der Veterinärmedizin erfuhr ich dann: „Anatomisch ist die Katzenzunge mit Papillen bedeckt, die das Lösen von Fleisch vom Knochen erleichtern.“ Katzenzungen als so genanntes Schokoladenerzeugnis schmeckten mir jedoch schon früher und jederzeit sehr gut.

Rückstrahler an Fahrrädern und Fahrzeugen heißen Katzenaugen.

Katzenbalge sind Katzenfelle, die getrocknet und gegerbt schon Anfang des vorigen Jahrhunderts für meine Großmutter ein wichtiges medizinisches Hilfsmittel waren. Bei Rheuma- und Gelenkschmerzen wurden die betreffenden Körperstellen mit Salben eingerieben und mit dem Fell abgedeckt.

Katzenwäsche ist seit eh und je bei Kindern sehr beliebt. Es bedeutet im übertragenen Sinne eine schnelle und weniger gründliche Körperpflege.

„Mach nicht solchen Katzenbuckel“, damit wurde ich als Kind gemaßregelt, um immer gerade und aufrecht zu gehen und zu sitzen.

Lange Zeit glaubte ich als Vorschulkind eine Laufkatze würde sich durch große Schnelligkeit beim Rennen auszeichnen. Erst in der Schule erfuhr ich, dass damit der Wagen auf dem Ausleger eines Baukrans gemeint ist.

Während meiner Kindheit hörte ich oft Erwachsene sagen: „Katzen haben 7 Leben und können unbeschadet aus sehr großen Höhen herab springen.“ Das verstand ich nicht recht und malte mir dazu aus, dass bei den Tieren, wie beim Kampf mit einem mehrköpfigen Drachen, abgeschlagene Köpfe immer wieder nachwachsen und sie sich von hohen Felsen und Klippen herunter schwingen. Ein Kindheitserlebnis, das mich zugleich erschütterte, zeigte mir jedoch den tieferen Sinn dieses Spruches. In unserer Nachbarschaft wohnte ein sehr rabiater Mann. Wir Kinder beobachteten, wie er eines Tages seine Katze aus dem Bodenfenster - aus etwa 15m Höhe über dem gepflasterten Hof – warf. Wir machten die Augen zu, weil wir erwarteten, das auf den harten Boden aufprallende Tier wird zerschmettert. Wir hörten den Aufprall, blinzelten und trauten unseren Blicken nicht: „Die Katze landete auf ihren 4 Beinen und rannte wie von der Tarantel gestochen zum Hofausgang.“

Im Erdkundeunterricht in der Volksschule beschäftigte ich mich gern mit Landkarten und es machte mir immer Spaß, ausgefallene Ortsnamen zu finden. So überraschte ich einmal unseren Lehrer, als ich ihm die deutschen Orte mit Katze am Anfang nannte: Katzbach, Katzenbach, Katzberg, Katzenberg, Katzdorf, Katzenelnbogen, Katzenfurt, Katzenloch, Katzenmoos, Katzensteg, Katzenstein, Katzental, Katzhütte, Katzweiler, Katzow, Katzwinkel. Hierfür bekam ich eine gute Note.

Aus meiner Kinder- und Jugendzeit blieben mir eine Reihe Begriffe und Aussprüche im Zusammenhang mit dem Wort Katze in Erinnerung, die heute von einigen Menschen nicht mehr gekannt werden, davon eine kleine Auswahl:

Neunköpfige Katze - eine Knute mit Riemen an einem Holzstiel,

Alles für die Katz – alles ist unbrauchbar, umsonst gewesen,

Die Katze lässt das „Mausen“ nicht – im übertragenen Sinn, wenn jemand nicht aufhört zu stehlen,

Wie die Katze um den heißen Brei laufen oder schleichen – sich vor Entscheidungen drücken, sich nicht trauen oder uneindeutig verhalten,

Katzenmusik – ein Durcheinanderklingen verschiedener Töne und Geräusche verbunden mit viel Lärm; hergeleitet von dem so genannten Geschrei rolliger Katzen,

Katzengold   - Schmuck, ein sehr häufig vorkommendes Mineral, als Pyrit bekannt, auch Narrengold genannt,

Katzenminze - Kräuter zur Familie der Lippenblütler gehörend, der Geruch zieht Katzen an.

Wundermittel – Knoblauch

 

Unbestritten ist die gesundheitsfördernde Wirkung von frischem Knoblauch – nur der intensive Geruch schränkt die Anwendungsmöglichkeiten ein.

 

Unbestritten ist die gesundheitsfördernde Wirkung von frischem Knoblauch – nur der intensive Geruch schränkt die Anwendungsmöglichkeiten ein. Unbestritten ist aber auch der Wunsch jedes Menschen gesund zu bleiben bzw. bei Krankheiten schnell gesund zu werden. Tatsache ist jedoch auch, dass man als junger Mensch „mit der Gesundheit dem Geld hinterher jagt, das man häufig im Alter für die Gesundheit wieder auszugeben muss!“

Diese Gedanken bewegten uns, als meine Frau und ich in den 1970er Jahren das 40. Lebensjahr überschritten und nun neben unserer stressigen Arbeit etwas für die Gesunderhaltung tun wollten. In unserem Bekanntenkreis in einer Bezirksstadt in der DDR war das ein beliebtes Thema. Außerdem erzählten Verwandte, die aus der BRD zu Besuch kamen viel von allerhand Pillen, die sie als Nahrungsergänzungsmittel kaufen, mit denen man Gesundheitsprophylaxe betreiben könnte. Knoblauchpillen, die es in der DDR nicht gab, gehörten dazu.

Wir waren deshalb unserem Nachbarn dankbar, dass er uns ein Rezept über Knoblauchanwendung übergab, das Elektroingenieure aus Tibet mitgebracht hatten. Sie waren dort auf Auslandsmontage, ein in der DDR besonderes Privileg, das so genannte Auslandkader besaßen, die beruflich im „nichtsozialistischen Ausland“ für DDR-Betriebe tätig sein durften.

Dieses altchinesische Rezept war angeblich erst 1972 von einer Kommission der UNESCO gefunden worden, wurde in fast alle Sprachen übersetzt und darin hieß es in der Einleitung wörtlich: „Dieses Rezept löst im Organismus alle Fette und angesetzten Kalk auf, verbessert schnell Metabolismus im Körper und die Adern werden elastischer. Damit beugt man vor: Herzinfarkt, Bluthochdruck ……. Der Organismus wird um „16 Jahre“ (wahrscheinlich Übersetzungsfehler - sollte 6 heißen) verjüngt.“

Wir, einige Bekannte und einige Professoren der „Medizinischen Akademie“ waren derart von dem Rezept begeistert, dass sich letztlich ca. 30 Personen beteiligten. Für Herstellung und Anwendung gab es folgende Vorschriften:

350 g frischen Knoblauch schälen, zerdrücken oder mixen und in einen Topf geben, mit

200 g 96%igen Alkohol übergießen.

Topf fest zudecken und an einem kalten finsteren Ort 10 Tage aufbewahren.

Danach alles durch ein festes Stück Stoff (Seihtuch) gießen, drücken.

Nach 2 – 3 Tagen kann die Heilkur beginnen, die Flüssigkeit wird mit 5 g Milch nach Vorschrift (Auszug Tabelle) - eingenommen:

Tag             Früh       Mittag           abends   - Tropfen –

   1.                 1             2                   3

   2.                 4             5                   6

   3.                 7             8                   9

gesteigert bis zum 12. Tag auf 25 Tropfen, die dann 3 x täglich bis zum Verbrauch der gesamten Flüssigkeit eingenommen werden.

Die Kur darf erst nach 5 Jahren wiederholt werden.

Die größten Schwierigkeiten bereitete mir die Beschaffung des 96 %igen Alkohols. Ich tauschte hierfür bei meiner Sekretärin, die Geld von Verwandten aus der BRD in einem Paket erhalten hatte, 10.- DM gegen 80.- Mark der DDR. Mit dem Westgeld kaufte ich im Intershop den Sprit. Eine verbotene Handlung, aber für die Gesundheit ging man halt auch ein Risiko ein. Noch heute bewundern wir die Kulanz unserer Hausmitbewohner, die damals während der Herstellung unserer Mixtur den Knoblauchgeruch im gesamten Haus mit ertrugen. Wir warteten dann alle auf das „Jüngerwerden“, das generell ausblieb, sich aber einige sogar einbildeten. Die Wissenschaftler meinten damals, dass eine Studie notwendig wäre, um die Kur zu überprüfen. Wir haben die Kur nicht wiederholt.    

Thüringer Roster leben hoch

 

Eine Rostbratwurst berichtet aus ihrem bewegten Leben. Die „Thüringer Rostbratwürste“ besitzen Kultstatus; in Ostthüringen heißen sie „Roster“.

 

„Mein Lebensweg ist vollendet, ich werde verdaut“, sind die letzten Gedanken einer Rostbratwurst. Nur gut, ihr bewegtes Leben wurde dokumentiert, die Nachwelt erfährt, welche Geschichten sie und ihre Schwestern schon erlebten.

Es beginnt mit dem Namen, offiziell heißt sie „Thüringer Rostbratwurst“ aber in Ostthüringen wird sie „Roster“ genannt, wenn sie aber keine echte Thüringer ist, dann ist sie eine einfache Rostbratwurst.

Menschen und Tiere werden geboren, Rostbratwürste entstehen, das beginnt mit Muskelfleisch, Speck, Darm und Gewürzen; eigentlich schon früher in einem Stall und mit Schlachttieren. Eine Rostbratwurst berichtet:

„Der große kräftige Mann, der mich in seinen Mund steckte, mit 6 Bissen war ich, eine 150 g Wurst, in dem großen Loch verschwunden, dachte bestimmt nicht daran, dass meine Hülle und Masse einst Teile eines Schweins waren. Ich und meinesgleichen entstanden also bereits in einem lebenden Tier, das sich im Schlamm suhlte und manchmal sogar Küchenabfälle fraß. Wenn ich das so direkt sage ekelt ihr Menschen euch, beim Stillen eure Esslüste denkt ihr aber nicht an unseren tatsächlichen Ursprung. Uns, die fertigen Rostbratwürste, könnt ihr sehen, tasten, riechen und schmecken, aber eurem 5. Sinn, dem hören, verschließen wir uns – nur unser Platzen auf einem zu heißem Rost dringt in euer Ohr. Damit wiederum vermögen wir euch Menschen so richtig zu ärgern! In diesem Falle spritzt das überschüssige Fett aus unserem Leib an eure meistens frisch gewaschenen Kleider. Das ist unsere Rache für die höllische Hitze, mit der ihr uns manchmal bratet!

Bevor auch ich mit dazu beitrug, dass der 14jährige Junge, der mich als 3. Wurst innerhalb einer Stunde verspeiste, nicht „vom Fett und Fleische fiel“, hatte ich einige Fragen zu beantworten. Warum nennt man den Weimarer Zwiebelmarkt nicht Rostbratwurstmarkt? Zwiebeln werden bei diesem Markttreiben nicht gegessen, aber eine Unmenge Rostbratwürste. Wer würde sich auch getrauen, die schönen Zwiebelzöpfe zu zerstören. Sie werden vorsichtig nach hause getragen und als Zierde in den Küchen aufgehängt. Wir Rostbratwürste vollenden auf diesem Markt unser Dasein. Die nächsten Fragen: „Besitzen wir einen Kultstatus?“ „Was sind originale Thüringer Rostbratwürste?“ Bei der Suche nach Antworten wunderte ich mich über die Kraftanstrengungen der Juristen, die hierzu jede Einzelheit in Bestimmungen fassten. Dabei bleibt doch entscheidend: Gefallen und schmecken wir unseren Konsumenten, den Menschen, die uns zum Fressen gern haben?

Eine Streitfrage: „Müssen die Schweine aus Thüringen stammen, wenn daraus echte Thüringer Rostbratwürste hergestellt werden sollen?“ Aber selbstverständlich, die Fleischer aus der Region müssen doch wissen, was die Schweine, deren Fleisch sie verarbeiten, gefressen haben, wie sie gehalten wurden und aufgewachsen sind. Dazu wird in der Neuzeit häufig gefragt: „Dürfen Schweine, aus deren Fleisch wir entstehen, auch Futter aus genverändertem Getreide erhalten?“ Wir Rostbratwürste fordern ganz eindeutig: Lasst uns zurzeit aus Fleisch herstellen, das von Schweinen stammt, die nach traditionellen Methoden gefüttert werden. Es wäre nicht auszudenken, wenn Menschen durch unseren Verzehr geschädigt würden, unser Ruf wäre unwiederbringlich dahin.

Da fällt mir doch eine makabre Geschichte ein: Ein Bauer schlachtete sein Schwein, nahm die Därme heraus, band sie ab und gab sie in den Wurstkochkessel. Auf diese ungewöhnliche Methode hin angesprochen sagte er: „Ich weiß doch was ich meinem Tier gefüttert habe, darunter waren sogar beste Rosinen. Warum soll ich dann nicht gleich die Därme zu Wurst verarbeiten?“ Als er das Ganze aus dem Kessel nahm, kam das böse Erwachen!

 

Eine Rostbratwurst betont: „Was wir in uns haben dürfen und wie wir herzustellen sind bleibt nicht dem Zufall überlassen. In Deutschland gibt es für alles Gesetze und die Rostbratwürste müssen nach den Leitsätzen aus dem Deutschen Lebensmittelbuch für Fleisch und Fleischerzeugnisse produziert werden.“

Oft wollen aber Thüringer auch im fernen Ausland nicht auf ihre geliebten Rostbratwürste verzichten. Mir kam dazu eine Geschichte aus den 1980er Jahren zu Ohren: „Nur wenige Menschen besaßen in   der DDR das Privileg ins westliche Ausland reisen zu dürfen. Ingenieure – so genannte Auslandskader - waren auf Auslandmontage und wollten sehr gern gute Thüringer Rostbratwürste mit nach Nikaragua nehmen. Hierfür bestand aber ein strenges Ausfuhrverbot. Beziehungen und Überlegungen sorgten schließlich für einen reibungslosen Transport. Die Ware wurde als Reiseproviant, nur zum Selbstverzehr bestimmt, deklariert. Die Würste wurden tief gefroren, in Folie eingepackt, Gefrierakkus dazu gegeben und in einem Koffer verstaut. Sie überstanden die mehr als zwanzigstündige Reise unbeschadet und waren für die Männer während ihres mehrwöchigen Auslandsaufenthaltes eine wahre Delikatesse.“

„Wo liegt Thüringen“? fragte in Amerika ein Reiseleiter deutsche Touristen. Sie sagten: „Dort wo es die guten Würste gibt“. „Davon habe ich schon gehört“, antwortet der Amerikaner, „ich glaube, man will bei uns sogar Thüringer Rostbratwürste importieren. Aber wenn ich nach Europa komme werde ich sie bestimmt kosten!“

Rehabilitierter Straßenkehrer

 

Die Tätigkeit der Straßenkehrer hat sich heute gewandelt, ist aber teilweise noch Handarbeit. Die Geschichte eines Straßenkehrers wird erzählt.

 

 

 

 

Straßenkehrer und Tellerwäscher gibt es auch heute noch. Allerdings arbeiten sie in der Neuzeit unter anderen Bedingungen als in Zeiten eines Umbruchs, z. B. nach dem verlorenen 2. Weltkrieg oder nach der Wende; da mussten vielfach politisch Belastete zwangsweise Straßenreinigungsarbeiten ausführen. Früher galten diese Tätigkeiten aber sogar als Startmöglichkeiten, um mit Glück zu Reichtum zu gelangen. Schon während meiner Kindheit in den 1930er Jahren hörte ich den Slogan: „Vom Straßenkehrer oder Tellerwäscher zum Millionär.“ Es hieß, mit diesem Beginn hätten vor allem in der neuen Welt, in Amerika, ab Mitte des 19. Jahrhunderts mehrfach fleißige Menschen dieses Ziel erreicht.

Teller werden heute in der Regel mit Maschinen abgewaschen. damit wurde der Tellerwäscher zum Maschinenbediener. Allerdings müssen Plätze und Straßen vielfach noch in unzugänglichen Ecken per Hand gekehrt werden. Diese Arbeit verrichten heute vielfach „Eineurojobber“, oder Arbeitslose, die sich etwas dazuverdienen wollen.

Ich lernte in den 1960er Jahren in der Bezirksverwaltung in Erfurt einen Angestellten kennen, der eine akkurate, fleißige Arbeit als Finanzsachbearbeiter leistete. Er erzählte mir seine Geschichte als Straßenkehrer. Bis zum Einmarsch der Amerikaner in Weimar im April 1945 hatte er dort in der Verwaltung der Reichsautobahn als höherer Finanzbeamter gearbeitet und war Mitglied der NSDAP. In der kurzen Besatzungszeit kümmerten sich die Amis wenig um Menschen, denen keine direkten politischen Verfehlungen nachzuweisen waren und er blieb weitgehend unbehelligt. Er musste aber gemeinsam mit vielen Weimarer Bürgern an dem bekannten Marsch durch das KZ – Lager Buchenwald teilnehmen, dort wurden ihnen die unsäglichen Verbrechen vor Augen geführt. Im Sommer 1945 kamen die Sowjets als neue Besatzungsmacht, die einige Verwaltungen liquidierten oder neu strukturierten. Sie besetzten die Ämter mit ehemaligen Widerstandkämpfern und Leuten, die nicht Mitglieder der Nazipartei waren.

Meinem Bekannten wurde ein Besen in die Hand gedrückt und er musste fortan auf öffentlichen Straßen in Weimar täglich 10 Stunden kehren und für Sauberkeit sorgen. Er verrichtete diese Arbeit ungefähr 6 Monate lang, beklagte sich nicht, weil er selbst ein gewisses Schuldgefühl verspürte. Er hatte den Nationalsozialismus mit unterstützt. Eines Tages erkannte ihn ein Mann, der als ehemaliger Kommunist jetzt in eine höhere leitende Position aufgerückt war. Er sagte: „Sie hier bei dieser Arbeit; ich kenne Sie doch aus früheren Zeiten als anständigen Menschen, der niemanden verpfiffen oder geschadet hat. Auf ihre Fähigkeiten dürfen wir nicht verzichten, dafür werde ich sorgen.“ Er hielt Wort und der ehemalige Nazi bekam eine untergeordnete Sachbearbeiterstelle in der Thüringer Verwaltung.

Fazit: Straßenkehren zahlt sich in jeder Weise und immer aus.

Tätigkeiten in der DDR

 

Während der 40 Jahre „Deutsche Teilung“ waren im Sprachgebrauch zahlreiche unterschiedliche Begriffe und Worte aber auch Tätigkeiten entstanden.

 

Während der 40 Jahre, die ich in der DDR lebte, aber besonders nach der Wende, stellte ich fest, in Ost und West waren im Sprachgebrauch zahlreiche unterschiedliche Begriffe und Worte entstanden. Bei Unterhaltungen bemerke ich außerdem, dass ich hin und wieder Berufsbezeichnungen oder Tätigkeiten nenne, mit denen meine Gesprächspartner aus den alten Bundesländern nichts anzufangen wissen

Es gibt mehrere Veröffentlichungen zum „Sprachgebrauch in der DDR“, in denen diese Besonderheiten und Probleme dargestellt werden; auch ich habe in bisherigen Beiträgen   bei Spiegelonline „verschwundene Berufe“ bereits typische „DDR-Berufe“ beschrieben. Einige weitere Tätigkeitsfelder, die es in der DDR gab und die heute verschwunden sind oder sich wandelten, will ich hier nennen und kurz charakterisieren.

Agrarfliegerpilot: Durch die großen landwirtschaftlichen Nutzflächen in der DDR waren günstige Bedingungen für das Ausbringen von Dünger, Schädlings- und Unkrautbekämpfungsmitteln per Flugzeug vorhanden. Für die Agrarflugzeuge wurden spezielle Piloten ausgebildet.

Arbeiterkorrespondent: Werktätige, die ähnlich der Volkskorrespondenten ehrenamtlich für Zeitungen , besonders Betriebszeitungen, Artikel über Produktionserfolge und aktives gesellschaftliches Leben verfassten.

Bausoldat: Eine Befreiung von der Wehrpflicht gab es in der DDR nicht. Wer aus religiösen oder ethischen Gründen absolut nicht zum Wehrdienst mit der Waffe bereit war, wurde zur Volksarmee für einen waffenlosen Dienst in einer Baukompanie eingezogen. Es waren ebenfalls Armeeangehörige, sie mussten wegen ihrer Haltung mit beruflichen Benachteiligungen rechnen.

Kundschafter: Spione des DDR-Geheimdienstes wurden Kundschafter genannt.

Helfer der VP (Volkspolizei): Personen, die ehrenamtlich für die Polizei bei Massenveranstaltungen Ordnerdienste leisteten oder als Zivilstreifen mit dafür sorgten, dass in den Wohngebieten „Ruhe und Ordnung“ nicht gestört wurden.

Sozialbevollmächtigter: In den Gewerkschaftsgruppen der VEB (Volkseigener Betrieb) wurden Sozialbevollmächtigte gewählt, die sich für die Belange der Sozialversicherungsordnung und andere soziale Probleme einsetzten. Sie gaben die Krankenscheine an die Kaderleitung weiter, machten Krankenbesuche, kümmerten sich um Schonarbeitsplätze und befürworteten Kuranträge.

In größeren VEB gab es hauptamtliche Parteisekretäre der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), FDJ-Sekretäre (Freie Deutsche Jugend), Vorsitzende der BGL (Betriebsgewerkschaftsleitung) und in einigen sehr großen Betrieben sogar der Gesellschaft für DSF (Deutsch Sowjetische Freundschaft).

Wer nichts wird, wird Wirt

 

Kneipenwirte hatten früher nicht immer einen guten Ruf, dann sind Gastwirte im Ansehen gestiegen; heute haben Selbstbedienungsgasstätten das Feld zu erobert.

 

Wenn wir als junge Leute in den 1940er Jahren nach einem Berufsziel gefragt wurden antworteten wir gern mit dem ironischen Spruch:

„Wer nichts wird, wird Wirt.

Wer gar nichts wird, wird Bahnhofswirt

und ist ihm dieses nicht gelungen

dann reist er mit Versicherungen.“

Für Wirt gibt es 2 Wortbedeutungen, es sind in der Biologie Lebewesen, die sich selbst und andere mit Lebensnotwendigem versorgen und in der Gastronomie ist es ein Bewirter. Wobei die gastronomischen Berufe heute durchaus sehr achtbar sind und die abwertende Feststellung des Spruches wohl eher auf die Vergangenheit hinweist, als die Kneipenwirte manchmal keinen guten Ruf hatten. Während meiner Kindheit und Jugend bis in die 1950er Jahre gab es in meinem Heimatort, einer Kleinstadt in Thüringen, eine Kneipe pro 200 Einwohner und man muss sich fragen, wie die existieren wollten – sie hatten alle noch ein weiteres Erwerbsfeld wie Fleischer, Hausschlächter, Landwirtschaft und anderes. In der Gaststätte trafen sich damals in der Regel meist nur Männer, Frauen die dorthin gingen hing ein schlechter Ruf an. Als Bedienungen wurden aber gern Frauen angestellt, deren Moral jedoch in manchen Fällen in Zweifel gezogen wurde. So erinnere ich mich, dass während meiner Kindheit in der Gasstätte „Ratskeller“ dort eine junge Frau bediente, die 1945 nachts häufig amerikanische Besatzungsoffiziere mit auf ihr Zimmer genommen haben soll. Bei Gesprächen hierüber wurden wir Kinder immer ausgeschlossen.

Wirt oder auch „Bewirterin“ war also in früheren Zeiten nicht immer ein achtbarer Beruf, er rangierte aber noch vor Versicherungsvertretern, an deren immer richtiger, ehrlicher Beratung wohl schon damals teilweise gezweifelt wurde.

Vom Wirt oder der Bedienungskraft erhielt man also bis Mitte des vorigen Jahrhunderts in Deutschland Getränke an der Theke oder an seinen Platz an den Tisch gebracht. Ab dieser Zeit entstanden Selbstbedienungsläden und -gaststätten. Als Kinder verstanden wir unter „Selbstbedienung“, wenn man etwas ohne Bezahlung mitnahm, also sich selbst bediente. Das wurde mit stehlen, wir sagten „mausen“ dazu, gleichgesetzt.

Mein erstes Erlebnis mit einer Selbstbedienungsgaststätte hatte ich in den 1950er Jahren zur „AGRA“, das war die jährliche Landwirtschaftsausstellung der DDR, in Leipzig – Markkleeberg. Ich beobachtete erst die anderen Gäste, die mit dieser neuen Bedienungsform vertraut waren, bevor ich es wagte, die gewünschten Speisen und Getränke selbst zu nehmen. Das ganze war damals noch sehr umständlich, denn man bekam am Gaststätteneingang eine Karte mit einzelnen Feldern für Mark- und Pfennigbeträge, die an den einzelnen Stationen noch vom Bedienungspersonal entsprechend des Preises gelocht wurden. Der nach Karte zusammengezählte Betrag wurde dann an der Kasse bezahlt. Alles war ungewohnt, denn man musste auch Geschirr und Besteck nach Gebrauch an einem bestimmten Platz abstellen. Die heute bis ins letzte ausgefeilten Methoden der Selbstbedienung, überall wo Einzelwaren oder Produkte angeboten und verkauft werden, haben zu sehr großen Einsparungen von Arbeitskräften geführt. Allerdings ist dabei teilweise die individuelle Kundenberatung auf der Strecke geblieben.

 

Bursche vielfältige Tätigkeit

 

Viele Tätigkeiten werden in Deutschland von Burschen ausgeführt. Aus der Literatur kennt man den Offiziersburschen „Der brave Soldat Schwejk“.

 

Dem Wort Bursche begegnet man in der deutschen Sprache in mehreren Bedeutungen, z. B. Knecht, Jüngling, Junggeselle, Knabe, aber auch im Zusammenhang mit Dienstleistungsberufen wie Zimmerbursche, Hausbursche oder Hotelbursche als Bezeichnung für Page. Sehr bekannt sind die studentischen Verbindungen die Burschenschaften. Mit „Bürschchen“ bezeichnet man in der Regel einen pfiffigen jungen Mann, aber es kann auch ein leichtes Drohwort sein. In der Literatur ist wohl der berühmteste Offiziersbursche, „Der brave Soldat Schwejk“, beschrieben in einem Buch, das ich als Jugendlicher mit großer Freude und Schmunzeln gelesen habe. Im deutschen Heer hatten die Offiziere aller Grade Burschen, das waren einfache Soldaten, die den Vorgesetzten zur Bedienung zugewiesen waren. Nach dem 1. Weltkrieg -beginnend in der Reichswehr bis heute in der Bundeswehr – gab es keine Offiziersburschen mehr. Es ist nicht ganz richtig, wenn man manchmal diese so genannten Diener mit den heute bekannten Ordonanzen gleichsetzt. Die Burschen durften keinen Dienstgrad haben, also nicht einmal Gefreiter sein. Hierzu erzählte mir in den 1930er Jahren meine Großmutter eine Geschichte von ihrem Cousin, der im 19. Jahrhundert in der Truppe beim Fürsten Reuß in Gera als Soldat diente. Ohne Dienstrang war er anfangs Bursche bei einem Offizier und fühlte sich in dieser Tätigkeit sehr wohl. Dann wurde er zum Gefreiten befördert und musste fortan vielfach vorm Schloss Wache stehen. Sein Vorgesetzter schärfte ihm ein, dass er den Fürst, wenn dieser sein Palais verlässt oder zurückkommt, vorschriftsmäßig militärisch zu grüßen habe. Mein Verwandter soll ein immer zu Scherzen aufgelegter Bursche gewesen sein und er fragte: „Wie erkenne ich den Fürst?“ „Der sieht aus wie der Fleischermeister, der die Schlossküche beliefert und den du schon mehrfach gesehen hast“, erhielt er zur Antwort. Der Fürst ging und kam in Zivil und der Cousin meiner Oma grüßte nicht. Er wurde gerügt und rechtfertigte sich: „Ich dachte es war der Fleischermeister, der gerade einmal seinen guten Anzug angezogen hatte.“

Unvergessene Eisenbahnepisoden

 

Ich wurde 1931 geboren und erinnere mich an eigenartige Geschichten, die ich in der Kriegszeit mit der Eisenbahn erlebte.

 

Ich, 1931 geboren, erinnere mich an eigenartige Episoden, die ich in der Kriegszeit mit der Eisenbahn erlebte.

Die Losung: „Räder müssen rollen für den Sieg“ war während des Krieges auf großen Transparenten in Bahnhöfen und an Zügen zu lesen, nur ob der außergewöhnliche Transport, den ich in der Vorweihnacht 1943 erlebte, dieser Parole entsprach, bleibt zweifelhaft. Die Hitlerjugendbannleitung unseres Kreises Greiz erteilte unserem Jungvolk - Fähnlein 96 den Befehl, dass sich an einem bestimmten Tag zu festgelegter Uhrzeit alle Pimpfe in der Nähe unserer Kleinstadt Hohenleuben am Bahndamm der Strecke Weida - Mehltheuer aufzustellen haben. Zu diesem Termin fuhr der Sonderzug, der den Weihnachtsbaum für den Führer transportierte, vorbei. Pflichtgemäß standen wir, ca.70 zehn- bis vierzehnjährige Jungen, parat und grüßten mit erhobenem rechtem Arm die vorüber fahrende große Tanne, für die sogar zwei Güterloren benötigt wurden. Die Lächerlichkeit dieser Zeremonie begriffen wir damals nicht, weil wahrscheinlich die Mehrzahl der Jugendlichen noch immer an den deutschen Sieg glaubte und Hitler bedingungslos verehrte. Die wenigen, die daran vielleicht zweifelten, trauten sich nicht auszuscheren und standen im Übrigen vermutlich unter einer gewissen Massenpsychose.

Die genannte Bahnstrecke wurde im Krieg umfangreich für Militärtransporte genutzt. Wir Kinder bestaunten die Geschütze, Panzer und Armeefahrzeuge, die auf den Güterwagen verladen an die Front rollten. Den Soldaten, die in den offenen Türen der Waggons saßen, winkten wir zu und beneideten sie, weil sie so weit reisen konnten. Über den gefährlichen Zweck dieser Fahrten haben wir damals nicht nachgedacht.

Im Zusammenhang mit Eisenbahntransporten während des Krieges erinnere ich mich an ein Erlebnis Ende 1944 auf dem Bahnhof in Weimar. Ich fuhr als Jungvolkführer per Bahn nach Weimar zu einer Konferenz. Wegen Fliegeralarm durfte unser Zug nicht in den Bahnhof einfahren und rollte auf ein Abstellgleis. In der Nähe standen Viehwaggons aus deren Luken ausgemergelte und verzerrte menschliche Gesichter schauten. Ich sah, wie SS – Soldaten am Zug entlang liefen, die mit Stöcken gegen diese Köpfe schlugen und die Öffnungen schlossen. Das waren für mich grausige Bilder, die ich bis heute nicht vergessen kann. Ich fragte meinen Lehrer, was mit diesen Menschen geschieht. Er sagte: „Das sind Gefangene, arbeitsscheues Gesindel, die in Lager zur Umerziehung gebracht werden.“ Von meinen Eltern erhielt ich nur ausweichende Antworten mit dem Hinweis, über die mich sehr bewegenden Erlebnisse mit niemand in der Öffentlichkeit zu reden.

Ein weiteres Vorkommnis blieb mir im Gedächtnis. Im Herbst1943 wartete ich gegen Abend gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Bahnhof Weida - Altstadt auf unseren Zug zur Heimfahrt. Er hatte Verspätung, weil erst noch ein langer Militärtransport langsam durch die Bahnstation fuhr. Plötzlich hörten wir einen entsetzlichen Krach und sahen, wie mehrere Güterwaggons umstürzten. Wir waren hierüber besonders beunruhigt, denn wir wussten, dass mein Onkel dort an den Gleisen als Rottenführer Baumaßnahmen leitete. Es stellte sich heraus, dass beim Gleisbau eingesetzte Kriegsgefangene vor der Zugdurchfahrt Schrauben an den Schienen gelöst hatten, das führte zum Entgleisen mehrerer Wagen. Eine direkte Schuld an dem Unglück war dem Bruder meiner Mutter nicht nachzuweisen, trotzdem wurde er wegen Beihilfe zur Sabotage an die Ostfront versetzt. Wir vernahmen außerdem, dass beteiligte Gefangene sogar hingerichtet worden sein sollen.

 

1961 mit PKW nach Nessebar

 

Anfang der 1960er Jahre waren in der DDR Urlaubsreisen mit dem PKW ins Ausland sehr selten; bei unserer Reise 1961 nach Nessebar erlebten wir lustige Episoden.

 

Anfang der sechziger Jahre waren in der DDR Urlaubsreisen mit dem PKW ins Ausland eine Seltenheit und schwer zu bekommen. Wir hatten Glück, wir konnten 1961 über den ADMV (Allgemeiner Deutscher Motorsportverband) eine Autoreise nach Bulgarien buchen. Wir – acht Ehepaare in je einem PKW – trafen uns am Grenzübergang Bad Schandau. Der Reiseleiter fragte, wer der schnellste Fahrer sei. Meine Frau rief angeberisch, obwohl sie gar keinen Führerschein hatte: „Wir mit dem 311er Wartburg!“ Die Konsequenz: Uns wurde aufgetragen, bei Kolonnenfahrten das Schlusslicht zu bilden, na prima......

Schon in der CSSR passierte es: An einem Bahnübergang schafften es die 7 Fahrzeuge vor uns über die Schienen, dann gingen die Schranken runter - wir mussten warten und die anderen fuhren davon – das Signal zu den an der Spitze fahrenden Reiseleiter klappte nicht (es gab noch keine Handys). Um den Anschluss wieder zu erreichen missachtete ich die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit und kassierte in einer Ortschaft eine deftige Geldstrafe – die erste Urlaubsmissstimmung war programmiert.

Schlimmer war es aber in Budapest von der Abfahrt am Hotel in Stadtmitte bis zum Stadtrand. Vor uns fuhr ein blauer Wartburg unserer Reisegruppe, der uns im starken Stadtverkehr entwich. Nach einiger Zeit hatten wir einen blauen Wartburg wieder eingeholt, meinten, dass in Ungarn diese Autofarbe beim entsprechenden Typ nicht sehr häufig sei, konnten aber das Kennzeichen nicht erkennen. Wir fuhren gutgläubig hinterher, da ohnehin der Überblick zu den Fahrzeugen der Gruppe verloren gegangen war; erst als der PKW wieder Richtung Stadtzentrum fuhr, merkten wir unseren Irrtum. Zur Kolonnenfahrt gehört gute Information, die fehlte bei unserer Reise - wir wussten nicht: Warten die anderen, oder fahren sie ohne uns weiter zum Grenzübergang nach Rumänien? Einem Halt, an dem es ohne uns nicht weiter gehen würde – wir hatten Sammelvisum. Wir fragten auf der weiteren Strecke Straßenbauarbeiter, ob sie 7 PKW in einer Gruppe beim Vorbeifahren beobachtet hätten, erhielten die Bestätigung, rasten in einer halsbrecherischen Fahrt weiter und holten unsere Reisegruppe wieder ein. Auf den schnurgeraden Straßen durch die Puszta wären uns dabei die oft nicht einmal angekündigten 90grad Kurven bei unserem Tempo fast zum Verhängnis geworden, erfreulicher Weise waren wenig Autos unterwegs! Ab diesem Zeitpunkt wurde das Kolonnenfahren aufgegeben und wir trafen uns am jeweiligen täglichen Reiseziel.

Ich muss mit meinem Bericht nochmals zurück zum Start. In Bad Schandau bekam eine Frau der Gruppe heftige Zahnschmerzen. Ein mitreisender Zahnarzt erbot sich, in einer Praxis in der Stadt den schmerzenden Zahn zu ziehen, um jegliche Komplikationen im Ausland auszuschließen. Unsere erste Etappe führte uns dann nach Brünn. Der Ehemann der zahngeplagten Frau erschien dort allein zum Abendessen, also saßen wir zu dritt am Tisch. Die Speisen wurden für vier Personen gereicht – und immer räumte der erstaunte Kellner, (diesen verdutzten Gesichtsausdruck vergesse ich nicht!), vier leere Teller ab. Unser Tischnachbar war Jockey, der stets mit eiserner Selbstdisziplin sein Körpergewicht überwachen musste, er ließ deshalb im Urlaub die „Zügel gründlich schleifen“.

Nach sechs Tagen erreichten wir unser Ziel – Nessebar. Sozialistisches Ausland und altes Auto sorgten immer für spannungsreiche Momente. Ein Mitreisender fuhr einen alten PKW F9, mit dem er es aufgrund eines defekten Getriebes gerade so bis zum Urlaubsort geschafft hatte. Die Suche nach einer geeigneten Werkstatt verlief zunächst ergebnislos, bis wir eine winzige, mickrige Werkstatt fanden. Der Meister erzählte uns, dass er während des zweiten Weltkriegs in Dessau in den Junkerswerken gearbeitet hatte, deshalb in der Lage sei, das Auto zu reparieren. Tatsächlich zauberte er ohne Originalteile einen Ersatz hervor, der nicht nur die Fahrt über, sondern auch noch weitere Jahre bestens funktionierte.

Diese zehn Tage Aufenthalt an der Schwarzmeerküste sowie die abenteuerlustige Hin- und Rückfahrt zählt für uns zu den schönsten Urlauben; dabei blieb uns noch ein für uns amüsantes Erlebnis bei der Heimfahrt an der Grenze Rumänien - Ungarn besonders in Erinnerung. Ein Ehepaar unserer Reisegruppe hatte in Siebenbürgen Verwandte besucht, denen sie deutsche Waren verkauft hatten. Sie besaßen deshalb noch viele rumänische Leu. Der erwähnte Jockey war immer zu Scherzen aufgelegt und wusste um die Geldmengen unserer Mitreisenden. Vor dem Grenzübergang mussten wir warten und erfuhren, dass es wegen eines Unfalls erst in einigen Stunden weiter gehen würde. Der Scherzbolt besaß als einziger ein Autoradio und hörte Nachrichten. Plötzlich rief er laut in die Menge: „Ich habe eben in einem Wiener Nachrichtensender gehört, dass Morgen in Rumänien eine Währungsreform geplant sei und eine Geldentwertung erfolgt.“ Die Devisenbesitzer sprangen flugs in ihr Auto und fuhren los. Sie kamen zurück mit Reiseandenken und sehr vielem Krimskrams, den sie normalerweise nie gekauft hätten. Das ganze war ein vielleicht etwas derber Scherz, aber die Geschädigten waren reiche Handwerker, die den Verlust verkraften konnten.  

Der letzte Milchmann 04.02.2013

 

Der Milchmann, den ich in den 1930/40er Jahren in meiner Ostthüringer Heimat kennen lernte, war wahrscheinlich einer der letzten, der diese Tätigkeit ausübte.

 

 

Er hieß Otto Groß und war wahrscheinlich einer der letzten, der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Tätigkeit des Milchmannes noch ausübte. In den 1930/40er Jahren war er für mich als Kind ein Mann mit einem wichtigen und bemerkenswerten Beruf, vor allem, weil er mit einem Pferdegespann durch die Straßen meines Heimatortes fuhr. Erstaunlich, dass seine Geschäftsidee Frischmilch auszufahren, in jener Zeit Erfolg hatte.

In meinem Wohnort, einer Ostthüringer Kleinstadt mit typischem Dorfcharakter, gab es in vielen Anwesen Kühe oder zumindest Milchziegen, „die Kühe des kleinen Mannes“, wie es damals hieß. Man hatte also die Milchselbstversorgung aus dem Stall am Haus oder aus unmittelbarer Nachbarschaft. Ich erinnere mich jedoch, es waren vor allem 3 Gründe, warum Otto Groß auch viele Milchkunden hatte. Erstens schmeckte die Ziegenmilch nicht allen und wer es sich leisten konnte, kaufte Kuhmilch. Zweitens war der wichtigere Grund, es begann eine Aufklärung über die weit verbreitet gefährliche Volkskrankheit Tuberkulose, die auch über die Milch erkrankter Rinder übertragen werden kann. Einige Bauern tranken deshalb nicht einmal die Milch von den eigenen Kühen, weil sie mehrfach bei der Schlachtung ihrer Tiere erfahren hatten, dass diese an Tuberkulose erkrankt waren. Der Milchmann bezog seine Milch von der Molkerei, wo die Milch ein Erhitzungsverfahren durchlief, womit die Ansteckungsgefahr durch die Tuberkulosebakterien zumindest gemindert wurde. Der dritte zwar nicht vordergründige Anlass, warum die Leute lieber die Milch bei Otto Groß kauften, war der Kleinstadt und den Gerüchten geschuldet. Ich entsinne mich, dass einige Bauern im Verdacht standen, die Milch, die sie ab Hof verkauften, zu panschen, das heißt, sie gaben Wasser dazu, denn die gemessene Menge war zu bezahlen. Das Produkt des Milchmannes war aber qualitätsgeprüft.

Das Pferd des Milchmanns zog einen Tafelwagen, auf dem die Zwanzigliter - Milchkannen standen. Gern half ich als Kind beim Milchausfahren, besonders, weil ich die Zügel des Pferdes allein halten und das Tier damit lenken durfte. Mein Kutschieren war aber meist gar nicht nötig, weil der kluge Gaul Weg und Halteplätze von allein kannte.

Die Kunden brachten die eigenen Milchkrüge mit. Mit einem Messbecher an einem langen Stiel wurde die Milch aus den Kannen, die auf dem Wagen standen, geschöpft. Alles geschah unter freiem Himmel bei Sonnenschein, Wind und Regen. Dennoch wurden die Schöpfgefäße erst nach Ende der Tour gründlich gereinigt. Auch die Sauberkeit der Gefäße der Kunden reichte von einwandfrei bis zweifelhaft. Nach den heutigen hygienischen Bestimmungen wäre das gesamte Verfahren undenkbar. Damals hörten wir aber kaum etwas von Lebensmittelvergiftungen, über die es auch unter der Bevölkerung wenig Kenntnisse und Aufklärung gab. Wahrscheinlich waren die Menschen und besonders wir Kinder, durch häufige Kontamination mit Schmutzkeimen besser aktiv immunisiert.

Später betrieb auch Otto Groß ein Milchgeschäft und die Menschen, die heute Milch und Milchprodukte verkaufen heißen Milchfachverkäufer.

Neben dem Milchmann gab es in der damaligen Zeit auch so genannte Milchjungen, die ich damals in der größeren Stadt Gera kennen lernte. Für mich als Kind vom Lande war es eindrucksvoll, dass Schuljungen in den Morgenstunden von Haus zu Haus eilten und vor die Wohnungstüren die Milchflaschen für das Frühstück stellten.

Neuer Beruf, Tierflüsterer

 

So wie es früher Berufe gab, die heute verschwunden sind, gibt es in der Neuzeit neue Tätigkeiten, deren Ursprung man auch in rätselhaften Ereignissen findet.  

 

 

So wie es früher Berufe gab, die heute verschwunden sind, gibt es in der Neuzeit neubelebte Tätigkeiten, deren Ursprung man auch in manchmal rätselhaften, vergessenen Ereignissen findet.   Gegenwärtig machen so genannte Tierflüsterer viel von sich reden. Vielleicht hat auch der sehr beeindruckende Roman „Der Pferdeflüsterer“ von Nicholas Evans und Bernhard Robben, hierzu beigetragen. Inzwischen preisen Kuh-, Hunde-, Katzenflüsterer ihre Fähigkeiten an. Neben Scharlatanen gibt es auf diesem Gebiet durchaus Menschen, die Vieles über das Tierverhalten wissen und bei dessen Störung die richtige Einflussnahme finden. In der Regel sollte man aber Tierärzte befragen.

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren wurden Leute, die mit außergewöhnlichen Mitteln verstörte Tiere heilen konnten, auf dem Lande manchmal sogar noch der Hexerei bezichtigt. Ich erinnere mich an zwei Erlebnisse, die im weitesten Sinne mit der heutigen „Tierflüsterei“ vergleichbar sind.

Unser Nachbar hatte einen Schimmel, den er nicht mehr einspannen konnte, er ging immer nur geradeaus, ließ sich durch keinen Zügelzug oder sonstige Befehle lenken. Im Garten lief er immer nur im Kreis herum und konnte nur mit Gewalt wieder in den Stall gebracht werden. Der Tierarzt schloss ein körperliches Leiden oder eine Seuche aus und meinte, das Tier sei nervenkrank und wohl kaum heilbar. Im Nachbardorf wohnte ein älterer Bauer, dem nachgesagt wurde, dass er Tiere mit Verhaltensstörungen heilen könne. Er wurde gerufen und erreichte, dass der Schimmel wieder normal wurde. Bei seinen Behandlungen ließ er aber niemanden zusehen. Uns Kindern gelang es mit allerhand Raffinesse seine Handlungen heimlich zu beobachten. Ich erinnere mich, dass er seinen Mund ans Ohr des Pferdes hielt. Was er dort anstellte, ob er bestimmte Worte sprach, flüsterte oder nur Luft hinein blies, konnten wir Kinder nicht erkunden.

Eben dieser Mann musste aber auch oft bei einem anderen Bauern zu Hilfe kommen, der Ochsen als Zugtiere benutzte. Einer davon legte sich hin und wieder ohne ersichtlichen Grund auf den Boden und war nicht bereit, wieder aufzustehen. Wenn er seinen Rappel bekam half kein Zerren, Stoßen oder Schreien ihn zum Aufstehen zu bewegen. Allein dem Bauern, der auch den Schimmel heilte, gelang es, Abhilfe zu schaffen. Wenn nötig, musste er gerufen werden. Er beugte sich über das liegende Tier und flüsterte ihm etwas ins Ohr, der Ochse blinzelte mit den Augen und stand auf! Die Worte oder insgesamt seine Methode verriet er niemanden, aber es grenzte wirklich fast an Hexerei, was dieser Mann fertig brachte.“

Alter Beruf, Abtrittanbieter

 

Viele Berufe verschwanden oder die mit der Berufsbezeichnung verbundenen Tätigkeiten veränderten sich. Auch den Abtrittanbieter gibt es gar nicht mehr.

 

In Deutschland gibt es gegenwärtig über 400 nicht mehr ausgeübte oder gelehrte Berufe und Erwerbstätigkeiten, die auch als historische Berufe bezeichnet werden. Wenn ich diese Liste ansehe, die vom Abtrittanbieter über Repassiererin bis Zootechniker führt, dann fallen mir zu vielen dieser verschwundenen Tätigkeiten viele Geschichten ein. Im Übrigen kommen zu den im Internet aufzufindenden verschwundenen Berufen noch Beschäftigungen mit regionaler Bedeutung hinzu, die bereits mehr oder weniger in Vergessenheit gerieten oder geraten. Ich denke dabei z. B. an die Steinbrucharbeiter, sie waren in meiner Ostthüringer Heimatstadt bis zu den 1950er Jahren der größte Anteil der Arbeiter des Ortes.

Außerdem gibt es heute noch viele Berufe, die sich im Profil und den ausgeübten Tätigkeiten stark wandelten. Ich denke dabei u. a. an zahlreiche Handwerksberufe wie Schuhmacher und Tischler, die kaum noch Schuhe oder Stiefel bzw. Möbel in Einzelfertigung herstellen. Auch in der handwerklichen Stellmacherei werden nur noch selten Pferde- oder Handwagen gefertigt. Sehr auffällig ist der Wandel im Handel. Typische Verkäufer oder Verkäuferinnen sind nur noch in exklusiven Spezialgeschäften anzutreffen, ansonst wurden sie vielfach „Regaleinräumer“ von Fertigpackungen, Kassierer/innen und ähnliches. Auch in der Landwirtschaft gibt es den typischen Bauern nur noch selten; viele spezielle landwirtschaftliche Tätigkeiten wurden mechanisiert, der Melker, auch Schweizer genannt, ist heute z. B. nur noch „Bediener von Melkmaschinen“ und vieles andere mehr.

Interessant ist auch, dass sich im über 40 Jahre lang geteilten Deutschland in beiden Teilen unterschiedliche Berufe herausbildeten, wovon heute besonders in den neuen Bundesländern viele wieder verschwanden. Das sind Zootechniker, Traktorist, Dispatcher, Volkspolizist, Pionierleiter um nur einige zu nennen.

Vor einiger Zeit erfuhr ich durchs Internet, Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckten einige Clevere eine Marktlücke, sie arbeiteten in einigen Metropolen Mitteleuropas als Abtrittanbieter. Sie waren maskiert, trugen einen großen weiten Mantel unter dem ein Eimer Platz finden und auf dem eine Person die Notdurft verrichten konnte. Dabei musste ich daran denken, dass es in der DDR in der Öffentlichkeit und selbst an Besucherbrennpunkten nur selten ausreichende, saubere Toiletten gab. Eine Katastrophe waren die Autobahnparkplätze, hier konnte man die Umgebung im Wald und im Gebüsch nur mit allergrößter Vorsicht aufsuchen, um nicht in „menschliche Hinterlassenschaften“ zu treten.

Als wir nach der Wende erstmals in die alten Bundesländer fahren konnten beeindruckte mich sehr stark ein Erlebnis, das mir wie ein Wunder erschien, Wir besuchten die Stadt Gießen und ich musste eine öffentliche Toilette aufsuchen. Erstaunt war ich, dass keine Armaturen fehlten, alles sauber war und genügend Einmalhandtücher zur Verfügung standen. Ich glaubte zunächst an einen Ausnahmefall und meine Begleiter wunderten sich, dass ich immer wieder Toiletten in öffentlichen Einrichtungen mit Publikumsverkehr aufsuchte; sie meinten schon, ich sei krank geworden. Ich kontrollierte aber nur und fand meinen ersten Eindruck fast ausnahmslos bestätigt. In den nächsten Wochen besuchten wir die Städte Göttingen, Unna und Kassel, auch dort bestätigten sich meine Erfahrungen mit sauberen Toiletten.

Über Hygiene und Sauberkeit der Einrichtungen der Abtrittanbieter fand ich keine Berichte, aber vermute, dass sie nur eine Notfalllösung waren. Die heutigen öffentlichen Toiletten sollten als neuzeitliche Errungenschaft bewahrt werden. Bestrebungen mancher Städte, diese aus Geldmangel zu schließen, muss unbedingt entgegen gewirkt werden. Die in diesen Einrichtungen Beschäftigten möchte ich nicht mit Abtrittanbietern gleichsetzen, diese sollen ein verschwundener Beruf bleiben!

Haarmode, ein Politikum

 

In der DDR galten Jungen mit auffälligen Frisuren (vor allem langem Haar) als Oppositionelle. Diesbezügliche Schwierigkeiten der Eltern werden beschrieben.

 

In den vergangenen Jahrhunderten galt die Haartracht der Herrschenden häufig als Vorbild für den Modetrend. Jedoch war vielfach dem „niedren Volk“ verboten diese Haarmoden ebenfalls mitzumachen, die waren nur privilegierten Schichten vorbehalten. Bei den Herren überbot man sich oft bei der Herrichtung der Perücken, worunter sich bestimmt sehr häufig nur spärliches natürliches sogar auch ungepflegtes Haar befand. Interessant, dass auch in der Neuzeit mächtige Politiker bei ihrer Haarmode wahrscheinlich nicht frei von Eitelkeit sind; ein beliebtes Thema der Medien. Ex - Bundeskanzler Schröder und Ex – Minister zu Guttenberg sind hierfür bekannte Beispiele.

Selbst ertappe ich mich immer bei Vorurteilen, wenn ich in der Neuzeit Jugendliche mit Glatze, mit gefärbten Haaren und Hahnenkamm, Jungen mit Zopf und weiteren „unmöglichsten“ Frisuren sehe. Das lässt aber unsere heutige Freiheit zu. Sehr oft musste ich jedoch schon feststellen, dass zu diesen außergewöhnlich gestalteten Haaren ein durchaus normal denkender oft auch sehr intelligenter Mensch gehörte, was ich nie vermutete.

In der DDR gerieten Jungen mit langen Haaren in den Verdacht Oppositionelle zu sein. Besonders in den 1960/70er Jahren waren die Beatles, eine der DDR – Führung nicht besonders zusagende Band, nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch durch ihre Frisuren Vorbild für die Jugendlichen.

Aus dieser Zeit sind Beispiele bekannt geworden, dass den Jungen zwangsweise die Haare geschnitten wurden; so geschehen bei einer Razzia auf dem Bahnhof in Neustadt/Orla. Ohne Vorankündigung wurden eines Tages frühmorgens von allen Schülern mit langen Haaren - bei ihnen vermutete man Widerstand gegen die DDR - von der Polizei die Ausweise kontrolliert. Wenn das Passbild nicht mit dem Haarschnitt übereinstimmte, wurden sie unter Zwang zum Friseur gebracht.

Übrigens war das Haarschneiden in der DDR sehr billig. Unser Onkel Robert aus Hamburg kam in den 1960er Jahren zu uns nach Erfurt zu Besuch und war einige Wochen vorher nicht beim Friseur gewesen. Er ließ sich hier dann für eine Ostmark die Haare schneiden, das kostete bei ihnen im Westen damals schon 5.- DM.

Unsere beiden Jungen, damals Teenager, machten die Mode mit den langen Haaren mit. Mehrmals wurde auch ich als Angestellter im Staatsapparat (Öffentlicher Dienst) gerügt, dass meine Söhne unerwünschten Haarschnitt hätten. Viele Eltern hatten in dieser Zeit Schwierigkeiten mit den Frisuren ihrer Söhne. Mein Ärger und meine Gedanken gingen sogar dahin, dass ich mit der Schere vorm Bett der schlafenden Buben stand und Friseur spielen wollte. Ich tat es nicht, weil ich mit Recht befürchtete, damit das Vertrauen der Kinder zu verlieren.

Unser jüngerer Sohn Thomas hatte z. B. sehr lockiges Haar und sah mit seiner Frisur in unseren Augen wie Angela Davis, der bekannten Bürgerrechtlerin in den USA, aus. Eigentlich wurde diese Frau in der DDR geschätzt, aber ihre Haartracht durften die Jungen dieses Staates nicht nachahmen. Thomas besuchte Ende der 1960er Jahre die Humboldt – Oberschule in Erfurt, eine Schule für besonders sprachbegabte Schüler. Etwa Mitte der 11. Klasse offenbarte er uns, dass er nicht mehr zur EOS gehen wolle, sondern eine Berufsausbildung mit Abitur mit dem Facharbeiterabschluss als Kellner beginnen will. Ich sagte deshalb: „Wenn du Kellner werden willst, musst du dir deine langen Haare abschneiden lassen!“ Als er daraufhin seine geliebten Locken abschneiden ließ, waren wir deshalb froh und merkten, dass er es ernst mit seinem Berufswunsch meinte. In der DDR war es fast nicht möglich, begonnene Berufs- oder Schulausbildung zu wechseln. Es gelang aber, er lernte fürderhin Kellner und besuchte dabei die betriebsspezifische Schule bis zum Abitur mit Facharbeiterabschluss.

Ich selbst – in der Hitlerzeit aufgewachsen – hatte einen kurzen gescheitelten Haarschnitt wie er damals zum Idealbild des deutschen Jungen gehörte. In der Zeit meiner Pubertät galt es auch für mich, die Aufmerksamkeit der Mädchen zu gewinnen. Ich meinte dies ebenfalls mit einem Kurzhaarschnitt, exaktem seitlichen Scheitel und einer Locke (natürlichen Ursprungs) auf der längeren Haarseite zu erreichen. In der 9. Klasse erhielt ich von meinen Mitschülerinnen ein Gedicht überreicht, das mich ärgerte aber nicht davon abhielt weiterhin meine Scheitelfrisur mit Locke – auch bis heute – beizubehalten:

Du hast auf deiner weichen Birn

ein Schmachtlöckchen wie ´ne Dirn

mit viel Müh pflegst du es täglich

dein Versuch ist schwach und kläglich.

Betragen, Ordnung, Fleiß

 

 

Die Schulverhältnisse der 1930er Jahre sind zu verurteilen, aber Ungleichbehandlungen der Schüler gibt es bis heute.

 

Trotz einer Schulpflicht gibt es heute in Deutschland noch ca. 4 Millionen erwachsene funktionale Analphabeten. Über die Ursachen wird in der Gesellschaft und seitens der Politiker heftig gestritten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass in unserem deutschen Schulsystem bis heute kein richtiger Weg gefunden wurde, alle Kinder ungeachtet der Herkunft gleichmäßig zu fördern und zu fordern.

Meine Schul - Erfahrungen reichen in die Zeit ab Ende der 1930er Jahre zurück. Ich besuchte damals die ersten Klassen der Volksschule in einer Thüringer Kleinstadt. Wir hatten sehr strenge Lehrer, deren wichtigstes Erziehungsinstrument der Rohrstock war, den wir Jungen mehr zu spüren bekamen als die Mädchen. Damals empfand ich in der Schule erstmals vielseitige Ungleichbehandlungen. Die so genannten Kopfnoten Betragen, Ordnung, Fleiß rangierten zu jener Zeit in der Wertigkeit vor den Leistungsnoten. Kinder aus armen meist kinderreichen Familien erhielten aber von vorn herein auf allen Gebieten häufig schlechtere, subjektiv geprägte Beurteilungen als die Jungen und Mädchen von reichen Bauern, Geschäftsleuten, Fabrikbesitzern, Stadtoberen und Funktionsträgern der NSDAP. Die benachteiligten Kinder waren außerdem sehr oft die Prügelknaben, wenn die Lehrer ihrem Ärger Luft machen wollten. Meinen Schulkamerad Erich traf dieses Schicksal. Er wusste sich aber auf seine Art zu wehren und fand dabei auch unterstützende Klassenkameraden. Er bekam fast an jedem Schultag aus oft nichtigen Gründen eine Tracht Prügel mit dem Rohrstock. Eine in den Augen eines häufig aufbrausenden Lehrers zugeteilte Aufgabe sollte er jedoch als Auszeichnung betrachten. Mucksmäuschenstill war es in der Klasse, wenn dieser Pädagoge hinter seinem Pult saß, Zeitung las und wir irgendetwas Unbedeutendes abschreiben mussten. Unvermittelt sagte er manchmal: „Es stinkt, wer war das?“ Nun musste Erich ran, an den Hintern der Jungen riechen - die Mädchen wurden ausgelassen -, um festzustellen, wer seine Winde nicht hat halten konnte. Wir waren meistens paff, denn wir rochen absolut nichts. Der „Riecher“ trat in Funktion und wir, einige seiner Freunde hatten, weil die Prozedur in regelmäßigen Abständen stattfand, vorher ausgemacht, wen er als Schuldigen herausfinden sollte; diesem erwarteten dann 3 bis 4 Stockschläge auf das Gesäß. Ohne Nachforschung übernahm der Lehrer Erichs Urteil und lobte ihn in diesem Falle sogar wegen seiner guten Nase.

Außerdem sollten wir in dieser Zeit zu Ordnung und Disziplin erzogen werden, das war wichtiger als die Leistungen im Lesen, Schreiben und Rechnen. Damals erfolgte regelmäßig zum Unterrichtsbeginn durch den Lehrer eine Sauberkeitskontrolle aller Schüler. Meine Großmutter oder Mutter achteten streng darauf, dass ich mich frühmorgens gründlich gewaschen hatte und kontrollierten dies auch. Einige Schulkameraden bekamen aber öfter sogar den Rohrstock zu spüren, wenn Hände, Ohren usw. noch schmutzig waren. Sie hatten vor Schulbeginn u. a. schon in der Landwirtschaft Arbeiten verrichten müssen, bei denen man es nicht verhindern konnte sich schmutzig zu machen. Es blieb ihnen dann auch meistens wenig Zeit zum Waschen und sie hatten oft nur kaltes Wasser zur Verfügung.

All diese Zustände gibt es erfreulicher Weise heute nicht mehr, aber wie ich in vielen Gesprächen schon erfuhr, immer noch ungerechte Behandlung besonders der Schüler, deren Eltern bildungsfernen Schichten angehören.

Wenn ich im Übrigen meine, dass Kopfnoten in Betragen und Ordnung wieder eingeführt werden sollten, werde ich von unseren Kindern als rückständig und altmodisch bezeichnet.

Unvergessene Osterbräuche

 

Die Osterbräuche werden regional unterschiedlich gepflegt. Ich hatte in dieser Hinsicht als Kind und später in unserer Familie schöne Erlebnisse.

 

 

Zu den bekanntesten Deutschen Osterbräuchen gehören Osterhase, -ei, -lamm, -feuer, -kerze und –wasser; sie sind in diesem Zusammenhang Zeichen des Lichtes und der Fruchtbarkeit. Bei der Pflege dieses Brauchtums gibt es in einzelnen Regionen unseres Landes sehr unterschiedliche Gepflogenheiten und Auslegungen. Überall wird wohl aber dem Osterhasen das Legen bunter Eier zugeschrieben, mit denen allerdings in verschiedener Weise umgegangen wird.

Ich erinnere mich, dass wir Kinder in den 1930er Jahren noch im ersten Schuljahr an die Existenz des Osterhasen glaubten. In der Neuzeit – auch unterstützt dadurch, dass in den Geschäften schon im Januar für Ostern geworben wird – gewinnt dieses Fest immer mehr vordergründige Bedeutung für den Konsum - selbst den Vorschulkindern wird damit schon manche schöne Fantasie genommen.

Wir wurden damals noch Ostern eingeschult und ich weiß, dass wir in den ersten Wochen in der ersten Klasse immer und immer wieder Osterhasen, Zuckertüten und bunte Ostereier malen mussten. Welchen Nutzen dies für das Lernen haben sollte, bleibt mir bis heute verborgen.

Im Übrigen ist es in meiner Ostthüringer Heimat traditionell üblich die hart gekochten buntgefärbten Eier in einem gehäkelten Netz mit Schnur zu schleudern und zu werfen. In meinem Heimatort gibt es hierfür ein „Eierwiese“ auf der z. B. bis heute an den Osterfeiertagen immer ein reges Treiben herrscht. Hoch und weit zu werfen und dabei wenige oder keine kaputten Eier zu haben ist ein Wettbewerbsziel. Ich war 6 Jahre alt und übte am Vormittag des 1. Osterfeiertages schon in unserem großen Hausgarten das „Eierwerfen“. Als ich in die Küche kam und das 9. Ei holte, weil ich die bisher beschädigten bereits alle verspeist hatte, wurde meine Mutter aufmerksam und ich bekam keinen Nachschub mehr. Sie befürchtete ich könnte mir den Magen verderben; scheinbar waren wir Kinder damals in dieser Hinsicht sehr widerstandsfähig, denn mir passierte trotz aufgegessener 8 hartgekochter Eier nichts. Als Ersatz musste dann ein „Holz – Ei“ herhalten, das ebenfalls mit Netz geschleudert und geworfen wurde. Hiermit galt es etwas vorsichtiger zu sein, damit andere Kinder nicht getroffen wurden – größere Unfälle sind mir aber nicht bekannt geworden.

Vielerorts ist es Ostern üblich, bunte Eier, Zucker- und Schokoladensachen im Garten oder bei schlechtem Wetter in der Wohnung zu verstecken. Als unsere 4 Kinder in einem Alter von 4 bis 8 Jahren waren, praktizierten wir dieses in unserer Familie mit großer Freude und viel Spaß. Erst als die Jüngste dann 14 Jahre alt geworden war, meinte sie wir könnten mit diesen Possen aufhören. Wir hatten damals einen Langhaardackel namens Fasko. Wenn das Suchen los ging, war er natürlich dabei. Es entstand ein Wettkampf und Rennen mit den Kindern, weil das Tier die Verstecke meist schneller entdeckte. So manches Osterei und auch Schokolade wurden von unserem „Vielfraß“ angebissen oder gleich verschlungen. Der Hund musste im Alter von 8 Jahren wegen unheilbarer „Dackellähme“ eingeschläfert werden – darüber waren wir alle sehr traurig. Als dann Fasko beim „Eiersuchen“ nicht mehr dabei war kamen zur Grasmahd oder während der Gartenarbeit oft vergessene Ostersachen zum Vorschein; als das Tier noch mit suchte passierte das nicht, es fand alles.

Hochwasser im Badezimmer

 

Wenn in der oberen Etage das Wasser aus der Waschmaschine aufgefangen werden soll, aber überläuft, kann das zu sehr unliebsamen Ereignissen führen.

 

1960 bekamen wir in Erfurt in einem Dreifamilienhaus eine schöne geräumige Wohnung mit einem großen Badezimmer. Niemand kann sich heute mehr vorstellen, dass wir damals für die 125 Quadratmeter Wohnfläche mit Keller und viel Nebengelass 115.- DDR-Mark Miete bezahlten. Im Bad war genügend Platz, eine Waschmaschine aufzustellen.

Als Familie mit 4 Kindern konnten wir ohne Wartezeit eine halbautomatische Waschmaschine kaufen. Die Mutter war in allen Sachen eine sehr sparsame Hausfrau. So verwendete sie auch bei nicht all zu schmutziger Wäsche die Waschlauge mindestens zweimal. Allerdings erkaufte sie dies mit Ärger. Es passierte einige Male, dass sich der in der Badewanne hängende Schlauch beim Abpumpen selbständig machte; dann ergoss sich das schmutzige Seifenwasser über den Fußboden. Einige Male wurde das Malheur erst bemerkt, wenn die Überschwemmung im Flur zu sehen war. Wir wohnten in der ersten Etage und in der Küche der unter uns wohnenden Familie tropfte es eben so oft von der Decke, wie das Abpumpwasser nicht den vorgeschriebenen Weg in die Wanne nahm. In den 30 Jahren, die wir in diesem Haus wohnten, passierte das „Wasserunglück“ mindesten sechs Mal. Auf die lange Zeit gerechnet ist das im Durchschnitt nur alle 5 Jahre, aber trotzdem war der durch uns geschädigten Familie sehr hoch anzurechnen, dass es zu keinem Zerwürfnis kam. In einem Falle hatten sie wenige Tage vorher die Decke frisch gestrichen und mussten dann erneut mit dem Pinsel ran.

Ich erzähle die Episode auch deshalb, weil damit zwei für DDR – Verhältnisse typische Gegebenheiten sichtbar werden: Die Versicherung hat anstandslos die Schäden bezahlt und es gab weniger erbitterte Streitigkeiten zwischen Mitmietern oder Nachbarn als heute.

Eine lustige Episode, nach der aus der Badewanne überlaufendes Wasser rechtzeitig gestoppt werden konnte, wird heute nach über 30 Jahren noch schmunzelnd in unserer Familie erzählt: Unsere jung verheiratete Tochter und ihr Mann hatten nach dem Studium 1979 beide in Erfurt Arbeit aber keine Wohnung bekommen. Sie wohnten vorübergehend in einem kleinen Zimmer, das sich außerhalb des Korridors unserer Wohnung befand. Unser Bad nutzten sie mit. Der Schwiegersohn war allein zu Hause und wollte baden. Er ließ Wasser in die Wanne laufen, ging nochmals in sein Zimmer und sperrte sich dabei aus. Geöffnet war nur unser Küchenfenster in der ersten Etage. Er holte in der Nachbarschaft eine 6 m hohe Leiter, mit der er das Fenster erreichte. Als er hinauf kletterte kam der Mann von der Familie, die unter uns wohnte. Er wusste noch nicht, dass dieser junge Mann zu uns gehörte. Es begann folgender Dialog:

Schwiegersohn: „Könnten Sie bitte die Leiter halten, ich habe mich ausgesperrt.“

Der Mitmieter: „Hören sie mal, woher weiß ich, dass Sie nicht einbrechen wollen.“

Schwiegersohn: „Wenn Sie mich hindern einzusteigen, dann wird bei Ihnen in Kürze ein Sturzbach durch die Zimmerdecke kommen, denn im Bad sind die Wasserhähne voll aufgedreht und ich habe mich ausgesperrt.“

Der Mann: „Na, da will ich Ihnen doch mal glauben, dass dies keine Ausrede ist. Aber wenn Sie oben sind nehme ich die Leiter weg und wenn es nicht stimmt, dann rufe ich sofort die Polizei.“

Im letzten Moment konnte unser Schwiegersohn das Unglück einer überlaufenden Badewanne verhindern.

 

Vater das Erziehungsvorbild

 

 

Großeltern übermitteln in der Kindererziehung die Regeln aus ihrer Kindheit. Ich erlebte dies in den Fragen zur Stellung des Mannes in der Familie.

 

 

 

Als ich 1938 sieben Jahre alt war, war meine Oma 70 Jahre alt, in jener Zeit nichts Außergewöhnliches. Aus jüngster Vergangenheit kenne ich jedoch allerhand 40jährige Omas. Die Statistik weiß es genau, aber nach meinem Empfinden wird es in wenigen Jahren wieder mehr ältere Großmütter geben, weil gegenwärtig oft die erstgebärenden Mütter bereits das 30. Lebensjahr überschritten haben. Wenn dieser Trend anhält liegt dann das „Durchschnitts – Oma - Eintrittsalter“ wieder über 60 Jahre; dann können mehr Großeltern als Rentner in die Kinderbetreuung einbezogen werden.

Großeltern lassen jedoch in der Kindererziehung häufig Regeln aus ihrer Jugendzeit einfließen. Ich erlebte dies in Hinblick auf die Stellung des Mannes in Haus, Familie und Gesellschaft. Deshalb will ich hierzu, ohne Bewertung, Erlebnisse darstellen.

Meine Eltern führten mit den Eltern meiner Mutter einen gemeinsamen Haushalt. Das Zusammenleben funktionierte nach meinem Empfinden sehr gut; ich spürte keine Generationsprobleme, weil sich vielleicht auch fast alles nach den Willen der „Alten“ richtete. Respekt vor dem Alter wurde von uns Kindern bedingungslos verlangt. In der Arbeitsteilung war es damals meine Großmutter, die mich in der Hauptsache beaufsichtigte und erzog. Opa und Vater mussten als „Erziehungsvorbilder“ herhalten, obwohl mir selbst als Kind auffiel, dass Mutter und Großmutter manchmal Mühe hatten, deren Verhalten und Manieren immer als untadelig auszuweisen. Wenn z. B. mein Großvater in unserem Bauernhof in schmutzigen Stiefeln in die Küche kam, in der sogar der Fußboden gerade frisch gewischt war, oder sich in seiner Arbeitskleidung an den Esstisch setzte, höre ich noch sagen: „Erwachsene Männer dürfen das, aber Kinder nicht.“ Ich merkte aber, dass so manches was sich das „starke Geschlecht“ herausnahm auch die Frauen im Haus störte.

Wenn damals ein Ehemann einen Kinderwagen geschoben hätte, machte er sich lächerlich. Mein Großvater lehnte Spaziergänge ab, ausnahmsweise gestattete er, dass die „Kinderkutsche“ zum Feld oder zur Wiese mitgenommen werden durfte, weil die Kleinen darin liegend bei der Arbeit nicht störten.

Mehrmals hörte ich von meinem Großvater den Spruch: „Der Mann braucht ein stets heiteres Weib und die Frau einen schützenden Mann. Erst im Gymnasium erfuhr ich, dass diese Aussage ein abgewandeltes Zitat von Goethe ist. Tatsächlich mussten meine Oma und Mutter während meiner Kindheit bei jeder Arbeit immer ein fröhliches Gesicht machen. Selbst bei der so genannten großen Wäsche, bei der es galt Wasser zu schleppen, schwere Holzwannen zu heben, mit Hand die Wäschestücke auszuwringen u. a. mehr, sollten sie immer lächeln.

Auch bei der Feldarbeit zeigte sich bei einigen Tätigkeiten die Vorrangstellung der Männer; dazu nur ein Beispiel: Bei der Getreideernte saß der Mann auf der Mähmaschine und kutschierte die Pferde und die Frauen mussten sich abplagen, das Getreide zu raffen und die großen Garben zu binden.

 

 

Rückblicke auf die 30er Jahre

 

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren umgab mich in unserer Familie eine friedliche Geborgenheit; die „feindliche Politik“ erreichte aber auch mich.

 

Retrospektiv wird mir bewusst, dass mich während meiner Kindheit in den 1930er Jahren trotz der herrschenden Diktatur des Nationalsozialismus in unserer Familie eine friedliche Geborgenheit umgab. Wahrscheinlich versuchten meine Eltern und Großeltern, die wir in einer „Generationsgemeinschaft“ zusammenlebten, die „feindliche Außenwelt“ von unserm häuslichen Leben fern zu halten; was ihnen aber trotzdem nicht vollständig gelang.

 

Für das mögliche Abschotten trug allerdings bei, dass in jener Zeit die Medien die politischen Meldungen weniger intensiv in die Familien tragen konnten. Der Rundfunk befand sich in den Anfängen und bei uns wurde z. B. nur die örtliche Tageszeitung gelesen. Ich konnte noch nicht lesen und in dieser Zeitung gab es keine Bilder, über die ich eventuell hätte etwas Politisches erfahren können. Dass eine nationalsozialistische Hetzzeitung, „Der Stürmer“, existierte, erfuhr ich erst Ende der 30er Jahre in der Schule. Ich weiß, dass mich damals selbst als Kind die Karikaturen in dieser Zeitung über Juden und Untermenschen abstießen.

Ich kannte in unserer Kleinstadt keine Juden, weil sie hier bis 1941, als sie dann den „Judenstern“ offiziell tragen mussten, für mich keine erkennbar anderen Menschen waren. Ebenso waren für mich die Plakate mit Fratzenbildern von Juden, die man besonders ab Anfang 1938 an den offiziellen Aushängen vorm Rathaus, anderen öffentlichen Gebäuden und Litfaßsäulen sah, abstoßend; aber ich erinnere mich, dass wir Kinder all dieses kaum wahrnahmen. Wir bestaunten z. B. in der größeren Stadt Gera diese praktischen Säulen, die es in unserem kleinen Ort nicht gab und an die so viele Bekanntmachungen geklebt werden konnten. Die Reklamebilder, die man hier sah, zeigten manchmal „hoch - geschürzte Frauenbeine“ – diese Freizügigkeit brachte uns sogar etwas in Verlegenheit. Außerdem machte es uns Spaß, um diese Einrichtungen herum Fangen und Verstecken zu spielen.

 

Mit persönlichen Empfindungen einher gingen aber Ereignisse der „Kristallnacht“ 1938, die in die Zeit meines ersten Schuljahres fielen. Ich erinnere mich, dass in meinem Elternhaus damals darüber gesprochen wurde und bruchstückweise bei mir folgendes haften blieb: In Gera gab es das in meinen Kinderaugen riesengroße Kaufhaus Dietz. Besonders Weihnachten 1937 hatte ich dort eine schöne Märchenwelt ausgestellt gesehen. Nun hörte ich, dass in diesem Haus am 9.November 1938 die Schaufenster eingeschlagen und vieles zerstört worden sei, weil die Besitzer Juden waren. Ich verstand das Warum nicht und war enttäuscht, dass die SA meine phantasievolle Märchenwelt zerstört hatte.

Ich fragte meinen Vater: „Warum sind Juden schlechte Menschen, die man bekämpfen muss?“ Was er mir antwortete behielt ich sinngemäß im Gedächtnis: „Juden sind gute Geschäftsleute und unter ihnen gibt es sehr viele intelligente Menschen. Das ruft Neid bei all denjenigen hervor, die nicht so viele Fähigkeiten besitzen. Aber du solltest über diese Themen außerhalb unseres Hauses möglichst gar nicht reden.“

Mit heutiger Erkenntnis weiß ich, dass dies eine seiner sehr vorsichtigen Kritiken an den Nationalsozialisten war. Als Schulkind ließ ich mich damals aber von unserem Lehrer, einem überzeugten Anhänger des Nationalsozialismus, stark beeinflussen. Dabei erkannte ich später als Erwachsener, der selbst Kinder in der DDR zu erziehen hatte, welche Gratwanderung ich als Kind meinen Eltern und Großeltern manchmal abverlangte; sie lehnten, das erfuhr ich erst nach dem Krieg, das NS-Regime ab.

Sie konnten also nicht verhindern, dass ich damals begeistert war von Uniformen, Gewehren, Zinnsoldaten und allem Spielzeug für das „Kriegsspiel“. Es war mir eine Freude, wenn ich beim Spielen die meisten Zinnsoldaten umwerfen und damit außer Gefecht setzen, oder eine Burg erobern konnte – ich hatte eine solche als Modell aus Holz. Ich suchte mir gern Spielkameraden, denen ich überlegen war. Dies alles gehörte zum Geist dieser Zeit. Die Eigenschaft, immer der Überlegene sein zu wollen, ist dem Menschen angeboren und findet im Egoismus ihren Ausdruck. Der Philosoph Kant sah hierin bekanntlich u. a. eine der Ursachen für die Entstehung von Kriegen.

Und mein Vater und vor allem meine Großmutter sagten schon vor 1939 mit vorgehaltener Hand, trotz Hitlers Friedensbeteuerung steuert Deutschland auf einen grausamen Krieg zu. Ich glaubte aber meinem Lehrer, der sagte: „Deutschland muss die Schmach des Versailler Friedensvertrages tilgen und wenn notwendig mit Krieg.“

 

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren umgab mich in unserer Familie eine friedliche Geborgenheit; die „feindliche Politik“ erreichte aber auch mich.

 

Aggressive Zirkuslöwen

 

In einem Zirkus aus dem Käfig freigelassene Löwen verbreiteten Angst und Schrecken. Ein wertvolles Pferd wurde lebensgefährlich verletzt und starb.

 

Ein kleinerer Zirkus hatte in den 1960er Jahren in seinen Tierbestand 5 Löwen. Er gastierte einige Tage in Thüringen im Eichsfeld; dort spielte sich ein Drama ab, das ich von der Tierklinik aus miterlebte.

Ein entlassener Arbeiter wollte sich rächen und öffnete eines Nachts die Türen der Raubtierkäfige aus denen die Löwen ins Freie entkamen. Eines der Tiere lief in die Stadt und setzte sich vor einem Hauseingang in der Hauptstraße. Ein Mann, der morgens 5,00 Uhr aus diesem Haus kam, war schockiert und informierte die Polizei, die allerdings schon Alarm ausgelöst hatte. Mit großer Mühe von Feuerwehr, Polizei und Zirkusmitarbeitern wurde der Löwe in einem Transportkäfig eingefangen. Ein weiterer König der Tiere war in einen Wohnwagen eingedrungen, in dem eine Artistin unsanft aufgeweckt wurde. Nach langem Bemühen verließ er freiwillig den Wohnwagen und alle, besonders die Artistin, die unverletzt blieb, konnten befreit aufatmen.

Den größten Schaden richteten die 3 weitern Großkatzen an; sie begaben sich, wahrscheinlich dem Instinkt der Raubtiere folgend, in das Zelt, in dem die übrigen Tiere untergebracht waren.

Dort wurde als erstes ein sehr wertvolles Pferd, mit dem gerade eine aufwendige Dressur erfolgreich abgeschlossen worden war, das Angriffsziel eines Löwen. Es wehrte sich gegen das Reißen und Beißen des Wildtieres; durch Ausschlagen mit den Beinen brachte es mit den eisenbeschlagenen Hufen den Angreifer aber auch erhebliche Verletzungen bei. Das lebensgefährlich verletzte Pferd und zwei stark verwundete Büffel sollten damals schnellstens von unserer Tierklinik abgeholt werden. Der Zirkusdirektor forderte außerdem, auch den schwer geschädigten Löwen sofort zu unserer Bezirkstierklinik, die nur für Pferde, Rinder und Kleintiere eingerichtet war, zu bringen.

Dieses Ansinnen musste mangels geeigneter Transport- und Unterbringungsmöglichkeiten abgelehnt werden. Der Löwe kam nach Leipzig in den Zoo und wurde dort fachgerecht behandelt und geheilt.

Pferd und Büffel holten wir von der Tierklinik aus schnellstens ab. Bei Ankunft der Tiere war zufällig der Professor für Chirurgie der Leipziger Universitätstierklinik zu Gast. Er interessierte sich sehr für die Wunden, die durch Reißen und Beißen eines Löwen verursacht worden waren. Er hielt das Ganze mit einer Kamera auf Bildern fest und meinte: „Dieser Zufall ersetzt mir eine Afrikareise.“ Das Pferd konnte trotz einer sofortigen Operation nicht gerettet werden. Die beiden Büffel überlebten, blieben in der Klinik und der Zirkus zog weiter. Erst nach einem halben Jahr gelang es, dass die beiden Tiere wieder abgeholt wurden. Der Klinikaufenthalt für Großtiere kostete damals in der DDR 50 Pfennige pro Tier und Tag – für diesen Betrag konnte das Zirkusunternehmen die Tiere nicht unterhalten - es war deshalb gar nicht daran interessiert, sie schnell wieder zu bekommen.

 

 

Der dankbare Findling

 

Hunde als Weihnachtsgeschenk werden manchmal im Januar wieder ausgesetzt. Ein auf einem Autobahnparkplatz gefundener Hund wird Lebensretter für einen Mann.

 

Weihnachten werden Kindern auch oft Hunde geschenkt, die dann schon im kommenden Januar ins Tierheim gebracht oder noch schlimmer, ausgesetzt werden. So der bekannt gewordene Lebensweg eines Mischlingshundes, der ungefähr so groß wie ein „Airedale Terrier“ war. Es war im Januar und sehr kalt. In dunkler Nacht hatte ein unverantwortlicher Besitzer diesen wehrlosen sehr jungen Hund (nach Gebiss 6 Monate alt) auf einem Autobahnparkplatz offensichtlich zurück gelassen und an einer Bank festgebunden.

 

Der frierende Kleine wurde im Morgengrauen von dem Mann entdeckt, der für die Sauberkeit auf den Rastplätzen sorgte; Ermittlungen zur Herkunft blieben ergebnislos. Obwohl die Mitglieder der Tierschutzvereine darüber aufklären, dass sich Tiere als Geschenke nur in Fällen eignen, in denen sachgemäße dauerhafte Haltung garantiert ist, wird das immer zu wenig beachtet; einige Zoohändler sehen oft nur das Geschäft! Kurzum: Der Mischling fand in dem Mann einen mitleidigen Menschen, der ihn mit nach Hause nahm. Dem Hund blieb deshalb der Aufenthalt in einem Tierheim erspart.

 

Spontane Begeisterungen bekundeten das 8jährige Mädchen und der 10jährige Junge, aber bestürzt war die Ehefrau, die Beschwernisse der Hundehaltung in einer Stadtwohnung befürchtete. Sehr schnell revidierte sie ihre Meinung, das Tier war stubenrein, passte sich den Gepflogenheiten und dem Tagesablauf der Familie entsprechend an, hatte einen Platz im Korridor und machte durch seine Anhänglichkeit viel Freude. Die Kinder gingen regelmäßig mit dem Tier spazieren; es konnte aber auch für kurze Zeit allein in der Wohnung bleiben. Durch Geräusche und Geschehnisse, die nicht seinen unmittelbaren Aufenthalt betrafen, ließ es sich nicht stören. Beschwerden von Nachbarn über ungewöhnliches Bellen gab es deshalb ebenfalls nicht. Eine Einschränkung musste man allerdings immer auf sich nehmen: Im Urlaub oder bei Ausflügen fand man in der DDR ganz wenige Einkehrstätten, in denen das Tier mit hinein durfte. Ferienplätze, bei denen man zuließ einen Hund mitzubringen, waren eine große Ausnahme. Der Familienvater schloss sich der Meinung an: Die DDR ist ein „hundeunfreundliches Land“. Von Verwandten aus der BRD hatte er erfahren, dass dort den Vierbeinern in dieser Hinsicht mehr Rechte zugebilligt werden. Allerdings erzählten die wieder von Beispielen, dass Vermieter kinderreichen Familien eine Wohnung nicht geben wollten, jedoch den Einzug von Hundehaltern eher tolerierten.

 

Vor 2 Jahren war der Hund aufgenommen worden, der Familienvater nahm ihn jetzt hin und wieder mit zu seinen Arbeitsstellen an den Autobahnparkplätzen. Er war des Lobes voll, wie sich das Tier dabei folgsam verhielt; es lief nicht auf die Straße, blieb nach Aufforderung im Auto usw. Eines Morgens, es war noch dunkel stieg der Mann aus seinem Fahrzeug aus, ein Raser kam angebraust, fuhr ihn an, verletzte ihn schwer und beging Fahrerflucht. Der Mischling setzte sich neben seinen am Boden liegenden Herrn und bellte immerfort, entfernt anhaltende LKW-Fahrer wurden aufmerksam, fanden und versorgten den Verletzten. Die Sanitäter des herbeigerufenen Krankenwagens hatten wiederum Mitleid mit dem Hund und nahmen ihn mit in die Klinik, wo er dann der benachrichtigten Ehefrau übergeben wurde. Der Rettungsarzt sagte: „Hätte der Hund durch sein Bellen nicht auf den Verletzten aufmerksam gemacht, wäre der verblutet. Die schnell herbeigerufene Hilfe rettete sein Leben.“

 

In der Familie verstärkte sich und wuchs auch damit die Zuneigung zu dem Tier, das mit seinem gesamten weiteren Verhalten dafür sorgte, ein trauriges Ereignis besser zu verkraften. Der Familienvater blieb nach dem Unfall Schwerbeschädigter und an den Rollstuhl gefesselt. Der Hund wich fast nicht von der Seite seines Herrn und lernte ohne besondere Aufforderung eine Reihe Tätigkeiten, mit denen er dem Kranken half und unterstützte. Er holte die Zeitung, wusste sogar die Fernbedienungen von Radio und Fernseher und andere Geräte so in sein Maul zu nehmen, dass er sie schadlos transportieren konnte. Auf der Straße wollte er stets unbedingt an den Rollstuhl gespannt werden, um das Fahren des Gefährts für den Mann zu erleichtern. Es gab Passanten, die sich empörten, der kleine Hund würde gequält. In Wirklichkeit ließ der sich von dieser und anderen Hilfen nicht abhalten und knurrte empört, wenn man ihn dieses nicht erlaubte. Der Familienvater betonte mehrmals: „Ohne meinen Mischling könnte ich meine Behinderung gar nicht verkraften. Stumm, aber durch Anhänglichkeit, bedanken sich Tiere sehr oft für entgegengebrachte Liebe und Zuwendung.

Was rechtfertigt Haustiere einzuschläfern?

 

Viele Menschen, die mit ihren Haustieren immer eng verbunden waren, standen wohl schon vor dem Problem: Lasse ich mein Haustier einschläfern, um ihm große Schmerzen oder Leid zu ersparen, wenn es u. a. unheilbar erkrankte? Manchmal können aber auch andere Gründe eine Rolle spielen. Als Tierarzt fiel es mir immer sehr schwer nicht zu heilen, sondern Leben auszulöschen. Ich rechtfertigte mein Tun mit der Begründung: Tiere denken nur an den Augenblick, sie haben keine Zukunftsorientierung wie wir Menschen. Was denkt ihr über diese Fragen?

Bist du mit deinem Berufsleben zufrieden?

 

Der Berufswunsch von Kindern wird häufig durch Vorbilder gesteuert, die in der jeweiligen Epoche Großartiges vollbringen. Die Heranwachsenden wollen die neuesten, modernsten Maschinen und Geräte steuern und bedienen. Früher Lokomotivführer, dann Flugzeugpilot heute Kosmonaut sind bekannte Traumberufe; aber auch die Bekanntschaft mit idealen Tätigkeiten im Alltagsleben steuern die Wünsche. Bei der Berufswahl müssen dann häufig Ideale fallen gelassen und auch ungewollte Richtungen eingeschlagen werden. Es sei statistisch bewiesen, dass diejenigen, die ihren von Kindheit an gewünschten Beruf wählen und ausüben konnten, am erfolgreichsten und zufriedensten wären - klare Ziele würden Strebsamkeit und Lernbereitschaft fördern. Auf alle Fälle kann man sich in unserer sich sehr schnell entwickelnden Wirtschaftswelt aber nicht mehr auf einen einzigen Beruf konzentrieren – Flexibilität ist gefragt! Wie zufrieden war und bin ich aber mit dem, was ich in meinem Beruf tat oder tun konnte? Diese Frage stellt sich wohl jeder auch schon nach wenigen Berufsjahren und nicht erst am Ende des Berufslebens. Als Kind wollte ich Bauer werden, um ständig mit Tieren umgehen zu können. Ich wurde Tierarzt und musste auch in diesem Beruf in langen Zeiten auf den Umgang mit Tieren verzichten, weil ich notgedrungen in Verwaltung und Lebensmittelhygiene tätig wurde.  

Schützt das deutsche Tierschutzgesetz die Tiere wirklich?

 

Während der NS-Zeit gab es viele menschfeindliche Gesetze, aber ein weltweit vorbildliches Tierschutzgesetz von dem im Tierschutzgesetz der BRD sogar einige Grundgedanken übernommen werden konnten. Im Grundgesetz der BRD steht im Vordergrund: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Einig Grundrechte garantieren den Menschen viele Freiheiten.

Es brauchte aber mehr als 40 Jahre bis die Tiere gesetzlich von einer Sache zu „Mitgeschöpfen“ erhoben und der Tierschutz Staatsziel wurden. Noch heute gibt es aber viele gerichtliche Entscheidungen, nach denen Tiertötungen angeordnet werden – z. B. Kampfhunde – und die hierfür schuldigen Menschen straffrei bleiben. Wird immer das Notwendige getan, um Tierleben zu retten oder bei Schlachttieren für schmerzfreies Töten zu sorgen? Wie werden Wildtiere im Zoo oder Zirkus behandelt? Sind die Gesetze für den Schutz der Versuchstiere ausreichend? Darf man Menschen, die sich für den Schutz der Tiere einsetzen, straffrei angreifen oder beleidigen?