Unveröffentlichte Manuskripte

1.  So wollte ich sein und werden Erzählungen über eine Kindheit in Thüringen in den 1930/40er Jahren

2.  Episoden über die Haltung der Nutztiere und den Landwirtschaftsbau in der DDR - Erinnerungen 50 Jahre nach dem sozialistischem Frühling -

3. Zeitzeugenbericht zu ausgewählten Erlebnissen bei der Entwicklung der  Land-  und Nahrungsgüterwirtschaft in den vergangenen 65 Jahren

4. Reisen, Urlaub und Ferien im vorigen Jahrhundert

5.  Schulerlebnisse in den Jahren 1938 -1950          (ohne Bilder)                     Kurzgeschichten

 

Ernst Woll

 So wollte ich sein und werden

 

Erzählungen über eine Kindheit in Thüringen in den 1930/40er Jahren

 

 -ohne Bilder-

 Inhalt

Vorschulzeit                                                                  

Ab 1938 bis zum Ende des Krieges                                  

Volksschule                                                                            

Deutsches Jungvolk                                                      

Epilog                                                                           

 

Vorschulzeit

 

 

 
   

Das Kind , über das ich schreibe, war ich, um Wiederholungen zu vermeiden, nenne es ich es auch Knirps, Junge,  Bube, Knabe, Bengel. Das Erlebte geschah hauptsächlich in der Ostthüringer Kleinstadt Ho

henleuben, ab Mitte der 1930er bis Mitte der 1940er Jahre.

 

   
 
   

 

 

Gegen die Bubikopffrisur habe ich mich immer gesträubt, als 4jähriger wurde ich sie los, ich durfte mir einen Jungenhaarschnitt mit Scheitel schneiden lassen.

 

Der Knabe  ist noch nicht einmal 4 Jahre alt und schon traktiert er uns mit der Frage „warum“, meinten meine Eltern und Großeltern. Ich mochte auch in den folgenden Jahren einfach nicht begreifen, dass die Erwachsenen dauernd sagten: „Das verstehst du noch nicht, dafür bist du noch zu klein.“ Groß und älter  wollte ich immer sein und als ich mein Alter angeben konnte, dichtete ich gern ein oder zwei Jahre hinzu. Das bereitete mir oft Probleme; ich war 5Jahre und sagte z.B.: „Ich bin schon 7 Jahre alt“ und die Bekannten, die mich gefragt hatten, stellten fest: „Ach da gehst du ja schon zur Schule.“ Jetzt hatte ich die Wahl zu lügen oder offen zu bekennen, dass ich dieses gern wollte, aber doch noch zu jung sei. In der Regel siegte mein Ehrlichkeitsgefühl, denn meine Großmutter hatte mir durch viele Beispiele bewiesen: “Lügen haben kurze Beine und es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen.“ Trotzdem fragte ich oft: „Warum dürfen Erwachsene manchmal die Unwahrheit sagen, aber ich soll immer ehrlich sein?“

Ich fragte immer wieder: Was sind Notlügen? Warum sind sie Erwachsenen und mir nicht erlaubt? Sage ich auch die Unwahrheit, wenn ich ein Geheimnis nicht preisgebe?  Ist es Diebstahl, wenn ich mir in Nachbarsgarten den Magen mit Obst verderbe? Warum können Unverfrorene sich durch Lügen vor Strafen schützen, während Ehrlichkeit Nachteile bringt? Warum merkten  Eltern und Großeltern meistens sehr schnell, wenn ich versucht hatte zu lügen? Auf alle diese und ähnliche Fragen habe ich bis heute selbst von Philosophen, Psychologen und Pädagogen keine definitive Antwort gefunden; meine Großmutter sagte: „Die Studierten können hierzu  meistens nur viele kluge Reden führen“; sie drückte dies auch so aus: „Sie reden viel und sagen nichts.“

Ein bekannter Aphorismus, den ich ebenfalls oft von meiner Oma hörte, war: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er gleich die Wahrheit spricht“. Mahnend  sage ich jetzt als 75jähriger meinen Nachkommen und älteren Menschen: „Als Kind, aber vor allem im Alter, wenn das Kurzzeitgedächtnis nachlässt, sollte man grundsätzlich nicht lügen. Die Unwahrheit wird dann schnell aufgedeckt, weil man leicht vergisst, wem, was, wie und wo  man etwas erzählt hat, das nicht  der Wahrheit entsprach.“

Mit meinen Fabeleien hatte ich während meiner Kindheit überdies weitere Probleme. Ich war  Einzelkind und besuchte sehr häufig meine 3 Jahre ältere Cousine, die für mich sozusagen Geschwisterersatz war. Sie wohnte mit ihren Eltern an einem Eisenbahnhaltepunkt. Dort war es sehr einsam, es gab nur 2 Häuser. Dahin führte von meinem Heimatort aus ein ungefähr 3 km langer Weg durch einen recht gruseligen Wald. Ich wollte immer groß, stark und tapfer sein. Bisweilen ging ich abends, wenn es schon dunkelte, noch nach hause. Sehr plastisch erzählte ich dann über Begegnungen mit Wildschweinen, die ich mit einem Stock tapfer abwehrte, oder Landstreichern, vor denen ich mich durch schnelle Flucht in Sicherheit bringen konnte. Meine Großeltern hörten mir geduldig zu und sagten: „Du hast eine  reiche Phantasie“; darüber ärgerte ich mich, ich dachte sie meinten damit, dass ich lügen würde. Wenn ich allerdings vor meinen gleichaltrigen Spielkameraden mit meinen Heldentaten prahlte, wurde ich ob dieser Aufschneidereien bisweilen ausgelacht, sie glaubten mir einfach nicht. In Wirklichkeit fürchtete ich mich jedoch auch; abends ging ich z.B. nicht gern allein durch dunkle Gassen. Wir Kinder sollten im übrigen auch davon abgehalten werden nachts, wenn es dunkel war, noch außer Haus zu gehen. Die Erwachsenen erzählten, dass dann der „Nachtbock“ kommt und vor allem kleine Kinder mitnimmt. Von diesem gespenstischen Wesen, das nie jemand gesehen hatte oder beschreiben konnte, fürchtete ich mich. Ich stellte es mir als einen großen Ziegenbock mit gewaltigen Hörnern vor, der auf seinem Rücken einen Sack trägt, in dem schreiende Kinder fortgeschafft werden. Wohin erfuhren wir nie; angeblich sollte es die Hölle sein, von der ich ohnehin sehr schreckliche Vorstellungen hatte. Bilder von einem ständig lodernden Feuer, in dem sich große und kleine Teufel und winselnde Geschöpfe bewegen malte ich mir aus, wenn hiervon erzählt wurde. Da nur schlechte Menschen dorthin kommen fragte ich doch sehr häufig, ob ich auch brav genug gewesen sei, um in den Himmel zu kommen. War ich unartig, dann genügte oft eine Erinnerung an das Höllenreich und ich gelobte Besserung.  Vom Himmelreich erzählten meine Großeltern nur Schönes; in diesem Paradies wollte auch ich gern später einmal leben. Was war aber das „Später“, der Tod? Und der war mir allerdings unheimlich.

Vor allem machte ich stets einen großen Bogen um bestimmte Orte von denen erzählt wurde, dass es dort spukt. So sollten über einem  Teich in der Nähe unseres Ortes in mondlosen nebeligen Nächten um Mitternacht die Menschen zu sehen sein, die sich in den letzten Jahren das Leben genommen hatten. Darüber hinaus sollte dort eine weiße Fee über dem Wasser schweben. An diese Stelle wagte ich mich nicht. Außerdem wurde erzählt, dass über den Waldteich bei Reichenfels manchmal der Ritter zu sehen ist, der wegen Liebeskummer von der Burg herab in den Tod gesprungen sei. Wenn ich allein auf dem Weg zum Bahnhof war, mied ich es selbst am Tage nahe an diesen Teich heranzukommen; waren andere Kinder oder Erwachsene dabei, schämte ich mich Furcht zu zeigen. 

Ich weigerte mich sogar am helllichten Tag über den Friedhof zu gehen. Wenn mich meine Oma zur Grabpflege mitnehmen wollte, hatte ich immer eine Ausrede parat, gab jedoch nicht zu, dass dieser Ort mir furchterregend war. Meine Angst gab ich aber nie zu. Eine Teilschuld an meinem Verhalten hatte mein Großvater, der mir einige schauerliche Geschichten besonders über Tote erzählte. Er glaubte zwar, mir damit die  Furcht zu nehmen, erreichte aber teilweise gerade das Gegenteil: So wollte er in stockdunkler regnerischer Nacht erlebt haben, dass im Friedhofsgebäude, wo die Särge vor der Beerdigung standen, Kerzenlicht brannte. Mein Opa und seine Begleiter, die dort vorbei kamen, vernahmen den ständig sich wiederholenden Spruch: „Das ist mein, das ist dein, das ist jenen.“ Sie mutmaßten, dass dort drin Verstorbene ihre Knochen sortierten. Der Grund zu dieser Annahme war aktuell.  Bei Schachtarbeiten für den Heizungseinbau in unsere Kirche waren Gräber aus vergangenen Zeiten entdeckt worden und die gefundenen Knochen konnten nicht mehr vollständig den Skeletten einzelner Menschen zugeordnet werden. Auch ich und meine Spielgefährten hatten die gefundenen Gebeine ohne besondere Scheu betrachtet. Abends allein vor dem Einschlafen machte ich mir aber manchmal Gedanken darüber, was das wohl für Menschen gewesen sind, von denen nun die Knochen so herumlagen; damit war mir das Ganze doch recht gespenstisch. Mein Großvater und seine Freunde nahmen allen Mut zusammen und schauten durch die Fenster in den Raum des Leichenhauses, aus dem sie die Stimmen gehört hatten. Dort sahen sie im Kreis 3 Landstreicher auf dem Fußboden sitzen, die ihre erbettelten Pfennige aufteilten. Mein Opa äußerte dazu: „Du siehst, alles hat eine natürliche Ursache.“ Trotzdem blieb mir das ganze fragwürdig, zumal er mit weiteren Geschichten nachlegte: Der hochangesehne Bürgermeister unserer Kleinstadt war gestorben und in einem Raum in der Kirche aufgebahrt. Die Oberen der Stadt mussten abwechselnd Totenwache halten. Um Mitternacht war der Feuerwehrhauptmann an der Reihe. Er wusste sich allein und glaubte, dass ihn um diese Zeit wohl auch niemand stören würde. Auf einem Stuhl machte er es sich bequem und verspeiste genüsslich sein mitgebrachtes Abendbrot. Da ertönte eine gehauchte Stimme, die aus dem Sarg zu kommen schien: „Wenn man Totenwache hält, isst man nicht!“ Na gut, er packt sein Brot wieder ein. Aber den Durst, den muss er stillen, und er führt die mitgebrachte Bierflasche zum Mund. Da  ertönt die Stimme mahnender: „Wenn man Totenwache hält, trinkt man nicht!“ Der Feuerwehrobere war ein mutigen Mann und er antwortet im barschen Ton: „Wenn man tot ist, dann hält man den Mund!“ Es stellt sich heraus, dass sich ein Bekannter im Raum versteckt und mit verstellter Stimme gesprochen hatte. Nach dieser und vor allem einer weiteren Erzählung meines Opas nahm ich mir vor, immer auf alles mutig zu zugehen. Er berichtete, dass auch er einmal sehr viel Angst ausgestanden hatte. Als junger Bursche war er auf Wanderschaft. Er hatte sich gegen Abend verspätetet und nahm deshalb einen kürzeren Weg, der an einem abgelegenen Friedhof vorbeiführte. Es war inzwischen dunkel geworden, das Mondlicht drang hin und wieder durch den wolkenverhangenen Himmel; es wehte außerdem ein leichter Wind.  In der Nähe des Gottesackers sah er plötzlich einen weißen Fleck auf der Erde, der immer vor ihm herwanderte. Er dachte die Umrisse eines Gespenstes zu erkennen. Es half alles nichts, er musste der Erscheinung hinterhergehen, denn er wollte noch die Herberge im nächsten Ort vor deren Schließung erreichen. Kurz entschlossen nahm er allen Mut zusammen und rannte auf die Spukgestalt zu. Da stellte sich heraus, dass ein Stück weißes Papier, vom  Mond beschienen und vom Wind aufgewirbelt, vor ihm hertanzte.

Gruselig waren für mich die Geschichten, die ich über Scheintote hörte. Es wurde von Menschen erzählt, dabei nannte mein Opa sogar einen Mann, den ich kannte, die beerdigt werden sollten, obwohl sie noch gar nicht gestorben waren. Eine durchgehende ärztliche Leichenschau gab es damals noch nicht. Wenn die Angehörigen  glaubten ein Kranker atmet nicht mehr, dann musste er tot sein. Sehr drastisch wurde von Beerdigungsfeiern berichtet, während denen plötzlich Klopfzeichen aus dem Sarg zu vernehmen waren. Der Deckel wurde geöffnet und der Gestorbene war wieder aufgewacht. Ich war mir als Knirps nicht immer ganz sicher, ob dabei vielleicht doch höhere Mächte im Spiel sind.

Ein Indiz dafür, dass es kaum einen Grund zum Fürchten gibt, vernahm ich durch Geschichten, die meine Großmutter erzählte. Weil ich Gespenstern immer nur schlechtes zutraute, wollte sie mir beweisen, dass es sogar mehr gute als gefährliche  Geister gibt. Viel wusste sie dabei von Begebenheiten während der „Unternächte“ zu berichten. Das sind die 12 Nächte zwischen dem 1. Weihnachtsfeiertag und dem 6. Januar, dem Dreikönigstag. Ich glaubte fest daran, dass meine Träume als Voraussage für die einzelnen Monate des kommenden Jahres in Erfüllung gehen. Dabei mogelte ich manchmal sogar etwas,  in dem ich versuchte schlimme Träume zu verdrängen. Insgesamt war es jedoch für mich problematisch zu merken, was und vor allem später, in welcher Nacht ich die einzelnen Sachen geträumt hatte. Eine Kontrolle hierüber, ob das geträumte Geschehen im bestimmten Monat auch eintraf, konnte ich deshalb nur schwerlich ausüben.

Beeindruckend war für mich, dass nach Darlegungen meiner Oma Tante Lise und Onkel Otto durch folgende Begebenheit ein glückliches Ehepaar geworden sind: In den Bauernstuben gab es damals große gusseiserne Öfen, die oft durch die Wand bis ins benachbarte Zimmer reichten. In den Unternächten horchten besonders gern die jungen Mädchen um Mitternacht in den Ofen. Sie wollten durch gute Geister etwas über ihre Zukunft hören. Otto, der Großknecht, wusste, dass Lise, die junge Magd, auf die er ein Auge geworfen hatte,  dies zu einer bestimmten Zeit auch tat. Er versteckte sich im Nachbarzimmer und als er merkte, dass sie lauscht, spricht er mit leiser verstellter Stimme: „Ach Gott, nimm Ott, er ist ein rechter Knecht, wenn du ihn nimmst, dann tust du recht.“ Lise war hoch erfreut und nahm Otto zum Mann. Ob er sie in ihren vielen Ehejahren jemals über seinen Trick aufklärte, ist nicht überliefert.

Mein Großvater war damals schon über 70 Jahre alt. Er las viel in der Bibel. Um keinen Strom für das Licht zu verbrauchen setzte er sich gegen Abend, wenn es schon dämmerte, zum Lesen ans Fenster. Mir erzählte er hin und wieder einiges  über die Menschen in den biblischen Geschichten; vor allem, dass diese immer sehr bescheiden und genügsam waren. Das lebte er uns in der Tat auch vor. Ganz so sparsam wie mein Opa wollte ich allerdings nicht werden. Er aß wenig Wurst und Butter; die mir aber besonders gut schmeckten. Wenn ich auf das Frühstücksbrötchen viel aufstrich höre ich ihn noch sagen: „In die Brötchen ist die Butter schon reingebacken, da braucht man nicht noch extra aufschmieren.“ Er trank nur Ziegenmilch, die mir gar nicht schmeckte; Alkohol und Rauchen waren für ihn tabu. Einschränkend muss ich aber sagen: „Wenn er Magenbeschwerden hatte,  trank er ein kleines Glas ´Kräuteraufguss´, der geringe Mengen Alkohol enthielt; im übrigen bevorzugte er jedoch in solchen Fällen einen starken ´Wermuttee´. Er sagte: „Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen.“ Ich erlebte nie, dass mein Großvater über Krankheiten klagte oder einen Arzt konsultierte. So stark wie er, der nicht jammerte, wenn er sich z. B. einmal Verletzungen oder Wunden zugezogen hatte, wollte ich auch gern werden; nur das gelang mir nicht durchgehend. Ich hatte als Junge immer eine in meinen Augen treffende Bezeichnung für Krankheiten und Schmerzen parat: „Giftentzündung“. Das leitete ich ab von der Erkenntnis, dass Gift und Entzündung immer etwas schlimmes sind. Außerdem steckte ich gleich den Finger in den Mund, wenn ich diesen aus Versehen mit dem Hammer, der Zange oder sonst wie verletzt hatte. Das lenkte ab, ich konnte damit heilsamer das Klagen unterdrücken.

Es zaubert heute  ein Lächeln auf mein Gesicht, wenn ich daran denke, dass ich mir als ca. 5jähriger sehnlichst wünschte, mir möge schnell ein Bart wachsen; ich wollte ein erwachsener Mann sein. Ich setzte mich häufig neben meinen Vater, wenn er sich mit dem scharfen Messer die Bartstoppeln entfernte. Es war ein Höhepunkt, wenn ich mir dabei mit dem richtigen Rasierpinsel, wie ein Großer, auch den Seifenschaum auf Wangen und Kinn schmieren durfte. Mit einem kleinen Holzmesser hantierte ich dann wie ein Alter bei der Rasur ohne Bart. Ich konnte es kaum erwarten, mich endlich auch richtig rasieren zu müssen. Als  dann die entsprechende Zeit heranreifte, war die kindliche Begeisterung verflogen; ich rasiere mich bis heute täglich, aber noch immer sehr ungern.

 

Mein Opa lehnte  es ab, mit der Eisenbahn zu fahren; selbst zu Besorgungen in die 15 km entfernten Kreisstadt ging er zu Fuß. Gerade die Fahrten mit dem Zug gefielen mir besonders gut und ich hielt mich hier mehr an meine Großmutter, die mich sehr oft zu ihren erwachsenen außerhalb wohnenden Kindern mitnahm. Sie war aber immer schon eine halbe Stunde vor der Abfahrt des Zuges am Bahnhof und das wiederum gefiel mir nicht; im späteren Leben wurde ich allerdings auch ein „Pünktlichkeitsapostel“.

 

 

 
   


Die hohen Stufen der Waggons zu erklimmen, war für ältere Leute sehr beschwerlich. Ich war deshalb immer stolz, meiner Oma beim Einsteigen helfen zu können. Als ich das Lesen lernte entzifferte ich die Hinweise an den Türen: „Nicht öffnen, bevor der Zug hält.“

 

 

 

Am Hauptbahnhof in der größeren Stadt Gera, dort mussten wir oft umsteigen, bewunderte ich die Lokomotiven, die auf den Hauptstrecken fuhren.

 

 

 
   

 

 

Mein Opa kritisierte, dass mein Vater immer allerhand Geld für seinen Motorradsport ausgab; er war allem Neuen gegenüber sehr ablehnend. Er ließ sich z.B. auch nicht fotografieren. Ich hatte als 6jähriger einen Fotoapparat, eine sogenannte Box, die nur 5 Mark kostete, bekommen. Es gelang mir trotz allerhand Tricks nicht, auch nur ein einziges Bild von ihm zu knipsen. Die Lebensanschauung meines Vaters gefiel mir auf diesen Gebieten besser. Er war nicht verschwenderisch, aber allem Fortschritt gegenüber sehr aufgeschlossen. Wir besaßen z.B. schon Mitte der 1930er Jahre einen recht modernen Radioapparat; ich erhielt auch ein Kinderfahrrad. Bei allen meinen Freunden fand meine elektrische Spielzeugeisenbahn, die ich als Vorschulkind erhalten hatte und die jedes Jahr ergänzt wurde, große Bewunderung. Sie war mit viel Zubehör auf einer Platte montiert. Ich war sogar ein wenig überheblich, weil ich  immer nach jeweiliger Sympathie bestimmte, welche anderen Kinder mitspielen durften.

 

 

 

Die Qualität der Fotos von damals, die ich mit meiner „Box“ machte, ließen zu wünschen übrig.

 

Mein Großvater hatte eine besondere Eigenart, er ließ sich nichts schenken. Als Kind wollte ich  das nicht  begreifen; ich hoffte immer, dass ich Weihnachten zu den Geburtstagen oder vielleicht auch dazwischen Geschenke bekam. Er sagte aber jederzeit: „Geben ist seliger denn nehmen, wenn du indes etwas annimmst, gehst du auch Verpflichtungen ein.“ Uns stieß er damit sogar recht oft vor den Kopf, wie wir umgangssprachlich sagten. Später machte ich mir bis heute diese Besonderheit, wahrscheinlich unbewusst, zu eigen und spüre von meiner Umgebung gleiche Reaktionen wie damals mein Opa.

Meine Eltern führten mit meinen Großeltern einen gemeinsamen Haushalt; außer den Schlafzimmern nutzten wir in unserem Haus alle Räumlichkeiten gemeinschaftlich und speisten auch zusammen. Die verschiedenen Lebensauffassungen, die nicht nur generationsbedingt waren, sondern ebenso den unterschiedlichen Charakteren besonders meines Großvaters und Vaters entsprachen, führten aber zu keinen Konflikten. Bei Fehlern, die nie gänzlich zu verhindern sind, fielen mir keine ernsthaften Schuldzuweisungen zwischen den Erwachsenen unserer Familie auf. Meine Großmutter höre ich in solchen Fällen noch sagen: „Was sagt man zu geschehenen Dingen – das Beste!“  Zumindest habe ich kein einziges Mal erlebt, dass es in unseren Familien ernsthaften Streit gegeben hätte; wenn ja, dann kam ich als Kind damit nicht in Berührung. Unbewusst habe ich aus diesen Erlebnissen eine wertvolle Erkenntnis mit ins Leben übernommen: „Toleranz gehört mit zur wichtigsten Voraussetzung  im menschlichen Zusammenleben!“ Als Kind kannte ich dieses Wort nicht, begriff aber sehr früh dessen Inhalt. Nur in der Einhaltung war ich besonders als Junge, Jugendlicher und in meinen besten Mannesjahren nicht frei von Rückfällen in streitbare Situationen; ich ging dabei Debatten nicht aus dem Weg, verabscheute jedoch immer jegliche Gewalt. Erst jetzt, nachdem ich ein Dreivierteljahrhundert Lebensjahre vollendet habe, erkenne ich, welch wertvolle Menschen mich erzogen haben  und bin bei verbalen Auseinandersetzungen viel toleranter geworden.

Von Kindesbeinen an verspürte ich zur Natur, Landwirtschaft und besonders zu Tieren eine enge Verbundenheit, die ich als Jugendlicher richtig begreifen lernte und bis heute erlebe. Dieses Erfahren gestaltete sich nicht konfliktlos, denn ich verhielt mich notgedrungen manchmal anders als ich es wirklich wollte.

Die Namen unserer einheimischen Pflanzen und Tiere brauchte ich nicht angestrengt lernen; ich sah alles in natura. Die Erwachsenen sagten mir die Bezeichnungen  und ohne Schwierigkeit prägten sie sich mir ein. Ich hörte indessen nur die jeweils deutschen Begriffe; die lateinischen Namen musste ich jedoch später in der Oberschule und während des Studiums mit Mühe lernen. Da wünschte ich mir dann manchmal, schon als Kind einen Lehrer gehabt zu haben, der mir gleich die wissenschaftlichen Begriffe hätte beibringen können.

Großen Respekt hatte ich vor allem Lebenden, auch Pflanzen ordnete ich, vielleicht anfangs unbewusst, in die lebende Materie ein. Wahrscheinlich trug hierzu die Erziehung durch meinen Großvater bei. Es erschien mir nicht übertrieben, dass er mir z.B. erklärte: „Blumen, Gras- und Getreidehalme, Bäume und Sträucher, alle Gewächse leben, wenn du sie ohne Notwendigkeit abzupfst oder zerstörst, müssen sie sterben“; davor hatte ich regelrecht angst. Ich durfte nicht über Wiesen und Felder gehen oder dort spielen und dabei die Pflanzen niedertreten. Freilich verbot sich dies auch deshalb, weil sich niedergetrampeltes Gras nur schwer mähen ließ. Allerdings fragte ich: „Warum darf das Gras und Getreide abgemäht werden, dann stirbt es doch auch?“ Das war aber wieder eine solche Frage, auf die ich ausweichende Antworten mit dem Fazit erhielt. „Das verstehst du noch nicht“.

Vorbild war mir mein Opa darin, dass er während der Gras-, Heu- oder Getreideernte versuchte alles restlos zu gewinnen, er äußerte: „Es ist uns zugewachsen und deshalb als Gottesgabe zu achten“. Diese Lehren begleiteten mich durch mein Leben und es schmerzt mich noch heute, wenn ich sehe, wie auf Wiesen und Feldern oft sinnlos alles  niedergetreten wird. Meistens getraue ich mir nicht, die Kinder oder auch Erwachsene, die dies tun, zu ermahnen, weil ich dafür schon oft beschimpft worden bin.

Ich vermag es kaum mit Worten zu beschreiben wie mir die Haustiere ans Herz gewachsen waren. Ohne zu übertreiben kann ich sagen: „Ich betrachtete sie als meine Kameraden“.  Es scheint mir, dass Tierliebe genetisch bedingt ist. Allerdings trägt auch das Aufwachsen mit Tieren dazu bei, dass sich ein enges vertrautes Verhältnis zu ihnen herausbildet.

Morgens stand ich oft zu früher Stunde mit auf, um unsere Tiere zu versorgen. Das setzte sich fort, nachdem ich als 6jähriger  Hühner und  Stallkaninchen in meine persönliche Obhut und Pflege erhielt. Von jeher wusste ich, dass man an die eigenen Mahlzeiten, selbst an Fest- und Feiertagen, erst denken darf, wenn die Tiere ihr Futter haben. Das erfuhr ich bei uns und allen Bauern, die ich kannte; es fiel mir aber desgleichen z.B. Weihnachten, manchmal schwer auf die herbeigesehnte Bescherung warten zu müssen, bis die Haustiere alle gut versorgt waren.

In späteren Jahren wollte ich es immer nicht wahrhaben, wenn meine Mutter mir sagte: „Auch du wolltest als Kind oft deinen Willen durchsetzen; wir hatten Mühe dir klarzumachen, dass es auf allen Gebieten Grenzen gibt.“ Ich weiß, dass ich dann oft in den Ziegenstall ging und den Tieren mein Leid offenbarte. Mein Weinen hörte auf, ich hatte Zuhörer, die meinen Kummer verstanden.

Besonders mit den jungen Ziegen war ich immer sehr vertraut.

 

 
   

 

 

Meine Großeltern und Eltern lehnten grundsätzlich Prügelstrafe ab; damals wurden jedoch in vielen Familien  die Kinder oft und heftig geschlagen. Ich sollte durch andere Methoden gebändigt werden, so sagte ich selbst wenn ich unartig war und bestraft werden sollte: „Steckt mich doch in den Stall, besonders mit den Ziegen kann ich reden“.

In meinem Verhältnis zu unseren Mitgeschöpfen begannen von dieser Zeit an für mich Konflikte. Wenn es hieß: „Was für Fleisch wollen wir nächsten Sonntag essen?“ bekam ich Angst, dass eventuell eines meiner „Lieblingstiere“ zum Schlachten an der Reihe sein könnte. Ich begriff schon sehr früh, dass unsere Nutztiere für unsere Ernährung gehalten werden; wenn ich allerdings von den Hühnern und Kaninchen, die sich in meiner direkten Obhut befanden, eines hergeben sollte, dann wehrte ich mich wider alle Vernunft. Auf diesem Gebiet wurde ich besonders von meinem Großvater bereits als Knirps mit einer bestimmten Härte erzogen. Bis heute bin ich mir nicht sicher, welche Methoden in der Erziehung hierbei richtig sind. Auf dem Lande kannte man damals wahrscheinlich das Gesetz, welches verbot, dass Kinder bis zum 14. Lebensjahr bei Schlachtvorgängen nicht zusehen dürfen, gar nicht. Mir haben aber die Kindheitserlebnisse im oft recht unbemänteltem Umgang mit unseren Nutztieren im Hinblich auf meine Tierliebe nicht geschadet. Besonders „Stadtkinder“ werden bis heute häufig von solchen Dingen ferngehalten; sie besitzen  indes ein verklärtes  Verständnis für Schlachttiere. Ob es richtig ist die Realitäten gänzlich zu verdrängen, wage ich zu bezweifeln. So beschreibe ich unverhohlen meine Erlebnisse.

„Diese Woche gibt’s Nudelsuppe mit Hühnerfleisch“, sagte mein Großvater und ich wusste ab diesem Augenblick, dass ich zum Schlachten mit ran musste. Die Hühner wurden in eine Ecke auf engem Raum zusammengedrängt; eine ältere Henne aus dem Bestand ausgesucht und mit Geschick gefangen. Auf alle Fälle war ich noch sehr jung, ich weiß nicht mehr ob 6 oder 7 Jahre alt, als ich Hilfe beim Geflügelschlachten leistete. Mein Opa gab mir das am Grund der Flügel festzuhaltende sich stark wehrende Tier in die Hand;  den auf den Hackklotz gelegten langgezogenen Hals trennte er mit einem kräftigen Beilhieb durch. Ich hatte alle Mühe den Körper ohne Kopf, aus dessen Halsgefäßen Blut spritzte, festzuhalten. Kaum Gedanken machte ich mir jedoch darüber, dass die anderen Hühner den Vorgang sahen und sogar darauf warteten die Körner, auf die das Blut geträufelt wurde, aufzupicken.

Der Hahn gibt den Befehl zum Fressen.

 
   

 

 

Schwieriger war das Kaninchenschlachten, das  vor dem Blutentzug mit einer Betäubung begann. Die sich wehrenden Tiere wurden an den Hinterläufen so festgehalten, dass der Kopf nach unten hing.  Mit einem Stock – meist dem Stiel einer Axt – wurde dann gezielt und kräftig auf den Hinterkopf geschlagen. Kräftige Männer besorgten das auch mit der Hand. (Bild aus meiner Publikation über das Kaninchenschlachten von 1953)

 

 
   

 

Schon als vierzehnjähriger Junge schlachtete ich bei uns und in der Nachbarschaft Kaninchen. Die Männer, die dieses sonst ausführten, waren im Kriegsdienst oder in Gefangenschaft und bei vielen solchen Arbeiten mussten wir Halbwüchsigen einspringen. Außerdem beobachtete ich als Kind, dass von Ungeschickten die Kaninchen manchmal sehr laienhaft geschlachtet und vor allem durch falsches Betäuben  regelrecht zu Tode gequält wurden. Diese Erlebnisse veranlassten mich 1953, als Student der Veterinärmedizin, eine kleine bebilderte Broschüre über das sachgerechte Kaninchenschlachten zu schreiben. Die Chefköchin vom Hotel „Astoria“  in Leipzig ergänzte die Publikation mit einigen Kochrezepten für Kaninchenfleisch.

Das Schweineschlachten war bei uns und unseren Nachbarn immer ein kleines Fest. Angekündigt wurde es uns Kindern, indem es hieß: „Morgen beim Schlachten musst du den Schweineschwanz halten“.  Das haben wir aber dann beim bereits toten Tier getan, denn der ganze Vorgang bis das Schwein im Brühtrog lag, wurde unseren Kinderaugen doch möglichst fern gehalten. Trotzdem habe ich es manchmal heimlich beobachtet. Es besorgten in der Regel Fachleute, meistens angelernte Fleischer, die hierfür einen Berechtigungsschein erworben hatten. Sie gingen häufig sehr roh mit den Tieren um. Schon beim Herausführen aus dem Stall habe ich manche Zwischenfälle erlebt. An einem Hinterbein wurde ein Strick befestigt und das Geschöpf mit Stoßen und Treten aus dem Stall gezwungen. Es galt dabei immer das Hoftor geschlossen zu halten, ich erinnere mich, dass Tiere sich losrissen und dann bis auf die Straße ausbüxten. Die Nachbarschaft und auch wir Kinder wurden dann flugs mobilisiert, um das in Panik flüchtende  Tier wieder einzufangen. Obwohl es schon in den dreißiger Jahren Vorschriften für die Betäubung der Schlachttiere gab, wurden diese nicht immer eingehalten. Die Vorgänge glichen manchmal einem regelrechten Totschlagen, was mich bereits als Kind sehr schockierte, aber ich musste Unkenntnis heucheln, denn ich hatte nur heimlich zugesehen. Dabei waren wir Kinder dann nach dem Betäuben des Schweins  beim Stechen, dem Blutentzug. Wir mussten Blutrühren; damit wurde die Gerinnung verhindert und das Blut konnte für die Blutwurstherstellung eingesetzt werden. Chemische Zusätze, die es heute hierfür gibt, waren mir  damals nicht bekannt.

 

 

 

Auf dem Bild vom Hausschlachten  ist noch der Brühtrog zu sehen und die Schweinehälften hängen zur Auskühlung an der Wand auf Leitern neben der Haustür.

 

 
   

 

 

Bei den weiteren Schlachtvorgängen half ich immer recht gern mit; das gekochte Fleisch musste für die Wurstherstellung  in kleine Würfel geschnitten werden, dabei konnte mancher Leckerbissen in den Mund verschwinden. Die Mahnungen zur Vorsicht beim Umgang mit den scharfen Messern habe ich noch heute im Ohr, aber es passierte eigentlich selten etwas. Besonders zartbesaitete Menschen mögen beim Lesen die Sätze bis zum nächsten Abschnitt auslassen. Wenn wir uns wirklich einmal in den Finger geschnitten haben, dann lief das Blut mit in die Wurstmasse, die deshalb nicht weggeworfen wurde. Ich fragte jedoch als Schulkind: „Ist das schon Kannibalismus?“ Diesen Begriff hatte ich aus einer Geschichte von „Wilden“ in Afrika gelesen, die das Blut ihrer Opfer getrunken hatten. Dieser Vergleich wurde  mir von den Erwachsenen aber  als unsinnig erklärt.

Sehr stolz war ich, wenn ich beim „Wurstmachen“ die Kurbel des großen „Wolfes“, in dem die Fleischstücke für die Leber- und Knackwürste zerkleinert wurden, bedienen durfte. Als Knirps stellt ich mich auf eine Fußbank, um  an das am Tisch befestigte Gerät zum Drehen zu gelangen und ließ mir ungern helfen, wenn die Kraft noch nicht ausreichte. Erst als größerer Junge durfte ich wegen der Unfallgefahr die Fleischstücke in den Trichter des Wolfes einfüllen  ; in unserer Nachbarschaft war z.B. ein Kind mit der Hand hineingeraten und hatte 2 Finger verloren.

Für uns und die Kinder von befreundeten Familien in der näheren oder auch weiteren Nachbarschaft wurden kleine Leber- und Blutwürste hergestellt. Sie kamen zusammen mit einem Stück Wellfleisch in die Wurstbrühe, die von den Bekannten in größeren oder kleineren Krügen- je nach Familiengröße – gegen Abend, wenn die Würste fertig waren, abgeholt wurde. 

Nicht bei allen Haltern wurden Gänse und Enten vor dem Blutentzug betäubt; bei uns erhielten sie mit einem Stock einen sehr derben Schlag auf den Kopf. Mit einem Messer und geübtem Stich wurden dann die großen zum Kopf führenden Blutgefäße geöffnet. Grausam erschien mir das Töten der Tauben, denen in der Regel der Hals abgedreht und dann der Kopf abgerissen wurde. Ich war meinem Opa dankbar, dass er bei diesen Tieren mit einem scharfen Messer schnell den Hals durchtrennte.

Ein Weihnachtsfest ohne Gänsebraten war schon während meiner Kindheit undenkbar. Allerdings wurden die Hausgänse nicht nur zur Fleischgewinnung, sondern auch wegen ihrer wertvollen Daunen und Gänselebern gehalten. Das sogenannte Gänsestopfen war in Deutschland wegen Tierquälerei zwar verboten, aber es gab gewinnsüchtige Menschen, die diese Methode trotzdem anwandten. Bei dieser Stopfmast wird den völlig bewegungsarm gehaltenen Tieren der Kropf zwangsweise mit Mastfutter  vollgestopft. Bei den Tieren vergrößert sich durch diese Behandlungsweise die Leber, die als Delikatesse gewinnbringend verkauft werden kann. In unserer Tierhaltung gab es diese Quälerei nicht. Noch heute ist aber z.B. in Ungarn das Gänsestopfen weit verbreitet. Das Lebendrupfen der Gänse, das mir auch grausam erschien, war aber auch bei uns gang und gäbe. Sonderbarerweise ließen sich die festgehaltenen Gänse immer recht geduldig und wenig widerspenstig die wertvollen Daunen ausrupfen; das ergab eine enorme Ertragssteigerung. Die hierbei und nach der Schlachtung gewonnenen Gänsefedern mussten „geschlissen“ werden; das heißt die weichen Daunen von den Kielen trennen. Dabei trafen sich die Frauen aus mehreren Bauerhöfen meistens in der Winterzeit in einer Stube, in der es danach aussah, wie wenn Frau Holle ihre Betten ausgeschüttelt hatte. Die leichten Federn setzten sich im Haar und vor allen in rauen Kleidungsstücken fest. Wir Kinder waren hocherfreut, wenn wir beim „Federschleißen“  dabei sein durften; es wurden hierbei lustige Geschichten erzählt und auch der Dorfklatsch kam nicht zu kurz. Wenn allerdings das Thema „Kinderkriegen“ an der Reihe war, dann mussten wir raus.

Wir Kinder durften meistens auch nicht zuhören, wenn man sich über politische oder gesellschaftliche Fragen unterhielt. Es gab insgesamt im Vergleich zu heute eine stärkere Abgrenzung zwischen dem Bereich der Kinder und dem der Erwachsenen; keine Ausgrenzung, aber das Fernhalten der sogenannten Kleinen von vielen brisanten Themen gehörte damals zur gängigen Ordnung.

Die  Gespräche der Erwachsenen, die wir Kinder nicht mithören sollten, hatten für uns einen besonders starken Reiz. Wir konnten dabei schon manchmal recht gut schauspielern; wir zeigten Desinteresse, beschäftigten uns mit anderen Dingen, unterhielten uns mit Spielgefährten, hatten aber immer unsere Lauscher weit aufgesperrt; so wurde ich Zuhörer mancher Begebenheiten.

Das Hitlerregime warb damals sehr für eine Steigerung der Geburtenrate. Meine Großmutter erhielt z.B. das silberne Mutterkreuz  für 6 geborene und aufgezogene Kinder. Sie war aber gar nicht stolz auf diese Auszeichnung und  sie sagte (ihre Worte blieben mir nur sinngemäß im Gedächtnis):  „Diese Ehrung gibt es doch nur, weil das Regime vor allem Soldaten für den Krieg braucht. Wir haben unsere Kinder ohne Hilfe des Staates „großgezogen“;  deshalb soll er sich auch nicht einmischen.“ Meine Oma brachte im übrigen ihre Meinung immer sehr unumwunden zum Ausdruck und fürchtete sich auch nicht, zwar vorsichtig aber doch auch Kritisches über die politische Situation zu äußern. In diesen Fragen stimmte ich nicht mit meiner Großmutter überein, denn das Soldatentum gefiel mit recht gut. Ich war keine Ausnahme, denn schmucke Offiziersuniformen und lange Säbel gefielen mir sehr gut. Gern spielte ich auch mit den Zinnsoldaten, die ich nur nach heftigem Drängen erhalten hatte; dieses  Spielzeug gefiel meinen Eltern nicht. Sie konnten sich aber den Trend der Zeit nicht entgegenstellen, versuchten indessen mit anderem Kinderspiel meine Interessen zu steuern.

Unser kleiner Landwirtschaftsbetrieb ließ keine Pferdehaltung zu. Ich war aber in diese Tierart so vernarrt, dass ich oft fragte: „Warum schaffen wir nicht wenigstens ein kleines Pferd an?“ Ich erhielt ein stabiles Schaukelpferd sogar mit einem pferdeähnlichem Fell, außerdem großartige Freizügigkeit im Umgang mit den Pferden der Bauern in unserer Nachbarschaft. Besonders ans Herz gewachsen war mir ein mittelgroßer Schimmel mit dem Namen Cäsar, der mit 20 Jahren zu den Senioren unter seinesgleichen gehörte und nicht mehr durchgehend zu Arbeitsleistungen eingespannt wurde. Er weidete häufig in einem Garten, wo ich ihm Gesellschaft leistete,  was ihm, so vermutete ich, recht gut gefiel. Überdies beförderte dieser Bauer oftmals mit einem kleineren Kutschwagen, den Cäsar zog, die Postpakete vom 3 km entfernten Bahnhof zur Poststelle unserer Kleinstadt. Es war für mich eine Seligkeit, wenn ich hin und wieder mitfahren und sogar die Zügel halten durfte. Ich glaube dieses Pferd hat mich inspiriert, dass ich als Bub, nach meinem Berufswunsch gefragt, sagte: „Bauer mit Pferden“.

 

Ich weiß nicht mehr genau wie alt ich war – etwa 5 Jahre - , als ich zum ersten Mal einen Zirkus besuchen durfte. Er gastierte in der Nachbarstadt und kam mit 2 großen ausgewachsenen Elefanten in unsere Kleinstadt, um für Besuche zu werben. Gemeinsam mit einer Kinderschar getraute auch ich mich sehr nahe an die Tiere heran; ich erzählte dann sogar, sie berührt zu haben; aber wahrscheinlich war der Abstand zwischen meiner Hand und der Haut des Elefanten doch noch recht erheblich. Meine Mutter ging mit mir in die Nachmittagsvorstellung des Zirkus; es verstand sich von selbst, dass wir die 5 km lange Strecke dorthin liefen. Wir hatten Plätze auf sehr unbequemen Holzbänken aber in den vorderen Reihen. Vielfach erfreuen sich Kinder am meisten an den  Vorführungen der Clowns; ich war, das weiß ich noch heute,  stark beeindruckt von den Dressurakten mit den verschiedensten Tieren. Die Pferde gefielen mir am besten, die einzelnen Programmnummern mit Raubtieren ließen mir allerdings teilweise Schauer über den Rücken laufen. Ich dachte, dass der Dompteur die Löwen und Tiger mit seinem Stock immer zu sehr reizte und befürchtete, dass sie sich das nicht gefallen ließen. Ich dachte dabei an eine Geschichte, die mir meine Großmutter erzählt hatte und aus der hervorging, dass sich Tiere merken, wer es gut mit ihnen meint und wer nicht. „Ein Mann auf einer einsamen Wanderung durch die Wüste traf auf einen Löwen, der sich eine Pfote verletzt hatte und viel Schmerzen aushalten musste. Beherzt trat er an das Tier heran und behandelte die Wunde. Hierfür opferte er sogar sein letztes Trinkwasser und zog sein Hemd aus, um es als Binde zu gebrauchen. Der als gefährlich eingeschätzte Löwe ließ sich alles gefallen, weil er merkte, dass ihm geholfen wurde. Der Mann, ein Christ, wurde gefangen und sollte in einer Arena gegen Löwen um sein Leben kämpfen. Die Raubtiere wurden hereingelassen und eines stellte sich sofort schützend vor diesen Mann. Er erkannte, dass es sein Patient aus der Wüste war, der ihn nun vor dem Tod rettete.“ Als Erwachsener stellte ich fest, dass diese Geschichte von meiner Oma nicht selbst erdacht oder erfunden war, sondern aus der Literatur stammte.      

Besonders begeistert hat mich im Zirkus eine Ziegendressur. Zuhause wollte ich das natürlich nachmachen, ich merkte dabei welch große Geduld dazu gehört, die Tiere abzurichten. Trotzdem war ich stolz, dass ich unseren Ziegen einiges beigebracht hatte, das sich sehen lassen konnte. Ich konnte sie vom Stall auf die Wiese führen, wobei sie z.B. wie Hunde folgsam neben mir herliefen. Unsere Katzen sprangen um die Ziegen herum, was so aussah, als ob sie zusammen spielten. Wenn ich bei ihnen war, dann fraßen sie erst, nachdem ich sie dazu aufforderte.  Ein Muttertier nannten wir die „Alte“, sie war als ich 6 Jahre alt war auch schon mindestens ebenso alt und hatte viele Nachkommen. Ich glaube, sie hat auch noch in den nächsten Jahren, in denen sie keine Jungen mehr zur Welt bringen musste und das sogenannte Gnadenbrot erhielt, dem Nachwuchs beigebracht wie er sich bei meiner Dressur zu verhalten hat. Ich bildete mir ein, dass die Alte sogar bis 4 zählen konnte, was sie nach meinen Vorgaben mit Kopfnicken andeutete. Wenn sie die Aufgabe nicht richtig löste, dann behauptete ich einfach, dass die Umstehenden sie verwirrt hatten.

Mein Großvater trug im Hof und Garten und manchmal sogar bis aufs Feld Holzpantoffel, die besonders billig waren. Sie bestanden aus einer dicken starren Holzsohle auf der über den Zehen- bzw. Vorderfußteil ein durchgehender Lederschaft gespannt den Füßen Halt gab. Noch als 80jähriger stieg er mit diesem Schuhwerk auf eine 3m hohe Leiter zum Obstpflücken. Ich hatte auch meinem Kinderfuß angepasste Holzpantoffel, die ich aber nicht gern benutzte. Lieber zog ich manchmal die größeren Erwachsenenpantoffel an, mit denen ich so richtig schlurfen konnte.  Meine Eltern sagten: „Du verdirbst dir  mit dieser Fußbekleidung die Füße“. Sie kauften mir richtige Lederschuhe. Allerdings durfte ich zu meiner Freude immer sehr viel barfuss laufen. Meine Fußsohlen waren so abgehärtet, dass mir selbst Wiesen, Felder, unbefestigte Straßen oder Feldwege nichts ausmachten. Über Stoppelfelder ging ich allerdings lieber mit Schuhen.

Mein Opa soll seine 6 Kinder nie geschlagen haben aber sonst immer recht streng gewesen sein. Meine älteren Cousins und Cousinen äußerten deshalb später als Erwachsene, dass er mich als jüngstes Enkel immer etwas verwöhnte. Auf dem Schubkarren nahm er mich mit zur Wiese oder aufs Feld. Dieses Gefährt und der Handwagen waren damals die wichtigsten Fahrzeuge der „kleinen Leute“; so wurden alle Menschen mit geringem Vermögen, Besitzer von Häuslerwirtschaften oder auch Arbeiter, Knechte und Mägde bezeichnet.

Mit Schubkarren transportierten wir Saatgut zum Feld sowie Erntegut und Heu nach hause. Dieses Transportgefährt hat einen speziellen hierfür geeigneten Aufbau: An der Achse des einzigen Rades sind an beiden Seiten zwei lange Holme, die Schubstangen, mit denen die Fuhre in Balance gehalten  und gelenkt wird, angebracht, darüber befindet sich  ein gitterartiges Gestell, das über dem Rad nach oben gebogen ist. Ich setzte mich gern an die oberste Stelle des Schubkarrens und mein Großvater wippte hin und wieder beim Fahren, ich kam mir dann wie ein Kapitän auf der Brücke eines Schiffes vor. Auf dem Nachhauseweg, wenn die Fuhre geladen war, musste ich laufen. Bei schweren Lasten legte mein Opa ein Trageband über die Schulter, dessen Enden mit Schlaufen an den Holmen des Schubkarrens befestigt wurden. Retrospektiv bewundere ich den Einfallsreichtum mit dem meine Großeltern bestimmte Arbeitsgänge so zweckmäßig gestalteten, dass sie mit weniger Kraftaufwand bewältigt werden konnten. Ein typisches Beispiel hierfür waren die hölzernen, der Schulter angepassten Tragebügel mit Stricken an beiden Seiten, an denen die Wassereimer hingen. Ich besaß ein solches kindergerechtes Hilfsmittel, womit ich kleinere Eimer transportierte; es wurde auch als Tragejoch bezeichnet.

Es war mir eigen, dass ich mit meinen geringeren Kräften immer Hilfe leisten wollte; das förderten  meine Eltern, indem ich viele für Kinder geeignete Werkzeuge erhielt. Mit einer kleinen Radewelle, das ist ein Schubkarren mit Kastenaufbau, einer Kinderschaufel und –hacke hantierte ich besonders gern. 1937 befand sich in unserer Nachbarschaft eine Großbaustelle, das Gefängnis erhielt einen Erweiterungsbau. Ich zog mit meinem kleinen Handwerkszeug dorthin und die Bauarbeiter ließen uns Kinder mit hantieren. Beim Ausheben der Gräben für die Grundmauern machte es uns besonderen Spaß in 50 cm Tiefe mit auszuschachten und die Erde mit unseren kleinen Radewellen herauszufahren. Die Erweiterung der Strafanstalt missfiel der Bevölkerung, weil man sich durch eine solche Umgebung bedroht fühlte, das störte uns aber nicht beim Bau mitzuwirken. Unmittelbar neben uns arbeiteten auch Strafgefangene, die Wachposten ließen sogar zu, dass wir uns manchmal mit diesen unterhielten. Mir waren diese Menschen aber immer etwas abschreckend und ich fragte zu Hause: “Warum kommt man ins Gefängnis?“ Die Erklärungen waren sehr weitschweifig; im Nachhinein stelle ich aber fest, dass ich mehr Ängstigungen darüber hörte, das und jenes nicht zu tun, als dass ich Motive für Straftaten erfuhr.

Zum Handwagen sagten wir auch Roller, nicht zu verwechseln mit dem Tretroller (wir sagten Trittroller), die damals sehr einfach waren. Sie hatten 2 Holzräder teilweise sogar mit einer Holzachse und einem starren unbeweglichen Lenker. Es gehörten große Anstrengungen dazu auf den vielfach unbefestigten Schotterwegen mit diesem Fahrzeug vorwärts zu kommen. Ich legte aber trotzdem große bergige Strecken z.B. 3 – 4 km bis zum nächsten Dorf  zurück, wobei das Laufen leichter gefallen wäre. Stolz konnte ich aber alsdann zu Hause und besonders gegenüber Gleichaltrigen meine Leistungen präsentieren. Damals fanden auch für Kinder vom örtlichen Turnverein organisierte „Trittrollerrennen“ statt. Ich musste mich da häufig älteren Teilnehmern geschlagen geben und fand diese Veranstaltungen nicht besonders gut. Hätte ich damals einen heute bekannten und beliebten „Cityroller“ gehabt, wäre mir ein Sieg sicher gewesen.

Handwagen gab es in mannigfaltigen Ausführungen und Größen.

 

 

 
   


Leiterhandwagen mit eingesetztem Kasten.

 

 

 

 
   


Auf den Handwagen konnten auch kleine Jauche- oder Wasserfässer transportiert werden.

 

 

Die Handwagen könnte man als Miniausführungen der Ackerwagen bezeichnen, bei uns damals auch unter den Begriffen Pferde- Leiter- und Kastenwagen bekannt. Weil uns Kindern die Handwagen nicht immer zur Verfügung standen, bauten wir auch selbst solche Gefährte; es genügte eine Holzkiste, die auf ein ausrangiertes Kinderwagengestell montiert wurde, nur mit der Lenkung gab es dann Probleme.

 

 
   


Mein Vater baute mir einen kleinen sehr stabilen Kastenhandwagen, der Speichenräder mit ca.40 cm Durchmesser hatte.

 

 

Wenn ich den vorderen Schieber herausnahm konnte ich  mit den Füßen die Lenkstange festhalten und schnell bergab selbst durch Kurven „rollern“; dem großen, tiefen Stadtteich, der sich am unteren Ende der sehr abschüssigen Straße, in der wir wohnten, befand, musste durch geschicktes Lenken ausgewichen werden. Es passierte nur einmal, dass ein Freund, dem ich meinen Wagen überlassen hatte, in den Teich fiel; es gelang uns aber, ihn und das Gefährt zu retten.

In einem Jahr übergab mir mein Großvater 2 kleine Ziegenböcke, die ich vor einen Handwagen spannen konnte. Sehr Stolz war ich, dass es mir gelang die beiden abzurichten, sie parierten wie Zugpferde. Obwohl sie nur mich oder höchstens sehr wenig Fracht ziehen mussten, empfand ich unbewusst, dass Ziegen keine typischen Zugtiere sind. In den kommenden Jahren verzichtete ich auf diesen Spaß,  es gefiel mir ebenfalls nicht, dass in der damaligen Zeit vielfach Hunde vor größere Handwagen gespannt wurden. Man sah den Tieren oft die Qual an, wenn sie sehr schwere Ladungen bewegten.

Die 2 Zicklein, die ich vor meinen Roller spannte, hatten dadurch ein Jahr Gnadenfrist erhalten. Es war üblich, vorwiegend in der Osterzeit, die nicht zur Aufzucht ausgewählten Ziegenlämmer zu schlachten. Bis heute kann ich nicht verstehen, dass so viel Wesens um den guten Geschmack der Osterlämmer, sogar als Delikatesse, gemacht wird. Mir tat es nicht nur leid, wenn die ganz jungen Geschöpfe sterben mussten, sondern das weiße, lasche, ausdruckslose Fleisch schmeckt mir bis heute nicht.

 

Mein Vater war bei der Freiwilligen Feuerwehr unserer Kleinstadt ich glaube Führer eines Löschzuges. Mehrmals im Monat  fand eine Übung statt. Gemeinsam mit einer großen Kinderschar schaute auch ich dabei gern zu. Verständlicher Weise wollte ich damals, wie viele gleichaltrige Jungen, Feuerwehrmann werden.

Ein wohlhabender Bauer, der am Untermarkt wohnte, war Feuerwehrhauptmann unseres Ortes. Er gab auch  die Uniformen aus und ich begleitete meinen Vater mehrfach dorthin. Gespannt hörte ich immer den Gesprächen zu und hätte auch all zu gern eine Feuerwehruniform gehabt. Nur hier hieß es: “Dafür bist du noch zu klein“, ein Problem, das mich bis zum Abschluss der Schulzeit begleitete; obwohl ich in meinem Jahrgang zu den größten Jungen gehörte, wünschte ich mir stets,  noch schneller zu wachsen.

Bei Feueralarm musste mein alter Herr, auch nachts, sofort zum Einsatz. Aufgeregt waren wir Kinder, wenn die Sirene ertönte; es galt schnell zu erfahren wo es brennt, damit wir dorthin flitzen konnten.

Durch das ca. 3 km von unserem Ort entfernte Tal führt eine Eisenbahnstrecke, auf der Dampfloks verkehrten. Ausgedehnte Nadelwälder reichten nahe an die Bahntrasse heran. Besonders im Sommer und  in Trockenperioden kam es durch Funkenflug häufig zu Waldbränden. Von der Forstverwaltung eingesetzte Kontrolleure konnten kleinere Brandherde meistens löschen. Ich erlebte aber einige verheerende Feuer, die größere Waldflächen vernichteten. Wir Kinder rannten beim ertönen des Alarms zur Brandstelle und trafen oft kurz nach der Feuerwehr ein. Mit Enthusiasmus halfen auch wir Kleinen mit, Brennbares am Rande der Feuerstellen beiseite zu räumen, damit dort die Flammen keine Nahrung mehr fanden und sich nicht weiter ausbreiteten. Insgesamt waren mir diese Brände immer sehr unheimlich. Einige erlebte ich sogar nachts, und ich ließ mich von den Eltern nicht aufhalten, dorthin zu eilen. Noch Wochen danach träumte ich von diesem Geschehen. Mir taten außerdem die Waldtiere leid, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Ich phantasierte groß und stark zu sein,  um Rehe , Hasen u.a. retten zu können. Leid tat es mir auch um die vielen schönen Bäume, die Brom- und Himbeersträucher, ja alle Pflanzen, die das Feuer vernichtete. Die Wälder sahen danach immer ganz gespenstisch aus; es dauerte einige Jahre bis sich die abgebrannten Flächen wieder erholten.

 

 

 

 

 

 

 

Bilder der Bahnstrecke durch das Triebestal, die Wälder reichen bis an den Bahndamm.

 

 
   


                        

                                     

   

Nicht richtig verstand ich damals, warum mit sogenanntem Feuerlegen Versicherungsbetrug begangen werden kann. Amüsiert hat mich aber eine Geschichte, die in unserer unmittelbaren Nachbarschaft passierte. Der Besitzer eines sehr heruntergekommenen Hauses zündete nachts im  Hausflur einen Strohballen an. Er lief anschließend aus den Gebäude und rief: „Feuer, Feuer.....“ . Die Feuerwehr kam um zu löschen und fand nur Reste des verkohlten Strohs. Er wollte das Haus als Feuerschaden von der Versicherung bezahlt bekommen. Zu voreilig hatte er den Alarm ausgelöst und musste nun wegen Betrugs sogar ins Gefängnis.

Die Erwachsenen erzählten damals viele schaurige Geschichten über Feuerbrünste in Städten und Dörfern. Brandstiftung galt als großes Verbrechen und auch vor fahrlässigem Umgang mit Feuer wurde gewarnt. Oft hörten wir den Spruch: „Messer; Gabel; Schere, Licht taugt für kleine Kinder nicht.“ Licht benannte darin Streichhölzer, Kerzen, Petroleumlampen und alle ungeschützten Flammen. Teils übertriebene Berichte über Kinder, die in Scheunen oder Strohschobern mit solch verbotenen Dingen gespielt hatten und damit Brände auslösten sollten besonders abschreckend wirken.  Gedroht haben unsere Eltern damit, dass Missetäter in Erziehungsheime kommen. In unserem Ort befand sich eine solche Anstalt für schwer erziehbare Kinder; das „Heinrichsstift“. Ich sah dieses Heim, das mir wie ein Gefängnis vorkam, nie von innen. Mir genügte aber der Anblick der Mädchen und Jungen, die z.B. Sonntagsvormittag unter strenger Aufsicht spazieren gingen und dabei auch an unserem Haus vorbeikamen. Sie waren sauber gekleidet, aber in ihren Gesichtern vermutete  ich zu erkennen, dass sie sehr eingeschüchtert waren. Hin und wieder meldete der „Buschfunk“: „Ein Insasse aus dem Heinrichsstift ist ausgebrochen“; flugs wurden überall Haus und Hof einbruchssicherer verschlossen. Alle in dieser Zeit begangenen Diebstähle oder kleinen Verbrechen konnte nach Meinung der Bevölkerung nur diese entwischten Bösewichte begangen haben. Nicht bewusst, jedoch instinktiv erfuhr ich damals, wie schlimm „üble Nachrede“ sein kann.

Die Insassen des Erziehungsheimes mussten in der Landwirtschaft helfen, wahrscheinlich gab es dabei manchmal Gelegenheit zu entwichen.

                     

 

Mein Großvater versuchte mir auf seine Art beizubringen, dass es verwerflich ist, Schlechtes über unschuldige Menschen zu verbreiten. Dazu erzählte er  mir Geschichten zum 8. Gebot: „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“. Er berichtete von 2 Bauern aus unserem Ort, deren Nachkommen damals verarmt noch lebten. Ihre Felder grenzten aneinander und sie konnten sich wegen der Grenzziehung nicht einigen. An einem Tag versetzte der eine die Grenzsteine zu seinen Gunsten und in der folgenden Nacht korrigierte der andere das wieder zu seinem Vorteil. Das ging schon mehrere Monate so und Nachbarn, die schlichten wollten, kamen ebenfalls  nicht zum Zuge. Da verbreitete einer der Streitenden, sein Gegner sei vom Teufel besessen, man sähe es daran, dass nachts über dem Schornstein seines Hauses Feuersäulen zu beobachten wären. Das war nichts außergewöhnliches, weil bei Essen mit einem guten Zug leicht brennendes Holz hoch hinauf loderte. Abergläubige Menschen fielen auf die verbreitete Mär herein und der Bauer wurde fortan so sehr gemieden, dass er sogar seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht mehr verkaufen konnte. Er verarmte und musste schließlich das Feld, über das der Streit entbrannt war, an seinen Nachbarn verkaufen. Der Verleumder kam jedoch auch nicht ohne Strafe davon. Seine Tiere erkrankten und starben an einer Seuche; auch in der Familie gab es ein Unglück nach dem anderen. Das Fazit meines Opas war:  „Gott straft alle, die seine Gebote nicht achten, darum sei redlich, nur dann kommst du in den Himmel.“  Das wollte ich unbedingt, aber betete auch, dass ich und meine Verwandten noch recht lange leben sollten.

Einige Gedanken hütete ich als Bub immer als strenges eigenes Geheimnis, denn wenn ich davon sprach, wurde ich meistens ausgelacht. Ich setzte mir bestimmte Zeichen und Ziele von deren Erfüllung meine Wünsche vor allem in der Zukunft abhängig sein sollten. Das leitete ich ab von den Geschehnissen, die mir meine Oma über Orakel erzählt hatte. Viele solcher recht einfachen Beispiele kommen mir heute als 75 jährigen wieder in Erinnerung. 

Abends vorm Einschlafen dachte ich daran, dass unsere alte Ziege bald Junge bekommen wird. Wenn es 2 sind wird unsere seit einigen Tagen verschwundene Katze wiederkommen, ist es nur eins, dann bleibt sie fort. Es waren 2 und das Tier kam wieder. Indizien, dass meine Ahnungen eintrafen, ergaben sich ebenfalls aus vielen Begebenheiten.  Noch heute habe ich die Bemerkung der Erwachsenen im Ohr: „Wenn du recht artig bist, dann werden deine Wünsche erfüllt.“ Es blieb die Frage: „Wie kann man brav sein und bleiben?“ Dazu hatte ich meine eigenen Methoden. Ich nahm mir besondere Aufgaben vor, die den Eltern und Großeltern bestimmt gefallen würden. Z.B. pflückte ich im Wald unaufgefordert Blau-, Brom, oder Himbeeren. Malte mir dabei aus, wenn es mir gelingt nur ganz wenige zu essen und der Krug recht voll wird, dann bekomme ich bestimmt das Kinderfahrrad. Es klappte, wie mit ähnlichen anderen mir selbst auferlegten Aufträgen. Schwieriger gestalteten sich Dinge, die ich nicht direkt selbst mit beeinflussen konnte. So wünschte ich mir, dass die selbst gebackenen Weihnachtsstollen keinen sogenannten Schliff bekommen oder gar beim Heimtransport vom Bäcker zerbrechen. Es wurde erzählt, wenn dies geschieht, dann gibt es ein Jahr lang Unglück in der Familie. Ich sagte mir z. B., wenn es beim Stollenbacken schneit geht alles gut, wenn nicht, dann geschieht das Unglück. In der Vorweihnachtszeit konnten wir aber meistens mit Schnee rechnen und meine Prognose wendete sich zum Guten.

Große Ängste gab es in unserer Familie, als 1938 das Sudetenland besetzt wurde und unsere bei Karlsbad wohnenden Verwandten nach Prag flüchteten. Meine Tante war Deutsche und mein Onkel Tscheche und als Sozialdemokrat Stellvertretender Bürgermeister in einer Kleinstadt; sie fürchteten deshalb Repressalien. Das Ganze war bei uns ein umfangreiches Gesprächsthema und ich machte mir ebenfalls Gedanken, wie dieses Geschehen wohl ausgehen wird. So fragte ich heimlich mein Orakel: „Wenn kein Krieg, den die Erwachsenen befürchteten, beginnt, dann geschieht auch Onkel und Tante nichts, wenn es zu  einem Angriff kommt, dann müssen alle sterben. Es ging 1938 zunächst noch friedlich aus und die Angehörigen konnten in ihrer Heimatstadt ihre kleine Fabrik wieder in Besitz nehmen und weiter arbeiten.“

Diese, meine einfachen Gedanken, selbst über schlüssige Abläufe gaben mir stets Zuversicht.

Fest glaubte ich an die Prophezeiung, dass man im folgenden Jahr viel Geld erhält, wenn man im Frühjahr beim ersten gehörten Kuckucksruf mit dem Hartgeld in der Börse klappert. Während dieser Zeit trug ich immer einen Geldbeutel mit Pfennigen bei mir, um das Ereignis nicht zu verpassen. Wahrscheinlich hat es aber nicht geholfen, einen besonderen Geldsegen erlebte ich in keinem Jahr, obwohl ich immer mit den Münzen tüchtig geklimpert habe. Mein Opa meinte dazu: „Es war nicht der wirklich erste Kuckucksruf den du gehört hast und außerdem hattest du nur Pfennige im Geldbeutel“.

 

Ein aufregendes Ereignis war für mich, dass wir 1938 ein in unseren Breiten selten zu sehendes Nordpolarlicht beobachten konnten. Ich erinnere mich recht gut an dieses Naturschauspiel. Der Himmel war großflächig rot-grün streifig verfärbt. Die älteren  Leute und auch meine Großeltern sagten: „Das ist ein böses Vorzeichen und bedeutet Krieg“. Inspiriert von meinen Großeltern glaubte ich an solche Zeichen; als 1939 der Feldzug gegen Polen begann erinnerten wir uns dieses Omens. Himmelszeichen waren mir ohnehin immer sehr wichtig. Ich brachte sie auch in Verbindung mit der Traumdeutung. Meine Großeltern besaßen ein „Traumbuch“, in dem die Tierkreiszeichen beschrieben waren und aus dem man die Bedeutung der Träume erfahren konnte. Ich bedauerte sehr, dass ich als Vorschulkind noch nicht lesen konnte, die Bilder guckte ich mir dessen ungeachtet gern an. Als ich später das Lesen einigermaßen gelernt hatte, verlangte ich hin und wieder das Buch, das in der Stube in einer Schublade eingeschlossen aufbewahrt wurde, mit der kindlichen Bemerkung: „Ich will nachsehen, was ich geträumt habe.“

Am letzten Augustwochenende fand in meinem Heimatort alljährlich das Schützenfest statt, wir sagten „Vogelschießen“. Abgebrochen wurde es 1939, weil der Krieg begann. Leider durfte ich als Vorschulkind immer nur in Begleitung der Eltern oder anderer Erwachsener das sehr beliebte Fest mit Riesenrad, verschiedenen Karussells, Schießbuden, Verkaufsbuden für Waren aller Art einschließlich Spielzeug und vor allem den beliebten Rostbratwurstständen, besuchen. Ich war kein dickes Kind, weil ich immer viel Bewegung hatte, aber ich habe stets sehr gern Wurst gegessen. Aus meinen frühen Kinderjahren wurde berichtet, dass ich mit einer Knackwurst, wir sagten „Bratwurst“, die ich erfassen wollte das Laufen lernte. Verständlicher Weise war dieses Volksfest so richtig nach meinem Geschmack  und ich machte mir damals keine Gedanken darüber, dass alles Geld kostete. Ich soll, als ich kaum das Sprechen gelernt hatte, gesagt haben: „Meine Vogelschießen.“ Damit drückte ich das allgemeine kindliche Verhalten aus, alles was gefällt besitzen zu wollen. In dieser Hinsicht bewundere ich meine Eltern und Großeltern, die sehr geschickt zu steuern wussten, dass meine Wünsche sich unseren finanziellen Möglichkeiten anpassten. Diese Erziehung ging sogar in einigen Beispielen mit einer gewissen notwendigen, aber entsprechenden Härte einher; unter dem Motto: „Wer nicht hören will, der muss fühlen“. Ich wollte immer und immer wieder Karussell, wir sagten auch „Reitschule“ wegen der Pferdefiguren auf denen man sitzen konnte, fahren. Das kostete zwar nur 5 Pfennige pro Fahrt, aber auch das ging bei „Unersättlichkeit“  ins Geld. Mein Vater brauchte dies jedoch nur einmal zu opfern. Er ließ mich hintereinander fahren so oft ich wollte. Ich glaube es war nach 20 Runden, als ich die Reitschule verließ, weil es mir ungeheuer übel geworden war. Fortan mied ich solche „Kreisel“ und das hielt sogar an bis heute. Gleichermaßen sollte ich von meiner Unersättlichkeit auf Rostbratwürste geheilt werden, dies gelang aber nicht, denn bis jetzt bin ich großer Mengen nicht überdrüssig.

Ich war sehr stolz schon mit 6 Jahren ein Taschenmesser zu besitzen. Es war ein kleineres Klappmesser mit einer 5 cm großen und 2 cm kleinen geschärften Klinge; ich bewahrte es in einer Lederhülle in der Hosentasche auf. Die Ermahnungen, keinen Unfug damit zu treiben und es nur für notwendige Verrichtungen zu benutzen, nahm ich sehr ernst, prahlte aber gern gegenüber Gleichaltrigen mit meinem Besitz. Das Messer leistete mir gute Dienste beim Schnitzen von Pfeifen aus Weideruten, das ich von meinem Vater gelehrt bekommen hatte. Mit diesen „Ersatzpfeifen, mit denen durchaus sehr laute Töne erzeugt werden konnten, nervte ich recht gern meine Umgebung.

Ich ging noch nicht zur Schule und wollte Erfinder werden, das sind, so hörte ich, berühmte Leute. Mir ging es aber in erster Linie um eine einfache Arbeitserleichterung. In unserem Garten befanden sich viele Obstbäume, darunter ungefähr 30 Pflaumenbäume. In der Erntezeit wurden diese geschüttelt und die Früchte lagen wie gesät auf dem Boden. Das Bücken beim Aufsammeln fiel sogar mir als Kind schwer.  Zeitraubend und beschwerlich wurden dabei die Pflaumen sortiert: Gute ausgereifte und feste eigneten sich für die längere Aufbewahrung, den „Rumtopf“, das Einwecken, das Herstellen von Backpflaumen  und das Kuchenbacken; beschädigte wurden zu Pflaumenmus gekocht; angefaulte und wurmstichige kamen auf den Kompost. Ich dachte mir aus, unter die Bäume Betttücher auszubreiten, darin die heruntergefallenen Früchte zusammenzunehmen, auf einen Tisch zu schütten vor dem man sitzend aussortieren konnte. Ich gestehe, ich hatte ähnliches in der Nachbarschaft gesehen, was ich nun verbessert bei uns einführen wollte. Meine Oma und meine Mutter unterstützten die Neuerung, aber mein Großvater verbot unser Tun, wir mussten weiterhin die Pflaumen vom Rasen auflesen und dabei sortieren.

Im Weiteren wollte ich einen Drachen erfinden, der hoch über die Wolken bis in den Himmel hinauf aufsteigt. Mein Vater hatte aus leichten Holzlatten ein großes dreieckiges Gestell zusammengebaut, das ich mit buntem Papier bespannte. Als Drachenschwanz diente eine Schnur, an die ich in geringen Abständen Papierstückchen band. Ich meinte, das hätte mir mein Opa suggeriert, dass ich mit dieser Konstruktion das Fluggerät in ungeahnte Höhen bringen könnte. Eifrig knüpfte ich die Enden mehrerer Schnurknäuels zusammen, ich wollte doch den Drachen nicht ausreißen lassen! An einem Tag im September 1938 war das letzte Getreidefeld abgeerntet, ein böiger Herbstwind strich über die Stoppeln, also ideale Bedingungen fürs Drachensteigen. Begleitet von mehreren gleichaltrigen Spielgefährten, die mein „Ungetüm“ bewunderten und mich darum beneideten, ging es hinaus auf die Felder. Zunächst wollte das Ganze nicht funktionieren, ich warf das Gestell hoch, rannte mit kurz gespannter Leine mehrere Meter, aber es stieg nicht in die Lüfte. Kurzum mehrmaliges Kürzen des Schwanzes und ein kräftiger Windstoß brachten schließlich den  Erfolg. Die Schnur spulte ab und spulte ab, der Drachen stieg und stieg. Die letzten Meter der Leine kamen heran, schnell knüpften wir noch den Bindfaden, den ein Freund aus der Hosentasche zog, an die Leine. Dabei passierte das Missgeschick,: Wir ließen beide gleichzeitig los und mein schöner Drache flog davon. Wir sahen ihn hoch oben, rannten noch so weit wir konnten hinterher, aber er entwischte uns auf Nimmerwiedersehen. Ich prahlte damit, dass meine Erfindung fast bis zu den Sternen hinauf geflogen war, der Versuch ließ sich aber mangels Objekt nicht sofort wiederholen, denn im gleichen Jahr gab es keinen Ersatz.

Schon im Oktober sehnten wir Knaben den Winter herbei, der in den 1930er Jahren in unseren Höhenlagen, 300 bis 350 m über NN, mehrere Monate sehr schneereich war. Unsere Rodelschlitten waren teilweise sehr primitiv, aber mit deren Besitz gehörte man zu den Auserwählten. Ich besaß eine nach unserem Dialekt sogenannte „Käsehitsche“, die noch von meinen Urgroßeltern stammte. Das ist ein Einsitzer, bei dem unter einem Holzbrett eisenbeschlagene Kufen montiert sind und mit dem ich an den steilen Wiesenhängen unserer Gegend schnelle Abfahrten hinlegen konnte. Aus Schnee bauten wir sogar kleine Sprungschanzen. Wir wetteiferten um die gewagtesten und schnellsten Fahrten, hatten gehört, dass es im Rodeln sogar Wettrennen gibt und phantasierten davon so etwas einmal erleben zu dürfen. Ich und keiner meiner Freunde hatten jedoch damals dieses Glück.

Höhepunkte waren im Winter immer wieder, wenn der von Pferden gezogene Schneepflug durch die Straßen unserer Kleinstadt fuhr. Eine Kinderschar rannte da meistens hinterher und ich war beglückt, wenn ich zu den Ausgewählten zählte, die  auf dem Gerät mitfahren durften, um es zu beschweren.

Dem Winter folgte das Frühjahr und nach einem Schneereichtum oft Hochwasser in den Tälern. Ich war froh, dass unser Ort auf einer Anhöhe liegt und wir die reisenden Bäche von oben beobachten konnten. Eine Schwester meiner Mutter wohnte in der Neumühle bei Zeitz, direkt an einem Wehr durch das die Elster gestaut wird. Von dort erhielten wir alljährlich im Frühling Mitteilungen, dass die Wassermassen bis in ihre Wohnräume vorgedrungen waren. Das erlebte ich eines Jahres, als ich dort mit meiner Oma zu Besuch war. Jedoch sank die Flut schon sehr stark und die große Gefahr war vorbei. Unvergessen schrecklich blieb mir aber, dass am Wehr ein etwa 10jähriger Junge tot aus dem Gestrüpp geborgen wurde, der am Oberlauf ins Wasser gefallen und ertrunken war. Es bedurfte fernerhin keiner strengen Ermahnungen mehr mich von reißenden Bächen und Flüssen fern zu halten.

 

 

Ab 1938 bis zum Ende des Krieges

 

Sehnlichst wünschte ich die Zeit herbei, um Schulkind werden zu können. Mir war es Leid mich beim „Schulespielen“ von meiner 3 Jahre älteren Cousine bevormunden zu lassen. Seit dieser „Geschwisterersatz“, ich habe darüber vorn berichtet, zur Schule ging, musste ich oft den unwissenden Schüler spielen, wenn sie das Gelernte und Erlebte übte. Dankbar war ich ihr jedoch, dass sie mir schon als 7jährigen z.B. das Schwimmen lehrte. Das brachte mir Vorteile im Sportunterricht und auch im Jungvolk.

Außerdem arbeitete ich sehr gern mit ihr im Garten, der sich am Bahndamm nahe des Haltepunktes wo sie wohnte, befand. Sie kannte viele Blumen, Kräuter- und Gartenpflanzen, deren Namen und Pflegerichtlinien sie mir beibrachte.

 

 
   

 

 

In unserer Kleinstadt gab es in den 1930er Jahren sogar schon einen Kindergarten. Daran kann ich mich aber aus meiner Kindheit gar nicht mehr erinnern und erfuhr es erst als Erwachsener aus der Stadtchronik. Für uns war es selbstverständlich, dass wir in der Obhut der Großeltern blieben, wenn unsere Eltern arbeiten gingen. Familien ohne diese Kinderaufsicht kannte ich nicht, wobei – mit Ausnahme in den letzten Kriegsjahren -  die meisten Mütter zu hause waren und den Haushalt führten. Dabei bleibt die Frage offen: „Wie wurden wir auf den Schulbesuch vorbereitet? Ganz wenig und wir hatten den Vorteil, dass alle unseres Jahrgangs mit gleichen geringen Kenntnissen über Zahlen, Buchstaben usw. zur Schule kamen. Ich war schon eine Ausnahme, mir hatte meine Cousine einiges beigebracht; außerdem konnte ich bis 12 zählen; das hatte ich auf dem Feld gelernt. Bei der Getreideernte mussten z. B. die Puppen  mit 6, 10 oder 12 Garben aufgestellt werden und das hatte exakt zu stimmen. Im übrigen lernte ich das „i“ in deutscher Schreibschrift mit dem Merksatz: „Rauf runter rauf und ein Pünktchen drauf!“

Mein Großvater sagte sinngemäß: „Warum sollst du schon vor der Schule vieles lernen; die Lehrer bekommen doch ihr Geld, um dir alles im Unterricht beizubringen. Wichtig ist, dass du schon einen Nagel einschlagen, rausziehen und gerade klopfen kannst!“ Gar nicht verstehen konnte ich ihn als er mir sagte: „ Wenn du die Zuckertüte zur Schuleinführung nimmst, dann verkaufst du dich und musst fortan jeden Tag zur Schule gehen. Ich würde mir das Ganze nochmals überlegen und doch lieber auf die Süßigkeiten verzichten und weiterhin frei bleiben.“ Da kannte er mich aber schlecht, meine Erwartungshaltung Neues kennen zu lernen war so groß, dass es gar keiner Vorschussprämie bedurfte.

Ehrgeizig war ich vom ersten Schultag an, etwas schwer fiel es mir aber, mich an die geregelte Zeit zu gewöhnen – jeden Tag pünktlich zum Unterricht zu erscheinen; immer ruhig und diszipliniert zu sein bedeutete mir schon eine gewisse Einschränkung meiner bisherigen Freiheit. Nur gut, dass wir in den ersten Monaten täglich nur  3 Stunden Schule hatten. Da blieb doch noch genügend Zeit fürs Stromern, Spielen und die Tätigkeiten, die mir Spaß machten. Es ging mir indessen im Lernen nicht schnell genug voran. Mich langweilte, dass wir immer und immer wieder Zuckertüten malten, alle neuen Buchstaben und Zahlen, die wir kennen lernten, in vielen, vielen Zeilen nachschreiben mussten. Die Übungen zu Hause auf der Schiefertafel unterlagen einer strengen Zensur durch die Mutter und es gab manche Auseinandersetzung, wenn sie das Geschriebene nicht schön genug fand und wieder wegwischte. Das Allerschlimmste war aber, dass einige Mädchen besser malen und schöner schreiben konnten als ich. Zu schaffen machte mir, dass der Schulranzen stets gut aufgeräumt, die Schulfibel mit sauberem Einschlagpapier eingebunden sein sollte und jeden Tag zu Unterrichtsbeginn der Lehrer besonders die Sauberkeit der Hände kontrollierte. Die Prozedur begann schon, wenn ich mich auf den Schulweg machte und die Mutter eine Vorkontrolle vornahm. In einer Kleinstadt, wo der Lehrer fast jede Familie kennt, wäre es eine Schande gewesen, schmutzig in die Schule zu kommen. Ich fragte meine Mama, so sprach ich sie auch an: „Wer sieht eigentlich deine Ohren und Fingernägel nach, ob sie sauber sind, wenn du mal zum Einkaufen oder ins Rathaus gehst?; machen das vielleicht Oma oder Opa?, denn du bist doch deren Kind!“ Wieder gab es Ausflüchte und die Bemerkung, der Junge will aber auch alles wissen.

Wir waren damals 1938 noch Ostern in die Schule gekommen, das verschob sich in den späteren Jahren auf den Herbst, nach den großen Ferien, diese 6 Wochen Freizeit sehnten wir jedes Jahr herbei und konnten es kaum erwarten, dass der Juli heranrückte. Es machte mir nichts aus, dass ich nun auf dem Feld bei der Ernte mit helfen musste; im Gegenteil: alle landwirtschaftlichen Arbeiten gefielen mir während der Volksschulzeit noch besser als das Lernen. Von Kindheit an wollte ich Bauer werden, nicht nur ein solcher mit viel Handarbeit, sondern möglicht Inspektor auf einem großen Gut. In meinen Träumen sah ich mich über die Felder reiten und Landarbeiter zu befehligen. Mein Opa sagte: „Wenn du später mal kommandieren willst, dann musst du alle Arbeiten gründlich lernen!“; dafür gab ich mir gern viel Mühe; ich war sehr ehrgeizig, die einzelnen Arbeitsgänge auf dem Feld, der Wiese und im Stall wie ein Erwachsener zu bewältigen. Die Probleme, die es dabei gab, widerspiegeln die damalige Situation, in der in der Landwirtschaft alles nach gewohnter Tradition zu geschehen hatte und viele Bauern einschließlich meines Großvaters sagten: „Der neumodische Kram verdirbt alle guten Sitten, die jungen Menschen wollen nicht mehr hart arbeiten, wie wir das gewöhnt sind.“ Unter diesen, auch generationsbedingten Aspekten beschreibe ich ausgewählte Erlebnisse auf dem Bauernhof; dabei fehlte durchaus die Romantik, die dem heute oft zugeordnet wird.

Kaum war im Frühjahr die Flur trocken und begehbar, bewaffneten wir uns mit Handrechen, um die Grasflächen im Garten und auf den Wiesen abzurechen. Größere Bauernwirtschaften besaßen Handschlepprechen und noch größere sogar von Pferden gezogene Schlepprechen oder Wieseneggen. Mit der Gras- und Weidewirtschaft wurde in meiner Heimat ein richtiger Kult getrieben, hier wuchs das Grundfutter für alle pflanzenfressenden Nutztiere. Von meinem Opa erfuhr ich hierzu einige Postulate, die ich bis heute nicht vergessen habe. Er sagte: „In unserem Thüringer Land sind von gut gepflegten Wiesenflächen drei Ernten möglich“, er ärgerte sich aber auch darüber, dass in manchen Parks, vor allem bei reichen Leuten, die Rasenflächen zwar schön gepflegt sind aber meistens nicht als Futter genutzt werden. Ich höre ihn sagen: „Hier könnten viele Schafe satt werden.“ Das Schaf galt als ausgezeichneter „Wiesenpfleger“, die Herden durften jedoch nur zu bestimmten Zeiten mit genau geregelter Verweildauer auf den Flächen weiden, damit es zu keinem „Verbiss“ der „Dauergräser“ kam.

Für die Heugewinnung musste das Gras nach genau festgelegten Terminen gemäht werden. Das richtete sich nach dem Reifegrad bestimmter Gräser, die Samen der gewünschten, nahrhaften sollten schon ausfallen, während weniger wertvolle, bei beginnender Blüte abzuschneiden waren. Ich staunte, wie mein Opa das jedes Jahr wusste und danach die Heumahd bestimmte. Er zeigte mir auch die Pflanzen auf die es dabei ankommt, aber in den späteren Jahren, als besonders in der DDR die „Großflächenwirtschaft“  aktuell wurde, spielte das keine Rolle mehr. Dann kamen Unkrautbekämpfungsmittel, die unbeliebte Gräser vernichteten, Pflanzenschutzmittel und zahlreiche  unterschiedliche Dünger zum Einsatz. All das, was sich damals in Ansätzen andeutete missbilligten die „Alten“.

Die hängigen Wiesenflächen in meiner Heimat ließen nur in wenigen Fällen den Einsatz von Mähmaschinen, von denen mein Großvater auch behauptete, dass sie die Grasnarbe verderben, zu;  deshalb kamen scharfe Sensen zum Einsatz, die gut gedengelt sein mussten. Schon als 10jähriger saß ich häufig neben meinem Opa und übte mich mit kleineren Werkzeugen in dieser schwierigen Tätigkeit; auch meine kleinere Sense musste scharf sein, wenn ich beim Mähen der Wiese mitmachen wollte. Meine Großmutter sah es  gar nicht gern, wenn mich der Großvater hier mittun ließ, sie hatte Angst, dass ich mich an den scharfen Werkzeugen verletze. Es passierte nichts.

Bei der Heugewinnung wollte ich beim Mähen, Heuwenden und Heueinfahren wie ein Erwachsener tätig sein.

Zur Mahd ging es oft vor 5 Uhr auf die Wiese. Obwohl ich frühmorgens gern lange schlief, stand ich hierfür auf, um vom Anfang an mit dabei zu sein. Als Jüngster, ich durfte ab meinem 12. Lebensjahr mittun, ging ich als Letzter in der Reihe der Schnitter; mein Ehrgeiz stachelte mich so stark an, dass ich mich nicht abhängen ließ, am Ende der Reihe hatte auch ich immerzu den Anschluss erreicht. Mit kleinerer Sense mähte ich einen schmaleren Schwaden als die Männer, schwitzte dabei aber oft sehr.

Anschließend musste das Gras zum Trocknen gleichmäßig auf der Wiese verteilt werden. Bei lang und üppig gewachsenen Gräsern war das eine Schwerstarbeit. Nun kam die Zeit, in der mein Großvater sagte: „Das Heu muss auf dem Rechen trocknen.“ Das hieß, per Hand zweimal täglich wenden; auch ich bekam dabei, solange ich nicht den richtigen Griff beherrschte, schmerzhafte Blasen an den Händen. Jammern oder etwa gar Handschuhe anziehen durfte ich nicht, es hieß: „Durch Schmerzen wird man gezwungen, die richtigen Handhabungen schneller zu begreifen.“  

 

 
   


Während meiner Kindheit knipsten Laienfotografen vielfach nur Personen, es gibt deshalb nur sehr wenige Bilder über Arbeitsgänge, deshalb musst ich auch in dieser Publikation weitgehend auf Abbildungen der Geräte, die ich damals in natura sah, zurück greifen.

 

                                      Beim Heuwenden

 

Vorm Einfahren musste das Heu auf Schwaden zusammen gerecht werden. Das war eine schwere Arbeit bei der ich mir auch oft Schwielen an den Händen holte.

 

 
   


Neidisch schaute ich deshalb manchmal auf die Wiese des Großbauern unseres Ortes, wo mit Pferden gezogene „Schwadenrechen“  oder „Heuwender“ die schwierige Handarbeit ersetzten.

 

  Schwadenrechen                                   Heuwender

 

Schönes Wetter galt als Glück, denn dann brauchte das trocknende Gut nicht dauernd auf Schober angehäuft und immer wieder breitgestreut werden. Das Heueinfahren machte Spaß, wenn nicht gerade ein Gewitter in der Ferne grollte; denn dann war Eile angesagt. Ich empfand großen Stolz, dass ich schon als Dreizehnjähriger auf dem Fuder die mit Gabeln hochgereichten Heubüschel fachgerecht stapeln konnte. Das war im 5. Kriegsjahr und wir Halbwüchsigen mussten viele Erwachsenenarbeiten verrichten.

 

 

                          

                    

 

Ein ordentlich geladenes Heufuder war der Stolz eines jeden Bauern; die Frauen stehen bereit , um nach der Abfahrt des Wagens die gesamte Wiesenfläche nochmals abzurechen, damit kein Halm verloren geht.

 

Aus heutiger Sicht wäre schon damals bei den Feldarbeiten manche Erleichterung möglich gewesen; das ging aber nicht an, ich wurde sogar manchmal verhöhnt und ausgelacht, wenn ich mir hierüber Gedanken machte. Bereits in jener Zeit wollte ich ein „Neuerer“ sein und schaute auch gern zu den Nachbarn, wie diese manches besser machten. Beschreiben will ich darum nur jene Verrichtungen bei denen ich bereits als Kind umständliches  Arbeiten feststellte.

Mühevoll war die Pflege der Hackfrüchte, die Rübenpflanzen mussten z.B. in gebückter Haltung verzogen werden, wollte ich mich dabei manchmal knien, weil der Rücken schmerzte, sagte mein Großvater: „Pass auf, dass deine Knie nicht am Boden anwachsen.“ Gleichermaßen durften die überzähligen Pflanzen nicht mit der Hacke aus der Reihe entfernt werden, weil dieses Grün noch verfüttert wurde.

Umständlicher ging es fast nicht mehr, wie bei uns die Kartoffelernte erfolgte. Zuerst zogen wir das Kartoffelkraut, breiteten es am Feldrain und auf Flächen von denen schon die Frühkartoffeln mit der Gabel geerntet worden waren, zum Trocknen aus. Die dabei mit herausgezogenen Kartoffeln wurden aufgelesen, dann kam mein Opa mit dem Pflug, er passte sehr auf, dass er diesen an den Dämmen, in denen sich die Wurzelfrüchte befanden, richtig ansetzte. Es galt keine Knollen mit dem scharfen Pflugschar zu beschädigen; deshalb mussten beim Auflesen die Kartoffeln häufig mit den Händen noch aus der Erde gebuddelt werden. Bereits auf dem Feld wurde sortiert nach Kartoffeln fürs Saatgut im nächsten Jahr, angeschlagene und ganz kleine fürs Futter, mittelgroße für die Speisen und ganz große zum Reiben für die Thüringer Klöße. All diese unterschiedlichen Sorten kamen in verschiedene Körbe, die man beim Auflesen immer mit vor sich herschieben musste. Mein Vorschlag, die Kartoffeln mit modernen Schleudern zu ernten, wie das bei größeren Bauern geschah und das Sortieren auf zu Hause zu verlagern, fand heftigen Protest durch meinen Großvater. Er sagte sinngemäß: „Die vielen beim Schleudern angeschlagenen Kartoffeln halten sich nicht bis zum nächsten Jahr, es ist eine Sünde, so mit den wertvollen Früchten umzugehen; außerdem sieht man auf dem Feld am besten wofür sich die Kartoffeln eignen, sie sollten ferner so wenig wie möglich umgeschüttet werden.“ Also ernteten wir die Kartoffeln bis Mitte der 1940er Jahre in dieser umständlichen Art und Weise. Mein Opa hatte sogar Recht, die Kartoffelerntemaschinen, die ich damals kennen lernte, beschädigten tatsächlich viele Knollen. Der Griff an der Schleuder musste nach unten gedrückt werden, damit das Pflugschar unter die tiefer liegenden  Erdäpfel kam. Ein Bauer in unserer Nachbarschaft hatte als einer der ersten in unserem Ort eine  solche Maschine (Bild). Ich war stolz, wenn ich dort bei der Kartoffelernte mit helfen und hinter der Schleuder hergehen durfte um diese Regulierung zu betätigen. Das befreite mich sogleich vom Kartoffellesen, da fiel selbst uns Kindern das

 
   


Bücken immer sehr schwer.

 

 

 
   


Im Oktober zur Kartoffelernte wurden die Pflaumen reif und die Großmutter brachte frischgebackenen Hefekuchen mit dickem Pflaumenbelag aufs Feld; dazu gab es Malzkaffee. Mit den notdürftig abgewischten kleineren Kinderhänden konnten wir die großen Kuchenstücke kaum halten; es machte uns absolut nichts aus, dass wir allerhand Schmutz mit in den Mund bekamen. Heute weiß ich, dass dies unser Immunsystem trainierte. Ich wünschte zwar manchmal, dass die Pausen fürs Kaffeetrinken, während denen wir auf dem Feldrain saßen, länger währten, der Rücken schmerzte nach der Rast meistens doppelt stark.

Im Spätherbst sah und roch man damals häufig Feuer von verbrennendem Kartoffelkraut, das getrocknet zu großen Haufen aufgeschichtet worden war und zünftig loderte. Wir Kinder durften Kartoffeln hinein werfen, dabei übten wir ebenfalls das Zählen; wir passten auf, dass wir auch immer die gleiche Anzahl wieder herausfischten. Ohne Salz und alle Zutaten schmeckten diese gegarten Erdäpfel ganz besonders lecker. Ich hatte mir einen Stock gebaut, an dessen einen Ende ein spitzer Nagel befestigt war, mit dem ich die Knollen wie mit einer Gabel anstechen und aus den Flammen holen konnte.

Kaum weniger beschwerlich als die Hackfruchternte ging bei uns die Getreideernte vonstatten. Gern half ich bei den Bauern, die für die Mahd für damalige Verhältnisse schon recht moderne Geräte hatten. Z.B. den sogenannten Ableger, der die portionierten Getreidegarben auf dem Feld ablegte, sie mussten dann nur noch mit einem Stroh- oder Schnurband zusammen geschnürt werden. Eine von mir bestaunte Maschine war der „Selbstbinder“, nach dessen Einsatz die Garben zusammengetragen und zu Puppen aufgestellt werden mussten.

 

 

 
   

 

 

 
   

 

Moderner Selbstbinder                       Roggenpuppen

 

Diese Arbeitserleichterungen imponierten mir und ich wollte später in solch großen Gütern tätig werden, wo es so etwas gab. Bei uns jedoch wurde die Körnerfrucht teilweise noch mit der Hand gemäht. An den Sensen befand sich ein spezielles „Haugestell“, damit konnten die Halme an das noch aufrecht stehenden  Getreide angelegt werden um das Getreide günstig zu “raffen“. Das ist die Bezeichnung für das Aufnehmen der Getreidehalme per Hand, um sie zu Garben zu bündeln. Am unangenehmsten war das bei der Gerste, deren Grannen, die sich überall, selbst an der Haut, festhakten, spüre ich noch heute; mit diesen Ährenborsten kam man bei der weiteren Bearbeitung bis zu Verfütterung des Strohs in Berührung. Nach Handschuhen oder gar schützender Kleidung für den Umgang mit dieser Getreideart wagte ich aber gar nicht zu fragen.

Bei uns wurde ein großer Teil des  Roggengetreides noch mit „Flegeln“ gedroschen, aus dem Stroh gewannen wir „Getreidebänder“. Auch hier hatte ich wie beim Grasmähen ein kleineres Arbeitsgerät, mit dem ich wie ein „Großer“ hantierte. Das Dreschen des Getreides erfolgte in den Wintermonaten. Ein größerer Bauer in unserer Nachbarschaft besaß eine in die Scheune eingebaute Dreschmaschine, die auch wir mit nutzten. Meine Aufgabe hierbei war es die Garben zum „Einlegetisch“ zu reichen, wo sie von einem versierten Mann in die Maschine gegeben wurden. Mir erschien diese gefahrvolle Erwachsenentätigkeit, man musste aufpassen , dass die Hand nicht in die Maschine gezogen wurde, leichter als das Garbenzureichen. Ich sehnte deshalb die Zeit herbei ein solcher Fachmann zu werden. Insgesamt war bei uns der Getreidedrusch mit sehr vielen Handarbeitsgängen verbunden; Vorschläge, die ich z.B. als 14jähriger machte, zumindest fürs Strohbinden und Befördern der Körner auf den Hausboden bekannte Geräte einzusetzen, stießen auf taube Ohren. So schleppte ich schon als Kind treu und brav schwere Säcke, band und bewegte große Strohballen.

Von allen Feldarbeiten gefiel mir das Pflügen mit Pferdegespann am besten. 1945 im Frühjahr durften die in der Landwirtschaft tätigen Kriegsgefangenen wegen der nahenden Front das Lager nicht mehr verlassen; die Bestellarbeiten duldeten aber keinen Aufschub. So zog ich als Kind mit Pferd und Pflug aufs Feld. Nur beim Wenden am Feldanfang und –ende musste ich aufpassen; auf den langen geraden Strecken des Ackers galt es zwar das Pfluggerät immer fest im Griff zu haben, aber trotzdem konnte ich hier meine Gedanken baumeln lassen. 

Ich wollte alle landwirtschaftlichen Tätigkeiten unbedingt gründlich lernen, um später ein geachteter Landwirt zu werden. Die Arbeiten in den Ställen machte ich jedoch  noch lieber als die Verrichtungen in der Feldwirtschaft. Es muss mir irgendwie angeboren sein, dass ich beim Umgang mit Tieren immer spürte, sie verstehen mich auch ohne Worte. Freiwillig half ich in der Nachbarschaft im Kuh- und Schweinestall; die hier tätigen Kriegsgefangenen kamen aus landwirtschaftsfernen Berufen, ich konnte sie deshalb schon als 12 – 14jähriger bei der Tierbetreuung fachlich unterstützen, denn ich war mit diesen Tätigkeiten aufgewachsen. In vielen Veröffentlichungen sind die damals in mittleren landwirtschaftlichen Betrieben umständlichen und schweren Stallarbeiten hinreichend beschrieben worden. Ich berichte über Kuriositäten, bei denen ich mein Können und meine besondere Zuneigung zu Tieren beweisen wollte.

Unser Nachbar ließ damals im Kuhstall „Selbsttränken“ installieren. Vorher hatten wir mit Eimern das Wasser in die Tröge gegossen. Einerseits imponierte mir dieser Fortschritt, andererseits brauchte es längere Zeit, um mich zu überzeugen, dass die Kühe auch wirklich und genug trinken. Hierfür beobachtete ich sie des öfteren und betätigte per Hand die Tränken, wobei ich merkte, dass die Tiere recht gelehrig waren.

Die Kühe hatten alle Frauennamen und ich konnte sie an ihrer Fellzeichnung unterscheiden. Ich bildete mir ein, dass sie auf ihre Namen reagierten, wenn ich sie ansprach.

Mein Großvater sagte damals: „Am gut oder schlecht geschichteten Misthaufen erkennt man  den ordentlichen oder liederlichen Bauern.“  Ich gab mir deshalb immer viel Mühe beim Stapeln des Mistes, den ich aus den Stall karrte. Das Ausmisten der Ställe war eine sehr schwere, aber keine primitive  Arbeit. Das Strohlager der Pferde und Kühe musste trocken gehalten werden, hierfür galt es den Dung fachgerecht beiseite zu schieben und  eine saubere Unterlage zu schaffen; damit wurde das Putzen der Tiere erleichtert. Ich legte meine Ehre drein, mich nur mit einem gut gestriegelten Pferd außerhalb des Gehöftes sehen zu lassen. Außerdem wurde gesagt: „Gut geputzte Kühe geben mehr Milch.“ Damals hörte ich im übrigen erstmals die Anschauung, dass durch klassische Musik die Milchleistung zu steigern sei. Die eingefleischten Bauern ließen allerdings nicht zu, ein Radio in den Stall zu bringen.

Mit 13 Jahren lernte ich das Melken der Kühe und Ziegen und wusste darum, dass es bei der Milchgewinnung auf große Sauberkeit ankommt. Wir tranken wegen der damaligen Warnung vor Tuberkulose nur abgekochte Milch; nur mein Opa hielt sich nicht daran, er meinte: „Meine Ziegen sind gesund“. Er erkrankte aber auch nicht und wurde 82 Jahre alt. 

Die Fußböden der Buchten in den Schweinemastställen bestanden in der Regel aus Holzbohlen. Damit wurde weniger Streustroh benötigt und das „Koturingemisch“ floss in eine darunter liegende Grube, die nur mit hohem manuellen Aufwand gesäubert werden konnte. Ich durfte dabei nicht einmal mit Wasser und Schlauch ausspritzen, denn mein Opa sagte: „Wasser kostet Geld, die Jauche braucht nicht verdünnt werden, das besorgt der Regen auf dem Feld.“ Als mein Großvater wenige Wochen vor seinem Tod ans Krankenbett gefesselt war, habe ich mit meiner Mutter zusammen heimlich die Schweinebuchten mit Wasser ausgespritzt und gründlich gereinigt. Er fragte: „Was habt ihr bloß draußen im Stall hantiert, ich hab Wasser spritzen hören?“. Mit etwas schlechtem Gewissen haben wir ihn belogen und gesagt: „Wir haben Wasser in Eimern fürs Tränken und Wischen bevorratet.“ Er ließ sich beruhigen.

Bis heute habe ich nicht ergründet woran es wirklich ursächlich liegt, dass man bestimmten ausgewählten Tieren mehr zugeneigt ist, als den übrigen. Es scheint mir fast vergleichbar mit der Auswahl menschlicher Freunde. Es muss irgendwie am Wesen der Geschöpfe liegen, es war nicht an bestimmte Tierarten gebunden. Aus der Zeit Ende der 1930er bis Mitte der 1940er Jahre erinnere ich mich an viele solcher „Harmonien mit Tieren“; einige typische habe ich ausgewählt.

Ein Lieblingspferd hatte ich beim Bauern , dessen Hof sich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft befand. 1945 habe ich mit diesem Tier auf unseren und des Nachbars Grundstücken die Frühjahrsfeldarbeiten erledigt. Es wieherte wenn ich den Hof betrat und ich hatte den Eindruck , dass es sich auf unser Zusammensein freute.  Bei diesem sehr großen Tier hatte ich Mühe, das Geschirr, insbesondere das Kummet, anzulegen. Das Pferd senkte den Kopf und  unterstützte mich insgesamt beim Einspannen. Bei den Arbeiten auf dem Feld gebrauchte ich kaum die Zügel, es gehorchte nach meinen Zurufen.

Ich hatte absolut keine Angst vor Pferden, nicht nur weil  damals die Erwachsenen sagten: „Die Pferde sehen den Menschen sieben Mal größer als er in Wirklichkeit ist und gehorchen deshalb den scheinbaren Riesen.“ Das war nur ein Märchen und sollte den Respekt vor der Kraft dieser Tiere nehmen, um furchtlos mit ihnen umzugehen.

Die Grundbegriffe des Reitens lernte ich 1944 bei der sogenannten Reiter – Hitlerjugend. Ich war damals mit 13 Jahren eigentlich noch nicht alt genug, um an einem solchem Kurs teilzunehmen. Als Jungvolkführer und körperlich großer sowie kräftiger Junge wurde mir ausnahmsweise gestattet im Nachbarort in der Staffel der Reiter- HJ Dienst tun zu dürfen. Wir lernten hier zuerst das Putzen der Pferde, Ausmisten der Ställe usw., bevor wir in den Sattel durften. Noch gut in Erinnerung blieben mir die Schwierigkeiten beim Aufsitzen und sich bei den beginnenden Bewegungen der Tiere auf dem Pferderücken zu halten. Noch heute habe ich den grundsätzlichen Hinweis im Ohr:  Nicht mit den Händen festhalten, sondern  die Knie fest an den Tierkörper drücken und immer aufrecht und gerade sitzen! Die strengen Hitlerjugendführer verlangten absolute Disziplin, aber der Dienst machte mir trotzdem Spaß. Leider habe ich in den späteren Jahren das Reiten mangels Gelegenheit aufgeben müssen, was ich sehr bedaure. In jeder Herde gibt es eine Rangordnung; ich spürte instinktiv welches Rind oder Schaf die jeweils vorderste Stelle einnahm. Beim Gang auf die Weide nahm ich diese bestimmten Tiere an meine Seite und alle anderen folgten uns. Von den Schäfern hatte ich diese Methode abgeguckt und bewunderte überhaupt, wie diese die oft großen Herden immer unter Kontrolle halten konnten. Manchmal wurde ich von Gleichaltrigen ausgelacht, wenn ich behauptete, dass aus der Rinderherde, die ich hin und wieder zur Weide brachte, Tiere, die ich mit ihren Namen rief, zu mir kamen. Sie staunten dann aber, wenn ich ihnen das vorführte. Gleichermaßen glückte mir das auch manchmal bei unseren Schweinen, denen ich ebenfalls Namen gab.

Katzen wurden bei uns als Mäusefänger und nicht als Schmusetiere gehalten. Eine Ausnahme machte unsere Katze  „Putzi“, sie zeigte ein katzentypisches eigenwilliges Verhalten und eine starke Bindung zu uns  Menschen, die sie mochte. Wenn meine Eltern, meine Großeltern oder ich außer Haus gingen, lief sie sehr oft ein Stück des Weges mit, dabei huschte sie mal ins Gebüsch, strich um unsere Beine und verhielt sich bis in ihr hohes Alter wie ein herumtollendes Junges. Wenn wir zurück kehrten und sie vor allem längere Zeit allein war, dann erwartete sie uns an der Stelle, wo sie uns verlassen hatte, um gemeinsam ins Haus zurück zu gehen. Ich wunderte mich immer, dass Putzi, wenn sie uns erwartete wusste, aus welcher Richtung wir kamen.

 

 
   

 

Von uns ließ sie sich streicheln, schnurrte dabei sehr wohlig und wir merkten ihr Wohlbehagen. Besuchern gestattete sie diese erst nach längerer Zeit, wenn sie merkte, dass sie zu uns gehörten. Ansonst konnte sie auch ihre Krallen zeigen. Es wurde mehrfach beschrieben, dass die gezielte Dressur von Hauskatzen schwierig ist. Unsere Putzi hörte zwar auf ihren Namen und sie kam dann, oder auch nicht – zwingen ließ sie sich nie. Vielleicht mag es sehr weit hergeholt sein, aber zurückdenkend stelle ich fest, dass ich mich als Kind ähnlich wie unsere Katze verhielt, auf alle Fälle war auch ich immer recht eigenwillig.

Putzi fanden wir in der Scheune als kleines Kätzchen, das noch gar nicht sehen konnte. Sie lag allein, verlassen  von ihrer Mutter, die wahrscheinlich weggefangen worden war, im Stroh und miaute kläglich. Die Leute erzählten, dass Katzen sogar geschlachtet würden, um mit dem Fleisch sowie dem Fell auf dem Schwarzmarkt gute Preise zu erzielen. Kaninchenfleisch sollte dort deshalb nur gekauft werden, wenn der Kopf noch natürlich fest mit dem übrigen Tierkörper verbunden ist.

Unwahrscheinlicher ist, dass die Mutter von Putzi ihr Kleines vergessen hatte. Ich habe als Kind oft beobachtet, dass die Katzenmütter ihren Nachwuchs von entdeckten Geburtsstätten in sichere Verstecke verbrachten. Sie trugen die Kätzchen mit ihrem Maul so geschickt, dass diese nicht verletzt wurden. Instinktiv versuchten die Tiere ihre Nachkommenschaft zu retten, weil die Menschen regulierend in die oft  ungehemmte starke Vermehrung eingriffen.

Als Kind durfte ich nicht zusehen, hatte aber heimlich beobachtet, wie die kleinen neugeborenen Kätzchen von Erwachsenen getötet wurden. Die überzähligen Katzenbabys wurden durch derbe Schläge auf den Kopf betäubt und anschließend zur Sicherheit, dass sie auch wirklich starben, in einem Sack (beschwert mit Steinen) in einem Teich oder einer Jauchegrube  versenkt. In diesem Falle war ich richtig böse auf meinen Opa, der dies auch so tat. Bis heute fällt es mir schwer Geheimnisse für mich zu behalten; dieses war bei mir als Kind besonders stark ausgeprägt. Ich verriet deshalb auch, dass ich das Katzentöten gesehen hatte und fragte meinen Großvater, der mir schon damals immer die „Bibelgebote“ beibrachte: „Warum gilt eigentlich das Gebot ´du sollst nicht töten` nicht, wenn wir Menschen Tiere töten?“  Die Antworten müssen sehr weitschweifig und unkonkret gewesen sein, ich kann mich nicht mehr an sie erinnern.

Ich glaube ich war ungefähr 16 Jahre alt, als ich mir bei einem bekannten Tierarzt Rat holte, wie das Töten der kleinen Katzen weniger grausam erfolgen kann. Fortan wandte  ich bei uns zu Hause und bei Nachbarn folgende Methode an, die noch heute manchmal praktiziert wird: Die Tiere wurden in einem weitestgehend luftdicht verschließbaren Karton verbracht und unmittelbar vorm Zumachen ein stark mit Äther oder Chloroform getränkter Wattebausch hinzugetan. Bei dieser Überdosis an Betäubungsmittel schliefen die  Kätzchen schmerzlos ein und wachten nicht wieder auf.

Ich war damals begeistert von Uniformen, Gewehren und allem Spielzeug für das „Kriegsspiel“. Vorzug hatte bei uns Jungen das Spielen mit Zinnsoldaten. Heute weiß ich, dass es immer darum ging, Macht zu erlangen, der Überlegene zu sein. Welch eine Freude war es, wenn ich beim Spielen die meisten Zinnsoldaten umwerfen und damit außer Gefecht setzen konnte; oder die Eroberung einer Burg – ich hatte eine solche als Modell aus Holz -  erfolgreich war. Ich suchte mir gern Spielkameraden, denen ich überlegen war. Ungezogen verhielt ich mich sogar, wenn ich  verlor. Meine Eltern sahen dieses Spielen gar nicht gern; sie stellten sich aber nicht gegen den Trend der Zeit. Mit Verboten hätten sie ohnehin nichts erreicht; der Einfluss der Umwelt war zu stark. Meine Großmutter versuchte mich sehr geschickt von dem in ihren Augen gefährlichen und unsinnigen Spiel abzulenken, indem sie mir und meinen Freunden immer Alternativen für andere interessante Betätigungen  aufzeigte. Trotz notwendiger Hausarbeiten  nahm sie sich oft die Zeit, um mit uns „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen. Bei schlechtem Wetter durften wir in der Stube unter dem Tisch, um den Decken gespannt wurden, Wohnungen einrichten. Sogar Küchengeräte, außer Messer und Gabeln, die Fußbank, Sofakissen u.a. durften wir in unser abgegrenztes Reich mitnehmen. Begeistert bauten wir aus alten Kinderwagengestellen kleine Gefährte, mit denen wir auf der abschüssigen Straße hinabrollten. Selbst die Benutzung des Handwagens wurde uns gestattet, um damit ebenfalls gewagte Abfahrten zu riskieren.

Mein Vater unterstützte meine Neigung zum Handwerkeln. Im Vordergrund standen dabei Spielzeugeisenbahnen mit selbstgebasteltem Zubehör, es begann mit solchen aus Holz über „Aufziehloks“ mit Metallschienen bis hin zu einer größeren Anlage mit einer elektrischen Bahn der Marke „Piko“. Beim Gestalten der Platte mit der elektrischen Eisenbahn hat mein Vater nur die Grundausstattung montiert. Bis ungefähr zu meinem 10. Lebensjahr hat er oft mitgeholfen und mir die erforderlichen Fertigkeiten beigebracht. Dann habe ich weitgehend selbständig gebastelt, gebaut und alles weiterentwickelt. Ich lernte sägen und feilen und vor allem löten. Letzteres war wichtig, um die Elektroleitungen für die Beleuchtung und Antriebssysteme meiner Modelleisenbahnanlage zu installieren.  An Schwachstromanlagen erfasste ich insgesamt die Grundlagen für die Elektromontage. Ich war z.B. hoch begeistert, als ich das Prinzip der Induktion, des Elektromagnetismus, der Wechselschaltung und ähnlichem begriffen hatte und es anzuwenden verstand.  Im Krieg und in der Nachkriegszeit, als die meisten Männer Soldat, gefallen oder noch in Gefangenschaft waren und  fast keine Handwerker zur Verfügung standen, konnte ich mit diesen Kenntnissen oft helfen.  Schon als 11- bis 15jähriger habe ich in diesem Rahmen bei uns und in der Nachbarschaft häufig Havarien in den Elektroanlagen der Häuser und Wohnungen beseitigt. Mein wichtigstes Werkzeug war dabei die Probierlampe, mit der ich die Spannung in den Elektroleitungen bzw. Abzweigdosen aufspüren konnte.

Mein Großvater legte großen Wert darauf, dass ich mir neben den landwirtschaftlichen Tätigkeiten Fertigkeiten in handwerklichen Verrichtungen aneignete. Diese Unterweisungen begannen schon als ich 7-8 Jahre alt war. Retrospektiv stelle ich fest, dass ich damals nicht gezwungen wurde etwas zu tun; Eltern und Großeltern verstanden es, mich  neugierig zu machen und ich wollte dann meistens den Erwachsenen nacheifern.

Ungeheueren Respekt hatten wir Kinder damals vor der Obrigkeit, verkörpert besonders durch den Ortspolizisten, der uns durch sein oft unverhofftes plötzliches Auftauchen manchen Schreck einjagte. Der Hang zu auch teilweise gefahrvollen und bösartigen Streichen war in damaliger Zeit bei uns nicht minder ausgeprägt wie heute unter den Jugendlichen. Nur Art und Umfang der Missetaten und die Höhe der verursachten Schäden und ähnliches haben sich verändert. Die Bewohner unserer Kleinstadt kannten sich fast alle und auch uns Kinder; wir wurden deshalb bei allen unseren Bubenstücken schneller ertappt; das Überwachungssystem klappte sehr gut. Zurückdenkend meine ich, dass wir sehr streng erzogen wurden und die Beschädigung vor allem fremden Eigentums harte Strafen nach  sich zog. Wir fochten auch untereinander Rangkämpfe aus und Prügeleien unter uns Kindern - allerdings nur mit Fäusten bzw. dem Körpereinsatz gehörten dazu. Wir Jungen waren stolz, wenn wir schon als Vorschulkinder ein Taschenmesser besaßen; es wäre uns aber nicht eingefallen, dieses als Waffe zu gebrauchen.

Als Erwachsener erkannte ich an mir einen Wesenszug, der sich schon während meiner Kindheit deutlich gezeigt hatte: Ich wollt immer helfen und anderen eine Freude machen. Freiwillig und unaufgefordert sammelte ich Waldbeeren, die zu Hause gern als Kompott gegessen oder eingeweckt wurden. Im Winter ging ich ohne etwas zu sagen in die Scheune und zerkleinerte Feuerholz, ich wusste, das fiel meinem alten Großvater sehr schwer. Im Wald sammelte ich heruntergefallene Tannenzapfen auf, die getrocknet sich sehr gut als Feueranzünder eignen. Ohne Aufforderung sorgte ich dafür, dass der „Holzkasten“ in der Küche immer ausreichend gefüllt war. Beim Lebensmitteleinkauf half ich meiner Großmutter schwere Taschen nach hause zu transportieren, holte Wasser vom Brunnen und vom Keller Kartoffeln in die Küche. Im Winter schippte ich Schnee und sorgte stets für begehbare Wege zu unserem Hauseingang, kurzum ich war immer hilfsbereit. Das Lob für alle diese Tätigkeiten nahm ich recht gern an. Vor einigen Verrichtungen drückte ich mich allerdings auch, das waren u.a. Schuhputzen, Kartoffelschälen, zur Hand gehen bei der sogenannten großen Wäsche, mich umziehen, wenn die Kleider schmutzig geworden waren und gründliches Waschen, wenn es nicht für den Schulbesuch sein musste. Das letztere wandelte sich in den letzten Schuljahren als ich 13/14 Jahre alt geworden war und die Zeit begann, in der ich schon mal den Mädchen gefallen wollte oder einen Blick nach ihnen riskierte. Jetzt ließ ich mir auch von meiner Großmutter einige „vornehme Umgangsformen“ beibringen. Sie konnte das, weil sie als junges Mädchen das Schneidern erlernt hatte und im Auftrag ihres Vaters, der ein Stoffgeschäft besaß, oftmals  in Adelshäusern die Aussteuer der heiratsfähigen Töchter nähte. Während dieser Zeit hatte sie Familienanschluss und lernte die besonderen Regeln des guten Benehmens. Allerdings musste ich mich mit diesen Anstandsregeln beim Umgang mit Freunden und Schulkameraden sehr zurück halten, weil ich sonst als Angeber galt. Sie halfen mir aber als Kind und Jugendlichen teilweise die Scheu gegenüber höher gestellten Personen zu überwinden. Wahrscheinlich bewirkte diese Anleitung meiner Großmutter, dass ich als Jugendlicher großen Wert auf die Einhaltung der Umgangsformen nach Knigge legte. Mir missfiel deshalb auch, dass nach 1945 in der Ostzone und in den Anfängen der DDR das Tragen von Schlips und Kragen verpönt war; in der Öffentlichkeit sollte nur sogenannte Proletarier -  Kleidung getragen werden.

 

Sehr gern streifte ich als Knirps auch ganz allein durch Wald und Flur. Alles was ich mit eigenen Augen sehen oder mit meinen Händen anfassen konnte, behielt ich besser im Gedächtnis; ich versuchte außerdem allen Pflanzen und Tieren den richtigen Namen zu zuordnen. Wenn ich von solchen Streifzügen nach hause kam und wieder viele Fragen nach dem „Warum“ im Gepäck hatte, sagten meine Großeltern: „Na, haste wieder etwas Neues gesehen und erlebt, das niemand erklären kann?.“  Ich bedauerte, dass ich unter Gleichaltrigen niemand fand, mit dem ich mich über das „Stromern“ unterhalten konnte; mein Wissensdrang wurde vielfach als leichte Spinnerei abgetan.

In meiner Heimat gab es ausgedehnten Wälder und die Täler.

 

Ruine Reichenfels mit Wäldern      Triebestal, rechts der Kühnberg,

am Burgberg                                 ein großes Waldgebiet

 

Ich schaute recht skeptisch und zweifelnd drein, als ich nach einem meiner Spaziergänge von einer Bekannten aus der Nachbarschaft, sie hatte gerade eine neue Kamera bekommen, fotografiert wurde. Vor allem gefiel es mir nicht, dass ich mich in Position stellen und meine Jacke und Mütze richten sollte. Als ich das Bild sah wurde ich damals richtig böse, weil die langen Hosenbeine zu sehen waren, die meine Mutter trotz meiner Interventionen nicht kürzte.

 

 
   

 

 

Ebenso gefiel es mir nicht, wenn meine Mutter immer darauf bestand, dass ich eine Jacke anzog, damit ich mich nicht erkälte. Überhaupt war es damals üblich selbst in der Übergangszeit wärmere Kleidung zu tragen. Mein Großvater betonte : „Was für die Kälte gut ist, schützt auch vor Wärme“.

 

Für Streiche fand ich  immer Gefährten. Uns 9jährigen imponierte, wenn wir sahen wie die Männer und Jungen, die älter waren als wir, Zigaretten oder gar Brasil rauchten; das wollten wir unbedingt auch probieren! Die Eltern eines Schulfreundes besaßen eine kleine Zigarrenproduktion, er konnte zu hause 3 Zigarren beiseite bringen. Wir begaben uns damit weit entfernt vom Ort an einen Waldrand; beim Herannahen von Erwachsenen konnten wir an dieser Stelle gleich im Gebüsch verschwinden. Die Gefahr einen Waldbrand auslösen zu können war uns nicht bewusst. Die Streichhölzer musste ich besorgen, meine beiden Kumpanen meinten, bei unserem Tun muss jeder schon im Vorfeld eine gewisse Schuld auf sich laden, damit dann keiner petzt.  Kurzum die von den Rauchern abgeguckten Handlungen wurden von uns fachgerecht nachgeahmt und wir begannen zu qualmen. Zunächst war es sehr angenehm wenn wir den Rauch so richtig in die Lunge zogen, wir übten sogar Rauchringe zu blasen, wie wir dies schon bei unseren Vätern gesehen hatten. Es dauerte indessen gar nicht lange, da wurde uns Dreien so schlecht, dass wir uns krümmten, käseweiß aussahen und nach hause torkelten. Die Mütter nahmen uns die Behauptung etwas Verdorbenes gegessen zu haben nicht ab, sie rochen im wahrsten Sinne des Wortes was wir getan hatten. Es ging ins Bett, Wermuttee musste getrunken werden und etwaiges Schuleschwänzen am nächsten Tag – uns war da noch immer schlecht – gab es nicht.

 

Meine Eltern und Großeltern prüften mit einer sinnreichen Methode, ob meine Verbundenheit zur Landwirtschaft und insbesondere zu Tieren auch nicht nur ein Strohfeuer sei, wie das bei Kindern häufig der Fall ist. Ich erhielt in unserer kleinen Landwirtschaft schon als Siebenjähriger acht Kaninchen und  sechs Hühner mit einem Hahn in meine Obhut, für die ich in der Aufzucht, Pflege und Fütterung, von der Futterbeschaffung bis zum Sauberhalten der Ställe volle Verantwortung trug. In einem Gartenteil in der Größe von ca. 150 qm durfte ich ebenfalls selbständig tätig werden und lernte Rüben, Grünfutter und Heu für meine Tiere zu gewinnen und die wichtigsten Gartenarbeiten. Von Mutter und Vater erhielt ich Unterstützung bei Tätigkeiten, die für mich als Kind noch körperlich zu schwer waren. Der Großvater stand mir immer mit Rat zur Seite, ließ mich aber letztlich eigenständig entscheiden.

Als ich ungefähr 13 Jahre alt war, lesen konnte und auch den Inhalt der Bücher verstand, schenkten mir meine Eltern eine Broschüre, die mir viel Wissenswertes über die Haltung und Pflege von Geflügel, Kaninchen, Ziegen und Schweine vermittelte, das ich Zeit meines Lebens gut gebrauchen konnte. Die Kleinbauern wurden damals Kleinsiedler genannt.

 

 
   


                                       

Autor: Wolfgang Vogel, Ausgabe 1934

 

Ich erhielt  auch genügend Zeit für das Spielen mit Freunden, die ich oft in die Erledigung meiner selbstgewählten Aufgaben mit einbezog. Sie halfen besonders deshalb gern mit, weil uns in meinem Garten eine selbstgebaute Schaukel zur Verfügung stand, wir in den hohen Bäumen eine Art Hochsitze errichteten, im Sommer ein Zelt aufbauen und ähnliches durften. In der Schulzeit war es sehr schwer, all dieses Tun zusätzlich zu bewältigen. Ich schaffte es, weil ich motiviert war; dieses Wort, das aber den Kern für meinen gesamten Bildungsweg trifft, kannte ich damals noch nicht. Ich lernte von Anfang an auch in der Schule recht gut, weil ich es zu etwas bringen wollte, wie wir in unserer Umgangssprache sagten.

Nachdem ich alle diese Tätigkeiten beschrieben habe, sie sind unter den Namen Freizeitbeschäftigungen bekannt, erhebt sich die Frage: „Blieb da noch Zeit für die Schule?“. Die war allerdings auch für mich ab 1938 nach einem vorgeschriebenen Stundenplan geregelt und dazu musste ich noch die Stunden für die Erledigung der Hausaufgaben einplanen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Volksschule

 

In diesem Gebäude war unsere 8-klassige Volkschule untergebracht – es wurde 1945 durch amerikanische Granaten völlig zerstört, aber in den 1950er Jahren wieder aufgebaut. Bild aus den 1930er Jahren.

                  

 

 

Retrospektiv erinnere mich an einige Grundsätze mit denen meine Eltern und Großeltern die Erziehung zu hause mit der in der Schule koordinierten, das wurde mir damals als Kind jedoch nicht bewusst. Es hieß: Lehrer und Lehrerinnen sind Respektspersonen, ihr Wort, ihre Anweisungen gelten unangefochten, das brachte mir aber manchen Verdruss. Mit großer Mühe hatte ich als Erstklässler auf der Schiefertafel als Hausaufgabe Buchstaben geschrieben. In der Schule erhielt ich aber für meine mühevolle Arbeit nur die Note zwei. In meinen Augen war das eine falsche Beurteilung, weil die Mädchen, deren Schrift – so meinte ich - nicht schöner war als meine, Einsen erhielten. All mein Bitten half nichts, meine Mutter intervenierte nicht bei meinem Lehrer. Während des Krieges mussten wir fast an jedem Schultag und an Wochenenden als zusätzliche Hausaufgabe Heilkräuter (Frauenmantel, Himbeer- Brombeerblätter und ähnliches) sammeln. Ich war auf diesem Gebiet immer fleißig, bekam aber hierfür wiederum im Gegensatz zu den Mädchen, kaum ein Lob. Besonders ungerecht empfand ich die Tadel der Lehrer wegen ungenügender Ordnung im Ranzen oder bei der Pflege der Bücher und Hefte. Diese Einschätzung wurde durch meine Eltern widerspruchslos akzeptiert; sie bezogen sogar ein, dass ich auch zu hause oft unordentlich war, dabei gelobte ich doch immer mich zu bessern. In den damals bedeutungsvollen sogenannten Kopfnoten: Betragen, Ordnung und Fleiß, fanden auch diese Gesichtspunkte, die sogar vor den Leistungsnoten rangierten, Berücksichtigung; am allerwichtigsten war jedoch die Bemerkung: „Versetzt“. Dieses Ziel nicht zu erreichen, galt zu jener Zeit als großes Schreckgespenst; die betroffenen Schüler schämten sich meist sehr, wenn sie ein Schuljahr in einer Klasse mit Jüngeren wiederholen mussten. Ich kannte Kinder in meinem Heimatort, die als „Sitzenbleiber“ nach der sechsten Klasse die Schule verließen. Sie erhielten keine Förderung und keine Möglichkeit, die Volksschule weiter bis zum Abschluss der achten Klasse zu besuchen, hatten meist keine Aussicht auf eine Lehrausbildung und wurden mit 14 Jahren Mägde und Knechte oder Hilfsarbeiter.

Während unserer Volksschulzeit sammelte der Lehrer am ersten Tag jedes neuen Schuljahres die Zeugnishefte ein, er kontrollierte, ob sie unterschrieben waren. Im Heft war als Fußnote vermerkt: „Das Zeugnisheft ist vom Vater oder dessen Stellvertreter zu unterschreiben“; damit war die Mutter amtlich Stellvertreter des Vaters – später wurde der Begriff „Erziehungsberechtigter“ eingeführt.

Ein unrühmliches Kapitel während meiner Schulzeit war die Prügelstrafe. Zahlreiche Lehrer ließen sehr häufig ihren Ärger oder ihre schlechte Laune an den Schülern aus. Daheim setzte sich das Dilemma häufig durch die Väter fort. Ich war nur ganz wenige Male Zielscheibe solch unwürdiger Bestrafungen, sie bedrückten mich aber, wenn ich sie bei Schulkameraden oder anderen Kinder miterleben musste. Geschlagen wurde selten mit der Hand, sondern mit Rohrstöcken, Lederpeitschen, Weidenruten oder  auch Ledergürteln. Von meiner Mutter, so weiß ich, erhielt ich dreimal eine „Backpfeife“, die ich bestimmt auch verdient hatte; mein Vater versohlte mir, ich war damals 10 Jahre alt, während meiner gesamten Kindheit ein einziges Mal mit der Hand den Hintern. Dazu hatte er auch wirklich Grund, denn ich hatte im Schuppen verbotener Weise an seinem Motorrad herumgespielt; dabei war es umgefallen und ein wertvoller nicht mehr zu beschaffender Schalter kaputt gegangen.

Im übrigen sehnte ich als Halbwüchsiger die Zeit herbei, selbst mit einem Krad fahren zu dürfen; mein Vater war als junger Mann Motorradsportler gewesen und hatte an Rennen teilgenommen. Das strebte auch ich an, musste aber leider noch lange darauf warten, als die Zeit heran war verflog dieser Wunsch, andere Hobbys warteten; gleichermaßen galt es vordergründig Aufgaben in der Oberschule und beim anschließenden Studium zu bewältigen.

Bis heute wurde in der schulischen Erziehung nicht das richtig Maß zwischen der Strenge, die ich erlebte, und der sich zur Zeit steigernden Freizügigkeit gefunden. In zahlreichen Filmen und Büchern ist das Schulleben der Vergangenheit beschrieben worden; ich will dies durch die Darstellung  eigener Erlebnisse bestätigen oder vielleicht auch ergänzen. Disziplin, die mir als Kind als Ordnung und Zucht erklärt wurde, war die wichtigste Prämisse. Den Begriff Ordnung konnte ich erklären, aber was Zucht in diesem Zusammenhang bedeuten sollte, wusste ich nicht ganz genau. Das dieses bis in die Neuzeit den Kindern schwer fällt zeigt ein Dialog unserer fünfjährigen Enkelin mit ihren Eltern. Der 2. Mann unserer Tochter hat ihr Mädchen adoptiert und ist ihm ein sehr guter Vater. Sie fuhren in Gräfentonna bei Bad Langensalza an einem großen Gebäude mit vergitterten Fenstern vorbei; sie wollte wissen was das sei. Mit dem Namen Zuchthaus verband sie die Frage: „Was wird denn dort gezüchtet?“ Nachdem ihre Eltern sie über die mehrdeutige, auch biologische Bedeutung dieses Wortes aufgeklärt hatten überlegte sie eine Weile und meinte schließlich: „Ich weiß, dass du nicht mein richtiger Vater bist, aber du züchtest mich weiter.“

Wie ein roter Faden zogen sich Ordnung und Pünktlichkeit durch unseren Schulalltag. Frühmorgens zu spät zum Unterricht zu kommen, oder gar zu schwänzen wurde fast wie eine Straftat behandelt. Bei Krankheit mussten wir eine von den Eltern unterschriebene Entschuldigung vorlegen; sonst sind mir keine Gründe bekannt gewesen, die das Fernbleiben von der Schule rechtfertigten. Wenn wir den Lehrer baten, während der Unterrichtsstunde die Toilette aufsuchen zu dürfen, wurde dieser meistens misstrauisch. Mir klingen noch die Worte im Ohr: „Kannst du es nicht aushalten bis zur Pause?“

Hausaufgaben mussten immer pünktlich zum vorgeschriebenen Termin erledigt werden. Sehr häufig galt es, zu hause lange Gedichte auswendig zu lernen, sie wurden abgefragt und auch die Erledigung aller übrigen Arbeiten überprüft. In den ersten Klassen erfolgten ganz spontan „Ranzenkontrollen“ durch den Lehrer. Er überprüfte den Inhalt ob z.B. Schwamm und Lappen für die Schiefertafel sauber  und Schulbücher und –hefte, für die es damals noch keine Schutzhüllen gab, ordentlich eingebunden waren. Es gehörte Geschick dazu, mit dem sogenannten Bücherpapier die Einbände akkurat zu falten.

Im nachhinein stelle ich fest, dass mir damals das alles nicht besonders gut gefiel, es prägte mich aber, ich möchte diese Lehre nicht missen.

Zu Beginn der ersten Unterrichtsstunde fand täglich eine Sauberkeitskontrolle der Hände, Kleidung und manchmal sogar der Ohren, die wir Schüler häufig gegenseitig kontrollieren mussten, statt. Bei dieser Selbstkontrolle trugen wir hin und wieder Rangkämpfe aus, die nach dem Geist der Zeit – die Stärksten sollten sich durchsetzen – von einigen Lehrern nicht nur geduldet, sondern sogar unterstützt wurden. Der „Schülerkontrolleur“ stufte die Ohren der Mitschüler, die sich nicht den Wortführern unterordnen wollten, z.B. grundlos als schmutzig ein und Unschuldige erhielten Tadel oder Bestrafungen. Körperlich Starke – oftmals Sitzenbleiber - die  Schwierigkeiten beim Lernen hatten, erlangten daraus manchmal Vorteile gegenüber Mitschülern mit guten schulischen Leistungen, die ihnen sonst verwehrt blieben. Da ich nicht nur gut lernte, sondern auch körperlich fit war, gehörte ich zu den „Bestimmern“ in der Klasse. Es verleitete mich aber nicht dazu ein sogenannter Streber zu werden. Eigene Lernergebnisse stellte ich uneigennützig auch meinen Mitschülern zur Verfügung. Ich glaube die Lehrer merkten das, ich konnte mich meistens ihrer Sympathie erfreuen. Das drückte sich auch darin aus, dass ich oft Schüleraufsicht führen musste, wenn während des Krieges die Lehrer gleichzeitig mehrere Klassen betreuten. Meine Vorrangstellung unter den Schülern sollte ein Ende finden, als in den letzten Kriegsjahren Kinder aus „bombengefährdeten“ Gebieten, aus Berlin und aus dem Rheinland, in unsere Klasse kamen. Die aus größeren Städten kommenden Schüler glaubten uns überlegen zu sein. Ich erinnere mich, dass ich mich einmal in einer Pause mit einem solchem „Dazugekommenen“ derart auf dem Schulhof prügelte, dass letztlich ein Lehrer dazwischen ging, weil wir uns sonst wahrscheinlich gegenseitig Verletzungen zugefügt hätten. Alle Schüler standen um uns herum, sie schirmten uns vom Blickfeld des aufsichtsführenden Lehrers ab; wahrscheinlich muss aber jemand den Pauker geholt haben, weil sie befürchteten wir würden uns gegenseitig erschlagen. Nach diesem Kampf, ich galt als der Kräftigere, erinnere ich mich, war meine Vormachtstellung wieder gesichert.

In den ersten Schuljahren mussten in den Unterrichtspausen grundsätzlich alle Schüler die Klassenräume verlassen; unter Aufsicht der Lehrer hielten wir uns im allgemeinen recht gesittet auf dem Schulhof auf. Nach dem Ende der Pausenzeit ertönte ein erstes  Klingelzeichen als Aufforderung uns in 2 Reihen vor die Eingangstür des Schulgebäudes zu stellen. Nach einem weiteren Klingeln war Ruhe angesagt und wir marschierten artig ins Klassenzimmer. Diese Regeln verflachten in den späteren Schuljahren, weil es dann auch zu wenig Lehrer für die Aufsicht gab. Wirklich ausgelassen konnten wir nur außerhalb der Schule und der Sichtweite der Eltern sein. Darüber hinaus wurden wir auch von anderen Erwachsenen häufig verpetzt, wenn wir uns mal nicht anständig benommen hatten.

Wenn der Lehrer den Klassenraum betrat, sprangen wir alle auf und standen in ordentlicher Haltung neben unseren sehr unbequemen Schulbänken. Nach erfolgter Meldung durch den Schüler vom Dienst ertönte das Kommando: „Setzen!“ Wir getrauten uns kaum während des Unterrichts zu schwatzen; zur Beantwortung der Fragen mussten wir grundsätzlich aufstehen.

Halbjährlich gab es Schulzeugnisse; der darin enthaltenen Zensur für Ordnung sahen wir oft mit Bangen entgegen. Aus heutiger Sicht ist mir bewusst, dass gerade diese Einschätzungen sehr subjektiv getroffen wurden; Schülern, die sich manchmal nur durch Kleinigkeiten die Sympathie des Lehrers verscherzt hatten, halfen keinerlei Anstrengungen eine gute Note zu bekommen. Außerdem hatten wir Jungen, die wir vielfach alles nicht so akkurat wie die Mädchen machten, kaum Aussicht hierin ein sehr gut zu erreichen.

Diszipliniertes Verhalten lernte ich nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause. Grundsätzlich musste ich erst die während unserer Schulzeit sehr reichlichen Hausaufgaben erledigen, bevor ich mich anderen angenehmeren Beschäftigungen widmen konnte. Zu wenig Lehrer, junge Männer mussten zum Kriegsdienst, häufiger Fliegeralarm und die Erledigung von sogenannten kriegswichtigen Aufgaben (Heilkräuter sammeln, Betreuung einer Seidenraupenzucht, Hilfsdienste für den Luftschutz) führte zu einem ganz enormen Unterrichtsausfall, der durch mehr Hausaufgaben einigermaßen kompensiert werden sollte.

Als die Zeit herankam, dass ich hätte ein Gymnasium besuchen können, mit einem Leistungsnotendurchschnitt von 1,9 reichten meine schulischen Leistungen hierfür aus,  akzeptierten meine Eltern meinen Wunsch mich dann ab 7. Klasse für die Oberrealschule zu bewerben. Diese Bildungsmöglichkeit nannten wir „Aufbauschule“, die in der Regel mit Abschluss „Mittlere Reife“ endete, wo aber auch das Abitur möglich war. Dort gab es eine gezielte Orientierung auf naturwissenschaftliche Fächer, die mir mehr lagen als die im Gymnasium geförderten Sprachen. Dieser Schulwechsel stand dann 1944 zur Debatte und ich bestand die erforderliche Aufnahmeprüfung. Der mögliche  Schulort Greiz  ist 15 km von meinem Heimatort entfernt. In dieser  Zeit gab es aber sehr häufig Fliegeralarm. Ich konnte in mancher Woche nur 8 Stunden am Unterricht teilnehmen. Unter diesen erschwerten Bedingungen entstand so viel Unterrichtsausfall, dass ich zweckmäßiger Weise die Volksschule in Hohenleuben weiter besuchte. 

Die Schulbildung soll, so heißt es in vielen Publikationen, früher auf dem Lande schlechter als in den Städten gewesen sein. Ich meine , dass sich dies schon in den 1930er Jahren, ohne dabei die ideologischen Inhalte einzubeziehen, nach und nach veränderte. Selbst sammelte ich hierzu einige Erfahrungen. Unsere Kleinstadt mit ca. 2000 Einwohnern behielt trotz Stadtrechte, die 1928 verliehen wurden, Dorfcharakter; im weitesten Sinne besuchte ich eine Schule auf dem Lande. Als in den letzten Kriegsjahren Kinder aus Berlin und großen Städten aus dem Rheinland wegen der dortigen Bombengefahr zu uns kamen, spürten wir, dass deren schulisches Wissen nicht besser war als unseres.

Ich habe überlegt, ob ich die Noten von meinem 1946 erhaltenen Entlassungszeugnis  der Grundschule, sie hieß  bis ein Jahr vorher Volksschule,  hier darstellen soll; von meinen Kindern verlangte ich, als sie später im gleichen Alter waren, viele Einsen. Ich selbst hatte aber nur durchweg gut und in Singen sogar eine 3.

 

 

 
   


Entlassungszeugnis:

 

 

 

Noten: sehr gut = 1, gut = 2, befriedigend = 3, mangelhaft = 4,

ungenügend = 5.

 

Mit diesem Zeugnis konnte ich nicht immer die von mir gern hervorgehobene Vorbildwirkung dokumentieren. Trotzdem siegt meine Ehrlichkeit, weil diese Lernergebnisse auch unter dem Blickwinkel der damaligen Umstände – Krieg und unmittelbare Nachkriegszeit – zu beurteilen sind. Wie bisher ausführlich beschrieben, musste ich in dieser Zeit viele Arbeiten ausführen, die unter normalen Verhältnissen Erwachsenen zugestanden hätten. Der Zeitfond zur Erledigung schulischer Aufgaben war damit ebenfalls stark eingeschränkt. Weil mir das Lernen immer leicht fiel, konnte  ich mit ausgewogener Planung, die mir damals aber gar nicht bewusst war, alles günstig unter einem Hut bringen, wie wir umgangssprachlich sagten. Die dargestellten Noten sicherten mir in der Klasse einen vorderen Platz und bessere hätten durchaus nach Strebertum, das ich stark verabscheute, ausgesehen. Ich erinnere mich, dass ich vielfach für Mitschüler Schulaufgaben löste, um unsere gemeinsame Freizeit zu verlängern; das wirkte sich aber hin und wieder negativ für die Benotung meiner persönlichen Leistungen aus. 

Ich will  ferner versuchen in den aufgeführten Schulfächern Vergleiche darzustellen, mit welchem Wissen ich und dagegen die Gymnasiasten aus der Stadt, mit denen ich ab 1946 dann die Oberschule besuchte, aufwarten konnten.  Gleichermaßen zeigt das folgende Zeugnis, das ich dort nach dem ersten Schulhalbjahr erhielt, einen fast gleichen Notenspiegel wie das vorn genannte Dokument der Grundschule. 

 

 
   


In Russisch hatten wir eine so strenge Lehrerin, bei der eine 3 eine Traumnote war, 1 oder 2 hatte niemand. Der Vordruck stammte noch von der Aufbauschule.

Eine Note für  „Englisch“ erhielt ich nicht, weil ich innerhalb eines halben Jahres  den Unterrichtsstoff von 2 Jahren nachholen musste; das gelang mir durch intensives Lernen und Nachhilfe bei einer sehr guten Lehrerin meines Heimatortes.

In den folgenden Schuljahren gab es in den einzelnen Fächern einige geringe Leistungsschwankungen zwischen 1 und 2; 1950 bestand  ich das Abitur mit „gut“.

Bis Anfang 1947 hatten wir keinen Geschichtsunterricht, weil sich die Lehrkräfte auf diesem Gebiet wahrscheinlich erst neu orientieren mussten. Als Ersatz gab es „Gegenwartskunde“ ohne Zensuren.

 

Nachholbedarf  hatte ich in „Deutsch“, ich musste die lateinischen  grammatikalischen  Bezeichnungen lernen, da ich bisher nur die deutschen Begriffe kannte; das ging aber recht schnell. In Literatur war der neu zu lernende Stoff für uns alle ein gewisser Neuanfang. Von Dichtern, die im 3. Reich verboten waren, hatten wir bisher noch nichts gehört; mit Spannung lasen wir deshalb Werke von Heine, Mann, Gorki, Puschkin u.a. Von den deutschen Klassikern wusste ich vom Grunde her über Goethe, Schiller und andere ebensoviel wie meine Mitschüler, die schon länger die höhere Schule besucht hatten. Sie hatten vieles über Biografien und Dramen gehört, aber ich konnte Gedichte auswendig. Es fiel mir gar nicht schwer mit zu reden und die Lehrer akzeptierten z.B., dass ich besonders Lessing verehrte, weil ich von diesem schon einiges mehr in der Volksschule gehört hatte.

In der Rechtschreibung haperte es bei mir etwas, weil es mir von den ersten Schuljahren an schwer fiel, unseren recht ausgefallenen Dialekt zu verdrängen. B und P sowie D und T benutzte ich häufig so, wie wir die Worte aussprachen und das war oft falsch. Wir hatten in unserer Volksschule eine recht gute Anleitung beim Schreiben von Aufsätzen, weniger was die Themen betraf, die waren nach nationalsozialistischem Muster gestrickt, aber in Übungen für einen ansprechenden Stil. So kam ich auch hier von Anfang an in der Oberschule recht gut mit.

In Mathematik hatte ich nur anfangs Probleme, ich beherrschte zwar die Grundrechenarten oft besser als meine gymnasialen Mitschüler, aber in Algebra und Geometrie musste ich viel aufholen. Das Große Einmaleins, die Zinsrechnung, Zahlenkolonnen addieren, alles Rechnen für den täglichen Gebrauch war mir - auch verbunden mit vielen Übungen - beigebracht worden, aber nun kam die „höhere Mathematik“, mit der ich erst vertraut werden musste; das ging allerdings sehr schnell, weil es mein Lieblingsfach wurde.

Physik, Chemie und Biologie kannte ich von der Volksschule her als Naturkunde. Hier meinte ich anfangs, das stellte sich aber später als falsch heraus, dass ich bis zur 8. Klasse nur  ganz primitive Kenntnisse vermittelt bekommen hätte. In diesen Fächern waren mir nicht nur fast alle lateinischen Bezeichnungen, mit denen meine Klassenkameraden operierten, neu, sondern auch von vielen Gesetzen aus diesen Fachgebieten hatte ich bisher noch nichts gehört. Zu dieser Situation fallen mir aber heute die Worte Goethes ein, der im Faust zum Ausdruck bringt: „Grau teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.“.

Im Volksschulunterricht lernte ich vieles, das ich im praktischen täglichen Leben sehr gut anwenden konnte. Das waren unter vielen anderen: die Hebelwirkungen, mit einer langen Stange ließ sich beim Hochheben einer schweren Last die eigene Kraft vervielfältigen; die Temperaturen und der Druck, in einem Topf mit Deckel kocht das Wasser schneller; von abgekochter Milch wird man nicht krank, weil die Tuberkulosebakterien abgetötet werden; die deutschen Namen der einheimischen Pflanzen und Tiere lernte ich nebenbei, ich sah sie oft in der Natur. Mit diesen Grundwissen, das teilweise den anderen fehlte, hoben sich  schnell  meine eigenen Wissenslücken auf.

In Erdkunde kannte ich meine Heimat viel besser als die Gymnasiasten, weil wir das Fach Heimatkunde hatten, das bei diesen ohne Bedeutung war.

Ob das Bildungsniveau während meiner Volks- und Oberschulzeit den gestellten Anforderungen der Gesellschaft gerecht wurde, vermag ich nur schwer zu beurteilen; mir fehlen Vergleiche. Zu Beginn meines Studiums 1950 stellte ich aber fest, dass ich in den Fächern Physik, Chemie und Biologie durchaus gute solide Grundkenntnisse und sogar praktisches Wissen erworben hatte.

 

 Deutsches Jungvolk

 

Mit 10 Jahren wurde ich Pimpf im Deutschen Jungvolk (DJ). Ab dieser Zeit schwand der Einfluss der Eltern und Großeltern immer mehr meine Begeisterung für das „Kriegsspiel“ zu dämpfen. Gern machte ich bei sogenannten Geländespielen mit. Ich kannte auch alle Dienstgrade des Heeres, der Marine und Flieger, die Typen der Panzer und Flugzeuge und ähnliches. All diese Dinge lernten wir freiwillig. Die Eltern vermieden es aber in dieser Zeit, sich kritisch zur nationalsozialistischen Erziehung in Schule und Hitlerjugend zu äußern. Sie brachten mich nicht in Gewissenskonflikte; nur sehr vorsichtig wiesen sie ab und zu auf die Widersprüche zwischen dem propagandistischen Getöse und der Wirklichkeit hin. Retrospektiv kann ich mit einigen mir im Gedächtnis gebliebenen Erlebnissen  dieses Verhalten erklären. 

Im DJ, der Kinderorganisation der Hitlerjugend, gestaltete sich die Erziehung nach der bekannten Losung: Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde; sie war außerdem auf die Vorbereitung zum Soldatentum ausgerichtet. Neben der Disziplin vernahmen wir hier die Begriffe: Gehorsam, Einsatzwille, Kameradschaft und Tapferkeit. Begeistert beteiligten wir Kinder uns im „Kriegseinsatz der Hitlerjugend“. Wir bastelten Spielzeug für Kinder von Soldaten, die an der Front waren; an diese schickten wir auch z.B. Weihnachten „Selbstgebasteltes“. Für das Winterhilfswerk sammelten wir Geld; für Partei- und Luftschutzdienststellen und im letzten Kriegsjahr für den Volkssturm erledigten wir Meldegänge mit hohem Pflichtbewusstsein. Ein persönliches Erlebnis beweist, dass wir selbst gefährliche Aufgaben erfüllen mussten.

Ich  erhielt im März 1945  den Befehl, gemeinsam mit einem Schulkameraden in unserer Kreisstadt scharfe Gewehrmunition für den Volkssturm unseres Ortes zu holen. Wir fuhren mit unseren Fahrrädern los, weil fast alle PKW für kriegswichtige Aufgaben beschlagnahmt waren. Zu dieser Zeit beschossen schon  sehr häufig amerikanische Tiefflieger  Fahrzeuge und Menschen auf  den Landstraßen; das erlebten auch wir mit unserer gefährlichen Fracht. Noch heute spüre ich die Beklommenheit und Angst, mit der ich meinen ersten Beschuss überstanden hatte. Unwillkürlich habe ich gebetet, als ich merkte, wir leben noch. In Deckung des Waldes und über Feldwege sind wir unbeschadet nach Hause gekommen. Die scharfe Munition haben wir beim Volkssturmkommandanten abgeliefert. Retrospektiv bleibt mir unerklärlich, dass damals wir Kinder schon zu solch gefährlichen Missionen verpflichtet wurden und unsere Eltern nicht stärker protestierten.

Zur Unterstützung der Luftschutzwarte durfte ich mich in einen großen Luftschutzraum unseres Ortes, in den wir gingen, wenn während der Schulzeit Fliegeralarm kam, an den Ausgangstüren postieren. Erst nach der Entwarnung gestatten wir den Leuten das Verlassen des Raumes. Ein Auftrag, den ich mit viel Selbstbewusstsein und teilweise sogar mit Überheblichkeit ausführte.

In meinen Kindheitserlebnissen habe ich bereit beschrieben, dass wir im Jungvolk sogenannte Mutproben zu bestehen hatten. Als zehnjährige Pimpfe mussten wir z.B. im Freibad – ob Schwimmer oder Nichtschwimmer -  vom Dreimeterturm springen. Ich gehörte zu den Favoriten, die mithalfen, die Ängstlichen vom Sprungbrett zu stoßen. Manche Jungen erreichten oft nur durch panisches Paddeln und Strampeln mit viel Angst den rettenden Schwimmbeckenrand. Heute wundere ich mich, dass damals nichts Ernsthaftes passierte.

 

Pimpfe und Hitlerjungen, Jungmädel und BDM – Mädchen waren verpflichtet an den „Heimabenden“, die wöchentlich an einem bestimmten Werktag nachmittags stattfanden, teilzunehmen. In der Volksschule unseres Ortes waren alle Schüler ab dem 10. Lebensjahr Mitglieder des Jungvolks. Wir trafen uns deshalb auch  fast alle zu den Heimabenden. Die wenigen, die versuchten zu schwänzen, mussten von den Eltern unterschriebene Entschuldigungen vorlegen; nach meiner Erinnerung wurde hierfür nur Krankheit anerkannt. Ich empfand die Heimabende nicht als „Zwangsveranstaltungen“; mir gefiel es recht gut, dass ich z.B. als 12jähriger die Veranstaltungen der Jüngeren leiten, Texte aus den vorgegebenen Schulungsmaterial  vortragen und Anleitung beim Basteln geben durfte. Aus heutiger Sicht erkenne ich, dass dabei mit propagandistischen Tricks unser Ehrgeiz angestachelt und uns das Führerprinzip anerzogen wurde. Mehrmals schrieben wir z.B. den Lebenslauf unseres Führers. Der Anfang, der von allen gleichlautend niedergeschrieben wurde, lautete: „Adolf Hitler wurde am 20. April 1889 in Braunau am Inn geboren. Sein Vater war östreichischer  Zollbeamter.............“

Die Hitlerverehrung war enorm. Ich entsinne mich, dass wir Pimpfe in der Adventszeit 1943 an einem bestimmten Tag an die Bahnstrecke in der Nähe des Haltepunktes Hohenleuben beordert wurden. Es war gemeldet worden, dass der „Weihnachtsbaum des Führers“ auf einem offenen Güterwaggon zu einer angekündigten Zeit vorbei fahren würde. Pflichtgemäß begaben wir uns an den Bahndamm und jubelten den Baum zu, der nach meiner damaligen Vorstellung riesengroß und herrlich gewachsen war. Wir sahen aber nur, dass die schöne Tanne mindestens zwei Güterloren einnahm und  freuten uns über das Geschenk, das unser geliebter Führer vom deutschem Wald erhielt. Das Wort Christbaum kam allerdings nicht über unsere Lippen.

 

Ich wollte immer ein vorbildlicher Pimpf sein oder recht schnell Hitlerjunge werden, dafür verging mir die Zeit viel zu langsam.

 

Bis 1943 waren wir besonders begeistert von den Siegen der deutschen Wehrmacht. Selbst als der Kampf um Stalingrad tobte, gab es noch immer Siegeszuversicht.  Unser Lehrer verkündete die Kapitulation in dieser hart umkämpften Stadt als großen Sieg.  Mein Vater hatte mir diese  Niederlage anders erklärt, mich aber streng ermahnt, darüber in der Öffentlichkeit nicht zu sprechen. Ich hielt mich an diesen Hinweis und hatte nunmehr doch manchmal heimliche Zweifel an den Offenbarungen unseres Lehrers. Das zeigte sich fortan beim Rückzug der deutschen Armeen im Osten, in Afrika, bei der Landung der Alliierten in der Normandie und auf allen Kriegsschauplätzen. Trotzdem blieb bei mir, das weiß ich noch heute, immer ein Hoffnungsschimmer auf den deutschen Sieg.

Noch immer bin ich erstaunt über das Vertrauen meiner Eltern, dass ich im letzten Kriegsjahr Radio London, einen Feindsender, mit hören durfte. Wir stülpten einen großen Pappkarton mit doppelten Wänden über das Radio und steckten unsere Köpfe darunter. Von außen hörte man fast nichts, denn besonders verräterisch war das bekannte Pausenzeichen dieses Senders. Mich schockierte sehr oft die Widersprüchlichkeit der  deutschen Radiomeldungen und der Wochenschauen gegenüber diesen Auslandsnachrichten. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass sich nicht unsere Siegesmeldungen, sondern die vom Feind gemeldeten Niederlagen letztlich bewahrheiteten.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis Ende 1944 auf dem Bahnhof in Weimar. Ich fuhr als Jungvolkführer per Bahn in die Thüringer Landeshauptstadt zu einer Konferenz. Wegen Fliegeralarm rollte unser Zug auf ein Abstellgleis. In der Nähe standen Viehwaggons, aus deren Luken ausgemergelte und verzerrte menschliche Gesichter schauten. Ich sah, wie am Zug entlang SS – Soldaten liefen, die mit Stöcken gegen diese Antlitze schlugen und die Öffnungen schlossen. Das waren für mich grausige Bilder, die ich lange nicht vergessen konnte. Ich fragte meinen Lehrer was mit diesen Menschen geschieht. Er sagte: „Das sind Gefangene, arbeitsscheues Gesindel, die in Lager zur Umerziehung gebracht werden.“ Von meinen Eltern erhielt ich nur ausweichende Antworten mit dem Hinweis, über die mich sehr bewegenden Erlebnisse mit niemand in der Öffentlichkeit zu reden.

Erst in späteren Jahren konnte ich ermessen, wie schwer es meine Eltern damals hatten, wenn sie einerseits mich nicht in Gegensätze zur Erziehung in Schule und Hitlerjugend bringen wollten, aber andererseits auch meinen manchmal blinden Enthusiasmus für das Hitlerregime bremsen mussten. Daraus erkenne ich heute die Bedeutung der Meinungsfreiheit.

Die auf Stärke, Macht und teilweise Menschenverachtung ausgerichtete Gesellschaft während meiner Kindheit bis 1945 wirkte sich nicht negativ auf mein Leben aus. Mich haben im Eltern- und Großelternhaus sehr friedliebende Menschen erzogen. Sie brachten es fertig, dass ich meine im Jungvolk erlebten Machtspiele im häuslichen Umfeld vergaß und mich hier ganz anders verhielt.   Die nach dem Kriegsende auch mir bekannt gewordenen Gräueltaten prägten meine künftige Haltung zur strikten Ablehnung jeglicher Gewalt, die ich als Kind in Jungvolk erlebte und die ich durch den Krieg verherrlicht sah. Besonders aus diesem Grunde will ich meine diesbezüglichen Kindheitserlebnisse, die teilweise ein typisches Bild dieser Zeit sind, darstellen. Ich will damit meine Nachfahren zum Nachdenken anregen, ich würde mich freuen dadurch Verbündete für Toleranz sowie Achtung des Lebens und der Menschenwürde zu gewinnen.

 

Epilog

 

Am liebsten hätte ich als ca. 14jähriger, bis zu diesem Alter sind Jungen nach wissenschaftlichen Definitionen Kinder,  den folgenden  Abschnitt Jugendlicher gleich übersprungen. Ich wollte überaus schnell Erwachsener werden, diese hatten in meinen Augen viele für mich erstrebenswerte Rechte. Der Eintritt ins Erwachsenenalter, das weiß ich heute, ist in den einzelnen  Kulturkreisen sehr unterschiedlich, und beginnt in der Regel mit der Unabhängigkeit von den Eltern. Darauf musste ich jedoch noch bis zu meinen 26. Lebensjahr, dem Abschluss meines Studiums, warten. Damit war ich nach den Begriffsbildungen in der Literatur von 1945 bis 1957 Jugendlicher, handelte aber bereits nach den Krieg in vielen Fällen wie ein Erwachsenerer; wir Kriegskinder waren wahrscheinlich durch die turbulente Zeit auch schneller reif geworden. Entsprechend des gewählten Themas – „Erzählungen über eine Kindheit“ – bilden diese Sätze den Ausklang der Publikation. Beweisen will ich aber noch, wie ich mich in der Durchsetzung meines Berufswunsches ab 1946 gegenüber meinen Eltern schon relativ selbständig verhielt.

Nach meinem Schulabschluss galt es eine Lehrstelle zu finden. Die meisten Betriebe befanden sich in der Umstellung von der Rüstungs- zur Friedensproduktion und wollten sich nicht mit Ausbildungsplätzen belasten. Durch Beziehungen meines Vaters gelang es mir bei den Technischen Werken in Gera, einer Außenstelle von Zeiß – Jena, eine Lehrstelle als Dreher und Fräser zu erhalten. Vier Wochen lang hielt ich das  „Eingesperrtsein“  aus. Es gefiel mir absolut nicht, nur totes Material zu bearbeiten. Ich ließ mir einen Tag frei geben und fuhr ohne jemanden zu informieren in unsere Kreisstadt Greiz. Dort ging ich zur Oberschule, legte dem Direktor meine bisherigen Schulunterlagen und Zeugnisse vor und erhielt den sofortigen Bescheid, dass ich in 2 Tagen zum Unterricht kommen kann. Ich wollt unbedingt das Abitur machen,  um meinen angestrebten Beruf „studierter Landwirt“ zu realisieren; dieses Ziel motivierte mich übrigens während meiner gesamten Schulausbildung. Ich wurde nicht Agronom sondern Tierarzt, ein mit der Landwirtschaft eng verbundener Beruf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeitzeugenbericht zu ausgewählten Erlebnissen bei der Entwicklung der  Land-  und Nahrungsgüterwirtschaft in den vergangenen 65 Jahren

 

 

 

Mein bewusstes Erinnern, als heute Siebzigjähriger, beginnt ungefähr im Jahre 1937. Ich erlebte seitdem ernsthafte, lustige und originelle  Episoden, die in mannigfaltigster Weise mit der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft und dem Leben auf dem Lande verbunden waren. Hierüber will ich berichten.

 

Sehr unterschiedliche Gesellschaftsordnungen und Wirtschaftssysteme beeinflussten mein Denken  und Handeln:

 

-          Als Kind erlebte ich den Nationalsozialismus mit kapitalistischer Wirtschaft.

 

-          In der unmittelbaren Nachkriegszeit erfuhr ich als Jugendlicher einen politischen und wirtschaftlichen Neuanfang in der sowjetischen Besatzungszone.

 

-          Die längste Zeit meines späteren Lebens als  Student und Tierarzt verbrachte ich in einem Staat, in dem ein real existierender Sozialismus mit einer Planwirtschaft aufgebaut wurde.

 

-          Fast am Ende meines Berufslebens  lernte ich eine demokratische Ordnung mit einer sozialen Marktwirtschaft kennen.

 

 

 

Schon als Vorschulkind beantwortete ich die Frage nach meinem Berufswunsch mit einer lautstarken, unumstößlichen Sicherheit:  Bauer.

 

Ich wuchs in einer Kleinstadt  in Ostthüringen mit ungefähr 2500 Einwohnern auf. Meine Eltern wohnten zusammen mit meinen Großeltern mütterlicherseits in einem kleinen Bauernhof. Mein Großvater war, so würde man es heute bezeichnen: „Nebenerwerbs – Landwirt“, aber in den dreißiger Jahren schon im Rentenalter. Er hatte von seinen Eltern, die eine Windmühle besaßen, Ländereien geerbt, die er leider in der Inflationszeit zu einem großen Teil verkaufte. Damit war die ohnehin kleine Landwirtschaft so zusammengeschrumpft, dass er sie mit Unterstützung von uns Familienmitgliedern  noch im hohen Alter bewältigen konnte. Von meinem Opa und den Bauern in unserer Nachbarschaft lernte ich sehr gründlich die meisten landwirtschaftlichen Arbeiten kennen. Damals war auf einem Bauernhof vieles noch sehr mühevoll, mit großer körperlicher Anstrengung und viel Handarbeit verbunden. All das konnte mich aber nicht von meinem Berufswunsch abbringen. Im Vordergrund stand dabei stets der Umgang mit Tieren, wofür  ich gern manche Erschwernis auf mich nahm.

 

Die nationalsozialistischen  Parolen: „Deutschland braucht Siedlungsraum im Osten“ kamen ebenfalls meinen Wünschen entgegen, weil ich davon träumte, später einmal Verwalter in einem großen landwirtschaftliche Gut in den Ostgebieten zu werden. Wenn ich mich mit diesen hohlen Sprüchen vor meinen Eltern, Verwandten oder Bekannten hervortat, verspürte ich meist deren ablehnende Haltung.  Sie brachten mich jedoch auch in diesem Zusammenhang nicht in Konflikte oder Widersprüche zu der offiziell in der Schule gelehrten nationalsozialistischen Ideologie. Erst nach dem Kriege erfuhr ich, dass sie das Hitlerregime stark ablehnten, aber wohl auch Angst hatten dies einem Kind allzu deutlich merken zu lassen.

 

Während dieser Zeit waren die Lebensverhältnisse auf dem Lande  anders als in der Stadt. Obwohl mein Heimatort Stadtrechte besaß, herrschte dort  der Dorfcharakter vor. Das zeigte sich vor allem  in den Wohnverhältnissen und besonders hinsichtlich der sanitären Einrichtungen. In fast allen Häusern und Gehöften standen landwirtschaftliche Nutzungsmöglichkeiten aller Räume und Anlagen im Vordergrund. Es wäre einer Sünde gleichgekommen, wenn die häuslichen Fäkalien nicht für die Düngung der Gärten, Wiesen und Felder Verwendung gefunden hätten. Ich kannte nichts anderes als sogenannte Plumpsklos über der Miststätte oder der Jauchegrube des Stalles. Als  Siebenjähriger sah ich zum ersten Mal bei meiner Tante in der Stadt eine Toilette mit Wasserspülung. Dieser verschwenderische Umgang mit dem wertvollen Dünger und dem Wasser wollte mir gar nicht einleuchten, worin ich durch meinen Großvater noch bestärkt wurde. Schon im Vorschulalter hatten mir meine Eltern ein Stück Gartenland mit ca. 200 Quadratmeter Fläche zur Bearbeitung und Nutzung überlassen. Dort konnte ich unter ihrer Anleitung und mit ihrer Unterstützung bei sehr schweren Arbeiten fast selbständig eine Rasenfläche, Gemüse- und Erdbeerbeete, Beerensträucher sowie eine kleine Fläche für Kartoffeln und Rüben bearbeiten, pflegen und abernten. Dadurch wusste ich wie wertvoll natürlicher Dünger war, um gute Ernten zu erzielen. Es gab sogar schon ein gewisses Wetteifern mit gleichaltrigen Spielkameraden, die ähnliche Gartengrundstücke besaßen. Es ging hierbei um die meisten, besten und größten Früchte. 

 

Bevor ich weiter über meine Lehrjahre beim Umgang mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten berichte, will ich noch von einigen Menschen und den Verhältnissen in unserer Familie und Kleinstadt erzählen, die mich damals beeindruckten und  mir bis heute als Besonderheiten in Erinnerung blieben. 

 

Mein Großvater mütterlicherseits war ein äußerst sparsamer, einfacher und sehr disziplinierter Mann. Er war stark mit der Landwirtschaft verbunden und anerkannte Kirche und Staat als unanfechtbare Institutionen. Retrospektiv frage ich mich worauf sich dieser Wesenszug begründete und ob dies vielleicht sogar vererbt werden kann. Auch ich erkenne bei mir, wohl aber durch die Erziehung in der Hitlerjugend und im Jungvolk  mit beeinflusst, ähnliche Charaktereigenschaften. Bei meinem Vorfahr glaube ich zumindest teilweise eine Begründung  für seine Verhaltensweise gefunden zu haben. Er war der Älteste von 13 Kindern in einer Familie, in der das Einkommen eines Windmüllers gerade reichte die vielen Münder zu sättigen und die Sprösslinge zu kleiden. Extras gab es da nicht und die Eltern waren froh als mein Großvater mit 14 Jahren außer Haus ging und den Dienst bei einem Bauern aufnahm. In seinem Nachlass fand ich ein Exemplar eines Auszuges der Gesindeordnung vom 23.Januar 1841 und dazu einige handschriftliche Notizen, aus denen hervorging, dass er sich bei allen seinen Dienstherrschaften nie eines Vergehens schuldig gemacht hatte. Ihn begleiteten beste Zeugnisse von Herrschaft zu Herrschaft.

 

Aus den Text der genannten Ordnung erkannte ich 2 Aspekte, die mir wichtig erscheinen:

 

Erstens erforderten die strengen Bestimmungen unbedingten Gehorsam und Unterordnung, wenn man sich, wie mein Großvater, nichts zu Schulden kommen lassen wollte. Vier typische Abschnitte aus den Pflichten des Gesindes gegen die Herrschaft will ich in diesem Rahmen hervorhebend zitieren:

 

-          „Das Gesinde ist verpflichtet für seine Herrschaft den ganzen Tag zu arbeiten, auch nach der bestehenden häuslichen Ordnung sich zur Ruhe zu begeben und früh aufzustehen. Es darf unter dem Vorwande zu verrichtender Arbeit, ohne Bewilligung der Dienstherrschaft nicht über die Zeit, wo sich die Familie des Dienstherrn zur Ruhe begibt, aufbleiben.

 

-          Das Gesinde hat sich sowohl in als außer dem Hause der Herrschaft eines gesitteten, anständigen Lebenswandels zu befleißigen. Der Herrschaft steht das Recht der Aufsicht über die sittliche Aufführung des Gesindes zu; sie darf diesen die geeigneten Verhaltensregeln vorschreiben und ihr die nötig scheinenden Verweise erteilen.

 

-          Die Herrschaft ist insoweit berechtigt , dem Gesinde unangemessenen Aufwand auf Kleidungsstücke, Essen und Trinken, Spiel und sonstige Vergnügungen zu untersagen, und der Dienstbote kann sich dagegen nicht mit der Einrede schützen, dass es für sein eigenes Geld geschehe.

 

-          Reizet das Gesinde die Herrschaft durch ungebührliches Betragen zum Zorn und wird in solchem von ihr mit Scheltworten oder geringen Tätlichkeiten behandelt, so kann es dafür keine gerichtliche Genugtuung fordern.“

 

 

 

Die strengen Verhaltensregeln begleiteten meinen Großvater während seines ganzen Lebens. Er konnte sie auch nicht ganz ablegen, als er dann eine eigene Familie gründete und sich eigentlich nicht mehr so unterordnen musste.

 

Zweitens zeigen die gesetzlichen Vorschriften, dass es in Deutschland schon von alters her gang und gäbe war alles bis ins letzte Detail festzulegen. Erfolgreiche Fortsetzung findet diese Methode in den Verordnungen der BRD und der EU.

 

 

 

Neben diesem sehr beschwerlichen Leben der Dienstboten auf dem Lande wurden mir aber auch einige lustige Geschichten bekannt:

 

Die Knechte und Mägde der Bauern beurteilten ihre Dienstherrschaft vorwiegend nach der Menge und Qualität des Essens, das sie bekamen. Durch Mundpropaganda wurde bekannt, in welchen Stellen es gute und reichliche Mahlzeiten gab. Diese Bauern hatten dann keine Not mit Personal. Geschichten über das, was auf den Tisch kam, wurden gern weiter erzählt.

 

Vom Friedrich, einem Knecht, der  sehr fleißig arbeitete und bei einem großen Bauern in Kauern in Stellung war, wurden mehrere lustige Episoden verbreitet. Er hatte sich ein besonders großes Messer gekauft, um viele Zutaten aufs Brot schmieren zu können. Die Bauersfrau versteckte es. Friedrich meinte dazu: „Ach, mein Messer ist weg, ich wollte mir sowieso ein größeres kaufen“.  Da legte die Bäuerin das Messer lieber wieder auf den Tisch. Friedrich hat gern Butter gegessen und auch viel aufgeschmiert. Der Bauer sagte: „ Friedrich, iss Quark, der kühlt.“ Der Knecht erwidert: „ Ich esse Butter und wenn ich gleich verbrenn.“ Auch beim Fett, das häufig auf den Tisch kam, hat er tüchtig zugelangt.  Die Bauersfrau sagte: „Friedrich, es ist Gänsefett, es kostet das Pfund ne Mark.“ Er darauf: „ Na, da ist´s auch nicht zu teuer.“ Die Dialoge wurden nicht im ursprünglichen Dialekt niedergeschrieben, weil sie sonst nur von Einheimischen verstanden würden.

 

Als mein Großvater 1893 mit 30 Jahren heiratete hatte er sich während seiner Dienstjahre bei Großbauern die Hälfte des zum Kauf eines kleinen Bauernhofes nötigen Geldes erspart. Den restlichen Anteil brachte meine Großmutter in die Ehe ein. Sie stammte aus einer  Kaufmannsfamilie. Ihr Vater handelte mit Leinen und Bettwäsche und sie erlernte  das Schneiderhandwerk. Als junges Mädchen hat sie in Rittergütern und bei Adelsfamilien  für die jungen heiratsfähigen Töchter die Aussteuer genäht. Sie hatte dabei manchmal Familienanschluss, was gleichzeitig eine Schule für Schicklichkeit, Etikette und vornehmes Benehmen war. Sie konnte sehr schön und interessant  erzählen und ich hörte als Kind sehr viel über die Lebensweise und Gepflogenheiten in großen Bauerngütern und Adelshäusern. Das spornte mich ebenfalls an, später kein einfacher Landwirt zu bleiben sondern mindestens Inspektor auf einem Gut  zu werden. Meine Eltern und Großeltern meinten immer, dass ich eine sehr ausgeprägte Phantasie habe und nutzten dies als Ansporn zum fleißigen Lernen.

 

 

 

Erst Anfang der vierziger Jahre wurden in der Straße, in der wir wohnten, Wasser- und Abwasserleitungen verlegt. Bevor der Anschluss an dieses öffentliche Netz möglich war, erfolgte bei uns die Versorgung mit dem wertvollen Nass aus einem 12 m tiefen Brunnen in unserem Garten. Eine Pumpe, selbst nur mit Handbedienung, war meinem Großvater zu teuer. Wir mussten mit einem Eimer, der an einer langen Stange mit einer Kette festgemacht war, das Wasser schöpfen. Noch immer erinnere ich mich der mahnenden Worte der Eltern zur Vorsicht bei dieser Tätigkeit. Auch beim Spiel mussten wir die Nähe des Wasserloches  meiden. Ich hatte deshalb oft Alpträume, dass die den Brunnen abdeckenden Holzbohlen einbrachen und ich in der Tiefe ertrank.

 

Das sehr saubere Trinkwasser wurde nie amtlich untersucht. Es entsprach aber bestimmt den heutigen Forderungen. Wir nutzten  es selbst noch im großem Umfange nach dem Anschluss an die öffentliche Trinkwasserversorgung, gegen die sich ohnehin mein Großvater lange gewehrt hatte.  Im übrigen leistete der Brunnen sehr häufig gute Dienste für uns und die gesamte Nachbarschaft, wenn in Trockenperioden zu wenig Wasser aus dem städtischen Versorgungsnetz zur Verfügung stand.

 

Die häuslichen Abwässer sammelten sich in unserem Haus in einer Grube im Keller. Sie flossen dann durch eine aus Natursteinen errichtete unterirdischen Leitung in einen offenen Abwassergraben. Dieser führte mit Anschluss weiterer Hausgrundstücke durch die Nachbargärten und mündete im tiefer gelegenen Stadtteich. Um besonders in der warmen Jahreszeit die Geruchsbelästigungen in Grenzen zu halten galt es in diesem Graben einen ständigen Wasserfluss zu sichern. Hierfür sorgten meist wir Kinder durch Regulierung des Abflusses aus einigen in den Gärten angelegten Teichen.

 

Die Errichtung und Erweiterung der städtischen Abwasseranlage galt als großer hygienischer Fortschritt und wurde als Verdienst unseres Bürgermeisters gewürdigt. Als aktiver Nationalsozialist hatte er die nötigen Beziehungen zu den übergeordneten Behörden und erreichte u.a., dass für die Baumaßnahmen Kriegsgefangene zum Einsatz kamen. Im Frühjahr 1941 bei oft sehr kaltem und regnerischem Wetter hoben in unserer Straße polnische Kriegsgefangene die erforderlichen Gräben für die Wasser- und Abwasserleitungen aus. Mit geringen Essenportionen und oft sehr unzweckmäßiger, schlechter Kleidung mussten sie schwer und hart arbeiten. Meine Großmutter steckte den jungen Männern hin und wieder Fettbrote oder auch warme Kartoffeln sowie Schuhe und Kleidungsstücke zu. Sie kam dabei, wie ich mich noch sehr deutlich erinnere, einige Male mit den Wachen in Streit und Konflikt. Sie war  eine zwar kleine aber sehr resolute Frau, die sich nicht einschüchtern ließ. Sie sagte zu den Posten: „Denkt an eure Kinder, wenn die z.B. auch in Gefangenschaft sind  und so schlecht behandelt würden. Im übrigen habe ich das silberne Mutterkreuz und der Führer würde einer solchen Frau bestimmt nicht verbieten diesen Menschen, die ja noch halbe Kinder sind, zu helfen.“ Um der Hilfe Willen nahm sie sogar das Wort Führer in den Mund, was ich sonst gar nicht von ihr kannte. Da hielt sie sich meist  zurück.

 

Französische und polnische Kriegsgefangene, die auch bei fast allen Bauern arbeiteten gehörten während des Krieges zum Stadtbild. Ein Pole hieß Nicolaus, und  er war ein hübscher junger Mann. Wenn er mit dem Pferdefuhrwerk Jauche oder Mist aufs Feld fahren musste machte er meist einen Umweg über den Marktplatz, durch die ganze Stadt. Er sagte mit den wenigen deutschen Worten, die er gelernt hatte: „Ich will schöne Fräuleins sehen.“ Die mahnenden Worte seines Bauern halfen nichts, er machte immer wieder Extratouren. Er und sein Kamerad trafen sich auch mit jungen Mädchen aus unserer Stadt. Das blieb nicht unbemerkt. Die beiden Gefangenen wurden  weggebracht und wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört. Es wurde gemunkelt, dass beide erschossen worden wären. Den beiden Mädchen, sie stammten aus angesehenen Familien,  wurden auf dem Marktplatz öffentlich die Haare abgeschnitten. Anschließend fuhr man sie auf einem Mistwagen durch die ganze Stadt. An das Schreien und jubelnde Getöse der Menschen, die aus der ganzen Umgebung angereist waren, um der entehrenden Veranstaltung beizuwohnen, kann ich mich noch heute erinnern. Es war alles sehr deutlich in unserem Hof, in einer Entfernung von  ungefähr einem halben Kilometer, zu hören. Meine Eltern gingen nicht dorthin und verboten auch mir an diesem makaberen Schauspiel teilzunehmen. Sie brachten, das weiß ich noch, ihre Empörung darüber zum Ausdruck, dass Menschen, die doch nichts bösartiges getan hatten, so gedemütigt wurden. Als der Mistwagen mit den kahlgeschorenen Frauen an unserem Haus vorbeifuhr, habe ich doch heimlich durch den Vorhang geschaut. Das Bild, vor allem den gequälten Gesichtsausdruck dieser Mädchen, konnte ich mein Leben lang nicht vergessen.

 

Der Frisör, der die Haare abschnitt und der Bauer, der den Mistwagen fuhr wurden dazu gezwungen. Dies und die Tatsache, dass mehrere Menschen diese  Geschehnisse verurteilten, erfuhr ich  erst nach dem Krieg.  Alle hatten Angst, denn wer opponierte musste mit unvergleichlich hohen Strafen rechnen. Außerdem nahmen sich alle vor uns Kindern in Acht, weil Beispiele bekannt wurden, dass Verwandte und Eltern von den eigenen Sprösslingen angezeigt worden waren. Es brauchte nicht einmal ein  organisierter Widerstand sein, allein abfällige Bemerkungen über Hitler und das System sowie der Empfang feindlicher Sender genügte für eine Strafverfolgung.

 

 

 

Meinen Großvater und Vater bin ich noch heute dankbar, dass sie mir so viele handwerkliche Tätigkeiten lehrten. Während meiner Kindheit waren besonders auf dem Lande für die Besitzer kleiner Häuser oder Gehöfte fremde Handwerkerleistungen zu teuer. Das Meiste musste selbst gemacht werden. Heute dagegen ist die Bewegung „ do it  yourself“ für viele, ohne die dringend gebotene Sparsamkeit, vorwiegend ein Hobby.

 

Mit Nägeln, Schrauben und allen Reparaturmaterialien wurde außerdem sehr sorgsam umgegangen, weil möglichst alles wiederverwendet werden sollte. Alles was Geld kostete, oder auch schwer zu beschaffen war, wurde aufgehoben. Wegen diese Eigenart, die ich nie ablegte, werde ich von unseren Kindern häufig gerügt. Sie wuchsen in eine „Wegwerfgesellschaft“ hinein, die sich auch bei uns im Osten Deutschlands im letzten Jahrzehnt  immer stärker entfaltete.

 

In eine alte Fußbank und einen nicht mehr benötigten Balken durfte ich nach Herzenslust Nägel einschlagen, musste diese aber auch wieder herausziehen und für die Wiederverwendung gerade klopfen. An der Schwachstromanlage einer elektrischen Spielzeugeisenbahn mit viel Zubehör und Beleuchtungen lernte ich die Prinzipien der Wechselschaltung und ähnlichem kennen. Gerade diese Kenntnisse konnte ich schon als Vierzehnjähriger praktisch anwenden, wenn es bei uns oder in der Nachbarschaft  Havarien an den Elektroleitungen in den Häusern und Wohnungen zu beheben galt.  Holz sägen und hacken, einfache und leichte Maurer-, Tischler- und Zimmererarbeiten sowie Reparaturen an Fahrrädern und kleineren landwirtschaftlichen Geräten lernte ich schon als Kind kennen und anwenden. Das waren Vorteile meines Aufwachsens auf dem Lande, die mich während meines gesamten Berufslebens positiv begleiteten. Anweisungen die ich später oft geben musste basierten deshalb auf eigenen praktischen Kenntnissen und Erfahrungen. Sie beeindruckten oft meine Mitarbeiter und die Angestellten in den landwirtschaftlichen Anlagen und Betrieben, in denen ich später beratend tätig war.

 

 

 

Mein Heimatort entsprach trotz Kleinstadt einer typischen Thüringer Landgemeinde. Neben kleineren und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben mit 1 bis maximal 10 ha  bewirtschafteten nur ein größeres Gut  mit über 100 ha die Acker-, Wald- und Wiesenflächen. Es gab deshalb Bauern, Kleinbauern, Nebenerwerbslandwirte, Landarbeiter, Fabrikarbeiter und Angestellte, die in den Nachbarstädten arbeiteten, Handwerker, Besitzer von Läden und kleinere Gewerbebetrieben sowie deren Angestellten. Das Verhalten und die Gewohnheiten dieser Menschen war kennzeichnend für das Landleben in den Enddreißiger und Vierziger Jahren, bis sich die Eigentumsverhältnisse in der Nachkriegszeit  grundlegend  änderten.

 

In der Kleidung war in meiner Kindheit  große Sparsamkeit gang und gäbe. Die Männer hatten meist nur einen sogenannten „Sonntagsanzug“, der zum Kirchgang und bei außergewöhnlichen Festlichkeiten getragen und zu hause immer gleich wieder abgelegt wurde. Außerdem wurden keine teuren Oberhemden angeschafft, sondern ein sogenanntes  „Chemisetel“ getragen. Das ist ein Kleidereinsatz, der auch „Hemdbrust“ genannt wird. Er besteht aus einem Kragen und einem so großen Hemdteil mit fest angenähten Schlips, damit der von der Weste her freie Brustteil bedeckt wird. Lederschuhe oder Stiefel wurden nur getragen, wenn man außer Haus ging. Für zu Haus gab es Holzpantoffel, die übrigens in einem kleinen Betrieb in unserer Nachbarschaft hergestellt wurden. Im Werksverkauf waren diese deshalb für uns sehr billig.

 

Ein richtiges Fest war für mich als Kind , wenn an einem Sonn- oder Feiertag Vater, Mutter und Großmutter mit mir in Wald und Flur spazieren gingen. Mein Großvater kam nie mit, weil er meinte: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Bei diesen  leider seltenen Ausflügen lernte ich die Namen der einheimischen Bäume, Pflanzen, Sträucher, Getreidearten und Gräser kennen und zu unterscheiden. Es gehörte einfach dazu, dass man als Kind vom Lande auf diesen Gebieten einigermaßen Bescheid wusste. Besonders Stolz war ich, als mir mein Vater  lehrte, wie man aus Weidenruten wohlklingende Pfeifen schnitzen kann. Trillerpfeifen kosteten relativ viel Geld und dieser Ersatz war außerdem als selbst gebasteltes Spielzeug wertvoller als gekaufte Sachen. Zur damaligen Zeit wurden übrigens ganz wenige Spielwaren gekauft und wir Kinder waren recht einfallsreich beim Herstellen von Gewehren und Degen aus Holz, Karren aus abgewrackten Kinderwagengestellen, Bauklötzern aus Abfallholz und ähnlichem.

 

 

 

In meinem Heimatort wurden die neuesten Nachrichten noch durch den „Klingelmann“ unter die Leute gebracht. Der Gemeindediener ging durch die Straßen und betätigte seine große Handklingel. Er blieb an bekannten Stellen stehen und las von einem Zettel  die aktuellen Mitteilungen ab.

 

Früher gab es in fast allen auch kleineren Städten eine Bierbrauerei, die sogar Wasser aus den Teichen verwendeten. Scherzhaft wurde deshalb erzählt, das im Nachbarort der Klingelmann folgendes mitgeteilt hätte: „Es wird hiermit bekannt gemacht, dass niemand mehr ins Wasser macht, denn Morgen wird gebraut.“

 

 

 

In meiner Kindheit und Jugend gab es noch keinen Joghurt und die vielen orientalischen sowie südländischen Früchte und Gemüsesorten. Wir kannten vor allem  Bananen, Zitronen und Apfelsinen, die zu den Delikatessen zählten und deshalb nur höchst selten gekauft wurden. Trotzdem konnten wir uns besonders auf dem Lande mit gutem einheimischen Obst und Gemüse gesund ernähren. Das soll nicht rückständig sein, aber eine etwas stärkere Orientierung  auf die bei uns gedeihenden Feld- und Gartenfrüchte würde ich schon begrüßen. Sehr  fortschrittlich ist das heutige Angebot an Tiefkühlgemüse, -Obst, - Früchte, und -Kost allgemein. Früher wurde eingekocht oder wir sagten eingeweckt dazu. Das heutige Tiefgefrieren mit immer neueren Verfahren, z.B. „gefriergetrocknet oder lyophylisiert“ ist wesentlich schonender für die ernährungsphysiologisch wichtigen Inhaltsstoffe der Lebensmittel als die früheren Methoden. Auch die Erhaltung des Aussehens und vor allem der natürlichen Farben ist bei diesem neuen Konservierungsverfahren besser. Erdbeeren in Gläsern eingeweckt werden z.B. sehr blass und unansehnlich, so dass ihre Verwendung für Torten ungeeignet ist.  Hinsichtlich Haltbarkeitsdauer gibt es keine Unterschiede, wenn das Einkochen mit nötiger Hitze und Sorgfalt erfolgte. Im Haushalt meiner Großeltern wurden jährlich mindestens 200  Gläser mit Garten- und Waldfrüchten eingeweckt, die nicht alle bis zum Folgejahr verbraucht wurden. Das hatten auch die Geschwister meiner Mutter  übernommen. Als wir z.B. den Haushalt meines Onkels, der 1983 verstarb, auflösten, fanden wir mindestens 50 Einmachgläser mit Gartenfrüchten vor, die teilweise älter als 10 Jahre aber noch genießbar waren.

 

Auf dem Firmenschild unseres Lebensmittelgeschäfts stand groß und hochtrabend „Kolonialwaren“ obwohl vorwiegend einheimische Produkte verkauft wurden. Das war noch ein echter „Tante Emma“ Laden, in dem ich gern einkaufte. Mehl, Zucker, Nüsse, Nudeln usw. usw. wurden aus großen Säcken oder Kästen in Papiertüten gefüllt, abgewogen und den Kunden übergeben. Dabei blieb trotzdem noch Zeit die neuesten Nachrichten und den Dorfklatsch auszutauschen. Die Inhaberin wusste über alles Bescheid und führte in ihrem kleinen Unternehmen das Regiment. Ein simples Vorkommnis blieb mir in diesem Zusammenhang in Erinnerung. Ich kaufte gerade dort ein und hörte ein Poltern. Der Mann war mit einem Mehlsack einige Stufen die Treppe heruntergefallen. Der Sack war geplatzt und das Mehl über den ganzen Flur verstreut.  Die Kunden, darunter ich, mussten warten, bis das wertvolle Gut mit Besen und Schippe aufgenommen und in die Kasten zum weiteren Verkauf verbracht war. Erst nach  beendeter Tätigkeit kümmerte sich die Geschäftsfrau um ihren Mann. Er hatte sich nicht ernsthaft verletzt und sie meinte: „Der ist aber auch immer tollpatschig und zu keiner ordentlichen Arbeit zu gebrauchen“. Die heute strenge Bestimmung, dass in den Schmutz gefallene unverpackte Lebensmittel, zumindest vor den Augen der Kunden, nicht mehr verkauft werden dürfen, galt damals noch nicht, oder man hat  sie zumindest nicht Ernst genommen.

 

Überhaupt sagten damals einige Leute auf dem Land, das habe ich noch im Ohr: „Für alles Essbare, das gekocht oder gebacken d.h. erhitzt wird, schadet ein bisschen Dreck gar nichts. Davon wird man nicht krank. Dreck macht Speck!“.  Freilich gab es schon immer gerade auf diesem Gebiet in den Dörfern und auch Städten große Unterschiede zwischen  einzelnen Familien. Ich erkannte sehr zeitig und stelle bis heute fest: Armut oder bescheidenes Leben mit wenig Einkommen hat absolut nichts mit Unsauberkeit zu tun. Jedoch sind mir in meiner Kindheit auf dem Lande mehr schmutzige Haushalte oder auch Bauernwirtschaften aufgefallen als in der Neuzeit. Bei sanitären Installationen, tadellos ausgestatteten und sauberen Kücheneinrichtungen usw. gibt es heutzutage keine Unterschiede mehr zwischen Stadt und Land.

 

Ich erinnere mich an eine Bäuerin, die in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wohnte und von der behauptet wurde, dass sie sich höchstens wöchentlich einmal und das nicht gründlich gewaschen haben soll. Sie roch auch entsprechend. Wenn sie uns besuchte ließ sie mein Großvater nicht in die Stube. Sie nahm das nicht übel und setzte sich immer gleich am Kücheneingang auf den dortigen großen Holzkasten. Von ihr wurde bei uns folgende Episode bekannt: In der Kriegs- und Nachkriegszeit gab es bekanntlich Nahrungsmittel nur auf Marken. In der Sommer- und Herbstzeit, wenn die Gartenfrüchte konserviert wurden, war Zucker ein sehr begehrter Artikel. Die Bäuerin kam in den Kolonialwarenladen und verlangte dieses wertvolle Lebensmittel. Die Verkäuferin sagte: „ Frau F. sie haben keine Zuckermarken mehr, sondern nur noch Abschnitte für Seife.“ Sie erwiderte im Dialekt: „ Scheiß, Quatsch, Sefenzeig ich hab kene Zeit zum Waschen, Zucker brauch ich“!

 

 

 

Die noch heute zu hörende Auffassung, dass früher die Schulbildung und -Erziehung auf dem Lande schlechter als in der Stadt gewesen sei ist schlichtweg falsch.  Wir lernten außerschulisch viele praktische Tätigkeiten, die im Unterricht  eine sinnvolle Ergänzung fanden Das Zusammenspiel zwischen Elternhaus und Schule klappte bei uns besser. Die Pädagogen kannten meist die einzelnen Familien sowie deren Verhältnisse und Gepflogenheiten. Sie konnten in der Erziehung darauf Einfluss nehmen. Freilich galt  oft die Sympathie der Lehrer stärker den Kindern aus angesehenen und wohlhabenden Familien. Jedoch förderten sie auch begabte Schüler ohne Rücksicht auf deren Herkunft. Ich war Einzelkind und wir gehörten nicht zu den reichen aber wohl zu den als sehr anständig eingeschätzten Familien unserer Kleinstadt. Ich fand, das stelle ich retrospektiv fest, große Unterstützung und Förderung durch meine Lehrer. 

 

 

 

Im Frühjahr, Sommer und Herbst war für uns Kinder auf dem Lande die Freizeit stark eingeschränkt.  Wir mussten  während des Krieges neben unserer Mithilfe in der Landwirtschaft Heilkräuter sammeln und Kartoffelkäfer von den Stauden ablesen. Für letzteres wurden durch die Schule außerhalb des Unterrichts Einsätze organisiert; aber auch auf dem eigenen Acker galt es, die Schädlinge vom Kartoffelkraut zu entfernen. Sie wurden zunächst in Gläsern aufbewahrt, gezählt und dann ins Feuer geschüttet. Die  Anzahl festzuhalten war für uns wichtig, denn für fleißige Sammler gab es neben Lob manchmal sogar kleinere Geldbeträge. Wir Schüler passten gegenseitig auf, dass beim Zählen nicht geschummelt wurde. Ungeschickte ließen manchmal beim Hantieren mit den Käfern diese wieder frei.  Das führte dann zu großen Auseinandersetzungen und Streit. Das Kartoffelkraut auf Feldern mit starkem Befall ragte wie verdorrte Reisigäste aus den Boden und sah ganz gespenstig aus. Uns wurde erzählt, dass die Kartoffelkäfer von den Amerikanern aus Flugzeugen abgeworfen worden wären. Damit sollte angeblich in Deutschland die Ernährung der Bevölkerung sabotiert werden. Die Erwachsenen lächelten über diese plumpe Propaganda und auch wir merkten nach dem Krieg, dass diese Behauptung eine Lüge war. Auch in den Jahren 1946 und später gab es noch solche Schädlinge, die in dieser Zeit nicht mehr von den Amis stammen konnten. Erst durch den Einsatz chemischer Bekämpfungsmittel  konnte die Plage besiegt werden.

 

Während des Krieges mussten wir Schulkinder außerdem eine Seidenraupenzucht betreuen. Dies wurde uns als kriegswichtige Aufgabe offeriert, weil aus der gewonnenen Seide Fallschirme für die Wehrmacht hergestellt wurden. Wir mussten schon bei der Vorbereitung und Einrichtung der Zuchtanlage mitwirken. Um das Futter für die Raupen zu sichern, wurde der Feuerwehrübungsplatz mit einer Maulbeerhecke umgrenzt. Dafür und für deren weitere Pflege wurden wir Kinder ebenfalls eingespannt. Im Feuerwehrgerätehaus befand sich ein sehr großer beheizbarer Bodenraum ( die Raupen benötigen eine optimale Temperatur von 22 bis 24 Grad C) in dem der Naturseidenanbau betrieben wurde. Wir Kinder waren dabei vor allem für das Nahrungsangebot der Raupen verantwortlich und hatten hierfür sogar hin und wieder Wochenendbereitschaft. Das sachgerechte Pflücken der Blätter von der Maulbeerhecke sowie das Füttern waren für uns eine verantwortungsvolle Aufgabe. Gleichzeitig lernten wir dabei viel über die Biologie des Maulbeerseidenspinners.

 

 

 

Meine Eltern und Großeltern, auch Kinder vom Lande, waren keine geschulten Pädagogen, sie hatten nur Volksschulbildung, aber immer gute Bewertungen. Sie  waren  in den einzelnen Klassen jedes Jahr versetzt worden. Ich hatte als Kind ihre Zeugnishefte noch gesehen und die guten „Kopfnoten“, die sie immer erhalten hatten, sollten mir Vorbild sein. Überhaupt waren damals die heute abgeschafften Zensuren in „Betragen, Fleiß und Ordnung“  und der Vermerk „versetzt“ oft wichtiger als die Leistungsnoten. Ich weiß noch, dass von den Erwachsenen immer zuerst diese Noten abgefragt wurden. 

 

In der Erziehung ihrer Kinder wandten meine Eltern und Großeltern empirisch  Methoden an, von denen sich die heutigen diplomierten Lehrer manches Beispiel nehmen könnten. Sie lenkten und leiteten auch mich mit einem Feingefühl und meist ohne Zwang zu einem anständigen und vorbildlichen Handeln, verbunden mit dem Erlernen vieler praktischer Tätigkeiten. In diesem Zusammenhang entwickelte sich meine Liebe zu den Tieren, im besonderen  zu den landwirtschaftlichen Nutztieren. Meine Mutter erzählte mir, dass ich schon als Vorschulkind sehr mit unseren Mitgeschöpfen verbunden war. Wenn ich z.B. „nicht gefolgt“ ( so sagte man bei uns zu Unartigkeiten ) hatte und bestraft werden sollte, verlangte ich: „ Sperrt mich doch in den Stall, dort  kann ich mich wenigstens mit den Tieren unterhalten“.

 

Besonders wertvoll war für mich schon als Kind, dass ich selbst für die Haltung und Pflege  verschiedener Kleintiere die volle Verantwortung trug. Dies werte ich heute als einen unschätzbaren Fundus an Erfahrungen für meinen späteren tierärztlichen Beruf.

 

Mir gehörten 4 Kaninchen mit Nachzucht, 6 Hühner und ein Hahn sowie ein weibliches Ziegenlamm für das ich mich einsetzte, dass es aufgezogen wurde und  dann 4 Jahre lang als Milchziege erhalten blieb. Als Hühnerrasse wählte ich  „Schwarze Italiener“. Das waren sehr schöne Tiere mit glänzenden schwarzen Federn und besonders der Hahn hatte einen schönen roten wohlgeformten Kamm. Mein Onkel züchtete solche Tiere und von ihm bekam ich auch die Küken. Enttäuscht war ich, dass ich bei einer Ausstellung nicht mal einen Anerkennungspreis erreichte. Danach brachte ich meine Tiere nur noch auf Hühner- und Taubenmärkte, wo keine Einstufung durch Preisrichter erfolgte. Diese Märkte waren übrigens in vielen Dörfern meiner Heimat bekannt und berühmt und erfreulicher Weise wird diese Tradition heute wieder stark belebt. Schon als 13 bis 14 jähriger habe ich  bei uns sowie den Bauern und Häuslern in der Nachbarschaft männliche Kaninchen kastriert  und Hähnchen  kapaunisiert. Ich hatte mir dazu die notwendigen Geräte angeschafft. Diese  Eingriffe hatte mir ein Bekannter, der als „Kastrierer von Ferkeln“ tätig war und bei einem Tierarzt mithalf, gezeigt und gelehrt.

 

 

 

Schon als Kind war ich ein „Pferdefreund“. Wir hatten in unserer kleinen Landwirtschaft keine Pferde und ich hielt mich deshalb sehr oft bei den Bauern in unserer Nachbarschaft auf, wo ich mit solchen Tieren umgehen konnte. Der Bauer E. hatte 2 Braune und einen Schimmel mit Namen Cäsar, der mit 1,50 m Widerristhöhe  noch zu den Kleinpferden zählte. Cäsar kannte mich sehr genau und er kam auf mich zu galoppiert, wenn er im Garten graste und ich vorbeiging. Ein Stückchen Würfelzucker hatte ich immer in der Tasche und das holte er sich  ab.  Stolz war ich, wenn ich beim Futterholen als Kutscher  den Schimmel mit den Zügeln lenken und leiten durfte. Dieser Bauer fuhr auch die Post zum und vom drei Kilometer entfernten Bahnhof. Auch dabei konnte ich manchmal mitfahren und kutschieren. Ich half dafür gern sowohl beim Zusammenrechen des Grünfutters als auch  beim Auf- und –Abladen der Pakete.

 

Eine billige Arbeitskraft war ich  für den Milchmann unseres Ortes. Bis  Anfang der Vierziger Jahre wurde bei uns täglich die Frischmilch auf einem Pferdewagen in  gr0ßen Kannen  ausgefahren. Die Halteplätze des Fuhrwerkes lagen, je nach Häuserdichte, in den Straßen und Gassen höchstens 50 bis 80 m auseinander. Die  Kunden brachten die eigenen Milchkrüge mit. Sie wurden gefüllt, indem mittels eines Messbechers mit langem Stiel die Milch aus den Kannen geschöpft wurde. Alles geschah unter freiem Himmel, bei Sonnenschein, Wind und Regen mit Messgefäßen, die erst nach Ende der Tour für die Wiederverwendung gründlich gereinigt wurden. Nach den heutigen hygienischen Bestimmungen  würde diese Milchabgabe untersagt. Damals hörten wir aber nichts von Lebensmittelvergiftungen, über die es auch unter der Bevölkerung wenig Kenntnisse und Aufklärung gab. Außerdem waren wahrscheinlich die Menschen, besonders die Kinder, durch häufige Kontamination mit Schmutzkeimen aktiv immunisiert. Ich half beim Milchmann mit, weil ich die Zügel des Pferdes allein halten und das Tier lenken durfte. Mein Kutschieren  war aber meist gar nicht nötig, weil der kluge Gaul Weg und Halteplätze von allein kannte.

 

In einer kleinen Nachbargemeinde besaß ein Bauer, der mit uns verwandt war, einen Schimmel. Es war für mich eine besondere Freude, wenn ich dieses Pferd hin und wieder besuchen durfte. Das Tier war schon alt, wurde deshalb zu keinen schweren Zugdiensten mehr eingespannt und erhielt das sogenannte „Gnadenbrot“. Es weidete häufig allein in einem großen Garten.. Auch dieses Pferd kannte mich ganz genau. Ich leistete ihm öfter Gesellschaft auf seiner einsamen Weide. Manchmal durfte ich den Schimmel auch am Zaum auf Wiesenwegen ausführen. Ich unterhielt mich mit ihm oft wie mit einem Menschen, der nur nicht antwortete, aber, so glaubte ich, mir durch sein Verhalten zeigte, dass er mich verstand.  Ein weiteres Lieblingspferd hatte ich bei einem Bauern in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Im letzten Kriegsjahr 1945, als die in der Landwirtschaft eingesetzten Kriegsgefangenen ihr Lager nicht mehr verlassen durften, habe ich mit diesem Tier auf unseren und des Nachbars Grundstücken alle Frühjahrsfeldarbeiten erledigt.  Es war ein sehr großes strammes Pferd und ich hatte immer Mühe, das Geschirr, insbesondere das Kummet, anzulegen. Das Pferd unterstützte mich dabei, indem es den Kopf senkte und sich auch sonst so verhielt, dass mir das Einspannen nicht zu schwer fiel. Der Gaul und ich hatten, das bildete ich mir ein,  richtige freundschaftliche Verbindungen, soweit dies  zwischen Mensch und Tier möglich ist. Es wieherte wenn ich den Hof betrat und ich hatte den Eindruck, dass es sich immer auf unser Zusammensein freute.

 

 

 

Schon ungefähr ab meinem 10. Lebensjahr konnte und durfte ich bei uns zu Hause und bei den Nachbarn bei allen landwirtschaftlichen Arbeiten mithelfen. Ich empfand dies niemals als Zwang und lernte praktisch nach und nach fast  im Spiel alle notwendigen Verrichtungen bei:

 

-          den Feld -,  Wiesen- und Erntearbeiten

 

-          der Handhabung, Bedienung und den Einsatz der landwirtschaftlichen Geräte und Maschinen sowie

 

-          der Zucht, Haltung und Pflege der landwirtschaftlichen Nutztiere.

 

Auf allen diesen Gebieten einschließlich der gesellschaftlichen Entwicklung vollzog sich seit meiner Kindheit ein starker Wandel.

 

Bei der Bearbeitung der Äcker waren wir vertraut mit Pflug, Egge und Walze, die von Pferden gezogen wurden. Sensationell war für uns, wenn der Großgrundbesitzer unseres Ortes die Seilzugmaschine zur Feldbearbeitung einsetzte. Am Feldrand stand eine Dampfmaschine und an der gegenüberliegenden Feldseite befand sich eine Umlenkrolle über die Seile führten, die sich über den Acker hinweg bewegten. Damit wurden die Bearbeitungsgeräte hin und her gezogen. Als dann die ersten Traktoren zum Einsatz kamen, war mein Großvater stark empört. Er sagte u.a.: „ Der Bodendruck durch diese Reifen verfestigt so sehr, das die ganze Bodenfruchtbarkeit pfutsch ist.“  Freilich gab es auch unter Fachleuten am Anfang hierüber viele Diskussionen, aber heute spricht niemand mehr darüber.

 

Gerade in der Bodenfruchtbarkeit wurden durch den Einsatz moderner Kunstdüngemittel die Felderträge enorm gesteigert. In meiner Kindheit war der Stallmist der wertvollste Dünger, der sehr aufwendig nach traditionellen Methoden behandelt  und aufs Feld gebracht wurde. Als Kunstdünger kannten wir nur Kalk und Kalisalz. Die Stickstoffversorgung erfolgte durch Mist und Jauche, die vorrangig auf Feldern, die für Hackfrüchte vorgesehen waren, ausgebracht wurden. Sehr strikt wurde die Fruchtfolge eingehalten, so dass nach Kartoffeln und Rüben meist Getreide folgte, womit dann noch ausreichend Stickstoff zur Verfügung stand. Überdüngungen, die sich in übermäßigen Lagergetreide zeigen, gab es deshalb damals noch nicht im gegenwärtig oft sichtbarem Umfange.

 

Das Ausmisten der Ställe mit Gabel und Schubkarren war Schwerstarbeit. Besonders in Laufställen mit Tiefstreu, war die Stapelhöhe des Mistes oft so hoch, dass die Tiere mit ihrem Kopf fast bis an die Decke reichten. Die Masse war dann so festgetrampelt, dass sie nur mit äußerster Anstrengung mit der Gabel oder Hacke per Hand herausgebracht werden konnte. In meiner Kindheit sagten die erfahrenen Bauern: „ Am richtig gestapelten Misthaufen erkennt man, ob der Bauer ordentlich ist und sein Fach versteht.“ 

 

Der Mist wurde auf Kastenwagen geladen und damit aufs Feld gebracht. Oft sehr aufwendig gestaltete man den oberen Abschluss der Fuhre. Auf dem Wagen wurde der Dung wie ein Giebeldach geformt  und mit einer speziellen Holzpatsche festgeklopft. Von der Fuhre wurden auf dem Feld die für die jeweilige Fläche  benötigten  Mengen auf  Haufen abgeladen. Gleichmäßig wurde dann mit der Gabel der Dung auf dem Acker verteilt. Heute gibt es hierzu Wagen mit speziellen Geräten für die Verteilung des Mistes. Bei der Dungverteilung mit der Gabel hatte ich als Vierzehnjähriger ein unvergessenes Erlebnis. Ich war allein auf dem Feld, es stand ein Gewitter am Himmel aber es regnete noch nicht. Ich wollte gern noch meine Arbeit beenden. Ich hatte auch bisher noch keine große Angst vor Gewittern. Ich steckte die Gabel in die Erde,   hielt sie noch am Stiel fest und schaute zum Himmel, ob ich weitermachen kann.. Plötzlich spürte ich ein fürchterliches Zucken durch meinen Körper, schmiss das Werkzeug weg und warf mich auf die Erde. In ca. 10 m Entfernung hatte ein Blitz in einen am Straßenrand stehenden Pflaumenbaum eingeschlagen. Der Stromstoss war durch die Erde bis zu meinen leicht feuchten Gabelstiel gedrungen. Seitdem beherzige ich die Hinweise, wie man sich bei Gewitter vor einem Blitzschlag schützt. Vor allem fasse ich in diesem Zusammenhang keine Werkzeuge mit Metallteilen oder anderen leitfähigen Materialien mehr  an. 

 

 

 

Ich kannte als Kind in erster Linie Roggen, Hafer, Gerste und  Weizen. Die Bauern meinten aber, dass sich der Boden und das Klima in unserer Gegend kaum für den Weizenanbau eignen würde, deshalb sah man diese Getreideart auf den Feldern nur sehr selten.  Die neu gezüchteten Weizensorten gedeihen heute jedoch überall. Bei den Feldfrüchten dominierten Kartoffeln und Futterrüben. Die heute vorherrschenden Zuckerrüben wurden nur von einigen Großbauern angebaut. Rotklee und im geringeren Ausmaß Luzerne waren die Grundlage für das Wiederkäuerfutter. Mais und Raps lernte ich erst in späteren Jahren kennen. 

 

Großer Wert wurde auf gepflegte Wiesen und Weiden gelegt. Es kam darauf an, dass möglichst schon ab März, bevor die neue Vegetationsperiode begann, die Pflegearbeiten  anfingen. Sobald es die Feuchtigkeit der Böden zuließ bearbeiteten die größeren Bauern die Grünflächen mit von Pferden gezogenen Wieseneggen. Die kleineren Bauern und auch wir erledigten diese Tätigkeiten per Hand mit dem Rechen. Diese Verrichtungen lockerten den Boden auf damit sich vor allem das  Untergras stabilisiert und die Ausbreitung von Moos verhindert wird. Von dieser Zeit an war der Handrechen für uns das wichtigste Gerät für die auch folgenden Arbeiten auf den Wiesen. Als Junge lernte ich schon abgenutzte oder abgebrochene Zinken an den Holzrechen zu erneuern und die Stiele glatt zu machen, damit es keine Handverletzungen gab. Wir Kinder bekamen kleinere Geräte, die entsprechend des fortschreitenden Alters und der wachsenden körperlichen Kräfte nach und nach größer wurden. Das galt übrigens für die mir u.a. damals besonders bekannten in der Landwirtschaft eingesetzten Handarbeitsgeräte, z.B.: Rechen, Sensen, Hacken, Dreschflegel, Gabeln, Spaten, Schaufeln,  Sägen und Äxte.

 

 Ich erinnere mich an  eine Tätigkeit im Frühjahr, vor der ich mich gern drückte.  Die “Pappelstöcke“   (Löwenzahn) mit ihren langen Wurzeln mussten mit dem Messer ausgestochen werden. Gleiches galt für die Disteln sowohl auf Wiesen als auch auf den Getreidefeldern.

 

Von meinen Großeltern hörte ich viele auch manchmal spaßige Bauernregeln im Zusammenhang mit dem Wetter: „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“. „Märzenschnee tut den Saaten weh“. „ Zur Lichtmess ( 2. Februar ) sieht der Bauer lieber den Wolf im Schafstall , als die Sonne am Himmel“. „Wenn es zur Lichtmess stürmt und schneit;  ist der Frühling nicht mehr weit.“ „Jeder Nebeltag im März bringt ein Gewitter im Juni“. „ Wenn es am Siebenschläfer ( 27. Juni ) regnet, dann hält dies 7 Wochen an; dann gibt es Schwierigkeiten bei der Getreideernte“. „Ist der Mai kühl und Nass, füllt´s den Bauern Scheuer und Fass“. Für die zuletzt genannte Regel erfuhr ich die Begründung im Biologieunterricht. Im Wonnemonat sprießen alle Pflanzen und besonders die ausgebrachte Saat. Hierfür wird Feuchtigkeit gebraucht. Wenn es aber sehr warm ist und alles zu schnell aufgeht, dann besteht die Gefahr, dass während der Eisheiligen besonders durch die „Kalte Sophie“ ( nach dem 15. Mai ) vieles erfriert.  

 

 

 

Die Weidewirtschaft war eine Wissenschaft für sich. Die Kleinbauern tüderten die Rinder, Schafe und Ziegen. Das stammt aus dem Niederdeutschen und bedeutet, dass die Tiere an  einer langen Leine, die an einem Pflock festgemacht ist, angebunden werden. Die Wiederkäuer können damit  in einem erreichbaren Areal das Gras, den Klee oder die Luzerne abweiden.  Die größeren Bauern hatten Standweiden mit den typischen noch heute üblichen festen Weidezäunen aus Draht als äußere Umfriedung. Fortschrittlich waren damals die sogenannten Portionsweiden. In einer abgegrenzten, eingezäunten  Weidefläche stand den Tieren nur die für sie errechnete  Futterzuteilung zur Verfügung. Die hierfür notwendigen Absperrungen erfolgten schon damals durch „Elektroweidezäune“. Als Kinder erlaubten wir uns manchmal den Schabernack, durch Herstellung einer Erdverbindung der Drähte die elektrische Wirkung aufzuheben. Trotzdem brachen die Tiere nur selten aus, denn sie hatten fast alle schon Bekanntschaft mit der Stromwirkung gemacht und die sichtbaren Stromleitungen genügten, sie vom Ausbrechen abzuhalten.

 

Der Heuernte im Juni, wenn die Gräser den richtigen Wuchs für qualitätsvolles Winterfutter hatten, folgte im August/September noch die Grummeternte. Ich wusste schon als Kind, dass die Heumahd vor der Blüte bestimmter Gräser erfolgen musste, damit diese Pflanzen mit geringerem Futterwert nicht erst ihre Samen verbreiteten. Einige Bauern ernteten durch vorteilhafte Düngung und die in meiner Kindheit aufkommende künstliche Beregnung sogar neben Heu und Grummet  durch abweiden oder einem 3.  Grasschnitt zusätzliches Futter. Wir erzielten gleiche Ergebnisse weil wir per Hand Wasser aus unserem Brunnen bei Bedarf auf die Garten- und Wiesenflächen ausbrachten. 

 

Bei den Wiesen- und Feldarbeiten durfte selten oder nicht von den bisherigen Traditionen abgewichen werden.  Das Gras wurde meist mit der Sense gemäht, weil das schonend für die Wiesenfläche war. Außerdem war auf dem hängigen Gelände meiner Heimat der Einsatz von Mähmaschinen nicht überall möglich. Die Schnitter gingen beim Mähen hintereinander und alle mussten im gleichen Tempo Schritt halten. Schon als 10 Jähriger war es für mich eine Auszeichnung, wenn ich da mitmachen durfte. Ich war zwar  Letzter in der Kolonne, hatte eine kleinere  Sense und mähte auch einen schmaleren Schwaden. Ich hatte immer den Ehrgeiz nicht zurück zu bleiben, aber manchmal halfen dann doch die Erwachsenen, so dass ich wieder Anschluss bekam. Nach dem Mähen musste das Gras von  den großen Schwaden mit dem Rechen gleichmäßig über die Wiese verteilt werden, damit es schnell trocknet Die Wettervorhersagen waren zur damaligen Zeit noch sehr ungenau und es wurde weitgehend nach alten Bauernregeln gehandelt. Es kam vor, dass nach der Wiesenmahd eine längere Regenperiode einsetzte, ein starker Gewitterregen das fast trockene Heu wieder nass machte oder zur Eile beim Einbringen zwang. Wenn auf Grund ungünstiger Witterung sich die Ernte hinauszögerte, musste auch zwischendurch als Schutz vor Regen oder Tau das Heu oder Grummet in  Haufen, als Schober bezeichnet, aufgeschichtet  und nach Wetterbesserung wieder verteilt werden. Immer und immer wieder, oft zweimal am Tag wurde gewendet. Das war gar nicht so einfach, denn man musste den Rechen so ansetzen, dass mit einem gezielten Schwung  die untere Seite der richtigen Menge Gras nach oben kam. Hierbei halfen die Frauen und wir Kinder tüchtig mit. Es galt dabei wiederum in Kolonne hintereinander  mit Schritt zu halten. Bei dieser Arbeit habe ich mir als Kind so manche Schwiele an den Händen zugezogen, bis ich den richtigen Griff am Rechenstiel beherrschte. Mein Großvater sagte immer: „ Das Heu muss auf dem Rechen trocknen “.

 

 Eine gewisse Freude machte das Einfahren, wenn nicht gerade ein Gewitter im Anzug war. Stolz war ich, wenn ich auf dem Leiterwagen packen durfte, was ich schon als Zwölfjähriger recht gut beherrschte. Das wollte gekonnt sein, denn eine schief geladene Fuhre barg immer die Gefahr des Umkippens auf den unebenen Wiesen und Feldwegen in sich.

 

 

 

Nicht weniger aufwendig und beschwerlich als die Raufuttergewinnung war das Pflanzen sowie die  Pflege und Ernte der Hackfrüchte. Schon zur Kartoffelernte wurden die Knollen aussortiert, die im nächsten Jahr als Pflanzgut verwendet werden sollten. Sie mussten eine bestimmte  Größe  und vor allem einige sichtbare „Augen“ haben.. Die Lagerung erfolgte dann getrennt von den Speise- oder Futterkartoffeln in gut temperierten Kellern oder Mieten. Auch die Rübenpflanzen wurden selbst gezogen. Dafür gab es von den einzelnen Bauern ein extra Stück Land, das man Pflanzstelle nannte. Eine solche 25 Quadratmeter große Fläche inmitten   anderer Grundstücke, die dem gleichen Zweck dienten, ist noch heute in meinem Heimatort in meinem Besitz. Der Rübensamen musste rechtzeitig, Ende Februar, ausgesät werden, damit die kräftigsten Pflanzen im April aussortiert und auf dem Feld ausgepflanzt werden konnten. 

 

Bei der Vorbereitung des Ackers für das „Legen“ der Kartoffeln wurden mit einem besonderen Pflug Rinnen gezogen, die, das forderte der Ehrgeiz des Bauern, schnurgerade verlaufen mussten. Beim Auslegen per Hand in die Rillen galt als Maß für den Pflanzenabstand die Schuhgröße eines Mannes. Für uns Kinder war das anderthalb Schuhlänge. Gleiche Sorgfalt wurde beim Rübenpflanzen aufgewandt. Sobald das erste Grün der Kartoffelpflanzen aufgeht und die Rübenpflänzchen angewurzelt waren begann das Hacken per Hand. Auch hierbei war die ganze Familie und ich schon als Achtjähriger  mit eingespannt. In der Zeit, bis das Grün der Feldfrüchte den Boden bedeckten wurde in angemessenen Abständen das Unkraut beseitigt und oft bis zu viermal gehackt.   Ein Fortschritt war es schon, wenn zwischen den Reihen mit einer speziellen vom Pferd gezogenen  Egge die Erde aufgelockert und das Unkraut   herausgezogen wurde.  Dieses Gerät nannten wir „Igel“. Das Lenken des Zugtieres erforderte dabei ein besonderes Geschick, denn das Tier sollte keine Kulturpflanzen zertreten.

 

Das Pferd musste deshalb akkurat in der Furche gehen. Das erreichte man am besten durch das Führen des Tieres am Halfter. Hierzu musste manchmal meine Mutter mit ran, die sich dabei immer sehr ängstlich gegenüber diesen großen Rössern verhielt. Ich selbst hatte absolut keine Angst, weil  damals immer gesagt wurde, diese Tiere sehen den Menschen sieben Mal größer als er in Wirklichkeit ist und gehorchen deshalb uns scheinbaren Riesen. Das war aber nur ein Märchen und sollte den Respekt vor der Kraft dieser Tiere nehmen, um furchtlos mit ihnen umzugehen.

 

Chemische Unkrautbekämpfung kannte ich in meiner Kindheit noch nicht. Ich denke, ihre Einführung  war kein echter Gewinn für die Umwelt und den Menschen. Der geringere manuelle Arbeitsaufwand und die gesteigerten Erträge wurden mit größeren gesundheitlichen Gefahren teuer erkauft. Damit will ich nicht gegen den wissenschaftlichen Fortschritt argumentieren, sondern nur anmahnen die vielen zugelassenen Mittel gründlicher und länger hinsichtlich negativer Wirkungen auf Mensch und Tier zu prüfen.

 

 

 

Die Aussaat des Getreides vollzogen in meiner Kindheit noch einige Bauern per Hand. Das musste gekonnt sein, denn das Saatgut war gleichmäßig über das Feld zu verteilen. Beliebte Motive  einiger Kunstmaler waren die dargestellten „Sämänner“ mit den vor dem Bauch getragenen Mulden bzw. Saat- oder Düngerwannen und den typischen Handbewegungen für das Breitwerfen des Saatgetreides. Damit wird eine charakteristische bäuerliche Tätigkeit dokumentiert. Während meiner Kindheit brachten fast alle Bauern noch in gleicher Weise den Kunstdünger aus. Sie sagten, dass auf den Feldflächen, auf denen schon die Saat zu wachsen beginnt, der Boden geschont werden muss. Es verbot sich deshalb hier durch Fahrzeugräder oder große Tierfüße Kahlstellen zu erzeugen. Der Mensch kann schonender über das Feld gehen.

 

Sehr akkurat erfolgte das Ausbringen des Saatgetreides durch spezielle Maschinen. Als Kind staunte ich über ein solches Gerät, das der Großbauer unseres Ortes besaß und das  mindestens 10 m breit war. Dahinter wurden sogar noch die Eggen mitgezogen, die das Saatgut in den Boden einarbeiteten. Mein Großvater hielt nur gar nichts von diesem neumodischen Zeug. Er meinte, die Traktoren, die diese Geräte ziehen, verursachen viele Stellen auf denen gar nichts mehr wächst. Für ihn war es äußerst wichtig jeden Quadratmeter Feldfläche maximal zu nutzen. Daran musste ich oft denken, wenn ich später auf den großen Flächen der LPG die durch Radspuren verursachten kahlen Areale in den Getreidefeldern sah.

 

An den Sämaschinen war ein Trittbrett angebracht, auf dem man stand und den gleichmäßigen Abfluss des Saatgetreides durch die Teleskopröhren bis in den Boden kontrollierte. Mit diesen durch Pferde gezogenen  Maschinen fuhr ich gern mit, weil man sich hier durch eine leichte aber verantwortungsvolle Aufgabe nützlich machen konnte. Außerdem durfte ich auch hin und wieder kutschieren.

 

 

 

In meiner Kindheit waren die Arbeitsgänge bei der Getreideernte nicht nur aufwendig und schwer, sondern auch sehr umständlich. Als ich erstmals Anfang der vierziger Jahre von Mähdreschern in Amerika hörte, habe ich gelacht und das ganze als Märchen abgetan. Als dann in den fünfziger Jahren die großen russischen Erntemaschinen auch bei uns Einzug hielten, kamen  wir aus dem Staunen fast nicht mehr raus. Es ist beeindruckend, dass beim Einsatz der heutigen Maschinen für die Getreideernte nur noch ganz wenige Arbeitskräfte benötigt werden.

 

Vielfach wurde das Getreide, vor allem in den kleineren Bauernwirtschaften, noch mit der Sense, an der ein besonderes Gestell angebracht war, gemäht. Die abgeschnittenen Halme fielen damit günstig für das sogenannte „Raffen“ an das noch stehende Getreide. In der weiteren technischen Entwicklung kamen die von Pferden gezogenen Grasmähmaschinen, die am Mähbalken mit einem speziellen Ablegblech ausgerüstet waren, zum Einsatz. Später gab es die „Ableger“, die mähten und legten automatisch das Getreide in Bündelgröße auf dem Feld ab. Die Garben mussten dann nur noch per Hand mit Schnur- oder Strohband gebunden werden. Ein wesentlicher Fortschritt waren die „Selbstbinder“, die legten die fertig gebundenen Garben  ab. Dann wurden all diese Geräte durch die Vollerntemaschinen abgelöst. Neben dem Mähen mit der Sense, war das „Raffen“ die beschwerlichste Arbeit, bei der ich auch schon als Kind tüchtig mitmachte. Es war verpönt, Handschuhe zu  benutzen. Den Schmerz durch die stechenden Disteln oder Gerstengrannen kann ich bis heute nicht vergessen. Ich dachte immer daran, dass ich im Frühjahr beim „Distelstechen“ doch noch zu viele dieser bösen Pflanzen übersehen hatte. Beim „Raffen“ des Getreides bekam jeder einen bestimmten Streckenabschnitt zugeteilt. Das damit vorgegebne Arbeitspensum musste erledigt sein, wenn die Mähmaschine oder die Schnitter wieder kamen.. Mein Ehrgeiz stachelte mich als Kind  immer an, die zugewiesene Aufgabe zu bewältigen. Hin und wieder halfen aber doch die Erwachsenen, die  größere Fertigkeiten bei dieser Arbeit hatten.  Die Garben banden wir meistens mit selbstgefertigten Bändern zusammen. Hierfür wurden die oberen Enden der Getreidehalme durch einen besonders gedrehten Knoten miteinander verbunden. Einfacher waren die Schnurenbänder zu handhaben, bei denen nur der festgezogene Strick um einen Holzknebel gewunden wurde.  Nach diesen Arbeitsgängen ging es an das Aufstellen der „Puppen“. Hierzu wurden um eine mittlere Garbe, die meistens wir Kinder gerade hielten, 5 oder 9 weitere Getreidebündel fest angelehnt. Nach verrichteter  Arbeit durften wir Kinder manchmal Verstecken spielen, wozu sich die „Puppen“ vorzüglich eigneten. Bei schönem Wetter konnte das Getreide nach 3 – 4 Tagen eingefahren werden. In Regenperioden mussten aber die Puppen mehrmals umgestellt werden, damit das Stroh im Inneren nicht moderte. In der Gerste wurde häufig Klee oder Luzerne als sogenannte Untersaat eingebracht. In diesem Falle mussten die Garben solange auf dem Feld bleiben, bis diese Grünpflanzen, die sich um die Strohhalme gewunden hatten, auch trocken waren. Das war dann wertvolles Futterstroh.  Diese vom Getreide abgeernteten Felder dienten dann als Futterflächen ( bei Luzerne sogar 2- 3 Jährig) oder das aufgewachsene Grün wurde zur Düngung und besonderen Bodenverbesserung wieder mit untergepflügt.

 

 

 

Beim Einfahren reichten die Helfer mit zweizinkigen Gabeln die Garben auf die Leiterwagen.  Dort musste die Fuhre gleichmäßig und akkurat geladen werden. Ich war sehr stolz, dass ich diese Tätigkeit, bei der es auf eine ganz exakte Ausführung ankam, schon als 10 Jähriger recht gut beherrschte.  Das war außerdem wie beim Heufuder Voraussetzung, dass die Wagen bei der Heimfahrt nicht umkippten. Zu Hause wurden die Getreidegarben in dem sogenannten  „Scheunenpansen“ zwischengelagert, denn das Dreschen blieb für die Wintermonate, wenn die Außenarbeiten alle erledigt waren.

 

In unserer kleinen Landwirtschaft wurde nach dem Abfahren der Getreidegarben die gesamte Stoppelfläche noch mit dem Heurechen  nachgerecht, um auch die letzte Getreideähre aufzusammeln. In mittelgroßen Bauernhöfen erfolgte diese Arbeit mit per Hand gezogenen ca. 2 m  breiten  Schlepprechen und bei Großbauern kamen solche von Pferden gezogenen Geräte mit mindestens 4 m Arbeitsbreite und Kutschersitz zum Einsatz.

 

Meine Großeltern sagten: „Wenn der Wind über die Stoppelfelder streicht, dann ist der Sommer fast vorbei“. Diese Fluren waren für uns Kinder ideal, um die selbstgebastelten Drachen steigen zu lassen. Die Freude währte aber nicht lang, weil die Flächen auf denen kein Klee oder keine Luzerne wuchsen sobald wie möglich gepflügt wurden. Das erfolgte mittels eines Schälpfluges mit dessen Umgang ich als Junge das Pflügen lernte, um mich später dann auch an die Herbst-, Winter- und Saatfurche zu wagen. Letztere erforderten mehr körperliche Kraft, weil tiefere Furchen zu ziehen waren. Ich arbeitete mit einem von einem Pferd gezogenen Schar-, Kehr- und Einfurchenpflug. Das  wechselseitige Wenden  und die schnurgeraden Furchen verlangten große Anstrengungen und zeigten letztlich, ob man diese Tätigkeit beherrschte. Ich habe sehr gern gepflügt, weil ich dabei  meine phantasievollen Gedanken schweifen lassen konnte und bei guter Arbeit ein Lob einheimste. Bei den Großbauern kamen Mehrfurchenpflüge mit teilweise zusätzlichen Anhängegeräten zum Einsatz, die entweder von mehreren Pferden oder Zugmaschinen gezogen wurden. Diese Geräte konnten wir Jungen nicht bedienen.

 

 

 

Überaus anstrengend und mit dem heutigen Maschineneinsatz nicht mehr vergleichbar, war die Hackfruchternte. Es gab noch nicht so viele Kartoffelsorten wie heute. Unterschieden wurden frühe, mittelfrühe und   späte Arten, die als beste Qualitäten alle „ mehlig bis halbmehlig kochend“ sein mussten. Der Erntezeitpunkt vor allem für die Einlagerungsfrüchte war nicht vor Oktober. Nur dann, so meinten unsere Großeltern, halten sie sich im Keller oder in der Miete bis zum nächsten Frühjahr. In die Mieten kamen nur einwandfreie Rüben oder Kartoffeln. Es wurden hierzu kleine Gruben ausgehoben und die eingelagerten Früchte gut mit Stroh abgedeckt. Eine mindestens 15 cm dicke Erdschicht schützte außerdem  vor eindringendem Frost. 

 

 

 

Die Kleinbauern ernteten die ersten frühen und mittelfrühen Kartoffeln durch Ausgraben mit der Gabel. Die Haupternte erfolgte dann in mehreren Arbeitsschritten. Zuerst wurde das Kartoffelkraut per Hand herausgezogen und am Feldrand auf Haufen geschichtet. Als nächstes mussten wir die beim Krautziehen mit herausgerissenen Kartoffeln auflesen. Schon dabei und auch beim weiteren Kartoffellesen wurde sortiert und es mussten immer 3 Körbe mitgeführt werden für

 

-          die Knollen für das Pflanzgut,

 

-          die unbeschädigten, einwandfreien Speise- und Lagerungskartoffeln,

 

-          die gleich zu verbrauchenden angeschlagenen Früchte, die vor allem als  Futterkartoffeln Verwendung fanden.

 

Das Roden mit dem Pflug war schonender als mit den in meiner Kindheit aufkommenden Schleudern. Nur mussten beim ersteren die Knollen meist noch aus der Erde heraus gebuddelt werden. Beim Schleudern lagen die Kartoffeln recht gut verstreut auf der Oberfläche. Beim Auflesen war Eile geboten, damit sie beim  Schleudern der benachbarten Reihen nicht wieder mit Erde bedeckt wurden. Ich weiß, dass ich dabei als Kind manchmal ganz schön gehetzt wurde, wenn ich eine größere zugeteilte Flächen zum Aufsammeln hatte. Neben den Mühen gab es aber bei der Kartoffelernte auch manche Freuden, an die ich sehr gern zurück denke:

 

-          Der Oktober war die Zeit der Zwetschgenernte. Es gab deshalb auf dem Feld köstlichen saftigen Pflaumenkuchen aus Hefeteig, der mit den schmutzigen Händen besonders gut schmeckte.

 

-          Das in Haufen aufgeschichtete Kartoffelkraut wurde meist verbrannt. Wir durften dabei Kartoffeln in dieses Feuer legen, die dann zwar eine verkohlte Schale hatten, aber ganz ausgezeichnet mundeten. Als Vorschulkinder übten wir dabei das Zählen, denn die Anzahl der hineingeworfenen Knollen musste auch wieder gefunden werden.

 

-          Erst am Abend, wenn es schon dunkel wurde, ging es vom Feld nach hause und die Kartoffelfuhren wurden noch abgeladen. Dabei halfen wir Kinder, die Knollen über eine Rutsche in den Keller zu befördern. Das wichtigste war aber, wir durften damit am Abend länger draußen bleiben und bei Licht, oft nur mit einer Stalllaterne, war es manchmal recht gespenstisch.

 

Nicht weniger umständlich war die Futterrübenernte. Per Hand wurden die Rüben  herausgezogen und auf Haufen geschichtet. Dort standen wir dann und haben mit dem  Messer das Kraut abgeschnitten sowie die feinen Wurzeln und die anhaftende Erde entfernt. Spaß machte es,  wenn die gesäuberten Rüben auf die langsam vorbeifahrenden Kastenwagen geworfen wurden.

 

Das Kraut war ein gutes Rinderfutter. Schon vor der Rübenernte wurden die unteren größeren Blätter per Hand abgemacht. Wir nannten das „blaten“. Mit diesen Blättern konnte die Zeit der Fütterung mit frisch geerntetem Grüngut verlängert werden. Das „Silieren“ als Konservierungsmethode für alle Feld- und Wiesenpflanzen gab es in meiner Kindheit nur in größeren Bauerngütern.

 

Die Zeit, in der die frischen Rübenblätter verfüttert wurden, war in den Kuhställen immer deutlich sichtbar. Die Tiere hatten dann einen sehr guten „Stuhlgang“ oder bei Tieren sagt man besser dünnflüssige Kotausscheidung. Vor den herauskommenden kräftigen  Kotstrahl galt es oft, sich im Stallgang rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Das nahm man in Kauf, weil durch die Rübenblattfütterung auf alle Fälle die Milchleistung der Tiere gesteigert werden konnte.

 

 

 

Bevor ich ausführlich über die Winterarbeit das Getreidedreschen berichte, will ich hier noch eine Episode, die ich beim „Flegeldreschen“ erlebte, erzählen. Dieses Verfahren der Gewinnung der Getreidekörner und des Bänderstrohs ist heute gar nicht mehr bekannt. Nur im Museen für landwirtschaftliche Produktionsverfahren  oder auch in manchen Gaststätten, die Räume mit traditionellen bäuerlichen Geräten ausschmücken, kann man noch „Dreschflegel“ im Original sehen. Das sind walzenförmige ca. 80 bis 100 cm lange und 10 bis15 cm starke Klöpfel,  die beweglich mit Riemen an Stielen befestigt sind. Zum Dreschen werden auf der Scheunentenne die Bündel Strohhalme mit vollen Ähren ausgebreitet, auf die 6 bis 8 im Kreis postierte Personen im rhythmischen Takt einschlagen. Wir Kinder hatten kleinere Flegel und lernten zwischen den Erwachsenen stehend das Flegeldreschen. Meist wurde Roggen in dieser Weise gedroschen, weil dessen  Stroh lange Bänder liefert. Körner und Spreu, die auf der Tenne zurückblieben mussten noch getrennt werden. Das erfolgte entweder wie bei den Dreschmaschinen noch beschrieben wird mit Reinigungsmaschinen oder auch per Hand durch Werfen gegen den Wind. Die Bauern halfen sich in den Wintermonaten gegenseitig beim Flegeldreschen. Daraus entwickelten sich oft kleine Feste mit  gemeinsamen  Bier-  oder Kaffeetrinken. Auch zur Hermine F. von der ich berichtete, dass sie sich fast nie gewaschen hat und deren Haushalt sehr schmutzig war, kamen die Männer, Frauen und Kinder zu dieser gemeinsamen Tätigkeit. Wie üblich hat auch sie alle zum Kaffeetrinken eingeladen. Viele versuchten sich dabei mit allerlei Ausreden zu drücken. Ich konnte meist nicht ausweichen, weil wir direkte Nachbarn waren. Heimlich habe ich dann mit einem sauberen Taschentuch vor dem Essen und Trinken Tasse und Teller abgewischt. Der selbst gebackene Kuchen war ausreichend erhitzt worden, so dass von diesem keine Gefahr einer Ansteckung ausgehen konnte. Überhaupt glaube ich, dass bei uns Kindern das Immunsystem durch Schmutzkeime, denen wir nicht ausweichen konnten, ausreichend trainiert war.

 

Für  das Dreschen des gesamten Getreides standen die unterschiedlichsten Maschinen zur Verfügung und das ganze Verfahren, war neben der schweren Arbeit, in gewisser Hinsicht ein kleiner Festakt, denn nun wurden auch die erzielten Erträge  sichtbar.

 

Der Bauer E. in unserer Nachbarschaft hatte  eine - in der Scheune fest eingebaute - Dreschmaschine. Wenn er das eigene Getreide gedroschen hatte, brachten wir den von unserem Feld geernteten Roggen und die Gerste dorthin zum „Lohndrusch“.

 

In der oberen Etage der Scheune befand sich die „Dreschbühne“ mit Einlegetisch auf dem die Garben mit der Hand aufgelockert in die Einlegeöffnung des Dreschapparates gebracht wurden. Bei dieser Tätigkeit durften wir Kinder erst im Alter von 15 Jahren mitmachen, weil es hierbei schon Unfälle gegeben hatte, bei denen Hand und Arm mit in die Maschine gezogen und teilweise abgetrennt wurden. Uns Kindern blieb die Aufgabe des Zureichens der Garben neben dem Einlegetisch. Beim Dreschvorgang werden in einer Trommel, die mit Stiften oder Leisten versehen ist, die Fruchtstände durch Schlag- und Beschleunigungskräfte entkörnt.  Die Körner fallen dann mit anderen Beimengungen (Spreu und Steine) durch den siebartig durchlöcherten Dreschkorb und werden in Säcken aufgefangen. Die von uns benutzte Maschine hatte noch keine Reinigungsvorrichtung für die Körner und auch keine Presse für das Bündeln des Strohs, das per Hand erfolgte. In einer separaten Reinigungsmaschine, die mit Handkurbel angetrieben wurde, geschah die Trennung der Körner von der Spreu und anderen Fremdkörpern. Vor allem wurde auch das giftige Mutterkorn mit entfernt. Die Dreschmaschine wurde durch Elektromotoren angetrieben. In Nachbardörfern standen auf zentralen Plätzen fahrbare Dreschmaschinen, die durch  Dampfmaschinen  angetrieben wurden. Hier gab es schon als Zusatzgeräte Selbsteinleger, Entgranner, Strohpresse und verschiedene Fördereinrichtungen für Körner und Stroh. Bei uns wurden die schweren Getreidesäcke auf den Boden ( Scheune oder Haus) getragen und die Körner dort zum Trocknen ausgebreitet. Sie mussten dann im Laufe des Winters, bis sie verfüttert oder zur Mühle gebracht wurden, mehrmals mit speziellen Schaufeln aus Holz (Scheffel) gewendet werden.

 

Beim Dreschen bekamen wir immer viel Staub ab, und wir sahen abends manchmal wie Mulatten aus. Bäder gab es bei uns und in den meisten Familien damals nicht. Wir waren froh, wenn in der Waschküche der Wäschekessel angeheizt war, und wir dann in der großen Zinkwanne baden konnten.

 

 

 

Große Veränderungen vollzogen sich in der Haltung der landwirtschaftlichen Nutztiere mit:

 

-          Leistungsfähigeren Tieren durch züchterische Maßnahmen und heute sogar mit Hilfe genetischer Methoden,

 

-          der Entwicklung von Haltungsformen, die zwar Arbeitskräfte sparend, aber nicht immer tiergerecht sind,

 

-          dem Einsatz neuer leistungsfördernder Futtermittel, die aber manchmal gesundheitliche Risiken für die Menschen mit sich bringen,

 

-          der Schaffung großer Tierkonzentrationen, die einen höheren Aufwand für den Tierseuchenschutz erfordern und

 

-          der Abkehr von ökologischen Methoden hin zur industriemäßigen Produktion.

 

 

 

Diese Themen sind schon in vielen seriösen aber auch reißerischen Veröffentlichungen beschrieben worden. Ich will als Zeitzeuge berichten, wie die  Nutztierhaltung in meiner Kindheit aussah, weil das schon weitgehend in Vergessenheit geriet. In weiteren Abschnitten berichte ich dann von meinen Erfahrungen mit der sogenannten modernen Tierzucht- und Haltung.

 

Als gut galten schon tägliche Milchleistungen der Kühe von 10 Litern und der Ziegen von 2 Litern. Die Kälber tranken (saugten) am Euter ihrer Mütter, wurden damit natürlich ernährt und durch die Kontamination mit den stallspezifischen Keimen z.T. grundimmunisiert. Es gab weniger Kälberverluste, als später beim Einsatz von Milchaustauschern. Antibiotika gab es noch nicht und das Kalbfleisch war  echt, weil die  geschlachteten Tiere nur Milch und  noch keine festen Futterstoffe bekommen hatten.

 

In meiner Heimat war die Rinderrasse Höhenfleckvieh vorherrschend. Neben  ansprechender Milchleistung zeichneten sich diese Tiere durch guten Fleischansatz aus.. Die Hauptkrankheit war Rindertuberkulose, die bekanntlich auch auf den Menschen übertragbar ist Die meisten Bauern hatten im Stall eine Kuh, die als die gesündeste galt und nur von dieser wurde die Trinkmilch für den Eigenbedarf gewonnen. In aufgeklärten Bauernfamilien wurde aber auch diese wie alle andere Milch nicht roh verzehrt. Die schon damals sehr gut funktionierenden Molkereien lieferten Trinkmilch aus, die in der gesundheitlichen Unbedenklichkeit  den heutigen Standart entsprach.

 

Melkmaschinen hatten nur die größeren Bauern. Beim Handmelken wurde ein einbeiniger Schemel an den Hintern gebunden, mit dem man recht gut neben der Kuh sitzen und das Euter erreichen konnte. Wichtig war, den Platz vor den Hinterbeinen kopfwärts auszuwählen, weil Kühe nach der Seite ausschlagen können.  Pferde dagegen  schlagen mit den Beinen nach hinten aus. Störend beim Melken konnte der wedelnde Schwanz werden, den ich meist für diese Zeit festband. Etwas mühevoller war das Melken der Ziegen, weil das Euter wesentlich tiefer hing.

 

 

 

Die künstliche Besamung war noch nicht bekannt und in jedem Ort oder auch für mehrere Dörfer zusammen stand in einem größeren Bauernhof ein Zuchtbulle. Dorthin wurden die Kühe zum „Decken“ gebracht. Die Ziegenböcke waren meist  an einer zentralen Stelle bei Kleinbauern untergebracht. Diesen Standort konnte man  durch den intensiven Geschlechtsgeruch selbst in der weiteren Umgebung ausmachen. Ziegen sind sehr störrisch, selbst wenn sie zum Bock gebracht werden sollten. Mein Großvater hat sie manchmal mit dem Handwagen dorthin gefahren, weil sie absolut nicht mit laufen wollten.

 

 

 

Ich kannte in meiner Kindheit für Kühe und Ziegen im Stall nur die „ Anbindebehaltung“ mit Stroheinstreu. Als überdurchschnittlich groß galt schon eine Stallung mit 20 Kühen sowie gleicher Anzahl Kälber und  Jungtiere, die teilweise auch in „Laufställen“ gehalten wurden.

 

An Schweinerassen kannte ich „Deutsches Landschwein“, „Deutsches Edelschwein“ und „Sattelschwein“, das waren die schwarz / weiß gefleckten Tiere. Die Mastdauer betrug meist länger als ein Jahr, und 4 Zentner schwere Schweine mit dickem Speck waren beliebt für die Hausschlachtung, d.h. den Eigenbedarf. Von neu gezüchteten  Rassen mit einem längeren Kotelettstrang und einer Schlachtreife mit 8 – 9 Monaten erfuhr ich erst während meines Studiums in den fünfziger Jahren. Die Schweine wurden nur in mittleren und größeren Bauernhöfen in massiven ordentlichen Unterkünften gehalten, aber mehr als 50 Tiere in einer Stallung hatte ich nicht kennen gelernt.  Die Plätze für die Schweinehaltung waren in vielen Gehöften sehr primitiv und manchmal richtige dunkle „Löcher“ in Scheunen und Nebengebäuden. In Gehöften mit Garten stand den Tieren auch oft ein Auslauf ( Suhle ) zur Verfügung. In den Ställen waren die  Fußböden der „Koben“ meist mit runden Hölzern  über einem Hohlraum, in dem sich Kot und Urin  sammelte abgedeckt. Für Mastschweine  wurde meist nur wenig Stroh eingestreut. Die Holzböden waren wahrscheinlich die Wegbereiter für die einstreulose Haltung. Nur bei Sauen und in der Ferkelaufzucht wurde mit Stroheinstreu nicht gespart. Das Säubern der Schweinebuchten war immer eine Arbeit, vor der auch ich mich gern drückte. Das Herausnehmen der Rundhölzer, deren Reinigung und das Leeren der Sammelgruben vom Kot/ Uringemisch, das alles erfolgte mit einfachem Werkzeug per Hand.  Außerdem musste  mit Wasser gespart werden und die heute bekannte Säuberung mit Wasserstrahlgeräten oder wenigstens einem Wasserschlauch war für uns eine Unmöglichkeit.

 

Legehennen durften bei keinem Bauern fehlen. Das waren die Tiere, die am ehesten Frischluft und Auslauf genießen konnten. Käfige oder Bodenintensivhaltung hatte ich in meiner Kindheit nirgends kennen gelernt. Die Landwirte, die eine hohe Legeleistung erwarteten, hielten die Rasse „Weiße Leghorn“, die legten durchaus im Jahr pro Henne 150 bis 180 Eier. Diese Vögel hatten aber keinen guten Fleisch- und Fettansatz, wie er für Suppenhühner gewünscht war. Hierfür gab es Fleischrassen, die aber weniger Eier legten.

 

Im Gegensatz zu heute wurden noch in den dreißiger und vierziger Jahren die Legehennen im Schnitt 3 – 4 Jahre alt. Sie hatten dann fast alle Tuberkulose, die auch auf Schweine und Rinder übertragbar ist. Die Legeleistung der alten Tiere war sehr gering und deckte häufig nicht einmal den Futteraufwand. Meine Großeltern sagten: „ Alte Kühe und junge Hühner machen den Bauern reich.“ Es hielten sich aber nur wenige an diese Weisheit. Auch die Kühe für deren Nachwuchs ein hoher Aufwand erforderlich ist, mussten gerade wegen der Tuberkuloseerkrankung oft sehr jung geschlachtet werden.

 

 

 

In meiner Kindheit war die Fütterung der landwirtschaftlichen Nutztiere noch sehr natürlich und artengerecht. Rinder bekamen im Winter vorwiegend Heu und Grummet sowie Rüben und nach jeweiliger Milchleistung Getreidekraftfutter. Sogenannte Leistungsförderer waren unbekannt und als Zusatz nur Mineralstoffgemische vorwiegend mit Kalk üblich. Lecksteine sowohl für Rinder als auch für Ziegen und Schafe durften nicht fehlen. Getränkt habe ich die Tiere noch mit dem Wassereimer oder Wasser in Trögen. Es kamen gerade die Selbsttränken auf und ich weiß, dass wir immer sehr argwöhnisch prüften, ob die Tiere auch wirklich saufen. Es wurde immer gesagt: „Wasser ist das billigste und wichtigste Futtermittel und wer das Tränken vergisst, verschenkt Geld.“ Während der Vegetationsperiode wurde Klee, Luzerne oder junges Wiesengras gefüttert.

 

Für Pferde war Hafer das hauptsächlichste Kraftfutter.

 

Schweine erhielten vorwiegend Kartoffeln und teilweise Rüben sowie Kleie und Getreidekraftfutter. Bauern, die schon einmal etwas von Vitaminen gehört hatten, fütterten den Schweinen auch Rübenblätter, Klee oder Luzerne.

 

Natürlich ernährt wurden die Hühner mit Gersten- oder Weizenkörnern, zerkleinerten Knochen oder Eierschalen, damit brauchten weniger Mineralstoffgemische als Zusatzfutter gekauft werden.

 

 

 

Nach der Beschreibung der heute weitgehend vergessenen Besonderheiten der Nutztierhaltung will ich noch von Begebenheiten berichten, die mir aus der Volksschulzeit und aus  Freizeiterlebnissen  in Erinnerung geblieben sind.

 

In den Bauernhöfen unserer Nachbarschaft waren, wie schon beschrieben,  französische und polnische Kriegsgefangene am Tage als Landarbeiter tätig. Nachts wurden sie unter Bewachung in einem Barackenlager untergebracht. Ein Franzose, ein Lehrer, der in seiner Heimat deutsche Sprache unterrichtet hatte, war mir besonders sympathisch. Ich setzte mich oft zu ihm, wenn er im Pferdestall beim Bauern E. seine Mahlzeiten einnahm. Außerdem zeigte ich ihm manche Fertigkeiten aus der praktischen landwirtschaftlichen Arbeit, die ich als 13/ 14 Jähriger besser kannte als er. Er war als Intellektueller bisher noch nie mit solchen Tätigkeiten in Berührung gekommen. Im übrigen gestatte er mir oft, mit den Pferden zu kutschieren, wenn wir zu den Feldern und Wiesen fuhren oder dort arbeiteten. Die Zügel in der Hand halten zu dürfen und die Tiere zu lenken war für mich  bekanntlich eine besonders große Freude.

 

Keine ernsthaften Gedanken machte ich mir darüber, dass ich ihn manchmal am Tisch bei der Bauernfamilie sitzen und essen sah. Wenn ich kam stand er sofort auf und aß im Stall weiter. Die Gefangenen durften nicht mit in der Stube oder Küche speisen und Gefangener und Bauer hatten Angst vor Anzeigen. Das hätte ich bestimmt nicht getan, aber das Vertrauen besonders zu unbedachten Kindern reichte damals nicht weit. Es waren  auch Fälle bekannt geworden, dass Kinder ihre Eltern, Verwandte oder Nachbarn wegen unbedachter, verbotener politischer Äußerungen oder Handlungen anzeigten. Listige verbohrte Nationalsozialisten brachten es auch fertig, die Unerfahrenheit der Kinder nutzend, sie  scheinheilig auszufragen.

 

Die Unterhaltung mit diesem Lehrer war für mich sehr schön und aufschlussreich, weil er sehr spannend von seiner Heimat erzählen konnte und ich auch manches lernte. Politischen  Themen, das kommt mir retrospektiv in Erinnerung, wich er aus. Zu Konflikten hätte es manchmal bald geführt, dass er mich völlig ignorierte, wenn ich die Jungvolkuniform trug. Ich wollte  nicht verstehen, dass er sich dann, selbst wenn ich ihn ansprach, taub stellte.

 

 Ich legte mir das so zurecht, dass er zwar ein guter Mensch ist, aber trotzdem immer unser Feind bleibt. Als solcher ist er uns unterlegen und kann das Gute in Deutschland  nicht begreifen.

 

 

 

 

 

Mein Leben als Kind und Jugendlicher wurde beeinflusst oder auch überschattet von den Kriegs- und Nachkriegsereignissen. Große Gefahren, besonders durch Bombenangriffe, oder starken Entbehrungen in der Ernährung blieben uns auf dem Lande im gewissen Umfange erspart. Außerdem gibt es für die Psyche des gesunden Menschen eine gewisse Schutzfunktion im Gedächtnis, indem schöne und angenehme Erscheinungen nachhaltiger in Erinnerung bleiben, als  schwere, traurige Ereignisse. Ich will deshalb einige spezielle Erlebnisse und Eindrücke als Kind vom Lande im Rahmen des Zeitgeschehens schildern. Damit sollen wiederum die damaligen Unterschiede zwischen Stadt und Land, die sich ab der fünfziger Jahre bis heute weitgehend aufgehoben haben, dargestellt werden.

 

Lebensmittel ,Kleidung, Schuhe, Wäsche, Zigaretten, Kohlen, Holz und alles was zum täglichen Leben gehörte war in der Kriegs- und Nachkriegszeit rationiert und konnte nur gekauft werden, wenn man hierfür  „Marken“ oder Bezugscheine besaß. An die Ausgabe der ersten Lebensmittelmarken erinnere ich mich noch sehr gut. Es war der letzte Sonntag im August 1939 und ich ging mit meinen Eltern zum Schützenfest, wir sagten „Vogelschießen“. Ein Bekannter meines  Vaters, ein Angestellter der Stadtverwaltung, schaute in seinem Haus aus dem Fenster und sagte: „Wilhelm, wenn ihr zum Schützenplatz geht, dann esst Euch nur noch Mal richtig satt, denn morgen geben wir Lebensmittelkarten aus“. Er hatte recht, es war alles für  den Kriegsbeginn vorbereitet  und die „Marken“ wurden am Montag zu den Familien gebracht. Meine Eltern kannten diese Gepflogenheiten schon vom ersten Weltkrieg her und mein Vater sagte: „Nun ist der Krieg nicht mehr aufzuhalten, der wird schlimmer als alles bisherige.“ Er sollte leider recht behalten.

 

Ich will einiges über diese Bewirtschaftung mit Bezugsberechtigungen erzählen, weil dies unsere Kinder und Enkel schon nicht mehr mit erlebt haben. Es erfolgte alles nach deutscher Gründlichkeit und wohldurchdachtem System. In der Lebensmittelversorgung gab es in den zugeteilten Mengen Abstufungen. Vorrangig bedacht wurden Schwerstarbeiter und dann folgten mit wesentlich geringeren Rationen Schwerarbeiter, Arbeiter, Angestellte, Hausfrauen, Rentner  sowie sonstige nicht Berufstätige. Für Kinder und Kleinstkinder sowie Schwangere gab es spezifische Lebensmittelzuteilungen. Die Zuteilung der übrigen Waren, wie Brennmaterial, Kleidung, Schuhe usw.  richtete sich ebenfalls nach der ausgeübten Tätigkeit. Die Marken und Bezugscheine wurden streng kontrolliert ausgegeben und waren wichtige ortsgebundene Dokumente. Bei Verlust gab es nur in ganz wenigen Ausnahmefällen Ersatz. Jeder Missbrauch wurde streng bestraft. Für besondere Fälle konnte man im Amt  Reisemarken eintauschen, die für ganz Deutschland Gültigkeit besaßen. Die Händler durften nur Waren nach den auf den Abschnitten gekennzeichneten Mengen abgeben. Markenabschnitte und Bezugscheine wurden in Verantwortung der Geschäftsinhaber auf Bögen aufgeklebt und mit der Verwaltung abgerechnet.  Das war die Grundlage für neue Warenlieferungen.

 

Mit den Marken gab es einen zwar verbotenen aber doch heimlichen regen inoffiziellen Tauschhandel. Starke Raucher tauschten Lebensmittel gegen Tabakwaren, oder auch umgekehrt. Familien mit sehr vielen Kindern hatten reichlich Lebensmittelmarken, die sie manchmal sogar verkauften.

 

Die Lebensmittelmarken gab es ab 1939 und auch nach dem Krieg in der DDR bis 1958. Kohlenkarten gab es sogar bis in die achtziger Jahre, wobei aber ein unbeschränkter Zukauf freier Brennstoffe zu höheren Preisen, als auf Marken, möglich war.

 

Aufmerksam machen will ich auf die Fleisch- und Fettrationen, die noch 1958 für eine Hausfrau pro Tag nur 43 und 29 Gramm sowie für ein Kind bis 5 Jahren je 30 Gramm betrugen. In den fünfziger Jahren konnten allerdings in den staatlichen HO- (Handelsorganisation) Geschäften für wesentlich erhöhte Preise zusätzlich Fleisch, Wurst, Butter, Fett und auch Süßwaren  gekauft werden.

 

Die Bevölkerung der Großstädte versuchte zum Überleben sich zusätzliche Lebensmittel zu beschaffen. Sie fuhren als  die im Volksmund bekannten Hamsterer in die Dörfer und tauschten dort bei den Bauern  Teppiche, Tafelsilber, Kunstgegenstände usw. gegen Butter, Fett, Kartoffeln, Mehl und dergleichen ein. In diesen Jahren konnte sich so mancher pfiffige Landwirt ein recht passables Warenlager mit wertvollen Gegenständen anlegen. Es gab aber auch viele solide Bauern, die ohne große Gegenlieferungen halfen so gut sie konnten. Bei meiner Großmutter ging niemand wieder vom Hof, der nicht wenigstens eine Scheibe Brot oder einige Kartoffeln erhielt. Man musste jedoch auch aufpassen, dass besonders Pfiffige diese Gutmütigkeit nicht ausnutzten.

 

In der Stadt wurde auf Schwarzmärkten mit allem gehandelt was redlich oder auch unredlich erworben worden war.

 

Bei Razzien auf den illegalen Märkten  auf Plätzen, Bahnhöfen und Straßen wurden hin und wieder Waren beschlagnahmt und auch teilweise  Personen verhaftet. Die wirklich großen Gauner und die Drahtzieher des Schwarzhandels erwischte man aber selten oder nicht. Es war eine Zeit, in der schon der Ausspruch, der bis heute gilt, die Runde machte: „Die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher.“

 

Zur Linderung der größten Not wurden in den Städten sogenannte Wärmestuben eingerichtet. Dort fanden in der kälteren Jahreszeit vor allem ältere Menschen während des Tages Schutz vor all zu großer Kälte. Hier und in ausgewählten Gasstätten gab es auch ab und zu eine warme Suppe ohne Marken. Diese Speise bestand aus Wasser und dünnen Kartoffelstreifen. Sie wurde „Zuddelsuppe“ genannt und wenn wir Schüler sie uns kaufen durften, wetteiferten wir damit, wer Fettaugen entdeckt. Übringens mussten auch in Restaurants die in den Speisekarten für die einzelnen Gerichte verzeichneten Markenabschnitte abgegeben werden.

 

Neben den Schwarzmärkten gab es offizielle Tauschzentralen, in denen alle Haushaltsgegenstände und – Geräte  bis hin zu Fahrrädern als Waren gegebenenfalls auch mit Wertausgleich getauscht werden konnten.

 

Alle Bauern, auch Nebenerwerbslandwirte und  manchmal sogar Kleinerzeuger mit  einem Garten und Kleintierhaltung erhielten die Auflage zu einer Sollabgabe der erzeugten Produkte. Die Eigenerzeugung wurde zumindest bei der Zuteilung der Lebensmittelmarken berücksichtigt d.h. in den entsprechenden Mengen abgezogen.

 

In dieser Zeit wurde alles, jeder Feld- und Wiesenrand, Straßengraben, Hausgarten und jedes Stückchen Land für Gemüse - oder Feldfrüchteanbau sowie die Gewinnung von Tierfutter, intensiv genutzt. Auf abgeernteten Getreidefeldern wurden alle noch liegen gebliebenen Ähren per Hand aufgelesen. Das bezeichnete man als „Ährenlesen“. Auf Zuckerrüben -  und Kartoffeläckern blieben nach der Ernte restliche  Feldfrüchte in der Erde zurück, die mit Handhacken ausgegraben wurden. Das hieß „stoppeln“ womit man  die Felder  .regelrecht nochmals umgrub. Viele Städter kamen zum Stoppeln und Ährenlesen aufs Land. Es gab oft einen regelrechten Kampf um die diesbezüglichen Rechte auf den einzelnen Feldern. Noch bevor die Äcker abgeerntet waren lagerten die Menschen am Rand der Felder, um sofort loszustürmen, wenn die Freigabe zum Nachernten erfolgte. Einige ganz Verwegene wagten sich schon manchmal auf die noch nicht voll abgeernteten Fluren. Es kam dann sogar zu Prügeleien und in einigen Fällen musste die Polizei eingreifen. Auch nachts suchten regelrechte Diebesbanden die Erntefelder heim. Die Bauern organisierten selbst Wachen, teilweise auch mit Hunden, um ihr Eigentum zu schützen, weil die Ordnungsmacht nicht gern gegen die Bevölkerung vorging.

 

Die Forste sahen in dieser Zeit wie gefegt aus, weil alle Reste vom Holzfällen und Reisig aufgesammelt wurden. Die Förster gaben „Holzlesescheine“ aus, um nicht ganz die Kontrolle in den Wäldern zu verlieren. Sie konnten trotzdem den Holzdiebstahl und die frevelhafte Beschädigung gesunder Bäume nicht ganz verhindern. Ebenfalls Berechtigungsscheine gab es für das Roden von Wurzeln gefällter Bäume. Zusammen mit dem ofengerechten Zerkleinern dieser sogenannten „Stöcke“ war dies eine Schwerstarbeit. Ältere  und Jugendliche mussten diese Tätigkeiten  bewältigen, weil die kräftigen und  jungen Männer im Kriegseinsatz oder noch in Gefangenschaft waren.

 

Viele Betrügereien gab es beim Verkauf oder Tausch von Lebensmitteln. Dem Mehl wurde Gips untergemischt oder auf den Grund von Säcken oder Gefäßen mit Getreide lagen oftmals Steine, die zum Gewichtsausgleich mit Spreu überdeckt waren. Geschlachtete Katzen wurden als Kaninchenfleisch in den Verkehr gebracht. Es gab deshalb den Hinweis,  Kaninchenschlachtkörper nicht in Empfang zu nehmen, wenn  der unverwechselbare Kopf  fehlt oder nicht mehr fest mit dem Tierkörper verbunden ist. Bei uns wurde erzählt, dass in Leipzig sogar Menschenfleisch verkauft worden wäre. Auch Hunde wurden weggefangen, illegal geschlachtet und das Fleisch teuer verkauft.

 

An Brot und Kartoffeln konnten wir uns auf dem Lande  satt essen. In gewisser Hinsicht knapp waren auch bei uns Butter, Fleisch und Zucker. Schwierig war es über die genehmigte Menge hinaus Getreide gemahlen zu bekommen. Wir haben deshalb kleine Handmühlen konstruiert und auch selbst Brot gebacken. Auch im Buttern haben wir uns geübt, aber nie die Qualität der Molkereibutter erreicht.

 

Meinem Vater war es im vorletzten Kriegsjahr gelungen einen Zentner Nudeln, die aus schwarzem Mehl hergestellt waren, einzukaufen. Ab diesem Zeitpunkt gab es bei uns zu Hause über viele Monate hinweg 1 bis 2 Mal pro Woche Nudeln in unterschiedlichster Zubereitung. In der Anwendung der mannigfachsten Kochrezepte waren meine Mutter und Oma  Meisterinnen. Sie stellten sogar falsche Bratheringe aus Teig her, die in der Form, dem saurem Milieu und den Aussehen den echten ähnelten.

 

Ich bin seit über 50 Jahren nicht wählerisch im Essen. Auf schwarze Nudeln und Kaninchenfleisch verzichte ich heute aber gern. Neben diesen Teigwaren mit den ganz spezifischen eigenartigen Geschmack gab es bei uns wöchentlich mindestens einmal Kaninchenbraten und außerdem Suppen mit dieser Fleischart. Ich denke, ich habe darin mein Lebenssoll erfüllt.

 

Die Menge der ab zu liefernden landwirtschaftlichen Erzeugnisse wurde nach der bewirtschafteten Acker- und Wiesenfläche berechnet. Ohne Rücksicht auf die vorhandene Tierhaltung mussten alle Produkte im entsprechenden Anteil abgegeben werden. Meine Schwiegereltern z.B. hatten ein Kohlengeschäft und die vorhandenen Pferde wurden von den Erträgen der Wiesen und Äcker ernährt. Sie hielten keine Kühe und Hühner, weil sie hierfür auch keine  Stallungen hatten. Trotzdem waren sie mit der Ablieferung von Milch und Eiern beauflagt. Um das Soll zu erfüllen mussten sie für diese Produkte Getreide tauschen.

 

In den Dörfern und Randgebieten der Städte wurden alle Möglichkeiten genutzt um Mastrinder, Schweine, Kaninchen, Hühner,  Ziegen sowie Schafe zu halten. Die Tiere mussten in sehr primitiven Unterkünften, oftmals nur hinter Bretterverschlägen ihr Dasein fristen. Als Futtergrundlage dienten vorwiegend Küchenabfälle, das Getreide vom Ährenlesen, die Kartoffeln vom Stoppeln sowie das Gras von Straßengräben und Feldrainen. Manchmal wurden dabei auch Eigentumsverhältnisse verletzt und die Früchte von fremden Feldern gestohlen. Einen Haken hatte die ganze Angelegenheit, die Tiere wurden alle im Rahmen einer fast lückenlosen Viehzählung erfasst. Damit sollten die  Erträge aus dieser Tierhaltung bei der Zuteilung von Lebensmittelmarken berücksichtigt werden. D.h. sogar bei Kleinerzeugern wurde die entsprechende Menge abgezogen. Verständlicher Weise versuchte man deshalb so manches gehaltene Nutztier  zu verheimlichen. Gerade dies wiederum stellte oft eine große Gefahr  bei der Tierseuchenbekämpfung dar. Wollte man ein Schwein, Rind oder Kalb schlachten musste bei der Gemeindeverwaltung ein sogenannter „Schlachtschein“ beantragt werden.  Hierbei war nachzuweisen, dass die Tiere in der eigenen Wirtschaft aufgezogen und gemästet worden waren. Diese strengen, einengenden Bestimmungen haben fast alle Tierhalter mit dem sogenannten „Schwarzschlachten“ umgangen. Das musste aber nicht nur vor den Behörden, sondern auch vor den Nachbarn verborgen werden, weil diese sonst auch Möglichkeiten zur Erpressung hatten.

 

Beim heimlichen Schlachten wurden im Stall Fenster und Türen mit Decken verhangen, um wenig Geräusche nach außen dringen zu lassen und zu verdunkeln. Nach dem dortigen Betäuben und Entbluten erfolgte in der ebenfalls verbarrikadierten Küche die weitere Verarbeitung.  Es war günstig, wenn zu einer regulär genehmigten Schlachtung ein zusätzliches Tier geschlachtet werden konnte. In diesem Falle brauchte nur aufgepasst werden, dass die größeren Produktmengen nicht auffielen. Mir wurde ein Fall bekannt, dass bei einem Bauern in dieser Weise alles gut ging; nur an die Beseitigung der Kopfknochen hatte er nicht gedacht und man glaubte ihm die Story  nicht, dass sein Schwein eine Missgeburt mit zwei Köpfen gewesen sei. Die Zahl der Mitwisser beim Schwarzschlachten musste gering gehalten werden, deshalb wurden auch nicht in jedem Falle gelernte Fleischer engagiert. Selbst auf die Fleischbeschau und Trichinenuntersuchung musste oft verzichtet werden, wenn man  hierfür keinen vertrauenswürdigen schweigsamen Fachmann gewinnen konnte. Das Schweigen musste jedoch bei Beteiligten, auf die man nicht verzichten wollte, immer  mit der Übergabe von Naturalien erkauft werden. Vorsichtige stellten deshalb bei unterlassener fachmännischer Fleischuntersuchung nur gekochte  Erzeugnisse her.  Als Dreizehn- bis Fünfzehnjähriger habe ich mit meinem Onkel zusammen fünf Mal Schweine schwarz geschlachtet. Einbezogen wurden dabei nur eigene Familienmitglieder. Meine Großmutter verstand es übrigens ausgezeichnete Fleisch- und Wursterzeugnisse herzustellen, die in der Qualität  denen aus Fachgeschäften ebenbürtig waren. Tiere , die illegal geschlachtet wurden, mussten verständlicher Weise bei der Viehzählung wieder vorhanden sein. Die Prüfer verließen sich  nicht allein auf mündliche Angaben, sondern zählten selbst nach. Bei uns meinte einmal ein Kontrolleur: „Dieses Schwein ist doch bestimmt krank, denn es ist seit einem halben Jahr fast nicht gewachsen.“ Er merkte wohl, dass es ein Ersatz für ein schwarz geschlachtetes Geschöpf war, ging aber Gott sei dank darüber hinweg, weil er keinen Ärger haben wollte. Ein anderes Vorkommnis war schwieriger zu bewältigen. Nach einer Schwarzschlachtung hatten wir die notwendige Anzahl der Schweine noch  nicht wieder ergänzt. Auch ein gestorbenes Tier hätte über eine Ablieferungsbescheinigung bei der TKBA (Tierkörperbeseitigungsanstalt ) nachgewiesen werden müssen. Eine kurzfristig anberaumte  Viehzählung brachte uns deshalb in arge Not. Bei größeren Bauern, die Sauen hielten, war die Tierzahl über die Angabe von weniger geborenen Ferkeln zu manipulieren. Nicht bei uns. Es musste also kurzfristig ein Schwein her. Am Abend vor der zu erwartenden Zählung gingen deshalb meine Mutter und Tante ins Nachbardorf zu einem Verwandten, der als Großbauer immer mehrere ferkelführende Sauen hatte. Er verkaufte uns ein Ferkel, das in einer Kiste mit Luftlöchern auf dem Handwagen über Wald- und Feldwege nach Hause transportiert wurde. Die beiden Frauen hatten dabei immer Angst, dass  ihnen jemand begegnen könnte. Vor allem  der Ortspolizist  ging gern zu Kontrollen übers Land und mit ihm zusammen zu treffen, wäre eine Katastrophe gewesen. Die Aktion verlief ohne Zwischenfälle. In unserem Stall musste das Ferkel mit Flasche und Ziegenmilch weiter aufgezogen werden. Es war zu früh vom Muttertier weggenommen worden und bedurfte nunmehr unserer intensiven Pflege, die auch ich gern übernahm. Die Viehzählung verlief dann ohne Beanstandungen, denn die Tieranzahl war wieder komplett. Wir hatten auf alle Fälle Glück, dass der Viehzähler die Gewichte der vorhandenen Schweine großzügig beurteilte.

 

 

 

Die dargestellte „Notzeit“ zeigt, dass in den dreißiger und vierziger Jahren die Ernteergebnisse einen wesentlich höheren Stellenwert besaßen als heute. Nicht mehr allein das gewonnene Produkt, sondern der erzielte Geldgewinn spielt jetzt die dominierende Rolle. Unsere Vorfahren würden es einfach nicht begreifen, dass die EU für nicht bestellte Flächen oder nicht erzeugte tierische Produkte Prämien bezahlt.

 

Der Leser möge deshalb auch nach diesen Gesichtspunkten die bisher beschriebenen und im weiteren darzustellenden bäuerlichen Arbeiten beurteilen, die einschließlich des Geräte- und Maschineneinsatzes auf eine möglichst verlustlose Gewinnung aller pflanzlichen und tierischen Produkte gerichtet waren. Die oft übertriebene Sparsamkeit war meist kein Geiz, sondern aus der Not geboren.

 

 

 

Bis 1945 war in der Landwirtschaft der Grundbesitz in Privathand. Nur in sehr geringem Umfange gab es sogenannte Domänen, die im wesentlichen in Staatsbesitz waren. Der in meinem Heimatort  einzige Landwirtschaftsbetrieb mit mehr als 100 ha Land  wurde nach 1945 enteignet.  Das gleiche geschah mit den Wäldern, die sich zum größten Teil im Besitz der Fürstentümer Reuß befanden.  Im Rahmen der Bodenreform wurden 1946 die Ländereien aufgeteilt. Wenig Einheimische, mehr Umsiedler, damals noch Flüchtlinge genannt, aus dem Sudetenland oder Ostgebieten stellten Antrag auf Landzuteilung. Pro Antragsteller gab es in unserer Gegend maximal 5 ha Acker- und Wiesenfläche. Ich erinnere mich an die Gespräche in unserer Familie, ob auch wir „Neubauern“  werden sollten. So hießen die Leute, die durch die Bodenreform Land erhielten. Unser Kleinbauernhof hätte sich durchaus für die Einrichtung einer Neubauernstelle geeignet. Besonders mein Vater sagte: „ Ich nehme kein Land, das bisher anderen gehörte. Ich kenne den Großgrundbesitzer unseres Ortes sehr gut. Er ist kein Verbrecher und ich würde mich schämen, wenn ich mir diesen Besitz aneigne.“ Und deshalb wurden wir keine Neubauern.

 

Die enteigneten Ländereien wurden vermessen und in Parzellen zu je ca. 5 ha. aufgeteilt. In einem feierlichen Akt erhielten die neuen Bauern die Urkunde über ihren neuen Besitz. Auch landwirtschaftliche Geräte, Wirtschaftsgebäude und Nutztiere wurden verteilt. Ich weiß, dass es damals dabei viel Zank und Streit gab. Am Rande unseres Ortes wurden 3 Neubauerngehöfte entsprechend eines bekannten Typenbaues errichtet. Die übrigen neuen Grundbesitzer zogen in den Gebäuden des ehemaligen Gutes ein und waren uneins bis zur LPG – Gründung, als dann alles wieder zusammen kam. Die neuen, die in einigen Fällen keine Bauern waren, bezahlten viel Lehrgeld bei der Bewirtschaftung der Wiesen und Äcker und in der Tierhaltung. Selbst als erst 15 Jähriger konnte ich manchem unerfahrenen Neubauern Ratschläge zur Feldbewirtschaftung und Nutztierhaltung geben.

 

Zur Hilfe der Neubauern bei der Bewirtschaftung der Äcker und Wiesen wurden gleich Ende der vierziger Jahre MAS (Maschinen Ausleihstationen) eingerichtet. Deren Weiterentwicklung vollzog sich in MTS (Maschinen Traktoren Stationen), die als Stützpunkte auf dem Lande galten. Von diesen aus wurden alle landwirtschaftlichen Arbeiten zuerst für die Einzelbauern und später für die LPG als Dienstleistungen ausgeführt. Gleichermaßen gab es in diesen Stationen Beratungsdienste für alle landwirtschaftlichen Gebiete.

 

Unsere kleine Landwirtschaft wurde  als Nebenerwerbsbetrieb bewirtschaftet, denn mein Vater ging weiter seiner Arbeit nach. Mein Großvater war gestorben, meine Oma alt und meine Mutter und ich als 15 Jähriger kümmerten uns vorwiegend um die kleine Landwirtschaft, die dann 1952 von meinem Onkel übernommen wurde. 1960 wurden die Felder der LPG eingegliedert. Bis 1982 erhielt aber mein Onkel, obwohl er kein LPG – Mitglied war, noch  jährlich Getreide als Vergütung für sogenannte Bodenanteile. Heute gehört uns das Feld wieder und ist an eine Agrargenossenschaft verpachtet. Das Großelternhaus mussten wir 1985 an einen Angestellten des Gefängnisses, das jetzt mit einer kolossalen Mauer bis ans Hoftor reicht, verkaufen. Ein Teil des großen Gartens gehört noch meiner Cousine.

 

 

 

Ich wurde nicht, wie als Kind erhofft, Bauer, sondern studierte Veterinärmedizin. Als Tierarzt war ich dann verständlicher Weise immer mit Problemen der Landwirtschaft befasst. Besonderheiten der Stellung und Entwicklung dieses Wirtschaftszweiges will ich deshalb im Rahmen meines Studiums und beruflichen Werdeganges darstellen. Das waren meine Ausbildung und Tätigkeiten als:

 

-          Student der Veterinärmedizin

 

-          Zootechniker in einer MTS

 

-          Tierarzt in der Rindertuberkulosebekämpfung,

 

-          Leiter der diesbezüglichen Bezirksinspektion im Bezirk Erfurt,

 

-          Bezirkstierarzt in Erfurt,

 

-          Haupttierarzt beim Bezirkslandwirtschaftsrat in Erfurt,

 

-          Leiter der Abteilung Bauhygiene und Stellvertretender Direktor am Bezirksinstitut für Veterinärwesen in Bad Langensalza,

 

-          Aufbauleiter für eine industriemäßige Schweineproduktionsanlage,

 

-          Cheftierarzt und Tierärztlicher Direktor im Fleischkombinat Erfurt sowie

 

-          Amtstierarzt für Lebensmittelhygiene in der Stadt Erfurt.

 

 

 

Das veterinärmedizinische Studium konnte ich 1950 in der DDR aufnehmen, weil ich:

 

-          Das Abitur mit der Note „gut“ bestand,

 

-          die Tätigkeit meines Vaters nach 1945 als Arbeiter zählte und ich damit „Arbeiterkind“ war,

 

-          in der Oberschule aktiv in der FDJ mitgewirkt hatte und

 

-          Kandidat der SED wurde.

 

 

 

Meine gesellschaftspolitische Aktivität setzte ich aber in den Anfangsjahren meines Studiums  nicht fort und ich erkannte einige mir missfallende Widersprüche. Daraus entwickelte sich  für mich ein etwas von der allgemeinen Norm abweichender Studienverlauf mit anschließender beruflichen Entfaltung.

 

Einen kräftigen und nachhaltigen Nasenstüber, was meinen Enthusiasmus für die Sache des Sozialismus betraf, bekam ich als Student 1951/52 verpasst. Alle Parteimitglieder wurden zu ihrer Haltung und Einstellung zur „Partei neuen Typus“, zum Stalinismus-Leninismus, überprüft. Die „Aussprache“ mit der Kommission, in meinen Augen und Ohren ein strenges Verhör vor dem Gremium, kann ich im Einzelnen nicht mehr aus dem Gedächtnis rufen. Aber noch bis heute fühle ich meine Erschütterung, mit welcher Härte und Intoleranz das Forum vorging, um seine Ziele durchzusetzen; zum Beispiel allen „Betroffenen“ das Versprechen abzuringen, absolute Distanz zum sogenannten Klassenfeind zu halten. Außerdem konnte ich nicht fassen, dass Dinge verherrlicht wurden, die in Wirklichkeit ganz anders aussahen. Gerade in diese Zeit fiel, nach einer zweijährigen Kandidatur, meine Aufnahme in die Partei – ich wurde  als würdig befunden, Mitglied der SED zu werden. 

 

 

 

Zu den Dingen, die sich in der rauen, gelebten Wirklichkeit ganz anders als von den Funktionären propagiert darstellten, gehörten zum Beispiel die Gründung der ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), die Überführung vieler Kleinbetriebe und Geschäfte  in Produktionsgenossenschaften oder volkseigene Betriebe. Diese krassen Widersprüche erlebte ich hautnah, weil meine Schwiegereltern von einem solchen Akt betroffen waren. Im Frühjahr 1953 wurde deren Kohlengeschäft vom KONSUM übernommen. Mit subtilen, aber wirkungsvollen Maßnahmen wurde diese Überführung ( einige nannten es auch Enteignung ) staatlicherseits vorbereitet: die Brennstoffe wurden unzuverlässig und mangelhaft in Quantität und Qualität geliefert, häufig auch nachts oder am Wochenende und mit äußerst engem Zeitplan, so dass die Waggons in fieberhafter Eile entladen werden mussten. Letztendlich kapitulierten meine Schwiegereltern mit der Folge, von nun an Angestellte statt freie Unternehmer zu sein.

 

 

 

Gleich nach dem 17. Juni 1953 kamen Vertreter der Staatsorgane mit dem Angebot, das Geschäft wieder in Privathand zurückzuführen, aber mein Schwiegervater lehnte ab, weil er keine Perspektive sah. Und er hatte recht.

 

 

 

Stalins Tod im Jahre 1953 werde ich nie vergessen. Wir mussten, Trauer bekundend, an einem großen Stalin-Denkmal auf dem Karl-Marx-Platz (vorher Augustusplatz) in Leipzig vorbei defilieren. Tatsächlich gab es nicht wenige, denen Tränen in den Augen standen. Wir hingegen fanden die Szenerie eher lächerlich. Den Personenkult um Stalin, der immer und überall als Held, Wissenschaftler, fleißigster Arbeiter und größter Heerführer aller Zeiten gefeiert wurde, als Idol schlechthin, betrachteten wir mit einer gehörigen Portion Skepsis. Und so gelang es uns auch nicht, den in diesem Zusammenhang von uns erwarteten Eifer zu verinnerlichen. Die beschwörenden Formeln – wie etwa das Gedicht „Im Kreml brennt noch Licht“ oder das Lenin´sche Zitat vom ewigen Lernen -  riefen bei uns nicht die gewünschte Resonanz hervor. Unsere lustbetonte Maxime lautete: Hoch lebe das freie Studentenleben!  Wen wunderts, dass die um diese Zeit beginnende Einführung von Anwesenheitslisten zu Seminaren und Vorlesungen bei uns auf strikte Ablehnung stieß. Überhaupt hatte sich bei mir eine gewisse Oppositionshaltung herausgebildet, die sich auf alle Neuerungen - davon gab es Anfang der 50er Jahre sehr viel - bezog.  Diese Reformen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts leiteten einen alle Bereiche erfassenden Umbruch ein, die Abkehr von bisherigen Traditionen, neue Gesetze wurden erlassen, mit deren Hilfe die Grundlagen für eine sozialistische Ordnung geschaffen werden sollten.

 

 

 

Im Westen Deutschlands zeichneten sich erste Konturen einer erfolgreichen Marktwirtschaft ab. Durch Nachrichten inspiriert und in den Westsektoren Berlins erlebt, glaubte ich, dass in Westdeutschland ein schnellerer Abschluss des Studiums in einem besseren Lebensumfeld möglich ist.

 

Kurzum, ich verließ 1954 illegal die DDR, wurde nicht als politisch Verfolgter anerkannt, konnte aber mein Studium in Gießen fortsetzen. Mit mehreren unterschiedlichsten Nebenjobs schlug ich mich in der Fremde so recht und schlecht durch, wurde aber in der BRD nie richtig heimisch. Auf starkes Drängen der Familie kehrte ich 1956 in die Heimat zurück.

 

In der DDR habe ich bis 1990 vielfach zu spüren bekommen, dass ich die Republik illegal verlassen, noch dazu beim Klassenfeind studiert hatte, also trotz Rückkehr ein unsicherer Kandidat war.

 

 

 

Einfügen will ich deshalb  aus heutiger Sicht einige Gedanken zu den Beweggründen meiner Rückkehr in die DDR und den daraus resultierenden Erfahrungen:

 

-          Die nicht direkte, unmittelbare, aber jederzeit mögliche Verbindung zum Elternhaus  und Familienverband bleibt für Menschen, die als Kind ein gutes zu Hause hatten, unbedingt wichtig. Wir ahnten nicht, dass ab der sechziger Jahre auch für Republikflüchtlinge wieder Besuche in die DDR möglich wurden. Ich glaubte damals für immer von zu Hause getrennt zu sein.

 

-          Es ist schwer in der Fremde Fuß zu fassen, wenn man in der Heimat  viele Freunde und Bekannte zurück lässt sowie mit den Geflogenheiten stark verwurzelt ist.

 

-          Das Leben in der DDR ließ sich durchaus ohne Notlagen gestalten, vor allem, wenn man Familienbindung  und Familienglück über zu erlangenden höheren Reichtum stellt.

 

-          Fleißiges Arbeiten bietet in allen Gesellschaften unserer Zeit überall in Mitteleuropa ein einigermaßen angemessenes Auskommen.

 

-          Diszipliniertes Verhalten garantierte auch in der DDR Sicherheit und bescheidenes Vorwärtskommen.

 

-          Nicht geahnt haben wir , dass ich mich 33 Jahre bewähren musste, weil ich als fast noch Jugendlicher illegal die Republik verlassen hatte und wieder zurück gekommen war. Das war schmerzlich, aber ich habe es verkraftet.

 

-          Trotz einiger äußerer Schwierigkeiten war es in der DDR besonders in einer intakten  Familie möglich  glücklich, behütet in   Sicherheit zu leben.

 

 

 

Nach diesen Gesichtspunkten bereuten wir nie, dass wir 1956 nach Thüringen zurück gekommen sind. Das Land war, ist und bleibt unsere Heimat. Trotz manch erkannter Fehler im gesellschaftlichen System erlebten wir 33 glückliche Jahre. Wir verherrlichen in keiner Weise die DDR, erkennen aber in den letzten 10 Jahren sehr realistisch: Auch in der BRD „ist nicht alles Gold was glänzt.“

 

 

 

Gleich nach meiner Rückkehr 1956 sollte ich diesen „Ausrutscher“ in den Westen wieder gut  machen und mich in einer Frist von 1 bis 2 Jahren in der Produktion bewähren. Erst dann wäre man bereit darüber nachzudenken, ob mein Studienabschluss auch in der DDR anerkannt wird. Also begann ich eine Tätigkeit als Fleischbeschauer und nach 2 Monaten als Zootechniker in einer MTS (Maschinen-Traktoren-Station) bei Leipzig. Das damalige Gehalt lag etwas über dem eines tierärztlichen Pflichtassistenten, zudem war es „entwicklungsfähig“, mein Sinnen und Trachten richtete sich trotzdem nach wie vor auf die tierärztliche Approbation – so schnell wie möglich. Erfreulicherweise wurde meine Bewährungszeit auf 10 Monate verkürzt und so war ich dann, Anfang 1958, nach einer halbjährlichen Pflichtassistentenzeit am Schlachthof Leipzig, am Ziel meiner Träume und Wünsche: Tierarzt. Innerhalb eines Jahres fertigte ich meine Dissertation an und  Ende 1958 promovierte ich zum Dr.med.vet. Die Rechnung über gewonnene oder eingebüßte Zeit, bedingt durch die Ausreise in die BRD, weist ein Negativsaldo aus: ich habe anderthalb Jahre „verloren“. Retrospektiv muss ich aber feststellen, dass ich diese Erfahrungen des Studiums an einer anderen Universität, die Erlebnisse in einem anderen Gesellschaftssystem, kurzum die gewonnene Lebenserfahrung, nicht missen möchte. Wenn heute die Jugendlichen ungehindert (bis auf bestimmte notwendige Zulassungsklauseln) an allen Universitäten Deutschlands und nahezu der Welt ihr Wissen erweitern und vertiefen können, so ist dies für mich ein nicht hoch genug einzuschätzender Gewinn der neuen Zeit. Diese Freiheit und Freizügigkeit sollte jedoch  Grenzen haben, zum Beispiel was die Studiendauer betrifft. Ich finde es nicht richtig, wenn solvente, aber faule Studenten unnötig Studienplätze an den schönsten Flecken der Erde blockieren. Wie so oft erweist sich der Mittelweg als der goldene: zwanghafte, einengende Disziplin, wie im Studienalltag der DDR praktiziert, ist nicht gesund, ebenso wenig aber auch ein zu liberaler Umgang mit den Forderungen an die Lernenden.

 

 

 

Die Zeit meiner Bewährung, die ich im übrigen nicht als Strafe, sondern als Möglichkeit zur Erweiterung meiner beruflichen Erfahrungen empfand, war begleitet von einem Wechselbad der Gefühle. Lustige Begebenheiten folgten auf Frust und Enttäuschung - und umgekehrt. Meine ehrlichen Bemühungen, den wirtschaftlichen Aufbau in der DDR mit aller Kraft zu unterstützen, ganz egal an welcher Wirkungsstätte, fanden  oft nicht die verdiente Würdigung.

 

Dennoch - an einige der witzigen Episoden aus dieser Zeit erinnere ich mich oft und gern. Eine wesentliche Rolle spielte dabei ein Arbeitskollege aus jenen Tagen, Diplomlandwirt und Zootechniker, der mir und meiner Familie binnen kurzem ein guter Freund wurde. Unser gemeinsamer Vorgesetzter, Oberzootechniker, aber ohne akademische Ausbildung – was ihm, gerade im Umgang mit uns „Studierten“, augenscheinlich zu schaffen machte – verlangte detaillierte Berichte über unsere Beratertätigkeit in den LPG.

 

In einigen der Genossenschaften standen die Vorsitzenden und Verantwortlichen Kopf. Der Grund: Nach einer propagandistischen Großaktion „Arbeiter aufs Land“ hatte sich durch den Zustrom etlicher Werktätiger die Personalsituation in den landwirtschaftlichen Betrieben etwas entschärft. Nur: Die meisten Städter hatten keine Ahnung von und kein Gefühl für  Landwirtschaft! Es kam vor, dass ich am Morgen einen Kuhstall betrat und die frisch angelernten Melker in fröhlicher Runde beim Zechen vorfand, während die Kühe ihren Schmerz ob der prall gefüllten Euter lautstark kundtaten. Die Krönung eines solchen Treibens war der Neujahrstag 1957. An diesem Tag war zur Mittagszeit in einer LPG noch kein Tier gefüttert und gemolken, indes der alkoholgetränkte Jubel über einen kollektiven Hauptgewinn im Lotto innerhalb der Melkerrunde kein Ende fand. Mit zwei Losen gehörte ich zu der Gewinnerschar, freute mich riesig darüber – und sorgte mit ein paar besonnenen Altbauern erst einmal dafür, dass die dringendsten Arbeiten im Stall verrichtet wurden.

 

 

 

Auch leistungsgerechte Fütterung war häufig ein Fremdwort – nach der Ernte schöpften die Stallarbeiter aus dem Vollen, was natürlich zur Folge hatte, dass am Ende des Futters noch viel Jahr übrig war.

 

 

 

Es war eine äußerst diffizile Aufgabe, diese Tatsachen und Situationen so in die geforderten Berichte einzuflechten, dass am Ende immer noch die Überlegenheit der sozialistischen Landwirtschaft zum Ausdruck kam – unser Oberzootechniker hatte ein wachsames Auge darauf!

 

 

 

Zurück zu besagtem Vorgesetzten: dieser besaß ein Dienstmotorrad (wir Zootechniker Fahrräder), und war bekannt sowohl für seine rasante Fahrweise als auch dafür, leicht zu stottern, wenn er sich aufregte. An der großen Kreuzung direkt vor dem Hauptbahnhof in Leipzig passierte es: er nahm die Kurve zu eng, streifte einen den Verkehr regulierenden Polizisten, der daraufhin das Gleichgewicht verlor. Solche Eskapaden gegenüber Respektspersonen bleiben nicht ungestraft – er hatte sich auf der Polizeiwache zu verantworten. Holpernd brachte er dort zu seiner Verteidigung vor, dass der „Verkehrsposten falsch stand“. Die lakonische Antwort des Leutnants auf der Wache: „Ihre Fahrerlaubnis ist für mindestens einen Monat ebenfalls falsch.“

 

 

 

Bei allen Ecken und Kanten – die Abende in der Kneipe, an denen wir unserem Oberzootechniker bei einem bis drei Glas Bier landwirtschaftliches Fachwissen gratis feilboten, habe ich in schönster Erinnerung.

 

 

 

Wie alle anderen Wirtschaftszweige kämpfte auch die Landwirtschaft in der DDR nach wie vor mit der Abwanderung von Fachkräften nach dem Westen. Auch in der LPG, die ich als Zootechniker zu unterstützen und zu beraten hatte, nahm der Mitgliederschwund dramatische Ausmaße an. Das führte dazu, dass ich bedrängt wurde, als LPG-Vorsitzender einzuspringen. Ich war in Abwesenheit schon gewählt worden, lehnte aber ab. Immer noch hatte ich mir auf die Fahne geschrieben, in meinem Beruf, als Tierarzt, zu arbeiten.

 

 

 

Dennoch fühlte ich mich für das Wohl und Wehe der Genossenschaft verantwortlich; mein Einsatz hätte als Chef kaum anders ausgesehen. Zuweilen mussten unorthodoxe Wege eingeschlagen werden, um die LPG – in Krisenzeiten sogar die Tiere – am Leben zu erhalten. So war mir zum Beispiel zu Ohren gekommen, dass in der Altmark unbewirtschaftete Saatkartoffeln, allerdings zu unverschämt hohen Preisen, verkauft wurden. Mit von der MTS organisierten LKW haben wir die Kartoffeln dort aus den Mieten abgeholt, um unsere Schweine füttern zu können. Wenn Läufer und Mastschweine hungern, entsteht ein nicht wieder gut zu machender Schaden – der hohe Preis für die Kartoffeln war das kleinere Übel.

 

 

 

Die bewegte Zeit trieb groteske Blüten, in jeder Hinsicht. Als ich eines Morgens das Büro des LPG-Hauptbuchhalters betrat, bot sich mir ein seltsames Bild: der Buchhalter saß rechnend an seinem Schreibtisch, während sich rechts und links von seinem Stuhl zwei Polizisten postiert hatten. Dieser seltsame Personenschutz hatte jedoch einen kriminellen Hintergrund. Unser Buchhalter war, mit der LPG-Kasse (eine stolze Summe im fünfstelligen Bereich) unterm Arm, auf dem Weg nach Westberlin geschnappt und verhaftet worden. Da jedoch im Betrieb niemand in der Lage war, den Jahresabschluss zu erstellen, hatte er vor seiner Inhaftierung unter Bewachung noch unbedingt diese Aufgabe zu erledigen. Leider habe ich nicht erfahren, was aus ihm geworden ist.

 

 

 

In dieser kurzen Zeit als „Unternehmensberater“ habe ich gelernt zu improvisieren, zu organisieren und anzuleiten, selbst wenn hierfür manchmal gar kein Mandat vorhanden war. Fähigkeiten, die mir in den späteren beruflichen Tätigkeiten sehr von Nutzen waren.

 

 

 

Bevor ich zur tierärztlichen Abschlussprüfung (für einige Fächer hatte ich zwar aus Gießen den Studiennachweis, aber keine Prüfungsbestätigung) zugelassen wurde, erhielt ich eine Vorladung zu einer Aussprache in der SED-Parteileitung der veterinärmedizinischen Fakultät in Leipzig. Natürlich ging es hierbei wieder um meine Verfehlung aus der Vergangenheit, meinen „Abstecher“ in die BRD – man war nachtragend. Noch einmal musste ich eine diesbezügliche Strafpredigt über mich ergehen lassen, noch einmal hatte ich Stellung zu beziehen, Reue zu zeigen, Besserung zu geloben. Das „Femegericht“ betonte, dass es mir nur durch gute Arbeit möglich sei, wieder ein anerkannter DDR-Bürger zu werden. Da ich nur persönliche und keine politischen Gründe für meine damalige Flucht nannte, wurde ich großzügigerweise schon nach kurzer Bewährungszeit zur Prüfung zugelassen. Von meinen Studienkollegen oder den Professoren habe ich dagegen in keiner Weise zu spüren bekommen, dass ich eine „persona non grata“ sei.

 

 

 

Meine erste Bewährungsprobe hatte ich als Tierarzt bei der Rindertuberkulosebekämpfung beim VUTGA (Veterinäruntersuchungs- und Tiergesundheitsamt) für das Land Thüringen in Jena zu bestehen. Im Anschluss an meine Tätigkeit am Schlachthof in Leipzig begann ich dort im April 1958. Nach meiner Einarbeitung durch ältere und erfahrene Tierärzte in Eisenach und Gotha erhielt ich den Kreis Arnstadt und später die Kreise Sömmerda und Sondershausen zugewiesen als Wirkungsstätten bei der Sanierung der Rinderbestände von Tuberkulose und Brucellose. In der DDR gab es einen 10-Jahres-Plan zur Tilgung dieser Seuchen. Wir, ein Kollektiv aus Tierärzten, Diplomlandwirten und Veterinärtechnikern, testeten die Tiere und erarbeiteten dann Sanierungspläne für die Einzelbauern, Regionen und LPG sowie VEG (Volkseigene Güter). Da nur in Ausnahmefällen Tuberkulosereagenten geschlachtet werden durften, wurden die Tbc-positiven Tiere (Reagenten) vom Restbestand getrennt und in Quarantäneställen mit separater Betreuung untergebracht. Mit einer tbc-freien Kälber- und Jungrinderaufzucht sollte dann in der vorgeschriebenen Zeit die Tilgung der Seuche abgeschlossen werden.  Mit der gleichen Methode wurde in der BRD die Tilgung der Rindertuberkulose vorangetrieben. Man war dort allerdings schneller am Ziel, weil es keine Einschränkungen für das Schlachten von Reagenten gab. Außerdem wurde das Verfahren durch den marktwirtschaftlichen Zwang, nur noch Milch aus tbc-freien Beständen verkaufen zu können, beschleunigt.

 

 

 

Ein Erlebnis Ende 1959 konfrontierte mich erstmals mit einem Bestechungsversuch im Rahmen meiner staatlichen Aufgaben bei der Rindertuberkulosesanierung. In einem Dorf bei Arnstadt bemühte sich ein Einzelbauer ( LPG- Typ I ), in meinen Augen in vorbildlicher Weise,   dass sein Rinderbestand – 8 Kühe und 12 Färsen bzw. Jungrinder und Kälber – tbc-frei wurde. Bei mehreren Untersuchungen in den vorgeschriebenen Zeitabständen reagierten immer wieder Tiere positiv, die er nach seinen eigenen Angaben  vorschriftsmäßig aus den Bestand entfernte. Nach fast einjährigen diesbezüglichen Anstrengungen reagierten nunmehr auch beim 2. von mir durchgeführten Tbc - Test alle Rinder des Bestandes  negativ. Das war die Voraussetzung für die staatliche Anerkennung als „tbc – freier Rinderbestand“. Wir waren sehr froh über diesen Erfolg und der Bauer lud mich zum Frühstück ein. Während des Essens sagte er:  „So jetzt kann ich auch die 2 Kühe, die  hinten im Garten in einem versteckten Stall noch stehen, weggeben. Die habe ich immer noch behalten und erst diese Untersuchung abgewartet. Bei erneuter Ansteckung von Tieren hätte ich meine Bemühungen aufgegeben und die beiden guten Kühe wieder mit in den Stall gebracht.“ Das war eine offensichtliche Täuschung und eine vorsätzliche strafbare Handlung. Dazu kam der Versuch der Bestechung, wenn auch nur durch ein billiges Frühstück.  Ich stand sofort vom Tisch auf, legte 5 Mark für das Essen und den Kaffee hin und sagte: „Sie wissen, dass sie sich strafbar gemacht haben und werden vom zuständigen Kreistierarzt einen Ordnungsstrafbescheid erhalten“. Ich ließ nicht mit mir verhandeln und mich auch nicht aufhalten. So nahm die Gerechtigkeit dann ihren Lauf, denn der Bauer musste eine Ordnungsstrafe von 200.- Mark bezahlen. Die erstrebte staatliche Anerkennung als tbc – freier Rinderbestand wurde ebenfalls nicht erteilt und die in diesem Rahmen durchgeführten Untersuchungen mussten er bezahlen. An dieses Vorkommnis, bei dem ich bei einem relativ kleinen Wert  meine Standhaftigkeit und grundsätzliche Haltung zur Korruption  demonstrierte, musste ich in den späteren Jahren immer denken, wenn ähnliche Versuche mit höheren Beträgen an mir abprallten.

 

In der  Zeit, in der ich als sogenannter „Tbc – Tierarzt“ tätig war, sammelte ich eine Reihe fachlich interessanter Erfahrungen. In diesem Zusammenhang will ich ein Beispiel nennen, das sehr eindeutig theoretische Erkenntnisse in der Praxis bestätigte. In einer Gemeinde in der Nähe von Kölleda sollte eine im Offenstall gehaltene Kuhherde mit mehr als 100 Tieren, die aus einer Tuberkulose – freien Jungrinderaufzucht stammten, die staatliche Anerkennung erhalten. Schon bei der ersten Untersuchung reagierten beim Tbc - Test einige Kühe positiv. Auch nach Entfernung dieser Tiere ermittelten wir bei den drei folgenden nach den vorgeschriebenen Abständen durchgeführten Untersuchungen immer wieder  Tbc – Reagenten. Wir konnten uns die Ursachen dieser Reinfektionen zunächst nicht erklären. Ich ließ deshalb das Stallpersonal auf Tuberkulose untersuchen und wir ermittelten tatsächlich einen Melker mit einer akuten Lungentuberkulose. Die bei diesem Mann im Sputum gefundenen Tuberkulosebakterien waren auch bei der Typendifferenzierung identisch mit den bei den Kühen ermittelten Erregern. Der Melker musste seine Arbeit in dem Kuhbestand zunächst beenden  und sich in ärztliche Behandlung begeben. Er hatte sich einige Jahre mit Erfolg von den vorgeschriebenen  Reihenuntersuchungen  (Lungenröntgen) gedrückt und es war höchste Zeit, dass seine relativ schwere Krankheit behandelt wurde. Auch in der Kuhherde hörten die Reinfektionen auf. Für uns war dieses Vorkommnis Ende der fünfziger Jahre ein weiteres Argument, dass es notwendig wäre auch für das Stallpersonal Gesundheitspässe gesetzlich vorzuschreiben.

 

 

 

Die Sanierung der brucelloseverseuchten Rinderbestände erfolgte nach dem gleichen Muster wie bei der Tbc - Sanierung: Aussonderung der kranken Tiere und deren Unterbringung in Quarantäneställen als erster Schritt. Dies allein war schon ein recht aufwändiges Verfahren, weil immer wieder Blutproben entnommen und im Labor untersucht werden mussten. Es hätten eine Unmenge Blutproben eingespart werden können, weil die Erfahrung belegt, dass allein die Trennung der verseuchten Tiere von den Tieren mit negativem Befund zu keinem Sanierungserfolg führt. Nur der Aufbau einer völlig neuen Herde über die brucellosefreie Jungrinderaufzucht mit Kälbern aus negativen Beständen verspricht Wirkung. Leider haben damals (auch später!) Parteifunktionäre das größere Sagen als die Fachleute gehabt – leider...

 

 

 

In diesem Zusammenhang wurden weitere – falsche - Thesen mit brachialer Gewalt durchgesetzt: je mehr Kühe vorhanden sind, desto mehr Milch wird produziert – eine klassische „Milchmädchenrechnung“, denn wo soll die Milch herkommen, wenn es den Kühen an Futter mangelt? Ein gezielter, leistungsgerechter Einsatz des vorhandenen Futters im dezimierten Bestand hätte insgesamt eine höhere Milchleistung zur Folge gehabt.

 

 

 

Lächerlich fand es die Bevölkerung und als unsinnig bezeichneten es die Fachleute, als in der Chruschtschowära der Mais zur wichtigsten Kultur- und Futterpflanze avancierte. Diese Frucht musste auf den nach Plan vorgegebenen Flächen, ohne Rücksicht auf Fruchtfolge, geeignete Böden oder klimatische Bedingungen, angebaut werden. In den Schulen und vielen öffentlichen Einrichtungen wurden zahlreiche Propagandaveranstaltungen mit Lobliedern auf den „ wertvollen Mais „ veranstaltet. Ich erinnere mich, dass unser Sohn anlässlich einer feierlichen Veranstaltung in der Schule in einer Theateraufführung mitwirken durfte. Er kam auf die Bühne und musste sagen: „ Der Mais, der Mais, das ist ein strammer Bengel, der Mais, der Mais, das ist die Wurst am Stängel.“ Dabei zeigte er einen Maiskolben aus Pappe, der an einer Stange befestigt war.

 

In unseren Breiten wird der Mais nicht reif, deshalb wurde er als Grünmais geerntet und anschließend zur Silage aufbereitet. Bis das richtig klappte haben manche Betriebe viel Lehrgeld bezahlt und die ohnehin ungenügende Futterdecke durch verdorbenes Gärfutter noch geschmälert. Im übrigen will ich hier gleich noch einfügen, dass die Qualität der Silage für Wiederkäuer in vielen Landwirtschaftsbetrieben der DDR zu wünschen übrig ließ. Das teilte sich häufig auch durch einen unangenehmen Geruch der Frischmilch mit. Trotz der Bearbeitung in der Molkerei  behielt  die Trinkmilch oft diesen Mangel..

 

Zum Thema Mais erinnere ich mich noch an eine Mitarbeiterversammlung beim Rat des Bezirkes. Öffentlich wurde der Bezirksagronom , ein sehr intelligenter und fähiger  Landwirt, seines Postens enthoben. Er hatte sich nicht gegen, aber für einen sinnvollen Maisanbau eingesetzt und die Bauern in den Betrieben in dieser Richtung beraten und unterstützt. Selbst das war schon gegen die Parteilinie und wurde bestraft. Später hat man diesen Fachmann wieder zum Bezirk geholt und ihn sogar zum Vorsitzenden des Landwirtschaftsrates berufen.

 

Ein weiterer Irrtum betraf die Haltung der Tiere in Offenställen. Der relativ geringe Bauaufwand sprach für diese Lösung, eine Vielzahl von sehr gewichtigen Argumenten (zum Beispiel der wesentlich höhere Aufwand an Futter, Einstreu und Betreuung) sprach allerdings dagegen. Zu diesem Thema wurde bis Anfang der 60er Jahre viel und heftig diskutiert; ich bezog Stellung im Contra-Lager. Allerdings unterstützte und förderte ich auch tiergerechte Lösungen für die Haltung in Offenställen. Es galt schlechthin aus den geschaffenen Tatsachen das Beste zu machen.

 

Wagte ich es, eine diesbezügliche, wenn auch fachlich fundierte, Kritik zu äußern, musste ich bei der Wortwahl sehr vorsichtig sein. 

 

Die tierärztliche Tätigkeit gestaltete sich in diesen Offenställen, die in der Regel als Laufställe mit 30 bis 50 Tieren in einer Gruppe eingerichtet waren, sehr schwierig. Für Behandlungen an Tieren, zum Beispiel Blutprobenentnahme, Tbc - Test oder Trächtigkeitsuntersuchung, mussten diese eingefangen werden, wozu verschiedene Einrichtungen wie Fangfressgitter, Fangstände und ähnliches im Laufe der Zeit erfunden und weiterentwickelt wurden. Häufig jedoch glich die Szene einem amerikanischen Rodeo: Mann gegen Tier, nur das Lasso fehlte. Geschickte Fänger lotsten die Tiere also an die Stellen, wo sie fixiert werden konnten, doch in nahezu jeder Herde gab es zwei bis drei  Rinder, die sich dem Zugriff über lange Zeit erfolgreich zu entziehen wussten. Eine solche Färse ist mir besonders in Erinnerung geblieben, wohl auch aufgrund der ungewöhnlichen Fangmethode, die der Mitarbeiter anwandte: Der junge Mann hielt sich an den Hörnern des Tieres fest, konnte aber nicht verhindern, dass dieses ihn quer durch den Stall schleifte. In seiner Not biss er in das Flotzmaul des Tieres und konnte dann – mit einem geübten Griff in die Nase – der Färse habhaft werden. Dieses Bild des „bissigen Tierpflegers“ werde ich nie vergessen, eine akrobatische Meisterleistung obendrein!

 

 

 

Die Kühe wurden in Melkständen unterschiedlichster Bauart gemolken; es war die gesamte Bandbreite von Modellen mit guter bis hin zu sehr schlechter Melk- und Milchhygiene vertreten. Insgesamt ein höchst interessantes Kapitel Landwirtschaftsgeschichte, bei dem es in erster Linie darum ging, die Produktion zu konzentrieren und die LPG-Bildung zu forcieren. Ziel war es, ganze Dorfgemeinschaften zur Mitgliedschaft in der LPG zu bewegen und sei es durch unlautere Mittel oder Zwangsmaßnahmen. Via Buschfunk machten Berichte von Menschen die Runde, die sich sogar durch Selbstmord dieser zwanghaften Einverleibung in die LPG widersetzten, viele Bauern ließen Hab und Gut zurück und flüchteten in die BRD. Ein Erlebnis aus dieser bewegten Zeit hat mich sehr erschüttert: Ich besuchte einen Einzelbauern, der einen ca. 10 ha großen Betrieb bewirtschaftete. Der über 80jährige Mann saß in seiner Stube – alt, gebrechlich und scheinbar geistesabwesend. Neben ihm stand eine junge Frau, ca. 40 Jahre alt, die mir empört erzählte: „Jetzt will man uns auch in die LPG zwingen und damit ist alles verloren! Da habe ich extra den Alten geheiratet, damit ich mal Land besitze und unabhängig bin und jetzt nimmt man mir alles weg.“ Der Bauer ließ die Schimpftirade unbeteiligt über sich ergehen; er hörte solcherart hartherzige Äußerungen sicher nicht das erste Mal....

 

 

 

Allerdings: für wirtschaftsschwache Gehöfte bedeutete der Eintritt in die LPG ein Vorteil. Zudem bestätigten nach einigen Jahren eine Reihe Bauern, die sich damals vehement gegen die LPG-Mitgliedschaft gesträubt hatten, dass der Eintritt sowohl persönliche als auch bestimmte wirtschaftliche Vorteile gebracht hat. Nicht selten wurde die durch den Zusammenschluss neu gewonnene Freiheit schändlich missbraucht: während der Ernte- und Hauptarbeitszeit in der Landwirtschaft machten die „frischen“ LPG-Bauern Urlaub, so dass Mitarbeiter aus der Verwaltung oder aus Industriebetrieben aufs Land gehen mussten, um die Ernte einzubringen, Kartoffeln zu lesen o.ä. An etlichen solchen Schüler- und dann Studenteneinsätzen, die immer ein Gaudi waren, habe ich schon in den 50er Jahren teilgenommen.

 

Im übrigen ging es den meisten LPG-Bauern auch finanziell recht gut. Sie hatten nicht mehr die beschwerliche ununterbrochene Arbeit eines Einzelbauern zu verrichten, mehr Freizeit, und im Gegenzug dennoch mehr Erlös. Sie bekamen so genannte Arbeitseinheiten bezahlt und außerdem Bodenanteile vom eingebrachten Land. Jedem stand eine bestimmte Fläche Land (bis zu einem halben Hektar) zur eigenen Nutzung zur Verfügung; zudem erhielt er je nach entrichteten Arbeits- und eingebrachten Bodenanteilen noch eine bestimmte Menge Getreide, Kartoffeln, Rüben und Futter für die individuelle Tierhaltung.

 

Die wirtschaftliche Situation der einzelnen LPG ergab ein sehr heterogenes Bild, aber besonders schwache Betriebe erhielten großzügige staatliche Unterstützung – Bankrott brauchte keine LPG anzumelden. Eine Entwicklung, die sich zunächst gar nicht so schlecht anließ. Sie wurde erst schwierig, als man in den 70er Jahren in den so genannten „Gigantismus“ verfiel. So nannten wir die ungesunde Zusammenlegung von mehreren LPG in Kooperationen bis hin zur Trennung von Feld- und Viehwirtschaft. Auch in der Tierproduktion konnten die Ställe und Stalleinheiten auf Wunsch der Parteifunktionäre nicht groß genug sein. Die „Parteibosse“ der Kreise und Bezirke wetteiferten untereinander in der Größe der Kooperationen. Dazu wird in späteren Abschnitten noch ausführlich zu berichten sein.

 

Noch zu meiner Tätigkeit als so genannter „Tbc-Tierarzt“:

 

Zwischen den Bauern und uns bestand stets ein sehr vertrauensvolles Verhältnis, so dass uns häufig – auch aus praktischen Erwägungen – gesagt wurde, wo der Schlüssel für Hof und Haus zu finden ist, damit wir die Tiere untersuchen konnten, während der Bauer mit Familie auf dem Feld arbeitete. Ein „Hundeerlebnis“ ist mir dabei in guter Erinnerung: Ich war bei einem Bauern unbehelligt in Hof und Stall gelangt, hatte meine Untersuchungen vorgenommen und wollte nun das Gehöft verlassen. Plötzlich stand ein großer Schäferhund knurrend und mit gefletschten Zähnen vor mir, ließ mich nicht einen Schritt Richtung Tor gehen. Alle meine - gewiss nicht ungeschickten Versuche - ihn abzulenken misslangen; mir blieb keine andere Wahl als zu warten. Über eine Stunde verbrachte ich unter den wachsamen Blicken des Hundes, bis mich der zurück gekehrte Bauer aus meiner misslichen Lage befreite. Ich war ärgerlich über die verlorene Zeit; es bestärkte mich außerdem in meinem Vorsatz, keinen Hof mehr zu betreten, der von einem Hund – gleich welcher Größe! – bewacht wird.

 

 

 

Eine weitere Episode, die eine typische Mentalität der Bauern charakterisiert, will ich aus dieser Zeit noch erzählen. Zum Fangen der Tiere oder beim Enthornen der Kühe in den Laufställen, benötigten wir immer, wie schon beschrieben, einige Hilfskräfte. Gerade für die Mitarbeit bei tierärztlichen Verrichtungen waren die Bauern gern bereit. Nach oft beschwerlicher Arbeit wurde dann in der Dorfkneipe ausgiebig gefrühstückt, mancher Schwank erzählt und  die Pause mit Kurzweil ausgefüllt. Ich erinnere mich dabei an ein Spiel, das wir „Hausbau mit Wohnungsbelegung“ nannten. Auf einem großen Blatt Papier wurde die Fassade eines Hauses mit Fenstern, die je eine Wohnung darstellen sollten, gezeichnet. Die Anwesenden durften einziehen, indem sie mit einem Zeigefinger auf ein Fenster tippten und dort verweilen mussten. Nach vollzogener Handlung wurde festgelegt, wer zuerst auszieht, d.h. seinen Finger entfernt, bezahlt eine Runde Bier. Die sonst großzügigen Bauern waren aber gerade auf diesem Gebiet recht geizig. Ich weiß noch, dass einer nach einer Viertelstunde sagte: „ Wenn ich nicht ganz dringend aufs Klo müsste, weil mir fast die Blase platzt, dann würde ich keinesfalls ausziehen.“

 

 

 

Zu den Tierärzten der Stadt und Umgebung hatten wir ein gutes kollegiales Verhältnis. Ein Kollege aus dieser Zeit hatte die Angewohnheit, alle seine Untersuchungsergebnisse mit Kreide an die Stalltüren zu schreiben. Ein weiser Ausspruch unseres älteren und diensterfahrenen Kreistierarztes lautete: „Von einem Tierarzt kann man eher einen Kasten Bier als einen ausführlichen schriftlichen Bericht erhalten; sie sind von Natur aus schreibfaul!“ Diese Rüge und Ermahnung konnte die folgende Begebenheit leider nicht verhindern: In dieser Zeit mussten alle Schweine größerer Bestände im Läuferstadium prophylaktisch gegen Schweinepest geimpft werden. Es war wichtig, keine Impflücken zuzulassen, weil dadurch die Gefahr des Ausbruches der Seuche stieg. Angeblich hatte dieser besonders schreibfaule Tierarzt Schuld an einem Schweinepestausbruch, dies konnte aber nie eindeutig bewiesen werden. Tatsache ist, dass die Seuche in seinem Verantwortungsbereich ausbrach. Da Repressalien und zu dieser Zeit unangemessen hohe Strafen für solche „Wirtschaftsdelikte“ zu erwarten waren, entzog sich dieser Kollege durch Flucht in die BRD der weiteren Verfolgung; er war wohl rechtzeitig gewarnt worden. Er hinterließ das Haus nahezu so, wie er es am Morgen zu einem ganz normalen Arbeitstag verlassen hatte – sogar der Fotoapparat lag noch auf dem Wohnzimmertisch!

 

Auch mir wurde damals angeboten, die Praxis einschließlich voll eingerichtetem Hausstand zu einem geringen Preis zu übernehmen. Wir – meine Frau und ich – hatten jedoch das Gefühl, in eine Privatsphäre einzudringen; es war uns peinlich, wir fühlten uns nicht wohl dabei und lehnten deshalb ab.

 

Ich erhielt als TBC-Tierarzt die Genehmigung und Möglichkeit, im Rahmen des Bereitschaftsdienstes in einigen ausgewählten Orten privat zu praktizieren, so dass wir uns finanziell ein wenig erholen konnten. Und endlich konnten wir das erste Auto, einen Trabi erwerben, dem kurze Zeit darauf ein Skoda Octavia folgte.

 

 

 

Die Tierärzte in der Praxis hatten zu damaliger Zeit große Gebiete und für zusätzliche Aufgaben wenig Zeit. Sie waren deshalb recht froh, dass ich in ihren Praxisbereichen  das oft notwendige Enthornen der Rinder in Offen- bzw. Laufställen übernahm. Die aus einzelbäuerlichen Betrieben  zusammen aufgestallten Tiere trugen häufig in nicht ungefährlichen Kämpfen ihre Rangordnung untereinander aus und attackierten sich dabei mit den Hörnern. Ich habe nach Konsultation bei einigen Veterinärchirurgen eine Technik entwickelt, die ein schnelles und schmerzloses Enthornen mit einer minimierten Infektionsgefahr ermöglichte. Nach einer örtlichen Betäubung werden die Hörner mit einer Drahtsäge am Horngrund abgetrennt. Mit glühenden Eisenstäben werden die Wunden anschließend ausgebrannt, um vorhandene Schmutzteilchen und Keime abzutöten oder unschädlich zu machen. Bei fachgerechter Handhabung blieb das unbeschädigte Gewebe der Wundränder weitgehend verschont. Den Erfolg dieser Methode bewiesen mehrere hundert behandelte Tiere, deren Heilungsprozess ohne Komplikationen verlief. Es war wichtig, diese Enthornungsaktionen bis spätestens April abzuschließen, weil in den Sommermonaten ein Madenbefall der Wunden nicht zu verhindern war. Es war bereits Mai, als mich ein LPG-Vorsitzender beharrlich bedrängte, in seinem Stall 200 Kühe zu enthornen. Wider besseres Wissen ließ ich mich überreden. Drei Tage nach dieser Aktion bekam ich zu Hause Besuch zweier Herren, die sich als Kriminalbeamte vorstellten. Es folgte ein Verhör, weil die Mehrzahl der Kühe – wie nicht anders zu erwarten war – unter starkem Madenbefall an den Wunden litten und die Herren nun vermuteten, es sei ein Sabotageakt meinerseits gewesen. Und wieder lastete man mir meine Vergangenheit an: mein Studium im Westen lege schließlich den Verdacht nahe, dass es noch Verbindungen dorthin gäbe. Im Nachhinein bin ich mir aufgrund der Art dieses Verhöres ziemlich sicher, dass diese angeblichen Kriminalbeamten Mitarbeiter der Staatssicherheit waren. Zum Glück hatte ich unter dem Stallpersonal gewichtige Fürsprecher, besonders der „Schweizer“ war mein Verbündeter. Die Tatsachen – eine äußerst sorgfältige und gründliche Wundbehandlung, die verantwortungsvolle Nachsorge bis hin zu einer gezielten Fütterung mit dem Resultat, dass die Kühe mehr Milch gaben – sprachen schließlich für sich, überzeugten auch die sogenannten „Staatshüter“ und der Verdacht der Sabotage war vom Tisch.

 

Einfügen will ich hier noch, dass der genannte mir zugetanene Melkermeister die Futterrationen durch die Reservebestände aufbesserte. Damit war gleichzeitig bewiesen, dass damals auf alle Fälle durch mehr Futter höhere Tierleistungen zu erzielen gewesen wären.

 

Ich erinnere mich an ein schönes, aber sehr kostenintensives Erlebnis in dieser Zeit – ich kaufte einen Hund. In einem Nachbardorf behandelte ich bei einem Bauern der LPG Typ I (das waren Betriebe, die nur die Felder gemeinsam bewirtschafteten, aber die Nutztiere noch in Privathand hatten) Schweine gegen Rotlauf. Als ich den Hof betrat, fiel mir ein junger, etwa 10 Monate alter Hund auf, ein Deutscher Jagdhund, der an einer viel zu kurzen Kette angebunden war. Das Tier tat mir leid und ich machte gegenüber dem Bauern keinen Hehl daraus. Der Landwirt sprang sofort darauf an – „für 50,00 Mark gehört er Ihnen“. Ich willigte sofort ein, weil ich erstens von der Großzügigkeit des Bauern und zweitens von einem Schnäppchen bei diesem Kauf überzeugt war. Als ich mit dem Hund nach Hause kam, war die Begeisterung unserer Kinder, deren Zahl inzwischen auf 4 angewachsen war, riesengroß, während sich die meiner Frau und unserer Haushaltshilfe eher in Grenzen hielt. Zunächst wurde die Gartenlaube zum Hundezwinger umfunktioniert und ich war guter Dinge, dass sich der Hund schnell an mich und die Kinder gewöhnen wird. Alles Erziehungssache, wie ich meinte, und es überwog die Freude, einen Begleiter auf meinen langweiligen Überland-Fahrten zu haben.

 

Ich hatte im Nachbardorf zu tun, Senta fuhr mit mir. Wieselflink und mit „krimineller Energie“ schaffte er es, sich meiner Kontrolle zu entziehen, rannte auf eine Schar frei laufender Hühner zu und hatte, so schnell konnte ich gar nicht gucken, geschweige denn reagieren, drei Hühner tot gebissen. Schlagartig ging mir ein Licht auf: deshalb die kurze Leine auf dem Hof, deshalb auch der günstige Preis... Der „Hühnerschreck“ blieb ein solcher, da halfen alle Erziehungsmaßnahmen nichts. Mein Nachbar besaß nach einer Freilaufrunde des Hundes in unserem Garten plötzlich 4 Hühner weniger, weil selbst der 1,20 m hohe Zaun, der unsere Grundstücke trennte, für  unseren Hennenmörder kein Hindernis darstellte. Für einen Tierarzt ist eine solche Angelegenheit natürlich oberpeinlich, abgesehen von dem finanziellen Aufwand des Schadenersatzes.

 

 

 

Die Tätigkeit als „Tbc-Tierarzt“ mit Möglichkeit zur Praxisausübung machte mir Spaß und war angenehm; ohne einen gewissen Zwang hätte ich sie nicht aufgegeben. Beim Rat des Bezirkes Erfurt wollte der Leiter der Bezirksinspektion zur Bekämpfung der Rindertuberkulose und –brucellose seine Funktion aufgeben und Kreistierarzt eines Kreises werden. Er schlug mich als seinen Nachfolger vor, weil er Ersatz benennen musste. Die Tätigkeit in der Verwaltung war damals gar nicht erstrebenswert, weil man an der Basis mehr Bewegungsfreiheit hatte. Beim Gespräch mit dem Kaderleiter (heute Personalchef) der Bezirksverwaltung wurde mir dann wiederum bedeutet, dass ich ja durch mein Studium im Westen zur Wiedergutmachung verpflichtet wäre und die vom Staat von mir verlangte Aufgabe übernehmen muss. Andererseits haben die Funktionäre der Bezirksleitung in Aussprachen mit mir betont, dass ich durch die Übernahme dieser Tätigkeit den Makel meiner illegalen DDR-Flucht tilgen könnte. Gleichermaßen wäre es auch „zweckmäßig“, wenn ich wieder Antrag auf Aufnahme in die SED stellen würde. Mit dem heutigen Wissen, dass über die vielen Jahre die Kritik an meinem Westaufenthalt im Grunde nie verstummte, hätte ich damals vielleicht anders reagiert.  Jedenfalls übernahm ich ab Mitte 1960 die Leitungsfunktion der Rindertuberkulosebekämpfung im Bezirk.

 

 

 

Die Mitarbeiter meiner Abteilung beim Rat des Bezirkes waren durchweg sehr sympathisch und aufgeschlossen, hilfsbereit und kollegial. Als 29jähriger fehlte mir jegliche Erfahrung in der Verwaltungsarbeit; hier erhielt ich große Unterstützung durch den Sachbearbeiter unserer Abteilung. Dieser Kollege, Herr G., wurde vom Hauptabteilungsleiter Landwirtschaft beim Bezirk immer als „alter Nazi“ bezeichnet, den man aber wegen seiner exakten und gründlichen Arbeit „duldete“. Er war während des dritten Reiches  Hauptbuchhalter beim Reichsautobahnamt gewesen. Als NSDAP-Mitglied und –Funktionär wurde er 1945 gezwungen, sich das Konzentrationslager Buchenwald anzuschauen. Es erging ihm wie vielen Weimarer Bürgern auch: pure Fassungslosigkeit. Herr G. sagte glaubhaft aus, dass er als höherer Angestellter des Nazi-Regimes sehr wohl um die Existenz des Lagers wusste, aber nicht die leiseste Vorstellung davon hatte, welche Verbrechen und Gräueltaten dort geschahen.

 

Nach Einmarsch der Sowjetarmee war Herr G. gezwungen, sich sein Brot als Straßenkehrer in Weimar zu verdienen. Ein kommunistischer Funktionär, der Herrn G. als loyalen Mann kannte, der sich nie für Spitzeltätigkeit und Diffamierungen hergegeben hat, veranlasste später, dass er wieder eine seinen Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit erhielt.

 

 

 

Für die Mitarbeiter aller Bezirksinspektionen zur Bekämpfung der Rindertuberkulose fanden ein- bis zweimal im Jahr überregionale Tagungen statt, die von der Zentralstelle beim Ministerium organisiert wurden . Eine diesbezügliche Veranstaltung in Rostock und Saßnitz ist mir noch sehr gut in Erinnerung. Wir hatten einen Tag zur freien Verfügung, den wir nach Lust und Laune verbringen konnten. Durch das gewiefte Organisationstalent eines Tierarztes gelang es uns Erfurter Kollegen, eine Überfahrt mit der Fähre von Saßnitz nach Trelleborg (Schweden) zu unternehmen. Während der Fahrt kam starker Sturm auf; wir Landratten hatten alle mit der Seekrankheit zu kämpfen. Der Kapitän kümmerte sich rührend um uns, sicher, weil nur wenige Passagiere an Bord waren, aber in erster Linie wohl, weil er auch aus Erfurt stammte. Er gab uns folgenden Rat, den ich in Zukunft beherzigte: Bei hohem Seegang drei bis vier Weinbrand trinken und ständig wohlschmeckende Speisen essen. Erstaunlicherweise – es hat geholfen (bei mir).

 

In Schweden durften wir leider nicht an Land, und so haben wir, da wir nachts anlegten, nur die Lichter von Trelleborg gesehen und schwedische Luft geatmet. Dies allerdings mit einem tiefen Seufzer, denn nur zu gern hätten wir die wenig gesicherte Absperrung an der Schiffsanlegestelle durchbrochen – das Fernweh rupfte uns. Aber das Risiko war einfach zu groß und wir hatten alle Familie in der DDR, die wir nicht zurück lassen wollten und konnten.

 

Insgesamt waren diese Tagungen immer eine gute Gelegenheit, sich gegenseitig näher kennen zu lernen und berufliche Erfahrungen auch außerhalb der offiziellen Vorträge auszutauschen.

 

Für die fachliche Weiterbildung wurden in Jena vom dortigen Veterinäruntersuchungsamt monatliche Referatsnachmittage organisiert, die wir Tierärzte und die Diplomlandwirte der Bezirksinspektionen gern besuchten. Zum einen, weil sie niveauvoll waren und viel neues Wissen vermittelten, zum anderen aber, weil sie Freitag Nachmittag stattfanden und viele Kollegen auf diese Weise die Gelegenheit nutzten, eher ins Wochenende zu starten. Ein Diplomlandwirt aus dem Bereich Sondershausen, der im Herbst 1961 eine solche Vortragsreihe besuchte, war mit seinem nagelneuen Pkw Wartburg angereist, weil er im Anschluss zu seinen Eltern nach Halle fahren wollte. Gut gelaunt – es war Wochenende! – schlenderten wir nach der Veranstaltung gemeinsam zum  Parkplatz. Die entsetzte Bemerkung des Kollegen - „mein Auto ist weg“ – veranlasste uns zu Spötteleien, dass er wohl nicht mehr wisse, wo er es abgestellt hat. Leider sollte er Recht behalten – das Auto war gestohlen worden, weit und breit keine Spur. Die Erstattung einer Anzeige bei der Polizei, wobei ich als Zeuge fungierte,  gestaltete sich sehr zeitraubend und umständlich. Mein bestohlener Kollege geriet mächtig ins Schwitzen, als er die Frage nach dem Gepäck im Auto beantworten sollte. Er hatte zusammen mit einem Tierarzt bei einem befreundeten Bauern im Kreis Sondershausen ein Schwein geschlachtet und die Produkte – Fleisch, frische Würste und Wurstbrühe – in seinem Kofferraum verstaut. Diese Schlachtungen auf Eigeninitiative waren nicht legal, weil man - zu dieser Zeit noch - nur dann privat schlachten durfte, wenn man das Tier selbst aufgezogen und gemästet hatte. Er kam deshalb in akute Erklärungsnot, aber irgendwie hangelte er sich durch diese heikle Situation.

 

Auf dem Polizeirevier gaben wir meine Adresse für eventuelle Benachrichtigungen an, so dass der Kollege mit zu mir nach Hause fuhr und dort der weiteren Dinge harrte. Schon am Sonntag Vormittag kam der Anruf aus Jena: das Auto war in der Nähe von Apolda gefunden und zum Revier geschleppt worden; es stehe dort zur Abholung bereit. Mit sehr gemischten Gefühlen machte sich also der geplagte Kollege am Montag Morgen auf den Weg nach Jena, sich innerlich wappnend, ein Wrack vorzufinden. Erleichtert stellte er fest, dass sich – zumindest äußerlich – die Beschädigungen in Grenzen hielten. Allerdings: trotz wieder aufgefülltem Tank und durchgespülter Leitungen sprang der Wagen nur kurz an, um im nächsten Moment wieder auszugehen. Es stellte sich heraus, dass zwei Jugendliche das Auto aufgebrochen und kurzgeschlossen hatten, um eine Spritztour durchs Thüringer Land zu unternehmen. Als in der Nähe von Apolda das Benzin alle war, gossen sie kurzerhand die Flüssigkeit aus der Kanne im Kofferraum in den Tank. Doch damit ließ sich das Auto nicht zur Weiterfahrt bewegen – es fährt nicht mit Wurstbrühe! Die Reparatur erwies sich als eine aufwändige und daher kostenintensive Angelegenheit, die letztendlich am Wagenbesitzer hängen blieb, da bei den Jugendlichen nichts zu holen war. Zu seiner großen Erleichterung fand er aber seine Aktentasche mit Sparbuch und wichtigen Ausweisen unangetastet im Wageninneren vor, so dass sich aufgrund des relativ glimpflichen Ausgangs diese Geschichte in den Folgejahren zu einer gern erzählten Story entwickelte.

 

Insgesamt war unser Kollektiv der Tierärzte, Diplomlandwirte und Veterinärtechniker der Bezirksinspektion zur Bekämpfung der Rindertuberkulose eine sehr gut harmonierende Gemeinschaft. Der älteste Kollege unter uns, Diplomlandwirt E.T., arbeitete im Bereich Heiligenstadt/Worbis, also im Eichsfeld. In dieser Region besaß die katholische Kirche auch zu DDR-Zeiten einen sehr starken Einfluss auf das gesamte wirtschaftliche, kommunale und gesellschaftliche Geschehen. Dieser Kollege wies erstaunliche Erfolge bei der Sanierung der Rinderbestände von Tuberkulose in seinem Verantwortungsbereich auf. Der Grund? Er verbündete sich vielerorts mit dem jeweiligen Pfarrer der Gemeinde. Bauern, die sich weigerten, ihre Tbc-Reagenten abzugeben oder überhaupt ihren Bestand zu sanieren, wurden in der Sonntagspredigt mit Namen und Hausnummer freundlich ermahnt – das half, meist besser als jede noch so engagierte Überzeugungsarbeit.

 

 

 

Jedes Kollektiv, bestehend aus Tierarzt, Diplomlandwirt und Veterinärtechniker, verfügte in den einzelnen Kreisen über ein Dienstfahrzeug, meist ein P70 oder ein Wartburg 311. Dies war so manchem Funktionär beim Rat des Bezirkes ein Dorn im Auge und sie wachten eifersüchtig und neidisch darüber, dass die Fahrzeuge von uns ja nicht für Privatzwecke genutzt wurden. Besagte Funktionäre, vor allem der Stellvertretende Vorsitzende für Landwirtschaft beim Rat des Bezirkes, ein DBD-Mitglied, nahmen für sich selber sehr gern in Anspruch, diese Autos fürs Privatvergnügen, zum Beispiel für die Fahrt zur Jagd, zu nutzen. Meine Versuche als Verantwortlicher für die Fahrzeuge, diese eigennützigen Spritztouren zu verhindern, scheiterten häufig, weil mir in den diversen Diskussionen triumphierend vorgehalten wurde, wer von meinen Kollegen wann das Auto (angeblich) privat genutzt hatte. In solchen Fällen habe ich mich stets schützend vor meine Kollegen gestellt. An einen diesbezüglichen „Härtefall“ kann ich mich noch sehr gut erinnern, es stand ein mit Feiertagen verlängertes Wochenende bevor. Vorsorglich ordnete der Stellvertretende Vorsitzende beim Rat des Bezirkes im Vorfeld an, dass alle Autos der Bezirksinspektion in Erfurt abzustellen und erst nach dem Wochenende wieder abzuholen sind. Parallel dazu hatte er sich bereits das beste Auto ausgesucht, mit dem er dann sein langes Wochenende „aufwertete“. Ich musste mich zähneknirschend fügen – er war der Chef. Dieses Vorgehen war auch deshalb so schmerzvoll, weil das Benzin auch in unserer Einrichtung streng rationiert war; der auf diese Weise vergeudete Kraftstoff fehlte letztendlich bei unserer eigentlichen Aufgabenerfüllung.

 

In politischer Hinsicht bestand im Kollektiv der Bezirksinspektion eine stille Übereinkunft aller, das ideologisch Geforderte mitzumachen und möglichst nicht anzuecken. In den monatlichen Dienstberatungen wurden deshalb politische Vorträge mit eingeplant und – wenn notwendig – als Parteilehrjahr abgerechnet. Dieser durch unseren Zusammenhalt garantierte Frieden geriet durch Strukturveränderungen  leider aus den Fugen. 1962 sollten die Bezirksinspektionen zur Bekämpfung der Rindertuberkulose aufgelöst werden, weil die Diplomlandwirte im Norden der Republik (Bezirk Neubrandenburg und Schwerin) für andere Aufgaben dringend benötigt wurden. Zunächst fuhr ich mit zehn Diplomlandwirten nach Neubrandenburg, um dort zu erfahren, in welchen LPG welche Funktionen übernommen werden sollten. Die vakanten Stellen waren die der Vorsitzenden bzw. Produktionsleiter in meist wirtschaftsschwachen Genossenschaften. In finanzieller Hinsicht bedeutete das neue Aufgabengebiet keine Verschlechterung, aber die vielen Probleme durch den Umzug und vor Ort, die sehr abgelegenen Dörfer, praktisch der totale Neubeginn, schreckte sie alle ab. Es bedurfte vieler Gespräche, Appelle an die Einsicht und mehrerer Fahrten von Süd nach Nord, um die Kollegen zu diesem Schritt zu bewegen. Auf einer dieser Fahrten von Neubrandenburg nach Erfurt kam in Höhe von Berlin das Gespräch darauf, dass, wenn schon Umzug, dann ein solcher in die BRD viel reizvoller wäre, aber zu diesem Zeitpunkt schob bereits die Mauer einem solchen Vorhaben konsequent den Riegel vor.

 

 

 

Acht dieser zehn Kollegen nahmen schließlich im Bezirk Neubrandenburg ihre Tätigkeit als LPG-Vorsitzender oder Produktionsleiter auf und sie leisteten dort in den Folgejahren eine ausgezeichnete Arbeit. Zwei Mitarbeiter, die bereits die Fünfzig deutlich überschritten hatten, blieben in Erfurt und wurden weiter beim Rat des Bezirkes beschäftigt.

 

 

 

Die Strukturveränderung hatte zur Folge, dass die Tierärzte und Veterinärtechniker nun den Kreistierärzten zugeordnet wurden, um dort die Sanierung der Rinderbestände von Tbc und Brucellose zu vollenden. Beim Rat des Bezirkes verblieb die Inspektion mit koordinierenden Aufgaben.

 

 

 

Nachdem ich mich als Leiter der Bezirksinspektion zur Bekämpfung der Rindertuberkulose recht gut eingearbeitet hatte, wurde mein Vorgesetzter, der Bezirkstierarzt, 1962 für mehrere Monate krank, und ich musste ihn in dieser Zeit vertreten. Ich besuchte ihn mehrmals und er bat mich seine Funktion zu übernehmen, da er aus gesundheitlichen Gründen beruflich etwas kürzer treten wollte. Nach seiner Genesung strebte er an, die Leitung der VHI (Veterinärhygieneinspektion) im Bezirk Erfurt, deren Gründung geplant war, zu übernehmen. Ich ließ mich im wahrsten Sinne des Wortes überreden und wurde im gleichen Jahr als Bezirkstierarzt berufen. Meine wenigen Jahre Berufserfahrung sowie mein noch jugendliches Alter erforderten, dass ich mir mit Fleiß und Energie die unentbehrlichen Fähigkeiten und das notwendige Wissen für diese höhere Leitungsfunktion erarbeitete. Die älteren gestandenen Kreistierärzte begleiteten diese meine Funktionsübernahme nicht alle mit Einverständnis und Wohlwollen. Große Unterstützung jedoch erhielt ich von den sehr erfahrenen Kreistierärzten in Sondershausen, Gotha und Apolda, die mir viele wertvolle Ratschläge gaben.

 

1962 wurde in der Leitung der Landwirtschaft der DDR ein entscheidender Strukturwandel eingeleitet, weil sich nunmehr alle Betriebe in staatlichem oder genossenschaftlichem++ Besitz befanden. Beim Ministerrat der DDR in den Bezirken und Kreisen wurden Landwirtschaftsräte gebildet. Das waren Gremien in die von Landwirtschaftsbetrieben und allen Einrichtungen sowie Institutionen, die mit der Agrarwirtschaft zu tun hatten und allen Parteien sowie gesellschaftlichen Organisationen Vertreter delegiert wurden. Hier wurden auf der Grundlage der Partei- und Ministerratsbeschlüsse Entscheidungen für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Landwirtschaft und artverwandter Wirtschaftszweige für das jeweilige Territorium beschlossen. Das ausführende Organ der Landwirtschaftsräte waren sogenannte Produktionsleitungen, die nach den Hauptrichtungen Tier- und Pflanzenproduktion, Landtechnik  und Agrarökonomie strukturiert waren. Das Veterinärwesen wurde zwangsläufig in diese Veränderungen einbezogen und der Leitung der Tierproduktion unterstellt. Die Funktionsnamen der Bezirks- und Kreistierärzte wurden in Haupttierärzte umbenannt. 

 

Im Rahmen der Lebensmittelüberwachung waren aber hoheitliche Aufgaben auch außerhalb der Landwirtschaft zu lösen. Hierfür wurde die VHI  (Veterinär – Hygieneinspektion ) als nachgeordnete Einrichtung bei den Räten der Bezirke geschaffen. Die Tierärzte in den Schlacht und Verarbeitungsbetrieben wurden in den jeweiligen Betrieben als THD (Tierärztlicher Hygienedienst) integriert und der VHI fachlich unterstellt.

 

Bei der tierärztlichen Betreuung der landwirtschaftlichen Nutztiere ging man durch die Bildung von Gemeinschafts- und Betriebstierarztpraxen ebenfalls neue Wege.

 

Im Veterinärwesen gab es bis 1962 beim Aufbau und der Arbeitsweise, einschließlich der Verwaltung sowie der Ausbildung und Lehre,  nach traditionellen Aspekten kaum Unterschiede  in den beiden deutschen Staaten.

 

1962 wurde dann durch die Volkskammer der DDR das Veterinärgesetz verabschiedet. Allen Benennungen auch vielen fachlichen Begriffen wurde nunmehr die Bezeichnung „sozialistische“ vorangestellt. Z.B. „Sozialistische Tierärztliche Gemeinschaftspraxis“ usw. Die bisherigen Fachgesetze und –Verordnungen wurden durch neue Anordnungen auf der Grundlage des Veterinärgesetzes ersetzt. Die neuen Fassungen, die durch mehrere durchaus kompetente Gremien erarbeitet wurden, konnten in den meisten Fällen durch den Ministerrat oder direkt den Landwirtschaftsminister bzw. später den Vorsitzenden des Landwirtschaftsrates der DDR erlassen und in Kraft gesetzt werden. Dieser kürzere Weg, dass viele Gesetzesvorlagen nicht erst der Zustimmung der Volkskammer bedurften, sicherte gerade in der Tierseuchenbekämpfung oft ein schnelleres Reagieren. In meiner Funktion als Bezirkstierarzt arbeitete ich in mehreren Arbeitsgruppen zur Vorbereitung dieser Anordnungen mit. Die konstruktive Teilnahme aller Institute der beiden veterinärmedizinischen Fakultäten in Berlin und Leipzig garantierte außerdem, dass neue Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Erkenntnisse entsprechende Berücksichtigung fanden.

 

Rückblickend stelle ich fest, dass mit diesen „Fachanordnungen“ – lässt man den Vorspann „sozialistische“ weg – sehr gute, übersichtliche und verständliche Gesetzesgrundlagen geschaffen wurden. Sie bildeten ausgezeichnete Anweisungen u.a. bei der Bekämpfung und Tilgung von Tierseuchen sowie zur Einflussnahme auf eine hygienisch einwandfreie  und gesundheitlich unbedenkliche Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft und die dabei notwendige umfassende Kontrolle des gesamten Lebensmittelverkehrs. Bei der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 verpasste man leider, die in der DDR entstandenen guten fachlichen Gesetzesgrundlagen mit hinüber zu retten. Niemand hat sich die Mühe gemacht gründlich zu recherchieren, zu vergleichen und dann das Beste von beiden Seiten zu übernehmen. Der Einigungsvertrag war auf dem Gebiet des Veterinärwesens nachweislich zu „westlastig“. Den Beweis dieser Aussage könnte ich durch viele Beispiele belegen. Das würde aber den Rahmen dieser Erinnerungen überschreiten und wird ggf. noch nachgeholt.

 

Zurück zu den sechziger Jahren. An der Diskussion über die neue Struktur des Veterinärwesens habe ich mich damals sehr aktiv beteiligt. In einer Veröffentlichung in den Monatsheften für Veterinärmedizin (1962) habe ich über den Einsatz von Betriebstierärzten und die Einrichtung von Tierärztlichen Gemeinschaftspraxen berichtet. Der direkten Integration von Tierärzten in die Landwirtschaftsbetriebe waren damals noch Grenzen gesetzt, weil die Größe der Betriebe ( im Schnitt 5oo ha Landwirtschaftliche Nutzfläche) diesen Aufwand noch nicht zu ließen. Nur wenige VEG (Volkseigene Güter ) und LPG hatten mehr als 2000 GV ( Großvieheinheiten ) d.h. die Betriebsgröße, ab der die Arbeit eines Betriebstierarztes sinnvoll wird. Im übrigen hatten wir damals vorgeschlagen (Zitat aus der Veröffentlichung): „......mehrere Praxen zu einem Bereich zu vereinigen und dort die kollektive Arbeit der Tierärzte zu entwickeln. Diese Methodik ermöglicht eine Arbeitsteilung......Im Wechsel übernimmt ein Kollege die kurative Tätigkeit.....Die anderen Tierärzte können sich voll der prophylaktischen Arbeit widmen.....“ Diese Vorschläge wurden in der Folgezeit mit teils guten Ergebnissen, aber auch erheblichen Schwierigkeiten verwirklicht. In diesem Zusammenhang hat sich die in dieser Zeit begonnene Ausbildung von Fachtierärzten ( nach Tierarten ) bewährt. Gemeinschaftspraxen und Fachtierärzte haben sich heute in der Veterinärmedizin voll etabliert.

 

Ich bekam Gelegenheit mit den Kreistierärzten des Bezirkes Anfang 1962  eine Studienreise nach Ungarn zu unternehmen. Dort war die neue Struktur, vor allem der Einsatz von Betriebstierärzten schon weiter entwickelt als bei uns. Wir erfuhren, dass diese Tierärzte dort sehr abhängig von den Wirtschaftsleitungen der Betriebe waren. Ihre Vergütung orientierte sich sehr stark an den wirtschaftlichen Ergebnissen. Ein Betriebstierarzt in einer ungarischen landwirtschaftlichen Genossenschaft brachte das  treffend zum Ausdruck. Er sagte uns während unseres Besuches sehr offen: „Wenn ich z.B. eine weniger gefährliche Seuche, sagen wir Rotlauf, diagnostiziere überlege ich, ob ich das melde, denn dann erhalte ich keine Prämie. Die Schweine werden geschlachtet und ich sage nichts - meine höhere Vergütung ist damit gesichert.“

 

Diese gesammelten Erfahrungen und die auch bei uns immer stärker werdende Abhängigkeit der Tierärzte von wirtschaftlichen Belangen machte uns unsicher, ob der eingeschlagene Weg der Betriebstierarztpraxen richtig sei.

 

Die Entwicklung war aber auch in der DDR nicht mehr aufzuhalten. Die Tierärzte unterstanden künftig in den Betrieben den Wirtschaftsleitern und ihre Einkommen sowie die Prämien  waren vom ökonomischen Ergebnis das hieß von der Planerfüllung abhängig. Das wurde in der Folgezeit als leistungsabhängige Vergütung bezeichnet und ein hoher teils manueller Aufwand für deren Berechnung betrieben. Wettbewerbsziele des Veterinärwesens wurden ebenfalls nach Tierproduktionsergebnissen abgerechnet. Alle diese Methoden zeigten mehr oder weniger große Mängel und es bedurfte eines ständigen Bemühens in der Tierseuchenbekämpfung und Lebensmittelüberwachung unabhängige Verfügungen zu garantieren. Auch in der BRD sind oft die tierärztlichen Beamten oder Angestellten in Verwaltungen oder Betrieben abhängig von wirtschaftlichen und politischen  Entscheidungen, die nicht selten Vorrang vor fachlichen Notwendigkeiten  besitzen. In den alten Bundesländern war das oft nicht viel anders und setzt sich heute fort in manchmal fachlich recht zweifelhaften aber politisch motivierten Verordnungen auf EU - ,Bundesrepublik- und Länderebene. Einige augenfällige Beispiele hierfür sind:

 

-          Massenschlachtungen zur Marktbereinigung im Rahmen der BSE,

 

-          das Verbot von Impfungen sowie  die ungerechtfertigte Tötung   von Schweinen im Zusammenhang mit der Schweinepest,

 

-          die unschädliche Beseitigung des Fleisches, das bei einigen nicht auf den Menschen übertragbaren Krankheiten durchaus nach entsprechender Behandlung für die Ernährung genutzt werden könnte,

 

-          die Untersagung von Impfungen der Rinder sowie Massentötungen im Rahmen der MKS – Bekämpfung ( Maul- und Klauenseuche ) u.a.

 

 

 

 

 

Die gemeinsame Ungarnreise war für alle ein sehr schönes Erlebnis und das letzte Aufatmen vor einem großen Sturm. Kurz nach unserer Rückkehr wurden die ersten MKS – Ausbrüche bei Schweinen im Kreis Weimar amtlich festgestellt. Die Laboruntersuchungen im zentralen Institut ( Insel Riems ) bestätigten die klinischen Befunde. Nachweislich hatte die Seuche ihren Ausgang von Tieren genommen, die in primitiven Ställen im Kasernengelände der Roten Armee in Nohra bei Weimar gehalten wurden. Die Soldaten hatten illegal mit Bauern der Umgebung Mastschweine gegen Zuchttiere getauscht. Die Erkrankung war während der Inkubationszeit noch nicht sichtbar. Diese Tatsachen durften offiziell nicht bekannt gemacht werden, denn die Sowjets waren die unantastbare Besatzungsmacht.

 

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem sowjetischen Generalveterinär in Erfurt, das ich als Bezirkstierarzt zur Koordinierung der Maßnahmen zur  Tierseuchenbekämpfung führte. Er sagte: „ In unserem Kasernengelände werden keine Schweine gehalten.“ Zu diesem Zeitpunkt stimmte das sogar, denn nach dem Seuchenausbruch wurden alle Tiere getötet und die Ställe bzw. Hütten und deren Einrichtungen abgebrannt. Das erfuhren wir inoffiziell und heimlich durch die sowjetischen Militärpersonen, denn wir Deutschen durften das Gelände nicht betreten. Die Liquidation der Schweinebestände war für die Soldaten ein schwerer Schlag, denn mit der Mast der Tiere, deren Hauptfutter aus Küchenabfällen bestand, hatten sie ihren Speiseplan etwas aufgebessert.  Überhaupt erfuhren wir, dass die Essenrationen der Rotarmisten sehr knapp bemessen waren und Alkohol gab es wahrscheinlich in den Kasernen gar nicht. Deshalb versuchten sie heimlich an Geld für Wodka zu kommen, indem sie aus ihren Armeefahrzeugen Benzin abzapften und verkauften. Manchmal sogar gleich mit Kanister. Sie verscherbelten auch, das weiß ich aber nur von Erzählungen, gestohlene Fernseher und andere Einrichtungsgegenstände aus ihren Gemeinschafts- bzw. Kulturräumen.

 

Die MKS, besonders bei Schweinen, aber auch bei Rindern war nicht mehr auf zu halten. Sie verbreitete sich über den gesamten Bezirk Erfurt und darüber hinaus. Ungefähr ein halbes Jahr nach dem Erstausbruch hatten wir in unserem Territorium in mehr als 500 Gemeinden wegen MKS gesperrte Stallanlagen oder Gehöfte. Das war der Höhepunkt der Seuchenausbreitung und entsprach in ca. 70 % der Gemeinden des Bezirkes. Aus dieser Zeit will ich einige persönliche Erlebnisse darstellen, weil über die fachlichen Aspekte der Tierseuchenbekämpfung schon in mehreren Veröffentlichungen ausführlich berichtet wurde.

 

Nach den ersten Seuchenausbrüchen in Dörfern des Kreises Weimar wurde ich nach Berlin zum Leiter des Veterinärwesens und zum Stellvertretenden Minister für Landwirtschaft bestellt oder besser befohlen. Mir wurde bedeutet, dass meine Behauptung, der Seuchenausbruch käme von Tieren aus den Kasernen der Sowjetarmee, falsch sei. Im übrigen wäre dies ein „Tabu – Thema“. Mir wurde in scharfen Worten klar gemacht, dass ich alle Maßnahmen zu ergreifen hätte um eine weitere Ausbreitung der Tierseuche zu verhindern. Der Stellvertretende Minister machte sogar die Andeutung, dass ich bei geringsten Fehlern mit einer Haftstrafe rechnen könnte. Mein Studium von einigen Semestern in Westdeutschland wurde erwähnt und an meine Verpflichtung eines vollen Einsatzes für die Stärkung der DDR erinnert. Leider gab es über diese Aussprache kein Protokoll.

 

Unvergessen bleibt mir nach dieser Maßregelung im Ministerium die Heimfahrt mit dem Auto von Berlin nach Erfurt. Ich war sogenannter Selbstfahrer eines Dienstfahrzeuges (PKW Moskwitsch) und hatte mit Genehmigung meiner Dienststelle meine Frau mitgenommen, die in der Hauptstadt während meiner dienstlichen Erledigungen einige Einkäufe tätigte. Unsere Gespräche auf der Rückfahrt drehten sich nur um die Frage: „Was wird mit unserer Familie, wenn ich z.B. ins Gefängnis muss.“ Ich hatte regelrecht Angst, weil ich ahnte, die Seuche war nicht auf zu halten.

 

In Weimar unterbrachen wir unsere Rückreise, weil ich mich über den aktuellen Stand des Seuchengeschehens informieren wollte. Der dortige Kreistierarzt ein älterer, sehr erfahrener Kollege beruhigte mich etwas und wir besprachen sehr sachlich das weitere Vorgehen in der MKS – Bekämpfung. Die Seuche verbreitete sich sehr rasch und wir waren dagegen rein machtlos. Die angedrohten Konsequenzen bekam ich nicht zu spüren, weil man wahrscheinlich auch in Berlin im Ministerium keinen Rat wusste.

 

Als junger Tierarzt erhielt ich sehr große Unterstützung von den älteren, erfahrenen und mit reichen Fachwissen ausgestatteten Kreistierärzten sowie dem Leiter des VUTGA. Gleichermaßen unterstützten mich in jeder Hinsicht die tierärztlichen und technischen Mitarbeiter der Veterinärverwaltung im Bezirk in oft selbstloser und vorzüglicher Weise.

 

Einige Male während des Seuchengeschehens wurde ich zum Rapport beim Sekretariat der Bezirksleitung der SED einbestellt. Von dort muss ich hervorheben, dass der damalige 1. Sekretär der Bezirksleitung A. Bräutigam in sehr sachlicher Form Verständnis für die fachlichen Probleme zeigte und die Vorschläge der Fachkundigen akzeptierte und bestätigte. In manchmal nur politischen Argumentationen versuchten hin und wieder die anderen Sekretäre über das Tierseuchengeschehen zu reden und die Maßnahmen anzuzweifeln. Dabei erlebte ich, dass der 1. Sekretär einige Male seinen Mitarbeitern unmissverständlich ihre  Inkompetenz zu verstehen gab und  auf die Entscheidungen der Fachleute baute. Ich erinnere mich, dass er einmal ungefähr so sagte: „ Ihr seid keine Tierärzte und was der Doktor hier vorgetragen hat ist seine und seiner Kollegen Fachmeinung, die auch von euch zu akzeptieren ist. Allein mit  Politik lässt sich keine Seuche tilgen.“ Ich sehe noch heute dabei den damals giftigen Blick des Sekretärs für Landwirtschaftspolitik, der oft Tierärzte als politisch nicht 100 % zuverlässig einschätzte.

 

In gleicher Weise akzeptierte und unterstützte der in dieser Zeit amtierende Vorsitzende des Rates des Bezirkes Gebhardt die fachlichen Entscheidungen der Tierseuchenkommission, die von erfahrenen Tierärzten erarbeitet wurden. Auch hier war es so, dass oft die Landwirte nur schwer von notwendigen, auch unbequemen Tierseuchenbekämpfungs-Maßnahen zu überzeugen waren. Rechtlich konnten wir uns auch in der DDR auf  gute Gesetzesgrundlagen stützen, aber in der Durchführung gab es doch immer wieder einige Schwierigkeiten und  Widersprüche, vor allem:

 

-          In der Festlegung der Sperrgebiete und Schutzzonen,

 

-          bei der Durchführung von Quarantänemaßnahen,

 

-          im Umfang der Desinfektionen, 

 

-          bei der Einrichtung von Personen- und Geräteschleusen,

 

-          bei Tierumstellungen und Schlachtungen in Schutzzonen, vor allem bei Hausschlachtungen,

 

-          bei der Genehmigung und Durchführung von Veranstaltungen,

 

-          bei der Finanzierung der einzelnen Tierseuchenbekämpfungsmaßnahmen,

 

um nur einige ausgewählte Probleme zu nennen.

 

 

 

Unvergessen bleiben mir kuriose Entscheidungen eines Bürgermeisters in einem Ort im Landkreis Weimar. Dieser Ortsvorstand veröffentlichte an der Informationstafel  am Gemeindeamt eine Mitteilung mit folgendem Text: „ Heute Morgen wurde bei den Rindern und Schweinen des Bauern  X durch den Kreistierarzt amtlich MKS festgestellt. Da es ein Erstausbruch ist, wird das gesamte Dorf gesperrt. Wer noch Feldfrüchte, Obst oder sonstige Materialien und Gegenstände aus oder in den Ort bringen muss, hat dies bis heute 13,00 Uhr zu erledigen. Ab diesem Zeitpunkt wird die gesamte Gemeinde für allen Personen und sonstigen Verkehr gesperrt.“ Mit solchen Maßnahmen der Staatsmacht konnte die Ausbreitung der Seuche verständlicher Weise nicht aufgehalten werden.

 

Die völlige Absperrung oder Quarantäne ganzer Gemeinden oder größerer Tierproduktionsanlagen war überhaupt sehr problematisch. Es mussten viele persönliche Fragen der betroffenen Menschen gelöst werden. Wenn Liebes- oder Ehepaare durch die Sperrmaßnahen mehrere Tage und Nächte getrennt wurden, blieben Eifersuchtsszenen nicht aus. Erkrankungen, Medikamentenversorgung und vieles andere mehr mussten oft mit sehr hohem Aufwand gelöst werden. Die hierfür eingerichteten Personen- oder Geräteschleusen waren außerdem in der Wirksamkeit umstritten. Trotz der vielerorts sehr strengen Absperrungen lief uns überall die MKS  sprichwörtlich davon. Die Ringimpfungen zeigten bei Rindern und Schafen einen gewissen Erfolg, aber bei Schweinen war keine ausreichende Immunität zu erlangen. Selbst die Herstellung und der Einsatz eines Impfstoffes vom Serum erkrankter Schweine des Territoriums in  unserem VUTGA erbrachte nicht den gewünschten Erfolg.

 

Schwierig war es, in den Seuchensperr- und Schutzzonen geplante Veranstaltungen zu verbieten. In einem größeren Dorf im Kreis Weimar musste ich gemeinsam mit dem zuständigen Kreistierarzt eine schon begonnene Kirmesveranstaltung untersagen. Nur unter Polizeischutz konnten wir den Ort betreten und verlassen.

 

Persönlich erlebte ich im Kreis Apolda eine sehr unangenehme Situation. Es kam die Zeit in der wir bei einem Bauern, wie alljährlich, unsere Winteräpfel einkauften. Meine Frau und ich fuhren an einem Samstag Mittag dorthin und parkten das Auto vorm Hoftor. Wir trugen die Apfelstiegen aus dem Gehöft und verluden sie auf dem mitgebrachten PKW – Anhänger. Bei der letzten Verladung begleitete uns die Bauersfrau bis vors Hoftor und sagte: „So, sie sind die letzten, die noch Äpfel abholen. Heute früh hat der Kreistierarzt bei unseren Tieren MKS festgestellt und wir sollten eigentlich nichts mehr aus dem Gehöft bringen. Das Obst musste aber doch noch verkauft werden.“ Sie brachte nun das Schild mit der Aufschrift „MKS Sperrgehöft – Betreten verboten“ am Hoftor an. Als Bezirkstierarzt war ich in eine sehr missliche Lage geraten. Was sollte ich tun? Meine Frau und ich unterzogen uns Desinfektionsmaßnahen ähnlich einer Personenschleuse. Die Äpfel kamen in einen Stadthaushalt ohne direkten Kontakt zu Klauentierbeständen. Von dieser Seite her konnte also die Übertragungsgefahr minimiert werden. Was mache ich aber mit der Gesetzesübertretung des Apfellieferanten? Ich verfügte, dass er eine Ordnungsstrafe zu bezahlen hatte. Er hatte auch Verständnis für diese Maßregelung, denn auch in den Folgejahren belieferte er uns weiterhin mit vorzüglichen Winteräpfeln.

 

Das Jahr, in dem ich fast Tag und Nacht in Sachen MKS – Bekämpfung unterwegs war, hat mir gesundheitlich viel Kraft gekostet. Es war aber gleichzeitig für mich  eine vorzügliche Lehre auf allen Gebieten der Tierseuchenbekämpfung und –Tilgung sowie der veterinärmedizinischen Verwaltungs- und Leitungstätigkeit.

 

 

 

Mitte der sechziger Jahre gab es in Folge des MKS – Geschehens in der DDR zu wenig Ferkel und Läufer um die Ziele in der Schweinefleischproduktion zu erfüllen. Es wurden deshalb Läufer aus der CSSR importiert. In unserem Nachbarland gab es aber die Schwierigkeit, dass in mehreren Gegenden die Schweinebestände mit Aujeszkischer Krankheit ( AK ) verseucht waren. Das ist eine Gehirn – Rückenmarkserkrankung besonders bei Schweinen, die aber auch auf andere Haustiere oder Schadnager übertragen werden kann. Im Süden der DDR war diese Seuche weitgehend getilgt und wir befürchteten bei diesen Importen eine erneute Einschleppung. Die Regierungen der DDR und CSSR hatten Vereinbarungen getroffen, dass nur Tiere aus AK freien Gebieten geliefert werden sollten.

 

Die Schweine wurden per LKW zum Grenzabfertigungsbahnhof Decin gebracht. Dort erfolgten die Übernahme ( Vermarktung ) durch Vertreter der DDR und die deutsche Veterinärkontrolle. Bei jeder Anlieferung wurden tierärztliche Atteste über die AK – Freiheit der Bestände und Gebiete aus denen die Tiere stammten vorgelegt.

 

Auch unsere Bezirke Erfurt, Gera, Suhl, Halle und Karl- Marx- Stadt mussten Läufer aus der CSSR übernehmen und ich erhielt teilweise den Auftrag für diese Lieferungen in Decin die Veterinärkontrolle durch zu führen.

 

Gemeinsam  mit dem Bezirkszootechniker einem Diplomlandwirt, der die Vermarktung überwachte und einem Regierungsvertreter der DDR, der auf uns aufpasste, hatte ich dort mehrere Wochen eine verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen. Anfangs erfolgte der Weitertransport der Tiere bis zu den Zielorten in der DDR per Bahn in Viehwaggons. Bei diesen längeren Transporten gab es Schwierigkeiten in der Unterwegsversorgung der Schweine und erhöhte Verluste. Deshalb wurde sehr schnell auf LKW – Transporte umgestellt. Trotz sehr strenger veterinärmedizinischer Kontrollen wurde durch die Einfuhren die AK wieder nach Thüringen und den süddeutschen Raum eingeschleppt.

 

Erfolgreich wurde unsere Arbeit beim Läuferimport dann bewertet, wenn es keine oder nur geringe Transportverluste bei den Schweinen gab. Überhaupt war die Position Tierverluste das wichtigste Kriterium bei der Beurteilung der Tätigkeit der Tierärzte und aller Mitarbeiter des Veterinärwesens. Ich konnte in der DDR das Wort „Tierverluste“ fast nicht mehr hören. Es wurden Statistiken über Verluste bei allen Nutztierarten und die unterschiedlichsten Bezugszahlen erfunden bzw. ausgewählt. In den Schlachthöfen waren die Transport- und Stallverluste der Schlachttiere ein sehr wichtiges Kriterium für die Beurteilung der Arbeit des THD.

 

Zahlreiche Wettbewerbe zwischen Landwirtschaftsbetrieben, tierärztlichen Praxen, Kreisen und Bezirken wurden zur Senkung der Tierverluste organisiert. Es gelang nur selten die Anzahl der gestorbenen Tiere zu erfassen, weil die Ergebnisse im eigenen Interesse geschönt wurden. Diese Tatsache konnten wir in den sechziger Jahren schon bestätigen, als wir die Verlustmeldungen mit der Anzahl der  in den Tierkörperbeseitigungsanlagen ( TKBA ) abgelieferten toten Tiere verglichen. Dort wurden mehr verendete Vierfüßler registriert als die Verluststatistik in den Landwirtschaftsbetrieben auswies.  Unsere ständigen Hinweise, dass es richtiger sei, die Tierleistungen und nicht die Verluste zu bewerten, prallten immer wieder am Veto der SED  - Parteiführungen ab.

 

In der Zeit, als ich als Bezirks- bzw. Haupttierarzt fungierte und auch weiter bis 1990 war in der DDR das Veterinärwesen stets der Leitung der Landwirtschaft unterstellt. Ich hatte während dieser Zeit viele Auseinandersetzungen mit meinen Vorgesetzten, die meist Landwirte oder Ökonomen waren, zu bestehen. Ein Hauptgrund hierfür war u.a. das Gehaltsregulativ für Tierärzte, nach dem wir teils eine viel höhere Vergütung als die anderen Wirtschaftsfunktionäre erhielten. Diese Reglung für Ärzte, Tierärzte, Apotheker und besonders wichtige Wissenschaftler sollte, so wurde mit vorgehaltener Hand behauptet, die starke Abwanderung dieser Intelligenzler nach der BRD stoppen. In diesem Zusammenhang wurde wiederum von den Tierärzten gefordert, dass sie die Agrarpolitik der SED auf dem Lande besonders unterstützen und mithelfen diese durchzusetzen. Es wurde von den Parteifunktionären betont, dass die Veterinärmediziner bei den Bauern ein großes Vertrauen genießen und das sei politisch zu nutzen. Wegen der höheren Vergütung wurde deshalb auch ein stärkeres Engagement auf allen Gebieten der beruflichen und politischen Tätigkeit verlangt.

 

In den sechziger Jahren fanden im Bezirk Erfurt monatlich Komplexeinsätze in sozialistischen Landwirtschaftsbetrieben statt. In einem ausgesuchten Landkreis mussten unter Leitung des Sekretärs für Landwirtschaftspolitik der SED Bezirksleitung ausgewählte leitendende Funktionäre der SED und der Blockparteien, der gesellschaftlichen Organisationen, der staatlichen Leitungen und der Betriebe der Nahrungsgüterwirtschaft in den VEG ( Volkseigenen Gütern ) und LPG die Erfüllung der Produktionspläne und die politische Leitungstätigkeit kontrollieren.

 

Frühmorgens zwischen 3,00 und 4,00 Uhr gingen Arbeitsgruppen in die landwirtschaftlichen Produktionsstätten, überprüften dort den Arbeitsablauf, die Hygiene und Sauberkeit sowie die Technik und Technologie und unterhielten sich mit Arbeitern und Genossenschaftsbauern. Anschließend fanden Auswertungen mit den Leitungen der kontrollierten Betriebe statt. Am Nachmittag des gleichen Tages wurden die Kontrollergebnisse den Funktionären der Bezirks- und Kreisleitungen der SED berichtet und daraus resultierend den staatlichen Leitungen entsprechende Auflagen erteilt. In fast jeder Arbeitsgruppe musste ein Tierarzt mitwirken, um die Schwerpunkte Tierverluste, Milch- und Fleischproduktion, Tiergesundheit sowie Tierhygiene fachlich kompetent mit einzubringen. Häufig wurden Fehler und Mängel festgestellt, die objektiv z.B. mit ungenügender Futtergrundlage und fehlenden Geräten oder Material zu begründen waren. Diese Bedingungen durften nicht vordergründig genannt werden, weil alle Produktionsminderungen ursächlich subjektiv bedingte Unzulänglichkeiten sein sollten. Ich machte viele solcher Einsätze mit und erinnere mich, dass es dabei oft unberechtigte Kritik an der Arbeit der Tierärzte und Tierpfleger gab. Es war üblich auch objektiv begründete Fehler als ungenügende politische Grundhaltung zu werten. Die Erfolge der Überprüfungen haben wir unter Fachleuten angezweifelt, aber niemand getraute sich zu widersprechen.

 

 

 

Die Ende der fünfziger Jahre in unserem Bezirk eingerichtete Schule zur Ausbildung von Veterinärhelfern, als Hilfskräfte für Tierärzte, wurde durch den Bezirkstierarzt, meinem Vorgänger im Amt, sehr stark gefördert. In der weiteren Profilierung erfolgte die Ausbildung zu Veterinärtechnikern und dann zu Veterinäringenieuren, die Fachschulingenieuren gleichgestellt waren. Es gab in der DDR nur 2 solcher Schulen und zwar die in unserem Bezirk in Beichlingen, Kreis Sömmerda und die andere in Rostock. Die Ausbildungsstätte in unserem Territorium war in einem großen unter Denkmalschutz stehenden Schloss in einer sehr schönen Waldumgebung untergebracht. Im Laufe der Jahre ergänzten zahlreiche Neubauten als Hörsäle und Internatsplätze - recht harmonisch eingepasst - die alten Gebäude. Die Veterinäringenieure durften zuletzt viele Tätigkeiten ausführen, die früher nur Tierärzten vorbehalten waren. Nach 1989 wurde dieser Berufszweig abgeschafft und die Schule abgewickelt. Die Absolventen  fanden z. T. als Lebensmittelkontrolleure,  Pharmareferenten, Tierpfleger in Zoos oder in Tierhaltungen der Landwirtschaft einigermaßen artverwandte Tätigkeiten. Die meisten aber mussten umschulen oder wurden arbeitslos. Die heutigen Tierarzthelfer sind im Berufsbild nicht im vollen Umfange mit den ehemaligen Veterinäringenieuren zu vergleichen. 

 

Ich habe als Bezirkstierarzt die Veterinärhelfer - Schule ebenfalls sehr unterstützt. In dieser Zeit und auch später habe ich in dieser Bildungseinrichtung nebenberuflich häufig und gern unterrichtet. Über die Geschichte der Veterinäringenieurschule und die fachlichen Aspekte dieser Ausbildungsrichtung wurde schon in mehreren Veröffentlichungen informiert. Ich will deshalb nur von eigenen Erfahrungen berichten. Sehr aufschlussreich waren in diesem Zusammenhang Erkenntnisse, die ich während einer Reise zu einem Erfahrungsaustausch mit einer Veterinäringenieurschule in Bulgarien sammelte.

 

Die Beichlinger Schule hatte einen Vertrag über die Zusammenarbeit mit einer gleichgelagerten Einrichtung in Lowetsch, Bulgarien abgeschlossen. Der Direktor unserer Bildungsstätte und ich als Bezirkstierarzt erhielten 1966 eine Einladung zum Erfahrungsaustausch in dieses Balkanland.

 

Während unseres Erfahrungsaustausches über Lehrprogramm, Einsatz der Veterinäringenieure in der Praxis u. a. stellten wir fest, dass diese Hilfskräfte in Bulgarien weitaus mehr Befugnisse zur Ausübung tierärztlicher Tätigkeiten als in der DDR hatten. Das entsprach dort schon damals den bei uns erst später aktuell gewordenen Ausbildungsprofil und Einsatz der Veterinäringenieure. Wir besichtigten Schuleinrichtungen, Labors und Ausbildungsbetriebe. Unser damaliger Eindruck  war, dass in Bulgarien „Hilfstierärzte“ ausgebildet werden, die mit weniger Gehalt arbeiten und nach und nach tierärztliche Hochschulausbildung ersetzen sollten. Dagegen wehrten wir uns in der DDR. Erfreulicher Weise wurde in allen sozialistischen Ländern in der Folgezeit ein vertretbares Maß im Einsatz dieser „mittleren veterinärmedizinischen Kräfte“ gefunden und Tierarzt blieb ein akademischer Beruf. Ich habe in den sechziger Jahren an einigen Diskussionen in Berlin teilgenommen, bei denen es galt, gegenüber  Landwirten in leitenden Stellungen  unseren tierärztlichen Berufsstand zu verteidigen. Sie hatten von Verhältnissen in der Sowjetunion, Bulgarien und Rumänien erfahren, dass tierärztliche Tätigkeiten durch Hilfskräfte auch billiger zu haben wären. Notwendigkeiten in der Tierseuchenbekämpfung und –Prophylaxe, wissenschaftlich begründete Methoden und Verfahren zur Erhaltung und Wiederherstellung der Tiergesundheit und die Aufgaben in der Lebensmittelhygiene und –Überwachung, bei der Erzeugung gesundheitlich unbedenklicher Nahrungsmittel sowie der Verhinderung von Lebensmittelvergiftungen durch sachverständige Einflussnahme überzeugten letztlich, dass auch bei sozialistischen Produktionsverhältnissen weiterhin Tierärzte mit Hochschulausbildung benötigt werden.

 

Der viertägige Erfahrungsaustausch in der Veterinäringenieurschule in Bulgarien sowie die vorn beschriebene Reise mit den Kreistierärzten 1962 in Ungarn lieferten mir zahlreiche Argumente, die ich  zur Rettung unseres Berufsstandes einbringen konnte.

 

 

 

Schon als Leiter der Bezirksinspektion zur Bekämpfung der Rindertuberkulose und dann später in allen meinen tierärztlichen Funktionen musste ich beim Luftschutz und in der Zivilverteidigung mitwirken. Die in diesen Rahmen von mir übernommenen Leitungsaufgaben schützten mich davor Mitglied in einer Kampfgruppeneinheit  zu werden. Ich wollte absolut kein so genannter Kämpfer werden, weil  der diesbezügliche Dienst nicht nach meinem Geschmack war. Obwohl mir sonst von den Kindheits- und Jugenderinnerungen her das Militärische nicht unsympathisch war, konnte ich die Notwendigkeit dieser Kampfgruppen nicht nachvollziehen. Nach meiner Auffassung, die hier der Meinung der Partei gänzlich entgegenstand, genügten als Schutztruppen durchaus die Polizei und die Volksarmee. Warum sollten Arbeiter eventuell gegen Arbeiter kämpfen?

 

Meine  Erfahrungen im Rahmen des Luftschutzes und später der Zivilverteidigung  umfassen die Zeit von 1960 bis 1989. Als Tierarzt hatte ich in den einzelnen Leitungsfunktionen die veterinärmedizinischen Aufgaben auf diesem Gebiet zu vertreten. In den 60 er Jahren nahm ich an einigen Schulungen teil, in denen uns Kenntnisse über Gefahren und deren Abwendung beim Einsatz von atomaren, chemischen, biologischen oder konventionellen Waffen beigebracht  wurden. Im Mittelpunkt stand außerdem die Schulung über die Handhabung von Messgeräten und die Durchführung von Erkundungsaufgaben. Auch politische Vorträge über die vom Imperialismus ausgehende Kriegsgefahr, über gerechte und ungerechte Kriege und ähnliches gehörten dazu. Im übrigen wurde bei allen Handlungen ein militärisches Verhalten verlangt. Es war erstaunlich, dass bei diesen Tätigkeiten und Übungen in Schulungsheimen und in den Betrieben auch die Kollegen aktiv mitwirkten, die sich sonst weitgehend  gesellschaftlicher oder politischer Mitarbeit entzogen. Ich denke, sie wussten, dass durchaus Gefahren bestanden und sie wollten gezielte Schutzmaßnahmen kennen lernen. Manchmal wurden aber auch die Übungen nicht ganz ernst genommen. Mir sind in diesem Rahmen noch einige Episoden in Erinnerung geblieben.

 

Die fachlichen und inhaltlichen Probleme im Luftschutz und der Zivilverteidigung  sind in vielen Dokumenten hinreichend beschrieben und veröffentlicht und sollen deshalb nicht Gegenstand meiner  Aufzeichnungen sein. Heute finde ich es lächerlich, aber damals haben wir es sehr ernst genommen, dass alle Handlungen, Dokumente usw. streng vertraulich bis geheim eingestuft waren. Die Unterlagen und Geräte mit denen wir damals arbeiteten waren aber in der ganzen Welt keine Geheimnisse, nur uns wollte man vom Gegenteil überzeugen.

 

In den sechziger Jahren wurden auf Bezirks- und Kreisebene Unterkünfte für die Stabsarbeit  im Luftschutz auch auf dem Gebiet des Veterinärwesens eingerichtet. Im Bezirk Erfurt standen uns Kellerräume in der Cyriaksburg auf der IGA (Internationale Gartenbauausstellung) zu Verfügung. Hier existierten für einen längeren Zeitraum alle Möglichkeiten einer geschützten Unterbringung  mit Verpflegung und Übernachtungen. Die Einrichtungsgegenstände waren teilweise recht gut zu gebrauchende, im Handel oft rare, Campingausrüstungen, die damit der Versorgung der Bevölkerung entzogen wurden. Es ging häufig recht lustig zu,  wenn wir in den Unterkünften das Kriegsspiel übten. Wir mussten z.B. nach einer vorgegebenen Lage ( Atombombe über Erfurt abgeworfen, oder ähnliches ) die notwendigen Gegenmaßnahmen für unser Fachgebiet erarbeiten. Die Ergebnisse wurden an den zentralen Stab und die Einsatzleitung in einem Bunker  am Gebäude des Rates des Bezirkes gemeldet. Die dort anwesenden staatlichen Leiter waren ebenfalls meist keine hauptamtlichen Mitarbeiter des Luftschutzes. Ich erinnere mich an ein Vorkommnis, bei dem ich eine Meldung über notwendige Maßnahmen nach einem „Atomangriff  auf Erfurt“ übermittelte. Der dort die Information entgegen nehmende Abteilungsleiter sagte: „ Mach keinen solchen Quatsch, wenn über Erfurt eine Atombombe nieder ging ist sowieso alles im Eimer und ihr könnt nichts mehr melden.“ 

 

Alljährlich wurden große Übungen durchgeführt, bei denen vor allem das Meldesystem und die Zeit bis zur Herstellung der Einsatzbereitschaft  überprüft werden sollten. Meist war aber schon im Vorfeld durchgesickert, wann  der Alarm ausgelöst wird. Man stand deshalb meist schon bereit, wenn der Anruf oder Bote kam. Die Benachrichtigung war auch deshalb besonders schwierig, weil nur wenige ein Telefon hatten. Hinzu kam, dass auch viele kein Auto besaßen und der Benachrichtigungsplan  war deshalb recht kompliziert. Kurios war, dass bei einer DDR weiten Übung in Mühlhausen der Stab des Veterinärwesens schon im Unterkunftsraum anwesend war, als der Alarm ausgelöst wurde. Die Kollegen waren schon am Abend vor Alarmbeginn in die Stabsräume eingezogen und spielten dort Skat, als der alarmauslösende Offizier erschien. Wegen dieses Vorkommnisses erhielt ich eine große Kritik, denn man behauptete, dass ich den Zeitpunkt des Alarms verraten hätte. Das stimmte aber nicht, denn über die Flüsterpropaganda wussten fast alle Bescheid.

 

Als Cheftierarzt und später Tierärztlicher Direktor im Fleischkombinat waren mir Einsatzkräfte, das waren Tierärzte, Veterinäringenieure und Fleischbeschauer unterstellt, die im wesentlichen eingesetzt wurden für:

 

-          Messungen der Radioaktivität sowie der Kontamination mit chemischen und bakteriellen Kampfstoffen,

 

-          Schlachttier- und Fleischuntersuchung beim Einsatz der Behelfsschlachtanlagen,

 

-          Sicherung lebensmittelhygienischer Untersuchungen in Gefahrensituationen,

 

-          Beurteilung von Fleisch- und Wurstwaren zur Sicherung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit nach Feindeinwirkungen,

 

-          Mitwirkung bei der Bergung und Behandlung von Unfallopfern

 

-          Mithilfe bei der Beseitigung radioaktiver, chemischer oder bakterieller Gefährdungen.

 

Mehrfach wurden Übungen mit Behelfsschlachtanlagen durchgeführt. In großen Lagerhallen in abgelegenen Dörfern  wurden die mobilen Schlachtanlagen aufgebaut und unter sehr primitiven Bedingungen oft mehr als 100 Schweine geschlachtet. Die Sicherung der hygienischen Voraussetzungen sowie der Schlachttier-  und Fleischuntersuchung  waren dabei sehr problematisch. Am Ende solcher Übungen wurden meist auch Erzeugnisse z.B. Hackepeter hergestellt und es gab durch die vielen anwesenden Partei- und Staatsfunktionäre große Ess- und Trinkgelage.

 

Großen Spaß gab es immer bei Übungen an Kampfbahnen mit verschiedenen Kontrollpunkten. Das erfolgte meist in den Schlachthallen. Die Kolleginnen und Kollegen mussten mit Kampfanzügen und Gasmasken bestimmte Handlungen in vorgegebenen Zeiten absolvieren. Manche Ungeschicklichkeit und die daraus resultierenden Belustigungen waren nicht im Sinne der kontrollierenden ZV – Funktionäre.

 

Im übrigen erinnere ich mich noch an eine lustige Geschichte anlässlich einer großen ZV – Übung im SVB Erfurt mit Feuerwehr, technischen Bergungstrupps, medizinischen Kräften u.a. Der Messtrupp unseres THD hatte nach vorgegebener Lage zu erkunden, ob im großen Gefrierlagerhaus  Lebensmittel mit chemischen oder biologischen Kampfstoffen bzw. nuklearen Strahlen kontaminiert wurden. Mit Schutzanzügen und Gasmaske sahen die Truppmitglieder schon recht gespenstisch aus und es wurde darüber heimlich gewitzelt. Die 5 Erkundungskräfte begaben sich unter der Leitung eines Tierarztes als Truppführer ins Lagerhaus. Die Türen wurden geschlossen und draußen warteten die Schiedsrichter auf die Rückkehr der Personen und die Übermittlung der Messergebnisse. Lange Zeit, mindestens 30 Minuten, tat sich nichts und man fürchtete schon, dass die Einsatzkräfte sich Erfrierungen zuziehen könnten. Man entschloss sich die Türen zu öffnen und nach zu sehen. Es war vergessen worden, dem Trupp eine Benachrichtigungsmöglichkeit  über die Beendigung ihrer Aufgabe mitzugeben bzw. darüber zu informieren wie sie sich melden konnten. Ohne dieses Wissen waren von innen die Gefrierhaustüren nicht zu öffnen. Sie hatten deshalb diszipliniert auf die entsprechenden Befehle gewartet. Erfreulicher Weise boten die Kampfanzüge genügend Schutz gegen die Kälte. Für diesen Lapsus im Einsatzbefehl trug ich keine Verantwortung, denn sonst hätte man wohl wieder einen Grund gehabt die tierärztliche Arbeit zu kritisieren.

 

Insgesamt hatte ich keine Schwierigkeiten Kollegen für die Mitarbeit in der ZV zu gewinnen. Wahrscheinlich wollten sich auch andere, genau wie ich, vor der Mitgliedschaft in der Kampfgruppe drücken, ohne darüber zu reden.

 

 

 

Sehr gern habe ich als Mitglied im Präsidium der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Veterinärmedizin in der DDR ( WGV ) von 1962 bis 1967 mitgearbeitet. Anschließend war ich bis Anfang der siebziger Jahre in verschiedenen Arbeitsgruppen dieser Gesellschaft tätig. Ich konnte hierbei die Erfahrungen, die wir im Bezirk Erfurt bei der Neustrukturierung des Veterinärwesens sammelten, einbringen. Außerdem beschäftigte ich mich mit Fragen des Stallbaues und der Hygiene. Im weiteren gehörten Maßnahmen zur Bekämpfung der Rinderbrucellose zu meinem Interessenfeld. Hierbei gab es besonders schwierige Probleme, weil auf ausdrücklichem „Parteibefehl“ wegen dieser Seuche im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen keine positiv getesteten Rinder geschlachtet werden durften. Der geplante Kuhbestand musste gehalten werden und selbst geringe Milchleistung oder das „Verkalben“ ( Totgeburten wegen Brucellose in den ersten Trächtigkeitsmonaten) waren keine anerkannten Gründe zur Schlachtung. Trotzdem wurde verlangt, dass in Betrieben und Kreisen mit geringer Brucelloseverseuchung die Endsanierung vorangetrieben bzw. abgeschlossen wird. Wir glaubten deshalb richtig zu handeln, den Kreis Sondershausen, in dem es die meisten Betriebe mit Brucellosereagenten gab, als sogenannten „Auffangkreis“ zu bestimmen. Dorthin sollten die Tiere aus den Sanierungsgebieten umgestellt werden. Diese Methode und Auffassung war auch mit den Fachleuten im Bezirk abgestimmt. Selbstverständlich wussten wir, dass sich diese Umstellungen negativ auf den Gesundheitsstatus und die Milchleistung der Tiere auswirkte. Wir fanden aber hierfür keine Alternative. Der erste Kreissekretär der SED von Sondershausen beschwerte sich  beim Sekretär für Landwirtschaft der Bezirksleitung der Partei darüber, dass sein Kreis als letzter saniert werden sollte. Er wollte auch auf diesem Gebiet mit Erfolgsmeldungen aufwarten und nicht das Schlusslicht sein.

 

Ich wurde zum Bezirkssekretär bestellt und sollte dort kusch machen. In meinem jugendlichen Elan widersprach ich heftig der Parteimeinung und fragte: „Was sollen wir tun, wenn es einerseits das Schlachtverbot für Brucellosereagenten gibt und im übrigen die schwach verseuchten Gebiete saniert werden sollen? Da gibt es doch nur die Alternative der Umstellung von Reagenten in Auffangbetriebe.“ Er antwortete: „Das geht so nicht! Lasst euch etwas anderes vernünftiges einfallen.“ Ich protestierte sehr heftig und bezeichnete diese Antwort als Unsinn. Nach diesem Widerpart einem hohen Parteifunktionär gegenüber war ich bei der Parteiführung im Bezirk ein „Gezeichneter“. Man hielt mir wiederum mein Weststudium vor und verlangte bedingungslose Erfüllung der Parteibeschlüsse. Ich wusste alle Fachleute des Bezirkes besonders den Bezirkszootechniker Dr. K. auf meiner Seite, aber keiner konnte oder getraute sich mir zu helfen. Im Fazit wurde durch diese sture Parteihaltung die Brucellosesanierung auf alle Fälle hinausgezögert.

 

Ich nahm alle diese Probleme sehr ernst und hatte in dieser Zeit starke gesundheitliche Beschwerden. Mir wurde deshalb von den mich behandelnden Ärzten eine Kur verordnet. Eine Kneipp – Kur in einer sehr schönen Einrichtung in Antonshöhe im Erzgebirge sollte meine Gesundheit wieder festigen. Mein damaliges Übergewicht als Folge von dienstlich bedingten unregelmäßigen Mahlzeiten und geringer körperlicher Bewegung beeinflusste außerdem mein gesundheitliches Befinden sehr negativ. Mir wurde deshalb neben den wohltuenden Wasserbehandlungen eine zehntägige Fastenkur verordnet. Auskommen musste ich ohne feste Nahrung mit nur einem Liter Gemüsewasser. Täglich 1 Klistier und 10 kM wandern ergänzten die Prozedur. Ich hielt mich diszipliniert an die Verordnungen verkraftete alles recht gut und nahm in dieser Zeit 10 kg ab.

 

Während der Kur reifte in mir der Entschluss die Funktion als Haupttierarzt beim Bezirkslandwirtschaftsrat aufzugeben. Nach meiner Rückkehr trug ich dem Vorsitzenden des Rates meine Bitte vor, mich von dieser Leitungsfunktion zu entbinden. Bei der Bezirksleitung der SED, die bei all diesen Personalentscheidungen damals hieß es Kaderentscheidungen zustimmen musste, fand mein Anliegen sofort Billigung. Dort war nicht vergessen, dass ich einen hohen Parteifunktionär heftig widersprochen hatte und das konnte man mir nicht verzeihen.

 

Ich bewarb mich im Kreis Lobenstein um die dort frei gewordene Stelle des Kreistierarztes. Durch einen Häusermakler wurde mir der Kauf eines kleinen Einfamilienhauses in Lobenstein angeboten. Dem Verkäufer gefiel unsere Wohnung in Erfurt und durch Tausch wäre das schwierigste, das Wohnungsproblem, zu lösen gewesen. Acht Tage vor Ablauf meiner einvierteljährigen Kündigungsfrist wurde ich an einem Samstag Vormittag zur Kader- und Parteileitung des Rates des Bezirkes bestellt. Man offenbarte mir, dass ich nach Parteibeschluss ( Meinung des ersten Sekretärs der SED Bezirksleitung ) im Bezirk Erfurt bleiben müsste. Es war vorgesehen, dass ich in der Bezirkstierklinik in Bad Langensalza eine Abteilung für veterinärmedizinische Bauhygiene aufbauen sollte. In einer sehr kritischen und harten Aussprache wehrte ich mich zunächst diese Entscheidung zu akzeptieren. Ich hatte vom Bezirk Gera die Einstellungszusage, fast alle persönlichen Angelegenheiten des Ortswechsels eingeleitet und mich auf die neue Tätigkeit eingestellt. Die Ursachen und wirklichen Gründe, warum ich in Lobenstein, dem Grenzkreis zur BRD kein Kreistierarzt werden sollte sind mir nie bekannt geworden. Man sagte mir, dass mit den parteilichen und staatlichen Institutionen in Lobensein und Gera alles geregelt würde. Außerdem versprach man mir eine Reihe Vorteile, wenn ich mich für die weitere berufliche Tätigkeit im Bezirk Erfurt entscheide. So sollten u.a. mein Einzelvertrag mit gleich hoher Vergütung wie bisher, die Altersversorgung und die Nutzung eines Dienst – PKW gesichert bleiben. Ich willigte schließlich ein, da man mich auch wiederum daran erinnerte, dass ich als Westrückkehrer die Parteibeschlüsse vorbehaltlos zu erfüllen hätte. Mit heutigen Erkenntnissen frage ich: „ Hielt man im Grenzkreis Lobenstein meinen Einsatz für politisch bedenklich? War ich nach über 10 Jahren noch immer nicht zuverlässig genug?“  Wie mich die Bezirksleitung der SED damals wirklich einschätzte habe ich erst 1990 erfahren, als ich meine Kaderakte ( heute Personalakte ) einsehen konnte. Die Beurteilung zu meiner Kündigung als Haupttierarzt enthielt folgende Feststellung: „ Er setzt nicht im genügenden Maße die Beschlüsse von Partei und Regierung durch. Dr. W. übt zu viel Rücksichtnahme gegenüber seinen Mitarbeitern.“ Hätte ich damals gewusst, wie man mich einschätzt und beurteilt, wäre meine künftige Parteidisziplin wahrscheinlich stark ins Wanken geraten.

 

Den Wechsel zu einer Tätigkeit in einem Institut auf dem Gebiet  der veterinärmedizinischen Bauhygiene habe ich aber nie bereut. Ich hatte in dieser Zeit viele Gelegenheiten mich beruflich weiter zu bilden und wissenschaftlich zu arbeiten.

 

In einem Fernstudium qualifizierte ich mich zum Bauingenieur mit der Fachrichtung Heizung, Lüftung und Klimatechnik. Ich wirkte in Arbeitsgruppen der Bauakademie der DDR in Berlin und bei der Ausbildung von Fachtierärzten mit. Durch Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Vorträge bei wissenschaftlichen Tagungen hatte ich Gelegenheit die Ergebnisse meiner Institutsarbeiten darzustellen. Die folgenden ausgewählten Themen meiner Veröffentlichungen und Vorträge sollen zeigen, mit welchen Fragen und Problemen sich die Abteilung für veterinärmedizinische Bauhygiene bei der Bezirkstierklinik in Bad Langensalza, die ich von 1966 bis 1972 leitete, beschäftigte:

 

-          „Die Abteilung für veterinärmedizinische Bauhygiene der Bezirkstierklinik Bad Langensalza – eine neue Einrichtung des Veterinärwesens im Bezirk Erfurt“ Monatshefte für Veterinärmedizin Heft 6, 1968. Hierin werden  die Aufgaben dieser Einrichtung dargestellt, das waren im wesentlichen:

 

 

 

·         Projekte und Studien zum Stallklima;

 

·         Haltungsbedingungen der einzelnen Nutztierarten;

 

·         Abwasserprobleme im Rahmen der Tierhaltungen;

 

·         Baumaßnahmen zur Gewährleistung des Tierseuchenschutzes;

 

·         Reinigung und Desinfektion;

 

·         Baustoffprüfungen;

 

·         Tierphysiologische Parameter und Betriebsorganisation in Großanlagen der Tierproduktion.

 

-          „Haltungshygienische Aspekte unter besonderer Berücksichtigung des            Stallklimas in Großanlagen der Schweineproduktion“ Tierzucht Heft 12, 1970.

 

-          „Fußbodenheizung in Schweineställen“ Monatsh. für Veterinärmedizin Heft 11,1972

 

-          „Die zweckmäßigste Ausbildung des Standplatzes in Milchviehanbindeställen“ Wissenschaftliche Zeitschrift der K-M Universität Leipzig 1968

 

-          „Der Einsatz von Graugussspaltenböden in industriemäßigen Rinderproduktionsanlagen“  Monatsh. für Veterinärmedizin Heft 3, 1974

 

-          „Neue Graugussspaltenböden für Schweine“ Monatsh.f.Vet.med. Heft 11,1974

 

-          „Eine neue Methode für die Beheizung von Ferkelnestern“  Monatsh.f.Vet.med. Heft17/18, 1969

 

-          „Erfahrungen bei der Beseitigung und Verwertung von Schweinegülle“ Bericht an den Rat des Bezirkes Erfurt, 1972 – durfte nicht veröffentlicht werden

 

-          „Die Einführung der Zweietagen – Käfighaltung für Mastschweine in der LPG Aschara, Kreis Bad  Langensalza“ Bericht an den Rat des Bezirkes Erfurt, 1970 –durfte nicht veröffentlicht werden. Unsere Unterstützung bei dieser Pilotanlage bestand vor allem darin für diese Zwangshaltung erträgliche Stallklima- und Haltungsbedingungen zu schaffen. Es gelang uns ein Lüftungsprojekt zu entwickeln und zu erproben, das durch eine unmittelbare Zwangsbe- und Entlüftung im Tierbereich diese Bedingungen einigermaßen erfüllte.

 

-          „Welche Haltungsbedingungen sind für trächtige Kühe und Färsen optimal“ Bericht an die Fachkommission der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Vet.Med. der DDR,1969

 

-          Ausgewählte Vorträge im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft f. Vet.Med. der DDR und der Ausbildung von Fachtierärzten, 1967  bis 1972 über:

 

·         Veterinärmedizinische Aspekte bei der Errichtung von Großanlagen der Rinderproduktion,

 

·         Tierphysiologische Parameter für die Stallklimagestaltung,

 

·         Optimale Gestaltung des Stallklimas in Nutztierställen,

 

·         Einstreulose Ferkelaufzucht auf liegewarmen Fußböden mit tiergerechter Oberfläche,

 

·         Stallklimatische Probleme aus der Sicht des Tierarztes,

 

·         Inhalt und Aufgaben der Veterinärmedizinischen Bauhygiene.

 

 

 

 

 

In meiner Bauingenieurarbeit behandelte ich das Thema: „ Studie einer Klimaanlage für die Versuchstierhaltung unter Berücksichtigung der Aufzucht und Haltung unter SPF – Bedingungen (Spezifisch, Pathogen, Frei)“.

 

Ein in unserer Abteilung für veterinärmedizinische Bauhygiene entwickeltes elektrisch beheiztes Ferkelnest wurde zu Patent angemeldet. Es hatte unter dem Estrich des Fußbodens eine so gestaltete Metallplatte mit Heizstäben, die sicherte, dass über die Ferkelnestfläche die Wärme gleichmäßig verteilt war.

 

 

 

Unsere Abteilung arbeitete sehr eng mit den Bereich Landwirtschaftsbau beim Rat des Bezirkes Erfurt zusammen. Für diese staatliche Leitung erstellten wir für alle Stallneu- und Umbauten Gutachten zur Berücksichtigung veterinärmedizinischer sowie bauhygienischer Gesichtspunkte. Für jede Projektgenehmigung im Landwirtschaftsbau war in allen Fällen unsere Bestätigung erforderlich. Die Projektierungsbüros nahmen unsere Hilfe und Mitwirkung meist schon in der Entwicklungsphase in Anspruch. Auch Kreistierärzten und Landwirtschaftsbetrieben gaben wir Unterstützung bei der Planung und der Errichtung von Stallbauten. Einige Stallklimaprojekte, die in einer Reihe von Ställen realisiert wurden gehörten ebenfalls zum Leistungsprofil der Abteilung. Außerdem wurde unsere Hilfe auch von Einrichtungen anderer Bezirke angefordert und in Anspruch genommen.

 

Außer den Leistungen für die staatlichen Leitungen erhielt unser Institut unsere Tätigkeiten  vergütet. Wir freuten uns ,dass wir  kostendeckend  arbeiteten und bei Bezahlung der für die staatlichen Leitungen durchgeführten Verrichtungen sogar Gewinn gemacht hätten. Das war ein Positivum für die Finanzplanung des Institutes, nach der Jahr für Jahr höhere Einnahmen verlangt wurden.

 

Die von mir geleitete Abteilung für veterinärmedizinische Bauhygiene war in der DDR Leitinstitut für alle gleichgelagerten Einrichtungen. In diesem Rahmen arbeiteten wir sehr eng mit dem Institut für Veterinärhygiene der Humboldt Universität  Berlin und dem Institut für angewandte Tierhygiene Eberswalde zusammen. Gemeinsam mit diesen Institutionen organisierten und gestalteten wir mehrere fachspezifische Tagungen.

 

Ab 1968 wurden die bisher selbständigen Einrichtungen VUTGA (Veterinäruntersuchung- und Tiergesundheitsamt) und Bezirkstierklinik zu Bezirksinstituten für Veterinärmedizin vereinigt. Auch in Bad Langensalza vollzog sich dieser Prozess und ich wurde  im neuen Institut zum stellvertretenden Direktor sowie Leiter des Bereiches Tiergesundheitsdienste und der Abteilung Bauhygiene berufen.  Der ernannte Direktor musste  vor seiner Funktionsübernahme eine Parteischule besuchen.  Ich amtierte deshalb ein viertel  Jahr lang und konnte zu Beginn die Aufgaben sowie das organisatorische Profil des neuen Institutes gestalten. Die bisherigen Leiter von VUTGA und Bezirkstierklinik brachten dabei ihre reichen Erfahrungen mit ein. Nach der Rückkehr des Direktors gab es fortwährend Auseinandersetzungen im Leitungskollektiv über die Arbeitsweise, Organisation und wissenschaftlichen Arbeiten. Der sehr profilierte ehemalige Leiter des VUTGA, der als Bereichsleiter für die Labors fungierte verließ deshalb nach kurzer Zeit das Institut. Auch ich fand keine ersprießliche Zusammenarbeit mit dem Direktor und schied 1972 aus.

 

Meine Mitarbeiter in der Abteilung für veterinärmedizinische Bauhygiene waren sehr gute Fachleute mit teilweise reichen Berufserfahrungen. Es waren  Fachkräfte mit den Qualifikationen als Diplomlandwirt, Diplomingenieur für Heizung und Lüftung, Architekt, Bauingenieur und Tierarzt. Sie bildeten das wesentliche Fundament für die bereits dargestellte erfolgreiche Arbeit dieser neu geschaffenen Einrichtung. Nach diesen Gesichtspunkten bedauerte ich meinen Weggang vom Institut, der aber auf Grund der genannten Ursachen unvermeidlich war.

 

Der Diplomlandwirt unserer Abteilung Dr. A. wechselte einvernehmlich schon 1969 zur Ingenieurschule für Veterinärmedizin nach Beichlingen. Er unterrichtete dort das Fach „Hygiene in der Tierproduktion“. Dieser Kollege promovierte 1968 noch im Alter von 58 Jahren zum Dr. agr. Sein Nachfolger in der Bauhygiene kam von der Universität Jena, wo er in der Sektion Tierzucht  als Oberassistent gearbeitet hatte. Er brachte für unsere Tätigkeit besonders bei Forschungsaufträgen über Haltungsbedingungen der Nutztiere sein reiches Fachwissen mit ein. Diese Forschungsaufgaben bearbeiteten wir auf Vertragsbasis für das Institut für angewandte Tierhygiene Eberswalde und die Bauakademie der DDR. In diesem Rahmen oblag uns außerdem eine umfangreiche Gutachtertätigkeit beim Bau und der Inbetriebnahme einer Schweinezucht- und Mastanlage S110 in Eberswalde. Das war ein Novum und eine Pilotanlage für die DDR mit einer Kapazität von über 350000 Schweinen (Sauen, Ferkel, Läufer und Mastschweine). Die Bauausführung erfolgte zu einem großen Teil durch Firmen aus Jugoslawien. In der Anlage kamen die von uns entwickelten elektrisch beheizten Ferkelnester und desgleichen zum Teil die Graugussspaltenböden zum Einsatz. In dieser Zeit galt für die Parteioberen in der DDR für die Tierproduktionsanlagen der Slogan: „Groß, größer am größten.“ In Jugoslawien gab es schon solche „Mammutschweineanlagen“, weil das Land aber zum  NSW (Nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet) gehörte durften wir selbst als Gutachter nicht dorthin fahren um die  Erfahrungen zu erkunden. Neue fortschrittliche Erkenntnisse sollten und mussten wir vorrangig von der Sowjetunion einholen. Deshalb erhielten auch Dr. A. von der Ingenieurschule in Beichlingen und ich vom Rat des Bezirkes  Ende 1969 die Erlaubnis zu einer Studienreise nach Tallinn, Estnische SSR. Am dortigen Technischen Institut hatte sich Prof. Jürgensen, mit dem Dr. Anton im Briefwechsel stand, sehr intensiv mit der Monoschachtlüftung für Tierställe beschäftigt. Uns schien diese energiesparende Methode vielversprechend und wir folgten deshalb sehr gern einer Einladung nach Tallinn.

 

Unsere Reise begann am 2. Weihnachtsfeiertag 1969 und ich darf von vornherein feststellen, dass unsere Erlebnisse sehr typisch für die damaligen Verhältnisse in der Sowjetunion waren. Wir sahen und erlebten mehr, als die sonst nur in Gruppen auf vorgeschriebenen Ausflügen reisende Touristen. Wir hatten Einzelvisa und mussten alles selbst organisieren.

 

Wegen eines Schneesturmes  kamen wir mit großer Verspätung in Tallinn an und wurden von Professor Jürgensen sehr herzlich begrüßt. Gleich nach der Abfertigung ging er mit uns außer Hörweite der übrigen Passagiere. Er sagte uns, dass wir in unseren Gesprächen sehr vorsichtig sein sollten und  sogar die Installation von „Wanzen“ in unserem Hotelzimmer möglich wäre. Das war für uns ein Schock. Wir beherzigten aber die gut gemeinten Ratschläge des Professors. Offen und ehrlich sprachen wir nur noch, wenn wir sicher waren, dass uns niemand zuhören konnte. Wir erfuhren eine Reihe Taktiken des Sammelns von Informationen von Ausländern, wobei auch die Bürger der befreundeten DDR keine Ausnahme bildeten.

 

Wir lernten während unseres Studienaufenthaltes mehrere Varianten einfacher funktionsfähiger Stalllüftungsanlagen kennen. Außerdem besuchten wir einige Kolchosen, wo neue Haltungssysteme für Rinder und Kälber erprobt wurden. Fast alle tendierten in Richtung „zurück zur Natur“ mit viel Stroheinstreu, Lauf- und Offenstallhaltung, ohne Milchaustauscher für Kälber und ähnliches. Diese Tierhaltungsformen waren in der damaligen Zeit in der DDR nicht gefragt, auch wenn sie aus der Sowjetunion kamen. Deshalb wurde in dieser Hinsicht unser Reisebericht zu den Akten gelegt.

 

Nach unserer Rückkehr hat Dr. A. in einigen Rinderställen des Bezirkes Erfurt Monoschachtlüftungen nach den Berechnungen, die wir in Tallinn kennen gelernt hatten, installieren lassen. Das System funktionierte ganz ausgezeichnet setzte sich aber in der DDR auch nicht durch, weil sich die Hersteller von Zwangslüftungsanlagen mit Erfolg dagegen wehrten.

 

Am Rande unseres Besuches in Estland bemerkten wir die relativ schlechte Versorgungslage der Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs und Industriegütern, vor allem Fernsehern, Waschmaschinen und ähnlichem. Bei Menschen mit denen wir privat, außerhalb des Protokolls und Hörweite von Spähern, zusammentrafen, bemerkten wir eine Unzufriedenheit mit den sowjetischen Verhältnissen. Man wünschte sich die Unabhängigkeit Estlands von der UdSSR und meinte dann auch bessere wirtschaftliche Erfolge im Lande erzielen zu können. Uns wurde glaubhaft dargestellt und an Beispielen gezeigt, dass es in diesem Sozialismus sehr große Unterschiede zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten gab. Partei- und Staatsfunktionäre sowie besonders geförderte Künstler und Wissenschaftler erhielten z.B. eine bessere ärztliche Betreuung und konnten bevorzugt Mangelwaren kaufen. Diese Erlebnisse fanden im offiziellen Reisebericht verständlicher Weise kein Erwähnung. Es war uns z.B. bekannt geworden, dass der Dirktor des Ingenieurbüros für die beschriebene Schweinezucht- und Mastanlage Eberswalde  wegen eines ehrlichen Berichtes über eine Dienstreise in der Sowjetunion seine Funktion verlor. Ich drückte mich damals davor über meine Reise in DSF – Versammlungen ( Gesellschaft für Deutsch- Sowjetische Freundschaft) zu berichten. Meine Eindrücke waren zu niederschmetternd, so dass ich bei einer objektiven Berichterstattung, die bei freier Rede nicht zu unterdrücken war, in Konflikte gekommen wäre. Nur mit meiner Frau und guten Bekannten habe ich mich über diese Probleme, die man selbst vor den Kindern nicht wagte offen anzusprechen, ehrlich unterhalten. Retrospektiv stelle ich fest, dass sich die Verhältnisse, die ich damals in der SU angetroffen hatte, in der DDR in den siebziger und achtziger Jahren ebenfalls stark ausprägten.

 

 

 

Nach meinem Weggang vom Institut für Veterinärwesen in Bad Langensalza nahm ich wieder eine Tätigkeit beim Rat des Bezirkes Erfurt auf. Ich wurde beauftragt veterinärhygienische Belange in Großanlagen der Tierproduktion zu untersuchen und durchzusetzen. Ab 1973 war geplant auch im Bezirk Erfurt eine Schweinezucht- und Mastanlage ähnlich der Pilotanlage in Eberswalde zu errichten. Auf Grund meiner fachlichen Qualifikation Tierarzt und Bauingenieur sowie meiner bisherigen Tätigkeit in der veterinärmedizinischen Bauhygiene wurde ich mit der Vorbereitung dieses Vorhabens beauftragt. Im Bezirk Gera bei Neustadt/Orla war eine solch große Anlage ebenfalls im Bau.

 

Zunächst musste ein geeigneter Standort für diese Investition im Bezirk Erfurt gefunden werden. Gemeinsam mit Dr. K., der ehemalige Bezirkszootechniker, und jetzt Mitarbeiter beim Bezirksarchitekten prüfte ich mindestens 10 Gegenden, ob sie sich für die Ansiedlung dieser großen Anzahl Schweine eignen. Es waren Abstände zu Wohnsiedlungen, Möglichkeiten der Verkehrsanbindung, Bodenbeschaffenheit und Baugrund, vorhandene qualifizierte Arbeitskräfte oder deren mögliche Ansiedlung, Klimabedingungen und vieles andere mehr zu untersuchen. Beratungen mit Kreis- und Gemeindeverwaltungen sowie den Schlachthöfen des Territoriums  mussten geführt werden, um deren zu erwartende oder ablehnende Unterstützung zu erfahren. Das wichtigste war überall, was geschieht mit den großen Mengen anfallender Gülle? Gemeinsam mit den Bezirksgeologen hatten wir Vorschläge untersucht, nach denen es in verschiedenen Gegenden möglich war dieses Produkt in 2000 m Tiefe zu versenken. Es hätten Schächte gebohrt werden müssen, die bis in 200m Tiefe verrohrt werden, damit keine Beeinträchtigung des Grundwassers erfolgt. Der Falldruck hätte ausgereicht die breiige Masse in  der Tiefe von 2000 Metern in das poröse Gestein zu verpressen und erst einmal zu beseitigen. Die chemischen und physikalischen Veränderungen der Gülle und die Auswirkungen  in der Tiefe sowie ggf. die spätere Wiederverwendung bedurften noch gründlicher Untersuchungen. Als unsere Überlegungen im Landwirtschaftsministerium der DDR bekannt wurden, hagelte es von dort geharnischte Kritik. Es wurde befohlen, unsere Untersuchungen auf diesem Gebiet sofort ein zu stellen. Es wurde gesagt, dass es keinesfalls anginge die Gülle, als wertvolle Stickstoffquelle, auf diese Art einer Nutzung zu entziehen. Eine Meinung, die wir nicht nachvollziehen konnten. In Eberswalde und Neustadt Bezirk Gera scheiterte der reibungslose Ablauf der Schweinegroßanlagen besonders am Gülleproblem. Die Bevölkerung und Umweltschützer, die sich schon in der DDR unter dem Dach der Kirche formierten, haben mit Recht gegen diese gigantischen Tierproduktionsanlagen protestiert.

 

Einen Standort, der den größten Teil der geforderten Bedingungen erfüllte, fanden wir Anfang 1974 in der Nähe von Kölleda. Für die  Büroräume der Aufbauleitung kauften wir in dieser Kleinstadt ein älteres Haus. Außerdem konnte ich 4 Mitarbeiter einstellen. Während unserer Vorbereitungstätigkeit war das Schwierigste, dass der Rat des Bezirkes und die Bezirksleitung der SED laufend Berichte und Vorlagen verlangten, die selten im ersten Anlauf akzeptiert wurden. Es mussten immer wieder neue Konzeptionen für die Realisierung des mit 340 Mio. Mark veranschlagte Bauvorhaben vorgelegt werden. Die Fachleute schätzten das Vorhaben in der Tierseuchenhygiene, im Tierschutz, in der Ökonomie und vielen anderem mit reichlich ungelösten Problemen behaftet ein. Die Großanlage stellte ein gewagtes Experiment dar. Aus dieser unserer Meinung machten wir in unseren Konzeptionen kein Hehl und nannten ungeschminkt alle Schwierigkeiten. Erschwerend war, dass ich an entscheidenden Beratungen beim Rat des Bezirkes oder der Bezirksleitung persönlich nie teilnehmen durfte. Alles musste erst Mitgliedern dieser Gremien vermittelt werden und es blieb ungeklärt, ob diese dann alles sachgerecht vertreten konnten. Auf alle Fälle stellten wir fest, dass oft unbequeme Dinge oder bestimmte Kritiken einfach unterschlagen wurden. In einer mündlichen Anhörung der unmittelbar mit der Vorbereitung befassten Mitarbeiter wäre bestimmt manches schneller und besser zu klären gewesen. Unsere politische Stellung reichte aber nicht aus um in dieser höheren Leitungsebene anwesend sein zu dürfen. Als einen gewissen Erfolg unserer Warnungen verbuchten wir, dass im Sommer 1974 beschlossen wurde die Anlage nicht zu bauen. Ich erfuhr davon während meines Sommerurlaubes mit Familie am Plattensee in Ungarn. Ein später als ich am gleichen Urlaubsort angereister Kollege vom Leitungskollektiv des Fleischkombinates sagte mir, dass ich wahrscheinlich nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub arbeitslos sein würde, weil er den oben genannten Beschluss schon kannte. Diese Mitteilung bestätigte sich und ich erhielt nach Rückkehr vom Urlaub noch 4 Wochen Zeit zur Abwicklung der bereits getroffenen Vorbereitungen für dieses Großvorhaben. Der Stellvertretende Vorsitzende für Landwirtschaft beim Rat des Bezirkes bestellte mich außerdem zu einer Aussprache und ich konnte einen Wunsch für meine weitere tierärztliche Tätigkeit im Bezirk Erfurt äußern. Ihm war es recht peinlich mir das Aus für die Tätigkeit als Aufbauleiter mitteilen zu müssen.  Hatte ich doch 2 Monate vorher bei ihm vorgesprochen mit der Frage ob die Errichtung der Großanlage und meine diesbezügliche Arbeit gesichert sei. Wir hatten in Z., den Heimatort meiner Frau, ein Einfamilienhaus geerbt und berieten darüber eventuell dorthin, d.h. in die Nähe der Eltern, um zu siedeln. Im Nachbarkreis G. war die Kreistierarztstelle neu zu besetzen, so dass auch beruflich alles zu klären gewesen wäre. Der genannte Vorsitzende sagte mir aber, dass meine Vermutungen über die eventuelle Streichung des Bauvorhabens unbegründet seien und ich für die weitere Aufbauleitung unbedingt gebraucht würde. Ich ließ mich überreden und blieb. Er musste mir nun eingestehen, dass seine damalige Meinung falsch war. Wir bereuten nicht in Erfurt geblieben zu sein und ich bewarb mich um die frei gewordene Stelle des Cheftierarztes beim SVB (Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb) Erfurt. Im September 1974 begann ich dann meine neue Tätigkeit in der tierärztlichen Lebensmittelhygiene. Zu meiner Arbeitsaufnahme empfing mich der Direktor des Betriebes, brachte mich zu meinem Büro und sagte der Sekretärin : „Hier bringe ich ihnen ihren neuen Chef, der ab sofort hier seine Tätigkeit aufnimmt.“ Damit war von dieser Seite meine gesamte Einführung erledigt.

 

Ich arbeitete mich sehr schnell in das neue Aufgabengebiet ein. Es beinhaltete neben der Schlachttier- und Fleischuntersuchung die gesamte TKO – Arbeit, (Technische- Kontroll-Organisation ) d.h. die Qualitätskontrolle der Schlachtung sowie der Fleisch- und Wursterzeugnisse.

 

Das Rüstzeug für eine fachlich fundierte Arbeit als Cheftierarzt erhielt ich zu Beginn durch Konsultationen und Hospitationen bei erfahrenen Amtskollegen in den SVB Nordhausen bei Dr. K. und Weimar bei Dr. F. In je 8 Tagen Aufenthalt in diesen Betrieben erfuhr ich von den Cheftierärzten vorbehaltlos alles, worauf es bei der Leitung eines Tierärztlichen Hygienedienstes und der TKO ankommt.

 

 

 

Der SVB Erfurt war Ende der sechziger Jahre mit den DDR Staatstitel „Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit“ ausgezeichnet worden. Der Titel musste jährlich durch den Nachweis bestimmter Kriterien in der Qualität der Erzeugnisse und in hygienischen Belangen verteidigt werden. Kurz vor meinem Dienstantritt  war die fällige, planmäßige Überprüfung durch das ASMW (Amt für Standardisierung- Mess- und Warenprüfung) Außenstelle Leipzig erfolgt. Im Ergebnis wurde festgestellt, dass ein Teil der produzierten Fleisch- und Wurstwaren  nicht den für die Auszeichnung notwendigen Qualitätsanforderungen entsprach. Außerdem gab es Mängel in der TKO – Eigenkontrolle des Betriebes. Im übrigen wurde im Protokoll der Überprüfung der schlechte bauliche Zustand der Abteilung Fleischzerlegung gerügt. Es drohte die Aberkennung des Titels. Als eine der ersten Arbeitsaufgaben erhielt ich deshalb den Auftrag die festgestellten Mängel zu beseitigen und die Titelaberkennung zu verhindern. Für einen Anfänger auf diesem Fachgebiet war das eine sehr schwere Bürde.

 

Mit dem Produktionsleiter des SVB Erfurt fuhr ich nach Leipzig zur Außenstelle des ASMW, um dort geeignete Maßnahmen zur Mängelbeseitigung zu erörtern. Der Außenstellenleiter und der für unseren Betrieb zuständig Prüfingenieur begutachteten die von uns mitgebrachten Unterlagen, die ich sehr kurzfristig erarbeitet hatte. Der Abteilungsleiter TKO unseres Betriebes und seine Mitarbeiterin hatten hierfür eine ausgezeichnete Analyse der Qualitätskontrolle zusammengestellt. Aus diesen Unterlagen konnte ich geeignete Maßnahmen zur Sicherung des Qualitätstitels ableiten. Auch zur Beseitigung der Bau- und Hygienemängel gab es einen konkreten realisierbaren Plan.

 

Es war dies eine gute Lehre für mich, dass ich gezwungen wurde sofort mich intensiv mit Qualitätsarbeit und –Kontrollen zu beschäftigen.  Damit konnte ich meine Kenntnisse auf diesem für mich relativ neuen Aufgabengebiet vertiefen.

 

Beim ASMW in Leipzig erreichten wir, dass eine erneute Betriebsüberprüfung anberaumt wurde, bei der wir die Kriterien für den Qualitätstitel, den wir auch in den Folgejahren bis 1989 erfolgreich verteidigten, erfüllen konnten.

 

 

 

Der SVB Erfurt war der größte Betrieb im Fleischkombinat Erfurt, das alle gleichgelagerten volkseigenen Betriebe des Bezirkes  wirtschaftlich leitete. Es wurden täglich ca. 1500 Schweine und mehr als 200 Rinder oder in einer separaten Schlachthalle Schafe und Kälber geschlachtet. Außerdem stand eine Notschlachtungsabteilung zur Verfügung, in der die Schlachtung von täglich bis zu 100 Schweinen und 20 Rindern bzw. Kleintieren je nach Anfall möglich war. Es wurden täglich mehr als 15 t Fleisch- und Wurstwaren produziert und im übrigen in einer Fettschmelze im gleichen Zeitraum mehrere Tonnen Rohfette von Betrieben aus ganz Thüringen angenommen und verkaufsfertig zu Schmalz in Kleinpackungen oder abgefüllt in Tankfahrzeugen für die Margarineindustrie u.a. verarbeitet. In der Geflügelschlachtstelle wurden jährlich mehr als 2500 t Land- oder Wassergeflügel geschlachtet, verkaufsfertig verpackt und teilweise tiefgefroren und gelagert. In den Außenstellen Kölleda und Stotternheim wurden in Kaninchenschlachtungen jährlich ca.750 t Kaninchenfleisch gewonnen und verpackt, frisch oder gefrostet an den Einzelhandel geliefert.

 

Der SVB Erfurt hatte für die Schlachtung die Exportzulassung für das NSW (nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet).

 

Der THD (Tierärztlicher Hygienedienst) war zuständig für die Schlachttier- und Fleischuntersuchung  sowie die Kontrollaufgaben in der Lebensmittelhygiene und bei der Erzeugnisqualität. In einem betriebseigenen Labor erfolgte die bakteriologische Fleischuntersuchung. Hierfür waren tätig:

 

-          10 Tierärzte

 

-          3 Veterinäringenieure

 

-          25 Fleisch- und Trichinenuntersucher

 

-          5 technische Kräfte (Sekretärin, Schreibkräfte usw.)

 

-          8 Mitarbeiter in der TKO (Technische Kontrollorganisation) – Qualitätskontrolle.

 

In einem speziellen Labor mit 2 Mitarbeitern wurden    Starterkulturen für Rohwürste und Schinkenerzeugnisse  hergestellt, die an Fleischverarbeitungsbetriebe in den Bezirken Erfurt,  Suhl, Leipzig, Gera und Karl-Marx-Stadt geliefert wurden.

 

In vergleichbaren Betrieben müssen heute die genannten Aufgaben mit weitaus weniger Personal bewältigt werden. Retrospektiv stelle ich aber fest, dass mit dieser genannten Anzahl Mitarbeiter ein ausreichender Kontrollumfang gewährleistet werden konnte. Manche Pannen der jüngsten Zeit in der Lebensmittelüberwachung zeigen, dass auch im Sinne eines besseren Verbraucherschutzes durchaus der von uns damals praktizierte Kontrollumfang mit den uns zur Verfügung gestandenen Kräften wieder wünschenswert und notwendig wäre.  Kontrollen bleiben an Personen gebunden und Gründlichkeit sowie Intensität darf aus Zeitmangel nicht vernachlässigt werden. Leider fanden in der DDR – und das waren unsere Schwierigkeiten – die Kontrollergebnisse nicht immer die genügende Resonanz bei Wirtschaftsleitungen und Parteiführungen. Gleiches gilt heute für die Wirtschaftsunternehmen.

 

Alle Berichte über Hygienemängel und ähnliches gingen auch an Dienststellen des MfS (Ministerium für Staatssicherheit).  Nach 1990 erfuhr ich, dass von diesen Institutionen oft starker Druck auf die Wirtschaftsleitungen zur Beseitigung der Mängel ausgeübt wurde. Es fehlten aber oft technische Voraussetzungen und Materialien um Fehler und Mängel zu beseitigen.

 

 

 

Anleitung und Unterstützung besonders in der Qualitätsarbeit erhielt ich vom Leiter der VHI (Veterinärhygieneinspektion) im Bezirk  Dr. K. und den Vorsitzenden des BGA ( Bezirksgutachterausschusses) für Fleisch- und Wursterzeugnisse Dr. P.. Schon kurze Zeit nach meinem Dienstantritt wurde ich in die entsprechenden Kreis-, Bezirks- und DDR Gutachterausschüsse berufen. Es muss betont werden, dass diese Gremien sehr objektiv unabhängige Prüfungen durchführten. Besonders der Leiter des BGA ein  in Lebensmittelfragen erfahrener Tierarzt ließ sich in keiner Weise von Partei- oder Wirtschaftsleitungen in der Gutachtertätigkeit beeinflussen.

 

 

 

 

 

Bei der Beurteilung galten sogenannte  TGL als  Bewertungsgrundlage. Für alle in der DDR produzierten Fleisch- und Wurstwaren waren in diesen Richtlinien Zusammensetzung,  Herstellungsverfahren .chemisch- analytische Zusammensetzung und Bewertungsmaßstäbe der sensorischen Beurteilung festgelegt. Heute wird dies durch die Leitsätze nach dem Deutschen Lebensmittelbuch geregelt. Auch für die Durchführung der Prüfung gab es TGL. Bei der sensorischen Warenprüfung waren in diesem Zusammenhang bei der Verkostung nach einer bestimmten Anzahl Proben neutralisierende Getränke für die Verkoster vorgeschrieben. Hierfür war u.a. Bohnenkaffee geeignet. Ende der 70 er bis Anfang der 80er Jahre war der Kaffee auf dem Weltmarkt sehr teuer und in der DDR Mangelware. Es wurde deshalb angewiesen, dass nur noch Tee für die genannten Zwecke getrunken werden durfte.

 

 

 

 

 

Eine sehr ersprießliche Zusammenarbeit mit dem Institut für Fleischwirtschaft in Magdeburg machte meine Tätigkeit nicht nur interessant, sondern gab mir auch Gelegenheit, wissenschaftlich zu arbeiten. In diesem Rahmen wurden Forschungsaufträge mit folgenden Themen bearbeitet:

 

-          Der Einsatz von Starterkulturen bei Rohwurst und Schinkenerzeugnissen..

 

-          Qualitätsuntersuchungen des Fleisches von PSE – Schweinen (Pale Soft Exekutive) – weißfleischig und wässrig-

 

-          Untersuchungen der Fleischqualität bei SPF - Schweinen.(Spezifisch Pathogen Frei)

 

-          Der Einfluss des Transports und der Ausruhzeiten vor der Schlachtung auf die Fleischqualität von Schlachtrindern.

 

-          Untersuchungen der Fleischqualität von Mastbullen, die Sclweinegüllefeststoffe und Geflügeltiefstreu als Zusatzfutter erhielten. Ein sehr umstrittenes Thema !  Im Ergebnis der Untersuchungen wurde der Einsatz dieser Futterstoffe abgelehnt. Die Parteiführung im Bezirk untersagte aber die Veröffentlichung dieser Ergebnisse.

 

-          Die Herstellung von Formfleisch. 

 

 

 

Gemeinsam mit einem Tierarzt und einem Elektriker von der Abteilung Technik des SVB Erfurt entwickelt ich ein Novum für die DDR – „Das mechanische Erfassen der Fleischbeschaubefunde“. Die Methode wurde in

 

der Fachzeitschrift „ Fleisch“ Heft 5,  1977 veröffentlicht.

 

 

 

 

 

In der DDR wurde in den Volkseigenen Betrieben (VEB) der Begriff Materialökonomie sehr stark strapaziert. Es ging in der Fleischwirtschaft u.a. um die

 

-          Gewinnung aller für die menschliche Ernährung nutzbaren Teile der Schlachttiere,

 

-          Gewinnung aller Teile der Schlachttiere, die in der Futtermittel-, chemischen-pharmazeutischen- und Lederindustrie weiterverarbeitet werden,

 

-          Senkung der Tierverluste und Verletzungen  beim Transport sowie in den Ställen der Schlachtbetriebe

 

-          Einflussnahme auf die Verbesserung der Tiergesundheit, durch exakte Erfassung  aller pathologisch – anatomischen Befunde im Rahmen der Fleischuntersuchung

 

-          Rückmeldung der Befunde an die Landwirtschaftsbetriebe und Tierärzte in den Praxen und den Kreisverwaltungen

 

-          Verhinderung von Verlusten bei der Produktion von Fleisch- und Wurstwaren

 

-          Einsparung von Energie bei allen Produktionsprozessen

 

-          Senkung von Kühl- und Lagerschwund  

 

 

 

THD und TKO , die ich als Cheftierarzt leitete mussten bei allen diesen Aufgaben die fachliche Unterstützung einbringen.  In einer Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Fleisch ( Heft 5 / 1985 ) mit dem Thema: „  THD  unterstützt hohe Materialökonomie „ habe ich Ergebnisse dieser Arbeit dargestellt.

 

Kritisch muss hierzu aus heutiger Sicht angemerkt werden, dass

 

-          die Erfassung aller Daten noch ohne Computer erfolgte und damit sehr personalaufwendig war,

 

-          die Leiter in der Produktion wegen der Vergütung, die oft an diese Kriterien gebunden war, die Ergebnisse schönten,

 

-          der Wettbewerb in Fragen der Materialökonomie sehr oft unrealistische übertriebene Ziele beinhaltete.

 

Positiv muss  angemerkt werden, dass die oben genannte Befundrückmeldung sich sehr günstig auf die Verbesserung der Gesundheit der Tierbestände auswirkte. Beispiele hierfür waren:

 

-          Die exakte Erfassung der Echinococcenbefunde ( Entwicklungsstadium des Fuchsbandwurmes ) unterstützte die Festlegung der Gebiete mit starkem Befall.

 

-          Die unschädliche Beseitigung aller Rinderlungen, die auf Grund des hohen Befalls mit Echinococcen angeordnet wurde, half die Invasionskette dieser Parasitose zu unterbrechen.

 

-          Die Information über Befunde von Ferkelgrippe und Geflügeltuberkulose an die Landwirtschaftsbetriebe veranlasste diese zu prophylaktischen Maßnahmen gegen diese Erkrankungen in den Schweinebeständen.

 

-          Die statistische Auswertung des Rinderfinnenbefalls in den einzelnen Gemeinden half notwendig Abwassermaßnahmen in die Planung aufzunehmen und teilweise zu realisieren.    

 

 

 

Während in der DDR  Transportverluste bei Schlachttieren vorwiegend ökonomische Probleme darstellten stehen heute Aspekte des Tierschutzes im Vordergrund. Die Ökonomie hat aber auch gegenwärtig noch das Primat, weil man sogar Verluste in Kauf nimmt oder sogar mit plant wenn nur letztlich der Gewinn stimmt.

 

Die Grundsätze des Tierschutzes waren in der DDR außerdem bei der Betäubung der Tiere zweitrangig gegenüber wirtschaftlichen Belangen.

 

 

 

Es war bewundernswert, wie Produktionsleiter, Arbeiter und Hygienekontrolleure mit Improvisationen ständig hygienisch einwandfreie ,gesundheitlich unbedenkliche Produkte und Produktion sicherten. Jeder Salmonellenbefund wurde sehr ernst genommen und sofort Maßnahmen zu Ursachenermittlung eingeleitet. Suspekte Produkte wurden unschädlich beseitigt und umfassende Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen durchgeführt. In dieser Hinsicht waren wir enttäuscht, dass in der BRD bis Mitte der 90 er Jahre die Salmonellengefahr nicht ernst genommen und unterschätzt wurde..

 

 

 

Von 1976 bis 1981 war ich als Cheftierarzt gleichzeitig stellvertretender Betriebsdirektor. Diese Verbindung der Funktionen wirkte sich sehr positiv auf die Durchsetzung notwendiger Hygienemaßnahmen aus. In dieser Zeit wurden unter meiner Anleitung eine Reihe Maßnahmen des wissenschaftlich technischen Fortschritts, wie es damals hieß, begonnen.

 

,In unseren SVB wurden Rohlinge für Parmaschinken sachgerecht hergestellt und für sehr geringe Erlöse exportiert. Wir machten uns deshalb Gedanken, ob diese teuren Schinken evtl. von uns selbst produziert werden könnten. In einer Klimakammer wurden alle uns bekannten Klimaparameter für die Herstellung von Parmaschinken realisiert. Bei allen Versuchen gelang es nicht die Qualität der bekannten Parmaschinken zu erreichen. In dieser Versuchsanlage wurde außerdem geprüft, ob in unseren Breiten die Herstellung der ungarischen Salami  möglich ist. Rezepte und Bedingungen hatten wir während eines Freundschaftsbesuches in Ungarn erfahren. Auch in diesen Falle war die Qualität der Originalerzeugnisse nicht zu erreichen. Aus diesen Versuchen mussten wir die allgemein gültige Schlussfolgerung ziehen, dass bestimmte Erzeugnisse ortsgebunden bleiben und in keiner Weise nachgemacht werden können.

 

Ein großes Problem stellte auch in unseren SVB die Rattenplage dar. Sie drangen selbst in Kühl- und Lagerräume ein und fraßen sich dort oft am Fleisch satt. Ich sah deshalb weg, wenn sich auf dem Betriebsgelände Katzen aufhielten. In diesem Falle verzogen sich die Ratten bzw. hielten sich in Grenzen. Eine ausreichende Bekämpfung der Schadnager war aber damit nicht möglich. Wir entwickelten deshalb auf Grund von Literaturstudien ein für unsere Verhältnisse angepasstes System der Abwehr der  Nager aus den Räumen, wo sich Fleisch- und Wurstwaren befanden. Bekanntlich sind Ratten für bestimmte Schallwellen, die vom Mensch nicht wahrgenommen werden, überempfindlich. Wir erprobten deshalb Minisender, die in den genannten Räumen installiert werden sollten. Die Versuche  mit Ratten führten wir in meiner Privatgarage durch, weil wir im Betrieb keine Genehmigung erhielten. Wir hatten für das Problem eine technisch funktionierende Lösung gefunden. Trotzdem wurden aus Arbeitsschutzgründen unsere Vorschläge abgelehnt, obwohl  entsprechende Schalter, beim Betreten der Räume, das Ausstellen der Sender sicherten.

 

 

 

Ein weiteres nicht realisiertes Vorhaben  war kurz vor der Wende praxisreif, wurde aber dann nicht mehr benötigt. In der DDR waren Schweineborsten für Pinsel ein sehr wertvoller Rohstoff. Heute werden die Borsten importiert und die aus eigener Produktion anfallenden entsorgt, weil die Gewinnung zu aufwendig ist. In der DDR galt es jedoch auf allen Gebieten Devisen einzusparen. Wir hatten deshalb eine Möglichkeit entwickelt, dass den mit Eiweiß-, Fleisch- und Fettresten verunreinigten Borsten Maden zugesetzt werden, die sich von diesen Fremdstoffen ernährten, so dass die Borsten übrig blieben. Sie konnten dann leicht durch auswaschen getrennt und sauber gewonnen werden. Hocherhitzt konnten außerdem die Eiweiß- und Fettreste als Futtermittel genutzt werden.

 

Neben diesen Versuchen, deren Realisierung wie dargestellt scheiterte, wurden in Zusammenarbeit mit Ingenieuren des Kombinates Mikroelektronik in Erfurt eine Reihe Vorhaben verwirklicht. Es wurde ein so genannter elektronischer Näherungsschalter entwickelt, der den Wasserzufluss an Waschstellen in Sanitär- und Produktionsräumen automatisch ohne Handbedienung regulierte. Obwohl solche Einrichtungen im westlichen Ausland billig  hergestellt wurden und  umfangreich im Einsatz waren fehlten bei uns die Valutamark für den Import. Die von uns entwickelten Schalter bestanden deshalb ausschließlich aus Bauteilen, die in der DDR produziert wurden. Für die Serienproduktion unseres Schalters fanden wir aber leider in der DDR keinen Betrieb.

 

In gleicher Weise wurden  die auch aus einheimischen Bauteilen hergestellten „elektronischen Thermometer „  zur Kerntemperaturmessung  nur in wenigen Exemplaren produziert.

 

In einer Konzeption  haben wir auf Grund von Literaturstudien die Anwendungsgebiete aufgezeigt, für die im Fleischkombinat Erfurt die Einführung elektronischer Prozesse notwendig war. Vom Kombinatsdirektor wurden die Arbeiten für diese Studie nicht vergütet und mit dem Vermerk abgetan, dass diese Probleme gelöst seien und nur eingeführt werden müssten. Das war typischer Parteijargon mit dem Schlagwort: „ Überholen ohne erst einzuholen.“ Nur haben diese Funktionäre die Augen vor der Tatsache verschlossen, dass diese Funktionslösungen aus dem westlichen Ausland importiert werden mussten. Hierzu fehlten aber die Devisen. Die Valuta – Mark wurden, das haben wir erst nach der Wende erfahren, für Aufwendungen in Wandlitz, für die Versorgung hoher Staats- und Parteifunktionäre und die Auslandsspionage gebraucht. Die von der Industrie z.B. auch von unserem Fleischkombinat erwirtschaftete Devisen durften nur zu ganz geringen Teilen für die eigene Reproduktion oder die Anschaffung wichtiger Maschinen oder Geräte verwendet werden. Ich glaube es waren nur ca. 1 bis 5 %.

 

 

 

Die Ablehnung der Maßnahmen war, das weiß ich heute, mit der Parteiführung im Bezirk abgestimmt. In der Folge kam die gute Zusammenarbeit mit den Ingenieuren des Kombinates Mikroelektronik zum Erliegen. Lediglich eine Anlage zur automatischen Steuerung der Abkühlprozesse für Brühwurst wurde kurzzeitig in Betrieb genommen. Wir fanden aber keinen Betrieb für die Produktion solcher Anlagen.

 

Entwickelt, gebaut und längere Zeit betrieben wurde  eine elektronisch gesteuerte Anlage zur Herstellung von Formfleisch. Initiator dieses Vorhabens war neben mir der stellvertretende Kombinatsdirektor R.W.

 

 

 

In  allen Lebensmittelbetrieben mussten in der DDR in den 70 er und 80 er Jahren sogenannte Delikaterzeugnisse entwickelt und produziert werden. An diese Erzeugnisse wurden besonders hohe Qualitätsanforderungen gestellt. Sie wurden auch zu wesentlich höheren Preisen als das Normalsortiment verkauft.  Die Betriebe des Fleischkombinates Erfurt entwickelten und produzierten viele Delikatwaren, besonders auf der Basis Thüringer Originalerzeugnisse. Als Leiter der Qualitätskontrolle hatte ich daran einen großen Anteil. Mitte der 80 er Jahre wurde für die Leistungen im Delikatprogramm ein Kollektiv zur Auszeichnung mit den Orden „Banner der Arbeit“ vorgeschlagen. Mein Name wurde auf Veranlassung der Bezirksleitung der SED von der Vorschlagsliste gestrichen, weil ich vor mehr als 30 Jahren in der BRD studiert hatte. Ich durfte , das erfuhr ich zum wiederholten Male mit keiner staatlichen Auszeichnung geehrt werden. Warum ich damals alle diese Demütigungen ohne Murren wegsteckte:  ich weiß es nicht mehr. In Erinnerung bleibt mir nur, dass ich die übrigen Vorteile, die ich in der DDR hatte nicht aufs Spiel setzen wollte. Das waren:

 

-          Eine Vergütung, die als Tierarzt über den Durchschnitt der übrigen Beschäftigten lag,

 

-          eine jährliche Jahresendprämie in Höhe eines Monatsgehaltes,

 

-          3 bis 4 Mal im Jahr eine Geldprämie von 300 bis 500 Mark der DDR,

 

-          die Altersversorgung der Intelligenz, die mir eine Rente von  ca. 60% des letzten Einkommens sicherte,

 

-          bevorzugte Urlaubsmöglichkeiten in Betriebsferienheimen.

 

An eine Wiedervereinigung Deutschlands haben ich und alle meine Bekannten, selbst Ende der 80 er Jahre, nicht geglaubt.

 

 

 

Das ständige Wiederaufwärmen meiner Verfehlung, weil ich in den 50 er Jahren in der BRD studiert hatte, brachte mir in einem Falle sogar einen Vorteil .Alle leitenden Mitarbeiter der Kombinate der DDR mussten eine politische Qualifizierung absolvieren. Für mich war Mitte der 80 er Jahre von der Parteileitung des Betriebes ein ½ Jähriges Studium an der Parteischule des ZK der SED für Kader der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft in Liebenwalde vorgesehen. Ich hatte hierzu gar keine Lust, was ich mir aber nicht anmerken lassen durfte. Ich wollte nicht 6 Monate getrennt von der Familie sein und außerdem mehrere Unbequemlichkeiten auf mich nehmen. Im übrigen dienten die Weiterbildungen in den Parteischulen in keiner Weise der Erweiterung des fachlichen Wissens. Ca. 4 Wochen vor Antritt meines geplanten Parteischulbesuches wurde ich gemeinsam mit den hauptamtlichen  Parteisekretär des Fleischkombinates zum Kaderleiter für Landwirtschaft in der Bezirksleitung der SED bestellt. Er sagte, dass man zwar auf meine weitere fachliche und politische Mitarbeit baue und meine bisherigen Leistungen wohl anerkenne aber wegen meiner politischen Vergangenheit sei ich nicht geeignet eine Parteischule des ZK der SED zu besuchen. Über das Gespräch erhielt ich leider nichts schriftliches. Hierüber etwas vorlegen zu können hätte wahrscheinlich den Personalreferenten, der nach der Wende mit mir eine Aussprache über Anerkennung von Dienstjahren führte, überzeugt, dass die mir vorgeworfene sogenannte„Staatsnähe“ nicht 100 % zutraf. Der aus den alten Bundesländern stammende Beamte machte mir zum Vorwurf, dass ich im Fleischkombinat einen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte in dem es hieß: „ Ich verpflichte mich die Beschlüsse von Partei- und Regierung zu erfüllen.“ Wahrscheinlich wusste er nicht, dass diese Formulierung bei allen Berufungen üblich war. Außerdem war ihm nicht bekannt, dass in der DDR Partei- und Regierungsbeschlüsse identisch waren. Mein Gegenargument, dass doch auch in der BRD die Beamten zur Einhaltung der Gesetze verpflichtet sind , akzeptierte er nicht. Nach seiner Meinung  gäbe es auf diesem Gebiet einen Unterschied zwischen demokratischen  und totalitären Staaten. Mein stets diszipliniertes Verhalten wurde nun so ausgelegt, dass ich vorbehaltlos das Unrechtssystem DDR unterstützt hätte. Ich erinnere mich an ein weiteres Vorkommnis, das mich Anfang der 80 er Jahre ebenfalls sehr traf. Im Fleischkombinat war eine  Delegation  französischer Landwirte zu Gast. Bei einem gemeinsamen Mittagessen stellte der Kombinatsdirektor (Mitglied der SED – Bezirksleitung und Volkskammerabgeordneter )die einzelnen Kombinatsleitungsmitglieder vor. Zu meiner Person sagte er  ungefähr folgendes: „Der Tierärztliche Direktor arbeitet auch wissenschaftlich und sorgt vor allem für gesundheitlich unbedenkliche Erzeugnisse in hoher Qualität. Er hat einige Zeit in Westdeutschland studiert und muss  sich deshalb durch gute Arbeit in der DDR bewähren.“ Ich kam mir damals wie ein Verurteilter auf Bewährung vor, dem nach über 25 Jahren seine Strafe noch immer nicht erlassen ist.

 

Über eine Auszeichnung gleich am Anfang meines Berufslebens im Bezirk Erfurt habe ich mich jedoch besonders gefreut, obwohl damit gar keine Geldprämie verbunden war. Im Dezember 1962 erhielt ich zum Tag des Gesundheitswesens in der DDR die Hufeland Medaille in Silber. Damit wurde mein Engagement bei der Bekämpfung der Rindertuberkulose und –brucellose im Bezirk Erfurt gewürdigt. Dieser Orden wurde an Mitarbeiter des Gesundheitswesens verliehen und ich fühlte mich außerdem durch die Teilnahme an der Auszeichnungsveranstaltung inmitten hochrangiger Ärzte geehrt.

 

Im übrigen bekenne ich auch, dass ich Stolz auf die Verleihung der Titel Veterinär- und  Oberveterinärrat war, Nach 1989 wurden diese Auszeichnungen manchmal zu Unrecht etwas herab gewürdigt. Die Behauptung einiger Neider, sie wären nur auf Grund gesellschaftlicher Leistungen verliehen worden ist falsch. Fachliche Kompetenz und hoher Einsatz im Beruf bestimmten ebenso die Kriterien für diese Auszeichnungen. Freilich und darüber habe ich schon Beispiele an anderer Stelle genannt: für alle Würdigungen, das ist allgemein bekannt, war in der DDR der gesellschaftspolitische Einsatz Voraussetzung. Auszeichnungen haben aber auch viele Kolleginnen und Kollegen erhalten, die nach der Wende plötzlich behaupteten in der DDR immer nur politischen Widerstand geleistet zu haben. Das Prämiengeld nahmen selbst die  sogenannten Regimegegner recht gern.  

 

 

 

Während meiner tierärztlichen Tätigkeit in Leitungsfunktionen musste ich für  mich und meine Berufskollegen sehr oft Ungerechtigkeiten bis hin zu Anfeindungen abwehren. Die Tierärzte hatten durch ein entsprechendes Gehaltsregulativ ( für Ärzte, Tierärzte und Apotheker) höhere Gehälter als andere Leiter in Behörden oder Betrieben. Selbst die Vorgesetzten hatten damit oft eine geringere Vergütung. Das erzeugte Neid und war außerdem Anlass die tierärztliche Arbeit strenger zu zensieren und oft zu kritisieren. In diesem Zusammenhang musste ich mir vom Hauptdirektor im Fleischkombinat sehr häufig  Vorwürfe über ungenügende Einsatzbereitschaft der Tierärzte anhören.

 

Unsere Berufsgruppe wurde deshalb auch mit Aufgaben und Problemen konfrontiert, die wir gar nicht verantworten oder lösen konnten. Hierfür einige Beispiele:

 

 

 

-          Die hygienisch einwandfreie Beseitigung, der Transport und die Verarbeitung der Konfiskate ( im weitesten Sinne Schlachtabfälle ) klappte vor allem wegen fehlender Kapazitäten in den Tierkörperverwertungsbetrieben fast nie. Die Tierärzte sollten aber trotz unzureichender technischer und materieller Voraussetzungen die hygienisch einwandfreie Entsorgung der Abfälle sichern.

 

-          Widersinnig war die Umbenennung der TKBA (Tierkörperbeseitigungsanlagen) in TKVB (Tierkörperverwertungsbetriebe) .mit dem Schwerpunkt der Produktion von Eiweißfuttermitteln. Tierseuchenbekämpfungsmaßnahmen, für die diese Betriebe ursprünglich eingerichtet wurden, waren damit zweitrangig.

 

-          Für erhöhte Transport- und Stallverluste von Schlachttieren waren immer die Tierärzte allein und voll verantwortlich. Ihre Forderungen nach besseren Be- und  Entladeeinrichtungen sowie sachgerechtem Umgang des Personals mit den Schlachttieren fanden aber meist kein Gehör.

 

-          Die Mängel in den Sanitäranlagen besonders durch unzureichende Armaturen und Unsauberkeit sollten ebenfalls durch Tierärzte verantwortet und beseitigt werden. Wasserhähne, Spüleinrichtungen  und  ähnliches wurden, weil Mangelware, oft gleich nach der Installation  gestohlen.

 

-          Das Schlimmste waren immer wieder die Vorwürfe, die Tierärzte würden zu viele Tierkörper und Organe untauglich beurteilen.

 

-          Bei der Qualitätskontrolle wurde uns vorgeworfen, wir  würden zu strenge Maßstäbe anlegen, und wir wurden animiert  falsch zu beurteilen.

 

-          Die Forderungen der Tierärzte zur Beseitigung von baulichen und technischen Mängeln wurden oft als übertrieben bewertet. Es galt die Devise: vordergründig gibt es subjektive Mängel, die zuerst zu beseitigen sind.

 

Wir konnten nicht verstehen, dass der Hauptdirektor, ein intelligenter Mensch , manchmal offensichtlich die Verantwortlichkeiten verfälschte und die tastsächlichen Ursachen nicht anerkannte. Unter seinen Beschimpfungen haben ich und meine Kollegen sehr gelitten. Heute weiß ich, dass auch er durch die Parteiführung im Bezirk oft stark ungerechtfertigt unter Druck gesetzt wurde.

 

 

 

Viele Sorgen in Qualitätsfragen und mit verdorbenen Erzeugnissen bereitete uns die Salamifabrik G., ein Unternehmen mit einer sehr langen Tradition bei der Herstellung ausgezeichneter Qualitätsprodukte. Die große Nachfrage und politischer Druck veranlassten Anfang der achtziger Jahre den Betriebsdirektor die Produktion mit unlauteren Methoden zu steigern. Er war kein Fleischer und hatte es in der Volksarmee bis zum Oberst gebracht. Nach seiner Entlassung in Ehren erhielt er deshalb eine leitende Funktion in der Wirtschaft.

 

Es gab große Schwierigkeiten mit unerwünschtem Oberflächenschimmel auf den Dauerwürsten. Das praktizierte Abwaschen der Würste war gesundheitlich bedenklich wurde aber durch politischen Druck selbst von den Hygieneinspektionen toleriert. Das schlimmste war die Einlagerung von Würsten als sogenannte Staatsreserve in verschiedene Gefrierlagerhäuser der DDR. Oft wurden verschimmelte nicht mehr den Qualitätsanforderungen entsprechende Würste an den Ursprungsbetrieb zurück geliefert. Wir hatten dort gemeinsam mit der Veterinärhygieneinspektion die Erzeugnisse  zu beurteilen. Wir handelten nach Pflicht und Gesetz und mussten auch hin und wieder die  unschädliche Beseitigung anordnen. In einem solchen Falle erinnere ich mich, dass der Leiter der VHI und ich zur Auswertung der Ergebnisse unserer Beurteilungen zum Betriebsdirektor kamen. Dort waren noch 2 uns unbekannte Herren anwesend. Uns wurde bedeutet, dass dies Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit seien und wir doch in erster Linie volkswirtschaftliche Interessen zu vertreten hätten. Wir sollten wegen unserer Gutachten zur unschädlichen Beseitigung von Erzeugnissen unter Druck gesetzt werden. Unsere fachlichen Argumente und die Tatsachen, die wir vorbringen konnten, schützten uns letztlich vor Repressalien.

 

 

 

Mindestens alle 2 Jahre fanden im Bezirk Erfurt die sogenannten Staatsjagden statt. Der Staatsratsvorsitzende erst W. Ulbricht und dann E. Honecker luden die in der DDR akkreditierten Botschafter und weitere Gäste zur Jagd. Es wurde bei der Vorbereitung und Durchführung  dieser Schauveranstaltungen ein immenser  Aufwand getrieben. Schon als Bezirkstierarzt wurde ich im Januar 1962 während dieser Jagd mit einem gefährlichen Vorkommnis konfrontiert. Ich erhielt am späten Abend von der Polizei einen Anruf, dass ein Reh sofort auf Tollwut untersucht werden müsste. Der diensthabende Tierarzt im VUTGA Bad Langensalza war nicht sofort zu erreichen. Mir gelang es mit 2 Stunden Verspätung die Untersuchung in Jena zu organisieren. Wegen der Verspätung wurde ich sehr stark kritisiert. Es hatte sich folgendes zugetragen: Ein Jäger, der als Treiber eingesetzt war,  hatte ein totes Reh gefunden und angefasst. Als sich W. Ulbricht bei den Treibern per Handschlag bedankte, gab er auch diesem Jäger die Hand. Die Sicherheitskräfte hatten das festgestellt und sofort eine strenge Untersuchung angeordnet. Das Reh hatte tatsächlich Tollwut. Welche Maßnahmen daraufhin durch das Gesundheitswesen getroffen wurden, erfuhr ich als unbedeutender  Mitarbeiter nicht. Der Staatsratsvorsitzende oder andere Personen erkrankten jedenfalls nicht an Tollwut.  Wegen des unzuverlässigen Bereitschaftsdienstes der Tierärzte im Bezirk, der ab diesem Zeitpunkt straffer organisiert wurde, musste ich mir  schwere Vorwürfe anhören. Als leitender Tierarzt im Fleischkombinat  war  ich dann mit den Vorbereitungen zur Staatsjagd ebenfalls stark konfrontiert. Für alle Jagdteilnehmer mussten zu jeder dieser Veranstaltungen Pakete mit Thüringer Wurstspezialitäten gepackt werden. Die Erzeugnisse wurden  besonders streng kontrolliert (bakteriologische, chemisch-analytische, toxikologische  sowie sensorische Untersuchungen). Die Kontrollergebnisse mussten eindeutig dokumentiert und den Sicherheitsorganen vorgelegt  werden. Bei der Verpackung unter Aufsicht von MfS – Mitarbeitern erfolgte eine nochmalige Kontrolle. Der Transport der fertigen Geschenkpakete erfolgte mit Lieferwagen, deren Laderaum  verschlossen und versiegelt war. Die Fahrt und Ablieferung in den Zimmern der Gäste im Hotel „Erfurter Hof „  durften nur ausgesuchte und politisch völlig zuverlässige Mitarbeiter erledigen. Dazu gehörte ich nicht. Wir waren aber immer besorgt, dass es keine Beanstandungen gab, die bestimmt als staatsfeindliche Handlungen eingestuft worden wären.

 

Es war auch üblich, dass Minister oder der Staatsratsvorsitzende zu runden Geburtstagen Geschenkpakete mit Thüringer Wurstspezialitäten erhielten.  Die Kontrolle dieser Erzeugnisse war ebenso streng, wie für die Staatsjagd. Sie wurden meist durch einen Boten nach Berlin gebracht und im Vorzimmer des Jubilars abgegeben. Ich hatte dienstlich in der Hauptstadt zu tun und musste auch einmal ein solches Geschenkpaket für den Landwirtschaftsminister überbringen. Im Vorzimmer sagte mir der Referent: „ Bezahlen können wir die bestellten Geschenke nicht, lasst euch deshalb hierzu in Erfurt etwas einfallen.“  Damit wusste ich, dass alle diese Waren zu Lasten der Betriebe gingen.

 

Zum 70. Geburtstag von E. Honecker 1982 wurde auch auf Veranlassung der Bezirksleitung der SED ein großes Wurstpaket nach Berlin gebracht. Unter Aufsicht hatte ich die Erzeugnisse auf gesundheitliche Unbedenklichkeit und Qualitätsanforderungen geprüft. Nach einigen Tagen sagte mir der Vorsitzende des Landwirtschaftsrates des Bezirkes, dass  im Vorzimmer des Generalsekretärs der SED eine Dose Wurstkonserven wegen „ Bombage“ geplatzt sei. Ich machte mir viel Gedanken, welche Konsequenzen daraus entstehen könnten, erfuhr aber nie etwas konkretes. Später hörte ich, dass alle Erzeugnisse vor der Übergabe nochmals überprüft und nicht ganz einwandfreie Sachen ohnehin entfernt werden.

 

 

 

In den Landwirtschaftsbetrieben der DDR  musste, wie schon an anderer Stelle beschrieben, die nach Plan vorgegebene Anzahl Nutztiere gehalten werden. Besonders wichtig war in diesem Zusammenhang das Soll für Kühe und Sauen. Viele Fachleute und auch ich plädierten dafür, weniger Tiere zu halten und diese ausreichend zu füttern, um bessere Leistungen zu erzielen. Das stieß bei den Parteifunktionären auf taube Ohren. Um z.B. auch alle Milch der Molkerei zuzuführen durften die Kälber nicht natürlich aufgezogen und mit der Milch ihrer Mütter getränkt werden. Es wurden eine Reihe Milchaustauschstoffe entwickelt und hergestellt, die aber nie ein voller Ersatz der Muttermilch und mitverantwortlich für hohe Kälberverluste waren. Auch in der BRD wurden, allerdings aus finanziellen Erwägungen, Milchaustauschstoffe in der Kälberaufzucht eingesetzt. Da hierfür Rinderfett verwandt wird, ist es nicht auszuschließen, dass dies das Infektionsrisiko für BSE - Erkrankungen erhöht.

 

Nur nach streng definierten Gründen  durften  Kühe und Kälber geschlachtet werden. Die Tierärzte mussten  hierfür so genannte Ausmerzbescheinigungen ausstellen. Allein Unfruchtbarkeit und bestimmte unheilbare Erkrankungen wurden als „Ausmerzgründe“ anerkannt. Durch den THD mussten diese Atteste  geprüft und aufbewahrt werden. Bei ungerechtfertigten  Schlachtungen ( besonders Notschlachtungen ) sollten dann die zuständigen staatlichen Organe informiert werden. Mir wurde aber während meiner Tätigkeit im Schlachthof kein einziger Fall bekannt, dass es eine solche Meldung über fehlerhaft bescheinigte Ausmerzgründe gegeben hätte. In dieser Hinsicht gab es eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Tierärzten in der Praxis.  

 

 

 

Für die Fleischwirtschaft hatte sich in den 80 er Jahren der 1. Kreissekretär der SED vom Kreis Erfurt – Land im Rahmen der Materialökonomie etwas ausgedacht, das alle Fachleute empörte und schockierte. Die Losung der Partei: „Es gilt alle Materialreserven zu erschließen“ übertrieb er in maßloser Weise. Er verlangte,   kümmernde nicht  mastfähige Läufer und Ferkel zu Delikaterzeugnissen zu verarbeiten. Als Tierlieferanten wurden einige größere Landwirtschaftsbetriebe, besonders die LPG Eckstedt im Kreis Erfurt – Land, bestimmt. Wir Tierärzte hatten wenigstens die Möglichkeit von den angelieferten Tieren einige kranke und sehr stark abgemagerte  Ferkel und Läufer untauglich für die menschliche Ernährung zu beurteilen. Das waren in der Regel 50 % der angelieferten Tiere. Von den übrigen, bei denen wir absolut keine Beanstandungsgründe fanden, wurden Erzeugnisse wie Kochschinken, Pökelfleischwaren, Thüringer Originalwurstwaren  oder Spanferkel hergestellt. Durch das Geschick der Fleischer und gute Gewürze entstanden zumindest essbare Erzeugnisse, die aber das Prädikat „Delikat“ nur den Namen nach trugen. Diese Maßnahmen fanden sogar die Kritik und Ablehnung des Landwirtschaftsministeriums, obwohl der Erfurter Kreissekretär behauptete, dass diese Maßnahmen die Zustimmung Erich Honeckers während eines Besuches in Erfurt gefunden hätten. Der Leiter der VHI im Bezirk und ich mussten uns  bei zentralen Dienstberatungen  im Landwirtschaftsministerium scharfe, kritische Worte anhören, weil wir nicht in der Lage wären diese unsinnige übertriebene Materialökonomie zu unterbinden. Aber wir waren machtlos gegen den Willen eines Parteifunktionärs.

 

 

 

In der DDR gab es die Losung: „ Erfahrungsaustausch ist die billigste Investition.“  So gab es nicht nur gegenseitige Betriebsbesuche gleichgelagerter Unternehmen in der DDR, sondern auch mit Firmen im sozialistischen Ausland wurden Freundschaftsverträge abgeschlossen. Es ging dabei um den Erfahrungsaustausch auf politischen, sozialpolitischen, kulturellen, ökonomischen und fachlichen Gebieten. Das Fleischkombinat Erfurt hatte solche Verbindungen zu Schlachthöfen und Fleisch- und Wurstfabriken in der CSSR, in den VR Polen, Ungarn, Bulgarien und den Sowjetrepubliken Estland, Lettland sowie Litauen.

 

Bei diesbezüglichen Freundschaftsbesuchen im Ausland und der Betreuung von Delegationen bei uns war auch ich teilweise mit einbezogen.

 

In diesem Rahmen will ich noch über einige ausgewählte Erlebnisse berichten, weil sich damit typische Verhältnisse in den sozialistischen Ländern zeigen.

 

Ende der 70 er Jahre fuhren der Betriebsdirektor des SVB Erfurt, der Leiter der Verarbeitung und ich als Cheftierarzt des gleichen Betriebes nach Zvolen in der CSSR. Den PKW Wolga lenkte ein Kraftfahrer des Betriebes, der gleichzeitig als Vertreter der Partei- und Gewerkschaftsleitung mitfuhr. Ein solcher Vertreter musste bei allen Delegationen präsent sein. Wir wurden in den Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben des Fleischkombinates der Slowakei sehr .herzlich empfangen. Vorbehaltlos erhielten wir alle gewünschten Auskünfte über die Betriebe und wir konnten ungehindert alles besichtigen. Mein besonderes Interesse galt der Fleischuntersuchung, Qualitätskontrolle und der Betriebs- sowie Lebensmittelhygiene. Der zuständige Cheftierarzt war sehr aufgeschlossen und es gab in unseren Ländern in den gesetzlichen Grundlagen keine grundsätzlichen Unterschiede für diese Fachgebiete. Nur verwundert waren wir über die Gesetzesauslegung, dass nicht von allen Schweinen Trichinenproben untersucht werden mussten. Nur für die Tiere, die für den Export bestimmt waren und  die für die Produktion von rohen Erzeugnissen ausgewählt wurden, erfolgte die Trichinenuntersuchung. Eine Methode, die wir für sehr bedenklich hielten und mit der wir uns nicht anfreunden konnten.

 

Beeindruckt haben uns die hergestellten Wursterzeugnisse, die teilweise mit dem Qualitätsniveau unserer Thüringer Originalerzeugnisse vergleichbar waren. Aus diesem Grunde wurden gegenseitig Rezepte ausgetauscht. Von slowakischer Seite hatte man Interesse an Blut- und Leberwürsten sowie an dem Einsatz von Starterkulturen bei Rohwürsten. Nach unserer Rückkehr ordnete der Hauptdirektor an, dass wir Starterkulturen nach Zvolen schicken und ggf. die dortige Herstellung unterstützen sollten. Aus patentrechtlichen Gründen sowie wegen des Exportverbotes für Bakterienkulturen haben wir uns sehr lange diesem Ansinnen widersetzt. Mitte der achtziger Jahre hat der Hauptdirektor Kraft seiner Weisungsgewalt die Lieferung von Starterkulturen nach Zvolen durchgesetzt. Meines Wissens erfolgte dort nie eine Vermehrung der Kulturen, weil hierzu auch landeseigene Genehmigungen fehlten.

 

Im weiteren will ich über einen Besuch im Jahr 1983  im Fleischkombinat Vilnius in der Litauischen SSR berichten. Delegationsleiter war wieder der Betriebsdirektor des SVB Erfurt.  Weitere Mitglieder waren: Der Parteisekretär und Sicherheitsinspektor des gleichen Betriebes sowie der Stellvertretende Direktor für Schlachtviehaufkauf und ich als Tierärztlicher Direktor vom Fleischkombinat Erfurt. Wir fuhren im Schlafwagen nach Vilnius und auch im gleichen Beförderungsmittel zurück. Interessant ist der Reisebericht, den der Delegationsleiter pflichtgemäß den Kombinatsdirektor, der Bezirksleitung der SED und der Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit übergab.

 

Der Bericht liegt mir noch vor. Die darin dargestellten Schlussfolgerungen zeigen, dass die Ergebnisse des Erfahrungsaustausches recht mager und teilweise an den Haaren herbeigezogen waren, weil es in dieser Zeit in der Fleischindustrie der SSR Litauen für uns kaum Neues gab. Es wurde vorgeschlagen folgende Lösungen für die Übernahme in unserem Fleischkombinat zu prüfen:

 

-          Blutentzug mit Hohlmesser,

 

-          Brandstempel für Tierkörperkennzeichnung,

 

-          Drahtgestelle für große Brühwürste, zur besseren Nutzung des Platzes in den Räucherwagen,

 

-          Einsatz von 15 % Blutplasma bei Brühwürsten,

 

-          Umkleideräume mit Garderobenprinzip,

 

-          Ausgabe von Berechtigungsscheinen an besonders vorbildlich und diszipliniert arbeitende Werktätige zum bevorzugten Kauf von  Konsumgütern, die im Handel nur im beschränktem Umfange zur Verfügung standen.

 

 

 

 

 

Im Mai 1985 wurde mir im Fleischkombinat Erfurt die Aufgabe übertragen eine vom Fleischkombinat Krotoszyn  aus der VR Polen  angereiste Delegation  zu betreuen. Im Oktober 1985 leitete  ich dann eine Delegation unseres Kombinates im Rahmen einer Reise nach  Polen. Wir stellten fest und brachten dies auch umschrieben in unseren Berichten zum Ausdruck, dass die Fleischindustrie in Polen und in der DDR auf vielen Gebieten Nachholebedarf  zum Weltniveau hatte. Während der Erfahrungsaustausche sollten partei- und gesellschaftliche Probleme im Vordergrund stehen. Die Teilnehmer umgingen meist diese Forderung, weil größeres Interesse an  fachlichen Fragen bestand. Zum Besuch in Krotoszyn in Polen im Oktober 1985 will ich hier noch einfügen, was wir in keinem Bericht oder Protokoll  erwähnten.  Beim Abschlussgespräch mit der Kombinatsleitung brachten alle polnischen Vertreter zum Ausdruck, dass in ihrem Land der Sozialismus gescheitert sei. Nur der Parteisekretär verhielt sich dazu relativ neutral. Sie machten der Partei- und Staatsführung in Polen heftige Vorwürfe wegen der desolaten Wirtschafts- und Sozialpolitik. Besonders der Gewerkschaftsvertreter meinte, dass in Polen und auch in der DDR mehrere Arbeitervertretungen zugelassen werden müssten und eine freiere Meinungsäußerung von Nöten sei. Die Ereignisse in den Folgejahren bestätigten uns, dass an der Basis in Polen schon damals der politische Wandel eingeleitet wurde. Ohne uns abzustimmen hat nach unserer Rückkehr keiner der Delegationsmitglieder öffentlich über diese Diskussionen gesprochen. Aufgefallen war uns außerdem eine sehr starke Bindung zu katholischen Kirche zu der sich sogar Partei- und  -Gewerkschaftsfunktionäre bekannten.

 

Ende 1987 gab es in Polen eine angespannte Lage in der Lebensmittelversorgung. Die Bezirke in der DDR sollten deshalb  Hilfe für ihre Partnerwoiwotschaften  organisieren. Der Vorsitzende des Rates des Bezirkes Erfurt hatte mit den Woiwoden in Kalisz vereinbart, dass in der Vorweihnachtszeit Salami nach Polen geliefert wird. Als Gegenleistung, allerdings nicht mit vollem Wertausgleich, sollten Enten- und Gänseschlachtkörper nach Erfurt kommen. Zur Ausarbeitung der Details der Vereinbarung und vor allem zur Festlegung der veterinärmedizinischen Bedingungen für diese Lieferungen fuhren der Leiter der VHI des Bezirkes Dr.K. und ich als Tierärztlicher Direktor des Fleischkombinates nach Polen. Unsere Verhandlungsergebnisse wurden in einem Reisebericht protokolliert. Ein Ereignis überschattete unsere Dienstreise, denn Dr. K. und mir wurde aus dem  verschlossenem Auto der polnischen Delegation die Aktentaschen gestohlen. Das Fahrzeug war gegen Abend auf einem öffentlichen Parkplatz abgestellt, während wir in einem  in der Nähe gelegenen Gebäude die Vertragsverhandlungen führten. Wir hatten nur die für die Unterredung notwendigen Akten mitgenommen und glaubten unsere persönlichen Utensilien und Ausweispapiere in einem polnischen Dienstfahrzeug sicher aufbewahrt. Das war ein Irrtum und wir hatten wegen der ganzen Angelegenheit, die wir auch zum Teil im Reisebericht darstellten, viel Ärger.

 

Stark erschüttert waren wir über die Ausstattung und das Verhalten der polnischen Miliz. Zuerst wurden wir wie Verbrecher behandelt, indem man behauptete wir hätten den Diebstahl nur vorgetäuscht. Das änderte sich erst, als sich dann die Wojewodschaftsbehörde einschaltete und unseren dienstlichen Aufenthalt in Polen bestätigte.  Danach wurde der Umgangston freundlicher und wir spürten zumindest ein kleines Bemühen den Diebstahl aufzuklären. Im Amt der Miliz in Ostrow einer Stadt mit  ca. 50000 Einwohnern gab es für 20 Mitarbeiter nur eine Schreibmaschine und wir mussten warten bis diese frei war, um das Protokoll zu schreiben. Diese Vorkommnisse am Rande konnten verständlicher Weise nicht ins offizielle Reiseprotokoll geschrieben werden.

 

Die genannten Salamilieferungen und der Geflügelimport wurden realisiert. In den Folgemonaten bis Ende 1988 lieferte unser Fleischkombinat Schweineschlachtkörper als Freundschaftsgeschenke nach Polen. In diesem Rahmen  fuhren mehrere große 20 t Kühlfahrzeuge mit Schweinefleisch  nach  Kalisz , aber ohne Gegenlieferung zurück.

 

Abschließend zu diesem Kapitel über Erfahrungsaustausche mit  Betrieben in anderen sozialistischen Ländern will ich noch von einem Besuch in Györ – Sopron  in Ungarn berichten. Der Hauptdirektor leitete die Delegation. Es zeigte sich dort schon 1981  eine starke Orientierung zu westeuropäischen Ländern besonders zur BRD. Diese Beobachtungen wurden verständlicher Weise nicht im offiziellen Reisebericht dargestellt. Wir stellten fest, dass es in allen von uns besichtigten Fleischverarbeitungsbetrieben eine große Anzahl Maschinen und Geräte aus Importen von der BRD gab. Man sagte, dass man sich damit zwar stark verschulde, aber im Laufe der Jahre würde durch verstärkte Exporte von Fleisch- und Wursterzeugnissen der Ausgleich geschaffen. Diese Politik der stärkeren Öffnung zum Westen wurde in der DDR strikt abgelehnt und der Import von Fleischverarbeitungsmaschinen oder sonstigen modernen Geräten meist untersagt. Es galt im Rahmen des Wissenschaftlich-Technischen Fortschritts eigene Lösungen zu entwickeln. Ebenfalls im Reisebericht nicht erwähnt wurde ein Ausflug zum Neusiedler See an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich.  Das Fleischkombinat Györ hat dort ein Ferienhaus in dem uns zu Ehren ein Grillabend stattfand. Für uns undenkbar, dass man sich mit ausländischen Gästen unmittelbar an die Grenze zum westlichen Ausland begeben konnte. Unser Staunen war perfekt, als einige Grenzsoldaten am Bootssteg des Ferienhauses mit ihren Patrouilleboot anlegten und mit feierten. Sie luden uns auch zu einer Fahrt auf dem See ein und wir fuhren haarscharf entlang der österreichischen Grenze. Ein Sprung ins Wasser hätte genügt und wir wären auf westlichem Territorium gewesen. Dieses Erlebnis beschäftigte mich längere Zeit, weil es einen Gegensatz zur streng überwachten Grenze DDR / BRD darstellte. Als 1989 Ungarn als erstes sozialistisches Land im Ostblock die Grenze zu Österreich öffnete musste ich an unser damaliges Erlebnis denken. Ich schlussfolgerte, dass Ungarn schon Anfang der 80 er Jahre die strenge Abgrenzung zum Westen aufgab. Bestätigt wurde diese Erkenntnis außerdem durch Erfahrungen, die ich 1986 während einer Studienreise mit Vertretern der LPG  Eckstedt   in mehreren Landwirtschaftsbetrieben und Kleinstädten in Ungarn sammeln konnte. Wir stellten fest, dass man starke Bindungen zu westlichen Ländern anstrebte und unterhielt. Es gab keine solch starke Reglementierung der Betriebe wie in der DDR. Im übrigen gab es in den Warenhäusern ein Warenangebot, das sich stark am westlichen Niveau orientierte.

 

 

 

Betrete ich heute einen Bau- oder Supermarkt, bin ich jedes Mal aufs Neue überwältigt von der Fülle des Angebotes – tief im Innern sitzt immer noch die Erinnerung an den täglich erlebten Mangel. Gerade bei diesem augenscheinlichen Unterschied zwischen damals und heute drängt sich mir im Nachhinein die Frage auf, wohin all die in der DDR produzierten Güter verschwanden. Zugegeben  – Vielfalt und zum Teil auch  Menge der hergestellten Produkte hatten zu keiner Zeit Westniveau, aber zum Beispiel die landwirtschaftliche Produktion verfügte über eine akzeptable Schlagkraft. Also bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Ursachen in übertriebener Planwirtschaft mit unrealen Verteilungsprinzipien und der staatlich reglementierten Preispolitik zu suchen sind. Die Grundsätze unserer Wirtschafts- und Preisplanung waren so heilig und unantastbar wie betriebswirtschaftlich unsinnig – das Desaster nahm seinen Lauf. Kein noch so gesunder Wirtschaftsorganismus übersteht unbeschadet solche dilettantischen Eingriffe, die zum ökonomischen Alltag in der DDR gehörten:

 

 

 

Die Kleingärtner der DDR legten bei Anbau und Ernte von Obst und Gemüse im Schrebergarten sehr viel Eifer an den Tag – kein Wunder, denn mit der Abgabe ihrer vegetarischen Produkte an den Einzelhandel ließ sich ein traumhafter Nebenverdienst erwirtschaften, weil der staatliche Handel die Erzeugnisse zu wesentlich höheren Preisen aufkaufte als er sie an die Verbraucher abgab. Diese Nebeneinnahme ließ sich mit einem einfachen und oft praktizierten Verfahren spielend vervielfachen: der in der kleinen HO unbekannte „Komplize“ kauft das soeben abgegebene Obst und Gemüse zum moderaten Preis, übergibt es dem Hobbygärtner, der mit dem Körbchen zum zweiten Male zur Aufkaufstelle wandert und sich seine Vitamine erneut teuer bezahlen lässt.

 

 

 

Diese Spanne zwischen hohen Aufkauf- und niedrigen Einzelhandelsabgabepreisen sorgte auch bei den Kleinbauern, die sich Federvieh, Kaninchen, Schwein und Rind im heimischen Stall hielten, für traumhafte Gewinne. Die so veräußerten Tiere waren nicht selten mit Haferflocken und Brot aus dem Konsum – beides für Pfennigbeträge zu haben – dick und rund gefüttert. Die widersinnig niedrig gehaltenen Preise für Lebensmittel hatten Kultstatus, weil sie Humanität im Sinne niedriger Lebenshaltungskosten – bei uns braucht niemand zu verhungern - gegenüber dem kapitalistischen Ausland dokumentierten. Dagegen waren technische Erzeugnisse vom Wasserkocher bis zum Auto in entsprechender Qualität unverhältnismäßig teuer,   Preissteigerungen nicht ausgeschlossen.

 

Bestimmte technische Konsumgüter waren in der DDR  oft nur durch Beziehungen zu erwerben. Es ist aber unbestritten, dass die Haltbarkeitsdauer der in der DDR produzierten Erzeugnisse denen in der BRD hergestellten überlegen war. Die Aussage stimmt, dass wir heute in einer sogenannten „Wegwerfgesellschaft“ leben.

 

 

 

Die DDR bot ihre Produkte auf dem Flohmarkt des Welthandels feil: was immer im kapitalistischen Ausland in bare (und harte) Münze verwandelbar war – und sei es zu Schleuderpreisen – wurde „verscherbelt“. Auf der Prioritätenliste rangierte Export (in das NSW) vor der Versorgung der eigenen Bevölkerung. Die betreffenden Preisvereinbarungen mit dem NSW blieben „Otto Normalverbraucher“ verborgen; aber als Cheftierarzt im Fleischkombinat erhielt ich Kenntnis von diesbezüglichen Verhandlungsergebnissen beim Fleischexport:   Schweineköpfe erzielten auf dem Markt einen Preis von 0,50 Valutamark (entspricht etwa 0,50 DM) pro Stück, Edelfleischteile, besonders Schinken vom Schwein, wurden für 1,00 Valutamark pro kg exportiert. Der letztgenannte Preis trieb mir die Tränen in die Augen, weil diese ausgesuchten Fleischteile mit hohem manuellen Aufwand präpariert werden mussten, um als Rohlinge für Parmaschinken verkauft werden zu können.

 

 

 

Nicht selten verdienten sich auch westdeutsche Zwischenhändler – selbst bei Exporten von der DDR in die Sowjetunion – eine goldene Nase, weil sie diesen Warenstrom managten und organisierten.

 

 

 

Und beim Stichwort „Sowjetunion“ fällt mir im Zusammenhang zum Handelsgeschehen noch ein interessantes Detail ein: Wareneinkäufe vom „großen Bruder“, zum Beispiel das dringend benötigte Erdöl, mussten – allen „verwandtschaftlichen Beziehungen“ zum Trotz – in Valuta bezahlt werden, während in anderer Richtung bei unseren Exporten in die Sowjetunion zur Bezahlung nur der Rubel rollte.       

 

 

 

Die Schlachthöfe, die Fleisch in das NSW exportierten, mussten hinsichtlich Hygiene, Fleisch- und Trichinenschau EG-Normen erfüllen, stichprobenartig kontrolliert von Tierärzten, die von der EG-Kommission eingesetzt waren. Da auch diese Veterinäre den erschwerten Einreisebedingungen der DDR unterworfen waren – sprich tage- oder wochenlange Voranmeldung der Besuche – klappte natürlich das „Warnsystem“: unverhoffte Visiten hatten wir nicht zu befürchten. Die Hektik, die nach einer solchen Besuchsankündigung schlagartig einsetzte, war beispiellos – nicht einmal der Vergleich mit der Betriebsamkeit zu Stoßzeiten (Weihnachtsgeschäft!) beschreibt auch nur annähernd das Geschehen auf dem Werksgelände. In reger Bautätigkeit wurden in den Schlachthallen, Kühleinrichtungen, in allen Produktions- und Sozialräumen schadhafte Stellen ausgebessert und – wenn dies zu aufwändig war – einfach mit sehr viel Farbe übertüncht. Ein besonderes Problem stellten die Toiletten, Wasch- und Duscheinrichtungen dar, die aus Mangel an Installationsmaterial und Fliesen bei weitem nicht dem Standard entsprachen. Not macht erfinderisch: durchschritt die Kommission den Betrieb und begehrte Einlass in den Sanitärbereich, erscholl von  eigens eingewiesenen und positionierten Mitarbeitern  ein „besetzt!“ aus dem Innern.

 

 

 

Viele auch schadhafte Geräte, Werkzeuge und Einrichtungsgegenstände wurden im Betrieb in Reserve gehalten, weil Neubeschaffungen nicht oder nur schwer möglich waren. Einige Stunden vor den Überprüfungen wurden all diese nicht unbedingt benötigten und teils verschlissenen Gegenstände auf Lastwagen geladen, aus dem Betrieb und zum nächstgelegenen Parkplatz gekarrt, verharrten in Lauerstellung, um dann, wenn „die Luft wieder rein war“, erneut das betriebliche Terrain zu vereinnahmen. (Trotz dieser Aufräumaktionen fand sich in einem Protokoll der Prüfer der  Vermerk, dass „viel Gerümpel herumstand“.) Eine heikle Situation bei einer solchen Kontrolle ließ uns den Atem stocken: die Lastwagen kehrten zu früh auf das Werksgelände zurück! Glücklicherweise waren die Veterinäre gerade durch andere Probleme in Anspruch genommen, so dass unser Dreh nicht aufflog.

 

 

 

In der auf Vordermann gebrachten Arena überwanden wir die Hürden, die Dopingmittel wirkten heimlich, aber effektvoll, passierten Haken schlagend die Ziellinie, um die begehrte Trophäe in den Händen zu halten: eine von der EG erteilte Zulassungsnummer, die uns berechtigte, Exporte in das NSW zu tätigen – ein unerhörter Prestigegewinn für jeden sozialistischen Betrieb.

 

 

 

Erfreulicherweise bekam die Schlachttier- und Fleischuntersuchung sowie die Trichinenschau von vornherein gute Noten, hier wurden auch von unserer Seite grundsätzlich keine Manipulationen geduldet. Die hygienische und gesundheitliche Unbedenklichkeit aller Fleisch-  und Wurstwaren war gesichert – bakteriologische Untersuchungen zum Beispiel wurden zu damaliger Zeit viel umfassender und intensiver vorgenommen als heute in der BRD üblich und vorgeschrieben. Dieser Umstand war jedoch zum Teil dem Mangel an Gefrier- und Kühlkapazitäten in den Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben geschuldet. Bei jedem positiven Salmonellenbefund gehörten sehr umfangreiche Umgebungs- und Nachuntersuchungen auch aller weiteren Verdachtsfälle in das gesamte Untersuchungsprofil.

 

 

 

Die Tierkörper und Fleischteile mussten, so sie für den Export vorgesehen waren, je nach Wunsch des Empfängerlandes mit einem Fleischbeschau-Stempel, der unter anderem die oben genannte Zulassungsnummer enthielt, versehen werden. Hin und wieder forderten die Importeure, besonders Frankreich, zusätzliche Kennzeichnungen, zum Beispiel mit dem Stempel „trichinenfrei“. Ich erinnere mich an einen Export von Schweinehälften nach Frankreich, bei dem ich die Verantwortung für die Kennzeichnung, Qualität und Hygiene jedes einzelnen hälftigen Borstenviehs trug. Die Anspannung ließ erst nach, als die LKW mit ihrer devisenträchtigen Fracht den Betrieb verließen. Die Trucks hatten die Grenze zur BRD wohl schon passiert, als mir die  Veterinäringenieurin gestand, dass sie versehentlich den für die Kennzeichnung notwendigen Stempel vertauscht hat; statt der Aufschrift „trichinenfrei“ trägt jede Schweinebacke den in der Form sehr ähnlichen Stempel für Pferdefleisch  - auch mir war dies bei der Endabnahme nicht aufgefallen. Für ein Wendekommando war es längst zu spät, also konnte ich nur darauf hoffen, dass es auch den Kontrolleuren in Frankreich verborgen bleibt. Es folgte eine Woche mit 7 schlaflosen Nächten: die Rückführung des Exportes und der damit verbundene Verlust an Devisen hätte mir die Kombinatsleitung und die Partei nur schwer verziehen; zu meiner großen Erleichterung waren die französischen Augen wohl doch nicht so wachsam...

 

 

 

Sicher – diese Fleischbeschau-Stempel trugen nach DDR-Gesetz den Charakter einer urkundensicheren Dokumentation, so dass sich eine verantwortungsvolle Handhabung von selbst versteht. Andererseits erhielten wir Tierärzte von der obersten Veterinärverwaltung beim Landwirtschaftsministerium eine Weisung, die uns die Haare raufen ließ: Schlachtbetriebe, die für den Export zugelassen waren, mussten den diesbezüglichen Stempel an andere, nicht zugelassene Betriebe „ausleihen“, damit die dort geschlachteten Tiere zum Beispiel für Lieferungen in die Sowjetunion gekennzeichnet werden konnten. Ein handfester Betrug, aus der Not unmöglich zu realisierender  Exportverpflichtungen geboren und den wir nur deshalb – nämlich zur Vermeidung empfindlicher Vertragsstrafen -  zähneknirschend duldeten.

 

 

 

Nach meinem Empfinden waren wir Tierärzte des THD (Tierärztlicher Hygienedienst) im Allgemeinen viel zu sehr ökonomischen Zwängen unterworfen – ein für Leib und Leben der Fleisch verzehrenden Bevölkerung recht gefährlicher Tatbestand. Der THD war ( wie schon an anderer Stelle ausführlich beschrieben ) die Institution, die in den Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben die Schlachttier- und Fleischuntersuchung und die Qualitätskontrolle durchzuführen hatte. Disziplinarisch direkt den Kombinats- und Betriebsdirektoren unterstellt, reichte die fachliche Anleitung der  VHI (Veterinärhygieneinspektion), integriert in der staatlichen Veterinärverwaltung des Bezirkes, zum einen, zum anderen das ASMW ( Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung) zur Einflussnahme nicht aus. Ab Mitte der 70er Jahre bemühte ich mich gemeinsam mit mehreren tierärztlichen Direktoren, Chef-Tierärzten und Leitern der VHI darum, das Unterstellungsverhältnis zu ändern. Wir meinten, dass durch das Weisungsrecht der Kombinats- und Betriebsdirektoren gegenüber den Tierärzten die hygienischen Anforderungen und die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Produkte nicht genügend Berücksichtigung fanden. Auseinandersetzungen aufgrund der unterschiedlichen Interessenlage – ökonomische Belange hatten Vorrang vor hygienischen Notwendigkeiten – standen auf der Tagesordnung. Aber es gelang uns nicht, an dieser betrieblichen Integration und damit Abhängigkeit des THD etwas zu ändern.

 

 

 

Leider werden auch in der BRD die Kontroll- und Überwachungsaufgaben zur Sicherung der Lebensmittelhygiene nicht von ausreichend unabhängigen Institutionen durchgeführt. Die hoheitlichen Aufgaben des Veterinärwesens werden auf allen Gebieten mehr und mehr eingeschränkt, begründet mit notwendigen politischen Entscheidungen. Es kann doch nicht angehen, dass CDU- und SPD-regierte Länder den Import von Rindfleisch aus England – BSE! – unterschiedlich handhaben. In meinen Augen ein Skandal – wie können denn Wahlkampfziele Einfluss auf solche höchst brisante Entscheidungen haben, die meines Erachtens nur durch fachliche, sachliche und wissenschaftliche Erkenntnisse getragen werden dürfen.

 

 

 

Das Bild wäre im übrigen zu einseitig und unvollständig, würde ich bestimmte Vorteile, die es  in der DDR gab, nicht nennen. Das sind vor allem Erkenntnisse, die erst nach 1989 offensichtlich wurden. Wenn wir jetzt  Missstände und Mängel in der Wirtschaft, Verwaltung und Politik feststellen, dann wiederholen wir zynisch den in früheren Zeiten bei uns üblichen Spruch: „Das gibt´s im Westen nicht“. In der DDR  sahen wir sehr häufig und verklärt eine relativ fehlerfrei funktionierende westdeutsche Demokratie und soziale Marktwirtschaft, deren Lücken und Tücken uns erst in der Gegenwart im eigenen Erleben deutlich werden. Alle meine Verwandten, Bekannten und ich betonen in diesem Zusammenhang aber ehrlich und unmissverständlich: „In die DDR wollen wir nicht zurück“.

 

Ein von uns sehr heiß diskutiertes Thema ist das „Recht auf Arbeit“, das in der DDR verfassungsmäßig garantiert war. Arbeitslos war für uns ein Fremdwort und vielerorts gab es  einen Fachkräftemangel.

 

Bei Rationalisierungsmaßnahmen musste garantiert werden, dass freigesetzte Arbeitskräfte wieder sinnvoll im Interesse der Arbeiter und Angestellten in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Ich kenne vieler solcher Modelle und will diese Tatsachen an einem Beispiel aus eigener Mitwirkung darlegen.

 

Als Cheftierarzt führte ich gemeinsam mit meinen Tierarztkollegen 1975 im SVB (Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb) Erfurt in der Trichinenschau die sogenannte „Verdauungsmethode“ ein. Bei einer täglichen Schlachtung von 1500 Schweinen konnte damit die Anzahl der Untersucher von 20 auf 4 reduziert werden. Außerdem bot die Methode eine höhere Sicherheit im Untersuchungsergebnis. Von den 16 eingesparten Arbeitskräften wurde niemand arbeitslos. Es waren vorwiegend Frauen, die neue Tätigkeiten im Labor, in der Verwaltung oder im Verkauf erhielten. Darauf waren sie schon während der Einführungszeit des neuen Systems vorbereitet worden.

 

Viele Rechte hatten in der DDR die berufstätigen Frauen. Haushaltstage, großzügige Krankschreibungen bei Erkrankung der Kinder, Freistellungen und  eingeschränkter Arbeitseinsatz während der Schwangerschaft sowie manch andere Vergünstigungen führten dazu, dass in der Regel bei der Arbeitskräfteplanung für Frauen fast die doppelte Anzahl Planstellen erforderlich war. In unserem THD waren in der Fleisch- und Trichinenuntersuchung fast nur Frauen beschäftigt. Um ständig eine lückenlose Untersuchung zu sichern, planten wir für die durchgehende Besetzung aller notwendigen Untersuchungsplätze ungefähr 50 %  mehr Arbeitskräfte ein. Die Vorteile für die werktätigen Frauen waren für die Leiter oft ein Alptraum, denn Planstellen gab es auch in der DDR nicht unbegrenzt und Arbeitsuchende gleich gar nicht.

 

Wegen oft fehlender Fachkräfte gewährten in der DDR die einzelnen Betriebe ihren Beschäftigten manch großzügige Erleichterungen. Im SVB Erfurt erfolgte die Beförderung der Werktätigen vom Wohn- zum Arbeitsort und zurück mit betriebseigenen Omnibussen für einen ganz geringen Fahrpreis.

 

Arztpraxis, physiotherapeutische   Behandlungsmöglichkeiten, Friseursalon, Sauna, Lebensmitteleinkaufsstätten, Betriebskantine mit ausgezeichneter Pausen- und Mittagsversorgung, Einrichtungen für Freizeitsport, Betriebsferienheime und Kinderferienlager wurden vom Betrieb eingerichtet oder finanziell unterstützt. Alle Beschäftigten konnten diese Möglichkeiten kostenlos bzw. für ein geringes Entgelt nutzen.

 

Großzügige Unterstützung gewährte der SVB Erfurt allen Betriebsabteilungen bei Betriebsausflügen, beim Besuch kultureller Veranstaltungen oder bei der Realisierung von Betriebsfesten und ähnlichem.

 

 

 

 

 

Dagegen war es in der DDR völlig unwirtschaftlich, dass Schlachthöfe und Fleischbetriebe,  ja auch fast alle anderen  Unternehmen, betriebseigene Abteilungen für Dienstleistungen ( Reparaturen, Baumaßnahmen, Fuhrpark u.a.), die gar nicht zum Produktionsprofil gehören, unterhielten. Das war jedoch aus der Not geboren, weil viele Betriebe wegen fehlender Materialien oder zu geringer Kapazitäten auf diesen Gebieten ihre Funktionsfähigkeit nur durch Eigeninitiativen aufrecht erhalten konnten. So hatte z.B. der SVB Erfurt einen sehr leistungsfähigen Fuhrpark, der überall durch die bestens gepflegten Fahrzeuge auffiel. Stolz waren wir auch auf die Reparaturbrigaden ( Maurer, Schlosser, Autoschlosser, Elektriker, Klempner, Tischler, Maler und Rationalisierungsmittelbau ) , die einen Betriebsablauf mit geringsten Ausfällen sicherten.

 

Gleich 1989 merkten wir, dass wir uns neben neuen Eigentumsformen auch mit veränderten Betriebsstrukturen anfreunden müssen. Wir besuchten deshalb gleichgelagerte Unternehmen in den alten Bundesländern, um das Neue kennen zu lernen. Im Schlachthof in Bamberg, der in der Größe, der ursprünglichen Bausubstanz und in der Produktionskapazität mit Erfurt vergleichbar war, erhielten wir vom dortigen Cheftierarzt in dieser Hinsicht sehr konkrete, unvoreingenommene Auskünfte.

 

In der Organisation und Durchführung der Schlachttier und Fleischuntersuchung gab es keine wesentlichen Verschiedenheiten zur Handhabung bei uns. Lediglich in der Statistik und deren Auswertung wurden die Ergebnisse nicht wie bei uns aufbereitet sondern nur als reines Zahlenwerk den Ämtern für Statistik übermittelt. In diesem Rahmen kamen jedoch verstärkt Computer zum Einsatz.

 

Gravierend waren jedoch die Unterschiede im kommunalen Schlachthof Bamberg zum SVB Erfurt darin, dass dort alle Dienstleistungen, die nicht zur Schlachtung oder Fleischbearbeitung gehören, von Fremdfirmen durchgeführt werden. Selbst die Klassifizierung der Schlachtkörper erfolgt durch ein nicht zum Schlachtbetrieb gehörendes unabhängiges Unternehmen.

 

Es ging uns vordergründig darum, die neuen betriebswirtschaftlichen und ökonomischen Erfordernisse kennen zu lernen, um sie für den Erhalt unseres Betriebes in Erfurt anzuwenden und zu nutzen.  Damit sollten auch Arbeitsplätze erhalten werden. Wir konnten es uns einfach nicht vorstellen, dass es ein „Aus“ für den SVB Erfurt geben könnte. In den letzten Jahren waren in diesem Betrieb viele Investitionen getätigt worden, um die Bedingungen für den Export ins NSW zu garantieren.

 

1990 besuchte eine Kommission den Erfurter Betrieb, um Entscheidungen für die Entwicklung der Fleischindustrie in Thüringen vor zu bereiten. Beim Rundgang durch die Produktionsstätten sagte ein Vertreter des Bonner Landwirtschaftsministeriums: „Diese Gebäude sind nur noch wert, weggerissen zu werden.“ Diesen Worten wollte ich keinen Glauben schenken, weil auch während einer anderen Besichtigung der Cheftierarzt  vom Schlachthof Stuttgart sagte: „ Solche Gebäude und Bausubstanz gibt es bei uns in den alten Bundesländern auch noch.“ Daraus schöpften wir Hoffnung und schrieben an den neu gewählten Oberbürgermeister der Stadt Erfurt. Wir baten zu prüfen, ob durch die Stadt eine Übernahme des Schlachthofes als kommunale Einrichtung möglich sei.  Während einer Aussprache wurden wir überzeugt, dass hierfür keine finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Aus den alten Bundesländern meldeten sich zwar einige Interessenten, die aber alle nur die günstigen Baugrundstücke haben wollten. Für die Erhaltung des Schlachtbetriebes gab es keine Bewerber.

 

Alle unsere Bemühungen waren letztlich ergebnislos und die Firma einschließlich des Tierärztlichen Hygienedienstes mussten abgewickelt werden, wie diese neue Form der Liquidierung vornehmer ausgedrückt wurde.

 

Ich bediene mich jetzt auch der im deutschen Sprachgebrauch bekannten Synonyme für das Wort Betrieb: Firma, Anlage, Fabrik, Geschäft usw.. In der DDR galten diese Namen in der Regel als kapitalistischer Wortschatz. Im übrigen  stand überall  vorm spezifischen Firmennamen die Bezeichnung  „VEB“. Es kursierte in diesem Zusammenhang der Witz: „ Ein westdeutscher Besucher bezeichnete den Herren „VEB“ als den reichsten Unternehmer im Osten, weil er auf allen Betriebsschildern, Logos und Reklameschriften diesen Geschäftsnamen gelesen hatte.“

 

Im Laufe der letzten 10 Jahre erlebten wir die  1990 gegebene Prognose: „Der  SVB Erfurt ist liquidiert. Reiche Westunternehmen haben die Grundstücke billig erworben und gewinnbringend vermarktet. Nach und nach verschwinden alle ehemaligen Gebäude.“

 

Nur wenige einstige Arbeitskräfte haben im 20 Kilometer entfernten  Nohra in dem dort auf der grünen Wiese neu errichteten großen, modernen Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb wieder eine Tätigkeit gefunden.

 

 

 

Neben diesen betriebswirtschaftlichen Problemen galt es in der neuen Gesellschaftsordnung auch Strukturfragen des Veterinärwesens zu lösen. Hierzu unterbreitete auch ich gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der VHI und THD Vorschläge. Wir diskutierten vor allem die Vor- und Nachteile der Zuordnung des Veterinärwesens zur Leitung  der Landwirtschaft oder des  Gesundheitswesens. Auf Landesebene gab es eine starke Orientierung alles nach Strukturen und Landesgesetzen des Bundeslandes Hessen einzurichten. Im Ergebnis der vielen Debatten wurde schließlich in Thüringen der Integration ins Ministerium für Gesundheitswesen der Vorzug gegeben.

 

Als Übergangslösung wurde die Hessische Lebensmittelhygienevorordnung von den Städten und Kreisen Thüringens als Gesetzesgrundlage auf diesem Gebiet bestätigt. Für alle übrigen Gesetze des Veterinärwesens, vor allem in der Tierseuchenbekämpfung,  galten die im Einigungsvertrag getroffenen Regelungen.

 

 

 

Anfang 199o stellten alle Leiter veterinärmedizinischer Einrichtungen gegenüber ihren Mitarbeitern die Vertrauensfrage, inwieweit sie in ihren bisherigen politischen und fachlichen Verhalten integer waren. In geheimer Abstimmung sprachen mir alle Chef- und Obertierärzte das Vertrauen aus. Das diesbezügliche bestätigte Protokoll besitze ich noch. Auf dieser Basis konnte ich mich um die Stelle des Amtstierarztes für Lebensmittelhygiene in Erfurt bewerben, weil mir außerdem bestätigt wurde, dass ich trotz SED – Mitgliedschaft keine ungerechte politische Beurteilung meiner Mitarbeiter zugelassen hatte. Die fachlichen Aspekte hatten in meiner Arbeit stets  den Vorrang. Allerdings habe ich in der Zeit der Wende immer zum Ausdruck gebracht, dass ich in meiner künftigen beruflichen Tätigkeit in den zu übernehmenden Funktionen nicht mehr die erste Geige spielen möchte. Mir ging es in erster Linie darum, meine Berufserfahrungen im Zuge des Strukturwandels mit einzubringen.

 

 

 

Anfang 1990  bewarb ich mich deshalb beim Magistrat der Stadt Erfurt um die Stelle des Amtstierarztes für Lebensmittelhygiene und wurde Mitte diesen Jahres eingestellt. Gemeinsam mit den berufenen Leiter des Veterinäramtes, der bisher in einer Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis für Großtiere tätig war, entwickelten wir die neue Dienststelle nach bundesrepublikanischen Muster. An Personal wurden übernommen:

 

-          1 Tierärztin und ein Tierarzt vom ehemaligen THD des SVB Erfurt,

 

-          8 Lebensmittelkontrolleure, die z.T. von der VHI kamen und dort als Veterinäringenieure gearbeitet hatten oder zum anderen bisher Hygieneinspektoren bei der Kreishygieneinspektion  des Gesundheitsamtes waren,

 

-          1 Veterinäringenieurin, die ebenfalls bisher im THD tätig war und zur Bearbeitung von Tierschutzfragen eingestellt wurde,

 

-          2 Sekretärinnen, die ehemals bei der VHI bzw. beim Rat der Stadt angestellt waren.

 

 

 

Ich war sehr froh, dass ich als Neunundfünfzigjähriger nochmals eine interessante tierärztliche Aufgabe übernehmen konnte. Vor allem auch deshalb, weil ich es Ende der achtziger Jahre so richtig satt hatte in  der DDR in einer leitenden Funktion tätig sein zu müssen. Ein Rückzug war nicht möglich, weil sonst eine Reihe Vorteile, z.B. die Altersversorgung der Intelligenz,  verloren gegangen wären.

 

 

 

Gleich zu Beginn meiner amtstierärztlichen Tätigkeit in Erfurt wurde ich mit einem Vorkommnis konfrontiert, das mir viel Ärger aber auch Erfahrung im Umgang mit den Gesetzen der BRD einbrachte.

 

Der Cheftierarzt des SVB Erfurt, der mir fachlich unterstellt war, versuchte sofort nach der Wende allerhand Verbindungen zu Unternehmen in den alten Bundesländern zu knüpfen.  Er ist sehr wendig und intelligent und hatte gleich ab 1990 viele neue Ideen. In diesem Rahmen ließ er sich von einem zwielichtigen Vertreter aus den alten Bundesländern dazu überreden, Schulungen zur Ablegung des Sachkundenachweises nach § 10 der Hackfleischverordnung durchzuführen. Das wäre nicht zu beanstanden gewesen. Er nahm jedoch im Anschluss an die Unterrichtungen eine Prüfung ab und stellte den Teilnehmern hierüber eine amtliche Bescheinigung aus. Zwei Mal wurden je 35 Teilnehmer mit Omnibus nach Erfurt gebracht. Es waren meist Ausländer, die in Deutschland arbeiteten, aber die deutsche Sprache gar nicht voll beherrschten. Sie waren in den meisten Fällen in ihren Arbeitsorten, vor allem in nordwestlichen Bundesländern, von den zuständigen Behörden nicht zur Ablegung des Sachkundenachweises zugelassen worden. Der Cheftierarzt führte eine je fünfstündige Unterweisung, mit Dolmetschern für verschiedene Fremdsprachen, durch und bescheinigte dann die bestandene Prüfung.

 

Der Leiter der VHI, als damals noch zuständige Aufsichtsbehörde und auch ich wussten nichts von diesem Geschehen. Wir wurden erst aufmerksam, als von einigen Veterinärämtern der alten Bundesländer Beschwerden über diese  Vorgehensweise auftauchten. In Übereinstimmung mit der inzwischen gebildeten Landesveterinärbehörde Thüringens und dem zuständigen Ministerium in Bonn wurden die ausgestellten Bescheinigungen als rechtswidrig erlangt und damit für ungültig erklärt. Nun erreichte uns eine Flut von Widersprüchen und fast alle besagten Teilnehmer engagierten  einen Rechtsanwalt. Sie verlangten, dass der ihnen ausgehändigte Sachkundenachweis Gültigkeit behält. Der Schriftverkehr, den ich in diesem Rahmen mit den jeweiligen Rechtsanwälten führte, füllt mehrere Aktenordner. Der Rechtsstreit kostete viel Geld und diejenigen, die nicht aufgaben behielten  schließlich den Sachkundenachweis. Ob dieser allerdings letztlich von der örtlich zuständigen Behörde anerkannt wurde, weiß ich nicht. Mir wurde in diesem Zusammenhang aber deutlich, dass in der BRD rechtliche Fragen – vor allem Zuständigkeiten – einen höheren Stellenwert besitzen als fachliche Inhalte. Das bekam ich auch bei einer Reihe weiterer Entscheidungen zu spüren, die ich als Amtstierarzt zu treffen hatte.

 

Um das Neue besser zu verstehen half mir eine vierzehntägige Konsultation im Veterinäramt in Kassel ganz außerordentlich. Die dortigen Kollegen waren sehr aufgeschlossen und informierten mich vorbehaltlos über viele Probleme der Veterinärverwaltung. Zugute kam mir, dass ich während meines Studiums Anfang der fünfziger Jahre in Leipzig und Gießen viele gesetzliche Grundlagen und Verfahrensweisen kennen lernte, die bis heute in der Bundesrepublik  gültig blieben. In der DDR dagegen waren, wie schon an anderer Stelle ausführlich dargestellt wurde, ab 1962, mit Inkrafttreten des Veterinärgesetzes, zahlreiche neue Bestimmungen verbindlich geworden.

 

Gleich Anfang 1990 kamen viele Händler aus den alten Bundesländern mit ihren Marktständen nach Erfurt. Während der erweiterten Markttage auf dem Domplatz gab es ein, von der Bevölkerung als etwas Neues begrüßtes, Markttreiben mit reichlichen Warenangebot. Unserem Amt oblag die lebensmittelhygienische Kontrolle des Marktes. Ich war mehrmals schon früh vor  6 Uhr zur Kontrolle präsent und merkte, dass dies die Geschäftsleute meist nicht kannten. So erlebte ich, dass ein Gemüseverkäufer Erzeugnisse aus Holland in Kisten mit deutscher Aufschrift umpacken ließ. Er hatte dazu einige Arbeitslose in Schwarzarbeit angestellt. Trotz dieses offensichtlichen Vergehens hatte ich alle Mühe dieses  mit einem Ordnungs- bzw. Bußgeld zu ahnden. Der Händler wehrte sich, weil die Thüringer Lebensmittelhygieneverordnung noch nicht in Kraft war und eine Bestrafung nach DDR – Recht lehnte er ab. Mit Hilfe der getroffenen Übergangsregelungen nach dem Einigungsvertrag gelang es uns den Verwaltungsakt so ab zu schließen, dass dem Recht genüge getan wurde.

 

In einem anderen Falle musste ich jedoch meine Verfügung revidieren, weil ich nach meinem fachlichen Empfinden richtig nach dem Wortlaut des Gesetzes aber falsch entschieden hatte.

 

Für uns galt, dass jeder, der mit unverpackten Lebensmitteln bei der Herstellung oder beim Verkauf in Berührung kommt, einen Gesundheitspass haben muss. Ich traf einen Geschäftsmann an, der lose Süßwaren, Bonbons und ähnliches verkaufte und keinen  Gesundheitsausweis hatte. Ich verbot den weiteren Verkauf, obwohl der Händler protestierte und meinte, dass er nach Bundesrecht keinen solchen Pass benötigte. Nachdem ich mich im Amt mit den genauen Gesetzestext vertraut gemacht hatte, hob ich meine Entscheidung schnell wieder auf, denn der Kaufmann war im Recht.

 

In den Jahren 1990/91 gab es bei uns viel Ärger mit Hackfleisch und rohen Rostbratwürsten. Wir kontrollierten u.a. vorrangig die Lagertemperatur, die 4 Grad Celsius allgemein und bei alsbaldiger Abgabe an den Kunden 7 Grad nicht übersteigen darf. Anfangs fehlten uns geeichte Thermometer und wir mussten deshalb bei einigen gewieften Geschäftsleuten aus den alten Bundesländern unsere eingeleiteten Ordnungsstrafverfahren zurück ziehen. Der nach DDR Recht erlaubte Verkauf dieser Erzeugnisse auf Märkten wurde sehr schnell von allen Händlern in der Übergangszeit in Anspruch genommen, aber die übrigen strengeren Vorschriften gern missachtet.

 

Ein weiteres Beispiel  zeigte mir, wie wichtig es in der neuen Zeit war alle rechtlichen Fragen gründlich zu recherchieren und zu beachten. Den Verwaltungsakt zu einer Lebensmittelvergiftung, die ganz offensichtlich ursächlich durch Speisen  einer Gaststätte entstand, mussten wir ohne Konsequenzen einstellen. In der vorhandenen  ordnungsgemäß untersuchten Rückstellprobe waren keine Salmonellen nachzuweisen und allein dies genügte als Beweis.

 

Während einer Kühlhauskontrolle Anfang der neunziger Jahre prüften wir  eine größere Menge gefrosteter Hähnchen, die aus Süddeutschland stammten. In 8 der 10 entnommenen Proben wurden Salmonellen gefunden. Ich sperrte den Posten und wollte einen Verkauf im Einzelhandel verhindern. Nach einem Rechtsstreit musste ich meine Entscheidung aufheben, weil der Salmonellenbefund nicht für eine Maßregelung ausreichte. Ich konnte damals nur schwer die Auslegung des BRD- Rechts begreifen. Danach sind Salmonellen in der Rohware kein  Beanstandungsgrund, weil  Geflügel in der Regel vorm Verzehr erhitzt wird. Damit würden die Erreger inaktiviert. Mögliche Schmierinfektionen werden aber weitgehend ignoriert und man baut auf eine ausreichende Küchenhygiene sowie Kühlung.

 

 

 

Anfang 1990 nahm ich in Berlin an einer Veranstaltung des nach der Wende gegründeten Tierärzteverbandes der DDR teil. Was ich dort hörte kann ich leider nicht mehr wörtlich wiedergeben. Es zeigte mir jedoch, dass auch in der neuen Zeit vieles suspekt bleibt. Ein Referent sagte u.a. dem Sinne nach: „Sie werden feststellen, dass jetzt viele Bundesbürger zu ihnen in den Osten kommen, um  von dem neuen Kuchen so viel wie möglich abschneiden zu können. Seien sie deshalb wachsam, damit sie auch daran teilhaben.“ Als Ratschlag für eine zweckmäßige Arbeitsweise meinte er weiter: „ Es bewährt sich, Entscheidungen am Stammtisch zu treffen. Mit dem zuständigen Staatsanwalt, Richter, Bürgermeister, Amtsarzt und anderen lassen sich hier die gewünschten, besten Optionen für alle Maßnahmen aushandeln.“ Ich musste hierbei an die erforderlichen Beziehungen zu Partei- und Staatsorganen  denken, durch die auch in der DDR viele Verfügungen beeinflusst wurden.

 

In diesem Zusammenhang merkte ich an einigen Beispielen recht bald, dass sich in der Notwendigkeit von Bekanntschaften bei der Inanspruchnahme von Vorteilen jeglicher Art nichts geändert hatte.

 

Auf dem Weihnachtsmarkt 1990 in Erfurt bot ein Geschäftsmann aus den alten Bundesländern an einem Stand Glühwein und Kartoffelpuffer an. Er wollte einige unserer Hygieneforderungen nicht erfüllen und berief sich dabei auf seine gute Bekanntschaft mit dem Oberbürgermeister. Erst unser strikter Hinweis, dass gerade dieser für die Einhaltung der Gesetze zuständig ist, brachte den Händler zum Einlenken.

 

Von einigen westdeutschen Kaufleuten wurden wir sogar als Stasispitzel beschimpft, die sich jetzt groß aufspielen würden. Das alles beeinflusste aber in keiner Weise unsere konsequente Kontrolltätigkeit.

 

Eine Marktfrau, die mit Milch- und Joghurterzeugnissen handelte, machte uns immer wieder große Schwierigkeiten, Sie stellte z.B. Waren für die eine Lagertemperatur unter 7 Grad C. vorgeschrieben war, in die pralle Sonne und wollte unsere berechtigten Hygieneforderungen nicht erfüllen. Wir setzten uns mit dem Veterinäramt ihres Firmensitzes in Verbindung und erfuhren, dass es auch dort mit ihr oft große Probleme gab. Mit unserer Konsequenz erreichten wir schließlich, dass sie den Erfurter Markt mit ihrem ambulanten Handel künftig mied.

 

Einen fachlich recht interessanten Fall hatte ich 1991 in einer Erfurter Großbäckerei zu bearbeiten. Im Sahnegebäck dieses Werkes fanden wir in Plan- und Verfolgungsproben immer wieder hohe Konzentrationen an Keimen von Staphylococcus aureus, die als Lebensmittelvergifter bekannt sind. Wenn diese  von Menschen in der Nahrung mit aufgenommen werden, können sie – besonders bei geschwächter Immunitätslage -  Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchkrämpfe und Schweißausbrüche auslösen. Wir wollten der Sache auf den Grund gehen und führten Untersuchungen in den Betriebsstätten durch. Selbst eine Unterbrechung der Produktion zur gründlichen Reinigung und Desinfektion aller Räume und Geräte  brachte nicht den gewünschten Erfolg. Bei der Untersuchung der Beschäftigten, die während der Fabrikation mit den Erzeugnissen in Berührung kamen, ermittelten wir eine Frau mit einer chronischen Oberkieferhöhlenentzündung. Ihr war kein unhygienisches Verhalten nachzuweisen. In ihrem Nasenschleim wurden aber die genannten Erreger nachgewiesen. Nachdem die Arbeiterin von dem Arbeitsplatz, an dem sie mit dem Sahnegebäck in Berührung kam, entfernt war, gab es keine Beanstandungen mehr. Die Geschäftsleitung wollte die Frau fristlos entlassen. Wir bewirkten aber, dass sie  einen anderen Arbeitsplatz erhielt und sich in eine gezielte ärztliche Behandlung begab.

 

 

 

Beschreiben will ich im weiteren, wie wir die THD im Fleischkombinat Erfurt auflösten ( heute sagt man abwickelten ).

 

Große Schwierigkeiten bereiteten uns in dieser Hinsicht die personellen Probleme. Relativ einfach war es noch für die Kolleginnen und Kollegen, die dem Alter nach in den Vorruhestand ( der auf 55 Jahre vorgezogen war ) gehen konnten. Die Jüngeren erhielten nur zum Teil Arbeit in den neu gegründeten Veterinärämtern, im neuen Schlachthof Nohra oder als Pharmavertreter. Einige wurden auch arbeitslos, eine für uns nur schwer nachvollziehbare Entscheidung, an die wir uns erst gewöhnen mussten. Für die in den Vorruhestand oder die Arbeitslosigkeit entlassenen Mitarbeiter galt es entsprechende Abfindungen nach einem Sozialplan auszuhandeln. Leider war deren Höhe Anfang der neunziger Jahre in keiner Weise den bisherigen Arbeitsleistungen äquivalent. Den neu gebildeten Personalräten fehlte außerdem die nötige juristische Erfahrung und das erforderliche Durchsetzungsvermögen. Kurzum: Einige unbescholtene Mitarbeiter zählten zu den Verlierern bei dieser Abwicklung.

 

Leid getan hat es uns, dass wir so viele mühsam beschaffte Laborgeräte und –Gegenstände, Büromöbel u. a. zur Müllkippe bringen mussten. Niemand wollte sie auch nur geschenkt haben.  Ich habe wenigstens meinen noch recht gut erhaltenen Büroschrank und -Schreibtisch mit ins Veterinäramt genommen und vor der Vernichtung gerettet. Es bestand generell der Trend alles neu anzuschaffen. Schwierig war es auch, alle fachlichen Dokumente und Aufzeichnungen, die z.T. schon archiviert waren, zu sortieren und Wichtiges weiter aufzubewahren. Auch hierbei meinten die neuen Behörden oft, alles was von der DDR stammt ist wertlos und kann vernichtet werden.

 

Ich hatte die Aufzeichnungen der Fleischbeschaustatistik seit den vierziger Jahren bis 1989 vollständig aufbewahrt und über die turbulenten Zeiten 1990 bis 1993 gerettet. Diese Unterlagen zeigten recht interessante Ergebnisse. So wurden 1940 im Schlachthof Erfurt 40 Hunde offiziell geschlachtet. Die zahlreichen Tuberkulosebefunde bei Rindern und Schweinen in den fünfziger und sechziger Jahren mit einem drastischen Rückgang ab 1970 zeigten den zeitlichen Ablauf der Sanierungserfolge bei dieser Seuche. Aus der Statistik konnte sehr deutlich der Gesundheitsstatus der Nutztierbestände abgelesen werden. Bei Rinderfinnen gab es z.B. in den siebziger und achtziger Jahren einen durchschnittlichen Befall von 10 %.  Diese Finnen sind ein Entwicklungsstadium des menschlichen Bandwurmes. Beim Verzehr von rohen behafteten Rindfleisch entwickelt sich dieser Parasit im Darm. Aus größeren konzentrierten Mastbullenbeständen wurden manchmal sogar bei 50% der Schlachttiere Rinderfinnen gefunden. Durch die entscheidende Verbesserung der Abwassersituation aber vor allem, weil keine städtischen Abwässer mehr auf die Grünflächen ausgebracht wurden, verringerten sich die Befunde in den neunziger Jahren auf weniger als 1 %. Damit bestätigte sich, dass unsere Forderung, Grünfutterflächen nicht mit Abwässern zu berieseln, die wir in der DDR nicht durchsetzen konnten, zur Reduzierung des Finnenbefalls richtig gewesen wäre.

 

Durch die übrigen von mir aufbewahrten Unterlagen, vor allem über Personalangelegenheiten, konnte ich mehreren ehemaligen Mitarbeitern Auskünfte und Bescheinigungen für ihre Rentenanträge u.a., geben.

 

Die Dokumente waren auch eine gute Quelle für die Aufarbeitung der Geschichte der tierärztlichen Tätigkeit in Schlachthöfen Westthüringens. Leider wurden die meisten  Unterlagen nach meinem Weggang vom Veterinäramt Erfurt bei einem Umzug im Reißwolf vernichtet. So konnte ich 1999 die Anfrage eines Bauunternehmens, ob im Schlachthof Erfurt seit 1913 in der Schlachtung Fälle von Milzbrand aufgetreten sind, nur in Form eines Gedächtnisprotokolls beantworten. Diese Frage ist deshalb wichtig, weil nicht  auszuschließen ist, dass bei positiven Befunden Erreger ins Erdreich gelangen. Die Sporen können  dort Jahrzehnte infektionsfähig bleiben. Bei geplanten Baumaßnahmen wäre in diesem Falle  die ggf. kontaminierte Erde abzutragen und unschädlich zu beseitigen. Aus Erinnerung über die Kenntnis der Fleischbeschauunterlagen konnte ich bescheinigen, dass es zwar mehrfach Verdachtsfälle, aber nie bestätigte Milzbrandbefunde im Schlachthof Erfurt gab.

 

 

 

Mit 63 Jahren wurde ich Rentner. Ab dieser Zeit wirkte ich noch nebenberuflich  bei der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften der Lebensmittelbranche mit. Ab dem 69. Lebensjahr verabschiedete ich mich entgültig ins Rentnerdasein. Unangenehm war, dass ich am Schluss meiner diesbezüglichen Tätigkeit auf eine größere Summe Honorar verzichten musste, weil eine Bildungseinrichtung, für die ich arbeitete, in Konkurs ging.

 

 

 

Ich habe vordergründig eigene Erlebnisse beschrieben, die nach meiner Meinung  hin und wieder von der allgemein bekannten Entwicklung abweichen. Einbezogen habe ich dabei besonders meine Gedanken zum jeweiligen Zeitgeschehen. Meine Erfahrungen im Zusammenhang mit der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft und dem Leben auf dem Lande während meiner Kindheit, als Jugendlicher und im Beruf habe ich vor allem nach persönlichen Aspekten dargestellt und sie erheben deshalb besonders in der historischen Vorstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Episoden über die Haltung der Nutztiere und den Landwirtschaftsbau in der DDR

 

- Erinnerungen 50 Jahre nach dem sozialistischem Frühling -

 

 

 

Prolog

 

 

 

Ich bin nunmehr fast 80 Jahre alt und  nutze gern die Möglichkeiten, die das Internet bietet, wie man damit an umfassende und aktuelle Informationen auf allen Wissensgebieten gelangt. 40 Jahren lebte ich in der DDR; studierte Veterinärmedizin und Bauingenieurwesen und gehörte dann zur so genannten Werktätigen Intelligenz. In dieser Zeit erfüllte ich im Beruf und in der gesellschaftlichen Mitarbeit die von mir verlangten Aufgaben und  Pflichten. Ich gehörte, wie gegenwärtig gern formuliert wird, zu denjenigen, die sich anpassten. Heute  freue ich mich, seit nun 20 Jahren in einem geeinten Deutschland in der BRD zu leben und als nicht mehr abhängig Beschäftigter meine Gedanken ohne Einschränkung aussprechen und veröffentlichen zu können. Auch ich will und kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, aber wahrscheinlich ziehe ich als alter Mensch gern Vergleiche und denke intensiv an Vergangenes, dabei beschäftigten mich u. a. die Fragen: Wie hätte sich in einer fortbestehenden DDR dies und jenes, z. B. auch die Projekte an denen ich mitwirkte, weiter entwickelt? Was haben wir in den Tätigkeitsbereichen, in denen ich arbeitete und die ich zu beurteilen vermag, aus heutiger Sicht richtig oder falsch gemacht?

 

Ab Mitte der 1950er Jahre beschritt man in der Nutztierhaltung in der DDR vielfach neue Wege; die Gründung von LPG, in die teilweise auch die Tiere eingebracht wurden, begann.

 

1960 vor nunmehr 50 Jahren wurde die Landwirtschaft in der DDR vollgenossenschaftlich – es gab nur noch LPG, VEG und die individuellen Wirtschaften der Genossenschaftsbauern. Ein Geburtstag, der  zwiespältige und problematische Erinnerungen weckt.

 

Gigantismus nannten wir dann die, ab den 1970er Jahren geplanten und teilweise errichteten so genannten Tierproduktionsanlagen, in denen z. B.  mehr als 4000 Kühe oder 300000 Schweine gehalten wurden oder werden sollten. Im Bauwesen der DDR gab es einen extra Zeig, den so genannten Landwirtschaftsbau, mit dessen Hilfe Ställe und landwirtschaftliche Gebäude schneller und effektiver errichtet werden sollten. Mit einem Blick auf diese Vergangenheit mit damals völlig ungewohnten Verhältnissen für Menschen und Tiere will ich einige  wahre Erlebnisse, bei denen Orts- und Personennamen teilweise wegelassen oder verändert wurden, darstellen.

 

 

 

Rinderhaltung

 

 

 

Mit Offenställen begann es

 

 

 

Bist du für oder gegen Rinderoffenställe? Mit dieser Frage wurde ab Ende der 1950er Jahre in der DDR die politische Einstellung der Bauern, Agrarwissenschaftler und Tierärzte getestet. Es  war gestattet über Voraussetzungen für diese Haltungsform zu diskutieren, ablehnen durfte man sie aber nicht. Der relativ geringe Bauaufwand sprach für diese Lösung, eine Vielzahl von sehr gewichtigen Argumenten (zum Beispiel der wesentlich höhere Aufwand an Futter, Einstreu und Betreuung) sprach allerdings dagegen. Viele Fachleute unterstützten und förderten  tiergerechte Lösungen für diese Haltung in Offenställen. Wie Tiere und Menschen diese Bedingungen bewältigten, das muss dokumentiert und für die Nachwelt erhalten werden. Es ist nicht nur ein Stück Zeitgeschichte, es widerspiegelt auch Lebensgeschichten von Menschen und Tieren. 

 

Die tierärztliche Tätigkeit gestaltete sich in diesen Offenställen, die anfangs  in der Regel als Laufställe mit 30 bis 50 Tieren in einer Gruppe eingerichtet waren, sehr schwierig. Für Behandlungen am Tier, z. B. Blutprobenentnahme, Trächtigkeitsuntersuchung, Tbc – Test und anderes, mussten die Rinder eingefangen werden, wozu verschiedene Einrichtungen wie Fangfressgitter, Fangstände und ähnliches im Laufe der Zeit erfunden und weiterentwickelt wurden. Häufig jedoch glich die Szene einem amerikanischen Rodeo: Mann gegen Tier, nur das Lasso fehlte. Geschickte Fänger lotsten die Tiere also an die Stellen, wo sie fixiert werden konnten, doch in nahezu jeder Herde gab es zwei bis drei  Rinder, die sich dem Zugriff über lange Zeit erfolgreich zu entziehen wussten. Eine solche Färse war in einem Falle besonders wendig und zwang einen Mitarbeiter zu einer ungewöhnlichen Fangmethode: Der junge Mann hielt sich an den Hörnern des Tieres fest, konnte aber nicht verhindern, dass dieses ihn quer durch den Stall schleifte. In seiner Not biss er in das Flotzmaul des Tieres und konnte dann – mit einem geübten Griff in die Nase – der Färse habhaft werden. Dieses Bild des „bissigen Tierpflegers“ konnte leider nicht auf einem Foto festgehalten werden, schade, die akrobatische Meisterleistung des Fängers war einmalig.

 

 

 

Die widerspenstige Färse im Offenstall

 

 

 

Im Stall des Einzelbauern, aus dem die widerspenstige Färse kam, hatten die weiblichen Rinder wohlklingende Namen, wie sie auch in den Familienstammbüchern als Vorschläge zu finden sind. Hier in einer neu gegründeten LPG blieb sie namenlos. Zur Identifizierung erhielt sie zwar eine Nummer, es ist die 13,  die auf ihrer großen gelben Ohrmarke stand; aber diese Unglückszahl ist kein Ersatz für einen wohlklingenden Mädchennamen. Trotzdem benennen wir sie mit dieser Ziffer, Aberglauben kennen Rinder ja nicht.  

 

Dreizehn gehörte zur Erstbelegung eines relativ kleinen Offenstalles für 120 Rinder, darunter 80 Kühe. Anfangs war sie in der Abteilung der Färsen mit 39 anderen Tieren zusammen. Es grenzt wie an ein Wunder. dass sie bei der beschriebenen Fangaktion ihr Kalb nicht verlor. Überhaupt wusste sie lange nicht, wenn man einem Tier solche Überlegungen unterstellt, wo die bald bevorstehende Geburt stattfinden sollte. Als sie in den an einer Längsseite völlig offenen Stall kam, war Sommer, warmes Wetter, bei Regen hatten sie zumindest ein Dach über den Kopf. Jetzt begann der Winter und die Planen an der offenen Seite hielten die kalte zugige Luft nicht genügend auf. Auch durch die Ritzen der anderen Stallwände pfiff der Wind.  In das aus Holz und Balken zusammen gezimmerte Gebäude wurde sogar hin und wieder Schnee hereingeweht. Man musste sich wundern, dass das die Pfleger ohne zu murren mitmachten, aber die waren ja immer nur kürzere Zeit diesen ungemütlichen klimatischen Bedingungen ausgesetzt, während die Rinder jetzt ständig froren. Selbst das Winterfell, das sie trugen wärmte nur unzureichend. Freilich seit es kälter geworden war, wurde wenigstens täglich frisches trockenes Stroh auf die Lauffläche gestreut, zusätzlich erzeugte das darunter befindliche Mistpolster ein wenig Wärme. Hierfür nahmen alle Tiere den unangenehmen Geruch recht gern in Kauf. Wenn der Winter noch lange anhielt, könnte unter ihnen die täglich höher werdende Mistmasse dazu führen, dass sie mit ihren Köpfen an die Decke stießen.  Apropos Stalldecke, zwischen den Dachbindern über ihnen hielten sich immer Vögel vor allem Tauben auf, hygienisch fanden die Rinder das nicht gut, wenn deren Kot auf sie und ihre Lagerstätte fiel. Sie wunderten sich, dass Menschen in der modernen Landwirtschaft, von der sie immer reden,  so etwas zuließen.

 

Inzwischen war es März geworden und Dreizehn hatte in einer Nacht ganz allein, ohne Hilfe, Nachwuchs bekommen. Am Morgen fand die freundliche Bauersfrau, jetzt in der LPG tätig,  das nunmehr zur Kuh gewordene Tier beim Trockenlecken des Kalbes. Sie half ihr sofort und rieb das Kleine tüchtig mit Stroh ab. Jetzt im Frühjahr war es noch immer recht kalt im Offenstall und das Kälbchen fror. Ein Wunder geschah, entgegen allen Anordnungen ließ die traditionsbewusste Landwirtin das Neugeborene am Euter der Mutter saugen. Sie sagt: „Die armen Tiere haben in diesem schwierigen Stallmilieu so wenig vom Leben, dass wir  ihnen durchaus einige kleine Erleichterungen und Freuden gönnen sollten.“

 

Nur zwei Tage genoss Dreizehn wahres „Kuhglück“, ein neuer Lebensabschnitt begann, sie kam im Laufstall zur Gruppe der Kühe, ihr Nachwuchs in einen massiven Kälberstall mit Einzelboxen. Nie mehr bekam sie ihr Kalb zu Gesicht. Es war kräftig, entwickelte sich gut, überwand die in der Abteilung grassierenden Darminfektionen sehr schnell und wurde deshalb für die Zucht auserwählt. Die Bäuerin behauptet: „Würde man die Kleinen länger das Colostrum, das ist die Erstlingsmuttermilch, direkt am Euter trinken lassen, gäbe es bestimmt weniger Kälberverluste. Lange gestillte Babys sind auch gesünder.“  Mit dieser Meinung erntet sie aber Widerspruch bei den Leitern der LPG und den „Parteioberen“, die sagten, sie sei gegen den wissenschaftlichen Fortschritt.  Kälber könnten auch ohne die überholten konservativen Methoden erfolgreich aufgezogen werden. Auf viel Milch und Fleisch für die Versorgung der Bevölkerung käme es in erster Linie an. Im Übrigen wäre es unwissenschaftlich von gesünder zu reden – für gesund gibt es keine Steigerung – „LPG – Kälber“ sind aber am gesündesten, das dürfte man sagen, hierfür findet man keinen besseren Ausdruck!

 

 

 

Der Leidensweg der Kuh Nummer 13 in der LPG

 

 

 

Die zur LPG – Bäuerin gemachten, der traditionellen Landwirtschaft nachtrauernde Frau, verfolgte den Lebensweg der Kuh 13, die nun auch beim Melken nicht mehr die geschickte Hand eines Menschen spürte. Aber das Maschinenmelken hatte inzwischen bei vielen Landwirten Zustimmung gefunden, es war eine ausgereifte Methode. Neu waren ab den 1950er Jahren die Melkstände unterschiedlichster Bauart. Sie gestatteten eine Massenabfertigung, sie gehörten aber als unabdingbare Voraussetzung zur Laufstallhaltung der Kühe. Vertreten war die gesamte Bandbreite von Modellen mit guter bis hin zu schlechter Melk- und Milchhygiene. Dreizehn wurde mit ihrer Kuhgruppe in einem so genannten Fischgrätenmelkstand gemolken. Sie war Einzelgängerin und in ihrem Wesen sehr widerspenstig. Keine Chance hatte sie aber dem zu entkommen, was die Menschen sich ausdachten die Tiere willfährig zu machen. Brav marschierte sie mit den anderen zum neuen Melkstand, ihr drückte auch die Milch im Euter, die sie unbedingt loswerden musste. An ihrem Platz fand sie eine Schale mit schmackhaftem Kraftfutter vor, also ein Lockmittel, damit sie beim nächsten Melktermin freiwillig ihren Platz aufsuchte. Dreizehn gefiel es allerdings nicht, dass zu den Melkern fast kein Kontakt vorhanden war, die standen in einem tieferen Gang von dem aus sie das Melkzeug anlegten, für sie eine enorme Arbeitserleichterung. Sie merkte es sind Fachleute, der gesamte Melkvorgang gefiel ihr. Beim Gang zurück in den Laufstall konnte es Dreizehn nicht lassen oft einige ausgelassene Hopser zu machen, wobei sie aus versehen einen Pfleger traf. Das wurde ihr übel genommen, alle beobachteten sie künftig wie eine Außenseiterin, sie musste deshalb fortan wie ein artiges Kind in einer Gruppe im Kindergarten laufen. Die Stockhiebe, mit denen sie wegen ihrer Ausgelassenheit manchmal gebändigt wurde, schmerzten. Dabei war sie doch schon Mutter, es grämte sie auch, dass sie ihr Kleines nicht bei sich haben konnte. Es dauerte aber nur kurze Zeit, da wurde sie wieder brünstig und erneut besamt. War das, das erträumte Kuhleben? Dreizehn hatte keine Vergleiche, sie wäre wahrscheinlich aber mit ihren Los jedes Jahr ein Kalb zu gebären und zwischenzeitlich viel Milch zu geben – vorausgesetzt es ist immer genügend Futter da – ganz zufrieden gewesen. Da widerfuhr ihr schon in der 2. Trächtigkeitsperiode ein Leid. Im 4. Monat verlor sie den Fetus, die Menschen sagen, sie hat verkalbt. Vielleicht waren die widrigen, beschwerlichen Umstände in der Laufhaltung im Offenstall schuld?  Nein, es stellte sich heraus, Dreizehn hatte sich mit einer schlimmen Rinderkrankheit der Brucellose zu Deutsch dem seuchenhaften Verkalben infiziert. Auch Menschen können sich anstecken,  wenn sie z.B. bei Hilfeleistungen bei Geburtsvorgängen unvorsichtig sind. Wie konnte es passieren, dass Dreizehn diese schwere Krankheit bekam und was geschieht nun mit ihr? Vorm Zusammenbringen der Rinder in den LPG - Stall wurden alle mittels Blutproben untersucht. Zwar fanden nur die so genannten Brucellosefreien Aufnahme, aber bei der Vielzahl der Bestände aus denen die Rinder kamen war es nach Meinung der Fachleute nicht gänzlich auszuschließen, dass in einem Gehöft ein Tier krank war, aber negativ reagierte. Nach dem Verkalben wurde Dreizehn sofort aus ihrer Herde entfernt und in einen gesonderten Stall verbracht – der hieß jetzt hochtrabend „Brucellosereagentenstall“. Sie konnte es nicht sagen, ob ihr nun die Anbindhaltung besser als der bisherige Laufstall gefiel, ausgelassene Sprünge konnte sie jedenfalls keine mehr machen. Sie musste die nächsten Jahre in einer Unterkunft gemeinsam mit Tieren gleicher Krankheit leben. In der DDR war Brucellose kein Grund die Kühe zu schlachten, sie kamen in so genannte Auffangbetriebe. Eine für Fachleute nicht nachvollziehbare Anordnung. In den Kuhbeständen gelang es außerdem nicht allein durch das Entfernen der infizierten Tiere die Tierseuche zu tilgen. Die Kuhherde, in der Dreizehn ihren „LPG-Einstand“ erfuhr blieb trotz ihres Abgangs  „Brucellosebestand“. Erst in späteren Jahren wurde sie komplett durch eine Herde, rekrutiert aus brucellosefrei aufgezogenen Kälbern, ersetzt. Trotz aller Schwierigkeiten, inbegriffen das unsinnige Schlachtverbot für seuchenkranke Kühe, gelang es in der DDR, wenn auch mit Verzögerung, diese Seuche zu tilgen.

 

 

 

Den Kühen wurden ihre Waffen, ihre Hörner genommen

 

 

 

Die  Kühe, die nun in die LPG eingebracht werden mussten,  hatten in mittelbäuerlichen Betrieben meistens quasi Familienanschluss. Sie trugen Mädchennamen, warteten mit beachtenswerter Milchleistung auf, fühlten sich bei gutem Futter und artgerechter Haltung und Pflege im Stall und auf der Weide sehr wohl. Sie kannten die Menschen, die täglich mit ihnen umgingen und häufig auch freundliche Worte für sie hatten. Jetzt im Jahre 1959 war in einem Thüringer Dorf der Offenstall der LPG fertig gestellt worden und nun drängte man immerfort auch alle noch Zögernden zum Eintritt in die Genossenschaft. Der Bauer hielt dem Druck nicht mehr stand, er unterschrieb die Beitrittserklärung; das brachte gleichermaßen für alle Tiere seines Gehöftes einen Wandel ihres bisherigen gewohnten Lebensalltages mit sich. Mit Tränen in den Augen verabschiedete  die Bäuerin am Hoftor Fünf ihrer Kühe, die sich willig, nichts ahnend was auf sie zukommt, wegführen ließen. Eine durften sie für die so genannte individuelle Tierhaltung behalten. Diese Auswahl fiel sehr schwer, alle waren ihnen ans Herz gewachsen. Die Fünf kamen zu einer Gruppe von 50 Kühen in eine Laufstallhaltung. Zwischen den Eheleuten entbrannte ein heftiger Streit, sie machte den Mann Vorwürfe, dass er dieser Unterbringung zugestimmt hatte. Aus Berichten von Nachbardörfern wusste man, dass sich die zusammengebrachten älteren Kühe derartige Rangkämpfe lieferten, bei denen schlimme Verletzungen nicht ausblieben. Der Bauer versuchte zu besänftigen, er kündigte an, sich für das fachmännische Entfernen der Hörner einzusetzen, damit die Tiere ihre gefährlichen Waffen nicht mehr gebrauchen können. Unsere Sanftmütigen sind bestimmt die Unterlegenen argumentierte die Frau, die weitere viele Beschwernisse befürchtete. Damit behielt sie allerdings Recht. Bereits beim „Enthornen“ begann das Dilemma. Das Verbringen in den Offenstall erfolgte im Mai, ein hierfür klimatisch günstiger Monat. Der Tierarzt lehnte aber den geforderten chirurgischen Eingriff ab, er prophezeite, dass zu dieser Jahreszeit Fliegenmaden  in die Wunden kommen. Der LPG-Vorsitzende bedrängte ihn, so führte er schließlich wider besseres Wissen  diese so genannte Enthornungsaktion durch. Drei Tage nach dem Eingriff bekam er Besuch von zwei Herren, die sich als Kriminalbeamte vorstellten. Es folgte ein Verhör, weil die Mehrzahl der Kühe – wie nicht anders zu erwarten war – unter starkem Madenbefall an den Wunden litten und die „Milchleistung in den Keller ging“. Die Herren vermuteten einen Sabotageakt. Im Nachhinein erwiesen sich diese angeblichen Kriminalbeamten als Mitarbeiter der Staatssicherheit.

 

Die wahren Ursachen der Schwierigkeiten, das Zusammenbringen der Kühe aus den unterschiedlichsten Haltungen, die Unruhe in der Herde und ungenügende Fütterung durften nicht öffentlich gemacht und offen angeprangert werden.

 

Zum Glück hatte der Tierarzt unter dem Stallpersonal gewichtige Fürsprecher, besonders der „Schweizer“ war sein Verbündeter. Es erfolgte eine äußerst sorgfältige und gründliche Wundbehandlung und verantwortungsvolle Nachsorge. Der Melkermeister besserte aber außerdem die Futterrationen mit den Reservebeständen auf, mit dem Resultat, dass die Kühe nach dem Enthornen plötzlich mehr Milch gaben. Damit war gleichzeitig bewiesen, dass damals auf alle Fälle durch mehr Futter höhere Tierleistungen zu erzielen gewesen wären. Es war schon paradox, man ließ sich täuschen und mutmaßte sogar, die entfernten Hörner führten zu höherer Milchleistung. Das schließlich sprach für sich, überzeugte auch die so genannten „Staatshüter“ und der Verdacht der Sabotage war vom Tisch.

 

 

 

Wissenschaftlicher Fortschritt forderte Kuhopfer

 

 

 

Die wirtschaftliche Situation der einzelnen LPG ergab ein sehr heterogenes Bild, aber besonders schwache Betriebe erhielten großzügige staatliche Unterstützung – Bankrott brauchte keine LPG anzumelden. Neu gegründete LPG hatten oft mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. Das bekamen vor allem die Tiere als einschneidende Veränderungen zu spüren, die bisher in kleineren und mittleren Bauernhöfen traditionelle Landwirtschaft mit individueller Betreuung erlebt hatten. Ihre, in der gewöhnungsbedürftigen Wirtschaftsform geborenen und aufgewachsenen Nachkommen, wurden dann schon eher mit den veränderten Bedingungen fertig. Experimentierfreudig erprobte man neue Haltungsbedingungen und Fütterungsmethoden. All das mussten die Tiere mitmachen, ob sie wollten oder nicht. Ersatzstoff, der den permanenten Futtermangel mindern sollte war ein Zauberwort. Sehr skeptisch betrachteten vor allem die älteren Bauern den Einsatz von Milchersatzstoffen für das Tränken der Kälber. Am Kuheuter saugen gab es für den Nachwuchs schon lange nicht mehr. All diese „neumodischen Methoden“ wurden den Tieren aufgezwungen. Ob unter anderem die relativ hohe Sterblichkeit der Kälber eine Antwort war?  Wir können es nicht endgültig ergründen. Darüber hinaus anerkannten aber erfahrene Bauern vor allem die verbesserte Tier- und Milchhygiene und die gesundheitliche Betreuung der Tiere durchaus als Fortschritt. Alles diente aber immer und überall  dazu von unseren Mitgeschöpfen die  höchsten Leistungen zu erzielen.  Treffend äußerte ein gestandener Landwirt: „Unsere landwirtschaftlichen Nutztiere machen wir in der Neuzeit immer mehr zu Produktionsmaschinen, hoffentlich gelingt es uns, sie auch noch als Lebewesen zu erhalten“. Hier hat erfreulicher Weise die Natur Wirkungsmechanismen eingebaut, die uns Menschen in diesem Tun Grenzen setzen. Nichts, keine gewünschte tierische Leistung, wird ohne Beachtung der natürlichen physiologischen Vorgänge ermöglicht. Sonst geht alles schief.

 

Am wohlsten fühlten sich damals ohne Zweifel Kühe und ihr Nachwuchs in den individuellen Tierhaltungen der Genossenschaftsbauern. Sie erlebten noch die traditionelle Landwirtschaft, in der wie einst in den Dörfern des  Thüringer Waldes, Kuh und Kalb quasi Familienanschluss hatten. Sie konnten im Garten oder der individuell genutzten Wiese saftiges Gras fressen.  Etwas anderes spürten die Kühe in einer LPG auch aus dieser Gegend. Dort wollte man den wissenschaftlichen Fortschritt auch nicht verpassen und fügte Anfang der 1960er Jahre dem Futter der Kühe Harnstoff bei. Man hatte gehört, das wäre ein Wundermittel; das Verdauungssystem der Wiederkäuer würde es zulassen daraus eine wertvolle Eiweißquelle zu machen. Die Milchleistung könnte damit enorm gesteigert werden. Aber der Tierpfleger der LPG kannte wahrscheinlich nicht die 400 Jahre alte Aussage von Paracelsus:   „Alle Dinge sind Gift, die Dosis macht es ob ein Ding ein Gift sei.“ Er hatte zur Abendfütterung eine größere Menge Harnstoff auf die zerkleinerten Rüben in der Grippe der Kühe geschüttet und freute sich, dass die Tiere gut fraßen. Ein schauriges Bild bot sich am nächsten Morgen. Von den 20 Tieren lagen 8 tot im Stall. Die übrigen rangen mit den Leben. Der schnell herbeigerufene Tierarzt konnte zumindest die zwölf  Geschädigten retten, für die Notschlachtung der Acht war es zu spät. Welchen Todeskampf die Tiere ausgestanden hatten, war von niemand beobachtet worden – es muss grausam gewesen sein. Es gab Vorwürfe über Vorwürfe und Untersuchungen der Kripo folgten. Zu beklagen war nicht nur der wirtschaftliche Schaden auch die Qual und das Leid der Tiere forderte Bestrafungen, aber vorrangig Schlussfolgerungen. Die wurden gezogen – es gab künftig strenge Einsatzregeln für Harnstoff als Eiweiß Supplement in Futtermitteln für Wiederkäuer. Leider im vorliegenden Geschehen zu spät!

 

 

 

 

 

Die Gefährlichkeit der Tuberkulose (Tbc)  für Menschen und Tiere

 

 

 

Noch heute fordert die Infektionskrankheit Tuberkulose in der Welt jährlich über 1 Million Menschenleben. Vor mehr als 70 Jahren hörte ich während meiner Kindheit von der Gefährlichkeit dieser Seuche, viele Menschen würden daran sterben und auch Rinder und alte Hühner seien von ihr befallen, ohne jedoch immer offensichtliche Erscheinungen der Krankheit zu zeigen. Vor allem über die Milch von Kühen mit so genannter Eutertuberkulose könnte man sich anstecken und man sollte nur abgekochte oder Milch aus der Molkerei trinken. Dabei schmeckte dieses Getränk auch mir besonders gut, wenn ich es direkt nach dem Melken - noch „kuhwarm“ – genießen durfte. Alle Bauern, die ich kannte, hatten im Stall eine Kuh, von der sie meinten, die sei völlig gesund und sie nahmen deshalb deren Milch für den Eigenbedarf. Eine Garantie war das aber nicht, denn Tests zu Feststellung der Krankheit kannten wir damals noch nicht, erst bei der Schlachtung und Fleischbeschau konnte die Tbc festgestellt werden. In späteren Jahren las ich in einer Veröffentlichung, dass  nach einer Untersuchung in Deutschland 1936 in mehr als einem Drittel der Bestände ebensoviel  Rinder tuberkulosekrank waren. Da wurde mir bewusst, mit welcher Sorglosigkeit wir damals auf dem Lande mit  Ansteckungsgefahren umgingen. Andererseits hatten aber besonders wir Kinder auch ein gut trainiertes Immunsystem, es gab in jener Zeit keine so große Angst vor Schmutz und Dreck in Hof und Stall, wie in der Neuzeit, in der Waschen und Hygiene oft übertrieben werden.

 

Bereits 7 Jahre nach Kriegsende also 1952 wurde in der BRD ein freiwilliges Verfahren zur Bekämpfung der Rindertuberkulose mit Tuberkulin – Tests und Prämien für Milch aus tuberkulosefreien Beständen gestartet. 1955 begann ein ähnliches Programm in der DDR, das 1959 zu einem Pflichtverfahren im Rahmen eines   10-Jahres-Plan zur Tilgung dieser Seuche wurde. Bereits 1961 waren in der BRD 99,7% aller Betriebe staatlich anerkannt tuberkulosefrei; der marktwirtschaftliche Zwang, nur noch Milch aus Tbc- freien Beständen verkaufen zu können, trug wesentlich hierzu bei. In der DDR waren erst 1971 also 10 Jahre später 99% aller Rinderbestände tuberkulosefrei, weil die Tiere, die positiv auf den Tbc-Test reagierten wegen dieser Krankheit nicht oder nur unter starken Einschränkungen geschlachtet werden durften; die Tierhaltungspläne hatten Vorrang vor den Tbc-Sanierungsplänen. In Fachkreisen wurden diese unterschiedlichen Wege zur Tilgung der Rindertuberkulose diskutiert, in einigen Kurzgeschichten sollen hierzu Kuriosa dieser Seuchenbekämpfungsstrategie dargestellt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LPG Gründung und Tbc- Bekämpfung

 

 

 

Mit neuen Wortschöpfungen ging man in der DDR nicht zimperlich um. So sollten im Jahre 1960 alle Dörfer „vollgenossenschaftlich“ werden, das hieß, alle Einzelbauern mussten ihren freiwilligen Beitritt zur LPG erklären und vollziehen. Parteifolgsame Bürgermeister wetteiferten untereinander mit dem Ziel die ersten zu sein, die es schafften ihre ganze Dorfgemeinschaft zur Mitgliedschaft  in der LPG zu bewegen; sei es durch Überzeugung oder auch unlautere Mittel oder Zwangsmaßnahmen. Via Buschfunk machten Berichte von Menschen die Runde, die sich sogar durch Selbstmord einer zwanghaften Einverleibung in die LPG widersetzten, viele Bauern ließen Hab und Gut zurück und flüchteten in die BRD. Ein Erlebnis aus dieser bewegten Zeit hat mich sehr erschüttert: Ich besuchte einen Einzelbauern, der einen ca. 10 ha großen Betrieb bewirtschaftete. Der über 80jährige Mann saß in seiner Stube – alt, gebrechlich und scheinbar geistesabwesend. Neben ihm stand eine junge Frau, ca. 40 Jahre alt, die mir empört erzählte: „Jetzt will man uns auch in die LPG zwingen und damit ist alles verloren! Da habe ich extra den Alten geheiratet, damit ich mal Land besitze und unabhängig bin und jetzt nimmt man mir alles weg.“ Der Bauer ließ die Schimpftirade unbeteiligt über sich ergehen; er hörte solcherart hartherzige Äußerungen sicher nicht das erste Mal....

 

Allerdings: für wirtschaftsschwache Gehöfte bedeutete der Eintritt in die LPG einen Vorteil. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen wären sie Pleite gegangen und auch in der DDR konnten sie oft  den Pflichtablieferungen der landwirtschaftlichen Produkte nicht nachkommen und Bestrafungen wären die Folge gewesen. Zudem bestätigten nach einigen Jahren eine Reihe Bauern, die sich damals vehement gegen die LPG-Mitgliedschaft gesträubt hatten, dass der Eintritt sowohl persönliche als auch bestimmte wirtschaftliche Vorteile gebracht hat. Nicht selten wurde die durch den Zusammenschluss neu gewonnene Freiheit missbraucht: während der Ernte- und Hauptarbeitszeit in der Landwirtschaft machten die „frischen“ LPG-Bauern Urlaub, so dass Mitarbeiter aus der Verwaltung oder aus Industriebetrieben aufs Land gehen mussten, um die Ernte einzubringen, Kartoffeln zu lesen o. ä. An etlichen solchen Schüler- und dann Studenteneinsätzen, die immer ein Gaudi waren, habe ich schon in den 50er Jahren teilgenommen.

 

Mit vielen unterschiedlichsten Argumenten versuchte man die Bauern von den Vorteilen zu überzeugen, die ihr LPG Beitritt mit sich bringen würde. Es galt vor allem erfahrene Landwirte zur aktiven Mitarbeit zu gewinnen. Nicht zuletzt sollte auch durch das Einbringen der Tiere in die genossenschaftlichen Stallungen, so wurde es jedenfalls begründet,  die Bekämpfung der Rindertuberkulose beschleunigt werden.

 

 

 

 

 

Bauern protestierten heimlich

 

 

 

In einem kleineren Dorf in Thüringen war es Ende der 1950er Jahre soweit, dass sich alle Bauern zum LPG Beitritt bereit erklärt hatten. Sehr schnell mussten nun alle Rinder getestet werden, um Tbc- Reagenten und Tbc freie Tier zu trennen. Erfreulicher Weise wurden nach der ersten Untersuchung nur 10% der Kühe und 1% der Jungrinder als Tbc positiv ermittelt; das waren weniger als 30 Tiere. Eine gute Ausgangsposition um in dieser kleinen Gemeinde für die Rinderhaltung den Status „staatlich anerkannter tuberkulosefreier Rinderbestand“ zu erreichen. Ein erstrebenswertes Ziel: Durch die Entfernung Tbc kranker Rinder wird das Ansteckungsrisiko beseitigt, der Aufwand für eine notwendige  getrennte Unterbringung und Haltung Tbc freier und Tbc kranker Tiere fällt weg. Bürgermeister und alle Bauern waren dafür die wenigen Tbc Reagenten der Schlachtung zu zuführen, aber die Kreisverwaltung und SED Kreisleitung waren dagegen. Sie forderten in erster Linie den staatlichen „Tierhaltungsplan“ bedingungslos einzuhalten. Tbc positive Rinder sollten an LPG in anderen Gemeinden mit stärkerer Tbc Verseuchung dann verkauft werden, wenn durch eine Tbc- freien Kälber- und Jungrinderaufzucht Nachzucht  die verlangte Anzahl Kühe gesichert ist. Das war nicht kurzfristig zu realisieren und notgedrungen musste mit hohem Aufwand ein getrennter Stall für Tbc Reagenten eingerichtet werden. Folge: Die Trennung funktionierte nicht ganz reibungslos und die ehemals gute Ausgangsposition verschlechterte sich. Immer wieder wurden bei den Untersuchungen Tiere ermittelt, die in den so genannten Reagentenstall, der bald nicht mehr ausreichte, verbracht werden mussten. Da machte plötzlich das Wort Sabotage die Runde. Es wurde behauptet einige Pfleger machen absichtlich Fehler indem sie im Regentenstall gebrauchte Gerätschaften auch in den anderen Stallungen, in denen Tbc freie Tiere stehen, benutzen oder dort zu spät die ermittelten Tbc positiven Tiere ausstallen; insgesamt also Reinfektionen in der Tbc freien Herde Vorschub leisten. Sie würden damit heimlich gegen das ehemals ausgesprochene Schlachtverbot der geringen Anzahl Tbc – Reagenten protestieren. Als dann einer der Tierpfleger sich illegal nach der BRD absetzte, glaubte man einen Schuldigen gefunden zu haben; aber die Reinfektionen hörten trotzdem nicht auf. Wahrscheinlich fehlte insgesamt die Bereitschaft der Bauern sich für längere Zeit mit den getrennten Stallungen für Tbc- freie und Tbc – Reagenten abzufinden. Im Übrigen plagte man sich in der LPG mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten herum; vor allem stand für den nach Plan aufgezwungenen großen Tierbestand nicht genügend Futter zur Verfügung – die Feld- und Wiesenerträge waren in der Region, in der sich die LPG befand, nicht sehr üppig.  Aber es wurde mit brachialer Gewalt die falsche  Thesen durchgesetzt: Je mehr Kühe vorhanden sind, desto mehr Milch wird produziert – eine klassische „Milchmädchenrechnung“, denn wo soll die Milch herkommen, wenn es den Kühen an Futter mangelt? Ein gezielter, leistungsgerechter Einsatz des vorhandenen Futters an weniger Tiere wäre auf alle Fälle sinnvoller gewesen.

 

Dann kamen findig Bauern auf den Gedanken die Tbc freien Jungrinder im Sommer auf Pensionsweiden in die Mittelgebirgslagen des Thüringer Waldes zu verbringen; dort konnten zusätzliche Futterreserven erschlossen werden. Mit dieser Unterstützung und insgesamt der Tbc- freien Kälber- und Jungrinderaufzucht konnte dann nach einigen Jahren die Tilgung der Seuche auch in dieser  LPG abgeschlossen werden, was gleichzeitig mit zur wirtschaftlichen Stabilisierung führte.

 

 

 

Ein Melker infiziert Kühe mit Tbc - Erregern

 

 

 

In der  Zeit, in der ich als Tierarzt im Rahmen der Rindertuberkulosebekämpfung tätig war, sammelte ich eine Reihe fachlich interessanter Erfahrungen. In diesem Zusammenhang will ich ein Beispiel nennen, das sehr eindeutig theoretische Erkenntnisse in der Praxis bestätigte. In einer Gemeinde sollte Ende der 1950er Jahre eine im Offenstall gehaltene Kuhherde mit mehr als 100 Tieren, die aus einer Tuberkulose – freien Jungrinderaufzucht stammten, die staatliche Anerkennung erhalten. Schon bei der ersten Untersuchung reagierten beim Tbc - Test einige Kühe positiv. Auch nach Entfernung dieser Tiere ermittelten wir bei den drei folgenden nach den vorgeschriebenen Abständen durchgeführten Untersuchungen immer wieder  Tbc – Reagenten. Wir konnten uns die Ursachen dieser Reinfektionen zunächst nicht erklären. Ich ließ deshalb das Stallpersonal auf Tuberkulose untersuchen und wir ermittelten tatsächlich einen Melker mit einer akuten Lungentuberkulose. Die bei diesem Mann im Sputum gefundenen Tuberkulosebakterien waren auch bei der Typendifferenzierung identisch mit den bei den Kühen ermittelten Erregern. Der Melker musste seine Arbeit in dem Kuhbestand zunächst beenden  und sich in ärztliche Behandlung begeben. Er hatte sich einige Jahre mit Erfolg von den vorgeschriebenen  Reihenuntersuchungen  (Lungenröntgen) gedrückt und es war höchste Zeit, dass seine relativ schwere Krankheit behandelt wurde. Auch in der Kuhherde hörten die Reinfektionen auf. Für uns war dieses Vorkommnis Ende der fünfziger Jahre ein weiteres Argument, dass es notwendig wäre auch für das Stallpersonal Gesundheitspässe gesetzlich vorzuschreiben. Eine Maßnahme die später teilweise Berücksichtigung fand.

 

 

 

Maul und Klauenseuche (MKS) – wie ich sie Anfang der 1960er Jahre erlebte

 

 

 

Im Unterschied zur Tbc ist die MKS eine ausgesprochene Tierseuche, ohne Ansteckungsgefahr für Menschen. In früheren Jahrhunderten erkrankten bei Epidemien oder auch Pandemien oft viele Klauentiere, insbesondere Rinder, sehr schwer. Todesfälle blieben nicht aus und die wirtschaftlichen Schäden waren teilweise enorm. Impfungen und modernere Tierseuchenbekämpfungsmaßnahmen führten in der Neuzeit zu geringeren Auswirkungen.

 

Mit ersten amtlichen Feststellungen in einigen Klauentierbeständen im Kreis Weimar  begann 1962 in der DDR ein MKS Seuchenzug. Nachweislich hatte die Infektion ihren Ausgang von Schweinen genommen, die in primitiven Ställen im Kasernengelände der Roten Armee in Nohra bei Weimar gehalten wurden. Die Soldaten hatten illegal mit Bauern der Umgebung erkrankte Mastschweine, die während der  Inkubationszeit noch keine Krankheitszeichen zeigten, gegen Zuchttiere getauscht. Diese Tatsachen durften offiziell nicht bekannt gemacht werden, denn die Besatzungsmacht war unantastbar. Ich erinnere mich dabei an ein offizielles Gespräch mit dem sowjetischen Generalveterinär in Erfurt, das ich als amtlicher Tierarzt führte. Der General sagte: „ In unserem Kasernengelände werden keine Schweine gehalten.“ Zu diesem Zeitpunkt stimmte das dann sogar, denn nach dem Seuchenausbruch wurden dort alle Tiere getötet und die Ställe bzw. Hütten und deren Einrichtungen restlos verbrannt. Das erfuhren wir inoffiziell durch sowjetische Soldaten, denn wir Deutschen durften das Gelände nicht betreten. Die Liquidation der Schweinebestände bedauerten die Muschkoten, denn sie hatten mit der Mast der Tiere, die vorrangig mit Küchenabfällen ernährt wurden, ihren Speiseplan etwas aufgebessert. 

 

Die MKS, besonders bei Schweinen, aber auch bei Rindern, war dann ab Sommer 1962 nicht mehr aufzuhalten, sie verbreitete sich über den gesamten Bezirk Erfurt und darüber hinaus in der DDR. Ungefähr ein halbes Jahr nach dem Erstausbruch waren in unserem Territorium in mehr als 500 Gemeinden -  ca. 70 % aller Kommunen des Bezirkes Erfurt - Stallanlagen oder Gehöfte wegen MKS gesperrt. Die Besonderheit dieses Seuchengeschehens bestand darin, dass vielfach vor allem Schweine erkrankten, während es bei früheren Seuchenzügen hauptsächlich Rinder waren.

 

Über die fachlichen Aspekte der damaligen Tierseuchenbekämpfung wurde in mehreren Veröffentlichungen ausführlich berichtet. Meine Erlebnisse, die ich schildere,  bewegten sich am Rande dieser Ereignisse, sie sollen die offiziellen Berichte ergänzen.

 

In der DDR konnten wir uns auf  gute Gesetzesgrundlagen stützen, denn 1962 war hier das neue Veterinärgesetz mit entsprechenden Ausführungsbestimmungen bzw. Anordnungen für die Tierseuchenbekämpfung in Kraft getreten; damit waren auch alle Behörden bei der Mitwirkung einbezogen.

 

Unvergessen bleibt mir eine kuriose Entscheidung eines Bürgermeisters in einem Ort im Landkreis Weimar. Dieser Ortsvorstand veröffentlichte an der Informationstafel  am Gemeindeamt eine Mitteilung mit folgendem Text: „Heute Morgen wurde bei den Rindern und Schweinen des Bauern  X durch den Kreistierarzt amtlich MKS festgestellt. Da es ein Erstausbruch ist, wird das gesamte Dorf gesperrt. Wer noch Feldfrüchte, Obst oder sonstige Materialien und Gegenstände aus oder in den Ort bringen muss, hat dies bis heute 13,00 Uhr zu erledigen. Ab diesem Zeitpunkt wird die gesamte Gemeinde für alle Personen und sonstigen Verkehr gesperrt.“ Mit solchen Maßnahmen konnte die Ausbreitung der Seuche verständlicherweise nicht aufgehalten werden.

 

In jener Zeit waren durch die LPG Gründungen mehrere Tierproduktionsanlagen entstanden, in denen nunmehr konzentriert eine größere Anzahl Klauentiere als vorher in den Ställen der Einzelbauern untergebracht waren. Damit wurde die Einrichtung von Seuchensperr- oder Schutzzonen problematischer, weil außerdem Erfahrungen im Umgang mit diesen neuen Verhältnissen fehlten. Ein Beispiel, das ich stellvertretend für mehrere schildern will, zeigt, dass die neuen Strukturen in der Tierhaltung der DDR auch neue Wege in der Tierseuchenbekämpfung erforderten.

 

Am Rande einer Thüringer Kleinstadt war Ende der 1950er Jahre eine recht moderne Stallanlage für 400 Kühe mit vier von einander getrennten Ställen für je 100 Tiere errichtet worden. Im Herbst 1962 erkrankten in einem dieser Ställe einige Kühe an MKS. Sofort unternahm man Schritte diesen Stall zu isolieren: Getrenntes Personal und getrennte Geräte, separate Futteranlieferung, gesonderter Mist Abtransport usw.

 

Die Erkrankung bei den ersten Tieren nahm einen sehr milden Verlauf. Trotz strenger Absperrmaßnahmen kam es aber nach und nach auch in den übrigen drei Ställen zu weiteren Infektionen. In dem am Rande der Anlage gelegenen Stall traten erst nach 2 Wochen MKS Erkrankungen auf. Inzwischen stellte sich bei den Kühen ein immer schwerer Krankheitsverlauf ein und einige der zuletzt angesteckten Tiere starben. Das Virus hatte sich durch die so genannten Tierpassagen verändert und war damit virulenter und krankmachender geworden. Eine Tatsache, die sich in den letzten Jahren bei vielen virusbedingten Seuchen zeigte.

 

Ich erinnere mich an die damaligen Aussagen eines erfahrenen Landwirts, die ich nur sinngemäß wiedergeben kann: „Eure Absperrmaßnahmen werden keinen Erfolg haben. Die MKS ist so ansteckend, dass auch die Seuchenmatten, die ihr vor allen Stalleingängen eingerichtet habt und alle Desinfektionsmaßnamen nichts ausrichten. Die sich zuletzt ansteckenden Kühe werden viel schwerer erkranken als die ersten von der Krankheit befallenen Tiere. Früher sorgten wir deshalb dafür, dass die Seuche schnell auf alle Rinder des Bestandes übertragen wird. Mit einem Strohwisch haben wir über das Maul, wo sich geplatzte Blasen – ein typisches Zeichen für MKS – bei der zuerst erkrankten Kuh zeigten, gewischt. Mit diesem Strohbündel haben wir dann über die Mäuler  aller übrigen Rinder gestrichen und  das Ansteckungsmaterial  auf alle übertragen. Die Folge waren meistens nur leichte Erkrankungen im gesamten Bestand. Bei den Rindern von Bauern, die sich vor solchen Maßnahmen fürchteten, gab es dagegen häufig größere Schäden bis hin zu Todesfällen. Wir haben mit dieser Methode auf unsere Art geimpft.“

 

Dieser Mann behielt Recht. Mit der völligen Absperrung oder Quarantäne ganzer Gemeinden oder größerer Klauentieranlagen konnte nur in wenigen Fällen die Seuche aufgehalten werden.

 

Die dann eingeleiteten Ringimpfungen in den Seuchenschutzzonen erbrachten bei Rindern und Schafen eine gewisse Entwarnung, aber bei Schweinen war keine ausreichende Immunität zu erlangen. Selbst die Herstellung und der Einsatz eines Impfstoffes vom Serum erkrankter Schweine des Territoriums zeigten nicht den gewünschten Erfolg. Schwierig war es, in den Seuchensperr- und Schutzzonen geplante Veranstaltungen zu verbieten. In einem größeren Dorf im Kreis Weimar musste ich gemeinsam mit dem zuständigen Kreistierarzt eine schon begonnene Kirmesveranstaltung untersagen. Nur unter Polizeischutz konnten wir den Ort betreten und verlassen.

 

Persönlich erlebte ich während des Höhepunktes im Seuchengeschehen im Kreis Apolda eine  unangenehme Situation. Es kam die Zeit in der wir bei einem Bauern, wie alljährlich, unsere Winteräpfel einkauften. Meine Frau und ich fuhren an einem Samstagmittag dorthin und parkten das Auto vor dem Hoftor. Wir trugen die Apfelstiegen aus dem Gehöft und verluden sie auf den PKW – Anhänger. Bei der letzten Verladung begleitete uns die Bauersfrau bis vors Hoftor und sagte: „So, sie sind die letzten, die noch Äpfel abholen. Heute früh hat der Kreistierarzt bei unseren Tieren MKS festgestellt und wir sollten eigentlich nichts mehr aus dem Gehöft bringen. Das Obst musste aber doch noch verkauft werden.“ Sie brachte nun das Schild mit der Aufschrift „MKS Sperrgehöft – Betreten verboten“ am Hoftor an. Als Bezirkstierarzt war ich in eine sehr missliche Lage geraten. Was sollte ich tun? Meine Frau und ich unterzogen uns Desinfektionsmaßnahen ähnlich einer Personenschleuse. Die Äpfel kamen in einen Stadthaushalt ohne direkten Kontakt zu Klauentierbeständen. Von dieser Seite her konnte also die Übertragungsgefahr minimiert werden. Was mache ich aber mit der Gesetzesübertretung des Apfellieferanten? Ich verfügte, dass er eine Ordnungsstrafe zu bezahlen hatte. Er hatte auch Verständnis für diese Maßregelung, denn auch in den Folgejahren belieferte er uns weiterhin mit vorzüglichen Winteräpfeln.

 

 

 

Produktionsreserven erschließen: Schweinegülle wird Rinderfutter

 

 

 

Kälber durften in der DDR nur in Ausnahmefällen geschlachtet werden, weil diese – wenn sie nicht zur Reproduktion des Kuhbestandes benötigt wurden – gemästet werden sollten, um die Rindfleischproduktion zu steigern. Produktion, ein Wort, das in diesem Lande immer und überall, wo nur möglich, im Sprachgebrauch verwendet wurde; dazu durfte die Steigerung der Produktion als das erklärte Ziel in keiner Publikation fehlen. Ich erlebte: Ein SED Parteifunktionär korrigierte, wie häufig gefordert, eine meiner geplanten fachlichen Veröffentlichungen; er verlangte, anstelle „geborene Kälber“. „produzierte Kälber“ zu formulieren. In der Rinderproduktion spielten neben der Milchproduktion die Fleischproduktion und dabei wiederum die Bullenmastproduktion eine große Rolle. Wir hatten uns so an diesen Jargon gewöhnt, dass wir vielfach gar nicht mehr nach besseren  Formulierungen suchten und produzierten überall fleißig mit.

 

Die Produktionsplanziele ließen sich allerdings nur mit ausreichender Futterproduktion erreichen und deshalb galt es Produktionsreserven zu erschließen. Fündig wurde man hierbei in einer LPG in Thüringen, in der man auf den Gedanken kam, die Schweinegülle zu trocknen und das Produkt an Mastbullen zu verfüttern. Man versprach sich Vorteile in doppelter Hinsicht: Die Gülle, mit der man in den größeren Schweinemastanlagen nicht wusste wohin, konnte auf nutzbringende Art Verwendung finden. Allerdings hörte man auf die Fachleute und untersuchte vorher die technischen Möglichkeiten, Einsatzbedingungen, Schadstoffgefahren, die tierernährungsphysiologischen Probleme und die Fleischqualität.

 

Man begann in den 1970er Jahren mit einem Kleinversuch: Zunächst wurde in einer mechanischen Presse aus der Gülle das ungebundene Wasser entfernt und die Masse anschließend mit einem thermischen Trennverfahren getrocknet. Mit hohem Elektroenergieaufwand (der Strom war in der DDR billig) entstand eine Trockenmasse, die nur noch andeutungsweise nach Gülle roch. Allerdings in der Umgebung, in der die Trocknungsgeräte im Einsatz waren, stank es ganz fürchterlich. Die in der Pilotanlage hergestellten Mengen reichten nicht aus die geplante größere Zahl Mastbullen, die in den Fütterungsversuch  einbezogen werden sollten, mit diesem Zusatzfutter zu versorgen. Im nächsten Schritt wurde deshalb eine größere moderne Futtertrocknungsanlage, die in den 1960er und 1970er Jahren  in der DDR in mehreren ländlichen Bezirken errichtet worden waren, in die Versuche einbezogen. An Gülle mangelte es nicht, die in Tankwagen in den Trocknungsbetrieb gebracht werden konnte; jedoch mussten alle notwendigen Randbedingungen geprüft werden. Die Trocknung klappte, aber was war mit der Abluft, die genügend hoch in die Luft geblasen werden musste, um die Geruchsbelästigung in der Umgebung in Grenzen zu halten? Ich erinnere mich, dass wir bei der Untersuchung dieser Probleme zunächst Schlimmes erlebten. Bei den ersten „Produktionsversuchen“ prüften wir in einer Umgebung bis zu 15 km im Umkreis der Trocknungsanlage ob es noch nach Gülle stank. Wir trafen Leute auf der Straße, die meinten: „Irgendwo in der Nähe muss doch eine chemische Fabrik entstanden sein, es riecht ja fürchterlich nach verbranntem Eiweiß. Man könnte auch denken, es käme von einem Krematorium.“ Da Wetter und Klima nicht beeinflusst werden können, wurde hin und wieder die „Duftwolke“ sogar in noch weitere Entfernungen getragen. Kurzum, trotz einiger technischer Veränderungen in der Trocknungsanlage, wusste die Bevölkerung in der Umgebung, wann wieder Gülle getrocknet wurde.

 

Nun konnten die in großer Menge produzierten Güllefeststoffe in Rindermastbetrieben zum Einsatz kommen. In einem Schlacht und Verarbeitungsbetrieb und einschlägigen Instituten wurden in diesem Rahmen Forschungsaufträge bearbeitet nach denen die gesundheitlich Unbedenklichkeit und Qualität des Fleisches  der Mastrinder, die diesen Futterzusatz erhielten, untersucht wurde. Eine umfassende Publikation all dieser Ergebnisse wurde mir nicht bekannt, sie wurden wahrscheinlich auch teilweise unter Verschluss gehalten. Berichten kann ich deshalb nur über Resultate an deren Ermittlung ich mitwirkte. Es wurde festgestellt, dass ein maximaler Anteil von 18% Güllefeststoff in der Futterration der Mastrinder keinen nachweisbaren negativen Einfluss auf die Fleischqualität besitzt. Untersucht wurden: PH-Wert, Fleischfarbe, Drippverlust, chemisch analytische Werte und Keimzahl. Einige Kochproben zeigten geringe Abweichungen im Fett- und Fleischgeruch, dabei konnte kein signifikanter Zusammenhang zur Verfütterung von Güllefeststoffen nachgewiesen werden.

 

In gleicher Weise wurde in dieser Zeit auch Geflügeltiefstreu an Mastrinder verfüttert, die wegen ihres relativ hohen Anteils an Ammoniak ein brauchbares Zusatzfutter sein sollte.

 

Erfreulicher Weise werden in der Neuzeit weniger oder keine Abfälle mehr in der Rinderfütterung eingesetzt; verbesserte und umfangreichere  Untersuchungen der Futtermittel auf das Vorkommen von Schadstoffen, die teilweise auch ins Fett und Fleisch übergehen können, bieten uns hierbei außerdem größere Sicherheiten vor Manipulationen.

 

Gülle und andere Abfallstoffe aus der Tierhaltung können heute sinnvoll in Biogasanlagen genutzt werden.

 

 

 

Strohlose Haltungsformen der Rinder

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schweinehaltung

 

 

 

Die Frage, ob mit der Gründung der DDR auch für die hier lebenden Schweine ein neues Zeitalter anfing, könnte zweideutig ausgelegt werden. Sicher ist, dass wenige Zeit später die Ausrufung des Aufbaus des Sozialismus auch die Schweinehaltung veränderte.

 

Welch missverständliche Behauptungen und Vergleiche Menschen manchmal betonen, zeigt sich, wenn man von einigen DDR-Bürgern hört: „Wir hatten in der DDR ein Schweineleben.“ Bedeutete dieses ein gutes, schlechtes, dreckiges oder gar kurzes? Alles ist möglich aber nicht ohne Erklärungen zu begreifen. Gleiche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen, wenn man die Zucht und Haltung der Schweine in diesem Lande kennen lernte und sie sachlich, fachlich, exakt beurteilt. Vier Jahrzehnte wurde die DDR alt und in dieser Zeit  wurden hier so viele Schweine geboren, gezüchtet, gehalten, gemästet, geschlachtet, lebend und als Fleisch exportiert, dass man sagen kann es war ein „Schweineland“. Mit dieser Tierart verdiente der Staat ein „Schweinegeld“, ob es aber ökonomisch immer sinnvoll eingesetzt wurde, bleibt dahingestellt.

 

 

 

Schweinerassen in der DDR und Wildschweine

 

 

 

Über die Probleme der Schweinerassen in der DDR lasse ich die Tiere selbst berichten, ein Trick, den mir der Leser gestatten möge.   

 

Auf dem Viehhof im Schlachthof debattierten 3 Sauen über die Bedeutung ihrer jeweiligen Rasse in der DDR – Schweinezucht. Ihre Argumente hörten sich alle gut an.

 

Das Deutsche veredelte Landschwein sagte: „Meine Rasse macht fast zweidrittel des Gesamtschweinebestandes  in unserem Lande aus. Uns bescheinigen die Fachleute, dass wir ein frohwüchsiges, fruchtbares Mehrzweckschwein sind. Mit etwa 90 – 100 kg geschlachtet, sind wir Fleischschweine und mit 150 kg Fettschweine, dann eignet sich unser Fleisch für die Herstellung von Dauerwaren.“

 

Das Deutsche weiße Edelschwein argumentierte sehr ausführlich: „Unser Anteil am Gesamtbestand ist zwar geringer; ich habe aber gehört, dass wir uns in den von dir geschilderten Leistungen kaum noch unterscheiden. In der DDR war man zwar immer sehr skeptisch, wenn etwas aus dem kapitalistischen Ausland eingeführt werden sollte, aber besonders bei uns, vielleicht auch bei euch, hat sich jedoch die Einkreuzung englischer Rassen bewährt. Wir haben jetzt einen viel längeren Rücken und liefern mehr Koteletts als bisher. Jedoch macht uns unser Rücken jetzt ganz schöne Beschwerden und auch in der Fleischqualität soll es Probleme geben. Ich bin nicht besonders überzeugt von all dem, was die SED von uns Schweinen fordert; in dem Fall haben sie recht,  die Errungenschaften des Klassenfeindes sollten nur mit Vorsicht übernommen werden.“

 

Ein Deutsches Sattelschwein leistete ebenfalls einen Gesprächsbeitrag: „Von meiner Rasse gibt es nur noch eine geringe Anzahl Tiere. Deshalb bin ich besonders den Thüringern dankbar, die einiges für die Erhaltung unserer Rassemerkmale getan haben. Wir sind sehr fruchtbar, unser Fleisch eignet sich, je nachdem mit welchem Gewicht wir geschlachtet werden, für alles. Auf unser Aussehen – die großen schwarzen Flecken über die Hautoberfläche  verteilt – sind wir sehr stolz, wir unterscheiden uns damit von den heute durchweg üblichen einfarbigen Schweinen. Wenn wir mal dreckig sind, dann bemerkt man das auch nicht so deutlich.“

 

Das Deutsche veredelte Landschwein, das als erstes geredet hatte, will aber sein ganzes Wissen an den Mann, oder besser an das Schwein bringen und berichtet weiter:  „Ich habe gehört, dass früher von Fachleuten unser Schlachtwert eingeschätzt wurde, wenn wir noch lebten. Heute soll dazu unsere Speckdicke gemessen werden und die mit dem geringsten Fett kommen in die beste Klasse. Eine verkehrte Welt: Früher konnten wir nicht fett genug sein, aber heute wird nur noch Mageres bevorzugt. Dabei bleibt allerdings teilweise der gute Fleischgeschmack auf der Strecke, Fett war und ist so genannter Aromaträger.“

 

Alle drei bekunden ihren Stolz darüber, dass in ihrer Rassebezeichnung deutsch steht. Das war doch tatsächlich im Arbeiter- und Bauernstaat gefährdet, weiß das Edelschwein zu berichten. In den 1970er Jahren hatte man in der DDR Beschlüsse gefasst, nach denen überall deutsch durch DDR ersetzt werden sollte. Es erzählt: „Ein Agrarwissenschaftler schrieb in einem wissenschaftlichen Beitrag Deutsches Edelschwein, ein eifriger Lektor korrigierte die Arbeit und nannte es DDR – Edelschwein. Noch bevor die Publikation zum Druck ging erfolgte jedoch eine Richtigstellung; das hätte sonst zu internationalen Verwicklungen führen können. In so kurzer Zeit eine neue Rasse zu züchten, wäre auch in der streng vom Westen abgegrenzten DDR nicht möglich gewesen und der Autor hätte sich blamiert.“

 

An Versuchen, die eine immer noch enge Verwandtschaft zwischen Haus- und Wildschwein bestätigen, waren Angehörige des Sattelschweins beteiligt. Es wollte vor seinem Tod sein Wissen hierüber noch loswerden und berichtete: „In einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) mit sehr schwierigen Produktionsbedingungen suchten die Bauern nach zusätzlichen Einnahmequellen. Wildfleisch war in der DDR permanent knapp; deshalb wollte man mit der Kreuzung von Haus- und Wildschweinen, die im Stall mit Auslauf gehalten werden können, diese Versorgungslücke schließen.  Innerhalb weniger Wochen errichtete man ein neues Domizil für diese `Halbwilden´. Es wurden, einige so genannte zuchtreife Sauen unserer  Rasse Deutsches Sattelschwein ausgewählt, Wildschweinkeiler im Wald mit Lebendfallen gefangen und die Tiere zusammengebracht. Tatsächlich waren die Sauen  nach kurzer Zeit trächtig und brachten gesunde, mobile Ferkel, 10 – 12 pro Wurf, zur Welt. Es waren echte Mischlinge, in der Farbe in allen Schattierungen von hell mit schwarzen Tupfen, braunen Streifen über dem Rücken bis zu Abbildern der Keiler. Es machte Freude, den Kleinen in ihrer Vitalität zu zusehen, die sogar über die fast 2 Meter hohen Absperrungen zwischen den Schweinekoben sprangen. Die Tiere erhielten echtes Wildschweinfutter einschließlich vieler Eicheln. Enttäuscht waren die Menschen, dass trotz dieses großen Aufwandes das Fleisch dieser Schweine, die nicht erlegt sondern professionell geschlachtet wurden, fast nicht nach Wild schmeckte. Belieferte Gaststätten und Verkaufsstellen nahmen meistens nur einmal solche Produkte ab. Damit war der Versuch gescheitert und nach relativ kurzer Zeit wurde das Experiment beendet.“

 

Ihre klugen Reden retteten die 3 Sauen auch nicht vor ihrem letzten Gang zum Schlächter.

 

 

 

Reisen, Urlaub und Ferien

im vorigen Jahrhundert

 

Von Ernst Woll

 

Inhalt:                                                                                                          Seite

 1.  Reisen und Zugfahren während meiner Kindheit                          1                                 

 2. Schwieriges Reisen nach dem 2. Weltkrieg                                 11

 3. Westberlin die Oase in Ostdeutschland                                        17

 4. Reiseerlebnisse nach der Teilung Deutschlands                          20

 5. Beginnender Urlaubs- und Reiseboom in den fünfziger Jahren   24

 6. Gefahren bei privaten Urlaubsvermittlungen                                37

 7. Durch Beziehungen erhalten wir eine Urlaubsreise in die

     polnische „Hohe Tatra“                                                                       39

 8. Nie wieder Übernahme einer Reiseleitung                                    42

 9. Urlaubsangebote durch die Volkseigenen Betriebe (VEB) in

     der DDR                                                                                                 46

10. Ein Kur-Urlaub in der CSSR                                                            48

11. Dienstreisen in die sozialistischen Länder                                               49

12. Epilog                                                                                                    51

 

 

 

 

 

1. Reisen und Zugfahren während meiner Kindheit

Für meine Großeltern, die Ende des 19. Jahrhunderts heirateten und in Hohenleuben einer Kleinstadt in Ostthüringen lebten, waren die Begriffe Urlaub und Ferien fast Fremdworte. Ich erinnere mich nicht, dass sie jemals Urlaub gemacht hätten. Ausflüge, immer verbunden mit notwendigen Besorgungen, wurden in die nähere Umgebung nur per Pedes unternommen. Mein Großvater  fuhr während seines über achtzigjährigen Lebens  nur ein einziges Mal mit der Eisenbahn. Er besuchte in der 25 Km entfernten größeren Stadt seine Tochter. Das waren nach seiner Auffassung Entfernungen, die zu Fuß bewältigt werden  konnten. Ebenso galt dies für Besuche der 15 Km entfernten Kreisstadt. Dorthin begab er sich nur in Ausnahmefällen, wenn Behördengänge unumgänglich waren. Auch meine Großmutter verreiste erstmals Mitte der zwanziger Jahre nach dem Sudetenland in die Nähe von Karlsbad (ca. 300 Km entfernt) zu einer Tochter, die dort verheiratet war. Eine weitere große Reise unternahm sie 1927  zur Hochzeit ihres jüngsten Sohnes bis in die Nähe von Torgau (150 Km entfernt). Ab Mitte der dreißiger Jahre besuchte sie aber mindestens einmal im  Jahr ihre verheirateten Töchter in Zeitz (45 Km entfernt), in Gera (25 Km entfernt) und ihre Tochter im Sudetenland sowie den Sohn bei Torgau. Sie reiste sehr gern mit der Eisenbahn und war immer, daran erinnere ich mich noch, mindestens 30 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof. Sehr häufig durfte ich sie bei diesen Reisen begleiten und so war ich schon als Kind recht wendig beim Fahrkartenkauf, dem Heraussuchen von günstigen Verbindungen, dem Umsteigen usw..

Für Kinder bis zum Alter von 6 Jahren war damals die Bahnfahrt kostenlos und bis zu 10 Jahren musste der halbe Erwachsenenfahrpreis bezahlt  werden. Die Fahrkartenkontrollen waren hinsichtlich dieser Altersgrenzen recht spannend.  Kinder geben gern damit an frühzeitig ihr Alter zu wissen und schwindeln manchmal  sogar einige Zeit hinzu. Es gab deshalb vor jeder Bahnfahrt strenge Verhaltensregeln über die Auskunft, die zum eigenen Lebensalter gegeben werden sollte.  Die Kontrolleure stellten außerdem oft Fangfragen, die zu manchen Verwicklungen führten. Über diese Begebenheiten wurden wahre aber auch erfundene Geschichten berichtet. Ein Beispiel von vielen, das im Familienkreis gern schmunzelnd erwähnt  wurde und wirklich passiert sein soll, will ich hier erzählen:

Meine Großmutter fuhr  Mitte der zwanziger Jahre mit dem Zug und 2 Enkeln die lange Strecke bis ins Sudetenland. Sie brachte die Kinder nach einem Ferienaufenthalt bei den Großeltern wieder zu ihren Eltern. Mein Vetter war gerade 6 und seine Schwester  anderthalb Jahre älter. Ihnen wurde eingeschärft, dass sie beide noch keine 6 Jahre alt sind, damit sie kostenlos mitfahren können. Als der Schaffner sie nach ihren Alter fragte, antwortete mein Cousin: „Ich bin erst  reichlich 5 Jahre alt, aber wir sind Zwillinge und meine Schwester ist gerade 6.“ Um allen Ärger aus den Weg zu gehen musste meine Oma für ihre Enkelin nachlösen.

Schon heute weitgehend unbekannt sind die Tarife der vier Preisklassen für Fahrten in  Zugabteilen mit unterschiedlichen Komfort, die es in meiner Kindheit gab.

In der ersten Klasse waren die Sitze gepolstert, hatten Armlehnen und die einzelnen Reisenden hatten viel Platz in meist separaten Abteilen.

In der zweiten Klasse gab es auch noch gepolsterte Plätze aber mit etwas weniger Bewegungsfreiheit für die Reisenden.

Die ersten beiden Klassen konnten sich nur begüterte Menschen leisten. Der Aufenthalt in diesen Luxusabteilen, ja selbst in den Gängen dieser Waggons, ohne entsprechende Fahrkarte galt als Straftat. Auf alle Fälle mussten hohe Nachlösegebühren bezahlt werden. Für uns Kinder war es deshalb ein Erlebnis mal  einen Blick in diese vornehmen Zugabteile werfen zu dürfen. Das konnten wir aber  nur auf dem Hauptbahnhof in Weida, wo auch Eilzüge hielten, die Waggons dieser Klassen mitführten. Der Haltepunkt meines Heimatortes Hohenleuben lag an der Strecke Werdau – Weida - Mehlteuer, wo nur Züge mit Waggons der dritten und vierten Klasse verkehrten.

Die Abteile der dritten Klasse waren mit bequemen Holzbänken ausgestattet. In der billigsten vierten Klasse – auch Traglastenabteile genannt – befanden sich sehr  primitive enge Sitzgelegenheiten, aber viel Platz für Tragkörbe, Kinderwagen oder sonstiges sperriges Gepäck. Hier konnten auch Fahrräder mit transportiert werden. Befanden sich am Zug keine Wagen mit Traglastenabteilen, dann mussten alle sperrigen Güter für einen geringen Aufpreis im Gepäckwagen untergebracht werden.

In meiner Kindheit betrugen die Fahrpreise je Kilometer in der:

1.      Klasse  8 Pfennige

2.      Klasse  6 Pfennige

3.      Klasse  4 Pfennige

4.      Klasse  2 Pfennige.

Um 50 % ermäßigte sich der Preis für die Rückfahrt, wenn man diese gleich bei Antritt der Reise mit löste. Sie musste aber innerhalb von 4 Tagen angetreten werden.

Es gab Personenzüge, die an allen Stationen entlang der Bahnstrecke hielten, Eilzüge (E), die an mehreren Bahnhöfen durchfuhren und damit schneller das Ziel erreichten und Schnellzüge (D), mit denen nur Fahrten zwischen großen Städten bzw. Eisenbahnknotenpunkten möglich waren. Meine Eltern und meine Großmutter fuhren wegen der hohen Preiszuschläge (3.- bzw. 6.- Mark für je 150 Km Fahrtstrecke) nicht mit E-und D- Zügen. Selbst die lange Strecke bis in die Nähe von Karlsbad bewältigte meine Großmutter nur in sogenannten Bummelzügen mit mehrmaligen Umsteigen und recht langer Fahrtzeit. Für mich war das interessant, weil es entlang der Bahnstrecke und auf den kleinen Bahnhöfen viel zu sehen gab. Mit den heutigen Hochgeschwindigkeitszügen wird zwar viel Reisezeit gespart, aber von der Landschaft sieht man fast nichts mehr.

 

Ab 1950 studierte ich in Leipzig und benutzte auch, allerdings selten, Eilzüge. Ich erlebte, dass die Kupees der ersten und zweiten Klasse fast leer waren, aber die Fahrgäste in den billigeren Zugabteilen keine Sitzplätze hatten und selbst in den Gängen sehr eng gedrängt stehen mussten. Vorteilhaft war, dass die Fahrpreise für  Schüler und Studenten bis zu 75 % ermäßigt waren, allerdings nicht für die Zuschläge in E- und D- Zügen, die wir deshalb nicht oder sehr selten benutzten.

Beginnend ab Mitte der fünfziger Jahre gab es in ganz Deutschland nur noch die Tarife der ersten und zweiten Klasse. Die Waggons mit den Abteilen der dritten und vierten Klasse verschwanden, zuerst auf den Fernstrecken und dann auch im Regionalverkehr, von der Bildfläche.

Ein Beruf bei der Eisenbahn, voran der des Lokomotivführers, galten in meiner Kindheit für viele Jungen als hohes erstrebenswertes Ziel. Heute sind es Pilot und Kosmonaut.

Ich hatte das Glück einen Onkel zu haben, der am Haltepunkt Schüptitz an der oben erwähnten Bahnlinie  Stationsvorsteher war. Diese Haltestelle befand sich nur 3 Km von meinem Heimatort entfernt, so dass ich in meiner Freizeit des öfteren nach dort gehen konnte. Stolz war ich, wenn ich mich im Raum hinter den Fahrkartenschalter aufhalten und sogar hin und wider die Billette an die Reisenden übergeben durfte. Höhepunkte waren für mich die Abfertigungen der Züge, das Stellen der Signale, das Bedienen der Kurbel der Bahnschranken und ähnlichem, wobei ich neben meinem Onkel teilweise sogar mit Hand anlegen durfte. Noch heute ist mir in Erinnerung, dass ich als ungefähr 7 jähriger einmal im Führerhaus einer Lokomotive von Schüptitz aus mit bis zum nächsten Bahnhof fahren konnte.

In den dreißiger und noch in den ersten Kriegsjahren bot die Deutsche Reichsbahn ihren Kunden einen ausgezeichneten Services. Es gab vor allem genügend Personal für Auskünfte, Hilfeleistungen etc.. Allerdings gab es auch einen oft übertriebenen, vor allem personellen Aufwand für zahlreiche Kontrollen. Einige Beispiele, die von der heutigen jüngeren Generation gar nicht mehr nachvollziehbar sind, will ich hier darstellen:

In allen Bahnhöfen, selbst an Nebenstrecken, war das gesamte Gelände abgesperrt und die Züge konnten von den Fahrgästen nur über Durchgänge erreicht werden. Hier wurden die Fahrkarten kontrolliert, geknipst oder beim Verlassen des Bahngeländes abgegeben. Für das Betreten der Bahnsteige, z.B. auch nur zum Abholen von Reisenden, musste ein Bahnsteigkarte, die damals 10 Pfennige kostete, gelöst werden. Ich kannte einige unverfrorene, die mit der Bahnsteigkarte bis zu den nächsten Stationen fuhren und geschickt in den Zugabteilen den Kontrolleur auswichen. Beliebt war dabei der Aufenthalt auf den Toiletten, vor die sich aber manchmal der Schaffner postierte und wartete bis der Betrüger herauskam.

Das Bild zeigt den oberen Bahnhof von Zeulenroda. Rechts vorm Bahnhofsgebäude ist der Personendurchgang, die sogenannte Sperre, wo der Bahnbeamte die Fahrkartenkontrolle durchführte, zu sehen.

 

Ich entsinne mich noch an eine außergewöhnliche Serviceleistung am Haltepunkt Schüptitz. Von hier aus fuhren die Leute der ungefähr im Umkreis von 6 Km liegenden Dörfer meist bis zur nächsten größeren Stadt nach Weida ( ca. 6000 Einwohner) zur Arbeit oder zum Einkauf. Eine Müllersfrau, der nachgesagt wurde, dass sie sehr reich sei, machte monatlich mindestens einmal einen Ausflug in die „kleine Metropole“. Weil sie gern mit der Eisenbahn fuhr, wurde sie mit der Pferdekutsche bis auf den Bahnsteig gebracht. Sie war so beleibt, dass sie sich nur langsam und unbeholfen fortbewegen konnte.  Mit Mühe und der Hilfe des Zugführers und Zugbegleiters erklomm sie die Stufen des Eisenbahnwagens. Weil sie breiter als deren Türen war, wurde sie in Seitenhaltung hindurchgeschoben. Das Pferdegespann fuhr inzwischen zum ca. 15 Km entfernten Bahnhof Weida- Altstadt, wo sie in ähnlicher Prozedur den Zug verließ und auf die Kutsche wartete.

Viele besonders ältere Leute stiegen im übrigen an dieser Station aus und liefen bis zum 5 Km entfernten Weidaer Hauptbahnhof, wenn sie mit dem Zug weiter fahren wollten. Gleiches taten die Fahrgäste in umgekehrter Richtung bei Rückfahrten.   Der Grund war die Brücke die im folgenden Bild zu sehen ist und die sich zwischen diesen beiden Bahnhöfen befand. Es wurde erzählt, dass dies die erste diesbezügliche Stahlkonstruktion für eine Eisenbahnbrücke in Deutschland gewesen sei. Der Ingenieur, der sie entworfen hatte, soll sich noch vor der Überfahrt des ersten Zuges von der Brücke in den Tod gestürzt haben. Die Leute, von denen ich auch mehrere kannte, hatten einfach Angst über dieses Bauwerk zu fahren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mitte der achtziger Jahre wurde eine Umgehungsstrecke gebaut und die baufällig gewordene Brücke, die als technisches Denkmal noch steht, für Überfahrten gesperrt. Bild vom August 2003:

 

 

Über die Entwicklung der Eisenbahn gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen und ich will deshalb nur einige persönl