Verschwundene Berufe

Zu folgenden verschwundenen Berufen wurden Erfahrungen und Erlebnisse bei "Fundbüro Spiegel online" dargestellt:

Milchmann, Klingelmann, Bahnhofsvorsteher, Lumpenhändler, Tankwart, Dienstboten, Leitermann, Dorfschuster, Topfstricker, Waschfrau, Bauer (Neubauer), Weißnäherin, Hausweber, Sautreiber, Schinder (unehrliche Berufe), Dentist, VEAB-Aufkäufer, Traktorist, Krämer, Zigarrenmacher, Zootechniker, Holzpantoffelmacher, Dispatcher, Dienstmädchen, Pedell, Zolleinnehmer, Zeitungsjunge, Buckelapotheker, Fellhändler, Butterfrauen, Volkspolizist, Vogelsteller, Lokomotivheizer, Veterinäringenieur, Scheunendrescher, Volkskorrespondent, Hutmann, Kaderleiter, Brigadier, außergewöhnliche Berufe in der DDR, Feldhüter, Luftschutzwart, Disponent im Reisebüro, Wildschweinzüchter, Straßenkehrer, Werktätiger der DDR, Bursche, Sauschneider, Schnitter, Schwammklopfer, Wassermann, Steinarbeiter , Handwerksburschen, Reitschuldreher, Flohzirkusdirektor, Teichbauer, Tierflüsterer, Kampfhundzüchter, Filmvorführer, Zivilverteidigung, Reparateur, Gleisstopfer, TKO - Leiter

Da „Spiegel online“ das Portal über „verschwundene Berufe“ geschlossen hat, habe ich weitere Erlebnisse mit derartigen Berufen bei „geschichtennetz.de“ und „e-stories.de“  veröffentlicht.

Sie will ich im Weiteren auch hier nach und nach einstellen.

Hausierer, Vertreter, Drücker

 

Der Hausierer verkaufte die Waren direkt an der Haustür, er wurde später Handelvertreter, der Warenmuster mit sich führt und heute teilweise „Drücker“ ist.

 

„Betteln und hausieren verboten“ an diese Schilder - meist Emailleschilder  mit schwarzer fetter Schrift auf weißem Grund - kann ich mich noch gut erinnern. Sie sah ich während meiner Kindheit in den 1930er Jahren an vielen Hauseingängen, aber sie hielten in der Regel die Hausierer von einem Anklopfen nicht ab. In jenen Jahren waren diese Leute in den meisten Fällen bescheidene Händler, die von Haus zu Haus gingen und in der Regel die Waren, die sie verkaufen wollten, mit sich führten. In ähnlicher Weise boten die „Buckelapotheker“ – besonders aus dem Thüringer Wald kommend- Heilkräuter und daraus hergestellte Heilmittel an. Sie trugen auf dem Rücken (Buckel) ein Holzgestell, eine mannsgroße Kraxe, in der man in Fächern übereinander eingeordnet die Glasflaschen, Tonkrüge und Schachteln mit den Heilmitteln sehen konnte.  Sie wussten  viel über Anwendungsgebiete und Wirkung der mitgeführten Mittel und berieten ihre Kunden sehr sachkundig.

Wenige Hausierer wurden auch als Diebe enttarnt, sie hatten unlautere Geschäfte betrieben, wir Kinder wurden deshalb immer ermahnt, sie ja nicht ins Haus zu lassen, besonders wenn keine Erwachsenen zu Hause waren. Ich erinnere mich aber noch, dass meine Großmutter gern Zwirn, Garn, Wolle und andere Näh- Utensilien bei einem Hausierer kaufte, der etwa 2 – 3 Mal im Jahr in unseren Ort kam. Die Erzeugnisse waren meistens billiger als in den Läden. Auch die Buckelapotheker wurden nicht weggeschickt, weil man den Salben und Kräutern, die teilweise nicht in der Apotheke zu bekommen waren, eine gute Heilwirkung zuschrieb.

Besonders nach dem Krieg eroberten Handelsvertreter die Domäne der „Haustürgeschäfte“. Sie hatten nur Muster oder Vorführgeräte der Waren, die sie an den Mann bringen wollten, in ihrem Gepäck. In der Werbung verkörperten die Vertreter für den Verkauf von Staubsaugern, Kaffee-, Küchenmaschinen und ähnlichem, die typischen Personen für diesen ab den 1950er Jahren besonders in den neuen Ländern boomenden Berufstand. Die Handelsvertreter  galten häufig als sehr aufdringlich und bei den Hautürgeschäften entwickelten sie derart viel Tricks und Betrügereien, dass immer wieder nach neuen Gesetzen zu deren Verhinderung gerufen wird.

In der DDR gab es weitaus weniger Handelsvertreter und Haustürgeschäfte, so dass nach der Wende die Bürger im Osten mit dieser neuen Gepflogenheit erst vertraut werden mussten. Sie zahlten in diesem Rahmen viel Lehrgeld bei der Bestellung von Zeitungen und Zeitschriften, dem Kauf überteuerter Lederjacken und ähnlichem, Weinbestellungen, Abschluss von Telefonverträgen und vielem anderen mehr.

Noch heute ärgere ich mich, dass ich bei einer Zeitschriftenbestellung auf den Trick einer jungen Werberin hereinfiel, die zunächst meine Meinung zu kriminellen Jugendlichen erfragte und dann vorgab selbst gestrauchelt zu sein. Ihr Mitleid heischendes Verlangen um Hilfe für diese Menschen klopfte mich weich und ich bestellte.  Alle ihre Worte waren gelogen.

Heutzutage sind so genannte Drückerkolonnen unterwegs, die in Wohngebieten ausschwärmen, um mit vielen unlauteren Methoden oft nur Ramsch zu verkaufen. Diese „Drücker“ werden von ihren Auftraggebern sehr stark unter Druck gesetzt und wenden auch viel Druck bei den Kunden an.

Der ehemalige Beruf des Hausierers wurde damit zu einem verrufenen Beruf, dem „Drücker“.

Alter Beruf Abtrittanbieter

Vor einiger Zeit erfuhr ich durchs Internet, Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckten einige Clevere eine Marktlücke, sie arbeiteten in einigen Metropolen Mitteleuropas als Abtrittanbieter. Sie waren maskiert, trugen einen großen weiten Mantel unter dem ein Eimer Platz finden und auf dem eine Person die Notdurft verrichten konnte. Dabei musste ich daran denken, dass es in der DDR in der Öffentlichkeit und selbst an Besucherbrennpunkten nur selten ausreichende, saubere Toiletten gab. Eine Katastrophe waren die Autobahnparkplätze, hier konnte man die Umgebung im Wald und im Gebüsch nur mit allergrößter Vorsicht aufsuchen, um nicht in „menschliche Hinterlassenschaften“ zu treten.

Als wir nach der Wende erstmals in die alten Bundesländer fahren konnten beeindruckte mich sehr stark ein Erlebnis, das mir wie ein Wunder erschien,  Wir besuchten die Stadt  Gießen und ich  musste eine öffentliche Toilette aufsuchen. Erstaunt war ich, dass keine Armaturen fehlten, alles sauber war und genügend Einmalhandtücher zur Verfügung standen. Ich glaubte zunächst an einen Ausnahmefall und meine Begleiter wunderten sich, dass ich immer wieder Toiletten in öffentlichen Einrichtungen mit Publikumsverkehr aufsuchte; sie meinten schon, ich sei krank geworden. Ich kontrollierte aber nur und fand meinen ersten Eindruck fast ausnahmslos bestätigt. In den nächsten Wochen besuchten wir die Städte Göttingen, Unna und Kassel, auch dort bestätigten sich meine Erfahrungen mit sauberen Toiletten.

Über Hygiene und Sauberkeit der Einrichtungen der Abtrittanbieter fand ich keine Berichte, aber vermute, dass sie nur eine Notfalllösung waren. Die heutigen öffentlichen Toiletten sollten als neuzeitliche Errungenschaft bewahrt werden. Bestrebungen mancher Städte, diese aus Geldmangel zu schließen, muss unbedingt entgegen gewirkt werden. Die in diesen Einrichtungen Beschäftigten möchte ich nicht mit Abtrittanbietern gleichsetzen, diese sollen ein verschwundener Beruf bleiben! 

                               

Wie wir in der Neuzeit wieder zu einem Notstand bei öffentlichen Toiletten kommen könnten habe ich in einem Gedicht bei „geschichtennetz.de“ niedergeschrieben:

 

Wenn du musst, dann musst du

 

Öffentliche Toiletten

können uns vorm Notfall retten;

kurzer Weg zu diesem Ort

weht schnell unsere Ängste fort.

Treffen wir dort mit Schrecken

auf schmutzige Toilettenbecken

kann schnell auch aus Versehen

alles peinlich in die Hose gehen.

 

Als vor vielen, vielen Jahren

die Kommunen reich noch waren

sorgten sie auch mit viel Geld

für Angenehmes in dieser Welt.

Genügend gute Einrichtungen

für der Notdurft Verrichtungen

konnte man finden allerorts,

sie hießen teilweise noch Aborts.

 

Nun begann eine neue Zeit,

man spart jetzt weit und breit

und in einigen großen Städten

beginnt das Sparen bei Toiletten.

Man sagt einfach den Touristen

wenn sie dringend einmal müssten,

sollten sie sich absolut nicht zieren

und in die Gaststätten hinein spazieren.

 

Zynisch könnten wir nun auch fragen:

Müssen wir uns wieder in Büsche schlagen,

wenn Darm oder Blase uns quälen

und wir die Sekunden bis zum Örtchen zählen,

das man nicht mehr zu finden wusste?

Denn es war weg, weil man sparen musste.

Oh weh, wie sehen die Parks dann aus,

machen wir wieder Toiletten daraus!

Gedicht zum Abtrittanbieter

                                                                                        Marktlücke: Mobile Abortanbieter

 

Berufe, die einst aus „Bedürfnissen“ entstanden

inzwischen sich wandelten oder verschwanden.

So findet man spätmittelalterliche „Abtrittanbieter“

als Betreiber stationärer Klos in Raststätten wieder.

 

Tiere verrichten die Notdurft wo sie gehen, stehen,

der Mensch lässt sich dabei aber nicht gern sehen.

Im früheren auf Straßen angebotenen mobilen Abort

war deshalb für die Benutzer ein sichtgeschützter Ort.

 

Unter einem weiten Mantel  boten Frau oder Mann

einen Eimer für die Notdurftverrichtung an.

Selbstverständlich mussten die Kunden bezahlen

wurden aber befreit von „drückenden Qualen“.

 

Im Fluss entsorgt wurden dann die Exkremente.

Erst im 20. Jahrhundert kam hierzu  die Wende.

Seit dieser Zeit bis zu den heutigen Tagen

erfolgt die Beseitigung nun über Kläranlagen.

 

Die Arbeit der Toilettenwärter Billigung gewinnt,

wenn öffentliche Bedürfnisanstalten sauber sind.

Bei Staus, das wünschte ich mir gewiss nicht allein,

könnten wieder mobile Abortanbieter tätig sein!

Was waren Pflichtjahrmädchen

 

1938 entstand die Tätigkeit „Pflichtjahrmädchen“, die ab 1945 wieder verschwand. Es waren junge Frauen, die in der Land- und Hauswirtschaft tätig sein mussten.

  

 

Die Nationalsozialisten führten 1938 das „Pflichtjahr“ ein. Alle Frauen unter 25 Jahren wurden zu einem Jahr Arbeit in der Land- und Hauswirtschaft verpflichtet, außer denjenigen, die bereits in diesen Bereichen tätig waren. Die Mädchen durften erst nach Ableistung dieser Pflicht eine Lehre, Fach- oder Hochschulausbildung oder andere Ausbildung antreten. Mit diesem Dienst sollten sie auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden, aber auch während des Krieges die Familien unterstützen, in denen die Männer  zum Kriegseinsatz eingezogen waren.

Ich erinnere mich, dass die Arbeit dieser jungen Frauen bei den Bauern und in Geschäfts- oder Handwerkerhaushalten sehr geschätzt wurde. Für uns Kinder waren sie junge Leute mit denen man auch manches Geheimnis teilen konnte, wofür man bei Eltern oder Großeltern kein Verständnis fand. Sie hatten in der Regel Familienanschluss und nahmen teil an den Gesprächen im Familienkreis. Sie kamen aus den unterschiedlichsten Schichten und Familienverhältnissen und waren nicht selten sehr überzeugte Nationalsozialistinnen. Das führte dann manchmal auch zu Konflikten, wenn sie die politischen Auffassungen ihrer Arbeitgeberfamilie  nicht teilten, ja sogar verurteilten. So wurde mir ein Beispiel bekannt, dass ein Pflichtjahrmädchen die Hausfrau anzeigte, weil diese heimlich „Feindsender“ gehört hatte. Die Frau wurde verhaftet und zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Fast 50 Jahre später, nachdem es die Tätigkeit der Pflichtjahrmädchen nicht mehr gibt, hat eine Diebin bei einem Überfall an diese Bezeichnung erinnert und sie als Vorwand  genutzt.Meine Anfang der 1990er Jahre achtundachtzigjährige durchaus geistig mobile Schwiegermutter hat für ihre Geburtstagsfeier 2000.- DM auf der Sparkasse abgeholt.Sie brachte das Geld nach Hause, legte den Briefumschlag mit der erwähnten Summe zunächst auf den Küchenschrank und zog Mantel und Schuhe aus. In diesem Moment klopfte es an die Tür, eine Frau in mittleren Jahren kam herein. Sie überfiel meine Schwiegermutter mit einem Redeschwall, den ich sinngemäß wie folgt wiedergeben kann: „Muttchen, kennst du mich noch? Ich war doch während des Krieges bei euch in der Landwirtschaft und im Geschäft als Pflichtjahrmädchen. Du warst immer so gut zu mir.“ Zögernd erwiderte meine Schwiegermutter, dass sie sich zwar nicht erinnere, aber Menschen würden sich ja im Laufe der Jahre verändern. Plötzlich zog die Eingedrungene die  Decke vom Tisch, warf sie der Ahnungslosen über den Kopf und machte sie damit wehrlos. Als die Hilflose sich endlich befreit hatte und  rufen konnte war die Diebin mit dem Geld bereits spurlos verschwunden. Die herbeigerufene Polizei konnte den Fall nie aufklären.

Die heutige Generation kennt die Tätigkeitsbezeichnung Pflichtjahrmädchen fast nicht mehr.  Ich habe Kinder und Enkel gefragt, sie wussten nichts damit anzufangen. Trotzdem hat den Begriff eine Frau benutzt, die, wenn sie als solche gearbeitet hätte, beim geschilderten Überfall Anfang der 1990er Jahre mindestens 70 Jahre alt gewesen sein müsste. Zu dieser logischen Schlussfolgerung war aber meine Schwiegermutter bei der spontanen Überrumpelung gar nicht in der Lage gewesen; so schnell konnte sie nicht registrieren: Es war nicht möglich, dass diese Anfang der 1940er Jahre etwa 18jährige Frau ihr gegenüber nun als etwa Vierzigjährige auftreten konnte.

Betrügender Pferdehändler

 

Pferdehändler galten  schon immer als gewiefte Geschäftsleute. Mit Manipulationen an den Tieren betrogen sie die Käufer – ich erlebte eine solche Geschichte.

 

Ältere Menschen sagen oft: „Früher war es schöner und besser, da ging man ehrlicher miteinander um.“ Stimmt das wirklich oder gab es nicht schon immer Betrügereien? Wer darf sich im Übrigen „älter“ nennen und welche Zeit meinen wir, wenn wir von „früher“ sprechen? Als heute über Achtzigjähriger fühle ich mich als älter und als früher bezeichne ich meine Kindheit und Jugend in den 1930er Jahren.

Viehhändler waren damals durchweg reiche Leute, darunter galten die Pferdehändler als sehr reich und als gewiefte Geschäftsleute.  Sie manipulierten recht oft das Alter der Pferde, denn jüngere erzielten höhere Preise. An den Zähnen lassen sich die Lebensjahre der Tiere recht genau ablesen, mit Veränderungen dieser Merkmale konnte deshalb betrügerisch getäuscht werden. Auch die Verabreichung von Medikamenten als Aufputschmittel während der Vorstellung der Tiere zur Verkaufsverhandlung wurde praktiziert.  Mir blieb hierzu eine Geschichte im Gedächtnis.

Ein Bauer brauchte dringend ein Pferd, sein Einziges war an einer Seuche gestorben und die Frühjahrsarbeiten auf den Wiesen und Feldern duldeten keinen Aufschub. Ein Pferdehändler verkaufte ihm eine äußerlich   gut aussehende Stute, die nicht älter als 10 Jahre sein sollte. Er lobte das Pferd, das Grete hieß, über alle Maßen. Die Nachbarn – ich sehe mich noch heute dabeistehen - begutachteten die Neuanschaffung und einer sagte:  „Das Pferd guckt so freundlich wie eure Oma Grete, das bringt dir bestimmt viel Glück.“ Als abergläubischer Mensch bat der neue Besitzer den Bekannten, diese Aussage zurück zu nehmen. Für den Kauf eines Tieres Glück zu wünschen, das wurde noch in jener Zeit als Prophezeiung eines Unheils gedeutet. Der Bauer erhoffte sich aber das Ende seiner Pechsträhne. Die Umstehenden forderten ihn nun auf, das Tier vor einen schwer beladenen Wagen zu spannen, um zu sehen was es leisten kann. Es zeigte sich eine große Enttäuschung, das Pferd blieb auf der nur leicht ansteigenden Straße immer wieder stehen und schaffte es nicht bis zur Anhöhe. Es atmete sehr schwer und ein Mann, der als Pferdekenner bekannt war, meinte: „Das Tier ist `dämpfig´, man hat dich betrogen, lass mich mal die Zähne angucken, es ist bestimmt älter als 10 Jahre.“ Gesagt getan und der Fachmann stellte fest: „An dem Gebiss wurde manipuliert und die Zähne abgeschliffen.  Das Pferd könnte um die 20 Jahre alt sein, genau lässt sich das jetzt nicht mehr nachweisen; warum hast du mich beim Kauf nicht mit hinzu gezogen?“  Der Bauer, der jeden Groschen umdrehen musste, kam der Verzweiflung nahe. Er sagte: „Ich hätte dich nicht bezahlen können.“

Der Versuch beim Pferdehändler zu reklamieren war ohne Erfolg, dieser hatte sich durch einen geschickt abgefassten Vertrag entsprechend abgesichert. Der enttäuschte Bauer nutzte das Pferd ein Jahr lang für leichte Feldarbeiten und musste es dann für wenig Geld an einen Rossschlächter verkaufen.

An diese Geschichte musste ich auch denken, als ich kürzlich erfuhr, dass sich noch heute Pferdehändler manches Schlaue einfallen lassen. So hat ein Verkäufer eines nicht ganz einwandfreien Tieres den Vertragsunterlagen ein Fachbuch über Krankheiten der Pferde mit dem klein gedruckten Hinweis beigefügt, alle in diesem Buch aufgeführten Krankheiten könnten eventuell auf das Verkaufspferd zutreffen. Ob dieser Pferdeverkäufer im Streitfall einen Richter findet, der anerkennt, dass er mit diesem Kniff frei von der Haftung für festgestellte auftretende Gesundheitsmängel bleibt, wäre abzuwarten; es könnte aber ein interessanter Fall für die Juristen werden.

Bisher bei Spiegel online veröffentichte Texte

 

Milchmann

In den 1930/40er Jahren fuhr in unserer Kleinstadt in Ostthüringen der "Milchmann" mit einem Pferdegespan und Tafelwagen die Milch aus. Die Kunden brachten die eigenen Milchkrüge mit. Mittels Messbecher am langem Stiel wurde die Milch aus den 20-Liter Kannen geschöpft. Alles geschah unter freiem Himmel bei Sonnenschein, Wind und Regen. Dennoch wurden die Schöpfgefäße erst nach Ende der Tour gründlich gereinigt. Nach den heutigen hygienischen Bestimmungen undenkbar. Damals hörten wir aber kaum etwas von Lebensmittelvergiftungen, über die es auch unter der Bevölkerung wenig Kenntnisse und Aufklärung gab. Wahrscheinlich waren die Menschen, und besonders wir Kinder, durch häufige Kontamination mit Schmutzkeimen aktiv immunisiert. Gern half ich als Kind den Milchmann, weil ich die Zügel des Pferdes allein halten und das Tier damit lenken durfte. Mein Kutschieren war aber meist gar nicht nötig, weil der kluge Gaul Weg und Halteplätze von allein kannte.

 

  Klingelmann

 In den 1930er Jahren hatte in meinem Heimatort Hohenleuben, einer Kleinstadt in Ostthüringen, der „Klingelmann“ – wahrscheinlich keine amtliche Berufbezeichnung, aber so nannten wir ihn – eine wichtige Funktion. Er war Angestellter der Stadtverwaltung. Ich erinnere mich, dass er fast täglich – außer sonntags - einige Male durch die Straßen ging, an bestimmten Stellen stehen blieb und mit einer besonderen Klingel die Bewohner darauf aufmerksam machte, dass etwas Wichtiges mitzuteilen war. Es ging um die amtlichen Bekanntmachungen, die er laut vorlas. Das Signalgerät bestand aus einem metallenen Resonanzkörper – einer Glocke – ungefähr in der Größe eines Litergefäßes. Innen befand sich ein Hammer oder Klöppel zur Erzeugung der Töne. Wir Kinder bewunderten dieses Instrument, das wie Gold glänzte; wenn der Klingelmann es kräftig schwenkte war es so laut, dass wir uns in seiner Nähe die Ohren zu hielten. Gern liefen wir aber dem Mann hinterher und ich sehe noch heute vor meinem geistigen Auge, wie damals sofort aus Fenstern und Haustüren lauschende, gespannte Gesichter herausschauten, wenn die Glocke mit dem bekannten besonderen Klang ertönte. Eine Geschichte über eine kuriose Bekanntmachung, die mir meine Großeltern erzählten, blieb mir in Erinnerung: „Noch in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts gab es in vielen Orten Thüringens kleinere Bierbrauereien – dort waren Braumeister, den Beruf gibt es heute noch, allerdings meistens in Großbetrieben – die Besitzer und Bierbrauer. Wichtig war die Qualität des Wassers, das dem Bier die besondere ortsbedingte Note und den spezifischen Geschmack verlieh. Das Wasser wurde deshalb auch teilweise aus den örtlichen Teichen entnommen und nicht nur für Reinigungszwecke sondern auch für die Herstellung des Gerstensaftes verwendet. Da hat dann hin und wieder der Klingelmann die Mitteilung verlesen: `Es wir hiermit bekannt gemacht, dass niemand mehr ins Wasser macht, denn morgen wird gebraut! ´

 

Bahnhofsvorsteher

 Mein Onkel war in den 1930er Jahren Bahnhofsvorsteher der Deutschen Reichsbahn am Haltepunkt Schüptitz an der Bahnstrecke Weida – Mehltheuer; scherzhaft nannten ihn die Leute Fahrkartenknipser. Er trug, wie alle Bahnangestellten, einen Dienstanzug. Vor diesen Uniformträgern hatten wir Kinder in jenen Jahren fast den gleichen Respekt wie vor einem Ortspolizisten. Retrospektiv stelle ich fest: In der Werbung der Deutschen Bahn AG wird heute viel von Kundenfreundlichkeit und Services gesprochen, aber wiederholt gibt es enttäuschte Reisende. In meiner Kindheit, in den 1930er, Jahren hörte man bei der Deutschen Reichsbahn diese Begriffe nicht, aber die Leute waren vorwiegend zufrieden. Es gab vor allem genügend Personal für Auskünfte und Hilfeleistungen; allerdings auch einen oft übertriebenen personellen Aufwand für zahlreiche Kontrollen. Die Fahrgäste konnten z. B. die Bahnsteige nur über festgelegte Durchgänge - so genannte Sperren – erreichen und verlassen. Hier wurden die Fahrkarten kontrolliert, mit einer besonderen Zange geknipst oder beim Verlassen des Bahngeländes abgegeben. Für das Betreten der Bahnsteige, z.B. auch nur zum Abholen von Reisenden, musste eine Bahnsteigkarte, die damals 10 Pfennige kostete, gelöst werden. Ich entsinne mich, dass wir damals mit dieser Karte bis zu den nächsten Stationen fuhren und geschickt in den Zugabteilen dem Kontrolleur auswichen. Beliebt war dabei der Aufenthalt auf den Toiletten, vor die sich aber manchmal der Schaffner postierte und wartete bis wir Betrüger herauskamen. Einmal wurden wir als Strafe erst am übernächsten Bahnhof aus dem Zug verwiesen und mussten dann 20 Km bis nach hause laufen. Am Haltepunkt Schüptitz befand sich ein kleiner Zaun vor dem Bahnsteig und eine Tür bildete die „Durchgangssperre“. Ich war besonders stolz, wenn ich dort neben meinem Onkel stand und die abzugebenden Fahrkarten entgegen nehmen konnte. Die Fahrscheine knipsen durfte ich nicht, weil das eine hoheitliche Aufgabe war. Gleiches galt für das Abfahrtsignal, das mit der bekannten „Kelle“ gegeben wurde. Obwohl in Schüptitz oftmals nur ganz wenige Reisende zustiegen, gehörten die noch heute oft üblichen Mitteilungen zum Ritual: „Bitte einsteigen, Türen schließen und Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges“. Knipszange, Kelle und Pfeife in Miniausführung waren für uns Kinder ein beliebtes Spielzeug.

     

Lumpenhändler

 Den Lumpenhändler kann man kaum den Oberbegriff Altwarenhändler zuordnen, denn diese Sparte vertritt den Handel mit Kunstgegenständen, Antiquitäten, Trödelwaren und vielleicht auch Gebrauchtwaren. Es war aber während meiner Kindheit in den 1930er Jahren eine selbständige Tätigkeit, die wir als Lumpensammler bezeichneten, die nicht nur Textilien sondern auch Eisenteile, insgesamt alles was die Leute wegwarfen, aufsammelten und dorthin weiterverkauften, wo diese Dinge wieder zu verwerten waren. Der Lumpensammler, Willi zählte zu den Originalen unserer Kleinstadt in Ostthüringen. Er hatte Ende der zwanziger Jahre sein Geschäft gegründet und mit einem Handwagen und einer gemieteten Scheune den Firmenaufbau begonnen. Er wohnte in der Bahnhofstraße und hatte auf seinem Firmenschild am Handwagen „Bahn“ ohne “h“ geschrieben. Er war ein Schulkamerad meiner Mutter und sie sprach ihn daraufhin an, um ihn vor einer Blamage zu bewahren. Er erwiderte: „ Ihr Mädchen wollt immer so schlau sein und wisst nicht, dass in einem Wort keine zwei „H“ vorkommen dürfen. Hof muss aber wohl mit „H“ am Anfang geschrieben werden.“ Jedenfalls blieb sein Firmenschild bis zur Auflösung des Geschäfts 1945 unkorrigiert. Diese Händler machten gute Geschäfte und waren meist begütert, weil sich durch die Differenz zwischen Aufkauf- und Abgabepreis ein passabler Gewinn erzielen ließ. Sie gaben sich aber meistens einen Anschein der Armut, damit konnten mancher Ramsch günstiger, billiger oder gar kostenlos übernommen werden. Ich erinnere mich an die damals übliche Bemerkung: „Du siehst aus wie Lumpensammlers Pflegekind.“ Damit drückten wir aus, dass eine ärmliche zerschlissene Kleidung nur vorgetäuscht wurde, oder auch gesammelte Kleidung getragen werden musste. Der Lumpensammler unserer Stadt kaufte 1938 ein Auto, das er auch im Krieg behalten durfte, weil es wegen seines maroden Zustands nicht „wehrmachtstauglich“ war, also nicht beschlagnahmt wurde. Es war ein größeres Cabrio ohne Verdeck und mit nur einem Sitz für den Fahrer. Der übrige Raum diente als Ladefläche. Die Automarke ist mir nicht mehr bekannt, es war auf alle Fälle kein Originalmodell mehr. Der Motor sprang trotz eifrigen Kurbelns nur selten an. Der Besitzer ließ deshalb das Auto eine lange Straße, die mit starkem Gefälle ins Tal führte, hinabrollen, um es damit zum Anspringen zu bringen. Wir Kinder – meist 6 bis 8 Jungen und Mädchen – durften mitfahren, weil er uns brauchte, das Gefährt wieder nach oben zu schieben, wenn der erste Versuch nicht geklappt hatte. Zu unserer Freude gab es manchmal sogar mehrere Wiederholungen. Zum Verdruss unserer Eltern spielten wir Kinder sehr gern in der Scheune vom Lumpenhändler. Dort konnten wir in den Lumpen, altem Geschirr, Eisenwaren und sonstigem Gerümpel wühlen und uns manchmal sogar etwas mit nach Hause nehmen. Wir halfen dafür dem Lumpensammler beim Sortieren des Plunders. Meine Mutter hatte Angst, dass wir uns eventuell mit Krankheiten anstecken könnten. Verbote halfen aber nichts, der Reiz mit den alten Sachen umzugehen war unwiderstehlich. In der DDR wurden Sekundärrohstoffe – Kurzwort Sero – umfangreich gesammelt und der Wiederverwendung zugeführt. Die volkseigenen Sero - Annahmestellen waren im übertragenen Sinne eine Fortführung des Lumpensammlergewerbes in größerer Dimension. Damit wurde aber ein vorteilhaftes Recyclingsystem geschaffen. Ich erinnere mich an die diesbezügliche Werbung: „Flaschen, Lumpen, Altpapier – all das, Leute, sammeln wir.“

 

Tankwart

 Als ich bei „Spiegelonline“ zur Frage nach verschwundenen Berufen das Bild mit der Frau als Tankwart sah, erinnerte ich mich an ein ungewöhnliches Erlebnis. Ende der 1960er Jahre fuhr ich mit meinem PKW Moskwitsch von Erfurt nach Berlin. An der Autobahnraststätte in Niemegk tankte ich. Es war eine Selbstbedienungstankstelle, der Tankwart – den Beruf übten trotz der viel gepriesenen Gleichberechtigung der Frauen in der DDR noch vorwiegend Männer aus - überwachte aber das gesamte Geschehen und kam meistens auch ans Auto, um das Geld in Empfang zu nehmen. Ich hielt unvorsichtiger Weise den Zapfhahn, der im Einfüllstutzen steckte, nicht fest. Er sprang plötzlich heraus und ich wurde über und über mit Benzin übergossen. Mein erster Gedanke: „Es ist kein Zweitaktgemisch, durch das darin enthaltene Öl wäre mein Anzug dahin.“ Der Tankwart erschien – sein Kommentar: „Das verschüttete Benzin müssen sie trotzdem bezahlen, aber jetzt dürfen sie auf der Weiterfahrt nicht rauchen!“ Ich war auf dem Weg zu einer wichtigen Sitzung, hatte keine Ersatzkleidung mit und war in starker Zeitnot. Ich fuhr weiter mit geöffneten Fenstern, der Windzug half ein wenig meinen Anzug einigermaßen zu trocknen. In der Besprechung, die ich gerade noch rechtzeitig erreichte, fand ich Verständnis für mein Missgeschick. Ich setzte mich in den Hintergrund des Tagungsraumes - weit ab von den Teilnehmern – so dass die Geruchsbelästigung zu minimieren war.

 

Dienstboten

Viele Geschichten erzählten meine Großeltern über die Dienstboten bei den Bauern, den Knechten und Mägden, aus der Gegend in Ostthüringen. Noch in den 1930er Jahren lernte ich bei einem Bauern in unserer Nachbarschaft, der mindestens 30 Hektar Land bewirtschaftete, altmodische Verhältnisse und eine Hierarchie unter dieser Berufsgruppe kennen. Dort gab es einen „Großknecht“ und eine „Großmagd“, die man auch nur so ansprechen durfte, sonst waren sie beleidigt. Sie waren im übertragenen Sinne die Vorarbeiter und achteten auf strenge Einhaltung der Disziplin der übrigen Knechte und Mägde. Als Erwachsener fand ich im Nachlass meines Großvaters ein Exemplar der Gesindeordnung von 1841 und las den von ihm unterstrichenen Paragraphen: „Das Gesinde ist verpflichtet für seine Herrschaft den ganzen Tag zu arbeiten, auch nach der bestehenden häuslichen Ordnung sich zur Ruhe zu begeben und früh aufzustehen. Es darf unter dem Vorwande, zu verrichtender Arbeit, ohne Bewilligung der Dienstherrschaft nicht über die Zeit, wo sich die Familie des Dienstherrn zur Ruhe begibt, aufbleiben.“ Da erinnerte ich mich, dass unser Nachbar seine Knechte und Mägde noch nach dieser Vorschrift behandelte. Meine Großmutter erzählte mir damals, dass Knechte und Mägde ihre Dienstherrschaft vorwiegend nach der Menge und Qualität des Essens, das sie bekamen, beurteilten. Darüber wurden dann viele Episoden erzählt. Dort, wo es besonders gutes Essen gab, hatte man keine Not mit Personal. Über einen Knecht namens Friedrich, der bei einem reichen Bauern in Kauern, einem Nachbardorf, in Stellung war und den ich noch kennen lernte, war dazu eine lustige Geschichte im Umlauf. Mit seinen ungefähr 60 Lebensjahren war er für mich als Kind ein uralter Mann. Er war sehr fleißig, hatte aber auch immer guten Appetit. So hatte er sich ein besonders großes Messer gekauft, um viele Zutaten aufs Brot schmieren zu können. Die Bauersfrau versteckte es. Friedrich meinte dazu: „Ach, mein Messer ist weg, ich wollte mir sowieso ein größeres kaufen“. Da legte die Bäuerin das Messer lieber wieder auf den Tisch. Friedrich aß gern Butter und hat auch viel aufgeschmiert – wie wir im Dialekt sagten -. Der Bauer bedeutete: „Friedrich, iss Quark, der kühlt.“ Der Knecht erwidert: „Ich esse Butter und wenn ich gleich verbrenn“. Auch beim Fett, das häufig auf den Tisch kam, hat er tüchtig zugelangt. Die Bauersfrau sagte: „Friedrich, es ist Gänsefett, es kostet das Pfund´ ne Mark.“ Er darauf: „ Na, da ist´s auch nicht zu teuer.“

 

Leitermann

 Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren fuhr noch der „Leitermann“ mit einem Pferdegespann durch die Dörfer meiner Heimat in Ostthüringen und verkaufte Steiggeräte aus Holz. Er kam vom so genannten Holzland, das ist eine große Waldgegend bei Hermsdorf und Klosterlausnitz, mit ausgedehnten Nadelwäldern, die reichlich Holz liefern. Wahrscheinlich war er vom Grundberuf her Stellmacher oder Tischler und Besitzer eines solchen Handwerksbetriebes; wir kannten ihn aber nur unter der Berufsbezeichnung Leitermann. Die Holzleitern aller unterschiedlichen Längen waren auf einem Leiterwagen gestapelt, der vermutlich so hieß, weil seine Seitenwände Leitern ähnlich waren. Damals wurde behauptet, dass eine Holzleiter nicht länger als zehn Meter sein darf, weil sonst die Holme brechen, wenn ein schwerer Mann hinaufsteigt; und über Unfälle beim Obstpflügen erzählte man manche schlimme Geschichte. Insbesondere während der Sommer- und Herbstmonate zur Erntezeit versprach sich der Leitermann die besten Geschäfte, denn wenn diese dann häufig benutzten Geräte kaputt gingen musste Ersatz beschafft werden. Ich erinnere mich, dass die Leute in jener Zeit sagten: „Wenn der Leitermann unterwegs ist, dann wird es bald regnen.“ Tatsächlich beobachtete ich, dass diese Vorhersage vielfach eintraf und mein Großvater meinte dazu: „Dieser Mann hat ein gutes Gespür, wenn seine Rheumaglieder zu schmerzen beginnen, dann ist Regen im Anzug, die Bauern müssen die Erntearbeiten unterbrechen und haben Zeit seine Leitern zu kaufen.“

 

Dorfschuster

 Als ich den Beitrag vom 6.Juli 2010 von Herrn Kreuter über den Dorfschuster las, erinnerte ich mich an einen Schuhmacher in meinem Heimatort im Kreis Greiz in Ostthüringen. Mitte der 1930er Jahre – ich war 5 Jahre alt – besuchte ich diesen Handwerker, dessen Betrieb heute auch eine „Ich AG“ genannt werden könnte, sehr gern. Mir gefielen all die Werkzeuge, die Herr Kreuter in seinem Beitrag so gut beschrieben hat. Besonders imponierte mir, wie geschickt der Schuster die kleinen Holzstifte mit seinem Schusterhammer, der eine besondere Form hatte, in das Leder in den Sohlenrand einschlug. Alle Handgriffe saßen und im Nu war ein Stiefel oder Schuh fertig. Mich lehrte mein Großvater damals das Einschlagen der Metallnägel in Holzbalken, die ich auch wieder herausziehen und gerade klopfen musste. Mit krumm geschlagenen Nägeln und schmerzhaften Schlägen auf meinen Daumen zahlte ich damals im übertragenen Sinne dabei viel Lehrgeld. In jener Zeit war mein Traumberuf Bauer, an zweiter Stelle rangierte Lokomotivführer und dann kam aber gleich Schuhmacher, weil der so prima Reitstiefel machen konnte, die ich mir aufs sehnlichste wünschte. Verstärkt wurde dieser Wunsch, als ich 1944 am Ende des Krieges noch in die Reiter – HJ (Reiterhitlerjugend) aufgenommen wurde. Ich nervte meinen Vater, er möge das Material für Lederstiefel besorgen, denn der Schuhmacher hatte mir versprochen, für mich elegante Reitstiefel zu fertigen, wenn ich das Oberleder liefere. Es gelang. Wir schlachteten illegal ein Kalb, eine so genannte Schwarzschlachtung, da musste das Fell nicht abgeliefert werden. In der Nachbarstadt Weida gab es Gerbereien und Lederfärbereien; dort gewannen wir für unser Vorhaben durch Bestechung einen Gerber, der die Kalbsrohhaut im Bearbeitungsprozess unbemerkt mit durchlaufen ließ und uns dann das fertige einwandfreie schwarz glänzende Kalbsleder, das sich vorzüglich für Stiefelherstellung eignete, übergab. Ein teurer Spaß, an dessen Ende ich aber beste Reitstiefel besaß, die ich bis zu meinem Alter von 18 Jahren tragen konnte.

 

Topfstricker 

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren zogen in meiner Ostthüringer Heimat noch „Rastelbinder oder Topfstricker“ von Dorf zu Dorf. Sie gingen von Haus zu Haus und fragten, ob Metalltöpfe zu löten waren, oder es zerbrochene Tongefäße gab, die durch ein Drahtgeflecht wieder zusammengeflickt werden könnten. Sie campierten in einem Wohnwagen, den ein Pferd von Ort zu Ort ziehen musste, jedes Jahr im Juli/August für einige Tage auf einer Wiese am Ortsrand. Ich entsinne mich an ein Ereignis nach dem ich mir wünschte, dass diese Handwerker noch im Sommer des betreffenden Jahres wieder in unsere Kleinstadt kommen. Mir war ein Missgeschick passiert. Am Bauernhaus meiner Großeltern befand sich ein großer Obstgarten mit sehr vielen Pflaumenbäumen. Meine Großmutter legte deshalb im Herbst jeden Jahres eine Unmenge Pflaumen in eine gewürzte süß- sauere Essiglake ein, wofür sie mehrere größere Tontöpfe nutzte. Die Gefäße standen in der Speisekammer auf einem Holzregal. Die eingelegten Pflaumen schmeckten besonders im Winter und kurz vor der neuen Pflaumenernte besonders gut. Heimlich naschte ich deshalb hin und wieder von den leckeren Früchten. Ich war noch Vorschulkind und zu klein, um ohne Hilfsmittel an die weit oben stehenden Gefäße zu gelangen. Ich holte mir deshalb immer eine kleinere Holzleiter, die ich ans Regal lehnte. Wie dann alles genau passierte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls muss ich wohl das Steiggerät nicht richtig angestellt haben, es rutschte weg, ich hielt mich an den Töpfen fest und fiel mit ihnen zusammen runter. Ich war nicht ernsthaft verletzt, aber einige Behältnisse mit mir in die Tiefe gegangen und teilweise zerbrochen. Als Strafe sollte ich mit meinem Taschengeld mich an der Behebung des Schadens beteiligen. Neue Gefäße waren sehr teuer, aber eine Reparatur durch die Topfstricker weitaus günstiger; deshalb sehnte ich deren Kommen herbei, damit für den Herbst die Töpfe wieder zur Verfügung standen. Übrigens hatte ich bis in die Achtziger Jahre einen Tontopf, der mit einem Drahtgeflecht zusammengehalten wurde, aufbewahrt, dann aber leider dieses „Museumsstück“ weggeworfen.

 

Waschfrau

 In der aktuellen Berufsliste für Deutschland sind für „Waschfrau und Plätterin“ die Berufsbezeichnungen Wäscherin und Wäschebüglerin zu finden. Schon als Schulkind in den 1930/40er Jahren war ich vom Gedicht „Die alte Waschfrau“ von Adelbert von Chamisso stark beeindruckt. Waschfrau war für uns damals eine gängige Berufsbezeichnung. Freilich, die vom Dichter beschriebenen Verhältnisse im 19. Jahrhundert gab es Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Ich hörte aber in jener Zeit von den Hausfrauen der Familien, die sich keine Dienstboten leisten konnten und auch oft mehrere Kinder hatten, die Bemerkung: „Ich bin für unsere große Familie ja nur die Waschfrau.“ Begüterte Familien leisteten sich Waschfrauen, die in den jeweiligen Haushalten für einen geringen Lohn wuschen und bügelten, oder die Wäsche abholten, in ihren eigenen Waschküchen säuberten und bügelfertig wieder ablieferten. Diese Frauen und die Hausfrauen in den Familien leisteten beim Wäschewaschen oft Schwerstarbeit. Anstelle der heute bekannten Wannen aus Plaste oder etwas leichteren Zinkwannen gab es damals noch große schwere Wannen aus Holz; fließendes Wasser hatten wir auch noch nicht. Ein Rumpelbrett war sehr wichtig, um alle Schmutzstellen aus der Wäsche zu rumpeln. Die Frauen haben sich dabei manche Finger wund gerieben. Eine Wringmaschine, die am Wannenrand festgemacht wurde und zumindest das schwere Auswringen per Hand erleichterte, lernte ich erst in den vierziger Jahren kennen. Beim Heben der Wäsche aus dem Kessel und den Wannen sowie beim Transport der schweren Behältnisse haben sich manche Frauen, so hörte ich schon als Kind, gesundheitliche Schäden zugezogen. Zum Trocknen der Wäsche wurden im Sommer im Garten oder Hof Leinen gespannt. Die Leinen wurden sehr hoch angebracht, damit beim Durchhängen die großen Wäschestücke nicht auf den Boden schleiften. Meine Oma war nur etwa 1,60 m groß und brauchte deshalb zum Wäscheaufhängen die Fußbank. Der Transport der Wäsche erfolgte in Körben aus Weidengeflecht. Meine Oma und Mutter legten das „Bettzeug“ im Sommer im Garten auf den Rasen zum Bleichen aus. Nach dem Trocknen aller Wäsche musste diese gelegt und gebügelt werden. Beim Zusammenlegen der Bettbezüge und Laken musste ich als etwa Zehnjähriger beim „Rippeln“, wie wir es nannten, helfen. An den Ecken angefasst wurden die Stücke vor dem Zusammenlegen quer und diagonal straff gezogen. Früher wurden die Bügeleisen in der Ofenröhre oder auf der Ofenplatte erhitzt und waren meistens sehr schwer. Eine Arbeitserleichterung brachten in den 1930er Jahren die selbst in kleineren Städten eingerichteten „Wäschemangeln“. Die Hausfrauen legten Wäschestücke akkurat gefaltet auf ein Tuch aus festem Drillichstoff, das auf eine Holzrolle gewickelt wurde. Eingelegt in die Maschine rollten sich unter den schweren Walzen die Tücher auf und zu. Der Ablauf geschah hinter einem Gitter, das sich beim Einschalten automatisch schloss. Die gemangelte Wäsche wurde sorgfältig zusammengelegt. Durch die zahlreichen Arbeitsgänge dauerte die große Wäsche bei uns meistens mehr als 3 Tage, bis alles wieder im Schrank verstaut war.

 

Bauer (Neubauer)

 Das Berufsbild und der Stand des Bauern erfuhren bis heute in der Gesellschaft in Deutschland einen Wandel. In den 1930er Jahren war bei uns Kindern der Abzählreim beliebt: „Kaiser, König Edelmann – Bürger, Bauer, Bettelmann.“ Das zeigte, der Bauer rangierte noch bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts nach dem Bürger, aber vor dem Bettelmann. Ausnahmen bildeten die Großgrundbesitzer und Adligen, das waren aber keine Bauern im eigentlichen Sinne, in der Regel waren bei ihnen ausgebildete Bauern angestellt, die jedoch Landwirt hießen. Im Nationalsozialismus, ab dieser Zeit beginnen meine persönlichen Erinnerungen, gab es Erbhofbauern, deren Bauernhöfe auch bei Vererbungen nicht geteilt werden durften. Nur diesen war es erlaubt, sich Bauer zu nennen, alle anderen Besitzer von Gehöften oder die in einem landwirtschaftlichen Beruf Ausgebildeten waren Landwirte, oder mit Studium nannten sie sich dann Agrarwissenschaftler. Nach dem 2. Weltkrieg war ursprünglich von den Siegermächten für Deutschland eine Bodenreform geplant, die aber nur in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) mit allen Konsequenzen verwirklicht wurde. Neben Klein- Mittel- und Großbauern entstand dort der neue Begriff Neubauer, diese erhielten als bisher landarme oder landlose Bauern und Umsiedler aus den Ostgebieten Äcker und Wälder aus den Besitzungen der enteigneten Großgrundbesitzer und Kriegsverbrecher. In jener Zeit wollten alle, auch diejenigen, die von Landwirtschaft keine Ahnung hatten, aufs Land und Bauer werden, um nicht Hunger leiden zu müssen. Ab den 1950er Jahren begann in der DDR die Bildung von LPG (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften), damit war die Schicht der Genossenschaftsbauern, ein neuer Berufzweig, ins Leben gerufen worden. Daneben entwickelten sich neue Berufe wie Zootechniker und Agrartechniker, die ab der Wende wieder verschwanden. Die Bauern von heute suchen in ihrem Daseinskampf auch im Rahmen der Globalisierung neue Existenzfelder wie Biogaserzeugung oder Rückkehr zur ursprünglichen Landwirtschaft mit der Erzeugung von Bioprodukten. Die alte Weisheit, die ich in den 1930er Jahren noch von meinem Großvater hörte: „Hat der Bauer Geld, hat´s die ganze Welt“, und „Eigne Scholle ist goldeswert und ernährt den fleißigen Mann“, gilt zwar noch heute, verliert aber wegen zu starken staatlichen Einflussnahmen und Niedrigpreisen für landwirtschaftliche Produkte an Bedeutung.

 

Weißnäherin

In der aktuellen Berufsliste ist der Beruf der Weißnäherin nicht mehr aufgeführt. Es ist ein Unterberuf der Näherin oder Schneiderin – letzterer existiert noch als Lehrberuf. Meine Großmutter hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diesen Beruf erlernt und als junges Mädchen ausgeübt. Sehr gern erinnere ich mich an ihre Erzählungen über ihre Tätigkeit als Weißnäherin, mir blieben sogar heute nach mehr als 70 Jahren davon Einzelheiten im Gedächtnis. Ihr Vater, mein Urgroßvater, besaß ein Stoff- Tuch- und Leinengeschäft mit einem stationären Laden in meinem Heimatort, einer Kleinstadt in Ostthüringen. Zusätzlich fuhr er anfangs mit Hunde- und später mit Pferdegespann über Land und verkaufte in Rittergütern und Bauernhöfen die Stoffe für die Aussteuer der heiratsfähigen Töchter. Meine Oma lernte vielleicht deshalb den Beruf der Weißnäherin, um den Verkauf der Stoffe dadurch zu unterstützen, dass sie in den reichen Bauernfamilien gleich die gewünschten und erforderlichen Näharbeiten ausführte. Sie erzählte mir, dass sie meistens einige Wochen in den jeweiligen Haushalten mit lebte und dort nähte. Hin und wieder wurde sie auch von Adelshäusern angefordert, um die fast immer umfangreiche Aussteuer für die Bräute mit fertig zu stellen. Oft hatte sie auch dort Familienanschluss, denn sie war damals ein sehr aufgeschlossenes, fleißiges, freundliches junges Mädchen. Sie lernte dabei gleichzeitig Umgangs- und Anstandsformen, wie sie in jener Zeit noch nicht in einfachen Bürger- aber in Adelshäusern üblich waren. Meiner Großmutter machte es großen Spaß mir als Kind diese „Benimmregeln“, wie wir es nannten, ebenfalls beizubringen. Während meines gesamten Lebens, bis heute, benutzte ich manchmal diese altertümlichen Grundsätze des Benehmens und gegenseitigen Verhaltens – was meiner Umgebung dann auch zuweilen ein Lächeln entlockt -. Ich muss dann erklären, dass ich das noch von meiner Großmutter lernte.

 

Heimweber 

 In Thüringen wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Häusern und auch in meinem Großelternhaus die Heimweberei betrieben. Mein Großvater war Bauer und gelernter Weber und erzählte gern von seiner Arbeit am Webstuhl mit seiner Tätigkeit zu hause. Er bedauerte, dass Ende des 19. Jahrhunderts durch die im Ort errichtete mechanische Weberei die Hausweberei nicht mehr konkurrenzfähig war. Weil seine kleine Landwirtschaft für seine Familie mit 6 Kindern nicht genügend einbrachte, begann er in einer Großweberei in der 5 Km entfernter Stadt zu arbeiten. Täglich bewältigte er diese Wegstrecke zur Arbeitstelle hin und zurück zu Fuß. Heute würden wir das folgende Kuriosum als Witz auffassen, aber meine Großmutter erzählte es mir als wahre Begebenheit, die in unserer Nachbarschaft vorgekommen sein soll: „Der Hausherr war krank und der Arzt wurde zum Hausbesuch gerufen. Auf die Frage des Mediziners nach dem `Stuhlgang´ antwortete die Ehefrau: „Gestern webten wir noch Drillichstoff, der ging sehr gut, aber wie der Stuhlgang mit den modernen Garnen und Fäden gelingt und aussieht, das wissen wir noch nicht. Es ist eben eine Maschine, aber Danke für die Nachfrage zu unserer Arbeit.“

 

Sautreiber

 Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren erzählten mir meine Großeltern von dem ungewöhnlichen Beruf „Sautreiber“, den ich selbst allerdings nur noch am Rand kennen lernte, weil er in dieser Zeit schon weitgehend verschwunden war. In meinem Heimatort in Ostthüringen gab es damals einige reiche Viehhändler, die mit fast allen landwirtschaftlichen Nutztieren – Schafe, Schweine, Rinder, Pferde – handelten und dabei gute Geschäfte machten. Sie kauften unter anderem Läuferschweine, das sind für die Mast vorgesehene Tiere mit einem Gewicht von durchschnittlich 30 kg, auch aus den benachbarten Ländern Polen und der Tschechoslowakei. Diese Tiere wurden mit der Bahn antransportiert und konnten nur in dafür geeigneten Güterbahnhöfen entladen werden. Mein Heimatort und viele andere Dörfer, wohin die Läufer zu den Bauernhöfen und -gütern zu Mast gebracht wurden, hatten aber keinen Bahnanschluss. Die Tiere wurden deshalb in den ca. 20 bis 40 km vom Ort der Empfänger entfernten Bahnhöfen - z. B. Weida und Werdau - entladen und von den Sautreibern per Fuß in Herden zu den Adressaten den Landwirtschaftsbetrieben getrieben. Unter der Berufsgruppe der Sautreiber gab es nur wenige fest Angestellte – die meisten waren Tagelöhner und angelernte Arbeitskräfte-. Mein Großvater erzählte, dass auf dem langen Weg, den die Schweineherden marschieren mussten, manchmal auch einzelne Tiere ausbüxten und im dichten Unterholz am Wegesrand verschwanden. Die Sautreiber konnten aber die Herde nicht allein lassen, um die Ausreißer einzufangen, was übrigens auch fast unmöglich war. Die begüterten Viehhändler hatten aber wahrscheinlich diese Verluste einkalkuliert und den Sautreibern wurden vom geringen Lohn nur niedrige Beträge als Strafe für die Unachtsamkeit abgezogen. Außerdem hörte ich von meinem Opa, dass arme Leute, die oft im Wald Holz sammelten, deshalb ab und zu Glück hatten einen solchen Läufer einfangen konnten und dann für den Eigenbedarf mästeten. Weil die Tiere mit Ohrmarken gekennzeichnet waren, schnitten sie diese aus dem Ohr und niemand konnte nachweisen, dass es ein gefundenes Tier war. Berichtet wurde auch von Sautreibern, die unehrlich arbeiteten. Sie manipulierten beim Zählen bei der Übernahme der Herde und verkauften dann unterwegs unterschlagene Tiere auf eigene Rechnung. Betrüger gab es also auch schon in jener Zeit, von der die Alten immer behaupten, früher sei alles besser gewesen.

 

 

Schinder (unehrliche Berufe)

Im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit gab es in Deutschland so genannte unehrliche Berufe. Das hatte nichts mit der Unehrlichkeit der Menschen, die diese Berufe ausübten, zu tun, sondern das Gewerbe bzw. die Handwerke, in denen sie tätig waren galten als ehrlos und verrufen; sie trugen den Makel der gesellschaftlichen Verachtung. Heute kaum vorstellbar, damals wurden auch Schäfer und Müller dieser Kategorie zugeordnet, während Abdecker, auch Schinder genannt, Scharfrichter und fahrendes Volk in aller Augen stets typische unehrenwerte Berufe waren. Als Heranwachsender habe ich die Geschichten über den Schinderhannes gelesen, der als Sohn eines Abdeckers auch dieses Handwerk erlernte und sich Ende des 18. Jahrhunderts durch allerhand spektakuläre Straftaten schuldig machte. Seine Betrügereien waren spannend dargestellt und es wurde auch darauf verwiesen, dass Herkunft, Abstammung und Berufsausübung den Menschen für immer und ewig anhaften und prägten, besonders wenn sie den „Unterständischen“ angehörten. Ab dem 19. Jahrhundert erlangte das Abdeckergewerbe im Rahmen der Tierseuchenbekämpfung und -verhütung Bedeutung. Verendete und gegebenenfalls von einer ansteckenden Krankheit befallene Tiere oder Schlachtabfälle wurden in diesen Betrieben unschädlich beseitigt oder verwertet, d. h. z. B. Felle und Fett auch der Weiterverarbeitung zugeführt und Eiweißfuttermittel gewonnen. Sie hießen in der DDR dann Tierkörper Verwertungsbetriebe (TKVB), die es in vielen Städten gab und die aus den bis zum Kriegsende bestehenden Tierkörperbeseitigungsanstalten hervorgegangen waren. Sie befanden sich wegen der Geruchsbelästigung meistens außerhalb der Wohnbebauungen. Ab Ende der 1950er Jahre war ich in einer Thüringer Kleinstadt, in deren Flur ca. 3 Km vom Ortsrand entfernt ein TKVB existierte, als Tierarzt tätig. In einem über hundert Jahre altem Gebäude musste man noch mit antiquierten Anlagen, Gerätschaften und Inneneinrichtungen arbeiten. Ständig, aber besonders wenn der Wind von diesem Strandort aus Richtung Stadt wehte, roch man die unangenehmen, widerlichen Düfte dieser Einrichtung. Von Berufswegen hatte ich des Öfteren in dem Betrieb zu tun, ich musste u. a. zur Feststellung der Todesursache bei verendeten Tieren Sektionen durchführen. Ich deponierte deshalb aus hygienischen Gründen aber auch wegen des Geruchs Extrakleidung in dem Betrieb, die ich dort in einem gesonderten Raum aufbewahrte und mit meiner anderen Kleidung wechselte. Bewundernswert empfand ich das Verhalten der Abdeckereiarbeiter, die selbst ihre Speisen in diesem widerwärtigen Umfeld verzehren mussten und dies alles recht ungezwungen taten. Ich hingegen war immer froh, diese Stätte schnell wieder verlassen zu können. Ab Mitte der 1960er Jahre wurden in allen Bezirken der DDR moderne Tierkörperverwertungsbetriebe errichtet, deren Kapazitäten jedoch nie ausreichten. Nach der Wende wurde deshalb gern die Hilfe von den alten Bundesländern angenommen, wo teilweise Überkapazitäten auf diesem Gebiet vorhanden waren.

 

 Dentist

 

Die Methoden zur Heilung der Zähne und des Gebisses der Menschen, wie sich dabei ein Berufszweig bis zum heutigen universitätsgebildeten Zahnarzt entwickelte, sind sehr interessant. In der medizinischen Geschichtsschreibung wurde hierüber bereits Vieles veröffentlicht, begründet und belegt. Ich will aber auf die überlieferten grausigen Bilder aufmerksam machen, wie im Mittelalter auf öffentlichen Plätzen Menschen von Barbieren – die schnitten damals nicht nur die Haare sondern waren wichtige Heilkundige - Zähne gezogen wurden. Die Schmerzen müssen furchtbar gewesen sein, das zeigen die verzerrten Gesichter der Patienten. Wenn sich in den Verfahren zur schmerzgeminderten Zahnbehandlung Entscheidendes verbesserte, so behält jedoch das Gedicht von Eugen Roth „Der Zahnarzt“ volle Berechtigung für unser Verhältnis zu dieser Berufsgruppe. Es heißt so schön:

Nicht immer sind bequeme Stühle

Ein Ruheplatz für die Gefühle.

Wir säßen lieber in den Nesseln,

als auf den wohlbekannten Sesseln,

Von denen, sauber und vernickelt,

Der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren gab es in meinem Heimatort in Ostthüringen (2000 Einwohner) keinen Zahnarzt, aber 2 Dentisten, eine ab 1952 in Deutschland wegfallende Berufbezeichnung. Als etwa Fünfjähriger musste ich zur Zahnbehandlung. Ich hatte sehr viel Angst, weil auch die Erwachsenen mir durch ihre Erzählungen nicht gerade Mut machten. Man hatte es geschafft, mich auf den Behandlungssessel zu platzieren, aber dort verschloss ich ganz fest meinen Mund und war nicht zu bewegen, ihn zu öffnen. Da sagte meine Mutter: „Wenn du deine Zähne nicht zeigst, hat das schreckliche Auswirkungen!“ Dieses Wort kannte ich nicht, glaubte, es sei noch gefährlicher als der zu erwartende Schmerz und ließ den Dentisten in meinen Mund schauen. Mehrmals musste ich in der Folgezeit zur Zahnbehandlung. Als Schüler versuchte ich – wie alle Kinder, die Lesen lernen – möglicht alle Texte, auf die man aufmerksam wurde, zu entziffern. Das gelang mir im Wartezimmer des Dentisten mit dem Spruch: „Quält dich in deiner Brust, das harte Wort du musst, so macht dich eins nur still, das stolze Wort: Ich will.“ Das gab mir Mut, obwohl ich die tatsächliche Bedeutung dieser Aussage erst später als Heranwachsender völlig begriff.

VEAB – Aufkäufer 18.8.10

 

Aus der DDR-Zeit gibt es zahlreiche Berufe, die nach der Wende in Deutschland verschwanden. Gleichermaßen sind Institutionen und Betriebe, in denen sie beschäftigt waren, von der Bildfläche verschwunden. Viele diesbezügliche Begriffe und Namen sind nach fast 20 Jahren in Vergessenheit geraten. Hoffentlich wird die Reihe „verschwundene Berufe“ fortgesetzt, dann will ich künftig einige für die DDR typische Berufe, mit denen sich persönliche Erlebnisse verbinden, beschreiben. Beginnen möchte ich mit dem „VEAB – Aufkäufer“. VEAB war die Abkürzung für „Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb“. In diesen Einrichtungen wurden Erzeugnisse von Privatpersonen, meistens Obst und Gemüse aus den eigenen Gärten, aber auch tierische Produkte wie Eier und Geflügel aufgekauft. Angegliedert waren „Drogenerfassungsbetriebe“, die Wild- und Gartenkräuter, vor allem Heilpflanzen, ankauften. Die Aufkäufer wetteiferten im Rahmen eines so genannten sozialistischen Wettbewerbs untereinander um die besten Aufkaufergebnisse, bei denen es manchmal mehr um Quantität als um Qualität ging. So wurde in einem Falle ein Aufkäufer auf Grund der Menge der aufgekauften Hühnereier zum Wettbewerbssieger gekürt, obwohl sich im Nachhinein herausstellte, dass ihn einige „Kleinerzeuger“, wie die Produzenten genannt wurden, betrogen hatten. Sie waren aber nicht mehr zu ermitteln; sie hatten ältere bebrütete Hühnereier, die schon vor der Anlieferung in sehr warmen Räumen gelagert worden waren, mit untergeschoben. Nach wenigen Tagen Lagerung in der Erfassungsstelle, in der während extrem warmer Sommertage auch keine Kühllagerung gegeben war, schlüpften die ersten Küken aus den Eiern, denn auch in diesen Räumen herrschten Bruttemperaturen. Für den Schaden musste er nicht aufkommen, aber den Spott seiner Kollegen ertragen.

 

Traktorrist

In der DDR hörte man oft den Spruch: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“. Folglich wurden von dort auch Berufsbezeichnungen übernommen oder bestimmte Tätigkeiten bekamen einen besonderen Stellenwert. Obwohl auch heute noch Männer und Frauen Traktoren fahren, galt in der DDR der Traktorist oder die Traktoristin nach sowjetischem Vorbild als Prototyp des Arbeiters oder der Arbeiterin auf dem Lande. Propagandistisch wurde dieser Beruf als Muster für das Zusammenwachsen von Arbeiterschaft und Bauern in der sozialistischen Landwirtschaft dargestellt. Nachdem sich in den 1950er Jahren auch in der DDR die Ernährungslage stabilisiert hatte, waren Tätigkeiten in der Landwirtschaft nicht mehr so gefragt und attraktiv wie in der Zeit nach dem Krieg, als viele Menschen besonders in der Stadt, wenig zu Essen hatten. So entstand generell aber vor allem in solchen LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) Arbeitskräftemangel, in denen beispielsweise mehrere Bauernhöfe übernommen werden mussten, deren Besitzer mit Familie und manchmal sogar mit dem bei ihnen Beschäftigten nach der BRD geflüchtet waren. Mit der Aktion „Industriearbeiter aufs Land“ wollte man diesem Mangel begegnen und machte manche verlockende Angebote bei einer Tätigkeitsaufnahme in LPG, VEG (Volkseigene Güter) und MTS (Maschinen- Traktorenstationen). Während meiner tierärztlichen Praxistätigkeit lernte ich in einem Thüringer Dorf ein junges Ehepaar kennen, das diesem Ruf gefolgt war. Die Frau war bisher Bürokraft wollte sich aber gern in einem Männerberuf beweisen, sie wurde Traktoristin. Erstaunlich, wie sie einen Traktor mit dem Markennamen „Pionier“, den ersten in der DDR gebauten Schlepper, steuerte und alle gängigen Feldarbeiten meisterte. Man merkte, ihr machte die Arbeit Spaß, sie zeigte, dass auch Frauen durchaus technische Begabung haben, obwohl das häufig Männer als ihre Domäne beanspruchen. Generell wurden nach meinen Erfahrungen in der DDR die Frauen dazu animiert in Tätigkeitsbereiche einzudringen, die traditionell früher dem so genannten starken Geschlecht vorbehalten sein sollten. Kurios: Der Ehemann der jungen Frau, bisher handwerklich tätig, sattelte um und nahm eine Arbeit im LPG-Büro auf. Die Beiden, vor dem „echte Städter“, begannen auch mit der so genannten individuellen Tierhaltung, hielten Hühner, mästeten Schweine und Rinder, womit sie sich sehr gute Zusatzeinnahmen sicherten.

 

 

Krämer 21.8.10

 

Krämer ist in Deutschland ein Familienname, der früher auch für Kleinhändler angewendet wurde und in Österreich noch immer eine gebräuchliche Bezeichnung ist. Er war abgeleitet von „Kram“, eine umgangssprachlich benutzte Bezeichnung für unnützes, allerhand wertloses Zeug. In meiner Kindheit in den 1930er Jahren wurden in Ostthüringen aber auch Kolonialwarenläden als Krämerläden und deren Besitzer als Krämer bezeichnet. Auf dem Firmenschild dieser Geschäfte stand meistens hochtrabend „Kolonialwaren“, es wurden aber vorwiegend einheimische Produkte verkauft. Mehl, Zucker, Hülsenfrüchte, Nudeln usw. usw. wurden aus großen Säcken oder Kästen in Papiertüten gefüllt, gewogen und den Kunden übergeben. Die Läden waren Treffpunkt für die Frauen des Ortes, dort blieb beim Einkauf immer Zeit, die neuesten Nachrichten und den Dorfklatsch auszutauschen. Im Volksmund hießen sie auch „Tante Emma Läden“. Gern kaufte auch ich in einem solchen Laden meines Heimatortes ein. Ich hielt einen Zettel von Mutter und das Portmonee fest in der Hand, die ich dem Krämer oder der Krämerin übergeben musste, wenn ich an der Reihe war. Sie verstauten alles Gewünschte in eine Einkaufstasche, entnahmen das entsprechende Geld aus der Geldbörse und ich konnte mit meinem Einkauf nach Hause traben. Ein Vorkommnis blieb mir dabei bis heute in Erinnerung. Ich wartete im Laden gemeinsam mit einigen Kundinnen, spitzte die Ohren, denn sie flüsterten sich leise einiges zu, was ich wahrscheinlich als Kind nicht hören sollte. Es ging, so viel bekam ich mit, um eine ortsbekannte Frau, die angeblich fremdgegangen wäre. Plötzlich vernahmen wir ein Poltern. Der Krämer war mit einem Mehlsack einige Stufen die Treppe heruntergefallen. Der Sack war geplatzt und das Mehl über den ganzen Flur verstreut. Wir alle mussten warten bis das wertvolle Gut mit Besen und Schippe aufgenommen war. Es kam in den Kasten, aus dem es auch sonst verkauft wurde. Nach beendeter Arbeit kümmerte sich die Geschäftsfrau um ihren Mann, ob der sich wohl verletzt hatte. Die heute strenge Bestimmung, dass auf den Boden gefallene unverpackte Lebensmittel zumindest vor den Augen der Kunden nicht mehr verkauft werden dürfen, galt damals noch nicht, oder man hat sie zumindest nicht ernst genommen. Beim Niederschreiben dieser Story muss ich an den Fernsehfilm „Die Kommode“ (Fernsehfilm BRD 1976, Regie: Denis Seiler und Margot Thyret nach einer Buchvorlage von Curt Götz) denken; dabei an die Szene, in der der Vater die Treppe herunterfällt und die Mutter sagt: „Lasst den Papa liegen, nehmt erst die Kommode.“ Diesen Ausspruch benutzen wir spöttisch lächelnd manchmal heute noch im Familienkreis.

Mit der Redensart: „Jeder Krämer lobt seine Ware!“ lebt diese Berufsbezeichnung bis heute weiter, sie beinhaltet mehrere Deutungen. Offensichtlich waren aber die Krämer schon immer gute Händler.

 

Zigarrenmacher 23.8.10

 

 

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in meinem Heimatort (2000 Einwohner) als Alternative zur niedergegangenen Handweberei ein neuer Gewerbezweig, die Zigarrenherstellung. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es dort bereits 14 Zigarrenmacherbetriebe mit mehr als 100 Arbeitskräften. Die aufkommende Zigarettenindustrie wurde immer mehr zur Konkurrenz dieser Kleinunternehmen und während meiner Kindheit Mitte der 1930er Jahre arbeiteten nur noch 5 Betriebe mit je ca. 10 Beschäftigten und einige wenige Einzelhersteller. Nach dem Krieg wurde ein Zigarrenhersteller enteignet, dessen Betrieb zunächst als LEB (Landeseigener Betrieb) weitergeführt und später zusammen mit den restlichen Kleinproduzenten zu einem VEB (Volkseigener Betrieb) vereinigt. 1951 wurde die Produktion auf Weisung der VVB Tabak (Vereinigung Volkseigener Betriebe) eingestellt, weil sie unrentabel geworden war. Die Fakten stammen aus: „Einblicke Rückblicke – aus der Geschichte der Stadt Hohenleuben“, von F. Trebge (1992)

In der Kriegs- und Nachkriegsproduktion waren Qualitätstabak und geeignete Tabakblätter für das haltbare Wickeln der Zigarren knapp und es kam Papier zum Einsatz. Mein Vater war passionierter Zigarrenraucher, er lehnte solche „Notzigarren“, wie er sie nannte, ab und rauchte, wenn er keine ohne Papier beschaffen konnte, lieber Tabakspfeife.

Ein Schulkamerad, dessen Vater war Zigarrenmacher, stibitzte zu Hause 3 Zigarren, die er in der Schulstunde mir und einem Schulfreund heimlich zeigte. Wir waren 9 Jahre alt und darauf erpicht, einmal so wie Männer zu rauchen. Am Nachmittag trafen wir uns am Waldesrand hinter einem Busch, wo wir den Rauchversuch starten wollten. Ich war beauftragt worden Streichhölzer mitzubringen. Diese anzuwenden war uns untersagt und uns mahnende Beispiele vor Augen gehalten, nach denen Kinder Feuer gelegt hatten. Eingebrannt in mein Gedächtnis hat sich der Spruch: „Messer, Gabel, Scher´ und Licht taugt für kleine Kinder nicht.“

Wir Drei trafen uns. Die richtige Vorbereitung und das Anzünden der Zigarren hatten wir von unseren Vätern abgeguckt und versuchten es fachmännisch nachzuahmen. Der Rauch schmeckte uns nicht, wir sogen ihn aber einige Male sehr tief in die Lunge und überwanden tapfer den folgenden Husten. Nachdem wir ein Drittel der langen dicken Stängel verkonsumiert hatten, fanden wir Ausreden, dass wir uns den Rest aufsparen wollten: Uns war es aber schon derart übel geworden, wir mussten die Brechreize unterdrücken. Fast trunken wankten wir nach Hause. Meine Mutter ließ sich nicht hinters Licht führen – sie roch, was ich getan hatte. Ich musste ins Bett; am nächsten Morgen ging es mir noch immer sehr schlecht, aber die Mama war unerbittlich: Ich musste trotz meines Unwohlseins zum Unterricht gehen. Meine beiden Freunde kamen ebenfalls mit bleichen Gesichtern an.

 

Zootechniker

In den 1970er Jahren erzählte mir eine Zootechnikerin, die in der DDR in einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) tätig war: „Wenn ich meinen Beruf nenne, werde ich häufig gefragt, ob ich in einem Zoo arbeite. Dabei ist nach meiner Ausbildung mein Wirkungsfeld vielgestaltiger, denn ich bin eine Fachkraft besonders auch auf dem Gebiet der Zucht und Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere.“ Sie war in der LPG Viehzuchtbrigadier, eine leitende Funktion, in der ihr die Tierpfleger und Arbeitskräfte der gesamten Zucht- und Nutztierhaltung unterstanden. Ihr Vorgesetzter war der LPG – Vorsitzende, ein Diplomlandwirt. Zootechniker war also in der DDR ein landwirtschaftlicher Ausbildungsberuf. In der Sozial- bzw. Funktionsstruktur in den LPG oder VEG (Volkseigene Güter) waren sie Vorgesetzte von Handarbeitskräften aber Landwirten mit Hochschulbildung unterstellt. Durchaus fanden sie auch Tätigkeitsfelder in Zoos, Versuchstierhaltungen und landwirtschaftlichen Instituten. Nach der Wende verschwand diese Berufsbezeichnung. Ich erfuhr in zahlreichen Beispielen, dass Zootechniker in den Betrieben geschätzte und anerkannte Fachkräfte mit einem umfangreichen Betätigungsfeld waren. In Ausnahmefällen konnten sie nach einigen Jahren der praktischen Tätigkeit noch ein landwirtschaftliches Hochschulstudium absolvieren. In den 1950er Jahren erlebten sie manche kuriose Begebenheiten. Damals waren sie noch Angestellte in MTS (Maschinen- Traktorenstationen) und berieten die neu gegründeten LPG in allen Tierhaltungsfragen. In einem sächsischen Dorf waren 1955 die meisten Bauern in die BRD geflüchtet – es gab dort keine Fachkräfte mehr. Der zuständige Zootechniker von der MTS fühlte sich für das Geschehen in dieser Genossenschaft verantwortlich und besuchte z. B. auch am Feiertag den 1. Januar 1956 diese neu gegründete LPG. Was fand er vor? In allen Ställen hatten die Tiere mehr als 18 Stunden kein Futter bekommen und waren nicht betreut worden; im Schweinemaststall hört sich das besonders furchtbar an, wenn die Tiere vor Hunger schreien. Was hatte sich zugetragen? Alle LPG- Mitglieder spielten gemeinsam Lotto und hatten einen Hauptgewinn gemacht. Alle feierten und niemand dachte ans Arbeiten. Gemeinsam mit einigen Vernünftigen wurde eine Notversorgung organisiert. Das Ganze war schlimm, aber erst die Spitze des Eisberges. Für die mehr als 200 Mastschweine gab es jetzt im Januar kein Futter mehr. Der Berater aber hatte gehört, dass in Mecklenburg einige Landwirtschaftsbetriebe Saatkartoffeln verkauften. Trotz der sehr hohen Preise wurden etliche Lastwagen voll von dort geholt, um als Viehfutter und Notrationen genutzt zu werden. Trotzdem überstanden nicht alle Mastschweine den Futtermangel, sie wurden notgeschlachtet. Eben in dieser LPG ersetzte der von der MTS kommende Zootechniker den notwendigen fachkundigen Viehzuchtbrigadier. Vielleicht auch deshalb wurden in der Folgezeit diese Fachkräfte direkt in die Betriebe integriert.

Holzpantoffelmacher

 

Spezielle Schuhmacher stellten früher Holzpantoffel und Holzschuhe her. Diese Fußbekleidung ersetzte oft, besonders während der Kriegs- und Nachkriegszeit,

echte Lederstiefel oder –schuhe. Man erhielt sie damals auch ohne die erforderlichen Bezugsscheine. Es war aber auch ein praktisches Schuhwerk, das man gern auf dem Lande trug. Meine Großeltern erzählten mir, dass noch in den 1920er Jahren viele Kinder mit Holzpantoffeln zur Schule gingen, weil sich arme Leute oft keine teuren Schuhe leisten konnten. Allerdings sind auch noch heute Schuhe mit Holzsohle im Gebrauch, die teilweise aber gar nicht billig sind. In meinem Heimatort, einer Thüringer Kleinstadt mit ca. 2000 Einwohnern, produzierten bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts kleinere Gewerbebetriebe oder Einzelhandwerker Holzpantoffel, Holzschuhe und -stiefel. Diese Schuhmacher waren angelernte Arbeitskräfte, denen aber Geschicklichkeit und Können bei der Herstellung abverlangt wurde. Als Kind habe ich gern zugesehen, wenn die Holzstücke der jeweiligen Fußgröße und -form angepasst und die Lederkappen der Pantoffel mit speziellen Nägeln rundherum befestigt wurden. Vor unserer Haustür zum Hof standen für jedes Familienmitglied und zusätzlich für gelegentliche Besucher ein Paar Holzpantoffel bereit, die man grundsätzlich anziehen musste, wenn man hinausging. Durch die hohe Holzsohle war ein besserer Schutz vor Schmutz und Nässe gegeben. Mein Großvater trug im Hof und zu allen Stall- und Feldarbeiten grundsätzlich Holzpantoffel und ich bewunderte seine Geschicklichkeit, wie er diese „Schlappen“ fest am Fuß halten und damit auf unwegsamen Untergrund gehen und stehen konnte. Noch mit 82 Jahren stieg er mit Holzpantoffeln an den Füßen zum Obstpflücken auf eine 3 m hohe Leiter. Ein Abrutschen von den Sprossen schien vorprogrammiert zu sein, er lachte aber seine Umgebung aus, wenn man ihn auf die Gefahren aufmerksam machte. Es passierte auch nichts. Unsere Holzpantoffeln waren für uns Kinder ein beliebtes Spielzeug am nahen Bachlauf. Sie schwammen wie kleine Schiffchen und wir konnten sie sogar mit Steinen beschweren, sie in der Strömung abtreiben lassen und wetteifern, wessen Schlappen am schnellsten vorankamen. Dabei passierte es mir, dass bei beginnendem Hochwasser die Strömung zu stark war und meine Fußbekleidung auf Nimmerwiedersehen verschwand. Ich war noch ins Wasser gesprungen um meine wertvollen Pantoffel zu erhaschen. Ich wurde aber auch mit abgetrieben, meine Schulkameraden konnten mir noch rechtzeitig am nahen Wehr einen langen Stock entgegen reichen an dem ich mich fest krampfte und womit sie mich heraus zogen und retteten. Dieses Vorkommnis blieb mir als Holzpantoffelerlebnis im Gedächtnis.

Dispatcher

Überall in der Industrie, Landwirtschaft und sogar in Verwaltungen hießen in der DDR die Verantwortlichen für die Kontrolle, Steuerung und Koordinierung der Arbeitsabläufe und Prozesse Dispatcher; das Wort stammt aus dem Englischen, es wurde in der SU (Sowjetunion) als Berufsbezeichnung eingeführt und nach 1945 in die DDR „exportiert“. Heute findet man diese Funktionsbezeichnung besonders noch in der Luftfahrt und im Rettungsdienst. Nach 1945 brachten aber nicht nur die SU sondern auch die anderen Siegermächte neue Begriffe und auch Berufsbezeichnungen mit nach Deutschland. In den 3 westlichen Besatzungszonen dominierte der englisch/amerikanische Einfluss – manche Landwirte wurden Farmer, Leiter und Direktoren Manager, Verkäufer Makler, Uhrenmacher watchmaker, Wildhüter Rancher und es gibt viele weitere bekannte Beispiele. Mit diesen englischen Begriffen wird bis heute sehr gern geworben; man kann sich dabei oft des Eindrucks nicht erwehren, dass einige damit besondere Sprachkenntnisse hervorkehren wollen. In der sowjetischen Besatzungszone fanden in Verbindung mit sozialistischem Gedankengut auch neben dem Dispatcher weitere neue Begriffe und Berufsbezeichnungen Einkehr in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltag und Sprachgebrauch. In der Landwirtschaft waren dies u. a. Traktorist und Traktoristin über die ich in einem vorherigen Beitrag ausführlich berichtete sowie Brigadiers im Stall und auf dem Feld. Nach meinem Empfinden wurden im westlichen Teil Deutschlands die neuen fremden Begriffe von der Bevölkerung in der Regel aufgeschlossener angenommen als im Osten. In der DDR gaben die neuen Bezeichnungen manchmal Anlass zu Spötteleien, wenn z. B. nicht mehr vom Chef sondern vom Natschalnik gesprochen wurde. Ironisch wurden die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) als Kolchosen bezeichnet und folglich hießen die Genossenschaftsbauern Kolchosbauern.

Dienstmädchen 

Dienstmädchen gibt es noch, allerdings arbeiten sie heute unter anderen Bedingungen als in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts; damit hat sich dieser Beruf verändert. Unsere Tante Lene, die heute 115 Jahre alt wäre und im Alter von 93 Jahren starb, erzählte gern und viel über ihre Tätigkeit als Dienstmädchen bei einem reichen Fabrikanten in der Nachbarstadt meines Heimatortes. Schon mit 12 Jahren, sie war noch Schulkind, kam sie in Stellung, wie es damals hieß. Diese noch Kinder wurden als Zugehmädchen bezeichnet. Tante Lene betonte immer, dass sie Glück gehabt hätte und zu einer guten Herrschaft gekommen wäre. Dort gab es viele Dienstboten, die die schwereren Arbeiten verrichteten, während sie als noch recht schwächliches Zugehmädchen hauptsächlich ein Vorschulkind beaufsichtigen, dessen Zimmer sauber machen, gelegentlich ein Kleinkind im Kinderwagen ausfahren und Botengänge machen musste. Allerdings blieben ihr für ihre schulischen Hausaugaben wenig und zum Spielen gar keine Zeit; jeden Wochentag ab Mittag, oft bis abends 20,00 Uhr und sonntags ganztätig, war sie voll eingespannt. Mit 14 kam sie aus der Schule, sie war froh, dass sie nun vom Fabrikanten als vollbeschäftigtes Dienstmädchen mit voller Kost und Logis übernommen wurde. Trotz der Beschwernisse machte ihr ihre Dienstmädchenarbeit Freude, sie war sehr kinderlieb und verstand es auch ohne Ausbildung ausgezeichnet mit Kindern umzugehen. Wahrscheinlich merkten das ihre Schutzbefohlenen, denn es entwickelte sich zu den Kindern ihrer Herrschaft ein sehr gutes Verhältnis, das während deren Erwachsenenseins fortbestand. Tante Lene erzählte auch von Dienstmädchen, die in anderen Häusern tätig waren, dabei verspürte man manchmal Traurigkeit in ihrer Stimme. Z. B. war ihre Freundin, die sie als sehr anständig schilderte, in einer Familie gewesen, in der sie vom Hausherrn missbraucht und deshalb von der Hausfrau mit bösen Beschimpfungen fortgejagt wurde. Auch berichtete sie von Zugehmädchen, die sehr schwere Arbeiten verrichten mussten und sich dabei sogar gesundheitliche Schäden zuzogen. „Ich hatte aber Glück“, sagte sie immer und immer wieder. Mit 28 Jahren wurde sie Fabrikarbeiterin und meinte, wieder Glück gehabt zu haben, weil sie doch ohne Ausbildung – also Ungelernte - in einem großen Betrieb als Repassiererin von Gummistümpfen eingestellt wurde; eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Pedell

Den Beruf Pedell gibt es bis heute, aber mit einem gewandelten Tätigkeitsprofil. Die Gymnasien und Oberrealschulen waren in den 1940er Jahren in unserem Sprachgebrauch die „Höheren Schulen“. Dort riefen wir Schüler damals häufig den Hausmeister spöttisch mit dem Namen Pedell. Wir wollten damit ausdrückten, er sei ein Diener aber Gegner der Pennäler, weil wir gelesen hatten, dass im Mittelalter und der frühen Neuzeit in den Universitäten diese Berufsgruppe Exekutivfunktionen ausübte und für die Ausführung der akademischen Strafen verantwortlich war.

Nach 1946 wurden in der Sowjetischen Besatzungszone nach der dortigen Schulreform Gymnasien und Oberrealschulen zusammengelegt und in Oberschulen umbenannt. Die Berufsbezeichnung Pedell galt hier als nicht zeitgemäß, aber gerade deshalb hießen und riefen wir Schüler den Hausmeister manchmal so, besonders wenn dieser Mann uns ärgerte. Der Hausmeister, der nun in der Oberschule als Vertreter der Arbeiterklasse galt, war für uns häufig ein unliebsamer Aufpasser und Petzer. Nicht selten riefen wir Ihn Pudel, das ist der für Pedell übliche Spitzname; das konnten wir aber nur vom sicheren Versteck aus tun, weil sein Einfluss vielleicht sogar gereicht hätte, uns von der Schule zu verbannen. Zwei Erlebnisse mit unserem Schulhausmeister, der in unseren Augen ein typischer konservativer Pedell war, blieben mir in guter Erinnerung.

Wir Schüler, die wir in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre mit dem Fahrrad zur Schule kamen, benutzten oft nicht den normalen Eingang, sondern stiegen durchs Fenster in unser im Hochparterre gelegenes Klassenzimmer. Das war so günstig, weil sich die Fahrradständer in unmittelbarer Nähe befanden. Eines Tages, wir tauschten gerade noch vor dem Unterricht die Ergebnisse der Hausaufgaben aus, schlossen Hausmeister und Direktor die Klassenzimmertür auf und kamen herein. In unserem Eifer hatten wir nicht bemerkt, dass der offizielle Schuleingang noch verschlossen war. Sie nannten uns Einbrecher und kündigten eine strenge Untersuchung an. Es sickerte durch, dass der Pedell sich für unseren Verweis von der Schule stark gemacht hätte, aber dies bei der Lehrerschaft nicht erreichte. Von da an war er unser Feind und musste manchen Schabernack ertragen.

Ab 18 Jahren bekam man in der Kriegs- und Nachkriegszeit (in der DDR bis 1958) Raucherkarten, auf die es Zuteilungen von Tabakwaren gab. 1949/50 waren wir Abiturienten in dieses Alter gekommen und meinten, diese Rationen auch selbst verbrauchen zu müssen. Im Schulgelände war das Rauchen verboten und der Hausmeister spürte uns auch nach, wenn wir Verstecke suchten und fanden, wo wir rauchten; aber in den meisten Fällen überlisteten wir ihn.

Zolleinnehmer

Zöllner gibt es noch, aber Zolleinnehmer, die, wie im 19. Jahrhundert, im Auftrag der Fürsten oder Landgrafen Weg- und Grenzzoll kassierten, nicht mehr. Für die Benutzung bestimmter Straßen wird auch heute oft eine Gebühr erhoben, die Maut, die vielleicht im weitesten Sinne mit dem damaligen Wegzoll vergleichbar wäre. Die erforderlichen Vorgänge an den Wegen oder den Straßen, bis hin zum Überweisen der Geldbeträge, werden in der Gegenwart aber nicht mehr durch Personen, sondern vorrangig durch Automaten abgewickelt.

Gern hörte ich meiner Großmutter zu, wenn sie von ihrer Kindheit berichtete, sie wusste auch dazu eine Geschichte zu erzählen. Ihr Großvater war Anfang des 19.Jahrunderts im Fürstentum Reuß ein so genannter Zolleinnehmer. Er besaß an der Straße und Grenze zwischen Reuß Jüngerer und Älterer Linie, außerhalb des Marktfleckens Hohenleuben, ein Haus, „Geleitshaus“ genannt, in dem sich die Zollstation befand. Alle vorbeikommenden Fuhrwerke und auch Fußgänger mussten den Wegzoll bezahlen. Als Kind hatte sie erlebt, dass auf einem Fuhrwerk Säcke platzten und Kaffeebohnen auf die Straße rieselten. Alle Familienmitglieder, auch sie, haben mit Besen und Schaufel das wertvolle Gut aufgenommen, gewaschen und selbst verwertet, sowie Bekannte und Verwandte damit versorgt. In der damaligen Zeit war Bohnenkaffee ein Genussmittel im wahrsten Sinne des Wortes. In armen Familien wurde nur Ersatzkaffee oder Tee von selbst gesammelten Kräutern getrunken. Der Kaffeeersatz wurde aus gebrannter Gerste hergestellt. Ähnliche Havarien erlebte meine Oma, indem z. B. aus beschädigten Behältern von vorbeikommenden Fuhrwerken Rosinen und andere wertvolle Lebensmittel auf die Straße kollerten, die sie in der Regel auch aufsammeln und behalten durften.

In der „Höheren Schule“, die ich in den 1940er Jahren besuchte, erfuhr ich dann im Geschichtsunterricht weitere nähere Hintergründe zum Wegzoll. Er findet schon Erwähnung in der griechischen Mythologie, es wird vom Fährmann Charon berichtet, der den Wegzoll – Obolus genannt – für das Übersetzen von Toten über den Totenfluss Acheron verlangte, damit sie ins Reich des Totengottes Hades gelangen konnten. In Europa sollen auch schon die germanischen Stämme, über die wir in der Hitlerzeit viel in der Schule vernahmen, Abgaben von Reisenden für die Durchquerung von Gebirgspässen gefordert haben.

13.9,10

Zeitungsjunge heißt auf Englisch Paperboy, diesen Namen kennen wahrscheinlich Jugendliche in Verbindung mit einem Computerspiel, das 1984 in Form eines Spielautomaten auf dem Markt erschien. Ich lernte aber in den 1930er Jahren noch echte Zeitungsjungen kennen, die besonders in größeren Städten auf den Straßen Tageszeitungen verkauften. Sie sorgten aber auch dafür, dass die beliebte Tagespresse täglich pünktlich in die Briefkästen rutschte oder vor der Haustür der Kunden lag. Obwohl schon damals in Deutschland Kinderarbeit verboten war, gibt es bis heute Ausnahmen, wenn 13 - 14-jährige leichte Arbeiten verrichten. Nach der sehr strengen UN – Kinderrechtskonvention werden sogar Tätigkeiten von unter 18-jährigen als Kinderarbeit bezeichnet, wenn sie ihnen schaden oder sie am Schulbesuch hindern. Nach dem derzeitigen deutschen Jugendschutzgesetz sind Beschäftigungen von Kindern im gewerblichen Bereich nicht zulässig mit der Ausnahme Zeitungen, Zeitschriften und Werbeprospekte auszutragen; also ist die Tätigkeit des Zeitungsjungen oder heute auch Zeitungsmädchen bis in die Neuzeit legalisiert. Die heute in dieser Weise Beschäftigten weisen aber nicht mehr die typischen Merkmale des aus der Literatur und der Vergangenheit bekannten Zeitungsjungen auf. So wollte auch ich unsere 4 Kinder nicht gesehen haben, die in den 1960er und 1970er Jahren in der DDR in Erfurt Zeitung austrugen, weil verschiedene Tageszeitungen, z.B. „Neues Deutschland“, „Der Morgen“ u. a. auch sonntags erschienen, so dass ihr Schulbesuch nicht beeinträchtigt wurde. Sie taten dies zur Aufbesserung ihres Taschengeldes und meinten, das sei sogar Sport für sie, wenn sie mit der nicht allzu schweren Tasche durch die Straßen rannten und mit Schulkameraden wetteiferten, wer seine Tour am schnellsten fertig hatte.

Ich weiß noch, dass, nachdem unser ältester Sohn 12 Jahre alt geworden war und nun Zeitungen austragen durfte, die anderen 3 sehnsüchtig darauf warteten, in den entsprechenden 2 Jahresabständen, auch dieses Alter zu erreichen, um diese Tätigkeit aufnehmen zu dürfen. Jeden Sonntag mussten sie rechtzeitig an der Vertriebsstelle sein, um noch eine dieser beliebten Sonntagstouren zum Austragen der Zeitungen zu bekommen. Auf das sonst beliebte Ausschlafen verzichtend, standen sie deshalb sehr früh auf, um als erste mit an der Ausgabestelle zu sein, denn nicht alle erhielten „feste Austragetouren“. Mit Routine und Schnelligkeit erledigten sie dann ihre Aufgaben und wir amüsieren uns noch heute darüber, dass sie die Namen der damaligen Leser in mehreren verschiedenen Häusern nicht vergessen haben. Sie waren bei den Abonnenten gern gesehen und erhielten sogar von einigen zusätzlich kleine Aufmerksamkeiten für ihre Pünktlichkeit und ihr freundliches Auftreten.

 

 

Buckelapotheker Vom 16. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts haben die Buckelapotheker ihr Gewerbe betrieben. Eines der bekanntesten Gebiete, in denen Kräuter und Heilpflanzen gesammelt und zu Arzneien verarbeitet wurden, war der Thüringer Wald. In dieser Gegend stellten die Buckelapotheker meistens in kleinen Familienunternehmen die Olitäten, bekannt als Salben, Tinkturen und Naturheilmittel, her, die sie hier und über weite Bezirke Deutschlands hinaus verkauften. Ich habe in den 1930er Jahren noch diese Händler kennen gelernt, die auf ihren Rücken (Buckel) ein Holzgestell, eine mannsgroße Kraxe, trugen, in der man in Fächern übereinander eingeordnet die Glasflaschen, Tonkrüge und Schachteln mit den Heilmitteln sehen konnte. Auf meistens mehrwöchigen Reisen waren sie zu Fuß unterwegs, sie wussten viel über Anwendungsgebiete und Wirkung der mitgeführten Mittel und berieten ihre Kunden sehr sachkundig.

Im Jahre 1958 war ich als „Tuberkulosetierarzt“ in den am Fuße und im Thüringer Wald gelegenen Kreisen Arnstadt und Ilmenau tätig. In diesem Gebiet wurde die Mehrzahl der Rinder in kleinen Beständen gehalten und ich musste viele Bergbauern und Nebenerwerbslandwirte besuchen. Ich wurde dabei auch mit Menschen bekannt, die Kräuter und Heilpflanzen für Buckelapotheker sammelten bzw. gesammelt hatten. Mit ihnen entwickelten sich interessante Unterhaltungen über diese Naturheilmittel. Sie klagten aber damals sehr, dass sie ihr Sammelgut nicht mehr an diese nach und nach verschwindende private Berufsgruppe verkaufen konnten. Die Geschäftsbeziehungen mit pharmazeutischen Unternehmen gefielen ihnen nicht so gut. Es wurde damals in der DDR durch die strenge Grenzteilung Deutschlands für die Buckelapotheker unmöglich, ihre Vertriebslinien aufrecht zu erhalten und die Zunft war dem Untergang geweiht. Viele Mitglieder dieser Familien fanden aber Beschäftigung in pharmazeutischen Betrieben der DDR. Heute gibt es in Museen in Schmiedefeld und Oberweißbach Ausstellungen zur Tradition des Olitätenhandels.

 

Fellhändler

 

 

Händler sind nach der allgemeingültigen Definition Personen oder Unternehmen, die Waren ankaufen und mit Gewinn wieder verkaufen. Sie werden auch Kaufleute genannt. Für ihre Tätigkeit brauchten sie früher in der Regel keine direkte Berufsausbildung, es sei denn, sie handelten mit ganz spezifischen Waren. Der Fellhändler in meinem Heimatort in Ostthüringen brauchte also Mitte des vorigen Jahrhunderts keine Lehre für den Ankauf und die Erstbearbeitung von Tierfellen, die die Bauern und Kleinsiedler aus häuslichen Schlachtungen zu ihm brachten. Er lernte und übernahm alles Erforderliche von seinen Eltern. Nach Trocknung verkaufte er die Felle an die privaten Gerber oder auch größeren Gerbereien. In der DDR wurde dann diese Dienstleistung vom VEB Sekundärrohstoffe übernommen und damit wurde auch dieser Handelszweig „volkseigen“.

Schon in den 1930/40er Jahren sahen es einige Leute sehr kritisch, wenn der Fellhändler auch Katzenfelle entgegennahm. Die waren aber damals sehr gefragt, weil sie bearbeitet und auf schmerzende Körperstellen gebracht ein gutes Mittel gegen Hexenschuss und Rheuma sein sollen. In der Neuzeit stehen Tierfänger, Pelztierfarmer, Fellhändler und Kürschner unter starkem Beschuss der Tierschützer, die mit ihren Aktionen berechtigt gegen tierquälerische Methoden bei der Pelztierzucht, der -jagd und dem Pelztierfang vorgehen. Sie versuchen auch zu verhindern, dass ein lukrativer Fellhandel alle diese tierfeindlichen Praktiken noch unterstützt.

Während meiner Kindheit durften wir Jungen und Mädchen die Kaninchenfelle aus der häuslichen Schlachtung zum Fellhändler bringen. Für ein unbeschädigtes Fell bekamen wir durchschnittlich 25 Pfennige, für beim Abziehen verletzte gab es aber weniger. Das Fellgeld war ein wichtiger Zuschuss für unser Taschengeld. Wir baten deshalb die Erwachsenen beim Fellabzug immer recht vorsichtig zu sein.

 

Butterfrauen

Meine Oma und meine Mutter kann ich nicht als Butterfrauen im eigentlichen Sinne bezeichnen, denn in der Notzeit während, aber insbesondere nach dem Krieg, butterten sie für den Eigenbedarf der Familie. Allerdings lernte ich in meiner Kindheit in den 1930er Jahren echte Butterfrauen kennen. In den Bauernwirtschaften oder auch bei Kleinerzeugern wurde damals aus der Milch der Kühe oder auch der Ziegen des eigenen Bestandes Butter hergestellt. Typische Butterformen verliehen dem Fertigprodukt ein unterschiedliches aber sehr ansprechendes verziertes Äußeres. Mit dem konnte die einfach geformte und verpackte Butter aus der Molkerei in der Regel nicht mithalten. Mit dem Tragkorb auf dem Rücken transportierten die Frauen, die Bäuerinnen, oder bei Großbauern hierfür Angestellte diese besonderen Butterstücke zu den Kunden. Sie gingen über Land und verkauften ihre Ware, die sehr gern besonders von reichen Leuten abgenommen wurde. In den heutigen Öko-Landwirtschaftsbetrieben, die oft direkt vermarkten, wird noch von einigen Frauen teilweise auch besonders geformte Butter hergestellt, jedoch mit wesentlich moderneren Methoden und Geräten als damals; dabei dürfen auch Männer mitwirken. Außerdem haben sich heute die Vertriebswege gänzlich verändert, der Verkauf erfolgt insbesondere in betriebseigenen Läden; also gibt es die typischen Butterfrauen mit ihrer Kiepe nicht mehr.

In den 1990er Jahren starteten die Schweizer Milchproduzenten im Fernsehen eine „Butterfrauen – Werbe – Serie“, in der Wissenswertes über Butter und vor allem die Güte und Bedeutung dieses Produktes für die Ernährung dargestellt wurden. Dabei rief man wohl eine moderne Butterfrau ins Leben, die sogar offerierte, dass Butter ein Schönheitsmittel sei. Als ich Auszüge aus diesen Sendungen sah, erinnerte ich mich sehr deutlich an die Erlebnisse in meiner Kindheit wie in unserer Familie gebuttert wurde. Zum Aufrahmen standen die Milchgefäße in der Speiskammer und ich habe gern von der oben schwimmenden Sahne genascht. Dabei durfte ich mich nicht ertappen lassen, denn damit konnte die aus der bereit stehenden Milch zu erwartende Buttermenge geschmälert werden. Fett in jeglicher Art war knapp und Mangelware. Wenn ich beim Stampfen mit Hand im kleinen Butterfass mitwirken durfte war die Verlockung ebenfalls sehr groß etwas von der sich zur Butter entwickelnden Masse zu kosten. Die wachsamen Augen der Eltern waren dabei aber immer im Wege. In Museen sieht man heute manchmal noch all die Gerätschaften, die bei der häuslichen individuellen Butterherstellung Verwendung fanden. Auch unterschiedlichste Butterformen werden gezeigt, einige dieser Art hatten wir auch bei uns zu Hause.

 

 

 

Volkspolizist

In meiner Kindheit in den 1930er Jahren nannten wir den Ordnungshüter Gendarm und mein Großvater sagte noch Landjäger, in der DDR wurde es der Volkspolizist (eine Bezeichnung, die nach der Wende verschwand) und in Deutschland blieb es seit eh und je amtlich der Polizist. Nach dem Krieg, als alles eine englischsprachige Bezeichnung erhalten sollte, riefen wir Jugendlichen den Polizisten gern etwas spöttisch Sheriff. Noch heute sagen die Ganoven Bulle. In der DDR gab es Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen Volkspolizei (ABV), die für ein bestimmtes Gebiet, Dorf, Gemeinde oder Stadtteil zuständig waren und dort für Ordnung und Sicherheit zu sorgen hatten. Sie sollten sich immer bemühen, Ansprechpartner für die Bürger zu sein. Ihnen standen auch ehrenamtliche Kräfte, so genannte Helfer der Volkspolizei, zur Seite. Die Tätigkeit der ABV ähnelte der der Kontaktbereichsbeamten, die gegenwärtig in der BRD im immer stärkeren Umfang zum Einsatz kommen.

Wie ernst die meisten ABV ihre Arbeit nahmen, Helfer waren, aber auch streng auf Ordnung achteten, erlebte ich in den 1960er Jahren.

Damals sah man auf den Straßen der DDR überwiegend Trabis der Farbe grau, was mich in einem Falle in starke Bedrängnis brachte. Im strengen Winter 1969/70 besuchte ich in einem Platten- Neubaublock gegen Abend Bekannte. Vorschriftsmäßig stellte ich meine graue Trabilimousine auf einem Parkplatz vor den Häusern, neben vielen gleich aussehenden Autos ab. Als ich gegen 20,00 Uhr zum Fahrzeug kam - die Lufttemperaturen waren inzwischen auf unter Minus 10 Grad C gesunken – ließ sich der Schlüssel nicht ins Schloss stecken. Also: Es musste eingefroren sein. Ich versuchte zunächst mit einer Streichholzflamme den Schlüssel anzuwärmen, jedoch ohne Erfolg. Hilfsbereit reichte eine Frau aus einer Parterrewohnung einen Fön an einem langen Kabel aus dem Fenster. Selbst die heiße Luft brachte das vermutliche Eis im Schloss nicht zum Schmelzen. Der ABV, der trotz Kälte auf Streifentour war, bot ebenfalls seine Hilfe an. Alle Bemühungen nützten nichts. Nach geraumer Zeit ging ich nochmals ums Auto herum und stellte mit Erschrecken fest, dass wir gar nicht an meinem, sondern an einem benachbarten fremden grauen Trabi hantierten. Alle Entschuldigungen halfen nichts – der Ordnungshüter fühlte sich gefoppt – ich musste sofort 10.- Mark Ordnungsgeld bezahlen. Eine Strafanzeige wegen versuchten Diebstahls konnte ich abwenden. Auf dem Nachbarplatz stand mein eigenes Fahrzeug. Der Autoschlüssel passte in das Schloss, das noch nicht eingefroren war. Die vorgezeigten Papiere wiesen mich eindeutig als Besitzer aus.

 

Vogelsteller

Noch in den 1930er Jahren lernte ich in meinem Thüringer Heimatort einen Vogelsteller kennen. Er fing mit Leimruten und Netzen meistens kleine, nicht zum Jagdbetrieb gehörende Vögel, auch seltene Singvögel, die nicht vorrangig als Speise dienen sollten, wie das in früheren Jahren von seinen Vorgängern üblich war. Vielmehr verkaufte oder verschenkte er die Tiere zur Zähmung und Haltung in Käfigen. Es war eine - heute vom Tierschutz teilweise missbilligte - Tätigkeit, die im Ausland noch oft anzutreffen ist. Obwohl es in der Zeit des Nationalsozialismus ein strenges und modernes Tierschutzgesetz gab, wurde die Tätigkeit der Vogelfänger, die in der Regel illegal handelten und sich nicht in jedem Falle tierschutzgerecht verhielten, nicht unterbunden. Insgesamt macht mich bis heute der Widerspruch zwischen der propagierten Tierfreundlichkeit dieser NS - Ideologie und dem menschenfeindlichen Verhalten dieses Regimes betreten.

Für wissenschaftliche Untersuchungen werden auch in der Neuzeit, insbesondere in Vogelwarten, frei lebende Vögel gefangen, beringt und wieder frei gelassen; all das geschieht um ihre Verhaltungsweisen kennen zu lernen. Es dient letztlich auch dazu die Umweltbedingungen für die Vogelarten zu verbessern.

Der Vogelsteller meines Heimatortes, der einige Jahre als Mieter in meinem Großelternhaus wohnte, war ein ganz ausgezeichneter Vogelkenner, der sich auch immer selbst gern als Tierfreund bezeichnete. Alle seine damaligen Handlungen, die ich in jener Zeit als Kind nicht beurteilen konnte, entsprechen jedoch heute nicht mehr meinen Empfindungen, zumal ich seit Jahren aktiv im Tierschutz tätig war und derzeit noch Ehrenvorsitzender eines Tierschutzvereines bin. Ich erfuhr damals, dass in einer Familie der Vater zwei Waldsingvögel vom Vogelsteller erwarb, in einen kleinen viel zu engen Käfig sperrte und zähmen wollte. Er wurde von dem vermeintlichen Fachmann, dem Vogelfänger, nicht über notwendige Haltungsbedingungen aufgeklärt. Die Ehefrau, die, wie damals üblich, nicht berufstätig war, sah tagsüber ständig die eingesperrten Vögel und deren Qualen in ihrer viel zu engen Behausung. Kurz entschlossen stellte sie eines Tages den Käfig ans Fenster, öffnete die Tür und freute sich, dass die Vögel sofort in die Freiheit flogen. Der folgende Ehekrach muss schrecklich gewesen sein, so hörte ich zumindest aus Erzählungen der Erwachsenen, glücklicherweise kam es zu keiner Scheidung. Ich weiß, dass ich schon damals als Kind auch die Handlung dieser Frau billigte.

 

Lokomotivheizer

Dampfloks wie wir sie früher kannten, befahren nicht mehr die Hauptstrecken der Deutschen Bahn, sie kommen in der Regel nur noch auf Nebenstrecken, bei Bahnen in Touristikgebieten und zu Traditionsfahrten zum Einsatz oder sind in Museen zu bestaunen. Der Dampflokheizer ist damit ein seltener Beruf geworden mit dem sich bei mir allerdings sehr schöne Kindheitserinnerungen verbinden, als ich Diesel- und E-Loks noch nie gesehen hatte und die Rauchfahne aus dem Schornstein der Loks zum typischen Bild eines Eisenbahnzuges gehörte. Während meiner Kindheit wollten wir Jungen liebend gern Lokomotivführer werden, heute sind es Pilot oder Kosmonaut. Für mich war es deshalb ein herausragendes Ereignis, dass ich als Neunjähriger einmal von Schüptitz aus, wo mein Onkel Bahnhofsvorsteher war, bis zur nächsten Station Loitsch – Hohenleuben in einer Dampflokomotive mitfahren durfte. Es war in den Schulferien im Sommer und meine Mitfahrt war im Mittagszug geplant. Schon die Nacht vorher konnte ich kaum schlafen, träumte, dass ich die Hebel in der Maschine bediente und war bereits am frühen Morgen am Haltepunkt. Ich war im Klettern geübt, als der Zug ankam hatte ich keine Mühe den Führerstand der Maschine zu erklimmen. Was ich dort erlebte muss sehr beeindruckend gewesen sein, denn es blieb bis heute, mit vielen Details, in meinen grauen Zellen gespeichert: Der Heizer öffnete die große Tür zur Feuerung und schippte kolossale Mengen Kohle auf die riesige Feuerglut. Ich dachte, so könnte es in der Hölle aussehen, von der meine Großmutter schon manchmal erzählt hatte. Am Interessantesten waren aber die vielen Messinstrumente, die Lokführer und Heizer alle im Auge behielten. Abwechselnd guckten sie aus dem Seitenfenster, um kein Signal zu verpassen. Vor den Bahnübergängen wurde ein dampfbetriebenes Signalhorn in Gang gesetzt. Den Hebel hierfür durfte ich sogar betätigen. Viel zu kurz war für mich die ungefähr zehnminütige Fahrt, um alle Eindrücke in meinem Kinderhirn aufzunehmen. Ich weiß noch, dass ich den Lokführer fragte, wie man diesen Beruf erlernen kann und er sagte: „Da musst du erst groß und stark werden, damit du zuerst Heizer wirst, die Grundbegriffe kennen lernst und immer dafür sorgen kannst, damit das Feuer nicht ausgeht und es genügend Dampf gibt.“ Zu Hause erzählte ich aufgeregt Mutter und Großmutter von meinem einmaligen Erlebnis. Ich erinnere mich im Übrigen, dass ich dann als Zwölfjähriger gemeinsam mit Schulkameraden ein Verkehrsmuseum besuchte. Bei der dort zu besichtigenden Dampflok habe ich natürlich meinen Freunden gegenüber mit meinem Wissen über die Bedienung solcher Maschinen geprahlt.

 

 

 

Veterinäringenieur

In den 1950er Jahren nahm in der DDR die Anzahl der Veterinärhelfer, die damals richtiger Weise Tierarzthelfer/in hätten heißen müssen, wie heute in der BRD ein anerkannter Ausbildungsberuf heißt, sehr zu. In dieser Zeit schritt die Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) stark voran, die Tierärzte hatten damit vermehrt größere Tierbestände zu betreuen und benötigten Helfer, für die damals deshalb zunächst eine „Schnellausbildung“ erfolgte. Ab 1962 wurde dann der Beruf des Veterinärtechnikers mit einer Fachschulausbildung geschaffen und die Veterinärhelfer, deren Tätigkeitsfeld sich bisher bewährte, mussten sich nach und nach qualifizieren. Das neue Berufsbild entstand nach sowjetischem Vorbild, dort übernahmen in den Kolchosen diese so genannten mittleren veterinärmedizinischen Fachkräfte viele tierärztliche Aufgaben. Mehrere Tierärzte in der DDR sahen diese Entwicklung, die sich in allen sozialistischen Ländern vollzog, sehr kritisch; besonders als dann ab 1969 die 2 Fachschulen für Veterinärtechniker (Rostock und Beichlingen) in Ingenieurschulen für Veterinärmedizin erhoben wurden und die Ausbildung von Veterinäringenieuren begann. Vor allem meinten sie, dass die für die tierärztliche Berufsausübung erforderliche Approbation wegfallen und Verantwortungsbereiche eine starke Verschiebung erfahren könnten. Es brauchte mehrere Jahre, bis die zweckmäßigste Ausbildung und die richtigen Tätigkeitsmerkmale für diese Ingenieure gefunden wurden. In der DDR wurden sie aber dann Fachkräfte, die die tierärztliche Arbeit sinnvoll unterstützten. Nach der Wende verschwand der Beruf des Veterinär- Ingenieurs, diese in der DDR ausgebildeten Arbeitskräfte mussten sich neue Tätigkeitsfelder suchen. Sie fanden sie auf Grund ihrer recht vielseitigen auch praktischen Ausbildung und bisherigen Arbeit als Lebensmittelkontrolleure, in Agrargenossenschaften in der Tierzucht und -haltung, als Pharmavertreter, in veterinärmedizinischen Institutionen, in Labors und vielen anderen Einrichtungen.

 

 

Scheunendrescher

Vom Beruf Scheunendrescher hörte ich in den 1930er Jahren interessante Erzählungen und lernte auch noch das Dreschen des Getreides per Hand kennen. Wenn ich z. B. bei den unterschiedlichsten Arbeiten in der Landwirtschaft mit half bekam ich von der körperlich anstrengenden Tätigkeit guten Appetit und ich langte tüchtig zu. Mein Opa sagte dann oft zu mir: „Du isst ja wie ein Scheunendrescher.“ Schon immer wollte ich alles ganz genau wissen und mit dem Fragewort: Warum? nervte ich oftmals meine Umgebung. Ich fragte deshalb: „Warum soll ich denn wie ein Scheunendrescher essen?“ Die Scheunendrescher, die bei den Bauern im Winter mit beim Dreschen halfen, waren meistens Gelegenheitsarbeiter und ich wusste, dass die häufig gar keinen richtigen Beruf hatten und überall dort einsprangen wo sie gebraucht wurden. Mit diesen ließ ich mich nicht gern vergleichen, denn ich wollte später einmal einen ordentlichen Beruf erlernen und auch ausüben. Diese Gedanken gefielen meinem Opa gar nicht, denn er meinte: „Jede Tätigkeit erfordert seine bestimmte Übung und Fertigkeit, die man sich aneignen muss, wenn auch hierzu nicht immer eine vorgeschriebene Lehrzeit erforderlich ist.“ Er erzählte mir deshalb, was es mit dem Scheunendrescher in Verbindung mit vielem Essen auf sich hat: „Heute wird das Getreide, wie du weißt, vorwiegend mit Maschinen in den Scheunen gedroschen, damit ist die Arbeit zwar etwas leichter geworden, aber das Abtragen der gefüllten Getreidesäcke, das Einlegen der Garben in die Maschine und das Bewältigen der Strohballen mit der Gabel per Hand ist noch immer sehr anstrengend. In ganz früheren Zeiten, als es noch keine Dreschmaschinen gab, wurde noch mit Flegeln gedroschen und alles weitere bis zum fertigen Korn war ebenfalls schwere Handarbeit.“ Hier konnte ich schon wieder mitreden und sagte: „Wir und unsere Nachbarn dreschen doch auch im Winter noch Roggen mit Flegeln, weil wir das lange Stroh für Bänder brauchen. Das macht mir aber großen Spaß, wenn ich mit meinem kleineren Dreschflegel zwischen euch Erwachsenen in der Scheunentenne stehen und im rhythmischen Takt auf die Strohhalme mit vollen Ähren einschlagen darf. Ich gehe auch gern mit zu den anderen Bauern und freue mich wenn diese zu uns kommen, denn das Flegeldreschen im Winter in der Scheune ist doch ein richtiges kleines Fest mit gemeinsamem Kaffeetrinken. Der Kuchen, den es da gibt, schmeckt immer ganz prima.“ „Ich weiß dazu“, erwidert mein Opa, „dass du dann immer tüchtig geschafft bist, denn die Arbeit ist recht anstrengend, wenn du auch als Kind noch keine Erwachsenenleistung bringen musst. Nun kannst du wohl verstehen, dass die Scheunendrescher von der schweren Arbeit stets guten Appetit bekamen und tüchtig gegessen haben, aber ihre Berufsgruppe den Maschinen zum Opfer fiel.“ Heute verrichten alle diese Arbeiten die Mähdrescher auf dem Feld. Die wörtliche Rede ist inhaltlich exakt, in der Formulierung entspricht sie einem Gedächtnisprotokoll.

Volkskorrespondent

Die Tätigkeit der en in der DDR endete zum Zeitpunkt der Wende. Bis dahin lieferten sie als ehrenamtliche Mitarbeiter der Zeitungen und z. T. des Rundfunks Informationen und kleinere Textbeiträge hauptsächlich über lokale Begebenheiten. Ihre Vorläufer hatten sie im sowjetischen Zeitungswesen seit den 1920er Jahren und in der kommunistischen Presse während der Weimarer Republik. Sie unterzeichneten ihre Artikel mit VK (Volkskorrespondent) und Name. Anfang der 1980er Jahre interviewte mich ein VK, weil ich als Tierarzt in der Lebensmittelindustrie einiges über unsere umfassenden Untersuchungen des Fleisches auf unerlaubte Rückstände einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen konnte und sollte. Unser Berufsstand legte sehr großen Wert darauf, dass die in den Verkehr gebrachten Lebensmittel sehr gründlich auf gesundheitliche Unbedenklichkeit untersucht wurden. An das Interview erinnere ich mich deshalb noch gut, weil ich nach dessen Veröffentlichung eine Reihe Gratulationsanrufe, nicht wegen des Inhalts, sondern zum Geburtstag bekam. Der VK hatte einleitend begonnen: „Dr. W. ist heute 50 Jahre alt….. „ eine durchaus gebräuchliche allgemeine Redewendung, die sich aber in diesem Falle nicht auf den betreffenden Tag beziehen sollte – ich war im 50. Lebensjahr -. Wenn ich jedoch heute aufmerksam die Zeitung lese, finde ich oft ähnliche unklare Formulierungen, die ich deshalb in keiner Weise als ungenügende Qualifikation der VK gewertet wissen möchte.

Hutmann  

Den Kuhhirten, wie ihn Ehm Welk im Roman „Die Heiden von Kummerow“ (Erstausgabe 1937) beschreibt und als Tierschützer agieren lässt, gibt es in der Neuzeit nicht mehr. In den letzten Jahrzehnten waren auch in der Landwirtschaft die Anstrengen darauf gerichtet, überall wo es möglich war, Arbeitskräfte einzusparen. Die Weiden für Rinder und Kühe sind deshalb heutzutage in der Regel durch einen stabilen Drahtzaun oder Elektroweidezaun eingefriedet. Die ständige Aufsicht der Tiere durch eine Person wurde wegrationalisiert, Ausnahmen sind wohl nur noch teilweise in der Almwirtschaft anzutreffen. Im Thüringer Wald wurden bis Anfang der 1960er Jahre die Mehrzahl der Kühe und Rinder in kleinen Beständen gehalten. Es gab Gemeinden, in denen an fast jedem Häuschen ein Kuhstall für die Unterbringung von 1- 2 Tieren angebaut war. Das änderte sich in der Folgezeit, weil mit der Gründung von LPG auch dort größere Tierbestände entstanden, viele ehemalige „Häusler“ – mit dem heutigen Nebenerwerbslandwirt vergleichbar - gaben die Rinderhaltung auf. Noch in den 1950er Jahren wurden aber in vielen Dörfern des Thüringer Waldes die Rinder und Kühe der Bauern, Kleinbauern und Häusler auf den Bergwiesen gemeinsam geweidet. Es war interessant zu beobachten, wie die Tiere jeden Tag vom „Hutmann“ in den einzelnen Gehöften abgeholt wurden. „Hutmann“ hieß dort der Hirte, der heute auch zu den verschwundenen Berufen zählt. Die Besitzer brauchten sich gar nicht um den Weidegang zu kümmern, sie banden ihre Tiere nur los, die geduldig im Hof warteten bis die Herde vorbeikam und sie sich anschließen konnten. Eine Dressur der eigenen Art, indem die Rinder von Generation zu Generation die notwendigen Verhaltensweisen für den gemeinsamen Weidegang lernten.

In den 1950er Jahren war ich als Tierarzt in dieser Gegend tätig und sah, dass die „Hutmänner“ den Umgang mit Rindern ausgezeichnet beherrschten. Es war bemerkenswert, dass sie in der manchmal bis zu 100 Tieren zählenden Herde jede einzelne Kuh kannten und sie auch mit Namen rufen konnten. Tatsächlich besitzt jedes Tier erkennbare Unterschiede im Aussehen; ich würde es deshalb sehr bedauern, wenn durch Klonen selbst bei nur wenigen Tieren diese großartige Individualität verloren ginge.

 

Leiter- Kaderleiter

Das  Wort Leiter wurde in der DDR sehr häufig für die Bezeichnung von Personen benutzt, die eine Gruppe von Menschen in VEB (Volkseigenen Betrieben), Genossenschaften, Verwaltungen, Behörden, Parteien und gesellschaftlichen Organisationen, ein Kollektiv, führten. Der Kaderleiter war im weitesten Sinne vergleichbar mit dem heutigen Personalchef. Er leitete die Kaderabteilung, die verantwortliche Stelle für die Einstellung, Entlassung, Weiterbildung des Personals in VEB und fast allen Einrichtungen der DDR. Ihre Mitarbeiter waren durchweg Mitglieder der SED, die vom Ministerium für Staatssicherheit überprüft worden waren und in der Regel dorthin die Verbindung hielten. Ich erfuhr in einem größeren Betrieb ein Kuriosum, indem der Kaderleiter – verantwortlich für die Steuerung von Arbeitskräften - folgendes veranlasste: Es waren einige Fachzeitschriften aus dem NSW (Nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet) wir sagten Westen, hier speziell aus der BRD, abonniert. Die Hochschulkader – auch ein für die DDR typische Bezeichnung für die Absolventen von Universitäten und Hochschulen – sollten Zugang zu Veröffentlichungen über Ergebnisse des WTF (Wissenschaftlich Technischer Fortschritt) erhalten, um ihre Arbeiten danach ausrichten zu können. Alle diese Zeitschriften erhielt zuerst der Kaderleiter. Er trennte die Seiten mit Stellenangeboten heraus, bevor er die Exemplare an die genannten Mitarbeiter weitergab. Ob er sich selbst orientierte, was Fachkräften aus der DDR alles geboten werden könnte, weiß ich nicht. Auf alle Fälle hatte man bekanntlich Angst vor so genannten Abwerbungen.

Brigadier

Während des 2. Weltkriegs interessierte ich mich als Kind für das Militärwesen. Ich wusste, dass eine Brigade von einem Brigadegeneral, ein sehr hoher Offiziersrang, befehligt wird. Diesen Rang gibt es auch heute noch in der Bundeswehr. Als Jugendlicher in der DDR lernte ich dann das Wort Brigade in einem ganz anderen Zusammenhang kennen. Ich erfuhr, es wurde von der Sowjetunion übernommen; es bezeichnet ein Arbeitskollektiv in einem sozialistischen Betrieb, einer Genossenschaft oder gesellschaftlichen Organisation, dessen Mitglieder mit gleichen Aufgaben betraut sind. Der Leiter beziehungsweise die Leiterin, der Brigadier oder die Brigadierin, organisierten, dass die Brigademitglieder nicht nur ihre gemeinsamen Arbeitsaufgaben erfüllten, sondern auch ihre Freizeit teilweise zusammen verbrachten. Über diese Aktivitäten und die Arbeitsplanerfüllung wurden Brigadetagebücher geführt und darin auch über Brigadeausflüge, -feiern und –abende berichtet. In den LPG gab es den Feldbau- und Viehzuchtbrigadier/in, die in der Regel Hoch- oder Fachschulabsolventen waren und zu den Leitungskadern gehörten. Ich erinnere mich, dass in den 1960er Jahren viele LPG-Bauern, das ihnen beim Eintritt in die Genossenschaft gegebene Versprechen, sie könnten jetzt ihre Freizeit besser nutzen und wären nicht mehr so streng an die Zwänge saisonbedingter landwirtschaftlicher Arbeiten gebunden, nun auch wahrnahmen. Dazu erlebte ich ein Beispiel. Der Brigadier einer Feldbaubrigade in einer LPG in einem Thüringer Dorf wollte im so genannten sozialistischen Wettbewerb alle Kriterien erfüllen, um für seine Brigade die Auszeichnung Kollektiv der sozialistischen Arbeit zu erringen. Es musste dabei auch der aufgestellte Kulturplan mit vorgesehenem Betriebsausflug inklusive Besuch von Kulturstätten und Theater realisiert werden. Im Herbst war die Kartoffelernte im vollen Gange, aber die Feldbaubrigade hatte einen dreitägigen Ausflug geplant, den sie nicht gewillt war ausfallen zu lassen oder zu verschieben. So kamen aus der Stadt Angestellte aus den Verwaltungen und Betrieben zum Kartoffellesen aufs Land, währenddessen die LPG-Bauern sich kulturell weiterbildeten und ihren Brigadeplan verwirklichten.

Außergewöhnliche Tätigkeiten in der DDR

Während der 40 Jahre, die ich in der DDR lebte, aber besonders nach der Wende, stellte ich, wie viele andere, fest, in Ost und West waren im Sprachgebrauch zahlreiche unterschiedliche Begriffe und Worte entstanden. Bei Unterhaltungen bemerke ich außerdem, dass ich hin und wieder Berufsbezeichnungen oder Tätigkeiten nenne, mit denen meine Gesprächspartner aus den alten Bundesländern nichts anzufangen wissen. Es gibt mehrere Veröffentlichungen zum „Sprachgebrauch in der DDR“, in denen diese Besonderheiten und Probleme dargestellt werden; auch ich habe in bisherigen Beiträgen bei Spiegelonline „verschwundene Berufe“ bereits typische „DDR-Berufe“ beschrieben. Einige weitere Tätigkeitsfelder, die es in der DDR gab und die heute verschwunden sind oder sich wandelten, will ich hier nennen und kurz charakterisieren.

Agrarfliegerpilot: Durch die großen landwirtschaftlichen Nutzflächen in der DDR waren günstige Bedingungen für das Ausbringen von Dünger, Schädlings- und Unkrautbekämpfungsmitteln per Flugzeug vorhanden. Für die Agrarflugzeuge wurden spezielle Piloten ausgebildet.

Arbeiterkorrespondent: Werktätige, die ähnlich der Volkskorrespondenten ehrenamtlich für Zeitungen , besonders Betriebszeitungen, Artikel über Produktionserfolge und aktives gesellschaftliches Leben verfassten.

Bausoldat: Eine Befreiung von der Wehrpflicht gab es in der DDR nicht. Wer aus religiösen oder ethischen Gründen absolut nicht zum Wehrdienst mit der Waffe bereit war, wurde zur Volksarmee für einen waffenlosen Dienst in einer Baukompanie eingezogen. Es waren ebenfalls Armeeangehörige, sie mussten wegen ihrer Haltung mit beruflichen Benachteiligungen rechnen.

Kundschafter: Spione des DDR-Geheimdienstes wurden Kundschafter genannt.

Helfer der VP (Volkspolizei): Personen, die ehrenamtlich für die Polizei bei Massenveranstaltungen Ordnerdienste leisteten oder als Zivilstreifen mit dafür sorgten, dass in den Wohngebieten „Ruhe und Ordnung“ nicht gestört wurden.

Sozialbevollmächtigter: In den Gewerkschaftsgruppen der VEB (Volkseigener Betrieb) wurden Sozialbevollmächtigte gewählt, die sich für die Belange der Sozialversicherungsordnung und andere soziale Probleme einsetzten. Sie gaben die Krankenscheine an die Kaderleitung weiter, machten Krankenbesuche, kümmerten sich um Schonarbeitsplätze und befürworteten Kuranträge.

In größeren VEB gab es hauptamtliche Parteisekretäre der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), FDJ-Sekretäre (Freie Deutsche Jugend), Vorsitzende der BGL (Betriebsgewerkschaftsleitung) und in einigen sehr großen Betrieben sogar der Gesellschaft für DSF (Deutsch Sowjetische Freundschaft).

Feldhüter

In der Nachkriegszeit litten viele Menschen in Deutschland Hunger; die Städter waren besonders betroffen und sie fuhren in die Dörfer zum so genannten Hamstern, wie es damals hieß. Auf den Feldern wurden „Kartoffeln gestoppelt oder Ähren gelesen“. Einige riskierten es jedoch auch Feldfrüchte von noch nicht abgeernteten Äckern zu stehlen. In jener Zeit gab es auch noch nicht genügend Polizisten und so wurden Feldhüter eingesetzt, die in den Fluren die Diebe dingfest machen sollten. Im Mittelalter, waren das Aufseher über herrschaftliche Felder und Wiesen. Besonders nachts wagten sich in der Nachkriegszeit oft mehrere Personen, die sich manchmal sogar zu Banden zusammengeschlossen hatten, auf Tour. Die unbewaffneten Feldhüter konnten dann meistens nur wenig ausrichten, außerdem hatten sie so große Areale zu bewachen, dass gewiefte Gruppen mit ihnen Katz und Maus spielten. Die Bauern griffen auch zur Selbsthilfe und bewachten ihre Erntefelder selbst. Dabei musste in vielen Fällen die ganze Familie mit ran. Der Vater eines damals 15-jährigen Mädchens, das seit 58 Jahren meine Frau ist, verpflichte ebenfalls seine Tochter zu diesem Wachdienst. Sie erhielt als Unterstützung den mittelwüchsigen nicht reinrassigen Hofhund Nettel. Gemeinsam mit dem Tier legte sie sich hinter einen Busch am Feldrain.

Bis 24,00 Uhr blieb alles sehr ruhig, sie war sogar eingeschlafen, wusste sie doch das aufmerksame Tier neben sich. Plötzlich knurrte dieses kaum hörbar und stupste sie leicht mit der kalten nassen Nase ins Gesicht. Sofort hell wach bemerkte und sah sie schemenhaft, dass sich in ca. 10 m Entfernung 2 Personen auf dem Feld bewegten, Ähren abschnitten und in einen Sack verfrachteten. Jetzt war guter Rat teuer. Ist Nettel stark aber auch mutig genug? Sie hatte bisher noch nicht erlebt, dass er bissig war oder Menschen angegriffen hatte. Als erstes rief sie sehr laut „Hilfe“ und der Hund sauste auf die beiden, es waren kräftige Männer, los. Die waren so überrascht, dass sie zunächst fast reglos stehen blieben. Das Tier baute sich zähnefletschend vor ihnen auf, sie bekamen Angst. Das Mädchen schauspielerte, rief und tat so, als ob mehrere Männer in der Nähe seien, hielt sich aber im Hintergrund. Die Diebe baten, das Tier zurück zu rufen und bekundeten, zu verschwinden. Nettel gehorchte und ließ die beiden davon rennen. Erstaunlich, wie das Tier, das keinerlei Dressur hatte – Hundeschulen kannte man damals auf dem Lande gar nicht – die ihm zugewiesene Aufgabe meisterte.

 

Luftschutzwart

Der Luftschutzwart war während des Krieges für uns Kinder eine Respektsperson. Er sorgte für die Einhaltung der Vorschriften des Luftschutzes. In den letzten Kriegsjahren waren alle wehrpflichtigen und –fähigen Männer zum Kriegsdienst eingezogen und an der Heimatfront taten deshalb nur Frauen, Alte und Verwundete Dienst. Selbst Frauen setzten in einigen Fällen den Helm des Luftschutzwartes auf, mit dieser Kopfbedeckung rückten auch sie in unseren Kinderaugen in die Nähe von Soldaten oder Polizisten, die Befehlsgewalt besaßen. Die Luftschutzwarte kontrollierten auch, ob die Verdunklung überall eingehalten wurde. Nicht der geringste Lichtschein durfte aus den Häusern und Grundstücken nach draußen dringen. Ich erlebte, dass eines Abends mein Großvater mit einer Stalllaterne, über die er zusätzlich ein Tuch gehängt hatte, über den Hof ging. Allein das genügte, den gerade vorübergehenden Luftschutzwart, der den winzigen Lichtschein gesehen hatte, auf den Plan zu rufen. Mein Opa wurde verwarnt und ihm im Wiederholungsfall eine harte Strafe angedroht.

In der Regel suchten die Bewohner der Dörfer und Kleinstädte bei Fliegeralarm keine Schutzräume auf, sie gingen am Tage in den Gehöften und auf den Feldern ihrer gewohnten Arbeit nach. Wenn es allerdings während der Schulzeit Alarm gab, mussten wir den zentralen Luftschutzraum unseres Ortes aufsuchen. Dorthin wurden auch alle Personen beordert, die beim Ertönen der Alarmsirenen noch auf öffentlichen Straßen oder Plätzen unterwegs waren.

Mitte 1944 fielen in der Flur, in der Nähe unserer Kleinstadt, 2 Bomben. Ab diesem Zeitpunkt nahmen wir die Luftschutzmaßnahmen etwas ernster. Es wurde aber gesagt, dass diese Sprengkörper von zurückfliegenden Maschinen ohne bestimmtes Ziel abgeworfen worden wären. Diese Einschläge wären unserem Landbriefträger fast zum tödlichen Verhängnis geworden. Die Flugzeugpulks waren nicht mehr zu hören und alle warteten darauf den zentralen Luftschutzkeller verlassen zu dürfen. Dort am Ausgang unterstützte ich als Jungvolkführer den Luftschutzwart, ich wachte mit darüber, dass niemand vor der Entwarnung den Schutzraum verlässt. Wir meinten an jenem Tag die Gefahr sei vorbei und öffneten die Türen. Plötzlich ertönte ein Zischen und Dröhnen, ein Schlag erschütterte die Erde. Wir warfen uns alle zu Boden. Wenige Minuten später kam der Landbriefträger angesaust und war fast nicht aufzuhalten. Er war von oben bis unten mit Dreck bespritzt und zitterte am ganzen Leib. Einige Meter von ihm entfernt waren die Bomben eingeschlagen und er hatte Gott sei Dank nur Erdbatzen und keine Splitter abbekommen. Trotz des Ernstes der Situation mussten wir über den verschmutzten Briefträger lachen, wodurch sich unser Angstzustand löste.

Reisebüro Disponentin

Das Reisebüro der DDR, mit den Status eines Volkseigenen Betriebes (VEB), brauchte eine Konkurrenz nur wenig zu fürchten, weil es das Monopol für die Vermittlung von Urlaubsreisen ins Ausland besaß. Die außerdem noch vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) vermittelten Auslandsreisen erhielten die Werktätigen in den Volkseigenen Betrieben (VEB) sowie staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen vor allem im Rahmen von Auszeichnungen. Im Reisebüro der DDR tätige Fachkräfte hatten in der Regel eine Lehre als Reisebürokaufmann absolviert und abgeschlossen. Als Lehrberuf existierte diese Ausbildung damals in der BRD noch nicht; heute gibt es aber auch hier den Ausbildungsberuf Reiseverkehrskaufmann/-frau. Angestellte des Reisebüros der DDR, vor allem angelernte Kräfte hießen auch Disponent/in.

Als Aufgaben oblagen dem VEB Reisebüro als einziges Unternehmen dieser Art in der DDR u. a.: Die Beratung in allen Reiseangelegenheiten, die Vermittlung von Reisen in das In- und Ausland, Veranstaltungen von Wochenend- und Sonderfahrten.

Eine Disponentin, die in einer Zweigstelle eines Reisebüros in einer größeren Thüringer Stadt tätig war, erzählte mir von ihren Erlebnissen:

„Hochbetrieb herrschte in unserem Reisebüro, wenn die Termine für die Abgabe der Reiseanträge anstanden. Auf den hierfür benutzten Vormerkkarten, die es je einmal für Sommer- und Winterreisen gab, konnten mehrere Reisewünsche angegeben werden. Alle wollten bei der Abgabe der Vormerkkarten möglichst weit vorn rangieren, weil sie meinten, damit bessere Chancen für den Erhalt der beantragten Reise zu haben. Hier bot sich dann vor den Eingangstüren unseres Büros das in der DDR klassische Bild der Warteschlangen. In diesem Rahmen hatte ich als kleine Angestellte im Reisebüro ein einziges Privileg: Ich konnte für uns und einige gute Bekannte die Unterlagen mitnehmen und abgeben ohne mich mit anstellen zu müssen.

Angebot und Nachfrage lagen immer weit auseinander. Ich mag es heute fast nicht mehr glauben, dass wir mit den wenigen uns zur Verfügung stehenden Prospektmaterial die Fragen der Kunden meistens sogar zufrieden stellend beantworten konnten. Ich erlebte, dass bis heute, nach mehr als 20 Jahren, frühere Kunden unsere damalige gute Beratung anerkennen und loben. Wahrscheinlich lag das aber auch an der anerzogenen Bescheidenheit der DDR – Bürger. Sie sahen und würdigten deshalb außerdem unser Bemühen, dass wir sogar Ormigabzüge anfertigten, wenn kein oder zu wenig Informationsmaterial vorhanden war. Froh waren wir auch über ein Gerät mit dem wir Thermokopien, die leider schnell verblassten, herstellen konnten. Kopiergeräte, sogar mit farbigem Ausdruck, die wir nach der Wende wie ein technisches Wunder bestaunten, kannten wir damals noch nicht.

Wildschweinzüchter

Nur kurze Zeit – nur einige Jahre lang – gab es in der DDR in einer LPG einen außergewöhnlichen Erwerbszweig: Wildschweinproduktion in Stallhaltung. Scherzhaft könnte man sagen: Es entstand temporär der Berufszweig „Wildschweinzüchter“. Für diese Experimente mussten sich in den 1970er Jahren in einer LPG in Thüringen Hausschweine opfern. Wildfleisch war in der DDR permanent knapp; deshalb kamen Funktionäre im Bezirk Erfurt auf den Gedanken, mit der Kreuzung von Haus- und Wildschweinen, die gemeinsam im Stall mit Auslauf gehalten werden könnten, diese Versorgungslücke zu schließen. Mit Lebendfallen wurden im Wald einige Wildschweinkeiler gefangen und im Stall mit Sauen der Rasse Sattelschweine zusammengebracht. Die Muttertiere wurden tragend und gesunde, mobile Ferkel, 12 – 14 pro Wurf, kamen zur Welt. Es waren echte Mischlinge, in der Farbe in allen Schattierungen von hell mit schwarzen Tupfen, braunen Streifen über den Rücken bis hin zu deutlichen Abbildern der Väter. Es machte Freude, den Kleinen in ihrer Vitalität zu zusehen. Die Tiere erhielten echtes Wildschweinfutter. Enttäuscht waren alle, dass trotz dieses großen Aufwandes das Fleisch dieser Schweine, die nicht erlegt sondern professionell geschlachtet wurden, fast nicht nach Wild schmeckte. Belieferte Gaststätten und Verkaufsstellen nahmen meistens nur einmal solches Fleisch ab. Damit war der Versuch gescheitert und nach relativ kurzer Zeit wurde diese Wildschweinzucht und -mast nicht weiter betrieben.

In der Publikation „Schwein sollte kein Schimpfwort sein“, veröffentlicht im BOD Verlag, berichtet der Autor ausführlich über Besonderheiten der Schweinehaltung in der DDR.

Straßenkehrer

Straßenkehrer und Tellerwäscher gibt es auch heute noch. Allerdings arbeiten sie in der Neuzeit unter anderen Bedingungen als in Zeiten eines Umbruchs, z. B. nach dem verlorenen 2. Weltkrieg oder nach der Wende; da mussten vielfach politisch Belastete zwangsweise Straßenreinigungsarbeiten ausführen. Früher galten diese Tätigkeiten aber sogar als Startmöglichkeiten, um mit Glück zu Reichtum zu gelangen. Schon während meiner Kindheit in den 1930er Jahren hörte ich den Slogan: „Vom Straßenkehrer oder Tellerwäscher zum Millionär.“ Es hieß, mit diesem Beginn hätten vor allem in der neuen Welt, in Amerika, ab Mitte des 19. Jahrhunderts mehrfach fleißige Menschen dieses Ziel erreicht.

Teller werden heute in der Regel mit Maschinen abgewaschen. damit wurde der Tellerwäscher zum Maschinenbediener. Allerdings müssen Plätze und Straßen vielfach noch in unzugänglichen Ecken per Hand gekehrt werden. Diese Arbeit verrichten heute vielfach „Eineurojobber“, oder Arbeitslose, die sich etwas dazuverdienen wollen.

Ich lernte in den 1960er Jahren in der Bezirksverwaltung in Erfurt einen Angestellten kennen, der eine akkurate, fleißige Arbeit als Finanzsachbearbeiter leistete. Er erzählte mir seine Geschichte als Straßenkehrer. Bis zum Einmarsch der Amerikaner in Weimar im April 1945 hatte er dort in der Verwaltung der Reichsautobahn als höherer Finanzbeamter gearbeitet und war Mitglied der NSDAP. In der kurzen Besatzungszeit kümmerten sich die Amis wenig um Menschen, denen keine direkten politischen Verfehlungen nachzuweisen waren und er blieb weitgehend unbehelligt. Er musste aber gemeinsam mit vielen Weimarer Bürgern an dem bekannten Marsch durch das KZ – Lager Buchenwald teilnehmen, dort wurden ihnen die unsäglichen Verbrechen vor Augen geführt. Im Sommer 1945 kamen die Sowjets als neue Besatzungsmacht, die einige Verwaltungen liquidierten oder neu strukturierten. Sie besetzten die Ämter mit ehemaligen Widerstandkämpfern und Leuten, die nicht Mitglieder der Nazipartei waren.

Meinem Bekannten wurde ein Besen in die Hand gedrückt und er musste fortan auf öffentlichen Straßen in Weimar täglich 10 Stunden kehren und für Sauberkeit sorgen. Er verrichtete diese Arbeit ungefähr 6 Monate lang, beklagte sich nicht, weil er selbst ein gewisses Schuldgefühl verspürte. Er hatte den Nationalsozialismus mit unterstützt. Eines Tages erkannte ihn ein Mann, der als ehemaliger Kommunist jetzt in eine höhere leitende Position aufgerückt war. Er sagte: „Sie hier bei dieser Arbeit; ich kenne Sie doch aus früheren Zeiten als anständigen Menschen, der niemanden verpfiffen oder geschadet hat. Auf ihre Fähigkeiten dürfen wir nicht verzichten, dafür werde ich sorgen.“ Er hielt Wort und der ehemalige Nazi bekam eine untergeordnete Sachbearbeiterstelle in der Thüringer Verwaltung.

Fazit: Straßenkehren zahlt sich in jeder Weise und immer aus.

Werktätiger in der DDR

Der Begriff Werktätige ist aus unserem Sprachgebrauch verschwunden. In der DDR war es die offizielle Bezeichnung für Arbeiter, Angestellte oder Mitglieder einer sozialistischen Genossenschaft, Personen, die ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit sicherten. Es war auch die Bezeichnung für Berufstätige. Es sollte eine Abgrenzung zu all denjenigen sein, die durch Ausbeutung der Arbeit anderer Menschen Geld verdienten. In der BRD heißen die Werktätigen abhängig Beschäftigte. Obwohl in der DDR alle größeren Betriebe volkseigen oder genossenschaftlich waren, gab es in der Anfangszeit noch kleinere Unternehmen und auch später Handwerksbetriebe auf privatwirtschaftlicher Grundlage. Die dort Beschäftigten waren auch Werktätige, aber die Besitzer dieser Firmen bezeichnete man als „Kleinkapitalisten“, ein Begriff, den selbst hin und wieder Behörden verwendeten. So wurde mir bekannt, dass im Jahre 1952 die Tochter eines Kohlenhändlers mit 3 Arbeitern auf ihre Bewerbung hin nicht den gewünschten Studienplatz erhielt. Im offiziellen Ablehnungsschreiben wurde mitgeteilt: Die zur Verfügung stehenden Studienplätze erhalten bevorzugt Arbeiterkinder, als Kind eines Kleinkapitalisten erfüllen sie deshalb z. Z. nicht die Zulassungsbedingungen.

Aber wer in der DDR besaß das Privileg Arbeiter zu sein? Eine Frage, die nur im ersten Moment einfach erscheint. Z. B. zählte ein bevorzugt zum Studium zugelassenes Kind eines Arbeiters nach Abschluss des Studiums zur Intelligenz. Dessen Kindern wurde dann die Arbeiterabstammung „aberkannt“, was sich u. a. nachteilig auf die Erfüllung ihrer Studien- und Berufswünsche auswirkte. Als Arbeiter und gleichgestellt als Genossenschaftsbauern wurden also diejenigen eingestuft, die in Betrieben der Industrie und Landwirtschaft ohne gehobene Leitungsaufgaben tätig waren. Aber auch die Funktionäre im Parteiapparat und Absolventen einer marxistisch-leninistischen Bildungseinrichtung sowie Armeeoffiziere wurden Arbeitern gleichgestellt. Viele Unklarheiten, die nur schwer zu durchschauen waren.

 

Bursche

Dem Wort Bursche begegnet man in der deutschen Sprache in mehreren Bedeutungen, z. B. Knecht, Jüngling, Junggeselle, Knabe, aber auch im Zusammenhang mit Dienstleistungsberufen wie Zimmerbursche, Hausbursche oder Hotelbursche als Bezeichnung für Page. Sehr bekannt sind die studentischen Verbindungen die Burschenschaften. Mit „Bürschchen“ bezeichnet man in der Regel einen pfiffigen jungen Mann, aber es kann auch ein leichtes Drohwort sein. In der Literatur ist wohl der berühmteste Offiziersbursche „der brave Soldat Schwejk“, beschrieben in einem Buch, das ich als Jugendlicher mit großer Freude und Schmunzeln gelesen habe. Im deutschen Heer hatten die Offiziere aller Grade Burschen, das waren einfache Soldaten, die den Vorgesetzten zur Bedienung zugewiesen waren. Nach dem 1. Weltkrieg -beginnend in der Reichswehr bis heute in der Bundeswehr – gab es keine Offiziersburschen mehr. Es ist nicht ganz richtig, wenn man manchmal diese so genannten Diener mit den heute bekannten Ordonanzen gleichsetzt. Die Burschen durften keinen Dienstgrad haben, also nicht einmal Gefreiter sein. Hierzu erzählte mir in den 1930er Jahren meine Großmutter eine Geschichte von ihrem Cousin, der im 19. Jahrhundert in der Truppe beim Fürsten Reuß in Gera als Soldat diente. Er war anfangs Bursche bei einem Offizier und fühlte sich in dieser Tätigkeit sehr wohl. Dann wurde er befördert und musste fortan vielfach vorm Schloss Wache stehen. Sein Vorgesetzter schärfte ihm ein, dass er den Fürst, wenn dieser sein Palais verlässt oder zurückkommt, vorschriftsmäßig militärisch zu grüßen habe. Mein Verwandter soll ein immer zu Scherzen aufgelegter Bursche gewesen sein und er fragte: „Wie erkenne ich den Fürst?“ „Der sieht aus wie der Fleischermeister, der die Schlossküche beliefert und den du schon mehrfach gesehen hast“, erhielt er zur Antwort. Der Fürst ging und kam in Zivil und der Cousin meiner Oma grüßte nicht. Er wurde gerügt und rechtfertigte sich: „Ich dachte es war der Fleischermeister, der gerade einmal seinen guten Anzug angezogen hatte.“

Sauschneider  

Der nur noch seltene Beruf „Sauschneider“ könnte in Europa in absehbarer Zeit gänzlich verschwinden. Durch Aktivitäten der Tierschützer wurden in der EU Gesetzesinitiativen angemahnt, nach denen alle chirurgischen Eingriffe bei warmblütigen Tieren künftig nur noch unter Betäubung erlaubt werden sollen. Zur Anwendung von Narkosemitteln sind nur Ärzte und Tierärzte berechtigt. Sauschneider, die auch heute noch junge Ferkel ohne Anästhesie kastrieren, dürften dies dann nicht mehr durchführen. Im 17. bis teilweise Anfang des 20. Jahrhunderts kastrierten Sauschneider nicht nur Sauen bzw. Schweine sondern alle landwirtschaftlichen Nutztiere. Insbesondere wurden Bullen, Hengste, Eber, Schaf- und Ziegenböcke durch Abbinden, bzw. Abtrennen der Samenleiter oder Entnahme der Hoden, jedoch auch weibliche Tiere durch Entnahme der Eierstöcke sterilisiert oder beschnitten, wie man diese operativen Eingriffe auch nannte.

Durch einen Reisebericht meiner Nichte erfuhr ich, dass man in Australien bei Schafböcken die Kastrationen grundsätzlich ohne Narkose und mit hierzulande teilweise nicht mehr üblichen Methoden durchführt. Während ihres Trips durch diesen Kontinent arbeitete sie zur Aufbesserung ihrer Reisekasse in einigen großen Schaffarmen und erlebte: Man geht dort beim chirurgischen Eingriff zur Entfernung der Hoden nicht zimperlich mit den Tieren um. Weit verbreitet sind aber unblutige weltweit bekannte Methoden, wie die Kastration per Gummiring oder mit einer Spezialzange; damit werden die Blutgefäße, die die Keimdrüsen versorgen, abgequetscht und das Gewebe stirbt ab. Als sehr gewöhnungsbedürftig empfand sie aber eine Praktik, bei der dieses Abquetschen durch Abbeißen erfolgt; eine jedoch nur noch seltene Handhabung.

In der Kriegs- und Nachkriegszeit empörte mich, was ich bei manchen Bauern, Kleinsiedlern und Laubenpiepern bei der Kaninchenhaltung sah. In einigen Fällen wurden Kaninchen unkontrolliert in Gruppen von 10 bis sogar 50 und mehr Tieren ohne Trennung nach Geschlechtern in sehr primitiven Unterkünften gehalten. So vermehrten sich die Kaninchen vielfach auch durch Innzucht, Krankheiten und kümmernde Tiere blieben nicht aus. Als damals Jugendlicher meinte ich etwas dagegen tun zu müssen. Ich hatte einem Sauschneider zusehen dürfen wie er Ferkel kastrierte und fragte, ob das auch bei jungen männlichen Kaninchen, die auch Rammler genannt wurden, möglich sei. Er zeigte mir diesen Eingriff bei diesen Tieren und ich kastrierte fortan bei vielen Kaninchenhaltern meines Heimatortes die nicht für die Aufzucht vorgesehenen männlichen Kaninchen. Man war mir dankbar, dass ich dies für einen geringen Obolus tat, denn eine diesbezügliche tierärztliche Leistung wäre den Tierbesitzern zu teuer gewesen. Betäubungsmittel durften auch damals nur Tierärzte anwenden und ich führte deshalb diesen Eingriff auch ohne Narkose durch. Ich sah darin keine schlimme Handlung, denn der Sauschneider war in meinen Augen ein erfahrener Mann und als Erwachsener mir deshalb Vorbild. Er beteuerte mir auch, dass die Tiere nur wenig Schmerzen hätten. Später, als ich mich intensiver mit Tierschutzfragen beschäftigte, bekam ich eine andere Sicht zu diesen Problemen.

Schnitter

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren wurden wir von den Eltern sehr dazu angehalten die Anstandsregeln immer einzuhalten. Anzuklopfen und erst einzutreten, wenn das „Herein“ ertönt, war selbstverständlich. Die Erwachsenen sagten häufig: „Herein, wenn es kein Schneider ist.“ Dazu fragte ich: „Warum soll eigentlich kein Schneider reinkommen?“ Mein Großvater erklärte mir, dass damit tatsächlich nicht der „Kleidermacher“ sondern der Schnitter - der Tod oder Sensenmann - gemeint sei. Das war für mich recht unheimlich, denn vor allen Gestalten und Geschehnissen, die mit dem Sterben zusammenhingen, hatte ich mächtige Angst. Die Erklärung brachte mich ganz durcheinander, die Männer, die die Wiese und das Getreide mähten, wurden auch Schnitter genannt und hatten nichts mit dem Bild gemein, wie ich mir den Tod vorstellte. Freilich hatte ich auch schon den Namen Sensenmann gehört und Abbildungen von diesen im Bildkalender gesehen; wenn z. B. die ausgemergelten Männer die Sense über der Schulter trugen entsprachen sie schon eher meiner Vorstellung von der Gestalt des Todes. Ich erinnere mich, dass ich einmal richtig erschrak, als ich meinen Opa im Dämmerlicht mit der geschulterten Sense über den Hof gehen sah; ich bat ihn, das nicht mehr zu tun, weil er mit allen seinen Erklärungen mich so verwirrt hatte, dass ich glaubte den Tod gesehen zu haben. Jedoch war die Sense damals für mich ein wichtiges landwirtschaftliches Handarbeitsgerät; so hätte ich das als Kind noch nicht ausdrücken können, aber schon als Zehnjähriger lernte ich damit umzugehen.

Auf dem hängigen Gelände meiner Heimat war der Einsatz von Mähmaschinen nicht überall möglich, deshalb, und weil das schonend für die Wiesenfläche war, wurde gern mit der Sense gemäht. Im Juni musste die Grasmahd für die Heuernte erfolgen, denn auch ich wusste, dieser Termin war einzuhalten, weil dann einige für das Futter unerwünschte Gräser noch nicht blühten; damit sollte ihre Ausbreitung verhindert werden.

Für das Grasmähen bei den größeren Bauern stellten sich damals jedes Jahr einige Arbeitskräfte ein, die Tagelöhner genannt wurden. Diese wären vielleicht mit den heutigen Saison- oder Zeitarbeitern zu vergleichen. Aber die Bauern halfen sich auch gegenseitig. Die Männer gingen auf der Wiese hintereinander und mähten das Gras in so genannten Schwaden. Sie mussten dabei im gleichen Tempo Schritt halten. Für mich war es eine Auszeichnung, wenn ich mitmachen durfte. Ich war zwar Letzter in der Kolonne, hatte eine kleinere Sense und mähte auch einen schmaleren Schwaden. Ich hatte immer den Ehrgeiz nicht zurück zu bleiben, aber manchmal halfen dann doch die Erwachsenen, so dass ich wieder Anschluss bekam.

Schwammklopfer

 

Ab Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelte sich im Thüringer Wald, besonders in der Gegend um Neustadt am Rennsteig neben der Köhlerei das Gewerbe der Zunderschwammherstellung. Besonders an Buchen wächst der echte Zunderschwamm, ein grauer hufeisenförmiger Pilz, der einen Durchmesser von 30 – 40 cm erreichen kann. Mit scharfen Messern trennten ihn die Zunderschwammmacher vom Baum, füllten ihn in Leinensäcke und transportierten diese auf Handwagen nach Hause.

Der Rohschwamm wurde dann in heißer Asche gegoren, anschließend in Salpeter gekocht und nach dem Abkühlen in 3 cm dicke Scheiben geschnitten. Nach deren Trocknung wurden diese mit hölzernen Hämmern auf das ca. zehnfache ihrer ursprünglichen Fläche geklopft – das verrichteten die Schwammklopfer. Bis zur fertigen „Lunte“ mussten die Stücke nochmals in Asche eingeweicht und dann mit den Händen gerieben werden. Um den Zunder zu entfachen benötigt man Feuerstein oder Feuerstahl. Im Haushalt und auch zum Pfeifeanzünden war es ein begehrter Artikel.

Die Erfindung der Phosphorzündhölzer und vor allem die Weiterentwicklung und Verbreitung der Streichhölzer ab dem 19. Jahrhundert leitete den Niedergang des Gewerbes der Zunderschwammhersteller ein.

Schon während meiner Kindheit in den 1930er Jahren hörte ich oft die Rede: „Du bist ein Schwammklopfer“. Damit verbanden wir die Eigenart von Menschen, die es verstanden, Dinge aufzubauschen, die keinen besonderen Wert hatten. Auch „Angeber“ bedachten wir mit dieser Bezeichnung. Eine Verbindung zu den Herstellern von Zunderschwamm stellten wir damals nicht her. Ob zwischen der Beschimpfung und der Tätigkeit der Zunderschwammhersteller überhaupt ein Zusammenhang besteht konnte ich nicht ermitteln.

Wassermann

Beim Wort Wassermann denken fast alle sofort an das entsprechende Tierkreiszeichen. Der Begriff, im Internet in die Suchmaschinen eingegeben, erbringt auch nur Hinweise auf diesen Zusammenhang, auf Horoskope und Wahrsagerei. In meinem Heimatort Hohenleuben in Ostthüringen gab es jedoch ab 1906 bis 1973 die Tätigkeit eines Wassermannes. Niemand von den Einheimischen wäre auf den Gedanken gekommen diesen Mann Wasserwärter oder Wassermeister zu nennen, Berufe, die es heute noch gibt. Sie haben gegenwärtig im Wesentlichen die Aufgabe, Wasserversorgungsanlagen zu überwachen, bei Störungen Gegenmaßnahmen durchzuführen oder zu veranlassen, für eine reibungslose Wasserbereitstellung im Versorgungsgebiet Sorge zu tragen und betriebswirtschaftliche Arbeiten zu erledigen. Annährend vergleichbare Aufgaben oblagen dem Wassermann.

In meinem Geburtsort erfolgte bis Anfang des 20.Jahrhnderts die Wasserversorgung durch Brunnen, die sich in sehr vielen Fällen in den Grundstücken der Bauernwirtschaften oder Gewerbebetriebe befanden. Ab dieser Zeit wurde dann im Marktflecken Hohenleuben ein vorbildliches Wasserversorgungssystem aufgebaut und betrieben. Die erschlossenen Wasserquellen, das errichtete Wasserpumpenwerk, der Wasserturm und ein ausgedehntes, wohldurchdachtes Leitungsnetz waren für damalige Verhältnisse sehr modern und vorbildlich; deshalb war wohl auch das anfängliche Wassergeld von 0,6 Pfennige pro Kubikmeter damals in der ganzen Umgebung am teuersten. Ich kannte den Wassermann Herrn Robert Pöhler, der diese Aufgabe oder Tätigkeit von 1908 bis 1946 ausführte, er war ein angesehener und wichtiger Mann in unserer Gemeinde, die 1928 das Stadtrecht erhielt. Ich erinnere mich noch, dass er alle Vierteljahre zum Ablesen der Wasseruhren auch zu uns kam. Aus heutiger Sicht ist es mir kaum vorstellbar, dass er dabei auch manchmal noch Zeit für eine Unterhaltung mit den Bewohnern hatte, denn jetzt erst erfuhr ich was er damals u. a. alles bewältigen musste:

Die Quellzuleitungen vom Wurzelwerk freihalten

Die Quellfassungen regelmäßig reinigen

Im Wasserwerk ständig Kontrolle und Wartung der Maschinen und Aggregate ausführen

Prüfung des Hochbehälters und Leitungsnetzes, die 1x im Jahr gereinigt wurden Überprüfung der Wasserqualität.

Im Kleinbauernhof meiner Großeltern, wo wir mit wohnten, gab es im Garten einen sehr leistungsfähigen 8m tiefen Brunnen, aus dem wir immer sehr gutes Trinkwasser schöpfen konnten. Ich entsinne mich, dass in sehr trockenen Jahren und Zeiten der Wasserknappheit viele Nachbarn mit ihren Eimern vor unserem Hoftor anstanden, um bei uns Wasser zu holen. Vielleicht hatte sich wegen dieser sicheren eigenen Wasserversorgung mein Großvater sehr lange gegen einen Anschluss an das städtische Versorgungsnetz gewehrt, denn meines Wissens erfolgte der erst in den 1920er Jahren.

Steinarbeiter „ und verbotene Spielplätze

 

Während meiner Kindheit und Jugendzeit in den 1930/40er Jahren zählten in meinem Heimatort Hohenleuben die Steinbrüche im Triebes- und Weidatal mit zu den wichtigsten Arbeitsstätten. Dort Beschäftigte wurden „Steinarbeiter“ genannt. Zu den Berufen, die Steine gewinnen und bearbeiten zählen Steinhauer, Steinmetze oder Steinbildhauer. Steinhauer war der Beruf der Gewinnung und Vorbearbeitung von Natursteinen im Bauwesen, Werksteinen und anderen Steinen in Steinbrüchen. Es handelt sich um einen historischen Beruf, der in Mitteleuropa heute als ausgestorben betrachtet werden kann.

Die Steinarbeiter aus unserer Gegend bauten in den Steinbrüchen die Natursteine ab und bearbeiteten diese weiter u. a. zu Pflastersteinen und Schotter. Ihre Arbeit war sehr schwer und anstrengend, vor allem wenn in Handarbeit Steinblöcke aus der Steinbruchwand gebrochen werden mussten. Ich kannte als Kind mehrere Steinbrucharbeiter, von denen ich einiges über ihre Arbeit erfuhr. Während der Arbeitszeiten war für Unbefugte und besonders für uns Kinder das Betreten der Steinbrüche streng verboten, weil selbst für die mit den Tätigkeiten vertrauten Arbeiter eine sehr große Unfallgefahr bestand. Allerdings stromerten wir auch verbotener Weise sehr gern durch still gelegte Steinbrüche. Dort fanden wir hin und wieder seltene Steine und Pflanzen, aber auch nicht entsorgte, liegen gelassene Gerätschaften, aus denen wir uns manches zusammenbastelten. Besonders gern spielten wir mit zurück gelassenen Loren mit denen ehemals das Rohgestein zur Bearbeitungsstätte und die fertig gestellten Pflastersteine oder der Schotter zu den Güterzugwaggons transportiert wurden. Die Kipploren standen teilweise noch auf verlassenen Gleisen und es war uns eine Freude, die Loren die Anhöhen hinauf zu schieben, um uns dann darauf zu schwingen und mit Karacho abwärts zu fahren. Ein sehr gefährliches Unternehmen, da die primitiven Knüppelbremsen oft nicht richtig funktionierten, wir aber die Loren vorm Ende der Gleise, die oft über den Berghang ragten, zum Halten bringen mussten. So passierte es uns einmal, dass die Loren ungefähr 20m in die Tiefe fielen. Wir konnten noch rechtzeitig abspringen, nahmen aber sofort Reißaus, weil das eine strafbare Handlung war und wir Angst bekamen.

Das Gärtnerehepaar Lautenbach in unserer Nachbarschaft hatte ein gut gehendes Geschäft, aber immer viel Arbeit. Die 5 Jungen der Familie halfen tüchtig mit, man ließ ihnen aber auch viel Freiraum für Freizeitbeschäftigung. Sie besaßen einen Ochsen, der auch angespannt wurde. Der drittälteste Bub war mein Schulkamerad; gemeinsam mit ihm und seinen älteren Brüdern schnappten wir uns manchmal das Tier und spannten es vor die Loren, die es den Berg hinauf ziehen musste. Das war für uns eine enorme Erleichterung, hatte aber den Gendarm auf unser verbotenes Tun aufmerksam gemacht. Ich glaube mich zu erinnern, dass er uns ertappte und drohte, als Strafe würden wir ins Kinderheim kommen, das wir als „Rettung“ kannten, es befand sich am Rande unserer Kleinstadt. Wahrscheinlich hat uns der Ordnungshüter auch als Tierquäler bezeichnet.

Wenn ich an diese Erlebnisse denke wird mir bewusst, dass bis heute die gründliche Absicherung von stillgelegten Firmen- oder Baugelände zu wünschen übrig lässt. Schon immer reizten diese verlassenen Plätze Kinder und Jugendliche für oft gefährliche abenteuerliche Spiele.

Ein still gelegter Steinbruch befand sich – wie auf dem Bild zu sehen – unterhalb der Burgruine Reichenfels. Die Steinabbrucharbeiten mussten hier beendet werden, da sonst Gefahr für das denkmalgeschützte Burggelände bestand. Auf dem Bild glaubt man eine landschaftliche Idylle zu erkennen, die bestimmt nicht vorhanden war, als der Steinbruch noch im Betrieb war. Der auf dem Bild erkennbare weiße Betonklotz war das Werksgebäude in dem der Rohstein zu Pflastersteinen und Schotter verarbeitet wurde. Das machte sehr viel Krach, an dem ich mich noch erinnere, er war in einem großen Umkreis zu hören.

In meinem Heimatgebiet, zu den Ausläufern des Thüringer Schiefergebirges gehörend, kommt als Naturstein Diabas, auch Grünstein genannt, vor. Es ist ein harter Stein, der in der Steinzeit zu Werkzeugen wie Äxten u. s. w. verarbeitet wurde. Heute findet er Verwendung im Straßenbau und als Schotter für das Gleisbett, jedoch seltener für Grabsteine oder als geschliffener Naturstein in Bodenbelägen und Fassadenplatten.

Unter den Steinbrucharbeitern hatten die „Schiess- oder Sprengmeister“ eine gehobene Stellung. Ein guter Bekannter meiner Eltern, Willi Mayer, war in einem großen Steinbruch im Weidatal Sprengmeister. Er erzählte mir, dass für das Lösen der Rohsteine aus der Gesteinsschicht Erfahrung und das „Lesen“ der Gesteinsschicht hinsichtlich Güte und Spaltrichtung notwendig sind. Früher wurden in die Spalten zwischen die Steinsbrocken per Hand Keile eingeschlagen und die gesamte Gewinnung des Rohmaterials war eine harte körperliche Arbeit. Deshalb war die Anwendung von Sprengungen eine große Erleichterung, obwohl man auch anfangs die Sprenglöcher per Hand bohren musste, bis dann Druckluftbohrer zum Einsatz kamen. Als Sprengmeister kontrollierte Willi Mayer das richtige Anlegen und Füllen der Löcher, z. B. damals mit Schwarzpulver. Dabei musste er auch in den steilen Steinbruchwänden herumklettern, eine sehr gefährliche Tätigkeit. Wenn alles ordnungsgemäß hergerichtet war, gab er das Zeichen zur Sprengung. Noch heute, nach mehr als 70 Jahren habe ich die Signal - Töne im Ohr, die damals mehrmals am Tag ertönten, weil in unserer Gegend in zahlreichen Steinbrüchen gearbeitet wurde. Wir wussten dann, dass wir die gekennzeichneten Schutzgebiete verlassen mussten; das war im Sommer und Herbst, wenn die Beerenfrüchte, wie Blau- Brom- und Himbeeren, reif waren, schmerzlich. In diesen Sperrgebieten wuchsen besonders viele und gute Früchte, die wir sammelten – wir mussten diese Tätigkeit unterbrechen und es bestand Gefahr, dass andere Sammler uns dann zuvor kamen.

In den Kriegsjahren waren für die Arbeiten in den Steinbrüchen vor allem russische und polnische Kriegsgefangene eingesetzt.

Bei Steinbrucharbeit habe ich auch immer die Bilder vor Augen, die wir nach dem Krieg zu sehen bekamen, auf denen KZ- Häftlinge abgebildet waren, die in den Steinbrüchen unter unmenschlichsten Bedingungen schuften mussten.

Handwerksburschen

Heute seltener, aber während meiner Kindheit in den 1930er Jahren sah man häufig Handwerksburschen durch die Straßen gehen. Sie waren meistens in ihren traditionellen Berufskleidungen auf der Wanderschaft, der Walze, wie man sagte. Ich wusste, dass auch in meinem Heimatort einige Handwerksmeister diese reisenden Gesellen manchmal für einige Monate beschäftigten. Sie hatten im Allgemeinen einen guten Ruf, sie brachten sogar hin und wieder Neuheiten – heute würde man Know-how sagen – für die Verbesserung der Fertigungen in den einzelnen Handwerksbetrieben mit. Auch manch neues Erzeugnis erfuhr auf diesem Wege eine weitere Verbreitung. Meine Oma erzählte mir, dass ihr Onkel, ein Bäckermeister in unserem Ort von seiner Wanderschaft einige neue Bäckereierzeugnisse mitgebracht hatte; er musste ihnen allerdings ortsübliche bekannte Namen geben, denn schon damals galt: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.“

Meine Großmutter erzählte mir sehr häufig Geschichten, in denen sie sich als die Person darstellte, die das alles selbst erlebt haben wollte. Als ich etwas älter wurde, hatte ich manchmal daran Zweifel, so auch an dem folgenden Erlebnis, das sie mir in dieser Weise schilderte:

„Ich lebte im vorigen Jahrhundert mit meinen Eltern und Geschwistern in einem etwas abgelegenen einsamen Bauerngehöft. Schon als junges Mädchen musste ich oft allein die Hauswirtschaft besorgen, vor allem wenn die anderen Familienmitglieder auf den Feldern arbeiteten. Ich war in jener Zeit sehr vertrauensselig und war auch froh, wenn weit gereiste Menschen sich in unsere entlegene Gegend verirrten. Eines Tages kam ein Handwerksbursche in den Bauernhof, nahm in der Küche Platz und bat um ein Glas kühles Wasser, das ich vom Brunnen im Garten holte. Als ich zurück kam wollte ich natürlich wissen, was es in der Welt Neues gibt. Er erzählte: `Ach, die Welt wird immer gefährlicher, denn der „Gigack“ hat die ganze Ranzenburg eingenommen.´

Von diesen Namen und über diese Burg hatte ich noch nie etwas gehört; woher auch, es gab kein Radio, keine Zeitung, ich war schon 3 Jahre aus der Schule und unser Dorfschullehrer wusste damals bestimmt auch nicht alles. Plötzlich hatte es der Mann recht eilig, weil er meinte, dass er sich vor den Soldatenwerbern in Sicherheit bringen müsse. Das leuchtete ein, denn alle jungen Männer liefen damals Gefahr, unfreiwillig Soldat werden zu müssen.

Als der Bursche weg war schaute ich in den Ofen, wo ich den vorbereiteten Gänsebraten noch bräunen wollte. Jetzt merkte ich, dass ich einem Betrüger auf den Leim gegangen war. Mit der „Gigack“ war der Gänsebraten gemeint, den der Bursche in seinen Ranzen, der „Ranzenburg“, verstaut hatte. Er hatte das Weite gesucht und die Gastfreundschaft arg missbraucht.“

Wenn ich deshalb heute immer wieder und besonders durch die Medien erfahre, dass viele Menschen mit allerlei Tricks in ihren Wohnungen bestohlen werden, erinnere ich mich an diese Geschichte, die mir damals meine Großmutter aus ihrer Jugendzeit erzählte. Das war in der zweiten Hälfte des vorvorigen Jahrhunderts. So gab es also schon in dieser alten Zeit, in der immer alles besser gewesen sein soll, Betrügereien aber bis heute haben sich nur die Methoden geändert.

Reitschuldreher

 

Zum Kinderkarussell sagten wir während meiner Kindheit in den 1930er Jahren in meiner Heimat in Ostthüringen Reitschule. Besonders zum jährlichen Schützenfest, das bei uns "Vogelschießen" hieß, war immer ein Schausteller mit einem solchen kleinen Karussell vertreten. Heute findet man sie nur noch am Rande von Volksfesten oder ähnlichen Veranstaltungen, weil es viele modernere aber auch oft gefährliche Attraktionen gibt. Kettenkarusselle, Berg- und Talbahnen, Raketenschaukeln, Autoskooter, Achterbahnen und ähnliches sind selbst schon bei Vorschulkindern beliebter. Sprungbereit warteten wir damals am Rande der Reitschule auf den Beginn einer neuen "Rundfahrt", die 5 Pfennige kostete, um uns auf ein Holzpferd zu schwingen, auf denen wir richtig wie ein Reiter sitzen konnten. Ich erinnere mich, dass ich mir als etwa Sechsjähriger Gedanken machte, wodurch die Drehbewegung zustande kommt, bis ich dahinter kam, dass im Inneren, abgeschirmt durch eine Pappwand, ein Mann dafür verantwortlich war. Ich guckte durch die Wand und erkannte unseren Nachbarn, der uns als Gelegenheitsarbeiter bekannt war. Er lief im Kreis und versetzte mit einem Hebelarm den Mechanismus in die Kreisbewegung. Wir nannten ihn deshalb "Reitschulendreher" oder hochdeutsch Karusselldreher. Heute werden die Karusselle in der Regel mit Elektromotoren angetrieben und die alte Tätigkeit ist verschwunden. Allerdings gibt es noch Karusselldreher, die jedoch einen Metallberuf ausüben und an einer Karusselldrehbank arbeiten.

Flohzirkusdirektor

 

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren lernte ich eine sehr außergewöhnliche Tätigkeit, die des Flohzirkusdirektors, kennen. Auf Jahrmärkten, Volksfesten und zum Schützenfest zeigten diese Schausteller ihre Attraktionen.

In einem Glaskasten, etwa in der Größe einer Wäschetruhe, tummelten sich mehrere Flöhe, die uns größer erschienen als die, die wir als Hühner- oder Hundeflöhe kannten. Die Hühner und Hunde in vielen Bauernhöfen hatten damals Flöhe, die uns hin und wieder anfielen und stachen. Die Stiche juckten und auf der Haut zeigten sich kleine rote Flecken; uns gelang es aber sogar, ab und zu lästige Flöhe zu fangen; sie waren durchweg sehr klein und wir zerdrückten sie mit den Fingernägeln. Erst nach dem Krieg, so erinnere ich mich, wurden Puder und in den Ställen Spritzmittel zur Flohbekämpfung (Kontaktinsektizide) eingesetzt.

Wir Kinder, ich war damals 7 Jahre alt und meine Freunde etwas älter, wollten einen Flohzirkusdirektor, der mit seinem Kleinunternehmen auf unserem Schützenfest gastierte, über die Herkunft seiner Tiere und deren Dressur ausfragen. Zunächst gab er uns auch breitwillig Auskunft bis er stutzig wurde und deshalb plötzlich darauf verwies, wir könnten doch alles sehen, welche Kunststücke seine Flöhe vollbringen würden. Vielleicht vermutete er in uns Konkurrenten. Was wir sahen war tatsächlich frappierend, die nur einige Millimeter großen Tiere schaukelten an kleinen Trapezen, bewegten winzige Kutschen und Karussells, kletterten an Stangen hoch, spielten sogar mit minikleinen Bällen, die sie in Tore schossen und ähnliches mehr. Erfahren vom Direktor hatten wir aber, dass sich für einen Zirkus nur Weibchen von Menschen- oder Igelflöhen eignen, alle anderen Arten und die Männchen wären zu klein.

Noch heute existiert in Europa ein Flohzirkus, der auch schon auf dem Münchner Oktoberfest seine Sensationen zeigte.

Meine Freunde und ich hatten uns damals doch tatsächlich ausgemalt, selbst einen Flohzirkus aufzubauen und zu betreiben, man brauchte dazu doch wirklich nur so viel Platz wie für ein Fischaquarium. Ich bat meinen verständnisvollen Großvater um Hilfe, der uns aber darauf hinwies, dass er in der Abrichtung so kleiner Tiere auch ein Laie sei. Er meinte, das sei doch etwas ganz anderes als das Anlernen von Zug- und Reitpferden oder die Hundedressur, worin er sich auskannte. An Igeln mangelte es in unserem Garten nicht und wir konnten einige Flohexemplare mit einem Netz einfangen. Bei der Begutachtung fanden wir tatsächlich sehr große und sehr kleine Flöhe, womit sich eine weitere Geschlechtsbestimmung erübrigte, die Großen waren eindeutig die Weibchen. Wir erfuhren, dass Flöhe längere Zeit außerhalb der Wirte ohne Blutsaugen auskommen, also wochenlang hungern können. Damit war uns eine längere Frist gegeben, die von uns gefangenen Tiere am Leben zu halten. Die Tierchen sprangen wahllos im Glasbehälter herum, sie vollführten Hopser von mehr als einem Viertelmeter. Es gelang uns aber nicht, ihnen weitere Kunststücke beizubringen. Vielleicht ist auch von den Sprüngen der Flöhe die Redensart abgeleitet: „Flöhe zu bändigen ist ebenso schwierig wie eine lebhafte Kinderschar zu beaufsichtigen“. Ich glaube, seit meiner Kindheit hat sich bis heute nichts daran geändert, dass Kinder etwas Neues immer nur für kurze Zeit interessant finden, man bezeichnet dieses auch im übertragenen Sinn als Strohfeuer. Nach einigen Wochen, als die Flöhe nach und nach starben, weil wir sie nicht füttern konnten, vollendete sich auch unser Vorhaben, einen Flohzirkus zu betreiben.

Teichbauer

 

Die Teichbauer mussten früher oft in schwerer Handarbeit die Gruben, meistens für Nutzteiche für die Fischwirtschaft, ausheben. Heute werden überwiegend Teiche zum Zwecke der Landschaftsgestaltung, in Gärten und Parks zur Haltung von Zierfischen und den Besatz mit Wasserpflanzen oder als Einrichtungen für die Freizeitgestaltung gebaut. Maschinen erleichtern in der Neuzeit die Arbeit der Teichbauer. Bei diesem Wandel sollte man die Geschichten nicht vergessen, die sich um die Teichwirtschaft ranken. In meiner Heimat in Ostthüringen gibt es zahlreiche Karpfenteiche, darunter eine Vielzahl bekannt als so genannte Himmelsteiche, die keinen Bach- oder Quellzufluss haben; sie füllen sich ausschließlich durch Regenwasser. Trotzdem wird jährlich im Herbst das Wasser abgelassen, um alle herangewachsenen Karpfen, die das erforderliche „Speisefischgewicht“ erreicht haben, herauszuholen. Dieses „Abfischen“ gestaltet sich oft zu kleinen Volksfesten. Selbst in schnee- und regenarmen Jahren erreichten bisher die Teiche Jahr für Jahr wieder den notwendigen Wasserstand. Bis heute gibt es besonders im „Schleizer Oberland“ rund um Plothen Karpfenteiche und deshalb einige Gasstätten, die zahlreiche unterschiedliche schmackhafte Karpfenspeisen zubereiten und anbieten.

In der Umgebung meines Heimatortes Hohenleuben gehörten früher mehrere Fischteiche zum Besitz der Fürsten Reuß, die teilweise deren Bewirtschaftung auch verpachteten. Die Teichbesitzer und –pächter konnten nicht ganz verhindern, dass einige „Wilderer“ nicht nur den Rehen, Hasen und Kaninchen in Wald und Flur nachstellten, sondern auch aus den Teichen illegal Fische herausholten. Als Kind hörte ich dazu eine Story, die wahr gewesen sein soll. Ein ortsbekannter „Wilderer“ bekam Besuch vom Landjäger und befürchtete wegen seines strafbaren Fischens in den Fürstenteichen belangt zu werden. Der Ordnungshüter begann aber seine Rede: „G. sie haben unter der Kirche gefischt.“ Schlagfertig und erleichtert antwortete der Beschuldigte: „Ach, ich wusste noch gar nicht, dass unter der Kirche ein Teich ist!“ Im „Amtsdeutsch“ sagte man damals häufig anstelle von während = „unter“. Im Übrigen war es streng verboten, sonntags während des Gottesdienstes, zu arbeiten. Anscheinend war die Anzeige wegen Sonntagsarbeit höher zu bewerten, als die „Dieberei“.

Tierflüsterer - veröffentlicht  

So wie es früher Berufe gab, die heute verschwunden sind, gibt es in der Neuzeit neubelebte Tätigkeiten, deren Ursprung man auch in manchmal rätselhaften, vergessenen Ereignissen findet. Gegenwärtig machen so genannte Tierflüsterer viel von sich reden. Vielleicht hat auch der sehr beeindruckende Roman „Der Pferdeflüsterer“ von Nicholas Evans und Bernhard Robben, hierzu beigetragen. Inzwischen preisen Kuh-, Hunde-, Katzenflüsterer ihre Fähigkeiten an. Neben Scharlatanen gibt es auf diesem Gebiet durchaus Menschen, die Vieles über das Tierverhalten wissen und bei dessen Störung die richtige Einflussnahme finden. In der Regel sollte man aber Tierärzte befragen.

Während meiner Kindheit in den 1930er Jahren wurden Leute, die mit außergewöhnlichen Mitteln verstörte Tiere heilen konnten, auf dem Lande manchmal sogar noch der Hexerei bezichtigt. Ich erinnere mich an zwei Erlebnisse, die im weitesten Sinne mit der heutigen „Tierflüsterei“ vergleichbar sind.

Unser Nachbar hatte einen Schimmel, den er nicht mehr einspannen konnte, er ging immer nur geradeaus, ließ sich durch keinen Zügelzug oder sonstige Befehle lenken. Im Garten lief er immer nur im Kreis herum und konnte nur mit Gewalt wieder in den Stall gebracht werden. Der Tierarzt schloss ein körperliches Leiden oder eine Seuche aus und meinte, das Tier sei nervenkrank und wohl kaum heilbar. Im Nachbardorf wohnte ein älterer Bauer, dem nachgesagt wurde, dass er Tiere mit Verhaltensstörungen heilen könne. Er wurde gerufen und erreichte, dass der Schimmel wieder normal wurde. Bei seinen Behandlungen ließ er aber niemanden zusehen. Uns Kindern gelang es mit allerhand Raffinesse seine Handlungen heimlich zu beobachten. Ich erinnere mich, dass er seinen Mund ans Ohr des Pferdes hielt. Was er dort anstellte, ob er bestimmte Worte sprach, flüsterte oder nur Luft hinein blies, konnten wir Kinder nicht erkunden.

Eben dieser Mann musste aber auch oft bei einem anderen Bauern zu Hilfe kommen, der Ochsen als Zugtiere benutzte. Einer davon legte sich hin und wieder ohne ersichtlichen Grund auf den Boden und war nicht bereit, wieder aufzustehen. Wenn er seinen Rappel bekam half kein Zerren, Stoßen oder Schreien ihn zum Aufstehen zu bewegen. Allein dem Bauern, der auch den Schimmel heilte, gelang es, Abhilfe zu schaffen. Wenn nötig, musste er gerufen werden. Er beugte sich über das liegende Tier und flüsterte ihm etwas ins Ohr, der Ochse blinzelte mit den Augen und stand auf! Die Worte oder insgesamt seine Methode verriet er niemanden, aber es grenzte wirklich fast an Hexerei, was dieser Mann fertig brachte.“

Kampfhundzüchter

 

Ich wuchs in einer Ostthüringer Kleinstadt (2000 Einwohner) mit Dorfcharakter auf. Die Bezeichnungen Hundezüchter, Hundetrainer, Hundeführer, Hundeschule oder Tier- bzw. Hundeheim und in diesem Zusammenhang Kampfhund, habe ich während meiner Kindheit in den 1930er Jahren nicht gehört. Vielleicht gab es diese Begriffe oder Einrichtungen auch in größeren Städten, ich erfuhr es nicht. Heute jedenfalls weiß bereits fast jedes Kind hierüber Bescheid; es sind also im Gegensatz zu verschwundenen Tätigkeiten moderne Beschäftigungsgebiete mit teilweise neuem Profil. Während des Krieges las ich in Frontberichterstattungen einiges über Kriegshunde, die bei der Minenräumung, der Überbringung von Meldungen und ähnlichem zum Einsatz und vielfach zu Tode kamen. Erst in den 1940er Jahren in der Oberschule in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) hörte ich im Unterricht über die Geschichte des Altertums in welcher Weise man damals Kriegs- und Kampfhunde einsetzte. Züchter, Trainer, Hundeführer muss es also bereits in der Antike gegeben haben, um die Tiere für diese Bestimmungen zu züchten und fit zu machen. Als Tierfreund war ich schon als Jugendlicher über den Missbrauch der Hunde für Zwecke, die nicht dem Wesen und der Art dieser Tierart entsprechen, empört. Die Domestikation der Hunde soll nach neuesten Forschungen bereits vor etwa 135 000 Jahren erfolgt sein. Die gezähmten Wölfe nutzte man vor allem für die Jagd. Im folgendem wurden sie für die Bewachung von Besitztum eingesetzt, eine Aufgabe, die ich während meiner Kindheit auf dem Lande als die für die Hunde vordringlichste Bestimmung ansah. Später erkannte ich, dass egoistische Bestrebungen einiger Hundezüchter ausuferten und das typische Wolfsurbild in Missgestalten bis hin zu Qualzuchten wandelten. Vom Grunde her blieb dem domestizierten Hund erhalten, dass er wie seine Ahnen, die Wölfe, ohne Not keine Menschen angreift. Kampfhunde werden also nicht geboren sondern erzogen. Unverantwortlichen Hundezüchtern gelang es auch, starke, kräftige Tiere mit starkem Gebiss zu züchten, die heute als Urbild des Kampfhundes im Verruf sind.

Dass es auch auf unser vernünftiges Verhalten im Umgang mit Hunden ankommt, wird in einer Geschichte deutlich, die über meine Urgroßmutter erzählt wird. Sie betrieb mit ihrem Ehemann einen Stoffhandel und war viel in den Dörfern Ostthüringens unterwegs. In fast allen Anwesen hielt man frei herumlaufende Wachhunde, die Fremde nicht aufs Grundstück ließen. Meine Uroma ging immer als Erste hinein, denn sie wurde nie von Hunden gebissen. Ihre Methode: Sie hielt zu Hause Rüden und Hündinnen. Von deren Liegestatt trug sie einen Lappen bei sich. Sie schlussfolgerte und das klappte bei ihr auch, dass die anderen Hunde erst einmal prüfen und neugierig werden: „Wo befindet sich das Tier, das ich rieche?“ Damit ist die mögliche Angriffslust erst einmal gebrochen und Zeit für einen friedlichen Umgang mit dem Hund gewonnen.

In dieser Zeit vermehrten sich die Hunde in den Dörfern in der Regel auf natürliche Weise, gezielte Züchtungen brachten dagegen nicht immer Vorteilhaftes zuwege.

Filmvorführer

 

Eine rechtlich geregelte Ausbildung für Filmvorführer gibt es bis heute nicht, es war immer ein Anlernberuf, obwohl in der Gegenwart sehr hohe Anforderungen bei der Bedienung der immer komplizierter gewordenen, technisch hoch entwickelten Vorführgeräte bestehen. Die Vorgänger der Kinos waren Schaubude und Panoptikum bis 1893 auf der Weltausstellung in Chicago das erste „Kinetoskop“, ein Schaukasten in dem jeweils eine Person einen Film betrachten konnte, zu bestaunen war. Mit der bekannten weiteren Entwicklung, beginnend mit Stummfilmen bis zu den heutigen Vorführungen mit 3D Filmen und weiteren technischen Raffinessen, vollzog sich auch für die Filmvorführer ein Wandel ihrer Tätigkeit. Noch heute, nach über 70 Jahren, erinnere ich mich sehr deutlich an die Filmvorführungen in meiner Heimatstadt Hohenleuben in Ostthüringen. Höchstens einmal pro Woche fanden damals im Tanzsaal der Gaststätte „Reußischer Hof“ nachmittags Filmvorstellungen für Kinder statt. Schon als Vorschulkind hatte ich dabei einige Probleme: Ich durfte nicht allein dorthin gehen. Karla, die Tochter einer mit meinen Eltern befreundeten Familie, war drei Jahre älter als ich, sie musste mich in das provisorische Kino mitnehmen und sollte auch dort auf mich aufpassen. Karla nahm das angeordnete „An die Hand nehmen“ meistens wörtlich und als etwa sechsjähriger Junge schämte ich mich, von einem Mädchen an der Hand geführt zu werden. Hatte ich mich dann vor der Gaststätte erfolgreich von ihrer Hand gerissen, kamen aber auch schon die nächsten Schwierigkeiten auf mich zu. Ich interessierte mich gewaltig für die ganze Technik der Filmvorführung, das ging ihr aber gänzlich ab. Auf mein Drängen hin waren wir meistens eine Stunde vor Beginn der Vorstellung vor Ort, denn ich wollte beim Aufstellen der Vorführgeräte zuschauen. Ich weiß noch, dass ich immer staunte, dass auf den Filmrollen, die der Vorführer geschickt an die Apparate steckte, die vielen wunderbaren Bilder waren, die wir dann zu sehen bekamen. Ich glaube sogar, dass der Filmvorführer damals in meinen kindlichen Augen ein Mann war, der mit seinen Maschinen Sagenhaftes bewerkstelligte. All zu gern hätte ich ihm beim Filmeeinlegen geholfen, aber es war schon eine große Auszeichnung für mich, dass ich zusehen durfte; er kannte meinen Vater.

10 Minuten vor Beginn der Vorstellung wurden die Saaltüren geöffnet und wir stürmten hinein. Nun gab es wiederum ein Hindernis, ich sollte neben Karla, meiner Aufsichtsperson, sitzen. Sie wollte auf die hinteren Stuhlreihen aber ich nach vorn, möglichst in die erste Reihe. Meine Begründung: „Ich will die Bilder gleich vorn als Erster sehen.“ Diesen Widersinn hatte mir mein Großvater, dem immer der Schalk im Nacken saß, beigebracht; erst in späteren Jahren begriff ich die Bedeutung des Abstandes des Betrachters vom Bild. Deshalb waren auch damals in richtigen Kinos die hinteren Plätze immer die Teuersten.

Zivilverteidigung

Mein Vater brachte mir schon während meiner Kindheit vor mehr als 70 Jahren bei: Alle Geräte, Maschinen, Autos, Motorräder und Vorgänge müssen sich, wenn man sie in Gang gesetzt hat, wieder ausschalten und anhalten lassen, sonst stellen sie eine große Gefahr für uns dar. Sehr eindrucksvoll wurde mir diese Lektion bewusst, als ich als etwa Sechsjähriger das Fahrradfahren lernte. Nachdem ich die Balance halten konnte fehlte aber die umfassende Anleitung über das Bremsen; trotzdem getraute ich mir bei der ersten alleinigen Fahrt den Berg vor unserem Haus hinab zu fahren. An die Schrecksekunden, wie schnell dabei der so genannte „Mittlere Teich“ unserer Kleinstadt auf mich zukam, erinnere ich mich noch heute. Ich hatte die Unterweisung nicht ernst genug genommen, dass man die Pedalkurbel rückwärts treten muss, um zu stoppen. Mit dem Rad landete ich im Wasser, das nicht sehr tief und im Sommer warm war. Der Unfall lief also noch glimpflich ab; bei richtiger Anwendung der bekannten Rücktrittbremse hätte ich im Übrigen das Ganze auch verhindern können. Hier hatte nicht die technische Möglichkeit, sondern die eindringliche wirksame Unterweisung gefehlt. An diese Erlebnisse muss ich eigenartiger Weise wieder denken, wenn ich jetzt mit großer Erschütterung die Ereignisse bei dem AKW - Unfall in Japan, mit einer wahrscheinlich nicht mehr zu stoppenden Kernschmelze, verfolge. Ein Vorgang, der jedoch keinen zu bedienenden „Aus – Schalter“ besitzt. Über diese Risiken diskutierten wir z. B. in den 1960er Jahren auch in den Schulungen der Zivilverteidigung der DDR sehr heftig. In dieser Organisation arbeitete ich aktiv mit, weil ich damit erfolgreich einer mir nicht zusagenden Mitgliedschaft in der „Kampfgruppe der Arbeiterklasse“ entgehen konnte. Vordergründig war aber, ich vermochte in der Zivilverteidigung auch für den Katastrophenschutz mit tätig zu sein. Die heute auf diesem Gebiet arbeitenden Organisationen besitzen viele technisch hoch entwickelte Geräte und es erfolgen umfassende Ausbildungen. Tätigkeitsfelder und Know-how haben sich im Katastrophenschutz grundlegend verändert, die Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter, auch in der ehrenamtlichen Tätigkeit, waren nach eigenem Erleben systemunabhängig stets sehr hoch.

Reparateur

In den Anfangsjahren der DDR machten wir für manchen Mangel noch die Folgen des verlorenen Krieges verantwortlich. Als sich jedoch ab Mitte der 1950er Jahre in der BRD eine schnellere wirtschaftliche Erholung als im Osten anbahnte, blickten wir zuweilen neidisch nach „drüben“. Besonders bestachen das reichhaltigere Angebot an technischen Haushaltgeräten, Fernsehern, Autos usw. sowie kurze Bestellzeiten für fast alle Erzeugnisse. Folglich erhielten schon damals beginnend bis zum Ende der DDR die Reparaturen in unserem Lande einen anderen Stellenwert als im Westen Deutschlands. Wir Älteren erlebten 40 Jahre lang eine Wirtschaft, in der sehr Vieles auf eine Wiederverwendung bzw. Wiederherstellung ausgerichtet war. Wir können uns deshalb noch heute, nachdem wir 20 Jahre „westliche Verhältnisse“ kennen lernten, nur schwer an die Behauptung gewöhnen, wegwerfen sei billiger und zweckmäßiger als reparieren. Wir müssen aber diesen Trend auch wegen der sich stürmisch weiter entwickelnden technischen Neuerungen mitmachen. Als wir kürzlich in unserem Wohngebiet informiert wurden, dass wir in absehbarer Zeit mit unserer genutzten Gemeinschaftsantenne nur noch digitale Fernsehsender empfangen können, ergab sich die Frage: Teures Zusatzgerät erwerben oder 4 Jahre altes Fernsehgerät entsorgen und neues mit allen integrierten Empfangmöglichkeiten kaufen. Wir entschieden uns für Neukauf und ich musste dabei an ein Erlebnis denken, das wir Ende der 50er Jahre in der DDR hatten; Fernseher gab es ohne lange Wartezeiten nur auf Berechtigungsschein. Ein Bekannter war Angestellter beim Staatsapparat, er gehörte zur privilegierten Schicht und konnte ohne Wartezeit einen Apparat erwerben; er verkaufte uns den Fernseher, den er bei einem Besuch mitbrachte. Die notwendige Antenne entstand als Marke „Eigenbau“. Wir waren mit Eifer bei der Sache, schließlich lockte die Aussicht, am Vorabend die Kindersendung „Sandmännchen“ und anschließend die Tagesschau sehen zu können (und vielleicht später einen Krimi...?) Der Apparat lief, wir erfreuten uns an einem klaren, schönen Bild, aber der Ton war eher hingehaucht denn gesprochen – ganz nah rückten wir unsere Stühle an das Gerät, um überhaupt etwas zu verstehen; jedes Geräusch in der Umgebung wurde von einem ärgerlich gezischten „pssst“ begleitet. Am nächsten Morgen suchte ich die nächste Werkstatt auf – Fehlanzeige: Reparatur erst in 14 Tagen möglich, aber vielleicht liegt es ja an Stromschwankungen...? Schwer schluckend packte ich also stolze 400,00 DDR Mark für einen Stromregler – noch ein riesiger Kasten! - auf den Ladentisch. Die Damen und Herren in unserem Fernseher litten weiter an Sprachlosigkeit. Zwei Wochen lang gab es also Fernsehen a la „... als die Bilder laufen lernten“, dann sorgte das Auswechseln einer einfachen, harmlosen Röhre für einen überwältigenden Erfolg. Allen Anlaufschwierigkeiten zum Trotz hat uns dieser Apparat (Marke Orion) stolze 15 Jahre lang treue Dienste geleistet. Nach der Anschaffung unseres ersten Fernsehers erfuhr ich in den weiteren 30 Jahren DDR-Zeit vielfach, wie mächtig damals Reparateure in unserem Alltagsleben waren; sie bestimmten was wann gemacht werden konnte. Es erscheint uns deshalb wie ein Wunder, wenn Reparaturwerkstätten heute um Kunden werben.

Gleisstopfer

Ich staune immer wieder, dass sich heute bei Gleisbauarbeiten nur wenige Arbeiter auf den Baustellen befinden. Ich erinnere mich dabei an meine Kindheit in den 1930/40er Jahren. An der Bahnstrecke Weida – Mehltheuer in der Nähe meines Heimatortes Hohenleuben konnte ich damals den Neubau eines zweiten neuen Gleises und die Reparaturarbeiten an dem bisherigen Schienenstrang beobachten. Das zweite Gleis, so hörten wir in jener Zeit, sei notwendig, damit wichtige Wehrmachtstransporte schnell und sicher an die Front gelangen. Bei diesen Gleisbauarbeiten waren stets viele Männer, vor allem als „Gleisstopfer“, tätig. Mit speziellen Werkzeugen, so genannten Stopfhacken – auch Krampen genannt - bearbeiteten sie die Schottersteine, sie verdichteten das Schotterbett. In der Neuzeit kommen für diese körperlich schwere Handarbeit Gleisstopfmaschinen zum Einsatz – dabei werden nur noch ganz wenige Arbeitskräfte benötigt. In Prospekten über diese modernen Stopfmaschinen las ich außerdem, dass sie mit einer Geschwindigkeit von bis zu 1200 Meter pro Stunde arbeiten. Mein Onkel war damals, vor allem in den ersten Kriegsjahren, auf diesen Baustellen als Rottenführer der Deutschen Reichsbahn beschäftigt. Ihn besuchte ich dort gern, durfte aber leider auch nur am Rande der Bauplätze aus weiterer Entfernung die Arbeiten, die mich interessierten, beobachten. Während des Krieges wurden dann für die bei dem Gleisbau und den notwendigen Reparaturen körperlich anstrengenden Arbeiten vorwiegend Kriegsgefangene eingesetzt. Ihre Wachposten hatten einen weniger beschwerlichen Job und ich erinnere mich an unterschiedliches Verhalten von einigen dieser Männer. Die meisten behandelten die Gefangenen ohne Schikanen, jedoch erlebte ich ein Vorkommnis, das mich damals als Kind erschütterte. Ein Gefangener war, wahrscheinlich zum Austreten, etwas längere Zeit hinter einem Busch verschwunden. Als dem Posten die Abwesenheit vermutlich zu lange dauerte, begab er sich auf die Suche. Ich sah dann, wie er den Mann mit sehr lauten Beschimpfungen und derben Stockschlägen vor sich her bis zum Arbeitsplatz trieb. Nähere Einzelheiten blieben mir verborgen, mich bestürzte nur, dass ein Erwachsener sich schlagen lassen musste ohne sich im Geringsten wehren zu dürfen oder zu können.

TKO - Leiter

Jetzt, nach 80 Lebensjahren inspiriert mich beim Niederschreiben meiner Lebenserinnerungen die von Anna Magnani ausgesprochene Erkenntnis: „Wer sich gern erinnert lebt zweimal“. Gern erinnere ich mich an viele schöne Erlebnisse. Ich denke aber auch daran, dass es z. B. Berufstätigkeiten, die ich gern ausübte oder mit denen ich verbunden war, nicht mehr gibt. Außerdem verschwanden einige ehemalige „DDR – Berufe“. Dieser Wandel vollzog sich ebenfalls in der Fleischindustrie auf dem Gebiet der Qualitätskontrolle. Ab Anfang der 1970er Jahre war ich in der DDR Cheftierarzt in einem größeren Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb (SVB), in dem täglich ca. 1500 Schweine und 250 Rinder geschlachtet sowie 5 t Fleisch- und Wurstwaren produziert wurden. Zu meinem Bereich gehörten neben der Schlachttier- und Fleischuntersuchung die TKO (Technische Kontrollorganisation), d.h. die Qualitätskontrolle der Schlachtung sowie der Fleisch- und Wursterzeugnisse; ich war der fachliche Vorgesetzte des TKO – Leiters. Die Produktion der Erzeugnisse und deren Gütekontrolle erfolgten nach TGL (Technische Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen) – Entsprechungen zu den westdeutschen DIN – Normen. Ab der Wende 1990 wurden die „DDR Gütevorschriften“ und die Organisation der Qualitätskontrolle in die in der BRD gültigen Vorschriften, Anwendungen und Verfahrensweisen überführt. TKO und TGL (DDR-Standards) gibt es nun nicht mehr und gleichermaßen kämpfen die Betriebe nicht mehr um das Wettbewerbsziel, den staatlichen Titel: „Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit“. Wurstherstellung und deren Qualitätsprüfung erfolgen heute in der BRD nach dem „Deutschen Lebensmittelbuch“ mit den Leitsätzen für Fleisch und Fleischerzeugnisse. Uneingeweihte entdecken in diesem Wirrwarr der Begriffe hoffentlich das Wesentliche, es geht um die Qualität des Fleisches und der Wurst, um die ich mich damals beruflich gern kümmerte und die in Thüringen stets einen hohen Stellenwert hatte und hat. Die Verkostung der Erzeugnisse, die zur Qualitätskontrolle gehörte, war dabei durchaus manchmal Schwerstarbeit für Geschmacksnerven und Magen. Aufgewogen wurde dies nicht durch das neutralisierende Getränk, das wir Verkoster laut TGL nach einer festgelegten Probenzahl trinken mussten und wofür gern ein Gläschen weißer Schnaps gewählt wurde. Im Übrigen musste ich nicht selten an einem Tag bis zu 30 Proben verkosten, das war gut zu verkraften, wenn es dabei in der Mehrzahl gute Wurst- aber weniger Speckproben gab. Erzeugnisse, u. a. Teewurst und Lachsschinken aus dem SVB, in dem ich tätig war, wurden mehrfach zur Leipziger Messe mit Goldmedaillen ausgezeichnet. Die Fleisch- und Wurstwaren aus unserem Betrieb waren bei der Bevölkerung beliebt und es freute mich immer, dass auch Besucher aus der BRD über Qualität und Geschmack des Lobes voll waren. Sie hätten gern größere Pakete mitgenommen, aber das verboten die Zollbestimmungen.

Landbriefträger

 

Wenn heute die Briefträger mit PKW, Moped oder mit dem Fahrrad unterwegs sind um die Post auszutragen, muss ich an die schwere Arbeit der Landbriefträger, die es heute gar nicht mehr gibt, denken. Während meiner Kindheit vor mehr als 70 Jahren wurden diese Aufgaben nur zu Fuß erledigt. Im Gegensatz zu damals verrichten gegenwärtig vorwiegend Frauen diese postalische Tätigkeit. die früher vorwiegend eine Berufsdomäne der Männer war. Das blieb teilweise selbst während des Krieges noch so, als an der Heimatfront die weiblichen Arbeitskräfte oft schwere Männerarbeit verrichten mussten. In meinem Heimatort, einer Kleinstadt in Ostthüringen, fungierte in den 1940er Jahren ein Gastwirt und Hausschlächter, der wahrscheinlich wegen einer chronischen Erkrankung nicht als Soldat eingezogen worden war, als Landbriefträger. Zweimal täglich – außer Sonntags – wurde damals die Brief- und Päckchenpost ausgetragen. Seine Tour führte ihn dabei in 4 Dörfer rund um die östliche Stadt, mit einer Wegstrecke von ca. 12 Km; er legte also 6 Mal pro Woche mindestens 30 Km zu Fuß zurück, denn manche Gehöfte lagen auch noch verstreut im Gelände. Er trug eine große Umhängetasche aus Leder; am Anfang seines Marsches hatten die Briefe und Päckchen darin bestimmt ein beträchtliches Gewicht – ich schätze mindestens so 15 kg im Schnitt - . Es war also eine Schwerstarbeit. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch dieses Mannes mit meinem Großvater, es war im vorletzten Kriegsjahr und ich machte „Schnappauf“, so wurde es bei uns genannt, wenn Kinder unauffällig mithörten. Ich kann es nicht mehr wörtlich wiedergeben, aber er sagte sinngemäß: „Wenn ich nicht dienstverpflichtet wäre, würde ich mich weigern weiterhin Briefe auszutragen. Oft mehrmals pro Woche bin ich der Überbringer von Nachrichten über gefallene Soldaten. Ich kann das Leid, die vielen Tränen, fast nicht mehr sehen und ertragen. Die Frauen und Mütter, deren Männer und Söhne an der Front sind, machen sogar häufig einen Bogen um mich, als ob ich Schuld an diesen schlimmen Mitteilungen wäre, deren Erhalt sie vermutlich auch möglichst hinausschieben wollen.“ Ich erinnere mich, dieser Landbriefträger wäre bald selbst Kriegsopfer geworden und damit von seiner schweren Aufgabe erlöst worden. Auf seiner Landtour fielen in seiner Nähe Bomben, er hatte aber Glück, er kam mit dem Schrecken davon.