Zeitzeugenberichte bei Spiegel online

1. Mai, Kampf- und Feiertag der Werktätigen

Rote Fahnen und rote Nelken

Am 1. Mai 1946 fanden in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) in fast allen Städten und Gemeinden erstmals Demonstrationen mit neuen Losungen statt. Auch vorher im Nationalsozialismus war dieser Tag ab 1934 zum Nationalen Feiertag erklärt worden und nationalsozialistische Organisationen zogen jedes Jahr an diesem Tag mit Hakenkreuzfahnen durch die Straßen. Nach dem Krieg wehten nun rote Fahnen und die Demonstranten trugen rote Nelken im Knopfloch. Ich war 1946 15 Jahre alt und die Maidemonstration 1946 blieb mir in Erinnerung, weil ich einige Besonderheiten erlebte. Bei den Aufmärschen vor 1945, an denen ich als Pimpf im DJ (Deutschen Jungvolk) teilgenommen hatte, wurde in streng ausgerichteten Formationen in Reih und Glied marschiert; jetzt liefen alle ohne Marschdisziplin, wie während eines Spazierganges. Die Kapelle, die vornweg marschierte, spielte andere Marschlieder, die wir erstmals hörten. In meinem Heimatort wurden schon 1945 Ortsgruppen der KPD und SPD gegründet und Vertreter dieser beiden Parteien traten zur Maifeier 1946 als Redner auf. Bereits im Vormonat war in Berlin die Vereinigung zur SED vollzogen worden. An Inhalte der „Maireden“ der Parteipolitiker kann ich mich heute nicht mehr erinnern, sie interessierten uns Jugendliche damals auch nur wenig. In fast allen Veranstaltungen stellte ich jedoch in jenen Anfangsjahren fest, dass bei offiziellen Auftritten die Beteiligten immer betonten, ob sie von der KPD oder SPD kamen. Ab Anfang der 1950er Jahre erfuhr ich von meinem Vater, einem überzeugten Sozialdemokraten, dass auch in den Ortsgruppen die ehemaligen SPD Genossen offiziell ihre Parteiherkunft nicht mehr betonen sollten. In der SED gaben nun die einstigen KPD Mitglieder den Ton an. Im Übrigen betrat am 1. Mai 1946 in meinem Heimatort ein nicht geplanter Redner, ein KPD Genosse, spontan die Tribüne. Er trug ein selbstverfasstes Gedicht vor. Wir Jugendlichen hielten uns dabei damals vor Lachen den Bauch und die Anfangsverse blieben mir bis heute im Gedächtnis: „Der Mai ist gekommen, wir haben´ s vernommen, ich sag es mit Nichten, wir müssen heute unsere Demonstration verrichten.“ In diesem Stil ging es weiter – das habe ich jedoch vergessen.

Beginnender Umzug zum 1. Mai 1988

Ich erlebte die Umzüge zum 1. Mai in der Hitlerzeit, in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone), in der DDR und der BRD. In der DDR waren sie Pflichtveranstaltung für die Werktätigen und manche Betriebe zahlten Prämien für die Teilnahme. Auf dem Bild ist zu sehen, wie sich die Werktätigen 1988 zur beginnenden Maidemonstration in Erfurt versammeln.

Weltkriegskindheit

"Oma, warum bist du gegen den Krieg?"

Als Zehnjähriger war Ernst Woll überzeugter Nationalsozialist - und empört, als seine Großmutter 1941 den Hitlergruß verweigerte. Als er sie zur Rede stellte, begann sie, unter vorgehaltener Hand über das NS-Regime zu reden. Was sie ihm erzählte, stellte seine ganze Weltsicht in Frage.

Meine Großmutter eine einfache Frau

Viele Bilder von Prominenten füllen die Zeitschriften. Einfache Menschen, die in ihrem Leben auch zahlreiche Weisheiten äußerten, finden kaum Beachtung. Das Bild meiner Großmutter - 1941 als 70jährige, 1948 verstorben – soll eine Stellvertreterin für viele unerschrockene Frauen im 3. Reich zeigen.

Frau mit Mutterkreuz

Die Urgroßmutter meiner Frau wurde zu ihrem 80. Geburtstag 1940 mit dem „Mutterkreuz“ ausgezeichnet. Sie scheint es stolz zeigen zu wollen.

Das Beste

05.08.2011

 

Jungvolk - Hitlerjugend - FDJ: 20 Jahre seines Lebens verbrachte Ernst Woll in Hohenleuben, einer Kleinstadt in Ostthüringen. Einige Ereignisse aus dieser Zeit sind ihm deutlich präsent, andere vergessen. Beim Versuch, die eigenen Erinnerungslücken zu füllen, begegnete er auch seiner politischen Vergangenheit.

 

Gerade hatten wir Jugendlichen im Juni 1945 den Schock über den verlorenen Krieg einigermaßen verkraftet und die Amerikaner zwar als Nazifeinde, jedoch uns gegenüber als zugänglich kennengelernt, da kamen die Sowjets. Viele Jahre hatten wir nur Grausames über "die Russen" gehört. In Hohenleuben, meinem Heimatort, hatte man deshalb Angst vor der Zukunft.

Mein Vater, ein bekennender Sozialdemokrat, befürchtete zwar auch, dass uns eine schwierige Zeit bevorstehen könnte, er versuchte aber meine Furcht zu besänftigen: "Jetzt werden die Kommunisten das Sagen haben. In Hohenleuben gibt es unter denen aber hauptsächlich vernünftige Menschen, die sich hoffentlich durchsetzen." Er sollte Recht behalten. Im Übrigen empfahl er mir, mich kritisch mit dem auseinanderzusetzen, was ich in der Hitlerjugend mitgemacht hatte, war ich doch wegen "Führermangel" im letzten Kriegsjahr noch begeistert Fähnleinführer im Deutschen Jungvolk geworden.

Da hörte ich, dass in Hohenleuben am 28. November 1945 eine Ortsgruppe der Antifa-Jugend, der ersten Jugendorganisation in der Sowjetische Besatzungszone (SBZ), gegründet werden sollte. Auch ehemalige Pimpfe, Hitlerjungen und Jungvolkführer sollten aufgenommen und rehabilitiert werden. Ich beschloss, mitzumachen. Die Gründungsveranstaltung fand am 28. November 1945 in Holperts Lokal - dem ehemaligen Sturmlokal der SA - statt. Zu dieser historischen Versammlung waren viele meiner Freunde gekommen, soweit sie bereits aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren.

An der langen Leine

Fast alle Hohenleubener Jungen der Jahrgänge 1929 bis 1932 wurden freiwillig Mitglied in der Antifa-Jugend. Nach Jungvolk und Hitlerjugend trafen wir uns nun fast im gleichen Kreis wieder. Schon bei den ersten wöchentlichen Zusammenkünften bemerkte ich aber einen neuen Geist, der mir gefiel: Wir waren unter uns, wurden nicht bevormundet und machten viele Späße, die im Jungvolk verboten gewesen waren.

Allerdings waren nur wenige bereit, Neues zu lernen. Ich erinnere mich, dass ich bei einer Veranstaltung Begriffe wie sozialistische Demokratie, Antifaschismus oder Kapitalismus erklären wollte. Ich hatte mich mit viel Mühe vorbereitet, denn die mir zugänglichen Lexika definierten nach den neuen Auffassungen alles völlig falsch. Es waren nur wenig Zuhörer da und ich bekam zu hören, dass wir nicht mehr bei den Heimabenden des Jungvolks seien, wo nur einer das Sagen gehabt habe.

Dass ich bei solchen Abenden von kommunistischen Parteifunktionären indoktriniert wurde, kann ich nicht sagen. Die nahmen nur selten an unseren Veranstaltungen teil. Man ließ uns sprichwörtlich an der langen Leine. So war es für uns selbstverständlich, dass 1946 fast alle aus der Hohenleubener Antifa-Jugend Mitglieder ihrer Folgeorganisation, der Freien Deutschen Jugend (FDJ), wurden.

Rehabilitiert!

Neu an der FDJ war, dass hier Mädchen und Jungen gemeinsam agierten. Diese Form der Gleichberechtigung kannten wir zuvor nicht. Ich war schon ein bisschen stolz, zu den Gründungsmitgliedern in Hohenleuben zu gehören - ein Fakt, den ich während der DDR-Zeit immer gern bei Bewerbungen in meinem Lebenslauf erwähnte. Die Bestätigung über meine politische Rehabilitierung erhielt ich 1948 in Form eines Schreibens, das vielleicht vergleichbar war mit einer Entnazifizierungsbescheinigung im Westen.

Die ideologische Beeinflussung in der FDJ war nach meinem Eindruck in den ersten Jahren, etwa bis 1950, nicht besonders groß. Wir sahen vieles sehr locker und taten es ohne Zwang. Allmählich verlernte ich das Strammstehen. Ohne ein Sich-Anpassen-Müssen ging es aber dennoch nicht. In Kulturgruppen, im Volkschor und in der Volksspielkunst versuchte man, uns den Sozialismus schmackhaft zu machen.

FDJ-Mission in Sachen Liebe

Unter Schirmherrschaft der FDJ standen auch die meisten Tanzveranstaltungen, die nach dem Krieg in Hohenleuben stattfanden. Es spielten dann das Salonorchester Triebes oder die Hohenleubener Tanzkapelle, die an Staatsfeiertagen auch bei Umzügen mitmarschierte. Zu solchen Anlässen wurde natürlich auch Alkohol getrunken - und weil uns das Geld für den Schnaps fehlte, brannten wir ihn selbst aus Zuckerrüben, Kartoffeln oder Getreide.

1948 übernahm ich in der FDJ die ehrenamtliche Funktion eines sogenannten Arbeitsgebietsleiters als Instrukteur für die beiden Oberschulen unseres Kreises Greiz. Damals ahnte ich noch nicht, dass sich damit bald auch private Interessen verknüpfen ließen.

Ich war 1949 in der 11. Klasse, und meine Freundin und spätere Frau, die ich in diesem Jahr kennen gelernt hatte, ging auf die zweite Oberschule des Kreises. Verständlicherweise besuchte ich ihre Schule recht gern in FDJ-Mission, auch wenn ich unsere Freundschaft vor der Lehrerschaft ihrer Schule geheim zu halten versuchte.

Auf nach Berlin!

Kurz vor dem Abitur meldete ich mich zusammen mit sieben Schulkameraden bei der FDJ zur Prüfung für das "Abzeichen für gutes Wissen in der Stufe Gold" an. Wir versprachen uns damit bessere Chancen bei der Studienplatzvergabe. Man ließ uns aber alle durchfallen mit der Begründung, dass wir die deutschen Humanisten besser kannten als die Sowjetliteratur und dass wir uns zu wenig mit der Tagespolitik beschäftigt hätten. Es war das erste Mal, das ich mich von meiner Organisation ungerecht behandelt fühlte, zumal wir den Eindruck hatten, dass die Leistungen von uns Abiturienten strenger beurteilt wurden als die von berufstätigen Jugendlichen.

Am 7. Oktober 1949, dem Gründungstag der DDR, sollte ich zum ersten Mal an einer der FDJ-Massenveranstaltungen in Berlin teilnehmen. Wir waren von Wilhelm Pieck beeindruckt, wie er als erster Präsident der DDR vor die Massen trat und ihnen zuwinkte. Im Jahr darauf nahm die Hohenleubener Ortsgruppe am Deutschlandtreffen der FDJ teil. Ab jetzt sollten die Jugendfreunde und -freundinnen zur Vorbereitung der Teilnahme politisch geschult werden. Wir betrachteten das als Pflichtübung. Wir jubelten auf Befehl, ansonsten fanden wir vor allem die Massenunterkünfte prima und spielten in jeder freien Stunde Skat.

1951 fuhr ich dann als Student pflichtgemäß zu den III. Weltfestspielen der Jugend und Studenten. Es war eine typische Veranstaltung zur Bekundung der Verbundenheit zu Partei und Staatsführung. An den Fahrten nach Berlin reizten uns vor allem das Abenteuerliche, die Erlebnisse in der Großstadt, die Begegnung mit anderen Jugendlichen und - das weiß ich noch genau - der Wunsch, einen Blick nach Westberlin zu riskieren. Es wurde viel gelacht und gesungen, politische Gespräche führten wir kaum. Über die geschichtliche Bedeutung dieser Momente wurde zwar viel geredet, wir haben uns aber kaum daran beteiligt.
Ich bekenne mich
Meine Großmutter sagte oft: "Was sagt man zu geschehenen Dingen? Das Beste." Bis heute habe ich das fast ausnahmslos beherzigt. Das Einzige, das mich daran ärgert: Warum habe ich mir eigentlich keine Notizen gemacht, als ich all diese inzwischen historischen Ereignisse erlebte? Erst jetzt, während der Recherchen zu meiner Vergangenheit, habe ich Kontakt zu Bekannten gesucht, die mit mir in der Antifa-Jugend und in der FDJ in Hohenleuben gearbeitet haben. Nach anfänglicher Gesprächsbereitschaft allerdings bekam ich oft zu hören: "Ich will heute von der Politik jener Zeit nichts mehr wissen."

Ich jedoch bekenne mich zu meiner Mitarbeit in der Antifa-Jugend und in der FDJ, denn was sagt man zu geschehenen Dingen? Das Beste!

 

Die Mitglieder der HTK (Hohenleubener Tanzkapelle) waren vorwiegend Senioren, trotzdem spielten sie auch bei FDJ Veranstaltungen. Für Tanzveranstaltungen und Weihnachtsfeiern unter der Schirmherrschaft der FDJ war es in der SBZ (Sowjetischen Besatzungszone) unkomplizierter Veranstaltungsgenehmigungen zu erhalten.

Bei einem Kinderumzug in Hohenleuben Ende der 1940er Jahre marschierte die HTK voran und machte Musik. Der Umzug bewegt sich durch die Reichenfelser Straße. Auch bei anderen Umzügen im Rahmen von Staatsfeiertagen spielte die HTK.

Ich nahm 1950 am Deutschlandtreffen der FDJ in Berlin teil und unterstützte die Hohenleubener Gruppe bei der Vorbereitung. Ich erinnere mich, dass mit diesem großen Bus des Kraftverkehrs des Kreises Greiz die Fahrt nach Berlin erfolgte.

 

Aufmarsch: Auf dem Untermarkt in Hohenleuben fanden bis 1945 Aufmärsche der SA, Hitlerjugend und des Jungvolks statt. Ernst Woll erinnert sich, "als Pimpf des Deutschen Jungvolks, auch daran teilgenommen zu haben."

Erster Ausweis: "Die Bibliothek in Hohenleuben befand sich in den vierziger Jahren in einem Raum des ehemaligen Spritzenhauses der Feuerwehr auf unserem Marktplatz. Die ursprüngliche Toreinfahrt war zugemauert und ein Fenster eingebaut worden. Dort registrierten 1945 die amerikanischen Besatzer in unserer Stadt alle erwachsenen Personen. Hinter dem geöffneten Fenster hatten sich GIs und ein Beamter der Stadtverwaltung postiert. Uns wurden Fingerabdrücke abgenommen und wir erhielten eine Personalbescheinigung – unser erster Personalausweis nach dem Krieg", erinnert sich Ernst Woll.

Die Neuerer

Trichinenschau mit dem Haushaltsmixer

Mit der Aussicht auf satte Prämien stachelte die DDR ihre Werktätigen an, Vorschläge für eine effektivere Produktion zu unterbreiten. Voraussetzung: Die Technologie musste aus sozialistischer Produktion stammen. Ernst Woll nahm die Herausforderung an.

 

Ab Mitte der siebziger Jahre arbeitete ich als Cheftierarzt in einem größeren Schlachtbetrieb in Thüringen. Als Exportbetrieb für das "Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet" mussten wir in der Trichinenschau die so genannte Verdauungsmethode einführen, da dort gesetzlich vorgeschrieben war, dass das Fleisch von Schlachtschweinen auf Trichinenbefall zu untersuchen ist. Bis dahin waren die Fleischproben einzeln mit dem Mikroskop geprüft worden. Die neue, sicherere Methode sollte gestatten, Fleischproben von bis zu 100 Tieren zu untersuchen.

Für den Kauf der Geräte, die für diese Untersuchung in der Bundesrepublik üblich waren, stand jedoch keine harte Währung zur Verfügung. Deshalb bildete ich zusammen mit einem Ingenieur und einem Diplomlandwirt ein, wie es in der DDR hieß: Neuererkollektiv. Wir überlegten, wie man sich möglicherweise mit Gerätschaften aus der DDR-Produktion behelfen konnte.

Der SED-Staat förderte solche Initiativen, weil sie ihm halfen, Devisen zu sparen. Er ermunterte seine Werktätigen, in ihrer Freizeit und über ihre Arbeitsaufgabe hinaus Vorschläge zu unterbreiten, die dazu beitrugen, die Arbeitsabläufe, Maschinen, Werkzeuge, Vorrichtungen, Gebrauchsgegenstände und Geräte, Effektivität und Arbeitssicherheit zu verbessern. Wir Tierärzte aus dem Neuererkollektiv wurden bald fündig: Zur Zerkleinerung der Fleischproben etwa befanden wir einen in der DDR hergestellten Haushaltsmixer für tauglich. Unseren Vorschlag reichten wir ein - und bald schon fand der Haushaltsmixer Einsatz in der Praxis.

Krupp als Ideengeber? Niemals!

In der Regel wurden Neuerervorschläge vom Staat mit einer Prämie belohnt - allerdings war deren Auszahlung an Bedingungen geknüpft, etwa die, dass das Tüftlerteam mindestens zur Hälfte aus Arbeitern und zu einem Viertel aus Frauen bestehen musste. Pro forma nahmen wir deshalb auch Kraftfahrer, Sekretärinnen oder Tierpflegerinnen in unser Kollektiv auf - auch wenn ihnen Sinn und Inhalt der Neuerung oft verborgen blieb. Dafür kamen auch sie in den Genuss einer recht stattlichen Summe.

Mit der von uns entwickelten Trichinenuntersuchungsmethode sparten wir schließlich in unserem Schlachtbetrieb, in dem täglich rund 1500 Schweine geschlachtet wurden, 16 Arbeitskräfte ein. Die Trichinenbeschauerinnen wurden aber deshalb nicht arbeitslos: Sie wechselten ins Labor, in die Verwaltung oder in den Verkauf. Das in der DDR praktizierte Neuererwesen war nichts anderes als das bis heute in Industriebetrieben angewandte Betriebliche Vorschlagwesen (BVW). Die Anfänge des BVW reichen zurück bis ins Jahr 1872, als Alfred Krupp in seinen Werken ein ähnliches System einführte.

Die Arbeiter wurden hierbei aufgefordert, Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsabläufe, der Produktion und der Effektivität zu machen. Bei Übernahme und Einführung erfolgte eine Prämierung beziehungsweise Vergütung. Die Parteioberen der DDR verschwiegen später die Tatsache, dass das von ihnen eingeführte Modell aus dem kapitalistischen Westen stammte. Stattdessen musste, wie in vielen anderen Fällen auch, die Sowjetunion als Ideengeber herhalten.

Prämie für elektrisch beheizte Ferkelnester

Ich selbst reichte in meinem Berufsleben mehrmals zusammen mit Kollegen Neuerervorschläge ein - ein bescheidener, aber willkommener Nebenverdienst. Vergütet wurden die Ideen allerdings nur, wenn sie über die persönliche Arbeitsaufgabe hinausgingen. Als Tierarzt machte ich deshalb vor allem Vorschläge zu technischen und betriebswirtschaftlichen Problemen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Arbeit in einem Institut für Veterinärwesen, wo ich eine Abteilung für veterinärmedizinische Bauhygiene leitete. Unser Kollektiv entwickelte Ideen zu Graugussspaltenböden für Rinder- und Schweineställe, verbesserte, elektrisch beheizte Ferkelnester und Lüftungsanlagen für die Käfighaltung von Schweinen. Immer ging es dabei um die Tierhaltung.

Waren unsere Vorschläge angenommen, konnten die Neuerungen industriell gefertigt und auch im sozialistischen Ausland angewandt werden. Allerdings wurde das Neuerwesen durch eine Vielzahl von Gesetzen geregelt und durch staatliche Maßnahmen stark bürokratisiert. Für Betriebe war es deshalb oft zu kostenaufwendig - und mancher gute Gedanke blieb ungenutzt. Nichtsdestotrotz hat uns das Tüfteln Spaß gemacht. Und sofern unsere Vorschläge tatsächlich in der Praxis angewandt wurden, freuten wir uns umso mehr.

Hitler wurde Vegetarier, ich nicht

 

„Hitler wurde Vegetarier, ich nicht

 

Du sollst nicht töten": Ernst Woll mochte Tiere sehr - sowohl streicheln als auch essen - und kam damit schon als Junge in Gewissenskonflikte. Unter den Nationalsozialisten, später in der DDR und schließlich in der Bundesrepublik wurde er immer wieder mit dem Gebot des Tierschutzes konfrontiert - und dabei auch mit dessen eigenwilliger Auslegung.

Mit elf Jahren hörte ich in den Heimabenden des Deutschen Jungvolks, dass der "Führer" Vegetarier sei. Auch wenn er uns auf allen Gebieten Vorbild sein sollte - dies veranlasste mich nicht zur Nachahmung. Obwohl ich mich selbst seit jeher als Tierschützer betrachte und fühle, esse ich von Kindesbeinen an auch gern Fleisch. Nur hin und wieder hatte ich Aversionen gegenüber dem Verspeisen bestimmter Tierarten.

So hatte meine kindliche Freude über das Osterfest ihre Schattenseiten: Für den alljährlichen Festbraten wurden Ziegenlämmer geschlachtet. Eigentlich musste ich als Kind alles, was auf den Tisch kam, essen. Das Ziegenlammfleisch schmeckte mir aber gar nicht, weil ich während des Essens immerfort an die quirligen und lebensfrohen Zicklein dachte, mit denen ich kurz zuvor noch gespielt hatte.

Schockiert war ich auch, wenn ich beim Kaninchenschlachten zusah oder mithelfen musste. Oft verging mir der Appetit, vor allem, wenn es Tiere waren, die ich selbst aufgezogen und gepflegt hatte. Mein Opa hielt die Kaninchen an den Hinterbeinen fest und betäubte sie mit einem gezielten Schlag auf den Hinterkopf. Er machte das sehr gekonnt, bei Nachbarn sah ich aber, dass die Tiere durch falsche Handhabung manchmal regelrecht zu Tode gequält wurden.

Nie wieder Lammfleisch

Die Betäubungsmethode beschäftigte mich sehr und ich erinnere mich an die Worte meines Opas: "Im Mittelalter, als es noch keine Narkosemittel gab, wurden die Menschen durch Schläge auf den Kopf bewusstlos gemacht, damit sie schmerzhafte Operationen nicht spürten. Darum müssen die Kaninchen sofort abgestochen werden, damit sie durch den Blutverlust schnell tot sind."

All diese Erlebnisse veranlassten mich 1953, als Student der Veterinärmedizin, eine kleine bebilderte Broschüre über das artgerechte Kaninchenschlachten zu schreiben. Die Chefköchin vom Hotel Astoria in Leipzig ergänzte die Publikation mit einigen Kochrezepten für Kaninchenfleisch.

Als Erwachsener entschied ich selbst über meinen Speiseplan, ich aß zum Beispiel, eingedenk der Kindheitserinnerungen, kein Ziegenlammfleisch mehr. Beim weihnachtlichen Gänsebraten hatte ich übrigens nie Gewissensbisse, denn zu diesen Tieren hatte ich keine innere Bindung.

"Du sollst nicht töten"

Beim Schlachten hatte ich oft die Angst in den Augen der Tiere gesehen - bestimmt spürten sie, dass etwas Schlimmes mit ihnen geschah. Ich fand es grausam, wenn den Hühnern der Kopf abgehackt wurde und das Blut auf Körner spritzte, die von anderen Hühnern aufgepickt wurden. Meine kindliche Frage, ob das mit Kannibalismus zu vergleichen sei, wurde mit dem lapidaren Hinweis abgetan, Hühner seien dumm, sie dächten nur ans Fressen. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt.

Erst in späteren Jahren erfuhr ich, dass es im "Dritten Reich" ein recht gutes Tierschutzgesetz gegeben hatte, ein Antagonismus zu den bekannten Grausamkeiten, die gegenüber nicht arischen (besonders Juden) und behinderten Menschen zugelassen wurden. Von dem Begriff Tierschutz und den Verordnungen dazu wussten die Menschen in der Landwirtschaft, wo auch ich aufwuchs, wenig, denn ich erinnere mich nicht, während meiner Kindheit je etwas darüber gehört zu haben.

Als etwa Achtjähriger fragte ich meinen Großvater, der viel in der Bibel las: "Warum gilt eigentlich das göttliche Gebot 'Du sollst nicht töten' nicht gegenüber Tieren?" Ich erhielt trotz vieler Erklärungen nur eine unkonkrete Antwort. Er sprach über Opfertiere in verschiedenen Religionen, Bräuche, die im Christentum abgelehnt würden und meinte, wenn es um Nahrungsbeschaffung gehe, müssten andere Maßstäbe angelegt werden.

Zwei-Klassen-Tierschutz

Den Begriff Tierschutz hörte ich erstmals in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre in der DDR-Oberschule, und zwar im Musikunterricht. Unser Musiklehrer erzählte uns, dass der Komponist Richard Wagner ein Tierschützer gewesen sei, der gegen die im Kaiserreich fast uneingeschränkt erlaubten Tierversuche und gegen Tierquälerei Front gemacht hatte, was mich sehr beeindruckte.

Einige Bestimmungen des in Nazi-Deutschland wegweisenden Tierschutzgesetzes blieben auch in den Anfangsjahren der DDR und in der Bundesrepublik rechtsverbindlich. Ein eigenes Tierschutzgesetz gab es in der DDR jedoch nicht, staatliche Vorgaben musste aus verschiedenen Gesetzen, ab 1962 vor allem aus einem recht fortschrittlichen Veterinärgesetz abgeleitet werden.

Für mich gehörte Tierschutz zum Alltag, als Kind hatte ich immer wieder Sätze zu hören bekommen wie: "Unsere Haustiere müssen gut gehalten und gepflegt und dürfen nicht gequält werden. Sie ernähren uns, schützen uns und machen uns Freude.“ Ich erfuhr aber auch, dass es in der DDR zwei Klassen von Haustieren gab.

Heimliche Taubenvergiftungsaktionen

Der vorrangige Schutz galt der ersten Klasse, den Nutztieren. Diese sollten so gehalten werden, dass möglichst schnell viel Fleisch produziert werden konnte, denn mit billigen Fleisch- und Wurstwaren wollte man eine Überlegenheit gegenüber dem Westen demonstrieren. Ihr höchster Tierschutzstatus schützte die Nutztiere deshalb nicht vor Massentierhaltung, Rinder beispielsweise nicht vor der Unterbringung in ungeeigneten Offenställen, Sauen nicht vor dem qualvollen Anbinden, Schweinen und Geflügel nicht vor der Käfighaltung. Die zweite Klasse bildeten die Haus- und Heimtiere - Hunde, Katzen und alle anderen, die keinen wirtschaftlichen Nutzen brachten und infolgedessen einen geringeren Schutzstatus genossen.

Ein Drittel der Zeit meines Berufslebens arbeitete ich als leitender Tierarzt in Schlachthöfen der DDR. Nicht vergessen kann ich bis heute, dass es mir immer schwerfiel, den angelieferten Tieren in die Augen zu schauen. Wenn ich auf dem Viehhof die ängstlichen Blicke der Rinder und Schweine sah, entschuldigte ich mich still und heimlich bei ihnen, dass ich ihre Schlachtung nicht abwenden konnte und versprach, mich für ihre schmerzarme Tötung einzusetzen.

Nicht verhindern konnte ich, selbst als leitender Tierarzt, die staatlich legitimierte Vergiftung von Tauben. Solche Aktionen wurden immer mal wieder durchgeführt, wenn die Vögel in den Städten überhand nahmen - meist heimlich, verborgen vor den Blicken der Bevölkerung und unerwähnt in der unfreien Presse.

Gewinnsucht dominiert

Inzwischen bin ich achtzig Jahre alt und habe die unterschiedlichen Sichtweisen zum Tierschutz erlebt - im "Dritten Reich", in der DDR und nach der Wende in der Bundesrepublik. Wenn heute enttäuschte Menschen zu mir sagen: "Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere", erwidere ich ihnen: "Ich kenne die Tiere und weiß, wir lieben sie häufig in sehr egoistischer Weise. Sie müssen sich vor uns fürchten, denn wir praktizieren unsere Überlegenheit." Im Umgang mit Tieren wurde mir bewusst, dass kein Gesetz und keine Aufklärungsmaßnahme soviel Einfluss auf das Verhalten der Menschen besitzen wie Weltanschauungen, Traditionen und Gewinnstreben.

Selbst in der Bundesrepublik werden überdimensionale Tieranlagen geplant, wenn auch erfreulicherweise häufig nach erfolgreichen Bürgerprotesten nicht realisiert. In der DDR hatte es keine Tierschutzvereine gegeben, teilweise waren deren Aufgaben von staatlich gelenkten Tierschutzkommissionen übernommen wurden.

1991 wurde ich selbst Vorsitzender eines neu gegründeten Tierschutzvereins in Erfurt. Die Erfahrungen, die ich seit meiner Kindheit gesammelt hatte, konnte ich nun einbringen. In vielen Fällen gelang es dem Verein, artgerechte Tierhaltung durchzusetzen, Tierquälereien aufzudecken oder auch, die Vermehrung frei lebenden Katzen in der Stadt zu steuern. Für mich war das ein besonderes Anliegen, denn als Kind hatte ich zu oft miterlebt, wie überzählige neugeborene Katzen getötet wurden.

 

 

Spielgefährten: Als Dreijähriger ließ ich mich gern mit diesen Zicklein fotografieren. Sie waren immer so lebensfroh, quirlig und mobil; ein Wunder, dass sie fürs Bild einigermaßen still hielten. Die abgebildeten beiden hatten Glück: Sie wurden als weibliche Tiere für die Zucht ausgewählt, viele ihrer Artgenossen hingegen in ihren ersten Lebenswochen als "Osterziegenlämmer" geschlachtet. Ich musste den "Osterfesttagsbraten" mit essen, aber er schmeckte mir nicht.

Angsttraum Kinderheim

Angsttraum Kinderheim

 

Ernst Woll hatte es kaum erwarten können, als Zehnjähriger ins Deutsche Jungvolk aufgenommen zu werden - doch dann drohte sein Traum zu platzen: Beim Stromern im Wald traf er einen Mann, den er gut kannte: NSDAP-Mitglied und nackt.

 

 

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war ich acht Jahre alt. Meine Eltern und Großeltern versuchten damals, mir die Schrecken des Krieges klarzumachen, hatten sie ein solches Inferno doch schon einmal miterlebt. Meine Oma sagte: "Der Hitler lässt schon die Kinder auf das Soldatentum vorbereiten, nur damit sie für unbegreifliche Eroberungen totgeschossen werden."
Ich verstand das damals nicht und widersprach. Überhaupt glaubte ich den Erwachsenen in der Familie vieles nicht und fühlte mich ständig belehrt. Dass mein Vater und auch mein Opa nie den Arm zum Hitlergruß erhoben - das war ihr geheimer Widerstand - war mir unangenehm und ich schämte mich.
Vorsichtige Warnungen, mich nicht allzu sehr politisch beeinflussen zu lassen, empfand ich als Bevormundung. Erst bei der Erziehung meiner eigenen Kinder stellte ich später fest, dass gut gemeinte elterliche Ratschläge weniger fruchten als die der gesellschaftlich geprägten Umwelt oder die eigenen Erfahrungen.

Auf ins Jungvolk!
So war die häusliche Einflussnahme meist wirkungslos gegenüber den Darlegungen der geschickt agierenden Lehrer in der Schule, denn der Schulunterricht war, wie das gesamte öffentliche Leben meiner ersten Schuljahre ab 1938, sehr stark von der NS-Propaganda beeinflusst.
Vom Titelbild unserer Lesefibel für die ersten beiden Schuljahre etwa grüßten uns zwei Kinder mit zum Hitlergruß erhobenen Händen und auf der Seite über den Buchstaben J konnten wir lesen, wie gern Jochen Jungvolkpimpf werden wollte und was er dafür brauchte.
Deshalb konnte ich es damals kaum erwarten, zehn Jahre alt zu werden, denn so alt musste man sein, um in das Deutsche Jungvolk eintreten zu können. Zwei Erlebnisse aber hätten das in jener Zeit fast verhindert - sie sind mir deshalb bis heute in heilsamer Erinnerung.

Die nackte Wahrheit
Als Neunjähriger nutzte ich jede Gelegenheit, den Nachbarshund Senta, eine französische Dogge, auszuführen. In der Regel hielt ich mich daran, das Tier immer an der Leine zu führen. Warum ich bei diesem Spaziergang im Hochsommer Senta freiließ, weiß ich nicht mehr. Kaum hatte ich den Hund losgemacht, sauste er auch schon davon. Er missachtete mein Rufen und war schnell im Gebüsch am Waldrand verschwunden. Ich hörte Senta bald aggressiv bellen und wusste sofort: Sie hatte etwas entdeckt und gestellt.
Bei Senta angekommen sah ich etwas für mich als Kind sehr Schreckliches: Auf einer kleinen Lichtung standen zwei nackte Menschen, ein Mann und eine Frau, vor sich den Hund, der auf dem Sprung war, zuzubeißen. Ich hatte noch nie in meinem Leben nackte Erwachsene gesehen, sexuelle Aufklärung kannten wir nicht. In meiner Naivität verstand ich gar nicht, was die beiden ausgezogen im Wald wollten. Hinzu kam, dass es sich hier um einen mir wohlbekannten Mann handelte, der ein einflussreiches NSDAP-Mitglied war. Die junge Frau neben ihm kannte ich auch: Sie war aus unserem Ort - und beide im Adamskostüm!
Der Herr brüllte: "Was streichst du in meinem Pachtwald herum und scheuchst das Wild auf! Nimm sofort den Köter an die Leine und verschwinde, wir werden uns noch sprechen!" Um seinen Befehl auszuführen musste ich näher heran und sah erstmals ganz deutlich den Unterschied zwischen Mann und Frau.

 

Du kommst ins Erziehungsheim!

Ich bekam den Hund an die Leine und konnte ihn fortziehen. Während ich den beiden den Rücken zukehrte, musste ich eine Schimpftirade über mich ergehen lassen. Der Mann drohte mir die härtesten Strafen an, wenn ich von dieser Begegnung etwas erzählen würde und warnte mich: "Wenn ich erfahre, dass du nicht dicht gehalten hast, dann darfst du auch kein Pimpf werden und kommst ins Erziehungsheim."
Nicht ins Deutsche Jungvolk zu dürfen wäre für mich wohl das Allerschlimmste gewesen. Ein Erziehungsheim, "Heinrichstift" oder "Rettung" genannt, kannte ich auch. Es befand sich in unmittelbarer Nähe unseres Ortes und war von uns Kindern sehr gefürchtet, denn es musste als Drohkulisse für alle Unfolgsamkeiten herhalten. Ich hatte schon mehrfach beobachtet, dass die Insassen schwer auf den Feldern arbeiten mussten und nur sonntags unter Aufsicht außerhalb des Heimgeländes spazieren gehen durften.
Ich habe Zeit meines Lebens über dieses Erlebnis geschwiegen. Vielleicht hat mir das Ganze damals so große Angst eingeflößt, dass ich selbst nach dem Krieg, als der NS-Mann mir nichts mehr anhaben konnte, nicht wagte, darüber zu reden.

Gut gemeint, doch am Baum gefrevelt
Den spöttischen Spruch "Tue nichts Gutes, widerfährt dir nichts Böses" kannte ich als Kind noch nicht. Als ich ihn als Erwachsener hörte, fand ich, dass er gut das folgende Erlebnis aus meiner Kindheit charakterisiert:
Im Krieg war Brennholz knapp und ich wollte mir durch Holzsammeln ein Lob verdienen. Im Übrigen hatte ich gehört, dass Birkenholz sehr gut brennt und wollte meinen Großeltern das Anzünden des Feuers im Ofen erleichtern. Kurzum, ich begeisterte zwei Schulkameraden zum Mitmachen und wir sägten im nahen Wald zwei mittelgroße Birken ab.
Über Feldwege schleiften wir die Bäume weg, als plötzlich der Ortspolizist vor uns stand und uns zur Rede stellte. Wir waren sicher, er hatte schon auf der Lauer gelegen, um uns zu erwischen. Er schrieb unsere Namen auf und sagte streng: "Ich werde euch mit euren Eltern auf die Wache bestellen. Was ihr getan habt, war Baumfrevel mit großem volkswirtschaftlichem Schaden. Euch erwartet eine hohe Strafe."

Statt Jungvolk die "Rettung"
Er fragte uns, wo wir die Bäume abgesägt hatten. Wir behaupteten, wir hätten sie gefunden. Er entdeckte jedoch die Säge, die ich unter meiner Jacke zu verbergen suchte und sagte, dass er die Baumstümpfe bestimmt noch finden würde. Unsere Mütter waren nach unserer Beichte zuhause sehr bestürzt.
Schon am nächsten Tag kam die Vorladung zum Polizeirevier. Unsere Beteuerungen, wir hätten die abgesägten Bäume gefunden, halfen nichts, denn der Gendarm hatte die Stelle mit den Baumstümpfen inzwischen ausgemacht und wusste auch, welchem Bauern der Wald gehörte.
Er drohte, dass wir in die "Rettung" kämen, wenn der Waldbesitzer unsere Tat anzeigen würde. Außerdem kündigte er an, unsere Verfehlung an die Hitlerjugend zu melden. Er wusste, dass wir zehn Jahre alt geworden waren und wollte uns einen Denkzettel verpassen. Er meinte, dass es mit unserer Aufnahme ins Deutsche Jungvolk zu Führers Geburtstag am 20. April - der kurz bevorstand - nichts würde.

Endlich ein Pimpf!
Im Anschluss an das Verhör zogen wir mit den Birkenbäumen unter Polizeibewachung durch die Stadt zum Bauern, bei dem wir das Holz abliefern sollten. Begleitet wurden wir von einer großen Schar Kinder, die jubelten und frohlockten, nun seien wir verhaftet und würden eingesperrt. Die Bauersfrau empfing uns im Hof und schimpfte uns in Anwesenheit des Polizisten tüchtig aus. Schließlich sagte sie zu ihm, die Sache habe sich erledigt und sie würde keine Anzeige erstatten.

Als der Gendarm weg war, sagte sie: "Schert euch mit den Bäumen nach Hause und tut so etwas nie wieder." Wieder zogen wir durch die Stadt, jetzt begleitet von enttäuschten Kindern, weil wir nun doch nicht verhaftet worden waren. In späteren Jahren erfuhr ich von meiner Mutter, dass sie und die anderen Frauen sich vor dem Polizeiverhör mit dem Waldbesitzer geeinigt und die Bäume bezahlt hatten.
Ins Jungvolk kam ich trotz allem doch. Ich erinnere mich an ein besonderes Privileg, das mit unserer DJ-Mitgliedschaft verbunden war: Pimpfe durften kurze Hosen und Kniestrümpfe tragen. Selbst schlechte Witterung, Sturm und Kälte konnten daran nichts ändern. Zu Hause gab es deswegen immer einen harten Kampf mit der Mutter, die fürchtete, wir könnten uns erkälten. Sie

Kindererziehungsheim "Heinrichstift" oder "Rettung": Die Stiftung der Fürsten Reuß j.L. richtete Mitte des 19. Jahrhunderts im thüringischen Hohenleuben ein Heim für schwer erziehbare Kinder ein, die dann in der Landwirtschaft des Heimes arbeiten mussten. In den dreißiger Jahren wurde Kindern oft mit der Einweisung ins Heim gedroht, sobald sie unartig waren. Heute befindet sich am Ort ein Christliches Jugenddorf.

Lesefibel für Schulanfänger von 1938 : Während seiner Schulzeit von Ostern 1938 bis 1945, erinnert sich Ernst Woll, wurde ihm mit allen Mitteln und Methoden die NS-Ideologie eingetrichtert. Das Titelbild auf der Lesefibel zeigt Kinder beim Hitlergruß.

Buchstabe in der Lesefibel von 1938: Die Lesefibel für die ersten Schulklassen wurde hemmungslos zur nationalsozialistischen Propaganda genutzt. Dieser Text sollte den Wunsch anstacheln, Mitglied im Deutschen Jungvolk zu werden.

Küsse, Marx und Lilli Marleen

Abc-Schütze: Am Tag seiner Einschulung im Jahr 1938 posiert der siebenjährige Ernst Woll mit einer Schultüte in der Hand für die Kamera. Aus der Nachkriegszeit existieren kaum Aufnahmen von Woll, da beim Einmarsch der Amerikaner alle Fotoapparate abgegeben werden mussten.

 

Küsse, Marx und Lili Marleen

Der Schrecken des Krieges ging, Sorgen über Mädchen, Schule und die neuen Besatzer kamen: Mit 14 Jahren erlebte Ernst Woll zugleich das Ende des Zweiten Weltkrieges und den Beginn seiner Pubertät. Zwischen GIs, Sowjets und Abschlussfeiern versuchte er, sich im neuen Leben zurechtzufinden.


Als 1945 der Krieg zu Ende ging, war ich 14. Und mit dem Ende einer schweren Zeit begann eine ganz andere schwere Zeit für mich: Die Pubertät. Meine Großmutter sagte mir damals manchmal: "Du weißt nicht recht ob du Junge oder Mädchen bist." Und wahrscheinlich hatte sie in gewissem Sinne Recht. Überhaupt wusste ich vieles nicht, was Jungen und Mädchen betraf. Natürlich war mir als 14-Jährigem klar, dass nicht der Klapperstorch die Babys bringt. Aber sonst dachte ich tatsächlich: Wenn ich ein Mädchen küsse, dann könnte es davon vielleicht ein Kind bekommen!

Trotzdem wurde ich - ganz nach dem üblichen Erziehungsstil dieser Zeit - von Eltern und Großeltern nicht darüber aufgeklärt, was es mit der Pubertät und der beginnenden Geschlechtsreife auf sich hat. Und auch die Gespräche hierüber in unserem Jungenkreis - mit Mädchen war das selbstverständlich völlig tabu - waren nicht wirklich dazu angetan, Sachliches darüber zu erfahren.

Unter dieser inneren unbewussten Zerrissenheit hatten wir eine völlig neue Zeit zu verkraften: Der Krieg war verloren. Die Amerikaner kamen nach Thüringen und gingen wieder. Schließlich kamen die Russen - und blieben. Und mit ihnen kam eine Reihe von Veränderungen in unser Leben.

Raupenzucht statt Unterricht

Eine Schulreform krempelte alles Bisherige um, zumindest in Geschichte und unserem Verhalten gegenüber Lehrern. Eine positive Neuerung war immerhin: Der Rohrstock war jetzt tabu, die Pauker durften uns nicht mehr schlagen. Was wenige wissen: In der BRD blieb die Prügelstrafe in der Schule noch viele Jahre erlaubt. Anders als viele unserer Lehrer, die wegen ihrer Nähe zum NS-Regime gefeuert worden waren, war unser Schulleiter geblieben. Schließlich konnte man nicht einfach sofort auf alle Fachkräfte verzichten. Doch selbst er nahm nun den Rohrstock nicht mehr in die Hand.

Eine weitere Neuerung war der Russischunterricht, der verpflichtend eingeführt wurde: Die Lernergebnisse von uns pubertierenden Jungs in dem neuen Fach blieben allerdings mäßig. Zu lange hatten wir in den vergangenen Jahren gehört, alles Russische und Slawische sei feindlich und verwerflich. Und viel zu alt war uns obendrein unsere Russischlehrerin. Viel größer war unser Interesse an einer jungen Neulehrerin, die an unsere Schule gekommen war, und die nur wenige Jahre älter als wir war.

Dieses letzte Schuljahr von 1945 bis 1946, das zum Abschluss der achten Klasse der
Grundschule führte, brachte viele Änderungen mit sich: Ich hatte wegen des Kriegsgeschehens die höhere Schule in der Kreisstadt - so sagten wir zu Gymnasium und Oberrealschule - unterbrechen müssen. Nun kehrte ich in die Grundschule meines Heimatortes Hohenleuben zurück und hatte ungeheuer viel versäumten Lehrstoff in diesem letzten Schuljahr nachzuholen. Denn wir hatten während des Krieges viel Unterrichtsausfall und zu wenig Lehrer gehabt. Vielfach waren wir anstelle des Unterrichtsbesuches für außerschulische Aufgaben wie Heilkräuter- und Kartoffelkäfersammeln, Pflege einer Seidenraupenzucht eingesetzt worden.

Lange haben meine Erinnerungen an diese Zeit mir einen Streich gespielt: Ich meinte lange, alleine in diesem achten Schuljahr einen Großteil des versäumten Stoffes nachgeholt zu haben. Doch in Unterhaltungen mit Schulkameraden über die letzten 20 Jahre stellte sich heraus, dass all das, was wir versäumt hatten, unmöglich in einem Jahr nachzuholen gewesen wäre. Wenn ich bei Ehemaligentreffen manchmal von meinem Schulwissen etwas erzählte, bekam ich immer wieder das Gleiche zu hören: "Das musst du später in der Oberschule gelernt haben, daran erinnere ich mich nicht." Also betrog mich meine Erinnerung und ich musste hier letztlich die Mehrheitsmeinung akzeptieren.

Gesellschaftsspiele statt Komasaufen

In den letzten Jahren wurde ich gelegentlich von Zeitungen oder auch von Rundfunk und Fernsehen als Zeitzeuge für die Zeit des Umbruchs nach dem Kriege interviewt. Oft fragten die Redakteure nach den Gedanken und Empfindungen, die wir damals als Jugendliche hatten. Meine Antwort ist immer die gleiche: Wir waren zwar tief betrübt, erschüttert und traurig, aber zugleich auch befreit. Nach all dem, was wir im Krieg erlebt hatten, wollten wir das Geschehene verdrängen und uns endlich wieder vergnügen.

Im Sommer 1946 feierten wir in einer Gaststätte unseren Schulabschluss mit völlig neuen befreiten Gefühlen und der Suche nach veränderten Methoden des fröhlichen Zusammenseins. "Feiern", das kannten wir aus den Kriegsjahren eigentlich nur als Jubelveranstaltungen. Private Zusammenkünfte hatten während des Krieges eigentlich selten Feiercharakter gehabt. Zum einen wegen der angeordneten Verdunkelung, die es erschwerte, einfach so in die Nacht hineinzufeiern. Zum anderen, weil stets eine gewisse Angst, etwas politisch Unerwünschtes zu äußern, im Hintergrund gestanden hatte. Und so erfreuten wir uns bei unserer Feier an harmlosen Gesellschaftsspielen, wofür uns wohl die heutigen Jugendlichen gewaltig auslachen würden.

Im Jahr unseres Schulabschlusses wurden wir Kinder aus kirchlich gebundenen Familien auch konfirmiert. Das war sehr feierlich und schön, aber die neue Zeit warf hinsichtlich des künftigen Verhältnisses zwischen Staat und Kirche ihre Schatten voraus. Viele fragten sich damals: "Werden die Russen die Kirche verbieten?" Sie taten es nicht, aber hätte ich seinerzeit Karl Marx' Schriften über die Religion lesen können und verstanden, wäre mir die weitere Entwicklung auf diesem Gebiet vorausschauend klar geworden. Schließlich hatte er gesagt: "Religion ist Opium für das Volk."

Eine neue Zeitrechnung beginnt

Und nicht nur gegenüber der Religion machte sich Skepsis breit: Wie überall hatten ab 1946 auch in meiner Heimatstadt ehemalige Kommunisten und wenige Sozialdemokraten die Führung, Lenkung und Leitung übernommen. Sie vertraten oft extreme Ansichten was Bildung, Kunst und Religion betraf. Der Kulturbund hatte während eines Ruinenfestes in meinem Heimatort eine Bilderausstellung mit Reproduktionen "Alter Meister" der Dresdner Gemäldegalerie organisiert. Ein Funktionär der KPD sagte nach der Besichtigung: "Es müsste heutzutage verboten werden, die gemalten Engel zu zeigen. Das ist Verherrlichung der Kirche. Überhaupt ist diese Ausstellung unmöglich, denn auf den Bildern sind keine Arbeiter abgebildet." Aufklärungsbemühungen misslangen.

Neue Werte hielten Einzug: Während dieser Zeit des Neuanfangs nach dem Krieg war es in Ostdeutschland auch verpönt, Schlips und Kragen zu tragen - selbst bei Feiern. Festliche Kleidung war in den Augen der Arbeiterfunktionäre einfach "unproletarisch" - ich persönlich hielt mich nicht gern an diese Regel. Von einem überzeugten Kommunisten, der in unserer Nachbarschaft wohnte, habe ich noch seinen damaligen Ausspruch im Ohr. Wir müssten uns, so forderte er, mehr danach richten, was in Moskau geschieht. Von dort käme schließlich "das Glück für die Arbeiter".

Anstelle von Glück hatte uns Moskau jedoch nach dem Krieg zunächst vor allem eine neue Zeitrechnung beschert - und das ganz unmetaphorisch: Die Zeitzone von Moskau wurde bis zu uns ausgeweitet. Wir mussten die Uhren bei uns zwei Stunden vorstellen, damit die Soldaten und Armeeführung nicht in Berechnungsschwierigkeiten kamen, wenn sie ihre Verbindung mit der Heimat aufrechterhielten.

Die Russen kommen

Doch auch vor der Besatzung durch die Russen, schon beim Einmarsch der Amerikaner, hatten wir Jugendlichen noch oft mit Befremden auf die Veränderungen reagiert: Die ersten Tage nach der Ankunft der GIs, daran erinnere ich mich, waren die Amis für mich noch immer Feinde. Ich schaffte es einfach nicht, sofort all das beiseite zu schieben, was uns zuvor jahrelang in der Schule und im Jungvolk eingetrichtert worden war. So war zum Beispiel schwer begreiflich für mich, dass "Schwarzhäutige" Vorgesetzte, also Korporale und Offiziere, sein konnten.

Doch dieses Feindbild sollte sich schnell ändern. Und wie so oft waren es Nebensächlichkeiten, die einen Wandel der Betrachtungen bewirkten: Zum einen war es die beeindruckende moderne Kriegstechnik der Amerikaner, die uns Jungen begeisterte. Dazu kam, dass sie sich uns Kindern gegenüber sehr freundlich verhielten.

Vor allem aber hatte mich ihr Verhalten bei der Beerdigung meines Großvaters beeindruckt: Er war nur zehn Tage nach dem Einzug der Amerikaner mit 82 Jahren gestorben. Wir erhielten großzügige Unterstützung bei der Erledigung aller Formalitäten. Besonders beeindruckt hat mich jedoch: Die Amis hatten ihre Kommandantur in der Villa des Schuldirektors eingerichtet. Aus großen Lautsprechern ertönte dort unentwegt den ganzen Tag sehr laut das Lied "Lilli Marleen". Als zur Beerdigung aber der lange Trauerzug an dieser Stelle vorbei kam, schalteten die Amis die Lautsprecher aus und die Wachen salutierten.

Doch aller Respekt vor den Amerikanern nützte nichts: Wir mussten uns ab Sommer 1945 mit der neuen Besatzungsmacht, den Sowjets, abfinden. Ich erinnere mich noch, wie wir bei ihrem Einzug an der Viehwaage standen und sie sahen, wie sie mit ihren primitiven Pferdegespannen die Straße vom Tal herauf in unseren Heimatort kamen. Gejubelt wurde nicht. Ich glaube, uns steckte eine gewisse Angst im Nacken. Dass auch sie über moderne Kriegstechnik verfügten, sollten wir erst später erfahren.

Harte Lehrjahre

Früher war alles ... schlechter!

Schläge, Schlafmangel, Erschöpfung - und dann noch die hohen Erwartungen der Eltern. Da erschien manchem Lehrling bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts selbst das Gefängnis als bessere Alternative. mehr... 1944 | 1 Dokument | 0 Links | 0 Beiträge

Oktober 2010

 

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Wenn ich es auch nicht persönlich erlebte, so erschütterten mich als Kind in den 1930er und 1940er Jahren die Erzählungen meiner Großeltern über unerträgliche Leiden, die damals während ihrer Jugend manche Lehrlinge ertragen mussten. Mit den Beispielen wollten sie mir aber auch Geduld, Folgsamkeit und Ehrgeiz anerziehen, wenn sie sagten: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ und „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, aber „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ In unserer Familie wurde von einem älteren Bruder meiner Oma berichtet, der eine harte Bäckerlehre, interessante Gesellen- und Wanderjahre überstanden, durch Ehrgeiz und Strebsamkeit Meister wurde und dann in meinem Heimatort eine einträgliche Bäckerei besaß. Er soll als Schulkind Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner Familie mit 5 Geschwistern immer gesagt haben: „Ich will Bäcker werden, damit ich mir ständig mit gutem Kuchen eine Güte tun und mich auch an Brot und Brötchen täglich satt essen kann.“ Schweren Herzens erfüllte der Vater den Wunsch seines Jungen, denn er musste dem Meister monatlich einen Taler zahlen, damit er diesen Buben überhaupt in die Lehre nahm. Mit 14 Jahren kam somit das schmächtige Bürschchen in eine Bäckerei und dort in volle Kost und Logis. In den 4 Lehrjahren durfte er nur 8-mal nach Hause um seine Familie zu besuchen; sich richtig satt zu essen, blieb jedoch während der gesamten Lehrzeit ein Wunschtraum. Schmackhaften Kuchen bekam er jetzt sogar seltner als in seinem Elternhaus. In der Bäckerei war es auch streng verboten etwas zu naschen, das hätte sogar zum Rausschmiss führen können. Mit einem Gesellen, der ihm die Grundlagen des Bäckerhandwerks beibringen sollte, teilte er eine winzige Schlafkammer. Sie befand sich auf dem Dachboden, im Winter gefroren dort durch die Atemluft die Bettdecken, im Sommer kühlte es auch nachts nicht ab. An täglich mehr als 5 Stunden Schlaf war nicht zu denken, weil er abends bis 22 Uhr noch Backstube und Laden sauber machen musste. Um 3 Uhr morgens wurde er von seinem Ausbilder schon wieder „aus der Koje geschmissen“, er musste die Kohlen herbeischleppen, die Backöfen anfeuern, für gefüllte Mehltruhen sorgen, Wasser vom Brunnen holen und pünktlich um 4:00 Uhr den Gesellen wecken. All das war fast unerträglich, mühsam, schwer und in einer Stunde fast nicht zu schaffen. Wenn er aber nur wenige Minuten später fertig war und unpünktlich weckte, setzte es Prügel mit einem Lederriemen. Etwas besser wurde es für Ihn, als er das 3. Lehrjahr begann und ein neuer Lehrling eingestellt wurde. Mit diesem musste er aber das Bett teilen, wobei ein ständiger Kampf um die zu kleine Bettdecke die Nachtruhe, die er aber so dringend brauchte, beeinträchtigte. Jedoch durfte er nun erstmals mithelfen, den Teig zu kneten, Brot und Brötchen in den Ofen zu schieben und herauszunehmen und Kuchen zu belegen, also all die Arbeiten ausführen, die er eigentlich lernen wollte. Das Saubermachen der Backräume, der Wohnung des Meisters und die umfangreichen Arbeiten in der Landwirtschaft, die zur Bäckerei gehörte, musste nun im größeren Umfange der Hinzugekommene übernehmen. Der Bruder meiner Großmutter, den ich nicht mehr kennen lernte, galt in unserer Familie als Vorbild, wie man durch harte Lehrjahre, gesammelte Erfahrungen auf der Gesellenwanderschaft und Strebsamkeit es zu etwas bringen konnte. Meine Oma erzählte, dass ihr Bruder während seiner Wanderjahre, die er sofort antrat nachdem er den Gesellenbrief in der Hand hielt, bis nach Wien, Prag und in die Slowakei gekommen war. Er hatte die in diesen Städten und Ländern typischen Backwaren kennen gelernt und einige Rezepte in seine Heimat mitgebracht. Allerdings wäre es schwer gewesen in den Dörfern Neues einzuführen, weil er erfahren musste: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht!“ Geschäftspraktiken, wie man Waren auch durch Werbung besser unter die Leute bringt, hatte er aber ebenfalls mitbekommen. Als Beispiel hierfür wurde bei uns bis heute eine Postkarte aufbewahrt und vielfach Bekannten und Verwandten herumgezeigt, auf der das Bild der Bäckerei und davor stehend die gut genährte Bäckersfrau zu sehen sind. Der Bruder meiner Großmutter hatte diese Karten mit dieser Ansicht in Dresden drucken lassen und als Werbematerial genutzt, ein in der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus noch seltenes Vorgehen. Das Bäckerehepaar hatte keine Kinder und auch in unserer Familie und Verwandtschaft hatte niemand das Bäckerhandwerk erlernt, so wurde ihr kleiner Gewerbebetrieb nach ihrem Tod etwa 1915 an Fremde verkauft.

Es ist kaum zu glauben, aber bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts mussten manche junge Menschen bei der Lehrlingsausbildung oft auch noch Ausbeutung und Unterdrückung erdulden. Die Bedingungen waren zwar nicht mehr so krass, wie sie vom Bäckerlehrling beschrieben wurden, aber sie erlebten hin und wieder auch Qualvolles. Das erfuhr ich von einem Jungen in unserer Nachbarschaft, der ein Jahr älter war als ich und 1944 als 14 Jähriger im Nachbarort eine Lehre als Fleischer begann. Er wurde zu diesem Beruf gezwungen, weil seine Eltern eine Gastwirtschaft besaßen und diese gern durch eine Fleischerei erweitern wollten. Bis zu seinem Lehrbeginn hatten wir eine unbeschwerte Kindheit; wir nutzten unsere Freizeit zu gemeinsamen Kinderspielen und auch harmlose Kinderstreiche blieben nicht aus. Nun war für ihn die Kinderzeit vorbei, er kam in seinem Lehrbetrieb in Kost und Logis und nach 4 Wochen erstmals wieder nach hause. Wir trafen uns in der Scheune seiner Eltern, denn er wollte mir im Vertrauen etwas mitteilen. Bis heute behielt ich in Erinnerung, wie wir gemeinsam auf einem Strohballen saßen und er mir von seinen schrecklichen Erlebnissen während seiner ersten Lehrwochen erzählte und seinem Kummer Luft machte: „Es war furchtbar, ich gehe nicht zurück zu diesen groben Meister und seinen Gesellen. Ich kann es nur schwer mit ansehen, wenn Tiere getötet werden. Oft bekomme ich sogar bei falschen Handgriffen Prügel. Wenn es mir nicht gelingt da raus zu kommen, dann zünde ich die Scheune an und ich werde eingesperrt; im Gefängnis geht es mir bestimmt besser.“

Am folgenden Montagmorgen musste ich vor unserem Haus eine schlimme Szene mit ansehen. Mein Freund rannte die Straße hinauf und rief ständig: „Ich gehe nicht mehr in diese Hölle, ich lasse mich lieber totschlagen.“ Hinter ihm sein Vater, einen Peitschenstiel schwingend, dessen Stimme überschlug sich fast: „Dir werde ich´s zeigen, du setzt die teure Lehre fort – sonst schlag ich dich grün und blau!“ Kurzum nach einiger Zeit brannte die Scheune der Eltern meines Kameraden nieder, er war der Brandstifter, kam jedoch nicht ins Gefängnis, sondern musste folgsam seine Lehre fortsetzen und beenden. Er wurde später ein geschickter Fleischergeselle – heute Facharbeiter Fleischer genannt. Er arbeitete in einem größeren DDR Konsumbetrieb in der Wurstproduktion, wo ich ihn nach einigen Jahren wieder traf. Ich hatte den Eindruck, dass er mit seinem Beruf und Leben ausgesöhnt war.

Ich weiß nicht, warum in der BRD 1971 die allgemeine Bezeichnung Lehrling durch Auszubildender (Azubi) ersetzt wurde. In der DDR wurde sie bis zur Wende beibehalten; wahrscheinlich auch wegen der im Osten Deutschlands auf allen Gebieten propagierten und vollzogenen Abgrenzung zu Westdeutschland. Vielleicht sollte jedoch in der BRD mit der Umbenennung der teilweise den Lehrjahren anhaftende schlechte Ruf gewandelt werden; außerdem sollten die dargestellten Beispiele der Vergangenheit angehören. Wahrscheinlich auch deshalb hat der Gesetzgeber seit einem halben Jahrhundert verbindliche Regeln für die Lehrlingsausbildung festgelegt. Ansprechende Lehrlingsvergütung und daneben eine spezielle, weiterführende Schulausbildung sind in der Neuzeit Standard; heute gilt es aber, Mittel und Methoden zu finden Strebsamkeit und Ehrgeiz bei den Lernenden stärker zu fördern. Der Blick in die Vergangenheit sollte offenbaren, dass heute die Jugendlichen keinen Grund zur Unzufriedenheit haben, sie wehren sich sogar, wenn sie glauben, ihnen geschehe Unrecht, das gab es früher selten oder nie.

 

 

 

 

 

Lehrlinge mussten im 19. bis teilweise Mitte des 20. Jahrhunderts oft schwere, nicht zur Ausbildung gehörende Arbeit, verrichten. Sie hatten ein schweres Los. Als Beispiele wird von einem Bäcker- und Fleischerlehrling berichtet, die diese harte Zeit durchstanden und gute Fachkräfte wurden. Der Blick in die Vergangenheit soll bei heutigen Jugendlichen Strebsamkeit und Ehrgeiz wecken.

 

Bild: Bäckerei in einer Ostthüringer Kleinstadt

Das Bild auf dieser in Dresden gedruckten Postkarte zeigt eine Bäckerei in einer Ostthüringer Kleinstadt Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wurde als Werbeprospekt genutzt; mit der vorm Haus stehenden gut proportionierten Bäckersfrau sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass Backwaren nahrhaft sind. Es galt noch kein Schlankheitswahn.

 

 


 

Von Menschen und Schweinen

Platznot, Kannibalismus und Kastrationen ohne Betäubung: Auch in der DDR war die auf Effizienz ausgerichtete industrielle Nutztierhaltung oft alles andere als artgerecht. Tierarzt Ernst Woll erinnert sich an die damaligen Haltungsbedingungen - in einem fiktiven Interview mit den Tieren.


Viele Jahre arbeitete ich als Chef-Tierarzt in einem großen Schlachthof der DDR. Meine Aufgabe war es unter anderem, den Gesundheitszustand der Tiere zu prüfen, bevor sie geschlachtet wurden. Zuvor hatte ich in traditionellen Bauernwirtschaften, landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) und auf Volkseigenen Gütern (VG) die unterschiedlichsten Schweinehaltungsmethoden kennengerlernt. Immer wieder hatte ich daran mitgewirkt, den Versuch zu unternehmen sie tiergerechter zu gestalten.

Doch das war in der DDR der sechziger Jahre ein wenig aussichtsreiches Unterfangen: Die Mauer war gerade erst gebaut, in der Kunst wurde der sozialistische Realismus proklamiert und mit dem gesellschaftlichen Wandel veränderte sich auch die Landwirtschaft der Arbeiter- und Bauernrepublik damals drastisch. Die Zwangskollektivierungen waren weit vorangeschritten und nun bestand das Hauptziel darin, die Produktionsabläufe so effizient wie möglich zu gestalten und damit die Produktivität zu steigern. Das Wohl der Tier spielte damals, nicht anders als heute, nur eine untergeordnete Rolle.

Die Schweine, die zu uns in den Schlachthof kamen, stammten aus den unterschiedlichsten Haltungen. Oft fragte ich mich, welche Leidensgeschichten die Tiere, die bei uns ankamen, bereits hinter sich haben mussten. Ich stellte mir vor, man könnte mit den intelligenten Vierbeinern reden und sie selbst nach ihren Haltungsbedingungen befragen. Was sie wohl sagen würden? Hören Sie einfach mal hin! Die Berichte der Schweine behalten übrigens nach wie vor - leider - ihre Gültigkeit.

Betonödnis statt Schlammgrube

„Ich komme aus einem LPG-Stall", unterrichtete eines Tages eine Zuchtsau ihre Artgenossen über ihren Herkunftsort, "in dem über 100 Sauen mit ihren Ferkeln unter einem Dach lebten. Die Menschen haben uns einen betonierten Auslauf an die Stalllängsseiten gebaut. Ausgerechnet Beton! Eine Beleidigung für uns Schweine! Wie sollte man sich denn da im Schlamm suhlen? Das wäre so, als würde man den Menschen ihr Grundbedürfnis nach fließendem Wasser nicht zugestehen.

Übrigens, viele Menschen sind doch tatsächlich so dumm zu glauben, dass wir uns deshalb im Schlamm suhlen, weil wir es toll finden uns vollzusauen, wie sie das unverschämterweise nennen. Dass wir unsere Haut aber lediglich vor Insektenstichen und Sonnenbrand schützen und mit dem Schlamm unsere Körpertemperatur regulieren, weil wir nicht schwitzen können, davon haben diese ignoranten, gefräßigen Zweibeiner wahrscheinlich keinen blassen Schimmer."

Ich fragte: "Du warst also nicht zufrieden, obwohl eure Stallungen jetzt neu und sauber waren? Ich könnte von alten Ställen vor der LPG-Zeit berichten, die mehr als primitiv waren. In denen hättet ihr euch sicher nicht wohl gefühlt. Geht es euch denn jetzt nicht viel besser?" Die Schweine horchten auf. Eine prächtige Zuchtsau bedeutete mir durch energisches Grunzen, dass sie etwas erwidern wollte.

Ein Leben in Ketten

„Ich komme aus einem Volkseigenen Gut, in dem immer wieder die neuesten Haltungsmethoden getestet wurden. Zur Welt gekommen bin ich in einem sogenannten Kastenstand, in dem unsere Mutter zwar direkt an unserer Seite blieb, aber durch Metallgitter von uns getrennt war, damit sie uns nicht erdrücken konnte. Wir Ferkel konnten zwar unter der Absperrung durchkriechen und uns recht frei bewegen, aber unsere Mutter stand und lag sehr eng eingepfercht.

Die erste wirklich schockierende Erfahrung machte ich als junge Sau, als ich für ein Experiment zur sogenannten Anbindehaltung ausgewählt wurde. Was das heißt? Dass ich Zeit meines Lebens, egal ob als tragende, werfende oder Ferkel säugende Sau ein Halsband tragen musste und angebunden blieb. Resultat: Ich warf meist nur sieben Ferkel, eines weniger als im Durchschnitt. Und aus irgendeinem Grund glaubten die Menschen noch immer, dieser Anbinde-Irrsinn würde höhere Leistungen erzielen."

Die Sau schien aufgebracht. Ich unterbrach sie: "Es stimmt, was wir Menschen als sinnvoll ansehen, muss nicht unbedingt in eurem Sinn sein, und ob es Sinn macht, euer Wohlbefinden vordergründig und allein an guten oder schlechten Leistungen zu messen, bleibt mehr als fraglich. Die Fruchtbarkeit sowie die Anzahl der aufgezogenen Ferkel soll bei euch Sauen der Maßstab dafür sein, ob eure Haltungsbedingungen tiergerecht sind. Wenn dem so wäre, dann müsstet ihr euch in den neuen genossenschaftlichen oder volkseigenen Ställen der DDR aber sehr wohl fühlen, denn eure Leistungen sind dort in der Regel gut.“

Kastration ohne Betäubung

Die Sau, die die längste Zeit ihres Lebens angebunden zugebracht hatte, war jetzt nicht mehr zu halten und begann aufgewühlt zu reden: „Alles Unsinn. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Auch ihr Menschen vermehrt euch unter den widrigsten Bedingungen. Sieh dir ruhig die Striemen an, die der Halsbügel in mein Fleisch geschnitten hat. Ich war gerade sechs Monate alt und musste ihn schon tragen! Unsagbar schmerzhaft war das, einige Druckstellen entzündeten sich sogar. Nur weil man mich mit Antibiotika vollgestopft hat, bin ich nicht ernsthaft krank geworden.

Und jetzt frage ich dich: Haben sich unsere Verhältnisse seit der Einführung dieser Neuerungen verbessert? Pustekuchen! Wenn ihr uns schon den Garaus machen wollt, um uns anschließend zu verschlingen, dann sollet ihr uns wenigstens das gewähren, was ihr euch selbst niemals vorenthalten würdet: Bewegungsfreiheit, Licht und Luft."

In einer anderen Bucht des Wartestalls im Schlachthof hatten Mastschweine aufmerksam zugehört. Eines der Tiere machte sich zum Wortführer. "Ich wuchs als Mastschwein in einem kleinen Schweinezuchtbetrieb auf, in dem wir passable Unterkünfte hatten. Schon sechs Wochen nach unserer Geburt wurden wir unseren Müttern weggenommen. Wir waren für die Mast vorgesehen, durften also nicht für Nachwuchs sorgen. Und wie habt ihr uns daran gehindert? Indem ihr uns operiert habt! Ohne Betäubung! Kastrieren nennen sie das, diese Barbaren! Danach brachten sie uns in einen gesonderten Stall, wo wir bleiben mussten, bis wir uns ungefähr 30 Kilogramm angefressen hatten.

In dieser Gewichtsgruppe hießen wir "Läufer". Blanker Hohn! Das Laufen auf den Böden unserer Verschläge war kaum möglich. Nur eine Hälfte des Fußbodens bestand aus einer festen Fläche. Dort hielt ich mich meistens auf. Nur wenn ich mal musste, traute ich mich auf den Spaltenboden. Aber die Spalten-Elemente waren aus Beton und teilweise beschädigt. Oft blieb man in den Öffnungen hängen und riss sich tiefe Wunden. Kümmerte aber keinen. Was macht es schon, wenn einer, der dem Tode geweiht ist, schon zu Lebzeiten blutet."

"Ihr Menschen macht Schweine zu Schweinefressern!"

Ich wollte für meine menschlichen Artgenossen in die Bresche springen und warf ein, dass man anderswo bessere Spaltenböden aus Metall und Grauguss ausprobiert hatte. Aber das Mastschwein zeigte sich unbeeindruckt: "Unsinn. Das Beste für uns Schweine ist Stroh, und das weißt du genau. Aber Stroh macht Arbeit, und die wollt ihr Menschen euch nicht mehr machen. Übrigens, der wirklich hässliche Teil meiner Geschichte kommt erst noch.

Mein wahres Martyrium begann nämlich im Maststall. Der gehörte zu einer Anlage für sage und schreibe 25.000 Schweine. Hier hatte man überhaupt keinen durchgehenden Boden mehr unter den Klauen. Es war eine Kunst, über den sogenannten Ganzspaltenboden zu laufen. Balancieren musste man geradezu. Aber leider gab es nur wenige begnadete Artisten unter uns. Noch schlimmer war das Schwanzbeißen. Wenn es in der kahlen Umgebung nichts anderes gibt, dann müssen eben die Schwänze der anderen herhalten! Anfangs ist es bloß Spaß, aber später wird es ernst, wenn nämlich die Schmerzenslaute und die blutenden Bisswunden dazu kommen! Ihr Menschen macht uns zu Schweinefressern!"

Die Tiere wurden zunehmend unruhiger, eine Sau sagte leise und fragend und so als wolle sie, so kurz vor dem Ende, Frieden stiften: "Es heißt, es gebe Menschen, die kein Fleisch essen, weil sie uns Tiere so sehr lieben und weil sie glauben, dass ihnen unser Fleisch nicht gut tut. Vielleicht bleibt unseren Nachkommen eines Tages unser Schicksal erspart, weil die Menschen sich mit Grünzeug begnügen? Vielleicht überraschen die Menschen unsere Kindeskinder eines Tages ja doch noch und behandeln sie mit Respekt?"

Ihre Artgenossen blickten ungläubig und resigniert, sie grunzten verächtlich. "Träum nur weiter", sagten sie, "solange du noch kannst. Die Menschen werden sich nie ändern." Panisches Gegrunze und Geschrei hob an, als der Fleischer kam. Gnadenlos trieb er die Tiere zur Schlachthalle. Eines der Tiere rief mir erbittert zu: "Wären wir wie ihr, wir würden euch allen den Garaus machen." Dann wurde es still. Totenstill.

In seinem autobiographischen Buch "Schwein sollte kein Schimpfwort sein" berichtet der Autor ausführlich über die Schweinehaltung in der DDR. Verlag Book on Demand, ISBN 978-3-8391-5183-9

 

Veröffentlicht am22.06.2010

Pkw-Anekdoten

Auto-Biografisches

Gasflaschen statt Benzin, Notbetankung mit Wurstbrühe und Trabbi-Diebstahl wider Willen: Ernst Woll hat im Laufe seines Lebens Skurriles rund um Pkw erlebt. Und dabei entdeckt, wie eng Vierräder und Zeitgeschichte zusammenhängen. Auf einestages erzählt er die denkwürdigsten Begebenheiten. mehr... 1936 | 2 Dokumente | 2 Links | 0 Beiträge

Auto-Biografisches

Gasflaschen statt Benzin, Notbetankung mit Wurstbrühe und Trabbi-Diebstahl wider Willen: Ernst Woll hat im Laufe seines Lebens Skurriles rund um Pkw erlebt. Und dabei entdeckt, wie eng Vierräder und Zeitgeschichte zusammenhängen. Auf einestages erzählt er die denkwürdigsten Begebenheiten.

Während meiner Kindheit in den dreißiger Jahren gab es in meinem Heimatort mit seinen 2000 Einwohnern nur ganz wenige Pkw, und selbst Arzt und Tierarzt fuhren Motorräder oder auch noch mit dem Pferdegespann. Ich kann mich eigentlich nur an die Kraftfahrzeuge eines Fabrikanten, eines Architekten, des Kohlenhändlers, eines Bäckermeisters, eines Tanzkapellmeisters, des Altwarenhändlers und einer Autowerkstatt erinnern. Im Krieg wurden fast alle diese Fahrzeuge von der Wehrmacht beschlagnahmt. Der Bäckermeister wollte dem entgehen und zerlegte sein Fahrzeug in Einzelteile, die er in einem Schuppen aufbewahrte und nach dem Krieg wieder hervorholte.

Nicht "wehrmachtstauglich" war das Auto des Altwarenhändlers. Es war ein größerer Pkw, der durch das Entfernen der Sitze für den Lastentransport hergerichtet war. Die Marke weiß ich nicht mehr; ich erinnere mich nur noch an die grüne Farbe, eine große Hupe, die an der Außenseite angebrachte Gangschaltung und die sehr lauten Motorengeräusche. Der Motor sprang trotz eifrigen Kurbelns nur selten an. Der Besitzer ließ deshalb das Auto eine lange Straße mit starkem Gefälle hinabrollen, um es zum Anspringen zu bringen. Wir Kinder - meist sechs bis acht Jungen und Mädchen - durften mitfahren, weil er uns brauchte, um das Gefährt wieder nach oben zu schieben. Zu unserer Freude sprang der Motor oft erst nach mehreren Versuchen an.

Für Familien mit durchschnittlichem Einkommen, und dazu gehörten wir, überstieg die Anschaffung und Unterhaltung eines Pkw während meiner Kindheit die finanziellen Möglichkeiten. Selbst das Motorrad, das mein Vater hatte, konnte er nur unterhalten, weil er viel selbst reparierte. Sehr verlockend war deshalb die Aktion des Hitlerregimes: Alle Volksgenossen sollten mit der Ansparung für einen Volkswagen beginnen können. Diese Pkw sollten etwa 2000 Mark kosten und wären mit den vorgeschlagenen Sparmodellen für viele erschwinglich gewesen.

Ich wollte damals meinen Vater absolut nicht verstehen, der es kategorisch ablehnte, dabei mitzumachen. Ich habe noch seine Worte im Gedächtnis, er sagte: "Der Staat will das Geld nur zur Finanzierung von Waffen und Krieg, und dabei beteilige ich mich nicht." Dieses durfte er nur im vertrauten Familienkreis äußern, und auch ich als Kind wurde angehalten, über solche Sachen mit niemandem zu reden, was ich auch befolgte. Und mein Vater behielt Recht.

Gasflasche auf dem Autodach

Nur wir Älteren erinnern uns noch sehr deutlich an die Verdunkelung, die während des Krieges streng einzuhalten war. An den Scheinwerfern der Autos, Motor- und Fahrräder ließ nur ein schmaler Schlitz einen ganz schwachen Lichtschein frei. Hindernisse oder auch Fußgänger wurden durch diese Beleuchtung fast nicht gesehen. Es war lediglich eine notdürftige Hilfe, um nicht vom Weg abzukommen. An Straßen und Häusern aufgebrachte Leuchtfarben boten eine geringe Orientierungshilfe.

Außerdem war der Treibstoff im Krieg und in der Nachkriegszeit rationiert - Benzin und Diesel gab es nur auf Marken. Es blühte damit auch der Schwarzhandel. Viele Pkw wurden auf Gasbetrieb umgerüstet und Lkw mit Holzvergasern betrieben. Die Gasflasche war oft auf dem Dach der Pkw montiert. 1952 fuhren wir zu unserer Hochzeit mit einem solchen Fahrzeug; Benzin- oder Dieselzuteilungen für Fahrten zu diesen Anlässen gab es nicht. Autos mit Gasantrieb erleben gegenwärtig eine Renaissance.

Ein außergewöhnliches Erlebnis hatte ich 1960. Mit Berufskollegen nahm ich an einem regelmäßig alle vier Wochen am Freitagnachmittag stattfindenden wissenschaftlichen Kolloquium in Jena teil. Ein Kollege war mit seinem nagelneuen Pkw Wartburg (Tachostand: 2500 Kilometer) angereist, weil er nach der Veranstaltung am Wochenende zu seinen Eltern nach Halle fahren wollte. Mehrere Jahre Wartezeit hatten dem Auto einen zusätzlichen persönlichen Wert verliehen. Gut gelaunt schlenderten wir zum Parkplatz. Die entsetzte Bemerkung des Kollegen - "Mein Auto ist weg" - veranlasste uns zu Spötteleien, dass er wohl nicht mehr wisse, wo er es abgestellt habe. Leider sollte er recht behalten. Das Auto war gestohlen worden, weit und breit keine Spur.

Fleischbrühe im Tank

Die Erstattung einer Anzeige bei der Polizei gestaltete sich sehr zeitraubend und umständlich. Mein bestohlener Kollege geriet mächtig ins Schwitzen, als er die Frage nach dem Gepäck im Auto beantworten sollte. Er hatte nämlich zusammen mit einem Berufskollegen bei einem befreundeten Bauern in einem Dorf ein Schwein geschlachtet und die Produkte - Fleisch, frische Würste und auch einen großen Behälter mit Wurstbrühe - in seinem Kofferraum verstaut. Diese Schlachtungen auf Eigeninitiative waren nicht legal, weil man zu dieser Zeit nur dann privat schlachten durfte, wenn man das Tier selbst aufgezogen und gemästet hatte. Er kam deshalb in akute Erklärungsnot, aber irgendwie hangelte er sich durch diese heikle Situation.

Schon am folgenden Montag erhielt er vom Polizeirevier die Benachrichtigung, dass das Auto in der Nähe von Apolda gefunden und zum Revier in Jena geschleppt worden sei; es stehe dort zur Abholung bereit. Mit sehr gemischten Gefühlen machte sich der geplagte Kollege am Montagmorgen auf den Weg nach Jena, sich innerlich wappnend, ein Wrack vorzufinden. Erleichtert stellte er fest, dass sich - zumindest äußerlich - die Beschädigungen in Grenzen hielten. Allerdings: Trotz wieder aufgefülltem Tank sprang der Motor nur kurz an, um im nächsten Moment wieder auszugehen.

Es stellte sich heraus, dass zwei Jugendliche das Auto aufgebrochen und kurzgeschlossen hatten, um eine Spritztour durchs Thüringer Land zu unternehmen. Als in der Nähe von Apolda das Benzin alle war, gossen sie kurzerhand die Flüssigkeit aus der Kanne im Kofferraum in den Tank. Doch damit ließ sich das Auto nicht zur Weiterfahrt bewegen - es fuhr schließlich nicht mit Wurstbrühe! Die Reparatur erwies sich als eine aufwendige und daher kostenintensive Angelegenheit, die letztendlich am Wagenbesitzer hängen blieb, da bei den Jugendlichen nichts zu holen war.

Aus Versehen Autodieb

In den siebziger Jahren sah man auf den Straßen der DDR überwiegend Trabbis der Farbe grau. Unterschiede waren oft nur zwischen Limousine und Kombi auszumachen. Einförmiger Autotyp und einheitliche Farbe brachten mich in einem Falle in starke Bedrängnis. Ich besuchte im Winter in einem Neubaublock gegen Abend Bekannte. Vorschriftsmäßig stellte ich meine graue Trabbilimousine auf einem Parkplatz vor den Häusern, neben vielen gleich aussehenden Autos ab. Als ich gegen 20.00 Uhr zum Fahrzeug kam - die Lufttemperatur war inzwischen auf unter minus 10 Grad Celsius gesunken - ließ sich der Schlüssel nicht ins Schloss stecken. Es musste eingefroren sein. Ich versuchte zunächst mit einer Streichholzflamme, den Schlüssel anzuwärmen, jedoch ohne Erfolg.

Hilfsbereit, die Kälte nicht scheuend, reichte eine Frau aus einer Parterrewohnung einen Fön an einem langen Kabel aus dem Fenster. Selbst die heiße Luft brachte das vermutete Eis im Schloss nicht zum Schmelzen. Der ABV (Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei), der trotz Kälte auf Streifentour war, bot ebenfalls seine Hilfe an. Alle Bemühungen nützten nichts. Nach geraumer Zeit ging ich nochmals ums Auto herum und stellte mit Erschrecken fest, dass wir gar nicht an meinem, sondern an einem benachbarten fremden Fahrzeug hantierten!

Alle Entschuldigungen halfen nichts - der Ordnungshüter fühlte sich gefoppt - ich musste sofort 10,- Mark Ordnungsgeld bezahlen. Eine Strafanzeige wegen versuchten Diebstahls konnte ich abwenden. Auf dem Nachbarplatz stand mein eigenes Fahrzeug. Der Autoschlüssel passte in das Schloss, das noch nicht eingefroren war! Die vorgezeigten Papiere wiesen mich eindeutig als Besitzer aus.

 

Veröffentlicht am 21.06.2010

Rindviecher und Milchmädchenrechnungen

Marktwirtschaft kontra Planwirtschaft: Nach dem Krieg kämpfte die deutsche Milchindustrie gegen die ansteckende Tuberkulose bei Kühen. Wirtschaftliche Zwänge brachten in der BRD in wenigen Jahren Erfolg. Die DDR brauchte aus politischen Gründen zehn Jahre länger.

 

Rindviecher und Milchmädchenrechnungen

 

Marktwirtschaft kontra Planwirtschaft: Nach dem Krieg kämpfte die deutsche Milchindustrie gegen die ansteckende Tuberkulose bei Kühen. Wirtschaftliche Zwänge brachten in der BRD in wenigen Jahren Erfolg. Die DDR brauchte aus politischen Gründen zehn Jahre länger. Von Ernst Woll Noch heute fordert die Infektionskrankheit Tuberkulose (Tbc) in der Welt jährlich über eine Million Menschenleben. Auch in Deutschland erkranken jährlich einige Menschen an Tbc, die aber mit modernen Antibiotika geheilt werden können; jedoch wächst die Gefahr immer mehr, dass die Erreger Resistenzen gegen mehrere dieser Chemotherapeutika bilden.
Vor mehr als 70 Jahren hörte ich während meiner Kindheit von der Gefährlichkeit der Tbc: Viele Menschen, so hieß es, würden daran sterben. Und auch Rinder und alte Hühner würden von der Seuche befallen, ohne jedoch immer offensichtliche Erscheinungen der Krankheit zu zeigen. Vor allem über die Milch von Kühen mit sogenannter Eutertuberkulose könne man sich anstecken, und man solle nur abgekochte Milch oder Milch aus der Molkerei trinken. Dabei schmeckte Milch mir genau wie vielen anderen dann besonders gut, wenn ich sie direkt nach dem Melken noch "kuhwarm" genießen durfte.
Alle Bauern, die ich in den 1930er Jahren kannte, hatten im Stall eine Kuh, von der sie meinten, die sei völlig gesund, und sie nahmen deshalb deren Milch für den Eigenbedarf. Eine Garantie war das aber nicht, denn Tests zu Feststellung der Krankheit kannten wir damals noch nicht. Erst bei der Schlachtung und Fleischbeschau konnte die Tbc festgestellt werden. In späteren Jahren las ich in einer Veröffentlichung, dass es nach einer Untersuchung in Deutschland 1936 in mehr als einem Drittel der Rinderbestände tuberkulosekranke Tiere in einem Anteil von bis zu 40 Prozent gab. Da erst wurde mir bewusst, mit welcher Sorglosigkeit wir damals auf dem Lande mit Ansteckungsgefahren umgegangen waren.
Die DDR-Seuchenbekämpfung lahmt
Bereits sieben Jahre nach Kriegsende, also 1952, wurde in der BRD ein freiwilliges Verfahren zur Bekämpfung der Rindertuberkulose mit Tuberkulin–Tests und Prämien für Milch aus tuberkulosefreien Beständen gestartet. 1955 begann ein ähnliches Programm in der DDR, das 1959 zu einem Pflichtverfahren im Rahmen eines Zehnjahresplans zur Tilgung dieser Seuche wurde. Als Tierarzt arbeitete ich auf diesem Gebiet an verantwortlicher Stelle mit. Bereits 1961 waren in der BRD 99,7 Prozent aller Betriebe staatlich anerkannt tuberkulosefrei; der marktwirtschaftliche Zwang, nur noch Milch aus Tbc-freien Beständen verkaufen zu können, trug wesentlich hierzu bei.
In der DDR waren erst 1971, also zehn Jahre später, 99 Prozent aller Rinderbestände tuberkulosefrei, weil die Tiere, die positiv auf den Tbc-Test reagierten, wegen dieser Krankheit nicht oder nur unter starken Einschränkungen geschlachtet werden durften; die Tierhaltungspläne hatten Vorrang vor den Tbc-Sanierungsplänen. In Fachkreisen haben wir damals diese unterschiedlichen Wege zur Tilgung der Rindertuberkulose sehr kritisch diskutiert.
Mit den unterschiedlichsten Argumenten versuchte, man die Bauern von den Vorteilen der LPG zu überzeugen. Es galt vor allem, erfahrene Landwirte zur aktiven Mitarbeit zu gewinnen. Nicht zuletzt sollte auch durch das Einbringen der Tiere in die genossenschaftlichen Stallungen, so wurde jedenfalls argumentiert, die Bekämpfung der Rindertuberkulose beschleunigt werden. Der staatliche Plan geht vor
In einem kleineren Dorf in Thüringen war es Ende der 1950er Jahre so weit, dass sich alle Bauern zum LPG-Beitritt bereit erklärt hatten. Sehr schnell mussten nun alle Rinder getestet werden, um Tbc-Reagenten und Tbc-freie Tier zu trennen. Erfreulicherweise wurden nach der ersten Untersuchung nur zehn Prozent der Kühe Tbc-positiv ermittelt; das waren weniger als 20 Tiere. Eine gute Ausgangsposition, um in dieser kleinen Gemeinde für die Rinderhaltung den Status "staatlich anerkannter tuberkulosefreier Rinderbestand" zu erreichen.

Ein erstrebenswertes Ziel: Durch die Entfernung Tbc-kranker Rinder wurde das Ansteckungsrisiko beseitigt, der hohe Aufwand für eine notwendige getrennte Unterbringung und Haltung Tbc-freier und Tbc-kranker Tiere fiel weg. Der Bürgermeister und alle Bauern waren dafür, die wenigen Tbc-Reagenten der Schlachtung zuzuführen, aber die Kreisverwaltung und SED Kreisleitung waren dagegen. Sie forderten, in erster Linie den staatlichen "Tierhaltungsplan" bedingungslos einzuhalten. Die Tbc-positiven Rinder sollten so lange gehalten werden, bis durch eine Tbc-freie Kälber- und Jungrinderaufzucht die verlangte Tierzahl gesichert worden wäre.
Die Tbc-positiven Kühe durften aber auch dann noch nicht geschlachtet werden, sie mussten an LPG mit einem sehr hohen Anteil sogenannter Tbc-Reagenten verkauft werden, wo die Rinder-Tbc-Sanierung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurde. Das alles war nicht kurzfristig zu realisieren, und notgedrungen musste in der neu gegründeten LPG mit hohem Aufwand ein getrennter Stall für die 20 Tbc-Reagenten eingerichtet werden. Folge: Die Trennung funktionierte nicht ganz reibungslos, und die ehemals gute Ausgangsposition verschlechterte sich. Immer wieder wurden bei den Untersuchungen Tiere ermittelt, die in den sogenannten Reagentenstall, der bald nicht mehr ausreichte, verbracht wurden.
Bauern protestierten heimlich
Da machte plötzlich das Wort Sabotage die Runde. Es wurde behauptet, einige Tierpfleger machten absichtlich Fehler: Die im Tbc-Reagentenstall gebrauchten Gerätschaften würden auch in den anderen Stallungen, in denen Tbc-freie Tiere stünden, benutzt; also die angeordnete Trennung nicht eingehalten. Außerdem hätte man die ermittelten Tbc-positiven Tiere zu spät aus der Tbc-freien Herde entfernt; also Reinfektionen Vorschub geleistet. Die Bauern würden damit heimlich gegen das ehemals ausgesprochene Schlachtverbot der geringen Anzahl von Tbc–Reagenten protestieren. Als dann einer der Tierpfleger sich illegal in die BRD absetzte, glaubte man, einen Schuldigen gefunden zu haben; aber die Reinfektionen hörten trotzdem nicht auf.
Wahrscheinlich fehlte insgesamt die Bereitschaft der Bauern, sich für längere Zeit mit den getrennten Stallungen für Tbc-freie Tiere und Tbc–Reagenten abzufinden. Im Übrigen plagte man sich in der LPG mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten herum; vor allem stand für den nach Plan aufgezwungenen großen Tierbestand nicht genügend Futter zur Verfügung – die Feld- und Wiesenerträge waren in der Region, in der sich die LPG befand, nicht sehr üppig.
Aber es wurde mit brachialer Gewalt die falsche These durchgesetzt: Je mehr Kühe vorhanden sind, desto mehr Milch wird produziert – eine klassische "Milchmädchenrechnung", denn wo soll die Milch herkommen, wenn es den Kühen an Futter mangelt? Ein gezielter, leistungsgerechter Einsatz des vorhandenen Futters an weniger Tieren wäre auf alle Fälle sinnvoller gewesen.
Dann kamen findige Bauern auf den Gedanken, die Tbc-freien Jungrinder im Sommer auf Pensionsweiden in die Mittelgebirgslagen des Thüringer Waldes zu bringen; dort konnten zusätzliche Futterreserven erschlossen werden. Mit dieser Unterstützung und insgesamt der Tbc-freien Kälber- und Jungrinderaufzucht konnte nach einigen Jahren die Tilgung der Seuche auch in dieser LPG abgeschlossen werden, was gleichzeitig mit zur wirtschaftlichen Stabilisierung führte.

 

 

 

Veröffentlicht: 10.05.2010

Prügelstrafe

"Warum schlagt ihr mich nicht?"

Achims Vater zog oft seinen Gürtel aus der Hose und verprügelte den Sohn. Warum, fragte dann Nachbarskind Ernst Woll seine Großeltern. Die Antworten, die er bekam, beschäftigten ihn sein ganzes Leben. mehr... 1936 | 4 Dokumente | 3 Links | 0 Beiträge

"Warum schlagt ihr mich nicht?"

Achims Vater zog oft seinen Gürtel aus der Hose und verprügelte den Sohn. Warum, fragte dann Nachbarskind Ernst Woll seine Großeltern. Die Antworten, die er bekam, beschäftigten ihn sein ganzes Leben.

"Warum bekommt Achim fast jeden Tag von seinem Vater Hiebe?" fragte ich meine Großmutter. Achim und seine Familie wohnten bei uns im Haus. In unserem Sprachgebrauch verwendeten wir den Begriff Hiebe für die körperliche Züchtigung, die in meiner Kindheit in den dreißiger Jahren in der Erziehung eine wichtige, aber unrühmliche Rolle spielte. "Er hat nicht gefolgt", antwortete sie, gab mir aber, ich war fünf Jahre alt, auch weitere Erklärungen zu den mich bewegenden Fragen.
"Folgen" hieß in unserem Dialekt artig sein, das gelang auch mir nicht immer, trotzdem wurde ich dann nicht geschlagen. Warum Achim und ich nicht? Diese Fragen über die Bestrafungen von Kindern beschäftigten mich nicht nur damals, sie begleiteten mich während meines nunmehr fast achtzigjährigen Lebens. Dass selbst in unserer modernen aufgeklärten Gesellschaft Kinder verprügelt werden, wissen wir aus den Medien. Jetzt drängt es mich, meine Erlebnisse aufzuschreiben, vielleicht kann ich damit Erfahrungen vermitteln.
Achim hatte mehrere Geschwister, ich wuchs als Einzelkind auf. Wir waren gleichaltrig. Er musste im Haushalt der Mutter zur Hand gehen und seine kleineren Geschwister versorgen. Dabei unterliefen ihm Fehler. Das allein konnte aber nicht die Ursache dafür sein, dass er der Prügelknabe seines Vaters war. Meine Großmutter sagte: "Es ist sträflich, wenn die überlegenen Erwachsenen ihre Unzufriedenheit und ihren Ärger an wehrlosen Kindern durch Prügel abreagieren!" Als Kind begriff ich diese Aussage nicht und fragte: "Ärger habe auch ich manchmal, aber was ist Unzufriedenheit?"
"Es reicht nie"
Geduldig gab mir meine Oma, meistens durch Gleichnisse untermauert, Antworten. Sie erzählte: "In unserem kleinen Bauernhaus gibt es acht Räume, wir alle, deine Eltern, ich, Großvater und du, das sind fünf Personen, bewohnen davon sechs Zimmer. Achims Familie - sieben Menschen - bewohnen aber nur zwei Stuben!" Ich erkannte nun den Unterschied, mit dem ich aber nichts anzufangen wusste.
Meine Oma erläuterte mir deshalb: "Wir haben ein eigenes Haus und genügend Wohnraum. Achims Vater arbeitet sehr schwer im Steinbruch, verdient aber nur wenig. Die zwei Mark Miete, die sie monatlich an uns bezahlen, sind für sie schon viel, und sie können sich keine größere Wohnung leisten. Die sieben Personen auf engem Raum, dazu immer nur abgezähltes Geld fürs Essen, das macht unzufrieden. Für Extras wie etwa Spielsachen, wie du sie hast, reicht es nie. Das können sie sich nicht leisten."
"Dabei", so erzählte meine Großmutter weiter, "gibt es sogar Familien, denen es noch schlechter geht; du kennst sie auch, dort trinkt der Vater immer viel Alkohol und für die Familienmitglieder gibt es dann nicht einmal genügend zu essen. Du hast doch schon gesehen, dass der Mann in unserer Nachbarschaft sehr oft betrunken vorm Haus randaliert. Seine Kinder bekommen auch häufig Schläge." Ich hakte nach: "Aber das sind doch keine Gründe für Hiebe?"
Es geschah oft auf dem Treppenabsatz
Ich erinnere mich noch, dass es damals meiner Großmutter schwerfiel, mir, dem Fünfjährigen, die wahren Ursachen der häufigen körperlichen Züchtigung der Kinder plausibel zu erklären. Mich beschäftigten im starken Maß auch die Ereignisse, die ich in unserem Haus miterlebte.
Wenn Achims Vater von der Arbeit kam, schrie er lauthals - ich kann nicht mehr alles wörtlich wiedergeben - etwa so: "Du hast wieder gefaulenzt, der Kohlenkasten und die Wassereimer sind leer, deine Hosen sind dreckig, deine kleinen Geschwister schreien, du hast sie nicht ausgefahren, du zwingst mich direkt, dir den Hintern zu versohlen." Als ich das sogar sah, es geschah oft auf dem Treppenabsatz, war ich schockiert.
Achims Vater zog den Ledergürtel von seiner Hose, klemmte Achims Kopf zwischen seine Beine und schlug mit dem Riemen mit aller Gewalt auf sein Hinterteil. Achim jammerte und schrie; anschließend musste er in den Keller, dessen Treppe in unserer Waschküche oben mit einer Falltür verschlossen war - es gab kein Entkommen. Es erschütterte mich, dass der Achim, wenn die Tränen versiegten, unten auf den letzten Kellerstufen saß und sang: "Vom Himmel hoch da komm ich her".
"Warum schlägt auch der Lehrer?"
Warum arme Menschen unzufrieden sind, dann in ungerechter Weise auch unschuldige, wehrlose Kinder strafen, erklärte mir meine Oma mit einer weiteren Geschichte: "Im Gemeinde- oder auch Armenhaus unserer Kleinstadt, hinter unserem Obstgarten, wohnt eine Familie mit mehreren Kindern. Der Vater schlägt auch oft zu. Er ist sehr krank, er hatte einen schweren Unfall und kann nun keine körperlich schweren Arbeiten mehr verrichten, aber für Schriftliches im Büro fehlt ihm die Bildung."
Sofort brachte ich meine Großmutter wieder in Erklärungsnot mit meinen ständigen Fragen: Warum? "Warum braucht man fürs Schreiben Bildung und was ist eigentlich Bildung?" wollte ich wissen. Sie sagte: "Wer als Kind in der Schule und später als Lehrling fleißig lernt, kann dann leichte, besser bezahlte Arbeiten in einem Amtszimmer machen." Das leuchtete mir ein, bewunderte ich doch die Männer in unserem Rathaus, die immer gut angezogen hinter den Schreibtischen saßen. Gleich nahm ich mir vor meine Schreibübungen zu verstärken und später in der Schule schnell Lesen zu lernen. Sie fuhr fort: "Die kinderreiche Familie zahlt keine Miete, aber als Unterstützung erhält sie nur wenig Geld; das reicht gerade zum Essen und Kleiden, also zum bescheidenen Leben. Unzufriedenheit darf also kein Grund für das Schlagen der Kinder sein, das hat in jedem Falle nichts mit Vernunft zu tun."
Ich merkte, meine Oma suchte nach weiteren Argumenten, ich hatte auch schon wieder eine Frage auf dem Herzen: "Warum erhalten aber die Kinder vom Lehrer, Doktor und Rechtsanwalt und vom Gutsbesitzer auch manchmal Hiebe, die haben doch große Wohnungen und sollen auch immer Geld haben? Warum sprichst du häufig von Vernunft, was ist das?"
"Dafür hätte dir jetzt den Hintern versohlen"
Heute nehme ich an, dass ich mit dieser Frage meine Großmutter damals in Bedrängnis gebracht habe. Sie war aber kein Erwachsener, der dann, wenn er nicht mehr weiter wusste, sagte: "Das verstehst du noch nicht, dafür bist du noch zu klein." Sie versuchte, mir auch diese Frage geduldig zu beantworten. Meine Mutter störte während unseres tiefgründigen Gesprächs über Vernunft unsere Idylle. Sie kam in die Wohnküche und meinte, es sei Zeit für mich ins Bett zu gehen. Da stampfte ich mit den Füßen auf und widersetzte mich; fast jähzornig rief ich: "Du unterbrichst uns immer, wenn Großmutter mir etwas Wichtiges erklärt, du hast auch keine Vernunft!"

Ich dachte, die Oma würde mich in Schutz nehmen, da hatte ich mich aber gründlich geirrt. Die beiden Frauen zeigten in ihren Anordnungen mir gegenüber stets Einigkeit; trotz eifrigen Nachdenkens gelingt es mir nicht, ein Beispiel zu finden, nach dem meine Eltern und Großeltern mir gegenüber ein einziges Mal nicht in Übereinstimmung gehandelt hätten. Es gelang mir niemals, die Erwachsenen gegeneinander auszuspielen.
Mein Aufbrausen wurde zum Anlass genommen mir beispielhaft zu sagen und zu zeigen: "Achims Vater hätte dir jetzt den Hintern versohlt, bei uns gibt es das nicht, aber überlege dir gründlich, ob du dich richtig verhalten hast. Vielleicht kommst du dann dahinter, was Vernunft ist, morgen werden die Großeltern weiter mit dir sprechen." Trotzdem war das für mich zu hoch, aber das geschlossene, konsequente Auftreten der beiden ließ mich wieder ruhiger werden, mein Zorn ebbte ab. Leicht begehrte ich noch auf: "Vernunft, Vernunft, Vernunft, was ist denn das nun wirklich?" Meine Mutter sagte: "Etwas, was du jetzt nicht hast, es ist das Gegenteil von Dummheit!" Nun wusste ich gar nichts mehr und ich ging, nicht klüger geworden, ins Bett.

Großvater erzählt

Meinen Großvater, dem immer der Schalk im Nacken saß, fragte ich am nächsten Tag: "Was ist Vernunft, und warum bekommen manche Kinder von ihren Eltern Hiebe, aber andere und auch ich nicht?" "Du hättest wohl auch gern welche", war seine erste Reaktion. Dann wurde er ernst, nahm die Bibel, in der er oft las, vom Regal und erklärte mir: "Den Begriff Vernunft habe ich bisher selbst in der Bibel nicht gefunden, das ist aber das Buch, in dem alles steht, was die Menschen brauchen und tun sollen. So kann ich dir nur aus meiner Erfahrung sagen, was Vernunft ist. Es bedeutet: Erst denken und dann handeln!"

"Ich will dir das an einigen Beispielen zeigen", sagte mein Großvater. "Wenn Achims Vater seinen Sohn schlägt, dann hat er nicht darüber nachgedacht, dass der Junge die von ihm verlangten Leistungen gar nicht schaffen konnte. Du bekommst keine Hiebe, weil wir alle denken und wissen, wenn du etwas Unrechtes getan hast und deshalb geschlagen wirst, dann reizt dich das zum Widerstand. Wiederholungen werden aber eher verhindert, wenn wir gemeinsam über die falschen Handlungen nachdenken, auch wie sie in Zukunft zu verhindern sind. Menschen, die vernünftig urteilen können, schlagen deshalb ihre Kinder nicht. In den Familien - es sind leider nur wenige - in denen die Kinder nicht verprügelt werden, denken die Menschen gründlicher und besser nach."

"Noch eines will ich dir sagen", fuhr mein Großvater fort, "du gehst abends fast nie freiwillig und gern ins Bett. Ich war als Kind ebenso, und da hat meine Mutter mit mir folgendes angestellt: Ich durfte so lange ich wollte, aufbleiben, aber auf dem Stuhl sitzend nicht einschlafen. Bis Mitternacht habe ich es ausgehalten, dann fielen die Augen zu. Wäre ich mit Hieben ins Bett geschickt worden, hätte ich mich immer wieder gewehrt, so aber dachte ich nach und erkannte: Der Mensch braucht auch Schlaf."

In der Erziehung unserer vier Kinder in den fünfziger und sechziger Jahren beherzigten wir diese von unseren Eltern und Großeltern übernommenen Methoden und Erfahrungen mit gutem Erfolg.

Veröffentlicht am 19.04.2010

Landwirtschaft in der DDR

Experiment mit Todesfolgen

Massentierhaltung, Milchersatz und gefährliche Nahrungszusätze: In den sechziger Jahren versuchten die LPG in der DDR ihre Produktionskraft stetig zu steigern. Unter anderem mit Futterzusätzen wie Harnstoff. Als Tierarzt erlebte Ernst Woll, wie eines der Experimente tragisch endete. mehr... 1961 | 3 Dokumente | 2 Links | 0 Beiträge

Experiment mit Todesfolgen

Massentierhaltung, Milchersatz und gefährliche Nahrungszusätze: In den sechziger Jahren versuchten die LPG in der DDR ihre Produktionskraft stetig zu steigern. Unter anderem mit Futterzusätzen wie Harnstoff. Als Tierarzt erlebte Ernst Woll, wie eines der Experimente tragisch endete.

Die Gründungsjahre der LPG waren sehr bewegt. Die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR waren in den sechziger Jahren wirtschaftlich unterschiedlich gut aufgestellt. Insbesondere neu gegründete Genossenschaften hatten mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. Schwache Betriebe erhielten großzügige staatliche Unterstützung, so dass keine LPG Bankrott anmelden musste. Für die Tiere bedeutete die LPG-Reform jedoch ein gewisses Risiko. Tiere, die zuvor in kleineren und mittleren Bauernhöfen traditionell gehalten und individuell betreut worden waren, bekamen die einschneidenden Veränderungen besonders deutlich zu spüren, sie vertrugen die Bedingungen in den Mastbetrieben meist nicht sehr gut. Ihre in der neuen Umgebung geborenen und aufgewachsenen Nachkommen dagegen wurden damit merklich besser fertig.

Experimentierfreudig erprobte man neue Haltungsbedingungen und Fütterungsmethoden. Ein großes Thema der damaligen Zeit waren sogenannte Ersatzstoffe, die den permanenten Futtermangel mindern sollten. Vor allem die älteren Bauern betrachteten den Einsatz von Milchersatzstoffen mit Skepsis. Aber das natürliche Säugen war in der genossenschaftlichen Haltung nicht mehr vorgesehen. Unter den Kälbern herrschte damals eine relativ hohe Sterblichkeitsrate. Wahrscheinlich hatten die neuen Haltungsmethoden ihren Anteil daran.

Was erfahrene Bauern dagegen lobten, war vor allem die verbesserte Tier- und Milchhygiene und die gesundheitliche Betreuung der Tiere in den neuen Ställen. Dass diese Verbesserungen vor allen Dingen höhere Milchleistungen erzielen sollten, war dabei selbstverständlich. Ein gestandener Landwirt sagte damals sehr treffend: "Wir machen unsere landwirtschaftlichen Nutztiere in der Neuzeit immer mehr zu Produktionsmaschinen. Hoffentlich gelingt es uns, sie weiterhin als Lebewesen zu betrachten."

Grausiger Anblick

Damals wollte man in einer LPG-Haltung den wissenschaftlichen Fortschritt nicht verpassen und fügte Anfang der sechziger Jahre dem Futter der Kühe Harnstoff bei. Man hatte gehört, dass es sich um ein Wundermittel handele. Man glaubte, das Verdauungssystem der Wiederkäuer würde aus dem Harnstoff eine wertvolle Eiweißquelle machen und so die Milchleistung steigern. Der Tierpfleger hatte zur Abendfütterung eine größere Menge Harnstoff auf die zerkleinerten Rüben in die Krippe der Kühe geschüttet und freute sich, dass die Tiere gut fraßen. Von Paracelsus hatte er wahrscheinlich noch nichts gehört. Sonst hätte er gewusst: "All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist."

Am nächsten Morgen bot sich ein schauriges Bild: Von 20 Tieren lagen acht tot im Stall. Die übrigen rangen mit dem Leben. Als schnell herbeigerufener Tierarzt konnte ich zumindest die zwölf geschädigten Tiere retten, für die acht anderen war es längst zu spät. Welche Todesqualen die Tiere ausgestanden hatten, war von niemandem beobachtet worden. Es muss grausam gewesen sein.

Nach dem Vorfall gab es Vorwürfe über Vorwürfe. Sogar die Kriminalpolizei ermittelte. Zu beklagen war aber nicht nur der wirtschaftliche Schaden, sondern auch die Qual und das Leid der Tiere. Aus dem Vorfall wurden Schlussfolgerungen gezogen: Künftig sollte es strenge Einsatzregeln für Harnstoff als Eiweißergänzung in Futtermitteln für Wiederkäuer geben. Für die acht Tiere war es leider zu spät.

 

Veröffentlicht am 22.02.2010

Fleischproduktion mit Beigeschmack

Rindermast in der DDR

Fleischproduktion mit Beigeschmack

Rinderfutter war in der DDR mitunter Mangelware, Schweinegülle nicht. So kam in den siebziger Jahren eine LPG in Thüringen auf die Idee, die tierischen Ausscheidungen an ihre Bullen zu verfüttern. Der Tierarzt Ernst Woll begleitete die Versuche - und erinnert sich an die unangnehmen Nebeneffekte des Güllefutters. mehr... 1970 | 9 Dokumente | 3 Links | 0 Beiträge

Veröffentlicht am 22.02.10

Rinderfutter war in der DDR mitunter Mangelware, Schweinegülle nicht. So kam in den siebziger Jahren eine LPG in Thüringen auf die Idee, die tierischen Ausscheidungen an ihre Bullen zu verfüttern. Der Tierarzt Ernst Woll begleitete die Versuche - und erinnert sich an die unangnehmen Nebeneffekte des Güllefutters.

In der DDR gab es ein Wort, dass immer und überall zur Anwendung kam, wo es nur möglich war: Produktion. Die Steigerung der Produktion als erklärtes Ziel durfte in keiner Publikation fehlen. So korrigierte ein eifriger linientreuer Lektor eine meiner geplanten Fachveröffentlichungen und verlangte, statt "geborene Kälber" solle ich "produzierte Kälber" schreiben. In der Rinderproduktion spielte in der DDR neben der Milchproduktion die Fleischproduktion und dabei wiederum die Bullenmastproduktion eine große Rolle. Wir hatten uns so an diesen Jargon gewöhnt, dass wir vielfach gar nicht mehr nach besseren Formulierungen suchten, und produzierten überall fleißig mit.

Da bestimmte Produktionsplanziele sich nur mit ausreichender Futterproduktion erreichen ließen, galt es auch auf diesem Gebiet, Produktionsreserven zu erschließen. In einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in Thüringen kam man dazu auf den Gedanken, Schweinegülle zu trocknen und das Produkt an Mastbullen zu verfüttern. In Schweinemastanlagen mit 10.000 und mehr Stallplätzen fielen täglich unvorstellbare Mengen an tierischen Ausscheidungen an, die auch als Kot-Harn-Gemisch bezeichnet wurden. In den Mastbetrieben wurde in der Regel kein Stroh als Einstreu verwendet, sondern die Tiere standen auf sogenannten Vollspaltenböden, durch deren Zwischenräume die Gülle abfließen konnte.

Mit der Produktion von Futter aus Gülle erwartete man Vorteile in doppelter Hinsicht: Die anfallenden Massen von Gülle konnten einfach mit dem Tankwagen abtransportiert und gleichzeitig auf nutzbringende Art verwendet werden. Der Kot der Schweine enthält aufgrund der Fütterung und ihres speziellen Verdauungsvorgangs große Mengen unverdauter Stoffe. Diese Substanzen sind für Rinder, die Pflanzenfresser sind und einen in mehrere Abteilungen geteilten Magen haben, noch verwertbar.

Erfreulicherweise hörte man auf die Fachleute und ließ zunächst die technischen Möglichkeiten und Einsatzbedingungen überprüfen. Außerdem wurden die Schadstoffgefahren, tierernährungsphysiologischen Probleme und der Einfluss auf die Fleischqualität der mit diesen Stoffen gefütterten Mastrinder untersucht. Kühe wurden nicht in das Fütterungsexperiment einbezogen, da man nicht sicher war, ob eventuell Beschaffenheit und Geschmack der Milch beeinflusst werden könnten.

Es stank zum Himmel

Man begann in den siebziger Jahren mit einem Kleinversuch: Zunächst wurde in einer mechanischen Presse das ungebundene Wasser aus der Gülle entfernt und die Masse anschließend mit einem thermischen Trennverfahren getrocknet. Mit hohem Ergieaufwand - der Strom war in der DDR billig - entstand so eine Trockenmasse, die nur noch andeutungsweise nach Gülle roch. Die Rinder mussten damals häufig Silage fressen, die nach unserem menschlichen Empfinden ebenfalls einen unangenehmen Geruch hatte. Offensichtlich verträgt diese Tierart auf diesem Gebiet recht viel und verschmähte deshalb auch das "Güllefutter" nicht.

In der Umgebung der Trocknungsgeräte, in denen das Ersatzfutter produziert wurde, stank es allerdings ganz furchtbar. Da die in der Pilotanlage hergestellten Mengen nicht ausreichten, um die geplante größere Zahl Mastbullen zu versorgen, wurde im nächsten Schritt eine industrielle Futtertrocknungsanlage eingesetzt. Solche modernen Anlagen waren in den sechziger und siebziger Jahren in der DDR in mehreren ländlichen Bezirken errichtet worden. An Gülle mangelte es nicht. Sie wurde in Tankwagen in den Trocknungsbetrieb gebracht. Die Trocknung klappte, aber was war mit der Abluft? Sie musste hoch genug in die Luft geblasen werden, um die Geruchsbelästigung in der Umgebung in Grenzen zu halten.

Bei der Untersuchung dieser Probleme erlebten wir zunächst Schlimmes. Bei den ersten "Produktionsversuchen" prüften wir in einem Umkreis von 15 Kilometern um die Trocknungsanlage, ob es nach Gülle stank. Wir trafen Leute auf der Straße, die sagten: "Irgendwo in der Nähe muss doch eine chemische Fabrik entstanden sein, es riecht ja fürchterlich nach verbranntem Eiweiß. Man könnte auch denken, es käme von einem Krematorium." Bei bestimmten Wetterlagen wurde die "Duftwolke" hin und wieder sogar in noch weitere Entfernungen getragen. Kurzum: Trotz einiger technischer Veränderungen in der Trocknungsanlage wusste die Bevölkerung in der Umgebung, wann wieder Gülle getrocknet wurde.

Ich war während dieser Zeit Abteilungsleiter für veterinärmedizinische Bauhygiene am Institut für Veterinärwesen des Bezirks Erfurt und begleitete dieses Experiment als Berater. Da ich 1972 meine Arbeitsstelle wechselte, konnte ich nicht mehr verfolgen, ob die Probleme der Geruchsbelästigung bei der Gülletrocknung noch zufriedenstellend gelöst wurden. Ich vermute: nein.

Kein Unterschied in der Fleischqualität

Doch das Thema begleitete mich auch an meinem neuen Arbeitsplatz weiter. In dem Schlachthof, in dem ich nun als Cheftierarzt arbeitete, wurden auch Mastbullen geschlachtet, die mit Güllefeststoffen oder auch Geflügeltiefstreu, also einem Gemisch aus Gülle und Stroh, das in Hühnerställen anfällt, gefüttert worden waren. Es waren ab Mitte der siebziger Jahre jährlich mehr als tausend Tiere. Die Güllefeststoffproduktion lief zu dieser Zeit auf Hochtouren. Die Futterationen der Mastrinder bestanden allerdings nur zu maximal 18 Prozent aus Güllefeststoff. Ein Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb und das zuständige Bezirksinstitut für Veterinärwesen prüften die gesundheitliche Unbedenklichkeit und Qualität des Fleisches der Mastrinder, die diesen Futterzusatz erhielten. Ergebnisse durften aber nicht veröffentlicht werden; zumindest wurde mir nichts von diesbezüglichen Publikationen bekannt.

Berichten kann ich jedoch über Resultate, an deren Ermittlung ich selbst mitwirkte. Das Fleisch der in die Versuche einbezogenen Schlachtrinder wurde auf diverse Parameter untersucht: pH-Wert, Fleischfarbe, Dripverlust (der Auskunft über die Wasserbindefähigkeit des Fleisches gibt), chemisch-analytische Werte, Keimgehalt, Geschmack und Geruch. Einige Kochproben zeigten geringe Abweichungen im Fett- und Fleischgeruch. Dabei konnte aber kein signifikanter Zusammenhang mit der Verfütterung von Güllefeststoffen nachgewiesen werden. Insgesamt wich die Fleischqualität der Versuchstiere, die mit diesem Zusatz gefüttert worden waren, nicht von den bekannten Normwerten ab.

Mehrere Fachleute in der DDR lehnten den übertriebenen Einsatz dieser Ersatzfutterstoffe ab, aber ihre Meinung wurde teilweise ignoriert und hatte oft keinen Einfluss auf Entscheidungen. Die meisten von ihnen vertraten die Meinung, dass der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen stehe. Es wurde meistens nicht gründlich bis zu Ende gerechnet, und letztlich fehlte immer der Nachweis einer tatsächlichen Produktionssteigerung. Nach neuesten Erkenntnissen ist die Verfütterung von Güllefeststoffen gesundheitlich bedenklich. Mit dem Ende der DDR wurde meines Wissens nach auch damit aufgehört.

Veröffentlicht am 26.01.2010

Kollektivierung der Landwirtschaft

Bauernschlaue Staatshüter

Geben Kühe ohne Hörner mehr Milch? Mit allen Mitteln versuchte das SED-Regime in den fünfziger Jahren, Bauern der DDR zum genossenschaftlichen Zusammenschluss zu bewegen - und schreckte dabei auch vor absurden Maßnahmen und Argumenten nicht zurück. mehr... 1959 | 4 Dokumente | 2 Links | 0 Beiträge

Primitiver Rinderoffenstall: Nur ein geringer Bauaufwand war nötig, um einen solchen Rinderoffenstall - hier eine Aufnahme von Ende der fünfziger Jahre - zu errichten. In dem Thüringer Dorf sollten so schnell wie möglich die Tiere aller Bauern zusammengeführt werden. Die Unterkunft bot Kühen allerdings nur wenig Schutz vor Kälte und Schnee.

Veröffentlichung am 26.01.2010

 

Bauernschlaue Staatshüter

Geben Kühe ohne Hörner mehr Milch? Mit allen Mitteln versuchte das SED-Regime in den fünfziger Jahren, Bauern der DDR zum genossenschaftlichen Zusammenschluss zu bewegen - und schreckte dabei auch vor absurden Maßnahmen und Argumenten nicht zurück.

 

"Bist du für oder gegen Rinderoffenställe?" Mit dieser Frage wurde Ende der fünfziger Jahre in der DDR die politische Einstellung der Bauern, Agrarwissenschaftler und Tierärzte getestet. Die Kollektivierung der Landwirtschaft war in vollem Gange. Überall entstanden Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG), in denen sich Bauern auf Beschluss der SED zusammenschließen sollten. Zwar war es gestattet, über die Voraussetzungen für diese Form der Rinderhaltung zu diskutieren - ablehnen durfte man sie jedoch nicht.

Für diese riesigen Stallungen sprach, dass der Bauaufwand relativ gering war. Die meisten Bauern bezweifelten aber, dass es ihren Rindern gut bekäme, derart der Witterung ausgesetzt zu sein und zudem künftig mit Tieren unterschiedlichster Herkunft zusammenzustehen.

Die Offenställe, die in der Regel als Laufställe für 30 bis 50 Tiere eingerichtet wurden, erschwerten auch meine Arbeit als Tierarzt. Um Blutproben zu entnehmen, Tuberkulose-Tests oder Trächtigkeitsuntersuchungen durchzuführen, mussten die Rinder eingefangen werden. Verschiedene Hilfsvorrichtungen wie etwa Fangfressgitter und Fangstände wurden im Laufe der Zeit erfunden und weiterentwickelt. Häufig kam man sich jedoch vor wie beim amerikanischen Rodeo: Mann gegen Tier. Nur das Lasso fehlte.

Mann beißt Kuh

Im Falle einer Behandlung mussten geschickte Fänger die Tiere in einen Bereich des Stalls lotsen, wo sie fixiert werden konnten. In nahezu jeder Herde gab es zwei bis drei Rinder, die sich dem Zugriff über lange Zeit hartnäckig zu entziehen wussten. Einmal mussten wir eine ungewöhnliche Fangmethode anwenden: Ein junger Mann packte ein Rind bei den Hörnern, und als Antwort auf diese Unerhörtheit schleifte das Tier ihn quer durch den Stall. In seiner Not biss der Mann dem Tier kurzerhand in das weiche Flotzmaul, dem Bereich zwischen Naseneingang und Oberlippe. Mit einem geübten Griff direkt in die Nase konnte er der widerspenstigen Färse schließlich habhaft werden, sodass ich mich an die Behandlung machen konnte.

Noch aufreibender als für mich waren allerdings die mit der Kollektivierung einhergehenden Änderungen für die Bauern. Mit der Fertigstellung eines LPG-Offenstalls in einem Thüringer Dorf drängte man 1959 alle noch zögernden Landwirte zum Eintritt in die Genossenschaft. Ein Bauer hielt dem Druck nicht mehr stand und unterschrieb die Beitrittserklärung. Für die Tiere seines Gehöftes brachte das eine große Veränderung ihres bisherigen Lebensalltages mit sich. Denn in mittelbäuerlichen Betrieben wurden die Kühe von Menschen gehalten, die ihnen vertraut waren und freundliche Worte für sie übrig hatten. Sie trugen Namen, warteten mit beachtenswerter Milchleistung auf und konnten sich bei gutem Futter und artgerechter Haltung und Pflege im Stall und auf der Weide durchaus sehr wohl fühlen.

Als die Bäuerin am Hoftor fünf ihrer Kühe verabschiedete, standen ihr Tränen in den Augen. Nur eines der Tiere hatte die Familie behalten dürfen, die Auswahl war ihr sehr schwergefallen. Die fünf Rinder kamen zu einer Gruppe von 50 weiteren Kühen in einen Laufstall. Zwischen den Eheleuten entbrannte ein heftiger Streit. Die Bäuerin machte ihrem Mann Vorwürfe, dass er dieser Unterbringung zugestimmt hatte. Von Bauern aus den Nachbardörfern wusste sie, dass sich die zusammengebrachten älteren Kühe Rangkämpfe lieferten, bei denen schlimme Verletzungen nicht ausblieben. Der Bauer versuchte zu besänftigen. Er kündigte an, sich für das tierärztliche Entfernen der Hörner einzusetzen. Aber auch das beruhigte die Frau nicht. Sie befürchtete, dass sich daraus nur weitere Probleme ergeben würden. Sie sollte Recht behalten.

Die Logik der Staatshüter

Im Mai wurden die Tiere in den Offenstall gebracht. Als Tierarzt lehnte ich es ab, die Hörner sogleich zu entfernen, weil zu dieser Jahreszeit zu befürchten war, dass Fliegenmaden in die Wunden kommen würden. Um des Friedens mit den Bauern will bedrängte mich der LPG-Vorsitzende, die Enthornung trotzdem durchzuführen - bis ich schließlich nachgab.

Drei Tage nach dem Eingriff bekam ich Besuch von zwei Herren, die sich als Kriminalbeamte vorstellten. Was folgte, glich einem Verhör. Weil die Mehrzahl der Kühe unter starkem Madenbefall an den Wunden litt und die Milchleistung sank, vermuteten die Herren einen Sabotageakt. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass die angeblichen Kriminalbeamten Mitarbeiter der Staatssicherheit waren.

Die wahren Ursachen für das Malheur kamen nicht zur Sprache. Dass die Schwierigkeiten aus dem Zusammenbringen von Kühen aus unterschiedlichen Haltungen resultierten, wurde stillschweigend hingenommen. Die Unruhe der Tiere, die sich fremd waren, und eine ungenügende Fütterung durften auf keinen Fall öffentlich gemacht und angeprangert werden. Das hätte die Vergenossenschaftung in Frage gestellt. Kritik war tabu.

Immerhin hatte ich als zuständiger Tierarzt nach dem problematischen Eingriff unter dem Stallpersonal gewichtige Fürsprecher. Die Wunden wurden sorgfältig versorgt, der Melkermeister besserte die Futterrationen durch Reservebestände auf und die Kühe gaben wieder mehr Milch - womit bewiesen war, dass durch mehr Futter von Anfang an eine bessere Milchleistung zu erzielen gewesen wären.

Die Logik der Staatshüter war eine andere. Sie mutmaßten, dass die Entfernung der Hörner zu der Produktivitätssteigerung geführt haben könnte - und der Verdacht der Sabotage war vom Tisch.

 

Veröffentlicht 22.12.2009

 

Fest der Finsternis

Feuerschein am Horizont, Verdunkelungsgebot und bescheidene Geschenke: Weihnachten 1944 stand für den 13-jährigen Ernst Woll im Zeichen des Krieges. Gegen den Mangel half Erfindergeist.

 

 

Im Krieg geht das Leben irgendwie weiter, weil es weitergehen muss. Auch die großen Feste werden gefeiert. Nur eben bescheidener. Während 1944 der Krieg in vollem Gange war und die Menschen in den Großstädten und Industriezentren unter den Bombardierungen der Alliierten zu leiden hatten, lebte ich mit meinen Eltern und Großeltern auf dem Thüringer Land. Meine Vorfreude auf das Fest war ungebrochen, auch wenn mir damals mit meinen 13 Jahren die Sorgen der Menschen nicht entgingen. Die Gespräche kreisten um verwandte und bekannte Soldaten an der Front und die vielen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Damals war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kampfhandlungen auch deutsches Gebiet erreichen würde.

Trotz strengen Verbotes wurde damals in fast allen Familien heimlich BBC in deutscher Sprache gehört. Auch während der Festtage wollten die Menschen wissen, was an der Front tatsächlich geschah, ob Hoffnung bestand, dass sich die Soldaten während des Weihnachtsfests von den schweren Gefechten erholen können würden. Nicht verboten waren die deutschen Wunschkonzerte des Deutschlandsenders. Die hörten wir auch. Frontsoldaten konnten Grüße mit ihren Lieben in der Heimat austauschen und ihre Siegeszuversicht zum Ausdruck bringen. Besonders am Heiligen Abend war diese Radiosendung hoch emotional. Das Schicksal der Soldaten berührte mich. Schließlich hatte auch ich in der Schule und im Jungvolk kleine Frontpakete mit Plätzchen, Stollen und Süßigkeiten, selbstgestrickten Handschuhen und Weihnachtsschmuck gepackt. Einige der Absender dieser Weihnachtspakete wurden während der Sendung namentlich genannt. Ich lauschte gespannt, ob auch mein Name fallen würde, aber ich wurde enttäuscht.

Damals war im Jungvolk und in der Schule das Wort "Christbaum" verpönt. Er wurde schlicht "Tannen-" oder "Weihnachtsbaum" genannt. Das passte zu der allgemein antireligiösen Stimmung damals. In der Schule hatte es einmal geheißen, das Weihnachtsfest beruhe auf falschen historischen Annahmen, nur das Julfest zur Wintersonnenwende am 25. Dezember entspreche unserem germanischen Erbe. Aber so einfach ließ sich das Weihnachtsfest nicht durch vorchristliche Bräuche ersetzen. Die Menschen hingen an ihrem Fest und dessen Bedeutung. "Christbaum" übrigens bezeichnete damals im Volksmund auch etwas ganz und gar Unweihnachtliches: die Leuchtmarkierungen nämlich, die die Alliierten in den Himmel setzten, um die Bomber zu ihrem Abwurfsort zu leiten. Nachts hörten wir das Einschlagen der Bomben in den großen, viele Kilometer entfernten Städten und sahen den Widerschein des Feuers am Horizont.

Kerzen aus der eigenen Gießerei

In den vorangegangenen Kriegsjahren hatten wir die Entbehrungen noch nicht so stark zu spüren bekommen wie bei den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest 1944. Im Rückblick ist mir bewusst geworden, dass unsere relativ gute Versorgung mit der Ausbeutung der besetzten und überfallenen Gebiete zu erklären ist. Versorgungsgüter erreichten uns vor allen Dingen von dort. Im Winter 1944 war davon nichts mehr zu spüren. Es fehlte an allem. Es wurde reichlich getrickst. Schon Mitte des Jahres begannen wir mit der Bevorratung für Weihnachten. Für den traditionellen Christstollen wurden schon ab Mai Lebensmittelmarken für Mehl, Butter und Zucker aufgespart. Für die übrigen Zutaten mussten Notlösungen herhalten. Ich weiß noch, dass anstelle von Mandeln das Innere von Pflaumenkernen und für Rosinen getrocknete Pflaumen oder Ähnliches herhalten mussten.

Trotz des Mangels konnten gerade wir auf dem Land uns glücklich schätzen. Wir hatten aus eigener Zucht und Mast immerhin eine Gans für den traditionellen Braten behalten dürfen, während die übrigen Gänse abgeliefert werden mussten. Außerdem besaßen wir Kaninchen. Zu jener Zeit waren diese Tiere der wichtigste zusätzliche Fleischlieferant, und sie ergaben einen ordentlichen Festtagsschmaus. Auch ein Christbaum durfte in Familien mit Kindern nicht fehlen. Glaskugeln und Lametta, die aus der Vorkriegszeit stammten, konnten alle Jahre wieder verwendet werden. Nur Baumkerzen gab es kaum. Denn Wachskerzen wurden für die Notbeleuchtung während der Stromsperren gebraucht. Ihr Abbrennen am Weihnachtsbaum galt deshalb als Verschwendung.

Baumkerzen mussten also selbst hergestellt werden. Woher das Wachs kam, weiß ich nicht. An die Herstellung aber kann ich mich erinnern: Wir bastelten Formen aus Blech, die wir mit dem erhitzten Wachs zunächst bis zur Hälfte füllten, legten dann einen Wollfaden ein und gossen die Form voll. Schwierigkeiten gab es immer dann, wenn wir nicht den richtigen Faden auswählten. Dieser verkohlte dann, ohne dass die gewünschte Kerzenflamme entstand.

Pragmatische Geschenke im Dunkeln

Das Weihnachtsfest 1944 war wahrlich kein Fest des Lichtes. Durch die angeordnete Verdunkelung war außerhalb der Wohnungen alles in Finsternis getaucht. Auch in den Häusern musste man vorsichtig sein. Das drückte auf die Stimmung. Geschenkt wurden damals hauptsächlich nützliche Dinge, Bekleidung und Gebrauchsgegenstände. Ich hatte mir ein Paar Skier gewünscht, denn meine alten waren nach einem Sturz nicht mehr zu gebrauchen. Aber Schneeschuhe waren große Mangelware, denn sie mussten an die Wehrmacht abgegeben werden, damit die Soldaten, besonders in der schneereichen Sowjetunion, beweglich waren.

Also bekam ich ein Paar gebrauchte Bretter. Sie waren 2,1 Meter lang, sehr breit und schwer und hatten eine Riemenbindung, die ich immer nur mit Mühe am Schuhwerk befestigen konnte. Besonders die Metallteile, die zum Arretieren der Schuhe dienten und die auf den Holzbrettern festgeschraubt wurden, lösten sich immer wieder. Das Holz war vom vielen Aufschrauben morsch und spröde geworden. Trotzdem war ich glücklich, auch wenn das Schneeschuhfahren mit diesen Ungetümen sehr beschwerlich war.

Veröffentlichung am 02.12.2009

Walter Ulbricht im Nachthemd

Diesen Blick auf die Vorderfront vom Club der Volkssolidarität in Erfurt hatten wir von unseren Wohnzimmerfenstern aus. Es war eine Entfernung von ungefähr 30m. Als Walter Ulbricht 1965 während des Manövers „Oktobersturm“ in diesem Haus übernachtete, waren die Vorhänge hinter der Fensterfront nicht zugezogen. In den Zimmern brannte Licht und wir konnten beobachten wie er sich zu Bett begab. Fotos davon getrauten wir uns damals nicht zu machen, dazu stand uns auch kein geeigneter Fotoapparat zur Verfügung.

Diktator im Nachthemd
Auch mächtige Männer haben menschliche Seiten: Als DDR-Staatschef Walter Ulbricht 1965 für wenige Tage in Erfurt Quartier bezog, bekam Ernst Woll einen prominenten Nachbarn. Die Familie behielt den spitzbärtigen Mann im Visier - bis sie ihn in einem intimen Moment erwischte.

 


Herrscher werden besungen und geehrt. Offene Kritik dagegen kann ihre Untertanen Kopf und Kragen kosten. Für die Partei und Staatsführung der DDR galt Ähnliches. Wer zufällig das wenig schmückende Allzumenschliche der Regenten zu Gesicht bekam, tat gut daran, den Mund zu halten, es hätte die wohl kalkulierte Inszenierung seiner Machtfülle in Frage stellen können. Das skurrile Erlebnis, das meine Familie 1965 mit dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht hatte, wurde deswegen gut unter Verschluss gehalten und nur im engsten Familienkreis und unter vorgehaltener Hand weitererzählt. Es tat zu gut, sich über die Mächtigen lustig zu machen, als dass man es mit der Vorsicht allzu genau genommen hätte.

Gegenüber von unserem Haus in Erfurt befand sich in einer sehr hübschen Villa ein sogenannter Club der Volkssolidarität. Dabei handelte es sich um das Veranstaltungszentrum eines in der DDR aktiven Sozialverbands. Eine engagierte Leiterin organisierte dort kulturelle und sportliche Veranstaltungen für Senioren. Außerdem nahmen viele ältere Menschen den preiswerten Mittagstisch und Freizeitangebote in Anspruch. Eines Tages im Oktober 1965 sahen wir, dass man die Senioren von der Haustür abwies. Stattdessen wurden neue Möbel in die Villa getragen und die Außenanlagen sowie die Fassade renoviert.

Durch Flüsterpropaganda erfuhren wir bald, dass der berüchtigte Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht während des großen Truppenmanövers "Oktobersturm" in dem Clubhaus Generäle und Staatsgäste aus der DDR, Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion empfangen wollte und dort übernachten würde. Das große Militärereignis, das vom 16. bis zum 22. Oktober 1965 im Südwesten der DDR stattfinden sollte, war öffentlich angekündigt worden. Bald also sollten wir die Mächtigsten der Mächtigen als Nachbarn haben.

Verlockender Beobachtungsposten

Das mehrtägige Manöver hatte bereits seit ein paar Tagen begonnen, als ich eines Vormittags bei meiner Heimkehr mit dem Pkw an einer Polizeisperre halten musste. Meine Ausweispapiere wurden eingehend kontrolliert. Anschließend bedeutete man mir, dass ich berechtigt sei, zu passieren und in meine Garage zu fahren. Wenig später wurde unsere Straße für den Durchgangsverkehr komplett gesperrt. Zwei auffällig unauffällige Männer postierten sich vor unserem Hauseingang. Wir ahnten, dass sich der hochrangige Walter Ulbricht ankündigte. Am Nachmittag versammelten sich die Anwohner auf der Straße vor unserem Haus. Schließlich gesellten auch wir uns dazu.

Es wurde bereits dunkel, als wir die Lichter eines herankommenden Autos sahen. Die Kinder riefen: "Jetzt kommt Walter Ulbricht! Jetzt kommt er!" Aber Fehlanzeige. Einem Bewohner unseres Hauses war lediglich gestattet worden, mit seinem Wagen in die Garage zu fahren. Aber nach einiger Zeit fuhr dann doch eine Staatskarosse vor. Die Insassen stiegen aus und verschwanden so schnell im Haus, dass wir sie nicht erkennen konnten. Einige meinten, Ulbricht an seinem unverwechselbaren Spitzbart erkannt zu haben. Weitere Limousinen mit Militär-, Partei- und Staatsfunktionären rollten an, stiegen aus und gingen ins Haus.

Unsere Kinder hatten unter den ins Clubhaus eilenden Personen besonders einen sehr dicken sowjetischen General bestaunt, der auf der gesamten Brust bis zur Mitte des Bauches unheimlich viele Orden trug. Darüber machten sie sich heimlich lustig. Als das Schauspiel zu Ende war, verließen alle nach und nach den Schauplatz und gingen zurück in ihre Häuser.

Von unserem Wohnzimmer aus hatten wir gute Sicht zum Clubhaus. Wir schalteten das Licht aus, um von draußen nicht gesehen zu werden. Wir sahen, wie Ulbricht im Garten seines Quartiers spazieren ging. In geringem Abstand folgten ihm zwei Leibwächter. Meine Familie stimmte mir zu, dass es nicht erstrebenswert sei, so zu leben. Ich wurde etwas unruhig und befürchtete, dass die Bewachungskräfte uns trotz der Dunkelheit ausmachen könnten. Aber meine Kinder, meine Frau und meine Mutter wollten ihren Beobachtungsposten nicht verlassen. Es war einfach zu verlockend.

"Walter Ulbricht, komm mal raus!"

Die Kinder protestierten lautstark, als sie ins Bett sollten, und als endlich wieder Ruhe war, observierten wir Erwachsenen das Haus alleine weiter. Gegen 23 Uhr geschah das Unerwartete: In den Zimmern der ersten Etage des Hauses ging das Licht an. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Man konnte ins Schlafzimmer sehen, in dem sich der Staatsratsvorsitzende für seine Nachtruhe fertig machte.

Meine Frau und meine Mutter waren der Ansicht, das Nachthemd, in dem Walter Ulbricht zu Bett gegangen sei, habe altmodisch ausgesehen. Was für ein Ereignis! Wir hätten es festhalten wollen, aber trauten uns nicht, das Ereignis zu fotografieren. Nach 15 Minuten erlosch das Licht im gegenüberliegenden Haus wieder. Unsere Aufregung legte sich und die Beobachtungsposten wurden verlassen. In der Folge wurden die Vorhänge zugezogen.

Am nächsten Tag gegen neun Uhr kam eine Gruppe Kinder aus dem Kindergarten der Nachbarschaft ans Gartentor der Villa. Sie riefen im Chor: "Walter Ulbricht, komm mal raus!" Er kam tatsächlich und sagte in seiner typischen näselnden Stimme etwas, was wir nicht verstanden. Wir sahen aber, dass die Kinder Bonbons von ihm bekamen.

Der dreitägige Aufenthalt des bekanntesten und äußerst umstrittenen Mannes der DDR hatte für uns übrigens eine wertvolle Vergünstigung zur Folge: Unser Fernseher war kaputt gegangen. Wir mussten nicht, wie sonst damals üblich, viele Tage auf den Monteur warten. Der Techniker gab zu, erfahren zu haben, dass von unseren Fenstern aus Interessantes zu beobachten sei. Während der Reparaturarbeiten, die er absichtlich in die Länge zog, postierte er sich am Fenster, um im gegenüberliegenden Haus und Garten alles beobachten zu können. Die zusätzliche Zeit, die er bei uns zubrachte, stellte er uns nicht in Rechnung. Ich kann mich nicht erinnern, ob er Aufregendes zu Gesicht bekam. Wahrscheinlich war ihm allein die Möglichkeit Unterhaltung genug.

Veröffentlicht 20.10.2009

 

 

Die Vergangenheit, die nicht sein durfte

Vom Fähnleinführer zum Antifaschisten: Nachdem der Krieg zu Ende war, wurde Ernst Woll 1947 Mitglied der Antifaschistischen Jugend, wo er wegen seiner führenden Funktion im Deutschen Jungvolk umerzogen werden sollte. Ein Aufsatz brachte ihn in Erklärungsnöte.

 


Ende der dreißiger Jahre träumte ich davon, Verwalter eines großen deutschen Ritterguts in der Ukraine oder in Russland zu werden. Ich malte mir aus, wie schön es wäre, wenn ich als Inspektor über die Felder reiten und Befehle erteilen würde. Hitlers Osterweiterungspolitik, so wie ich sie als Kind begriff, war ganz in meinem Sinn. Ich ahnte nichts von dem Leid, das die Deutschen in die besetzten Länder brachten.

Im Deutschen Jungvolk war ich in den letzten Kriegsmonaten zum Fähnleinführer befördert worden. Ich war zwar selber erst 14 Jahre alt, trotzdem befehligte ich 80 zehn- bis vierzehnjährige Jungen. So hoch in der Rangfolge hatte ich nur deshalb steigen können, weil die älteren Jungen bereits Soldaten oder Flakhelfer geworden waren. Es herrschte sogenannter Führermangel im Deutschen Jungvolk.

Schon zwei Jahre später war ich in der sowjetischen Besatzungszone Mitglied in der 1945 gegründeten Antifaschistischen Jugendorganisation. Uns war gesellschaftspolitische Rehabilitierung durch Umerziehung versprochen worden. Eine Chance, die ich sofort ergriff. Dass die Angst, wegen meiner Vergangenheit möglicherweise Repressalien ausgesetzt zu sein, als Motiv für meine Mitgliedschaft eine große Rolle gespielt hatte, erwähnte ich in einem Aufsatz, den wir eines Tages in der Schule schreiben sollten, nicht.

Ein Nein zur eigenen Vergangenheit

"Welche Erwartungen stelle ich an mein zukünftiges Leben?" lautete das Thema. Zwar waren wir in einem Alter, in dem wir die gesellschaftlichen und historischen Umbrüche, die sich in unseren Biographien vollzogen, langsam zu verstehen imstande waren. Aber ich bin mir sicher, dass ich damals noch nicht in der Lage war zu formulieren, dass ich dankbar sein musste, zu jung gewesen zu sein, um an den Eroberungsfeldzügen der deutschen Armee teilzunehmen. Angesichts der mangelnden Fähigkeit zur kritischen Selbsteinschätzung im Hinblick auf die eigene Vergangenheit war es jedoch schwierig, sich ein Bild über die eigene Zukunft zu machen.

In der Regel schrieben und sagten wir damals das, wovon wir glaubten, dass es die die Lehrer und das neue politische System von uns hören wollten. Dazu gehörte, dass wir die Schule mit guten Ergebnissen abschließen und einen erstrebenswerten Beruf ergreifen wollten. Weil ich den Krieg hautnah erlebt hatte, konnte ich auch aus vollster Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass vom deutschen Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe. Die deutliche Ablehnung der eigenen Vergangenheit schien die Voraussetzung zu sein, um an der Gegenwart und der Zukunft teilzuhaben. Ob aus Einsicht oder nicht, war egal.

Damals waren mir die neuen kommunistischen Losungen noch fremd. Sie widersprachen dem, was ich jahrelang zuvor gelernt hatte. Aber meine Zweifel und Fragen traute ich mich nicht auszusprechen. Der Widerspruch zwischen dem, was ich sagte und dem, was ich dachte, quälte mich. Und in all diesem Durcheinander sollte ich zu allem Überfluss auch noch wissen, wie ich mir mein zukünftiges Leben vorstellte. Ich kaute verbissen an meinem Bleistift. Meine einstigen Zukunftsträume waren verfänglich geworden. Also verschwieg ich sie. Stattdessen nannte ich als Studienwunsch Landwirtschaftskunde.

Angst vor Repressalien

In politischen Fragen war ich damals unsicher und ahnungslos. Ich befürchtete sogar Konsequenzen aus meiner aktiven Mitarbeit im Jungvolk. Deswegen schrieb ich lieber über meine Gründungsmitgliedschaft in der 1946 ins Leben gerufenen FDJ und welche Rolle sie in meinem weiteren Leben spielen könnte. Ich versprach mir davon eine gute Beurteilung meines Aufsatzes. Wie man mit einem so schnellen Wechsel von einer nazistischen in eine sozialistische Jugendorganisation umging, spielte in meinem Aufsatz keine Rolle. Stattdessen bekannte ich mich zur Mitwirkung am Aufbau eines friedliebenden, antifaschistischen Deutschlands. Diesen Widerspruch musste ich mit mir selbst abmachen. Über Anpassungszwänge redete man nicht, auch nicht über die ideologische Verwirrung, mit der man sich trug.

Später erfuhr ich, dass das Jungvolk, dem ich während des "Dritten Reichs" angehört hatte, von den Machthabern nicht als faschistische Organisation eingestuft wurde. Auch Mitgliedschaften und Funktionen in der Hitlerjugend blieben für Jugendliche bis 19 Jahren nach einem Rehabilitierungsgesetz straffrei. Hierüber erhielt ich sogar im Februar 1948 eine amtliche Bescheinigung vom sogenannten Antifa-Block meiner Heimatstadt.

Trotz der Widersprüche, der verleugneten Vergangenheit und dem zeitweiligen Gefühl der Unaufrichtigkeit, nahm ich damals alles Neue begierig auf: Die neue Gesellschaftsordnung, die Gedanken zur Demokratie sowie die sowjetische Kultur und Literatur: Nachdem ein sowjetischer Kulturoffizier in unserer Schule einen Vortrag über Sowjetliteratur gehalten hatte, begann ich eifrig, Puschkin und Gorki zu lesen.

Diesen positiven Erfahrungen einer fremden Kultur, über die ich sprechen durfte, ja sogar sollte, standen jedoch die zahllosen negativen Erfahrungen des Besatzungsalltags entgegen. Über sie musste ich schweigen. Erst recht in meinem Aufsatz, den ich mit dem Wunsch nach der Einheit Deutschlands abschloss. Immerhin wurde diese damals auch im Osten des Landes lautstark propagiert. Natürlich unter den eigenen politischen Vorzeichen.

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht 18.09.2009

"Was ist so schrecklich an einem Krieg?"

Er wünschte sich nichts sehnlicher, als rasch zu wachsen und Soldat zu sein: Bei Ausbruch des Zweiten Krieges war Ernst Woll sieben Jahre alt. Warum seine Eltern ihn aus dem Zimmer schickten, wenn sie über Politik sprachen, verstand er nicht. Zunächst jedenfalls.

 

 

Ab 1937 besaßen meine Eltern einen modernen Radioapparat. Bis der Krieg begann, war er das einzige Gerät dieser Art in unserer Nachbarschaft. Wichtige Sendungen, vor allem die Reden von Adolf Hitler, hörten wir gemeinsam in unserer Wohnstube an. Zu diesen Anlässen versammelten sich bei uns regelmäßig um die 15 Männer und Frauen, allesamt Eigentümer kleiner Bauernwirtschaften der näheren Umgebung.

1938 war ich sieben Jahre alt. Ich erinnere mich daran, dass die Erwachsenen während der Rundfunkstunden immer vom Krieg sprachen. Vom Krieg, der nicht mehr fern sei. Sie stellten Vergleiche zum Ersten Weltkrieg an, und sie waren der Überzeugung, dass ein neuer Krieg furchtbar werden würde. Uns Kinder beeindruckte eher die schnarrende, laute, ja manchmal sich überschlagende Stimme Hitlers, und ich kann mich daran erinnern, bei den Gesprächen herausgehört zu haben, dass die Erwachsenen den Friedensbeteuerungen des Führers misstrauten.

Meine Sicht auf die Dinge war eine andere. Ich fragte: "Warum soll ein Krieg etwas Schreckliches sein? Deutschland siegt und wird ein großes Reich, in das wir alle Deutschen, die jetzt noch im Ausland leben müssen, zurückholen." So oder ähnlich hatte ich es in der Schule vom Lehrer gehört und begeistert aufgenommen.

Böses Vorzeichen

Auf tiefgründige Gespräche mit uns ließen sich die Erwachsenen damals nicht ein. Häufig wurden wir, wenn es um Politik ging, sogar aus dem Zimmer geschickt. Den Grund dafür verstand ich erst später: Unsere Eltern hatten Angst davor, dass wir Äußerungen, die nicht im Sinne des Naziregimes waren, an ungeeigneter Stelle ausplauderten.

Auf meine Frage nach den Schrecken des Krieges erhielt ich also nur eine vage Antwort: "Hoffentlich bleibt es dir erspart, Soldat werden zu müssen." Aber auch das wollte ich nicht verstehen und nahm lieber so manche Gelegenheit wahr, heimlich zu lauschen, wenn sich Erwachsene über den bald zu erwartenden Krieg unterhielten.

In dieser Vorkriegszeit sahen wir ein Nordpolarlicht. In Deutschland kann man dieses Phänomen nur selten beobachten. Das Naturschauspiel - ein großflächig, rot-grün streifig verfärbter Himmel - beeindruckte mich damals ungemein. Die älteren Leute und auch meine Großeltern sagten: "Das ist ein böses Vorzeichen und bedeutet Krieg." Diesmal traf ihre abergläubische Prophezeiung sogar ein.


 

schnell größer werden

An den 1. September 1939 erinnere ich mich noch sehr gut. Meine Eltern gingen auch in diesem Jahr mit mir zum Schützenfest, das wir Vogelschießen nannten. Es fand traditionell in jedem Jahr am letzten Wochenende im August statt. Ein mit meinem Vater gut bekannter Angestellter der Stadtverwaltung schaute aus dem Fenster seines Hauses, als wir auf dem Weg zum Festplatz waren, und rief: "Esst euch nur noch mal richtig an Rostbratwürsten satt, denn morgen geben wir Lebensmittelkarten aus!"

Alles war für den Kriegsbeginn vorbereitet worden. Am Montag wurden die Marken an die Familien ausgeteilt. Meine Eltern kannten diese Gepflogenheiten schon vom Ersten Weltkrieg, und mein Vater sagte: "Jetzt ist der Krieg nicht mehr aufzuhalten. Der wird schlimmer als wir ahnen." Ich war anderer Meinung. Bedingungslos glaubte ich damals die offizielle Propaganda, die Polen hätten durch ihren Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz das Fass zum Überlaufen gebracht. Deutschland hatte meiner kindlichen Ansicht nach keine andere Wahl, als in das Nachbarland einzumarschieren. Ich wollte schnell größer werden, um Soldat werden zu können.

Als 14-Jähriger, nach vielen entbehrungsreichen Jahren des Krieges, wurde ich in den letzten Kriegswochen noch tauglich gemustert und durfte mich freiwillig zum Kriegsdienst melden. Meine Mutter verhinderte mein Einrücken. Heute bin ich ihr dafür dankbar. Damals - welch Widersinn! - schmollte ich.

Ausgewählte Bilder zu den Beiträgen

Schlachtfest
Schlachtfest
Schlachthof Verbindungshalle
Schlachthof Verbindungshalle
Haltepunkt Hohenleuben
Haltepunkt Hohenleuben

Veröffentlicht 31.082009

Weltfestspiele in der DDR

Abenteuer außer Reih und Glied

Das kommunistische Großereignis hieß "Weltfestspiele", doch der Aktionsradius seiner Teilnehmer war lokal eng begrenzt. Eigentlich. Ernst Woll fuhr im August 1951 trotzdem gern in die Hauptstadt der DDR. Denn zusammen mit Kommilitonen und Freundin plante er weit mehr, als nur den Besuch zäher Pflichtveranstaltungen.

Veröffentlicht 31.08.09

Abenteuer außer Reih und Glied

Das kommunistische Großereignis hieß "Weltfestspiele", doch der Aktionsradius seiner Teilnehmer war lokal eng begrenzt. Eigentlich. Ernst Woll fuhr im August 1951 trotzdem gern in die Hauptstadt der DDR. Denn zusammen mit Kommilitonen und Freundin plante er weit mehr, als nur den Besuch zäher Pflichtveranstaltungen.

Die nationalsozialistischen Massenveranstaltungen waren uns Studenten noch gut in Erinnerung, als 1951 die 3. Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin stattfanden. Es handelte sich um eine typische kommunistische Großveranstaltung, bei der die Verbundenheit zur Partei- und Staatsführung bekundet werden sollte, und an der wir pflichtgemäß teilnahmen. Trotz der mit propagandistischem Pomp ins Werk gesetzten Ideologie waren die Weltfestspiele auch ein Ort der Begegnung zwischen Ost und West. Denn auch aus nicht-kommunistischen Ländern waren viele junge Menschen angereist, teilweise unter erschwerten Bedingungen, weil ihre Heimatländer die Ausreise zu der Großveranstaltung des politischen Feindes hatten verhindern wollen.

Sechs Jahre zuvor waren wir noch disziplinierte Hitlerjungen gewesen, die sich von den nationalsozialistischen Massenveranstaltungen hatten mitreißen lassen. Nach dem Kriegsende und nach allem, was wir gelernt hatten über die Geschehnisse während des Krieges, lagen die Dinge schon etwas anders: Wir hatten entdeckt, dass wir einen eigenen Kopf hatten. Wir waren älter geworden, kritischer. Trotzdem führten Pflicht und Freiwilligkeit sowie Angepasstheit und der Wille zum Regelbruch unser Denken seinerzeit immer wieder in verwirrende und widersprüchliche Bahnen. Sie waren so widersprüchlich wie unsere jungen Biographien. Als ehemalige Pimpfe reichten wir nun auf unserer abenteuerlichen Pflichtfahrt unseren kommunistischen Brüdern und Schwestern die Hand. Die verheißungsvolle Großstadt rief nach uns - und wir hatten uns fest vorgenommen, auch einen verbotenen Blick in ihren Westteil zu wagen.

Wir wurden in Güterwaggons nach Berlin transportiert und übernachteten in Massenquartieren. Trotz des politischen Anlasses kreisten unsere Gespräche selten um politische Themen. Wir lernten uns kennen, indem wir uns über Schule, Studium und Freundschaften austauschten. Wir erzählten Witze und Geschichten, lachten viel und spielten bei jeder Gelegenheit mit großer Leidenschaft Skat. Den organisatorischen Aufgaben, die wir zu erfüllen hatte, kamen wir pflichtschuldig nach, und wir freuten uns darüber, wenn wir gelegentlich eine zähe Pflichtveranstaltung aus diesem Grund nicht besuchen mussten.

In jeder Jugendgruppe fungierte ein älterer aktiver SED-Genosse als leitende Aufsicht. Wirklich unter Kontrolle hatten sie uns allerdings nur, wenn wir in unserer Bleibe waren. Sie ermahnten uns immer wieder, nicht nach Westberlin zu gehen. Eine bemerkenswerte Aufforderung, vor allen Dingen in Anbetracht der Tatsache, dass wir den Tabak unseres Aufpassers dem Geruch nach eindeutig als Westtabak identifizieren konnten. Wir sprachen ihn darauf an, und er konnte nicht leugnen, selbst in den Westsektoren gewesen zu sein. Er habe agitatorische Aufgaben zu erfüllen gehabt, lautete seine wenig glaubhafte Ausrede. Außerdem müsse er auch selbst einmal die Westerzeugnisse probieren, um mitreden zu können.

Jetzt erst recht, dachten wir.

Die Studenten unserer Seminargruppe hatten erreicht, dass wir unsere Freundinnen in unserer Delegation mitnehmen durften. Für die Mädchen hatte ein gewiefter Kommilitone eine der raren und Funktionären vorbehaltenen Privatunterkünfte mit richtigen Betten organisiert. Wann immer wir konnten, legten wir die FDJ-Kleidung ab - und spazierten wie Touristen durch die Straßen, natürlich in Begleitung der Damen unseres Herzen.

Obwohl der Grenzübergang problemlos vonstatten ging, waren wir ängstlich. Wir liefen Gefahr, gesehen und angeschwärzt zu werden. Man hatte uns bereits negative Folgen für unser Studium angedroht, sollten wir einen Blick hinter den Eisernen Vorhang wagen. Wir trösteten uns damit, wie unwahrscheinlich es war, dass man uns erkannte und verpfiff. Hätte man die vielen FDJ-Mitglieder, die sich damals inkognito in den Westen aufmachten, am Weiterstudieren gehindert, wären wohl so einige Seminare leer geblieben. Für alle Fälle aber hatten wir vorgesorgt: Im Bedarfsfall würden wir uns gegenseitig Alibis geben.

Die Wechselkurse in Westberlin waren von Ort zu Ort unterschiedlich und schwankten sogar im Laufe eines Tages. Wir hatten Glück und tauschten eins zu vier. Ich als Student und meine Angebetete als Schülerin konnten dennoch keine großen Sprünge machen: Als Souvenir leistete sich meine Freundin eine große Dose Kondensmilch und ich mir eine Tüte Lakritz. Nach 1945 gab es meine Lieblingsleckerei im Osten nämlich nicht mehr.

Allein dieser bescheidenen Dinge wegen hatte sich unser verbotener Ausflug nach Westberlin und unsere Teilnahme an den Weltfestspielen gelohnt! Am Ende stimmten wir - ganz wie man es von uns erwartete - in die Festivalhymne mit ein: "Im August, im August blüh'n die Rosen. Im August, im August in Berlin..."

Veröffentlicht 17.08.2009

Mein Retter, der Volkspolizist

Überraschendes Wiedersehen nach Schulschluss: Sein bestandenes Abitur krönte der junge Ernst Woll 1951 mit einem illegalen Urlaubstrip in den Westen. Unbehelligt passierte er die grüne Grenze, und ebenso unbehelligt kehrte er in die DDR zurück. Doch als er sich schon in Sicherheit wähnte, schnappte die Falle der Staatsmacht zu.

Mit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein fast unüberwindbarer Graben zwischen Ost und West aufgetan. Die Versorgungslage und der Lebensstandard verbesserten sich im Westen deutlich schneller als bei uns im Osten, wo ich und viele andere Menschen nach den Entbehrungen der vorangegangenen Jahre nicht von der offiziellen Haltung überzeugt waren, dass harte Arbeit und weiterer Verzicht beizeiten zu unser aller sozialistischem Wohlstand führen würden. Wir wollten die Früchte unseres Fleißes sofort ernten.

In den Nachkriegsjahren und nach der Gründung der DDR gehörte es deshalb für viele Ostdeutsche dazu, einmal in der verheißungsvollen Westzone beziehungsweise in der Bundesrepublik gewesen zu sein. Auch mir bot sich hierzu im Sommer 1950 die Gelegenheit. Ich hatte nach dem Abitur Ferien, und mein Cousin aus dem Saarland lud mich zu einem Urlaubsaufenthalt ein, während dem ich auch für einige Tage in seinem Betrieb arbeiten konnte. Die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik war damals zwar streng bewacht, aber noch gab es überall Schlupflöcher. Das riskante Abenteuer war beschlossene Sache.

In jenem Sommer hatte meine zehn Jahre ältere Cousine beschlossen, in die Bundesrepublik überzusiedeln. Wir entschieden uns für einen gemeinsamen illegalen Grenzübertritt. In einem großen Waldgebiet in der Gegend um Heiligenstadt und Duderstadt bestanden gute Möglichkeiten. Wir hatten eine Wanderkarte, auf der noch das Grenzgebiet zur Bundesrepublik eingezeichnet war. In allen später in der DDR gedruckten Karten war an der Westgrenze für uns die Welt zu Ende.

Fallensteller

Trotz fehlender Wegweiser fanden wir uns in dem Waldstück gut zurecht. Hin und wieder sahen wir vom Waldrand aus in großer Entfernung patrouillierende Wachposten. Die Atmosphäre war sehr angespannt, jedes Geräusch veranlasste uns dazu, uns in Gebüschen, hinter Bäumen oder in Erdsenken zu verstecken. Mit etwas Glück schafften wir schließlich unentdeckt den Grenzübergang und waren froh, keinen sogenannten Grenzführer angeheuert zu haben. Wir hatten gehört, dass diese nach dem Kassieren ihrer nicht niedrigen Prämien die gutgläubigen Menschen nicht selten an die Grenzposten auslieferten, vermutlich deshalb, weil sie für ihren Verrat auch noch belohnt wurden.

Bei meiner Heimreise wählte ich als Grenzübergang in die DDR das gleiche Waldstück. Nachdem wieder alles geglückt war, wartete ich an einer Dorfbushaltestelle auf eine Möglichkeit zur Weiterfahrt. Um nicht aufzufallen, stieg ich in den ersten vorbeikommenden Bus. Meine Frage, ob der Bus nach Heiligenstadt fahre, wurde von Mitfahrenden mit einem knappen "Ja" beantwortet. Als wir stattdessen wieder zurück zur DDR-Grenzstation fuhren, staunte ich nicht schlecht. Ich war in die Falle gegangen und kam in eine strenge Kontrolle.

Die vielen Westwaren in meinem Rucksack waren der Beweis dafür, dass ich illegal über die Grenze gekommen war. Ich hatte Kaffee, Schokolade und andere Dinge mitgebracht, die in der DDR nur noch Mangelware waren. Das während meiner Fabrikarbeit verdiente Geld hatte ich zum Glück bereits ausgegeben. Man hätte es mir ansonsten weggenommen. Verhaftet wurde ich aber auch ohne die Währung des Klassenfeindes im Gepäck. In einem Raum mit vergitterten Fenstern wartete ich zusammen mit zehn anderen Männern und Frauen auf das Verhör. Wer austreten musste, wurde von einem bewaffneten Volkspolizisten zum Plumpsklo auf den Hof begleitet.

Belastendes Material

Während wir warteten, beschäftigte sich ein Mann damit, von etwa 500 Nylon-Damenstrümpfen, die in der DDR ein begehrtes Tauschobjekt waren, am Beinteil eine Masche aufzutrennen. Er bat uns, ihm zu helfen und sagte: "Wer mir das wegnimmt, soll auch keine Freude daran haben." Nach vier Stunden bangen Wartens wurde ich zur Vernehmung geführt. Ich staunte nicht schlecht, als ich erkannte, dass der Leutnant der Volkspolizei, der mich zum Verhör erwartete, bis zur 11. Klasse mein Schulkamerad gewesen war. Er zwinkerte mir zu, ließ sich aber nicht anmerken, dass er mich kannte.

Ich musste meinen Koffer und die Reisetasche auf den Tisch stellen, und er begann alles zu durchsuchen. Er raunte mir zu, so dass es wirklich niemand hören konnte: "Bist du verrückt, Westzeitschriften und Schriftgut mitzubringen, das kann böse ausgehen." Er wickelte einige meiner Mitbringsel aus und sagte laut "Sind Sie einverstanden, dass ich dieses Papier gleich wegwerfe?" Ich nickte und er nahm alle meine mitgebrachten Druckerzeugnisse und ließ sie zu meinem Glück diskret in einem Abfalleimer verschwinden. Nach Ausfertigung eines Protokolls, in dem nichts von den Zeitschriften stand, erhielt ich alle meine anderen Sachen mit dem Hinweis zurück, dass über das weitere Vorgehen noch entschieden würde.

Es war inzwischen Abend geworden und ich kam über Nacht in eine größere, ausbruchssichere Zelle. Auf einer den ganzen Raum ausfüllenden Holzpritsche musste ich zwischen anderen Männern und Frauen schlafen. Den primitiven Waschraum durften wir nur unter Aufsicht aufsuchen. Am nächsten Tag gegen Mittag wurde ich überraschenderweise entlassen. Ich erhielt keine Entlassungspapiere, sondern nur die mündliche Aufforderung zur nächsten Bushaltestelle zu gehen und nach Hause zu fahren. Ich war von den am Vortag festgenommenen Grenzgängern der erste, der gehen durfte. Ob mein Schulkamerad dabei seine Hände im Spiel hatte, weiß ich nicht. Ich habe ihn nie

 

Veröffentlicht am 02.12.2009

Walter Ulbricht im Nachthemd

Diktator im Nachthemd

Auch mächtige Männer haben menschliche Seiten: Als DDR-Staatschef Walter Ulbricht 1965 für wenige Tage in Erfurt Quartier bezog, bekam Ernst Woll einen prominenten Nachbarn. Die Familie behielt den spitzbärtigen Mann im Visier - bis sie ihn in einem intimen Moment erwischte.

 

      

Herrscher werden besungen und geehrt. Offene Kritik dagegen kann ihre Untertanen Kopf und Kragen kosten. Für die Partei und Staatsführung der DDR galt Ähnliches. Wer zufällig das wenig schmückende Allzumenschliche der Regenten zu Gesicht bekam, tat gut daran, den Mund zu halten, es hätte die wohl kalkulierte Inszenierung seiner Machtfülle in Frage stellen können. Das skurrile Erlebnis, das meine Familie 1965 mit dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht hatte, wurde deswegen gut unter Verschluss gehalten und nur im engsten Familienkreis und unter vorgehaltener Hand weitererzählt. Es tat zu gut, sich über die Mächtigen lustig zu machen, als dass man es mit der Vorsicht allzu genau genommen hätte.

Gegenüber von unserem Haus in Erfurt befand sich in einer sehr hübschen Villa ein sogenannter Club der Volkssolidarität. Dabei handelte es sich um das Veranstaltungszentrum eines in der DDR aktiven Sozialverbands. Eine engagierte Leiterin organisierte dort kulturelle und sportliche Veranstaltungen für Senioren. Außerdem nahmen viele ältere Menschen den preiswerten Mittagstisch und Freizeitangebote in Anspruch. Eines Tages im Oktober 1965 sahen wir, dass man die Senioren von der Haustür abwies. Stattdessen wurden neue Möbel in die Villa getragen und die Außenanlagen sowie die Fassade renoviert.

Durch Flüsterpropaganda erfuhren wir bald, dass der berüchtigte Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht während des großen Truppenmanövers "Oktobersturm" in dem Clubhaus Generäle und Staatsgäste aus der DDR, Polen, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion empfangen wollte und dort übernachten würde. Das große Militärereignis, das vom 16. bis zum 22. Oktober 1965 im Südwesten der DDR stattfinden sollte, war öffentlich angekündigt worden. Bald also sollten wir die Mächtigsten der Mächtigen als Nachbarn haben.

Verlockender Beobachtungsposten

Das mehrtägige Manöver hatte bereits seit ein paar Tagen begonnen, als ich eines Vormittags bei meiner Heimkehr mit dem Pkw an einer Polizeisperre halten musste. Meine Ausweispapiere wurden eingehend kontrolliert. Anschließend bedeutete man mir, dass ich berechtigt sei, zu passieren und in meine Garage zu fahren. Wenig später wurde unsere Straße für den Durchgangsverkehr komplett gesperrt. Zwei auffällig unauffällige Männer postierten sich vor unserem Hauseingang. Wir ahnten, dass sich der hochrangige Walter Ulbricht ankündigte. Am Nachmittag versammelten sich die Anwohner auf der Straße vor unserem Haus. Schließlich gesellten auch wir uns dazu.

Es wurde bereits dunkel, als wir die Lichter eines herankommenden Autos sahen. Die Kinder riefen: "Jetzt kommt Walter Ulbricht! Jetzt kommt er!" Aber Fehlanzeige. Einem Bewohner unseres Hauses war lediglich gestattet worden, mit seinem Wagen in die Garage zu fahren. Aber nach einiger Zeit fuhr dann doch eine Staatskarosse vor. Die Insassen stiegen aus und verschwanden so schnell im Haus, dass wir sie nicht erkennen konnten. Einige meinten, Ulbricht an seinem unverwechselbaren Spitzbart erkannt zu haben. Weitere Limousinen mit Militär-, Partei- und Staatsfunktionären rollten an, stiegen aus und gingen ins Haus.

Unsere Kinder hatten unter den ins Clubhaus eilenden Personen besonders einen sehr dicken sowjetischen General bestaunt, der auf der gesamten Brust bis zur Mitte des Bauches unheimlich viele Orden trug. Darüber machten sie sich heimlich lustig. Als das Schauspiel zu Ende war, verließen alle nach und nach den Schauplatz und gingen zurück in ihre Häuser.

Von unserem Wohnzimmer aus hatten wir gute Sicht zum Clubhaus. Wir schalteten das Licht aus, um von draußen nicht gesehen zu werden. Wir sahen, wie Ulbricht im Garten seines Quartiers spazieren ging. In geringem Abstand folgten ihm zwei Leibwächter. Meine Familie stimmte mir zu, dass es nicht erstrebenswert sei, so zu leben. Ich wurde etwas unruhig und befürchtete, dass die Bewachungskräfte uns trotz der Dunkelheit ausmachen könnten. Aber meine Kinder, meine Frau und meine Mutter wollten ihren Beobachtungsposten nicht verlassen. Es war einfach zu verlockend.

"Walter Ulbricht, komm mal raus!"

Die Kinder protestierten lautstark, als sie ins Bett sollten, und als endlich wieder Ruhe war, observierten wir Erwachsenen das Haus alleine weiter. Gegen 23 Uhr geschah das Unerwartete: In den Zimmern der ersten Etage des Hauses ging das Licht an. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Man konnte ins Schlafzimmer sehen, in dem sich der Staatsratsvorsitzende für seine Nachtruhe fertig machte.

Meine Frau und meine Mutter waren der Ansicht, das Nachthemd, in dem Walter Ulbricht zu Bett gegangen sei, habe altmodisch ausgesehen. Was für ein Ereignis! Wir hätten es festhalten wollen, aber trauten uns nicht, das Ereignis zu fotografieren. Nach 15 Minuten erlosch das Licht im gegenüberliegenden Haus wieder. Unsere Aufregung legte sich und die Beobachtungsposten wurden verlassen. In der Folge wurden die Vorhänge zugezogen.

Am nächsten Tag gegen neun Uhr kam eine Gruppe Kinder aus dem Kindergarten der Nachbarschaft ans Gartentor der Villa. Sie riefen im Chor: "Walter Ulbricht, komm mal raus!" Er kam tatsächlich und sagte in seiner typischen näselnden Stimme etwas, was wir nicht verstanden. Wir sahen aber, dass die Kinder Bonbons von ihm bekamen.

Der dreitägige Aufenthalt des bekanntesten und äußerst umstrittenen Mannes der DDR hatte für uns übrigens eine wertvolle Vergünstigung zur Folge: Unser Fernseher war kaputt gegangen. Wir mussten nicht, wie sonst damals üblich, viele Tage auf den Monteur warten. Der Techniker gab zu, erfahren zu haben, dass von unseren Fenstern aus Interessantes zu beobachten sei. Während der Reparaturarbeiten, die er absichtlich in die Länge zog, postierte er sich am Fenster, um im gegenüberliegenden Haus und Garten alles beobachten zu können. Die zusätzliche Zeit, die er bei uns zubrachte, stellte er uns nicht in Rechnung. Ich kann mich nicht erinnern, ob er Aufregendes zu Gesicht bekam. Wahrscheinlich war ihm allein die Möglichkeit Unterhaltung genug.

 

Veröffentlicht am 20.10.2009

Die Vergangenheit die nicht sein durfte

Politische Bescheinigung: Es gab auch ungeschriebene Befehle der Sowjetischen Militäradministration (SMAD). So wurde zum Beispiel inoffiziell das Deutsche Jungvolk nicht als faschistische Organisation eingestuft. Ernst Woll erhielt 1948 hierüber eine Bescheinigung vom Antifa-Block seines Heimatortes und die Bestätigung, dass er als Jugendlicher unter das Rehabilitierungsgesetz fiel.

Die Vergangenheit, die nicht sein durfte

Vom Fähnleinführer zum Antifaschisten: Nachdem der Krieg zu Ende war, wurde Ernst Woll 1947 Mitglied der Antifaschistischen Jugend, wo er wegen seiner führenden Funktion im Deutschen Jungvolk umerzogen werden sollte. Ein Aufsatz brachte ihn in Erklärungsnöte.

Ende der dreißiger Jahre träumte ich davon, Verwalter eines großen deutschen Ritterguts in der Ukraine oder in Russland zu werden. Ich malte mir aus, wie schön es wäre, wenn ich als Inspektor über die Felder reiten und Befehle erteilen würde. Hitlers Osterweiterungspolitik, so wie ich sie als Kind begriff, war ganz in meinem Sinn. Ich ahnte nichts von dem Leid, das die Deutschen in die besetzten Länder brachten.

Im Deutschen Jungvolk war ich in den letzten Kriegsmonaten zum Fähnleinführer befördert worden. Ich war zwar selber erst 14 Jahre alt, trotzdem befehligte ich 80 zehn- bis vierzehnjährige Jungen. So hoch in der Rangfolge hatte ich nur deshalb steigen können, weil die älteren Jungen bereits Soldaten oder Flakhelfer geworden waren. Es herrschte sogenannter Führermangel im Deutschen Jungvolk.

Schon zwei Jahre später war ich in der sowjetischen Besatzungszone Mitglied in der 1945 gegründeten Antifaschistischen Jugendorganisation. Uns war gesellschaftspolitische Rehabilitierung durch Umerziehung versprochen worden. Eine Chance, die ich sofort ergriff. Dass die Angst, wegen meiner Vergangenheit möglicherweise Repressalien ausgesetzt zu sein, als Motiv für meine Mitgliedschaft eine große Rolle gespielt hatte, erwähnte ich in einem Aufsatz, den wir eines Tages in der Schule schreiben sollten, nicht.

Ein Nein zur eigenen Vergangenheit

"Welche Erwartungen stelle ich an mein zukünftiges Leben?" lautete das Thema. Zwar waren wir in einem Alter, in dem wir die gesellschaftlichen und historischen Umbrüche, die sich in unseren Biographien vollzogen, langsam zu verstehen imstande waren. Aber ich bin mir sicher, dass ich damals noch nicht in der Lage war zu formulieren, dass ich dankbar sein musste, zu jung gewesen zu sein, um an den Eroberungsfeldzügen der deutschen Armee teilzunehmen. Angesichts der mangelnden Fähigkeit zur kritischen Selbsteinschätzung im Hinblick auf die eigene Vergangenheit war es jedoch schwierig, sich ein Bild über die eigene Zukunft zu machen.

In der Regel schrieben und sagten wir damals das, wovon wir glaubten, dass es die die Lehrer und das neue politische System von uns hören wollten. Dazu gehörte, dass wir die Schule mit guten Ergebnissen abschließen und einen erstrebenswerten Beruf ergreifen wollten. Weil ich den Krieg hautnah erlebt hatte, konnte ich auch aus vollster Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass vom deutschen Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe. Die deutliche Ablehnung der eigenen Vergangenheit schien die Voraussetzung zu sein, um an der Gegenwart und der Zukunft teilzuhaben. Ob aus Einsicht oder nicht, war egal.

Damals waren mir die neuen kommunistischen Losungen noch fremd. Sie widersprachen dem, was ich jahrelang zuvor gelernt hatte. Aber meine Zweifel und Fragen traute ich mich nicht auszusprechen. Der Widerspruch zwischen dem, was ich sagte und dem, was ich dachte, quälte mich. Und in all diesem Durcheinander sollte ich zu allem Überfluss auch noch wissen, wie ich mir mein zukünftiges Leben vorstellte. Ich kaute verbissen an meinem Bleistift. Meine einstigen Zukunftsträume waren verfänglich geworden. Also verschwieg ich sie. Stattdessen nannte ich als Studienwunsch Landwirtschaftskunde.

Angst vor Repressalien

In politischen Fragen war ich damals unsicher und ahnungslos. Ich befürchtete sogar Konsequenzen aus meiner aktiven Mitarbeit im Jungvolk. Deswegen schrieb ich lieber über meine Gründungsmitgliedschaft in der 1946 ins Leben gerufenen FDJ und welche Rolle sie in meinem weiteren Leben spielen könnte. Ich versprach mir davon eine gute Beurteilung meines Aufsatzes. Wie man mit einem so schnellen Wechsel von einer nazistischen in eine sozialistische Jugendorganisation umging, spielte in meinem Aufsatz keine Rolle. Stattdessen bekannte ich mich zur Mitwirkung am Aufbau eines friedliebenden, antifaschistischen Deutschlands. Diesen Widerspruch musste ich mit mir selbst abmachen. Über Anpassungszwänge redete man nicht, auch nicht über die ideologische Verwirrung, mit der man sich trug.

Später erfuhr ich, dass das Jungvolk, dem ich während des "Dritten Reichs" angehört hatte, von den Machthabern nicht als faschistische Organisation eingestuft wurde. Auch Mitgliedschaften und Funktionen in der Hitlerjugend blieben für Jugendliche bis 19 Jahren nach einem Rehabilitierungsgesetz straffrei. Hierüber erhielt ich sogar im Februar 1948 eine amtliche Bescheinigung vom sogenannten Antifa-Block meiner Heimatstadt.

Trotz der Widersprüche, der verleugneten Vergangenheit und dem zeitweiligen Gefühl der Unaufrichtigkeit, nahm ich damals alles Neue begierig auf: Die neue Gesellschaftsordnung, die Gedanken zur Demokratie sowie die sowjetische Kultur und Literatur: Nachdem ein sowjetischer Kulturoffizier in unserer Schule einen Vortrag über Sowjetliteratur gehalten hatte, begann ich eifrig, Puschkin und Gorki zu lesen.

Diesen positiven Erfahrungen einer fremden Kultur, über die ich sprechen durfte, ja sogar sollte, standen jedoch die zahllosen negativen Erfahrungen des Besatzungsalltags entgegen. Über sie musste ich schweigen. Erst recht in meinem Aufsatz, den ich mit dem Wunsch nach der Einheit Deutschlands abschloss. Immerhin wurde diese damals auch im Osten des Landes lautstark propagiert. Natürlich unter den eigenen politischen Vorzeichen

Veröffentlicht am 05.10.2009

Der schöne Schein

Entwertete Sparbücher, Butter zu astronomischen Preisen und Kaffee im Unterrock: Ernst Woll hat drei Währungsreformen erlebt - problematischer als die Umstellung selbst waren oftmals ihre wenig erfreulichen Folgen

Der schöne Schein

Entwertete Sparbücher, Butter zu astronomischen Preisen und Kaffee im Unterrock: Ernst Woll hat drei Währungsreformen erlebt – problematischer als die Umstellung selbst waren oftmals ihre wenig erfreulichen Folgen.

 

Die Währungsreform in der Sowjetischen Besatzungszone 1948 kam mir vor wie Diebstahl. Meine Eltern hatten nach meiner Geburt 1931 ein Sparbuch für mich angelegt und monatlich eingezahlt. Mit Zinsen und Zinseszinsen war es auf einige tausend Reichsmark angewachsen. Das Geld sollte für meine Ausbildung Verwendung finden. Nach der Währungsreform war von einem auf den anderen Tag kaum mehr etwas von dem Geld übrig.

Nach dem Krieg blieb die Reichsmark in Ost und West bis 1948 weiter Zahlungsmittel. Nachdem in den drei westlichen Besatzungszonen am 21. Juni 1948 die D-Mark eingeführten worden war, mussten die Sowjets handeln. Die alte Reichsmark war nämlich im Osten nach wie vor gültig und drohte nun die Sowjetische Besatzungszone zu überschwemmen. Alle noch in Umlauf befindlichen Scheine wurden dort also umgehend mit entsprechenden Kennzeichen markiert. Auch wir Oberschüler wurden an dieser Arbeit beteiligt. Nie wieder ist so viel Geld durch meine Hände gegangen.

Später durfte jede Person 70 markierte Reichsmark in einem Verhältnis von 1:1 in Ostmark umtauschen. Spareinlagen bis 100 Reichsmark wurden ebenfalls 1:1 getauscht, bis zu 1000 Reichsmark 1:5 und bis zu 5000 Reichsmark 1:10. Mein bescheidenes Sparbuchvermögen schrumpfte auf einen Bruchteil zusammen.

Schmuggeldienstleistungen

Die Kaufkraft der neuen Währung war gering, und die Schwarzmärkte blühten. Es wurde rege getauscht. Viele Menschen fuhren zum Einkauf illegal in den Westen, wo sie ihre Ostmark gegen Westmark tauschten. Ende 1948 wurden die ersten Läden der staatlichen Handelsorganisation, die sogenannten HO-Läden, eröffnet, um diesen illegitimen Handel entgegenzuwirken. Hier gab es anfänglich Lebensmittel zu solch überhöhten Preisen, dass kaum ein Normalbürger sie sich leisten konnte.

Damals aß ich leidenschaftlich gern Butter und träumte davon, einmal meinen Butterappetit richtig zu stillen. Anfang 1949 kaufte ich mir in einem HO-Laden nach einer Preissenkung ein 250-Gramm-Stück Butter für immer noch stolze 10 Mark. Das war die Summe, die ich von meinen Eltern allwöchentlich als Taschengeld bekam. Ursprünglich hatte die Butter sogar 17,50 Ostmark gekostet. Meine Freundin gönnte sich mit zwei Schulkameradinnen ein Schweineohr für fünf Mark. Die Bockwurst, die mich anlächelte, verkniff ich mir. Sie hätte mich um ein weiteres halbes Wochenbudget gebracht.

In der Bundesrepublik hatte die Währungsreform zu einem wesentlich größeren Warenangebot als im Osten geführt. Allerdings sicherten in der DDR die rationierten Lebensmittel bis 1958 eine Grundsicherung zu relativ niedrigen Preisen. Wer extravagante Wünsche hatte, nutzte die Dienstleistungen von Schmugglern: Von meinem Heimatort in Ostthüringen fuhr eine Frau mittleren Alters monatlich ein- bis zweimal nach West-Berlin zum Einkauf. Ihr gelang es, in den dortigen Wechselstuben Ostmark zu beachtlichen Wechselkursen von 1:4 bis 1:6 umzutauschen.


Verheimlichte Umtauschaktion

Wie sie es immer wieder schaffte, die Zugkontrollen beim Übergang von West nach Ost zu überstehen, verriet sie niemandem. Ein Vorkommnis erzählte sie allerdings allen ihren Kaffeekunden und begründete damit einen Preisaufschlag: Die Frau hatte eine Tüte mit zwei Kilogramm ungemahlenen Kaffeebohnen an der Innenseite ihres Rockes befestigt. Sie schlief ein, und eine Bewegung brachte die Packung zum Platzen. Der gesamte Inhalt verteilte sich über den Fußboden des Zugabteils. Obwohl ihr die Mitreisenden halfen, die Bohnen aufzusammeln, war das Ganze vor der Kontrolle nicht mehr zu verbergen. Trotzdem gab sie ihre Schmuggelfahrten nicht auf. Das Risiko ließ sie sich bezahlen.

Einige Jahre später, am 13. Oktober 1957, einem Sonntag, hörten wir vormittags im Radio, dass noch am selben Tag zwischen 12 und 22 Uhr eine Umtauschaktion aller alten Banknoten stattfinden solle. Sie würden durch andersfarbige Scheine, die in Moskau gedruckt worden waren, ersetzt. Pro Person konnten 300 Mark in eingerichteten Wechselstellen sofort umgetauscht werden, der Rest kam auf Konten und war erst nach einigen Tagen wieder verfügbar.

Nötig geworden war das Vorgehen in den Augen des DDR-Regimes deshalb, weil die Landeswährung als reine Binnenwährung gedacht war. Mittlerweile hatten sich aber mehrere Milliarden DDR-Mark in West-Berlin angesammelt und hätte jederzeit wieder in die DDR eingeführt werden können. Noch heute finde ich bemerkenswert, dass die Vorbereitungen für diese Umtauschaktion der Bevölkerung gänzlich verborgen geblieben war. Damals befürchteten wir als gebrannte Kinder natürlich eine erneute Geldentwertung.

Währungsreformen ohne Ende

Unsere Familie umfasste mit unseren drei Kindern insgesamt fünf Personen. Trotzdem hatten wir nur etwa 150 Mark zur Verfügung und wären dazu berechtigt gewesen, zusätzlich 1350 Mark umzutauschen. Meine Schwiegereltern besaßen in einer 100 Kilometer entfernten Kleinstadt ein Geschäft, das an den Konsum, eine staatliche Handelsgenossenschaft, verpachtet war. Es verfügte über einen Telefonanschluss. Da wir wussten, dass meine Schwiegereltern manchmal relativ viel Bargeld zu Hause aufbewahrten, wollten wir ihnen gern beim Umtausch behilflich sein. Bekannte gestatteten uns, von ihrem Telefon aus einige Stunden zu versuchen, mit unseren Eltern zu telefonieren. Aber es klappte nicht.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln war der Wohnort der Eltern vor der Schließung der Wechselstellen mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr zu erreichen. Gegen Nachmittag war dafür die Zeit längst zu knapp geworden. Wir konnten nichts mehr tun. Später erfuhren wir erleichtert, dass sich das Geld der Schwiegereltern auf einem Konto befunden hatte und ein paar Tage später wieder zur Verfügung stand. So wie wir waren sie besorgt gewesen. Schließlich gehörten sie zu der Generation, die Inflation und währungsreformbedingten Vermögensverlust erlebt hatten.

Dass mir noch zwei historische Währungsumstellungen bevorstanden, habe ich damals nicht gewusst. Über die Angemessenheit der Umtauschsätze bei der Einführung der D-Mark in der DDR im Vorfeld der Wiedervereinigung wird bis heute gestritten, und der Eindruck, dass der Euro ein Teuro ist, können sich viele Menschen noch immer nicht erwehren. Selbst profilierten Rechnern und geschickten Politikern ist es bisher nicht gelungen, diese Meinung völlig zu entkräften.


 

 

Veröffentlicht 20.07.2009

Vorsicht frisch gestrichen

Großviehschlachtung 1913: Die Außenansicht der Schlachthalle, rechts daneben der Eingang zum Verbindungsgang zum Kühlhaus. In den großen, weiträumigen Gebäuden konnte moderne Schlachttechnologie eingebaut werden.

Es ging um die Wurst: Schlachthöfe in der DDR, die ins westliche Ausland exportierten, mussten sich den strengen EG-Handelsnormen unterwerfen. Ernst Woll kannte die Tricks und Kniffs, mit denen sein Betrieb erfolgreich alle Kontrollen überstand.

 

       
Zwar schmähte die DDR die Imperialisten - Geschäfte machte sie aber trotzdem mit ihnen. Denn Devisen waren unverzichtbar, um auf dem Weltmarkt zu bestehen. Auch der Erfurter Schlachthof, in dem ich als veterinärmedizinischer Kontrolleur arbeitete, bekam die Folgen des Handels mit dem sogenannten Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet deutlich zu spüren. Schließlich mussten hinsichtlich Schlachttechnologie, Ausstattung, Hygiene sowie Fleisch- und Trichinenschau die gültigen EG-Normen erfüllt werden.

Die Einhaltung dieser Normen wurde stichprobenartig von Tierärzten kontrolliert, die von der EG-Kommission eingesetzt waren. Da auch diese Kontrolleure den erschwerten Einreisebedingungen der DDR unterworfen waren - sie mussten ihre Besuche Tage oder auch Wochen zuvor anmelden - hatte sich ein behördliches Warnsystem etabliert, auf Grund dessen wir keine unverhofften Visiten zu befürchten hatten. Heute, nach immerhin 25 Jahren, erscheint beinahe unglaublich, welche aberwitzigen Anstrengungen wir unternahmen, um Mängel zu verbergen, die uns um die Handelslizenz hätten bringen können.

In Lauerstellung

Die Hektik, die nach einer Ankündigung der Kontrollen schlagartig und betriebsweit einsetzte, war beispiellos. Selbst in der arbeitsintensiven Weihnachtszeit ging es nicht annähernd so quirlig auf dem Betriebsgelände zu. In reger Bautätigkeit wurden in den Schlachthallen, Kühleinrichtungen sowie in allen Produktions- und Gemeinschaftsräumen Schäden ausgebessert und, wenn dies zu aufwändig war, kurzerhand mit sehr viel Farbe übertüncht.

Ein besonderes Problem stellten die Toiletten, Wasch- und Duscheinrichtungen dar, die aus Mangel an Installationsmaterial und Fliesen bei weitem nicht dem vorgeschriebenen Standard entsprachen. Aber Not machte erfinderisch, und so hatte man sich eine ganz besondere Strategie ausgedacht: Durchschritt die Kontrollkommission den Betrieb und begehrte Einlass in den Sanitärbereich, erschall von eigens zu diesem Zweck angewiesenen und postierten Mitarbeitern ein "Besetzt!" aus dem Innern.

Schadhafte Geräte, Werkzeuge und Einrichtungsgegenstände wurden im Betrieb üblicherweise in Reserve gehalten, weil Neuanschaffungen nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich waren. Einige Stunden vor den Kontrollen wurden nicht benötigte Gegenstände auf Lastwagen geladen und vom Betriebsgelände zum nächstgelegenen Parkplatz gekarrt, wo sie in Lauerstellung verharrten, bis die Luft wieder rein war und sie wieder zurückgebracht wurden. Pech, wenn die Wagen mit den Corpus Delicti einer Kommunikationspanne wegen wieder auf den Betriebshof rollten, bevor die Kontrolleure verschwunden waren. Einmal passierte das, und uns stockte gehörig der Atem. Aber es blieb unbemerkt.

In unserem eilig auf Vordermann gebrachten Betrieb überwanden wir schließlich immer wieder alle Kontrollhürden und passierten Haken schlagend und atemlos die Linie zu unserem Ziel: der von der EG neu erteilten Zulassungsnummer, mit der wir berechtigt waren, den Export in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet fortzusetzen.

Schweinerne Pferde

Erfreulicherweise bekamen die Schlachttier- und Fleischuntersuchungen sowie die Trichinenschau bei den Kontrollen im Allgemeinen immer gute Noten. In diesem Bereich wurden auch von unserer Seite grundsätzlich keine Manipulationen geduldet. Bakteriologische Untersuchungen erfolgten zu damaliger Zeit umfassend und intensiv. Dieser Umstand war zum Teil dem Mangel an Gefrier- und Kühlkapazitäten in den Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben geschuldet. Auch jedem Salmonellenbefund gingen wir intensiv nach. Entgegen anders lautenden Behauptungen kann ich versichern, dass in der DDR die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Fleisch- und Wurstwaren, entsprechend internationaler Standards, gesichert war.

Einmal passierte uns dennoch ein Malheur: Die Veterinäringenieurin hatte eine Ladung Schweinehälften mit dem Zielland Frankreich versehentlich mit dem Stempel "Pferdefleisch" statt "trichinenfrei" versehen. Ich hatte es bei meiner Kontrolle nicht bemerkt, und die Ladung hatte das Werk längst verlassen. Ein Rückruf war nicht mehr möglich. Ein paar Stunden bangten wir - aber die Franzosen bemerkten nichts. Sie hätten sich vermutlich über diese seltsamen Pferde gewundert.

Trotz des hohen Lebensmittelstandards hatten wir in der DDR den Eindruck, dass das bundesrepublikanische Kontrollsystem strenger und besser war als das unsere. Nach der Wende erfuhren wir: Auch dort gab und gibt es häufig vorab angekündigte Kontrollen. Wer weiß, wie es dort zuging, bevor die Herren vom Amt an die Tür klopften. Die großen Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre haben zudem gezeigt, dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt und Profitgier zu unfassbarem Lebensmittelmissbrauch führen kann.

 

Veröffentlicht am 18.06.2009

 

Hitlergruß für eine Tanne

 

Bahnstrecke Weida-Mehltheuer: Rechts neben dem Gleisstrang sind die Gebäude der "Lochmühle" zu erkennen. Dort war bis 1945 ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Links oben im Bild ist andeutungsweise der Haltepunkt Hohenleuben zu sehen. Auf der Bahnstrecke fuhr in der Adventszeit 1943 der Güterzug mit dem Weihnachtsbaum für Hitler vorbei, den wir Pimpfe am Bahndamm stehend mit erhobenem rechten Arm grüßen mussten. In den vierziger Jahren war die Strecke zweigleisig ausgebaut worden und wurde oft für Kriegsguttransporte genutzt. 1946 wurde das zweite Gleis wieder abgebaut - die Schienen wurden als Reparationsleistung in die Sowjetunion gebracht.

Hitlergruß für eine Tanne

Sabotierte Gleise und ein geheimnisvoller Gefangenentransport: Fahrten mit der Eisenbahn faszinierten Ernst Woll als Kind sehr - einige Ereignisse dabei blieben ihm unvergessen. Etwa der Moment, als er einen vorbeifahrenden Weihnachtsbaum grüßen müsste

Während des Krieges lautete die Losung der Reichsbahn "Räder müssen rollen für den Krieg". Sie war auf großen Transparenten in Bahnhöfen und an Zügen zu lesen. Ob der außergewöhnliche Transport, den ich in der Vorweihnachtszeit 1943 erlebte, dieser Parole entsprach, ist zweifelhaft. Jedenfalls ist er an Absurdität kaum zu überbieten.

Die Bannleitung der Hitlerjugend hatte unserem Jungvolk den Befehl erteilt, sich an einem bestimmten Tag zu festgelegter Uhrzeit am Bahndamm der Strecke Weida-Mehltheuer aufzustellen. Dann nämlich sollte der Sonderzug, mit dem der Weihnachtsbaum für den Führer transportierte wurde, diesen Streckenabschnitt passieren.

Pflichtgemäß standen wir, etwa 70 zehn- bis vierzehnjährige Jungen, parat und grüßten mit erhobenem rechten Arm die vorüber fahrende Tanne, die so groß war, dass für sie zwei Güterloren benötigt wurden. Die Lächerlichkeit dieser sinnlosen Zeremonie begriffen wir damals nicht. Wahrscheinlich glaubte die Mehrzahl der Jugendlichen noch immer an den Sieg und verehrter Hitler und damit auch seine Weihnachtstanne bedingungslos. Die wenigen, die wohlmöglich zweifelten, trauten sich nicht auszuscheren.

Menschen in Viehwaggons

Die Bahnstrecke wurde im Krieg oft für Militärtransporte genutzt. Wir Kinder bestaunten damals die Geschütze, Panzer und Armeefahrzeuge, die auf Güterwagen an die Front rollten. Den Soldaten, die in den offenen Türen der Waggons saßen, winkten wir zu und beneideten sie, weil sie so weit reisen konnten. Über den gefährlichen Zweck dieser Fahrten dachten wir damals nicht nach.

Ein einschneidendes und schockierendes Erlebnis hatte ich während einer Reise Ende 1944 auf dem Bahnhof in Weimar. Ich fuhr als Jungvolkführer per Bahn zu einer Konferenz. Wegen Fliegeralarm durfte unser Zug nicht in den Bahnhof einfahren und rollte auf ein Abstellgleis. Während wir warteten, entdeckte ich auf dem Nebengleis Viehwaggons, aus deren Luken ausgemergelte menschliche Gesichter schauten. SS-Soldaten liefen am Zug entlang und schlugen mit Stöcken gegen die Köpfe und schlossen die Luken.

Das waren grausige Bilder, die ich bis heute nicht vergessen kann. Als ich meinen Lehrer fragte, was mit diesen Menschen geschehen würde, sagte er: "Das sind Gefangene, arbeitsscheues Gesindel, die in Lager zur Umerziehung gebracht werden." Von meinen Eltern erhielt ich nur ausweichende Antworten. Sie ermahnten mich, niemandem gegenüber das bewegende Erlebnis zu erwähnen.

Entgleister Militärtransport

Einmal wartete ich gegen Abend gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Bahnhof Weida-Altstadt auf unseren Zug zur Heimfahrt. Er hatte Verspätung, weil erst noch ein langer Militärtransport langsam durch die Bahnstation fuhr. Plötzlich hörten wir einen entsetzlichen Krach und sahen, wie mehrere Güterwaggons des Transports umstürzten. Wir waren beunruhigt, denn wir wussten, dass mein Onkel an den Gleisen Bauarbeiten leitete.

Es stellte sich heraus, dass bei den Bauarbeiten eingesetzte Kriegsgefangene vor der Zugdurchfahrt Schrauben an den Schienen gelöst hatten, was zum Entgleisen mehrerer Wagen führte. Eine direkte Schuld an dem Unglück war dem Bruder meiner Mutter nicht nachzuweisen. Trotzdem wurde er wegen Beihilfe zur Sabotage an die Ostfront versetzt. Beteiligte Gefangene sollen sogar hingerichtet worden sein.

Während Bahnhöfe und Züge im Krieg unverzichtbar zur Aufrechterhaltung der deutschen Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie waren, fanden sich in Bahnhofsnähe, auch noch nach dem Krieg, häufig Schwarzmärkte, auf denen Waren getauscht oder zu horrenden Preisen gekauft werden konnten. Kurz nach Ende des Krieges erlebte ich vor dem Leipziger Hauptbahnhof einen Schwarzmarkt der größeren Art.

Razzia auf dem Bahnhofsschwarzmarkt

Mein zehn Jahre älterer Cousin und ich kehrten von einer Motorradreise aus Berlin zurück, als uns kurz vor Leipzig die Motorradkette riss. In den Reparaturwerkstätten konnte oder wollte uns niemand helfen. Man gab uns den Hinweis, auf dem Leipziger Schwarzmarkt zu versuchen, die Adresse von Handwerkern zu bekommen, die uns möglicherweise weiterhelfen könnten.

Wir schoben das Motorrad etwa zehn Kilometer in die Stadt und kamen gegen Abend, als es schon dunkelte, am Hauptbahnhofsvorplatz an. Wir begaben uns in das Getümmel, hatten aber nur Geld und keine gefragten Tauschobjekte. Auf Anraten von Insidern kauften wir zunächst amerikanische Zigaretten für acht Mark das Stück. Dann fanden wir jemanden, der uns für zehn Zigaretten eine Adresse für die Kettenreparatur übergab. Wir vermuteten ein windiges Geschäft, hatten aber keine andere Wahl, als es zu riskieren.

Die Polizeirazzia kam unerwartete. Als die Menschenmenge sich von einer Sekunde auf die andere in Bewegung setzte, folgten wir dem Strom in die Nebenstraßen. Ein Polizist, der die Straße absperrte, griff nach mir und ließ mich nicht mehr los. Aber mein Vetter konnte mich mit einem beherzten Griff von ihm wegziehen, und so entgingen wir einer Festnahme. Wir waren sehr erleichtert, als am nächsten Tag der empfohlene Monteur unser Motorrad wieder flott machte und wir wieder nach Hause konnten. Das glimpflich ausgegangene Schwarzmarktabenteuer hatte sich gelohnt.

Veröffentlicht 12.06.2009

 

Fernsehen hören schweigen

 

Unser erster Fernseher: Ende der fünfziger Jahre gab es in der DDR Fernseher nur auf Berechtigungsschein. Besonders die Kinder drängten uns, einen Apparat anzuschaffen; die Kindersendungen waren sehr beliebt. Wir Erwachsenen interessierten uns für Nachrichten und Unterhaltungssendungen in der ARD. Ein guter Freund hatte schließlich bei einem Wochenendbesuch 1958 als Überraschung ein solches Stück im Gepäck: einen Apparat für 2000 Mark. Als Angestellter im Staatsdienst hatte er eine Bezugsbescheinigung erhalten, wollte aber selbst noch kein Gerät kaufen. Die notwendige Antenne entstand Marke Eigenbau. Der Fernseher diente uns dann 15 Jahre.

Fernsehen, hören, schweigen

Der gutgemeinte Rat kam einer Aufforderung zum Lügen gleich: Die Kinder von Ernst Woll mussten früh lernen zu schweigen - denn zu Hause lief Westfernsehen. Die Geheimniskrämerei nahmen sie ihren Eltern übel.

 

      

 

Im Jahr 1958 gelang es uns durch Beziehungen, in der DDR einen Fernsehapparat zu kaufen. Von da an verzichteten wir fast keinen Tag auf die ARD-Nachrichten. Als unsere Kinder, die in den fünfziger Jahren geboren wurden, zur Schule kamen, stellte sich uns Eltern ein Problem, dass wir, wie wir heute finden, nicht zufriedenstellend lösten. Den Kindern musste klargemacht werden, dass das Thema Westfernsehen außerhalb heimischer Gefilde tabu war. Das kam einer Aufforderung zum Lügen und wissentlichem Verschweigen gleich und war für die Kinder ein schwieriger Spagat.

Als das Zweite Programm (ZDF) auf Sendung ging, stellten sich uns auch technische Probleme. Mit den Apparaten und Antennen aus DDR-Produktion war der Empfang ohne weiteres nicht möglich. Selbst geschickte Fernsehmechaniker waren aufgeschmissen, weil Teile gebraucht wurden, die nur in der Bundesrepublik zu beschaffen waren. Als Paket von der Westverwandtschaft? Fehlanzeige, die Pakete wurden immer kontrolliert und derlei Inhalt einbehalten. Und so wurde ein Heer von Rentnern zu Abenteurern und Schmugglern, weil sie, aus dem Westen kommend, die begehrten Teile im Gepäck mit sich führten - eine ungemein aufregende Angelegenheit, denn sie hatten strenge und gründliche Zollkontrollen zu überwinden. Wurde diese oder andere Schmuggelware dabei entdeckt, waren Repressalien, zum Beispiel die Verweigerung künftiger Reisen, nicht ausgeschlossen.

Rentner in der Illegalität

Meine Schwiegermutter war bereit, sich dem mit diesem illegalen Tun verbundenen Stress auszusetzen - im Nachhinein gestand sie, dass dies die angstvollsten Minuten ihres Lebens waren. Man stelle sich die Szene vor: Die - meist unhöflichen, bärbeißigen - Zollbeamten forderten sie auf, den Koffer zu öffnen. Nur sie wusste, dass sich unter der Schicht gebrauchter Wäsche das in Einzelteile zerlegte Zusatzgerät befand; und nur sie wusste, dass durch ein flüchtiges Abtasten des Kofferinhaltes die Sache aufgeflogen wäre. Da half nur eines: Pokerface und das Zittern der Hände in den Griff bekommen! Tatsächlich muss ihr Schauspieltalent überzeugend gewesen sein, denn es blieb nur bei einer oberflächlichen Besichtigung des Kofferinhaltes. Dann waren die Zollkontrollen vorbei, und auf den Gesichtern aller im Abteil befindlicher Rentner machte sich unendliche Erleichterung breit.

Wenn man schon das Erste und Zweite Programm empfangen konnte, so fehlten doch Programmzeitschriften. Mein Schwiegervater schrieb deshalb in wöchentlicher Fleißarbeit die halbstündige Programmvorschau mit. Seine Aufzeichnungen schrieben wir und andere Familienmitglieder dann ab. Die erste Zeitung, die meine Schwiegermutter - damals 85-jährig - nach der Wende abonnierte, war die "Hörzu", weil sie - endlich!!! - ein gedrucktes Programm haben wollte (obwohl sie weiterhin nur ARD und ZDF einschaltete).

Zum Schweigen verurteilt

Zur Freiheit gehört in meinen Augen die ungehinderte, unzensierte Informationsaufnahme durch Wort und Bild aus aller Welt. Die damalige Möglichkeit, Ost- und Westnachrichten zu sehen und zu hören, bot die einmalige Chance, das Aufgenommene gegeneinander abzuwägen, eigene Schlüsse zu ziehen - auch zur Wendezeit ein unschätzbarer Vorteil. Es entstanden oft schärfere Bilder, die viel Unausgesprochenes erkennen ließen.

Unsere Kinder machten uns später jedoch Vorwürfe, dass sie im Kreise ihrer Schulkameraden bei interessanten Filmbesprechungen zu eisernem Schweigen verurteilt oder aufgrund ihrer vorgeblichen Ahnungslosigkeit sogar regelrechter Geringschätzung ausgesetzt gewesen waren. Mehr noch, sie warfen uns später vor, dass wir sie nicht stärker in unsere privaten Gespräche - untereinander und mit sehr vertrauten Verwandten und Bekannten - über offensichtliche Fehler in der DDR-Politik einbezogen haben.

Soviel Wahrhaftigkeit war also nicht einmal im Kreise der eigenen, kleinen Familie gegeben. Ich vermute, dass wir Eltern von Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus beeinflusst waren, als wir von Kindern gehört hatten, die ihre Eltern wegen des Abhörens von Feindsendern angezeigt hatten. Hohe Strafen für die Eltern folgten. In der DDR wurde niemand wegen des Westfernsehens gerichtlich belangt. Mehrmals erlebte ich aber in Leitungssitzungen, Betriebs- und Gewerkschaftsversammlungen, wie Kollegen deshalb vor aller Ohren getadelt wurden. Für empfindliche Menschen, die sich nichts zu Schulden kommen lassen wollen - und zu diesen zähle ich mich auch - war bereits dies sehr unangenehm.

Veröffentlicht am 08.06.2009

Zwangsarbeiter in Deutschland

Rendezvous mit schrecklichen Folgen

Von einem Tag auf den anderen werden die Männer fortgebracht - und kehren nie zurück: Anfang der vierziger Jahre begegnet Ernst Woll in seinem thüringischen Heimatort zum ersten Mal polnischen und französischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Als Kind erlebt er dabei nicht nur die Courage seiner Großmutter, sondern auch den rasenden Zorn seiner Landsleute. mehr... 1940-1945 | 5 Dokumente | 2 Links | 0 Beiträge

Rendezvous mit schrecklichen Folgen

Von einem Tag auf den anderen werden die Männer fortgebracht - und kehren nie zurück: Anfang der vierziger Jahre begegnet Ernst Woll in seinem thüringischen Heimatort zum ersten Mal polnischen und französischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Als Kind erlebt er dabei nicht nur die Courage seiner Großmutter, sondern auch den rasenden Zorn seiner Landsleute.

 

    

Anfang 1940 sah ich in meinem Heimatort, einer Kleinstadt in Ostthüringen, zum ersten Mal polnische und französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Ich war damals neun Jahre alt und von den siegreichen Frontmeldungen begeistert. Meine Eltern und Großeltern versuchten, mir so manche Illusion zu nehmen. Sie hielten sich bei der in jener Zeit stark verbreiteten Verherrlichung des Krieges sehr zurück.

Die Gefangenen arbeiteten bei den Bauern und konnten sich am Tage unter deren Aufsicht auf den Gehöften, auf Wiesen und Feldern relativ frei bewegen. Nur nachts wurden sie in einem Barackenlager untergebracht, wo man sie bewachte. Ein französischer Lehrer, der in seiner Heimat Deutsch unterrichtet hatte, war mir besonders sympathisch. Ich setzte mich oft zu ihm, wenn er im Pferdestall die Mahlzeiten einnahm. Außerdem half ich ihm oft bei landwirtschaftlichen Arbeiten, die ich als Kind einer Bauernfamilie besser beherrschte als der französische Intellektuelle.

Wenn ich manchmal sah, dass er gemeinsam mit der Familie, bei der er untergebracht war, zu Tisch saß, stand er sofort auf und aß im Stall weiter. Die Gefangenen durften nicht mit in der Stube oder Küche speisen. Sie und die Bauernfamilien hatten Angst vor Denunziation. Nichts dergleichen wäre mir in den Sinn gekommen, aber das Vertrauen, besonders zu Kindern, reichte damals nicht weit. Es waren Fälle bekannt geworden, in denen Kinder ihre Eltern, Verwandten oder Nachbarn wegen unbedachter, verbotener politischer Äußerungen oder Handlungen angezeigt hatten. Listige, verbohrte Nationalsozialisten nutzten die Unerfahrenheit von Kindern und fragten sie aus.

Ein guter Mensch, aber er blieb ein Feind

Der französische Lehrer erzählte spannende Dinge aus seiner Heimat, und ich lernte so manches dazu. Politischen Themen wich er, soweit ich mich erinnern kann, aus. Manchmal wäre es fast zu Konflikten gekommen, zum Beispiel, wenn er mich ignorierte, weil ich meine Jungvolk-Uniform trug. Ich konnte dann einfach nicht begreifen, warum er sich, selbst wenn ich ihn ansprach, taub stellte. Ich erklärte es mir folgendermaßen: Zwar war der Franzose ein guter Mensch, aber trotzdem blieb er immer unser Feind, und als solcher war er uns unterlegen. Er konnte das Gute in und an Deutschland naturgemäß nicht begreifen.

Eine weitere Begebenheit hielt mir vor Augen, dass einfache Menschen oft Widerstand leisteten: Polnische Kriegsgefangene mussten in unserer Straße Wasser- und Abwasserleitungen verlegen. Trotz der schweren Arbeit bekamen die jungen Männer wenig zu essen und besaßen auch keine Kleidung für schlechtes Wetter. Meine Großmutter und andere Frauen aus der Nachbarschaft steckten den Gefangenen heimlich Nahrungsmittel und wärmende Kleidung zu.

Als pflichtbewusste Wachposten das zu verhindern versuchten und sogar mit Strafen drohten, bewiesen die Frauen Mut und ließen sich nicht abschrecken. Meine Großmutter, die das Silberne Mutterkreuz verliehen bekommen hatte und darauf nicht stolz war, sagte zu den Wachmännern: "Wie könnt ihr einer Frau mit Mutterkreuz verwehren, dass sie den Kindern anderer Mütter beisteht?"

Was meine Großmutter damals sagte, ist mir deshalb so gut in Erinnerung geblieben, weil es nicht immer meiner Meinung entsprach. Ein anderes Mal sagte sie über das in ihren Augen zweifelhafte Silberne Mutterkreuz: "Ich habe meine sechs Jungen nicht aufgezogen, damit sie in den Krieg geschickt und erschossen werden. Diese Auszeichnung wird doch nur vergeben, damit für genügend Soldatennachwuchs gesorgt ist."

Der Tag, an dem die Arbeiter verschwanden

Trotz des schwierigen Alltags für Gefangene und Zwangsarbeiter gab es noch Sinn für die Freuden des Lebens. Nach ihnen zu greifen, blieb jedoch nicht ungesühnt. Als sich einige polnische Zwangsarbeiter 1942 heimlich mit Mädchen aus unserem Ort trafen, wurden die Männer denunziert, verhaftet und fortgebracht. Wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört. Sie sollen erschossen worden sein. Den Mädchen, die aus angesehenen Familien stammten, wurden auf dem Marktplatz die Haare abgeschnitten. Anschließend fuhr man sie auf einem Mistwagen durch die Stadt.

Noch heute klingt in meinen Ohren das Schreien und Johlen der Menschen, die aus der Umgebung angereist waren, um der furchtbaren Veranstaltung beizuwohnen. Alles war sehr deutlich auf unserem Hof zu hören, in einer Entfernung von ungefähr einem halben Kilometer. Meine Eltern blieben zu Hause und untersagten mir, das makabere Schauspiel anzusehen. Sie empörten sich über die Demütigung der Frauen, die nichts Schlimmes getan hatten.

Als der Wagen an unserem Haus vorbeifuhr, schaute ich heimlich durch den Vorhang. Den Blick, direkt in die Augen einer Frau, die ich kannte, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich erinnere mich deutlich an den gequälten Ausdruck in ihrem Gesicht. Die Frisöre, die den verurteilten jungen Mädchen die Haare abschnitten hatten und der Bauer, der den Mistwagen fuhr, hatte man gezwungen. Die Angst ging um. Wer opponierte, war vor nichts mehr sicher.

Veröffentlicht 08.06.2009

Prügelstrafe in der Schule

Wenn der Lehrer Drakon heißt

Schläge, bis das Hemd zerreißt: Als Ernst Woll in den dreißiger und vierziger Jahren zur Schule ging, waren Prügel eine übliche Form der Bestrafung. Doch auch die Aussicht auf den Rohrstock hielt die Schüler nicht von gewagten Aktionen ab. Mancher setzte sich beherzt zur Wehr. mehr... 1938-1960 | 1 Dokument | 0 Links | 2 Beiträge

Als ich in den dreißiger und vierziger Jahren zur Schule ging, war körperliche Züchtigung an der Tagesordnung. Am schockierendsten ist im Rückblick, welche Rolle dabei Sympathie und Antipathie spielten. Ein Schulkamerad wurde fast täglich geschlagen. Oft bekam er wegen Kleinigkeiten Stockhiebe auf das Hinterteil. Der Junge stammte aus einer wenig angesehenen kinderreichen Familie, und er hatte einmal den Fehler gemacht, sich zu wehren: Als er vom Lehrer übers Knie gelegt wurde, biss er ihn kräftig in die Wade. Der Pauker hatte aufgeschrien und einen hohen Sprung vollführt, was die Klasse bestens amüsierte.

Auch mein Freund Erich wurde immer wieder zur Zielscheibe unseres Lehrers, einmal auf besonders martialische Weise. In den Kriegsjahren mussten wir Heilkräuter sammeln, die getrocknet wurden und unter anderem für Feldlazarette und Krankenhäuser vorgesehen waren. Die gesammelten Kräuter stopften wir, oft vom Lehrer unbeaufsichtigt, mühsam in Säcke. Nur hin und wieder sah der Lehrer nach dem Rechten. Um die Säcke fester zu pressen, nahm Erich einmal seine Füße zu Hilfe. Er behielte dabei die Schuhe an, weil manche Kräuter schmerzhaft stachelten. Es kam, wie es kommen musste: Der Lehrer erwischte ihn.

Die Schläge mit dem Rohrstock zeichneten Striemen auf Erichs Haut. Seine Jacke und sein Hemd zerrissen davon. Der Pauker sagte: "Das ist Wehrkraftzersetzung, unsere tapferen Soldaten können sich durch den schmutzigen Tee vergiften." Seine Schimpftirade riss nicht ab. Wir Kinder waren sehr bestürzt über die drakonische Bestrafung. Nachdem der Lehrer sich wieder beruhigt hatte, kündigte er an, die Kleidungsstücke zu ersetzen. Folgen hatte dieser Übergriff nicht.

Bis das Blut spritzte

Unser Lehrer war noch für eine andere groteske Erziehungsmaßnahme bekannt. Aus heiterem Himmel rief er: "Es stinkt in der Klasse, wer war das?" Ich bin sicher, dass der aberwitzige Grund vorgeschoben war, um einmal mehr den Rohrstock zu zücken. Verständlicherweise meldete sich niemand, alle hatten Angst. Meistens war es dann Erich, der bei allen Jungen am Hosenboden riechen musste, um herauszufinden, wer sich angeblich unanständig benommen hatte. Die Perfidie hätte größer kaum sein können. Die Mädchen waren selbstredend von der ungewöhnlichen Spüraktion ausgenommen. Zusammen mit einem anderen Schüler hatten Erich und ich meist schon im Vorfeld festgelegt, welcher der Schüler zu beschuldigen war.

Die Schüler ließen sich damals so manches einfallen, um die Schläge zu mildern. Hosenböden wurden mit Leder oder sonstigen Unterlagen gepolstert. Aber das merkte der Lehrer meist, und die Polsterungen mussten vor der Bestrafung entfernt werden. Den originellsten Einfall hatte wohl ein Schüler, der seinen Hosenboden mit einer mit Schlachttierblut gefüllten Schweineblase auslegte. Als durch die Schläge die Blase platzte und das Blut spritzte, war der Lehrer zunächst schockiert. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass er getäuscht worden war, wurden die nachfolgenden Bestrafungen noch härter. Trugen wir Pimpfe übrigens unsere Jungvolk-Uniformen, durften wir nicht geschlagen werden. Wir trugen das sogenannte Ehrenkleid aber nur sehr selten und zu besonderen Anlässen in der Schule.

Ich war zwar kein Musterschüler, wurde aber nur ein einziges Mal mit Stockhieben bestraft. Im Winter waren wir Kinder für das Heizen der Schulöfen zuständig. Ein Klassenkamerad und ich waren verantwortlich für die Ofenheizung im Lehrerzimmer. Auf dem Tisch fanden wir Klassenbücher, Zeugnisduplikate und das Siegel des Schuldirektors, mit dem wir Bezugsscheine für Schreibhefte abstempeln konnten. Schreibmaterialien und Hefte waren damals nur mit amtlichen Bestätigungen zu erhalten. Ohne nachzudenken erstellten wir eine große Anzahl Bezugsscheine, die wir auch an Freunde verteilten, und die als Tauschobjekte dienten.

Stockhiebe wegen Urkundenfälschung

Das Geschäft florierte so lange, bis der einzige Schreibwarenhändler unserer Stadt aufmerksam wurde. Er konnte die Versorgung nicht mehr absichern und informierte die Schule, weil er die Echtheit der vielen Dokumente anzweifelte. Der Schwindel flog auf. Unsere Mütter wurden in die Schule bestellt und uns wurde vorgehalten, dass wir Sabotage oder im geringsten Falle Urkundenfälschung begangen hätten. Wahrscheinlich waren es unser sonst diszipliniertes Verhalten, meine aktive Mitgliedschaft im Jungvolk sowie unsere achtbaren Eltern, die den Lehrer bewogen, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Die Bestrafung erfolgte in unserer Schule.

Wir und vier weitere Schüler, die mit den Bescheinigungen Tauschhandel betrieben hatten, erhielten nach strengen und mahnenden Worten je acht Stockhiebe. Obwohl es sehr schmerzte, war es Ehrensache, nicht zu weinen. Mit Schadenfreude quittierten unser Los vor allem jene Kinder, die wir von unserem Handel ausgeschlossen hatten. Erstaunt war ich darüber, dass wir auch weiterhin die Öfen im Lehrerzimmer versorgen durften. Aber ab sofort befand sich alles unter Verschluss.

Nach dem Krieg fühlten wir uns in der sowjetischen Besatzungszone in der Schule freier, auch weil wir wussten, dass es dort keine Prügelstrafe gab. Offiziell abgeschafft wurde sie 1949 mit der Gründung der DDR. An Schulen der BRD wurde die Prügelstrafe erst 1973 per Gesetz verboten. Der Freistaat Bayern brauchte noch länger. Erst sieben Jahre später zog er nach.